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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

Series:

Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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Zwischenfazit und Vorausblick auf das nächste Kapitel: Formelhafte (Ir-)Regularitäten in der bisherigen Phraseologieforschung und die Frage nach der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen

Zwischenfazit und Vorausblick auf das nächste Kapitel: Formelhafte (Ir-)Regularitäten in der bisherigen Phraseologieforschung und die Frage nach der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen

Der in den beiden vorangehenden Kapiteln geworfene Blick auf die Phraseologieforschung im Allgemeinen und ihre Verbindung zu formelhaften (Ir-)Regularitäten im Speziellen sowie die genauere Begriffsbestimmung dieses Phänomens liefert sechs wichtige Erkenntnisse, aus denen sich mitunter die Ziele dieser Arbeit ergeben und die ich daher an dieser Stelle nochmals zusammenfasse:

    Terminologie: Die Ersetzung des vorherrschenden und negativ konnotierten Terminus „phraseologische Irregularität/Anomalie“ durch „formelhafte (Ir-)Regularität“ zeigt einerseits durch das Attribut formelhaft die Ausdehnung des Untersuchungsgegenstands bis hin zur phraseologischen Peripherie und andererseits relativiert die In-Klammer-Setzung des Präfix ir- die Irregularität und damit einhergehend den defizitären Status der entsprechenden Wendungen. Denn wie sich im weiteren Verlauf der Arbeit herausstellen wird, sollte die introspektive Irregularitätsstigmatisierung angesichts der empirischen und theoretischen Erkenntnisse mit äußerster Vorsicht genossen werden.

    Forschungsstand: Der sich ständig ausweitende Untersuchungsgegenstand der Phraseologie kann als spezifisches Merkmal dieser Disziplin angesehen werden (Idiomatik à Phraseologie à formelhafte Sprache à Konstruktionen). Die kontinuierliche Ausweitung hat ein Sich-Abwenden von in früheren Arbeiten zentralen Mehrwortverbindungen, die in irgendeiner Weise strukturell und/oder semantisch „irregulär“ erscheinen und die für gewöhnlich undifferenziert unter dem Namen „Idiom“ zusammengefasst werden, zur Folge. Angesichts des großen Interesses an diesen „irregulären“ Phrasemen in den Anfängen der Phraseologie ist es mehr als verwunderlich, dass keine tiefergehenden Studien zu formelhaft (ir-)regulären Wortverbindungen vorliegen. Ein wirklicher Forschungsstand existiert höchstens für lexikalisch „irreguläre“ und semantisch „irreguläre“ Wendungen in Form der besonders von DOBROVOLSKIJ (1978, 1979, 1989, 1995, 1997a) vorangetriebenen Unikalia- und Idiomforschung. Studien zu morphosyntaktisch „irregulären“ ← 77 | 78 → Wendungen sind kaum vorhanden. In einschlägigen Einführungswerken werden sie wenn überhaupt nur am Rande erwähnt und mit den gleichen immer wiederkehrenden Beispielen veranschaulicht. Es fehlt daher eine wirkliche empirische und theoretische Auseinandersetzung mit allen Typen an formelhaften (Ir-)Regularitäten. Die vorliegende Arbeit wirkt diesem Desiderat entgegen.

    Definition: Die Begriffsbestimmung zeigt, dass formelhafte (Ir-)Regularitäten einen äußerst heterogenen Untersuchungsgegenstand darstellen. Sie manifestieren sich in nahezu allen Sprachbeschreibungsebenen und weisen auch im Detail eine äußerst weite Streuung auf von beispielsweise veralteten Dativ-e-Endungen über Besonderheiten im textuellen Pronomengebrauch bis hin zu tradiertem nonverbalen, gestischen Verhalten (Pseudokinegramme). Formelhafte (Ir-)Regularitäten müssen von sogenannten morphosyntaktischen Restriktionen abgegrenzt werden. Denn sie existieren größtenteils nur (noch) in der Oberfläche formelhafter Wendungen. Da es sich in vielen – aber nicht in allen – Fällen um Fossilien älterer Sprachepochen handelt, besteht eine mehr oder weniger große Diskrepanz zur gegenwartssprachlichen außerphraseologischen Norm.

