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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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5. Dativ-e

5.  Dativ-e

5.1  Definition

Die formelhafte (Ir-)Regularität des Dativ-e spiegelt sich in der alten Dativ Singular Kasusendung bei Maskulina und Neutra wider, die in der festen Struktur von formelhaften Wendungen bewahrt bleibt (z. B. jmdn./etw. zu Grabe tragen, zu Rate ziehen und die Unschuld vom Lande) (vgl. GROSSE 2000: 1847f. sowie HIGI-WYDLER 1989: 64). Während das Dativ-e als reguläres Flexionsallomorph im freien Sprachgebrauch fast vollkommen verschwunden ist, stellen feste Wortverbindungen somit „die letzte Bastion“ (RIEGER 2007: 1) dieser Kasusendung dar.

Die Bewahrung des Dativ-e ist eine besondere formelhafte (Ir-)Regularität. Denn obwohl sich diese Endung spätestens seit dem Frühneuhochdeutschen auf dem Rückzug befindet und in der Gegenwartssprache keine grammatische Notwendigkeit mehr besitzt, findet man sie zum Teil auch heute noch bei freien Lexemen (vgl. PFEFFER/JANDA 1979: 34 sowie DOBROVOLSKIJ 1989b: 72).116 Die Setzung des Dativsuffix -e gilt im heutigen Deutsch demnach als fakultativ (vgl. DARSKI 1979: 194) und ist keineswegs ungrammatisch:

In fact, however, although the e-dative is old-fashioned and dispreferred, it is nonetheless fully grammatical. (STERNEFELD 2004: 272)

Trotz alledem stellt das Dativ-e außerhalb formelhafter Wendungen sicherlich eine Randerscheinung dar (vgl. KONOPKA 2010: 27), „die Verwendung dieser Form [ist] in verschiedener Weise auffällig (geworden)“ (EICHINGER 2013: 140).

Als wesentlichen Unterschied zwischen phraseologisch und außerphraseologisch gebrauchtem Dativ-e führt DOBROVOLSKIJ (1978: 68) an, dass diese Kasusendung in den entsprechenden Wendungen, in denen sie noch erhalten ist, obligatorisch ist, während der außerphraseologische, freie Gebrauch längst fakultativ geworden ist. Dieses Abgrenzungsargument hält einer empirischen Analyse jedoch nicht stand, da es auch innerhalb formelhafter Wendungen Schwankungen bezüglich der Realisierung bzw. Nicht-Realisierung des e-Dativs gibt (siehe Kapitel 5.3.2). Die Grenzziehung „Dativ-e in Phrasemen = obligatorisch“ versus „Dativ-e außerhalb von Phrasemen = fakultativ“ ist somit eine unzutreffende Verkürzung der sprachlichen Wirklichkeit. Darüber hinaus kann das Dativ-e im freien Sprachgebrauch nicht an jedes beliebige Substantiv treten; es gibt bestimmte ← 111 | 112 → Gebrauchsbeschränkungen, die ein Konglomerat aus prosodischen, semantischen und syntaktischen Bedingungen darstellen (vgl. KONOPKA 2010: 27).117

5.2  Diachrone Entwicklung: Das Dativ-e im Laufe der Zeit

Noch im 18. Jahrhundert wird in den meisten Grammatiken die Bewahrung des Dativ-e propagiert und die Weglassung kritisiert (vgl. KONOPKA 2012: 115).118 Deutliche (sprachkritische) Worte findet beispielsweise ADELUNG (1782: 400; Hervorhebung im Original):

Wo das e im Genitive nicht verbissen werden darf, da kann es im Dative noch weniger wegfallen, weil er dessen characteristischer Biegungslaut ist. Folglich sind dem Baume, dem Arme, zu seinem Wohle, an diesem Abende u. s. f. richtiger, als ohne e.

Trotz aller Bemühungen seitens der Grammatikschreiber konnte der Erhalt des Dativ-e nicht „gesichert“ werden:

    Der Rückgang der Kasusendung beginnt bereits im Mittelhochdeutschen und schreitet von da an rasch voran.119 So konstatiert PAUL (2007: 188), dass die Dativ Singular Formen ohne -e zunächst bei mehrsilbigen Lexemen auf -el, -er, -en und -em sowie bei einsilbigen auf -t erscheinen. Konkret verweist er darauf, dass in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts circa 2% aller entsprechenden Dativ-Belege ohne -e realisiert und in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts im Bairischen und Ostfränkischen bereits über 60% der Dativformen mit e-Apokope zu finden sind.

    Im Zuge der allgemeinen e-Apokope wird das Dativ-e im Frühneuhochdeutschen weiter zurückgedrängt (vgl. EBERT u. a. 1993: 169). Beispielsweise fehlt die Endung in obersächsischen Drucken von circa 1450 bis 1600 in fast der Hälfte und im Thüringischen im Zeitraum von 1550 bis 1600 in über 50% der Belege (vgl. VON POLENZ 1994: 254). HARTWEG/WEGERA (2005: ← 112 | 113 → 154) halten fest, dass das Dativ-e bis zum 16. Jahrhundert im Oberdeutschen nahezu ganz, im Westmitteldeutschen weitestgehend und im Ostmitteldeutschen ansatzweise verschwindet. Als besondere Entwicklung merken WEGERA/SOLMS (2000: 1543) jedoch an, dass die Verwendung seit dem 16. Jahrhundert – ausgehend vom Ostmitteldeutschen – wieder etwas zunimmt, im Ganzen aber fakultativ bleibt.

    Im Neuhochdeutschen reiht sich der Dativ-e-Rückgang in den generellen Abbau synthetischer Kasusflexive ein. Die frühneuhochdeutsche Kasusnivellierung setzt sich nicht nur fort, sondern intensiviert sich (vgl. ÁGEL 2000a: 1858). Nach ÁGEL (2006: 320) verläuft die Tilgung des Dativ-e deshalb relativ problemlos,

     weil (a) es sich um das phonologisch leichteste Flexiv handelt, weil (b) es im Gegensatz zum Plural-e weder Genus noch Numerus markieren musste und weil (c) die Apokope keine strukturellen Auswirkungen auf die Flexionsklasse hatte.

Im gegenwärtigen Deutsch ist das Dativ-e für gewöhnlich nur noch in formelhaften Wortverbindungen zu finden.120 Bis auf wenige Ausnahmen (siehe Kapitel 5.4) ist diese Kasusendung vollständig aus dem freien Sprachgebrauch verschwunden, weshalb ÁGEL (2006: 320) zu dem Schluss kommt, dass das Dativ-e „der Vergangenheit an[gehört]“ und es „kein Bestandteil des gegenwartsdeutschen Flexionssystems [ist]“.

5.3  Korpusauswertung

5.3.1  Vorgehensweise

Das Ziel der Korpusanalyse ist die Ermittlung des tatsächlichen Gebrauchs des Dativ-e in formelhaften Wendungen. Primär steht die Frage im Vordergrund, ob bei diesem Phänomen Schwankungen zwischen der markierten und der unmarkierten Variante existieren. Erste empirische Ergebnisse von KONOPKA (2010, 2012) weisen auf eine solche graduelle Ausprägung hin. Er wertet 100 Dativ-e-Verbindungen im Hinblick auf die Realisierung der e-Endung aus und kommt zu dem Ergebnis, dass es Wendungen gibt, in denen der Dativ-e-Anteil sehr hoch ist, aber auch solche, in denen diese Kasusmarkierung kaum auftritt (vgl. KONOPKA 2010: 30).121 ← 113 | 114 →

Die Analyse der vorliegenden Arbeit orientiert sich an der Methodik KONOPKAS (2010, 2012), indem ebenfalls auf das DEREKO zurückgegriffen wird. Im Gegensatz zu Konopka (2010, 2012) liegt der Untersuchung jedoch eine weitaus größere Anzahl an möglichen Dativ-e-Phrasemen zugrunde. Ausgangspunkt stellt eine eigens erstellte Liste mit 436 formelhaften Wendungen dar, die in der Nennform ein Lexem aufweisen, das zum einen dativ-e-fähig ist und zum anderen innerhalb des Phrasems im Dativ steht. Die Listenerstellung erfolgt zum einen auf der Grundlage bereits in der Forschungsliteratur verzeichneter Dativ-e-Wendungen und zum anderen aus der Durchsicht der phraseologischen Wörterbücher RÖHRICH (2006), DUDEN (2008) und SCHEMANN (2011).

Mithilfe detaillierter Suchanfragen können 253 der 436 Wendungen in Bezug auf die Realisierung bzw. Nicht-Realisierung des Dativ-e ausgewertet werden. Die restlichen Wendungen können deshalb nicht ausgewertet werden, weil ihre Quantität im DEREKO zu gering ist oder sie – was meistens der Fall ist – überhaupt nicht belegt sind (z. B. etw. mit dem Schwerte erlangen oder seinem Maule keine Stiefmutter sein). Als Mindestgrenze wird eine Trefferanzahl von 20 Belegen angesetzt.

5.3.2  Ergebnis: Schwankungen in der Dativ-e-Markierung

Die Ergebnisse der Korpusanalyse sind im Anhang 2 festgehalten. Zu sehen sind neben der formelhaften Wendung und der betreffenden Komponente (fett hervorgehoben) zum einen die jeweilige Quantität des Gebrauchs mit und ohne -e und zum anderen der Anteil der Dativ-e-Realisierung in Prozent.

Die Korpusanalyse zeigt, dass die Realisierungshäufigkeit des Dativ-e bei formelhaften Wendungen stark variieren kann. Auf der einen Seite gibt es Wortverbindungen, in denen nahezu ausschließlich der Dativ mit -e steht (z. B. sich etw. zu Gemüte führen und jmdn./etw. zu Grabe tragen):

     (7)    Der ermordete Linkspolitiker Chokri Belaïd wird unter Militärschutz zu Grabe getragen, und die Straße erlebt den Hauch einer Wiedergeburt der Revolution. (die tageszeitung, 09.02.2013)

Auf der anderen Seite finden sich aber auch Phraseme, in denen die im Dativ stehende Komponente (fast) nie mit dieser Kasusendung versehen ist (z. B. auf freiem Fuß und (eine) Wut im Bauch (haben)):

     (8)    „Ich habe noch immer Wut im Bauch, weil wir in der Hinrunde so viele Punkte zu Hause verschenkt haben“, sagt Trainer Torsten Lieberknecht […]. (Braunschweiger Zeitung, 14.02.2009)