    Eigenschaften von Phrasemen: Die prototypischen Eigenschaften (Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität) treffen auf formelhaft (ir-)reguläre Wendungen ebenso wie auf „reguläre“ Wendungen nur mehr oder weniger zu. Sie besitzen nicht zwangsläufig nur die prototypische Ausprägung der entsprechenden Merkmale. So decken formelhaft (ir-)reguläre Wortverbindungen die ganze Bandbreite der drei Eigenschaften ab: von monolexikalisch bis hin zur Satz- und Textebene, von nicht-idiomatisch bis hin zu voll-idiomatisch sowie von stark variabel und modellartig bis hin zu vollkommen stabil. Aus dieser Perspektive dürfen formelhaft (ir-)reguläre Wendungen nicht von „regulären“ unterschieden werden.

    Phrasemklassen: In Bezug auf den Untersuchungsgegenstand ist es notwendig, von einer weiten Konzeption vorgeformter Sprache auszugehen. Da formelhafte (Ir-)Regularitäten in allen Klassen anzutreffen sind – von zentralen bis zu peripheren –, müssen auch alle Klassen berücksichtigt werden.

    Phraseologische Modelle: Die Vorstellung der beiden wichtigsten phraseologischen Modelle – das Zentrum-Peripherie-Modell und das Ebenen-Modell – dient der späteren theoretischen Einordnung des Phänomens. Konkret stellt sich die Frage, welche Stellung formelhafte (Ir-)Regularitäten in den ← 78 | 79 → Modellen einnehmen und ob die Modelle in Anbetracht des vorliegenden Gegenstandsbereichs überdacht werden sollten.

Im folgenden Kapitel steht die Vielfalt formelhafter (Ir-)Regularitäten im Mittelpunkt. Jeder einzelnen Ausprägung und Erscheinungsform ist ein eigenständiges Kapitel gewidmet. Die Kapitel sind überwiegend nach einem einheitlichen Muster gegliedert, das sich aus den Fragestellungen und Zielsetzungen ergibt:

    Zunächst wird der jeweilige formelhafte (Ir-)Regularitätstyp definiert und mit Beispielen verdeutlicht.

    Falls vorhanden, folgt daraufhin die diachrone Entwicklung der innerhalb der Wendungen tradierten Sprachverhältnisse.

    Wenn möglich, wird eine Zusammenstellung aller Wendungen angefertigt, die diese formelhaften (Ir-)Regularitäten enthalten.

    Die zusammengestellten Listen dienen als Grundlage empirischer Fragestellungen und werden einer Korpusanalyse unterzogen.

    Darüber hinaus werden – falls vorhanden – Kontexte aufgezeigt, in denen die jeweilige formelhafte (Ir-)Regularität auch außerhalb der Phraseologie anzutreffen ist. Dies soll veranschaulichen, dass es sich hierbei nicht (nur) um ein phraseologiespezifisches Phänomen handelt.

    Zudem dienen Beispielanalysen einzelner formelhaft (ir-)regulärer Wendungen der Vorstellung von Besonderheiten wie beispielsweise der Existenz von (ir-)regulären Konstruktionsmodellen.

Das Großkapitel II „Die Vielfalt formelhafter (Ir-)Regularitäten“ zielt insgesamt auf eine umfangreiche und alle formelhaften (Ir-)Regularitäten berücksichtigende Darstellung ab. Eine solche detaillierte Vorstellung der einzelnen Typen formelhafter (Ir-)Regularitäten und deren empirische Analyse ist ein Novum innerhalb der Phraseologieforschung. Das Kapitel stellt diesen Gegenstandsbereich zum ersten Mal auf eine breite Basis und bietet der zukünftigen Forschung eine Zusammenstellung, die weit über das reine Aufzählen der verschiedenen Erscheinungsformen hinausgeht. Die einzelnen Kapitel verstehen sich dabei als in sich geschlossene (Nachschlage-)Kapitel zu einzelnen formelhaften (Ir-)Regularitätstypen und können auch (weitgehend) unabhängig von den anderen Kapiteln konsultiert werden. ← 79 | 80 → ← 80 | 81 →