In den meisten Fällen offenbaren die empirischen Ergebnisse mehr oder weniger große Schwankungen zwischen der Realisierung bzw. Nicht-Realisierung des ← 114 | 115 → Dativ-e bei ein und derselben formelhaften Wendung (z. B. im Sand(e) verlaufen und sich etw. am Mund(e) absparen):

     (9)    Einer, der 30 Jahre in die Arbeitslosenkasse einbezahlt und sich einige Rücklagen vom Mund abgespart hat, fällt nach nur einem Jahr Arbeitslosigkeit in Arbeitslosengeld Hartz IV und muss erstmal vom Ersparten leben. (Rhein-Zeitung, 17.05.2005)

     (10)  Schließlich gibt es Tausende Teilnehmer, die sich das Geld für die Reise nach Südafrika vom Munde abgespart haben und die hier interessiert Erfahrungen aufnehmen. (Nürnberger Nachrichten, 30.08.2002)

Es handelt sich bei der Dativ-e-Realisierung innerhalb von formelhaften Wendungen also – ähnlich wie bei Unikalität – nicht um eine dichotomische „entweder – oder“-Bedingung, sondern um eine graduelle Eigenschaft.

5.3.3  Erklärungsansätze für die Bewahrung des Dativ-e

RIEGER (2007) führt fünf Erklärungsansätze für die Bewahrung des Dativ-e in Phrasemen an. Mithilfe primärer und sekundärer Faktoren versucht sie die Frage zu beantworten, wann und warum das Dativ-e bei einigen Wortverbindungen weggelassen werden kann und bei anderen nicht. Als primär fasst sie die Funktionen auf, die das Dativ-e im Gegensatz zur Nullendung besitzt, als sekundär die „Begleiterscheinungen“ im Zuge der Lexikalisierung (vgl. RIEGER 2007: 9). Im Folgenden werden die Kriterien von RIEGER (2007) kurz angeführt und entsprechend der eigenen Korpusanalyse gedeutet und problematisiert. Im Anschluss daran wird ein weiterer Erklärungsansatz für die Bewahrung des Dativ-e vorgestellt.

1)  Dativ-e als Stilmerkmal: RIEGER (2007: 9–11) argumentiert, dass das Dativ-e als antiquierte Form die „Altehrwürdigkeit“ von Phrasemen verstärkt und somit als Mittel für eine „hochtrabend-pathetische Wirkung“ gebraucht werden kann. Die Tatsache, dass die archaische Form des Dativ-e für gehobenen (und somit auch humoristisch-übertriebenen) Sprachgebrauch eine fruchtbare Grundlage bietet, kann nicht bestritten werden. Dies verdeutlichen Wendungen, die einem gehobenen Sprachstil zugeordnet werden können und in denen das Dativ-e gegenüber der Nullendung deutlich überwiegt (z. B. jmdn./etw. zu Grabe tragen und im Schweiße meines Angesichts). Als alleiniger Erklärungsansatz reicht dieses Argument jedoch nicht aus, denn die meisten Dativ-e-Phraseme gehören keiner gehobenen Stilschicht an (z. B. zu Hause und jmdm. stehen die Haare zu Berge). Es stellt sich ohnehin die Frage, was unter „gehobenem“ Sprachgebrauch zu verstehen ist; eine eindeutige ← 115 | 116 → Definition bzw. Klassifikation von Phrasemen, die dieser Stilschicht angehören, gestaltet sich zum Teil äußerst schwierig (vgl. BURGER u. a. 1982: 130f.).

2)  Dativ-e als Formkomponente: Unter dem Kriterium des Dativ-e als Formkomponente versteht RIEGER (2007: 11f.) „formale und rhetorische Stilmittel“, die dazu dienen, Phrasemen Expressivität zu verleihen. Das Dativ-e sei „dabei hilfreich und zum Teil sogar unabdingbar“. Zur Verdeutlichung führt sie die aus Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ stammende Wendung der Dritte im Bunde an, in der das Dativ-e in dem Vers Ich sei, gewährt mir die Bitte,/in eurem Bunde der Dritte aufgrund des Metrums nicht weggelassen werden kann. Hierbei spielt jedoch vor allem auch der „Zitatcharakter“ sogenannter geflügelter Worte, den auch RIEGER (2007: 12) betont, eine große Rolle. Durch die psycholinguistische Festigkeit, die sich aus dem Zitatcharakter solcher literarisch belegbarer Wendungen ergibt, wird die Bewahrung des im Originaltext vorliegenden Dativ-e begünstigt. Weitere geflügelte Worte mit einer hohen Prozentzahl der Dativ-e-Realisierung sind beispielsweise etw. ist faul im Staate Dänemark und vom Winde verweht.

3)  Dativ-e als Hilfe für Sprachfluss und Aussprache: Dem Kriterium der besseren Aussprechbarkeit misst RIEGER (2007: 12–14) eine wichtige Rolle in Bezug auf die Tradierung des Dativ-e bei. In vielen Fällen besitze es als „eigentlich redundantes und veraltetes Allomorph“ eine Funktion für den besseren Sprachfluss. Als einleuchtendes Beispiel führt sie das Phrasem wie etw. im Buche steht an, in dem das Dativ-e die Aneinanderreihung der Phone [x] und [∫] verhindert. Sicherlich spielen bei einigen konkreten Fällen ausspracheerleichternde Motive eine Rolle für die Verwendung des Dativ-e, in den meisten Fällen können phonetische (Wort-)Verknüpfungen jedoch nicht eindeutig aus der Nennform des Phrasems abgeleitet werden, da im konkreten Sprachgebrauch häufig nicht dasjenige Wort der Dativendung folgt, das auch in der kontextunabhängigen Nennform steht. Beispielsweise zum Zuge kommen:

     (11)  Als es darauf ankam, kam Nowitzki aber nicht mehr zum Zuge und wurde von den Gästen praktisch komplett aus dem Spiel genommen. (Braunschweiger Zeitung, 19.03.2013)

     Darüber hinaus enden viele Nennformen mit der Dativ-e-Komponente; die Dativ-e-Verwendung kann in diesen Fällen somit nicht aufgrund des phonetischen Kriteriums erklärt werden (z. B. nach Hause, unter Tage und aus berufenem Munde).

4)  Verfestigung durch Gebräuchlichkeit: Als sekundären Faktor für die Bewahrung des Dativ-e führt RIEGER (2007: 14f.) die aus der Gebrauchsfrequenz ← 116 | 117 → resultierende Verfestigung des Phrasems an. Die These, dass sich das Dativ-e vor allem in Wendungen hält, die eine „hohe Tokenfrequenz“ aufweisen, stellt sie in Anlehnung an die Konjugation starker Verben auf, die dank dieser Eigenschaft für gewöhnlich nicht durch regelmäßige Formen ersetzt werden. Während RIEGERS (2007) Untersuchung auf Grundlage von 40 Phrasemen mit Dativ-e ihre Vermutung bestätigt, gelangt die Auswertung der vorliegenden Arbeit, in der insgesamt 253 Wendungen berücksichtigt werden, zu keinem eindeutigen Ergebnis (siehe Übersicht 5–1):

Übersicht 5-1:  Zusammenhang zwischen Gebrauchsfrequenz und Gebundenheit des Dativ-e

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     Wie zu erkennen ist, lässt sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen der token-Frequenz der einzelnen Wendungen und ihrer Dativ-e-Realisierung feststellen. Zumindest kann nicht gesagt werden, dass die Realisierung des Dativ-e mit der Gebrauchsfrequenz in irgendeinem Verhältnis steht. Denn auch Wendungen, in denen das Dativ-e nur in 0–10, 11–20, 21–30 und 31–40 Prozent der Belege realisiert ist, weisen eine überdurchschnittlich hohe Token-Frequenz auf. Als Beispiele können die beiden Wortverbindungen mit etw. (nicht) zu Stuhle kommen und im Augenblick angeführt werden. Mit etw. (nicht) zu Stuhle kommen ist im DEREKO nur 67mal belegt, dafür aber in 97% der Fälle mit Dativ-e. Im Augenblick hingegen ist mit einer Trefferanzahl von 31.999 hochfrequent, taucht jedoch nur 56mal mit Dativ-e auf (= 0%). ← 117 | 118 →

5)  Morphologische Erstarrung in Abhängigkeit von Transparenz: RIEGER (2007: 16–18) sieht den Erhalt der e-Endung auch in der Motivierbarkeit des Phrasems begründet. Sie vermutet,

     dass figurative Phraseologismen, die der Sprachbenutzer noch in Ähnlichkeits- oder Kontiguitätsbeziehung zu den Lexemen in freier Verwendung bringen kann, seltener das Dativ-e aufweisen als diejenigen, deren figurative oder morphologisch-semantische Primärmotivation heute weitgehend nicht mehr nachvollziehbar ist und die darum nicht mehr transparent sind. (RIEGER 2007: 16)

     Den Zusammenhang zwischen Idiomatizität und morphologischer Erstarrung demonstriert sie anhand des Beispiels etw. im Schilde führen, in dem das Substantiv nicht mehr mit dem Autosemantikon Schild assoziiert wird. Auch in diesem Punkt lassen sich sicherlich noch weitere Belege anführen, die RIEGERS (2007) These stützen. Im Gegenzug finden sich jedoch auch zahlreiche Beispiele, in denen die Idiomatizität in keiner kausalen Verbindung zur Dativ-e-Realisierung steht. Dies kann in beide Richtungen geschehen, d. h. zum einen gibt es Belege, in denen das Dativ-e kaum (noch) angefügt wird, die aber dennoch idiomatisch sind (z. B. sich aus dem Staub machen und jmdm. die Haare vom Kopf fressen), und zum anderen finden sich selbst bei denjenigen Wendungen, die fast ausschließlich mit Dativ-e realisiert sind, nicht-idiomatische, motivierbare Wortverbindungen (z. B. zu Tode foltern und nach Hause).

Die kritische Auseinandersetzung mit den Kriterien, die RIEGER (2007) für den Erhalt des Dativ-e anführt, zeigt, dass diese nicht jeweils als alleinige Erklärungsansätze fungieren können, sondern im Endeffekt – wie RIEGER (2007: 22) auch selbst betont – als „multifaktorielles“ Geflecht angesehen werden müssen.

Ein augenfälliger Grund für die Bewahrung der Dativ-e-Endung innerhalb von Phrasemen liegt nach der vorliegenden Auswertung auf der Hand: In 81% der Belege, in denen zu über 95% das Dativ-e gebraucht wird, fehlt ein Determinierer vor dem entsprechenden Substantiv (siehe Übersicht 5–2): ← 118 | 119 →

Übersicht 5-2:  Zusammenhang zwischen Fehlen eines Determinierers und

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27 dieser 37 Wendungen weisen darüber hinaus die Präposition zu auf, die offensichtlich in engem Zusammenhang mit dem Dativ-e-Gebrauch steht (vgl. KORHONEN 1992a: 64). Es kann demnach konstatiert werden, dass das Dativ-e in diesen Fällen das Fehlen eines Determinierers ausgleicht, indem es als synthetische Form den Kasus eindeutig markiert:

Bemerkenswert ist schließlich auch, dass das Dativ-e besonders häufig bei Verbindungen aus Präposition und Substantiv ohne intervenierenden Artikel oder intervenierendes Adjektiv auftaucht (z. B. zu Grabe, nach Hause, zu Grunde, zu Gemüte, zu Rande). Hier fängt das Dativ-e das Fehlen des Artikels oder Adjektivs, die die Phrase als Dativ markiert hätten, quasi auf. (KONOPKA 2012: 118)

5.4  Das Dativ-e außerhalb formelhafter Wendungen

Trotz der Feststellung KONOPKAS (2010: 31), der außerphraseologische Gebrauch des Dativ-e sei marginal, sollte auch dieser Berücksichtigung finden. Denn obwohl es sich hierbei um ein „niedrig frequentes Phänomen“ (KONOPKA 2010: 24) handelt, wird die Dativ-e-Endung außerhalb formelhafter Wendungen nicht nur willkürlich gesetzt, sondern besitzt teilweise spezielle Funktionen. Diese sind vor allem stilistischer und pragmatischer Natur:

    So wird die Form mit -e als gehoben, bildungssprachlich oder archaisch empfunden und eignet sich daher einerseits für ernsthafte und feierliche Anlässe, andererseits für scherzhaften und ironischen Gebrauch (vgl. KONOPKA 2012: ← 119 | 120 → 116 und EICHINGER 2013: 140–142). Bei der Entscheidung für oder gegen das Dativ-e stellt sich also im Grunde die Frage nach der Angemessenheit im Kontext einer bestimmten Kommunikationssituation:

     Hier muss sich der Sprachbenutzer auf sein Näschen für die richtige Situation, den richtigen außersprachlichen Kontext verlassen, und dabei kann dem Weibe/Manne in diesem Text leider nicht geholfen werden. (KONOPKA 2012: 116; Hervorhebung im Original)

    Zudem ist das Dativ-e in juristischen Texten bis heute ein fester Bestandteil. SCHIPPAN (2005: 1377) bezeichnet die Erhaltung von veraltenden oder veralteten Termini, morphologischen Formen und syntaktischen Konstruktionen innerhalb solcher „Textsorten, die inhaltlich wie sprachlich an der Tradition festhalten“ treffend als „sprachliche[n] Konservativismus“. Juristische Texte zählen hierbei sicherlich zu den (proto-)typischeren.

    Ein weiterer Bereich, in dem das Dativ-e (noch) häufiger eingesetzt wird, ist die Belletristik bzw. Literatursprache (vgl. RIEGER 2007: 3). Hierbei kann es auch zu dem Phänomen kommen, dass sich außerphraseologische Verwendungsweisen teilweise bewusst an die traditionelle Literatursprache anlehnen und diese sozusagen als Schablone bzw. Hintergrundfolie fungiert (vgl. DUDEN 2009: 207).

    Neben einer pragmatischen Perspektive verweist KONOPKA (2012: 117) außerdem auf rhythmische Gründe für den außerphraseologischen Dativ-e-Gebrauch. So kann in bestimmten sprachlichen Kontexten die Entscheidung für das Dativ-e von den rhythmischen Empfindungen der Sprecher abhängen, wodurch sich die Setzung teilweise auch höchst individuell gestaltet.

Mit EICHINGER (2013: 147) lässt sich daher festhalten, dass das Dativ-e zwar im Laufe der Zeit „das Flexionssystem des Deutschen als systematische Form verlassen hat, ihre traditionelle Einbindung aber funktional genutzt wird.“ Das Dativ-e kann also durchaus auch gegenwartssprachlich (noch) außerhalb von festen Wortgruppen verwendet werden, ist dort aber sicherlich „mit Vorsicht zu genießen“ (KONOPKA 2012: 118).

Insgesamt kann konstatiert werden, dass das Dativ-e zum einen auch im freien Sprachgebrauch nicht ausgeschlossen ist und es zum anderen bei einigen formelhaften Wendungen sogar hochfrequenter ist als die unmarkierte Variante. Im Bereich der Phraseologie wird diese Kasusendung teilweise sogar bevorzugt, wie die empirischen Ergebnisse meiner Korpusanalyse zeigen. Das Dativ-e stellt dementsprechend aus zwei Gründen keine vollkommen „irreguläre“ Erscheinungsform dar: zum einen, weil es auch außerhalb formelhafter Wendungen seine Daseinsberechtigung bewahrt hat und sich hier in speziellen stilistischen und pragmatischen Kontexten weiterhin behaupten kann, und zum anderen, weil es auch innerhalb ← 120 | 121 → der formelhaften Sprache bei vielen Wendungen regelmäßiger auftritt als die entsprechende Variante ohne -e.

5.5  Lexikografische Probleme und ein (korpusanalytischer) Lösungsansatz

Die Schwankung des Dativ-e wird im DUDEN (2008) durchaus berücksichtigt und mithilfe von in Klammern gesetztem -e angezeigt. Dabei wird zwischen drei verschiedenen Lemmatisierungen von dativ-e-fähigen Phrasemen unterschieden: 1) Nennformen, in denen das Dativ-e als obligatorisch angegeben ist (z. B. jmdm. zu Leibe rücken), 2) Nennformen, in denen das Dativ-e als fakultativ mithilfe einer eckigen Klammer verzeichnet ist (z. B. der Herr im Haus[e] sein)122 und 3) Nennformen, in denen kein -e realisiert ist (z. B. eine Wut im Bauch haben).

Diese Vorgehensweise bringt zwei größere Schwierigkeiten mit sich: Zum einen fragt man sich, auf Grundlage welcher (authentischen) Daten DUDEN (2008) die Dativ-e-Kategorisierung vornimmt, und zum anderen drängt sich hierbei das Problem auf, ab wann die e-Endung als obligatorisch bzw. fakultativ gelten kann und DUDEN (2008) diese daher in Klammern setzt. Hierzu werden im Kapitel „Hinweise zur Benutzung des Wörterbuchs“ keinerlei Angaben gemacht. Es ist anzunehmen, dass die Dativ-e-Setzung nicht auf der Basis von Korpusauswertungen geschieht. Vergleicht man nämlich die im DUDEN (2008) lemmatisierten Phraseme mit ihrer in diesem Kapitel ermittelten Dativ-e-Realisierung, so ergeben sich größere Ungereimtheiten:

    Einige Phraseme, die im DUDEN (2008) mit obligatorischem Dativ-e stehen, sind im DEREKO in weniger Belegen mit Dativ-e realisiert als andere, die ohne bzw. mit fakultativem -e lemmatisiert sind. Beispielsweise werden bei dem Phrasem mit dem Tode ringen nur 16% aller Belege mit Dativ-e realisiert, im DUDEN (2008: 776) ist dieses jedoch als obligatorischer Bestandteil der Nennform gekennzeichnet. Demgegenüber weist die Wendung etw. bleibt jmdm. im Hals stecken in 56% aller Belege die e-Endung auf, im DUDEN (2008: 318) ist diese jedoch nicht einmal als fakultativ verbucht.123

    Zudem finden sich Belege mit eingeklammertem Dativ-e, obwohl das Phrasem im tatsächlichen Sprachgebrauch in über 98% der Fälle mit -e ← 121 | 122 → auftaucht und daher genau genommen nicht von einem fakultativem Dativ-e-Gebrauch gesprochen werden kann, z. B.: zu Buch(e) schlagen (98%) und (nicht) zu Pott(e) kommen (99%). Im Kontrast dazu steht die fakultative Dativ-e-Markierung auch bei Wendungen, die diese Endung kaum aufweisen wie beispielsweise sich aus dem Staub(e) machen (3%), am Scheideweg(e) stehen (3%) und im Anzug(e) sein (2%).124

Insgesamt zeigt sich also, dass die Kennzeichnung des obligatorischen und fakultativen Dativ-e teilweise sehr willkürlich ausfällt und häufig nicht dem tatsächlichen Sprachgebrauch entspricht. Dieses Problem lässt sich nur mithilfe empirischer Auswertungen beheben, durch die die wirkliche Verwendung der Kasusendung aufgedeckt werden kann. Die Korpusanalyse ermöglicht es, genaue (Prozent-)Angaben zur Realisierung des Dativ-e zu geben. Beispielsweise könnten Wendungen, in denen die Dativmarkierung stark variiert, nicht durch eine eckige Klammer, sondern mit der empirisch exakt ermittelten Prozentzahl gekennzeichnet werden. Schwierigkeiten birgt diese Vorgehensweise selbstverständlich bei Phrasemen, die in einem Korpus nur in sehr geringer Anzahl bzw. überhaupt nicht vorhanden sind. Trotzdem bietet das korpusanalytische Verfahren im Gesamten sicherlich mehr Vorteile als die bisherige introspektive Herangehensweise.

5.6  Beispielanalyse: zu Tode X[Verb] – eine produktive Modellbildung mit Dativ-e

Im Folgenden steht eine besondere formelhafte Wendung mit Dativ-e im Fokus. Es handelt sich hierbei um die Wortverbindung zu Tode X[Verb], die als hochproduktiv anzusehen ist und aufgrund des verbalen Leerstellencharakters die Struktur einer Modellbildung aufweist. Übersicht 5–3 zeigt einen Auszug an möglichen Varianten, die im DEREKO die verbale Leerstelle besetzen: ← 122 | 123 →

Übersicht 5-3:  Konkrete Realisierungsformen der Modellbildung zu Tode X[Verb]

zu Todeamüsieren, ängstigen, arbeiten, ärgern, beißen, beruhigen, betrübt sein, braten, bringen, diskutieren, drücken, fahren, foltern, fressen, fürchten, hacken, hetzen, hungern, kommen, langweilen, laufen, mähen, malträtieren, martern, misshandeln, opfern, pflegen, prügeln, quälen, rädern, rationalisieren, rauchen, reden, reformieren, reiten, sanieren, saufen, schämen, schinden, schlagen, schleifen, schuften, schütteln, schützen, siegen, sparen, spielen, spritzen, steinigen, stürzen, taktieren, trampeln, trinken, verurteilen, würgen
 

Besonders an der hier vorliegenden Wendung ist ihre Polysemie, weshalb sie auf semantischer Ebene genauer betrachtet werden sollte. Auch DUDEN (2008: 776) berücksichtigt diesen polysemen Aspekt, indem er drei eigenständige Einträge verzeichnet. Es finden sich folgende drei Nennformen mit entsprechenden Bedeutungsangaben. Zur besseren Anschaulichkeit wird jeweils eine Kontexteinbettung gegeben:

1)  zu Tode: ‚im äußersten Maße‘

     Männer sind Helden, und Helden lassen sich nicht helfen. Sie schämen sich zu Tode, wenn sie keine sind. (Nürnberger Zeitung, 25.06.2010)

2)  zu Tode kommen: ‚tödlich verunglücken‘

     Für Freitag hat das Gericht einen Rechtsmediziner und einen weiteren Sachverständigen geladen. Sie sollen erklären, wie genau die 24-Jährige zu Tode gekommen ist. (Hannoversche Allgemeine, 10.01.2008)

3)  etw. zu Tode reiten/hetzen: ‚etw. durch zu häufige Anwendung wirkungslos machen‘

     Aber nach zweimal Benazir Bhutto und zweimal Nawaz Sharif gibt es in Pakistan kaum mehr demokratische Optionen. Die beiden Gegenspieler haben das demokratische System zu Tode geritten. (Zürcher Tagesanzeiger, 14.10.1999)

Wie zu erkennen ist, setzt DUDEN (2008) einen adverbialen (1) und zwei verbale Phraseme (2, 3) an. Die Variationsmöglichkeiten der verbalen Zusätze sind jedoch für die Phraseme 2) und 3) nicht befriedigend erfasst. Im Grunde handelt es sich bei allen drei Wendungen um Modellbildungen, deren Basis lediglich die Präpositionalphrase zu Tode bildet. Die verbale Besetzung ist bei allen drei Wendungen relativ offen, zumindest aber nicht – wie im DUDEN (2008) angegeben – auf kommen, reiten und hetzen beschränkt.

Auch aus semantischer Perspektive reichen die Angaben im DUDEN (2008) nicht aus, um das gesamte Spektrum der drei Modellbildungen zu erfassen. Bezüglich der Bedeutung des Phrasems 1) lässt sich hinzufügen, dass der Zusatz ← 123 | 124 → zu Tode vor allem dazu dient, die lexikalische Bedeutung des Verbs zu intensivieren: Wenn man sich zu Tode schämt oder fürchtet, schämt bzw. fürchtet man sich in höchstem Maße. Dabei handelt es sich in der Regel um reflexive Verben (z. B. sich ärgern und sich langweilen). Auch die Semantik der Wendung 2) ‚tödlich verunglücken‘ ist zu verkürzt. Im Gegensatz zu den Wendungen 1) und 3) bleibt innerhalb dieser Variante die wörtliche Bedeutung der Präpositionalphrase zu Tode erhalten. Daher umfassen verbale Kombinationen, die mit dieser eine Verbindung eingehen, die Semantik ‚(unnatürliche) Beendigung des Lebens‘, wobei dies entweder durch einen selbst oder durch Dritte geschehen kann:

     (12)  Die Alkoholsucht hat frappierende Auswirkungen: In Russland saufen sich weitaus mehr Menschen zu Tode als in Westeuropa. Nach offiziellen Angaben sterben jede Stunde acht Russen an den Folgen, jährlich sind es mehr als 75000. (Nürnberger Nachrichten, 27.01.2010)

Die Semantik des Phrasems 3) ist im DUDEN (2008) mehr oder weniger befriedigend erfasst. Das, was die Verben, die innerhalb dieser Wendung stehen, semantisch ausdrücken, wird durch die zu häufige Anwendung der Tätigkeit wirkungslos gemacht. Zentral ist hierbei vor allem der Aspekt der zu häufigen Anwendung einer Tätigkeit, der dazu führt, dass im Endeffekt das zu anfangs (durch diese Tätigkeit) intendierte Ziel nicht (befriedigend) erreicht wird. Die zu häufige Anwendung hat zwangsläufig ein negatives Resultat zur Folge. Mit anderen Worten: Wer zu viel spart, zu viel rationalisiert, zu viel diskutiert etc., gelangt niemals zu einem befriedigenden und erfolgreichen Ergebnis und erreicht darüber hinaus eventuell sogar genau das Gegenteil. Zu Tode besitzt innerhalb dieser Konstruktion somit eine Art metaphorische Bedeutung im Sinne eines unvorteilhaften und unwiderruflichen Endzustands, der aus der zu häufigen Anwendung der verbalen Tätigkeit resultiert:

     (13)  „Es gibt in der Schweiz nicht mehr viele Hotels, die zu unserer Gruppe passten“, sagt Dietrich. Viele alte Hotels wurden abgerissen, andere zu Tode saniert. (St. Galler Tagblatt, 26.06.2013)

Im Rahmen konstruktionsgrammatischer Überlegungen kann die formelhafte Wendung zu Tode X[Verb] als eine hochproduktive polyseme Konstruktion angesehen werden. Dass eine (abstrakte) Konstruktion mehrere Bedeutungen aufweisen kann, ist dabei nicht der Sonderfall, sondern der Normalfall (vgl. ZIEM/LASCH 2013: 99). Auf struktureller Ebene kommt die Modellformel zu Tode X[Verb] zustande, indem verschiedene konkrete tokens (z. B. sich zu Tode ärgern, jmdn. zu Tode prügeln und etw. zu Tode diskutieren) zu einem (abstrakten) type zusammengefasst werden: ← 124 | 125 →

Eine Kategorie (hier: Konstruktion) wird gebildet, wenn sich auf der Basis von verschiedenen strukturell ähnlichen Token eine abstraktere Einheit (Type) ableiten lässt, die wesentliche Gemeinsamkeiten der Token bei gleichzeitiger Abstraktion von Unterschieden abbildet. (ZIEM/LASCH 2013: 98)

Es lassen sich demnach unter dem übergeordneten Muster zu Tode X[Verb] drei verschiedene konkrete Realisierungstypen subsumieren, die jeweils durch unterschiedliche Verbalergänzungen realisiert werden und deren Semantik sich voneinander unterscheidet (siehe Übersicht 5–4):

Übersicht 5-4:  Konstruktionstypen der Modellbildung zu Tode X[Verb]

Beispiele für die Konstruktion

Bedeutung der Konstruktion

zu Tode (ängstigen, ärgern, fürchten, langweilen, schämen, betrübt sein)

Intensivierung der Verbbedeutung; (Verb + ‚in äußerstem Maße/extrem‘)

zu Tode (kommen, arbeiten, beißen, braten, bringen, drücken, fahren, foltern, fressen, hacken, hungern, kommen, laufen, mähen, malträtieren, martern, misshandeln, opfern, prügeln, quälen, rädern, rauchen, saufen, schinden, schlagen, schleifen, schuften, schütteln, spritzen, steinigen, stürzen, trampeln, trinken, würgen)

(unnatürliche) Beendigung des Lebens (entweder durch sich selbst oder durch Dritte)

zu Tode (amüsieren, beruhigen, diskutieren, pflegen, rationalisieren, reden, reformieren, sanieren, schützen, siegen, sparen, spielen, taktieren)

Verbbedeutung wird durch zu häufige Anwendung der „Tätigkeit“ wirkungslos gemacht, mit dem Resultat eines unbefriedigenden Endzustands

Das Besondere der hier vorgestellten Dativ-e-Konstruktion ist ihre hohe Produktivität, die vor allem durch ihren Modellcharakter begünstigt wird. Diese Vitalität ist ein Beweis dafür, dass es sich bei formelhaften (Ir-)Regularitäten nicht um ein peripheres, unproduktives Phänomen handelt. Die Wendungen, in denen (grammatische) „Irregularitäten“ anzutreffen sind, müssen nicht – wie auch bereits bei Unikalia-Phrasemen gezeigt wurde – zwangsläufig veraltet sein. Zudem widerlegen modellartige Konstruktionen wie die oben vorgestellte die Annahme, „Irregularität“ könne mit „Unproduktivität“ gleichgesetzt werden bzw. „Irregularität“ resultiere aus „Unproduktivität“ – und umgekehrt. Die Konstruktion zu Tode X[Verb] zeigt ferner, dass sich auch innerhalb des Bereichs formelhafter (Ir-) Regularitäten Argumente für die u. a. von FLEISCHER (1997a: 193) angestoßene Frage finden lassen, ob es auch innerhalb der Phraseologie – in Analogie zur Wortbildung – Ansätze der Modellierbarkeit phraseologischer Einheiten gibt (siehe Kapitel 17.4). ← 125 | 126 → ← 126 | 127 →


116  Erste linguistische Auseinandersetzungen mit dem Dativ-e finden sich in BEHAGHEL (1900, 1909).

117  Nach KONOPKA (2012: 116) und DUDEN (2009: 206) ist die Dativ-e-Verwendung bei folgenden Substantiven ausgeschlossen: Substantive im Dativ Plural, Feminina, Substantive auf -em, -en, -el, -er (z. B. Atem) sowie Substantive, die auf einen Vokal enden (z. B. Uhu), Fremdwörter (z. B. Hotel, Boss), die meisten Eigennamen (ohne Erweiterung) (z. B. Hans, Berlin, Gott – aber dem lieben Gotte), Stoffsubstantive nach Präposition (ohne Artikel oder Adjektiv) (z. B. aus Gold – aber aus reinem Golde), Substantive, bei denen nicht die lange Genitivendung -es stehen kann, sowie Substantive, denen kein dekliniertes Wort vorausgeht.

118  Zur Behandlung des Dativ-e in den deutschen Grammatiken siehe HABERMANN (1997).

119  Siehe hierfür auch Tabelle 5.3 in WEGERA/WALDENBERGER (2012: 148).

120  Zur Entwicklung im 20. Jahrhundert siehe EICHINGER/ROTHE (2014: 74–84).

121  Verwiesen sei auch auf EICHINGER (2013: 140–147), der das Dativ-e exemplarisch im Hinblick auf Stilerwartungen, Textsorten und feste Wendungen korpusbasiert betrachtet.

122  Im Gegensatz zu DUDEN (2008) werden Varianten in der vorliegenden Arbeit generell und auch in den folgenden Ausführungen zum Dativ-e in runde Klammern gesetzt.

123  Kurioserweise wird als Belegbeispiel ein Satz angeführt, in dem die Dativendung vorhanden ist (Vor Schreck blieb ihm das Wort im Halse stecken.).

124  Solche Unregelmäßigkeiten in der Lemmatisierung des Dativ-e sind keine Einzelfälle, sondern erstrecken sich über das gesamte Wörterbuch.