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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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8. Genitivobjekt

8.  Genitivobjekt

8.1  Definition

Genitivobjekte stellen Ergänzungen in Form einer Nominalphrase im Genitiv dar (vgl. DUDEN 2009: 820). Sie werden genauso wie Akkusativ- oder Dativobjekte vom Verb syntaktisch gefordert und daher auch als „adverbale Genitive“ (LENZ 1996: 2) bezeichnet. Während in früheren Sprachepochen noch sehr viele genitivregierende Verben existieren, gelten sie im gegenwärtigen Deutsch als Sonderfall. Der Genitiv als Objekt spielt im heutigen Kasussystem kaum eine Rolle, seine Hauptfunktion besitzt er als Attribut (vgl. EISENBERG 1998: 166). Wenn überhaupt tauchen Genitivobjekte nur noch in konzeptionell schriftlicher Sprache auf und sind in den meisten Fällen stilistisch markiert, gelten als veraltet, poetisch oder als Merkmal einer gehobenen Sprache (vgl. SCHRODT 1992: 361).

Einen für die vorliegende Arbeit relevanten Bewahrungsort des Genitivs als Objektkasus sind feste Wortverbindungen (vgl. HENTSCHEL/WEYDT 1990: 336). Unter der formelhaften (Ir-)Regularität des Genitivobjekts werden demzufolge formelhafte Wendungen zusammengefasst, die genitivregierende Verben enthalten, die nur noch innerhalb der entsprechenden Wendung den Genitiv regieren, im freien Sprachgebrauch also nicht genitivfordernd sind (z. B. jmdn. eines Besseren belehren, sich des Lebens freuen und jeder Beschreibung spotten). Mit anderen Worten: Bei bestimmten Wendungen ist das Objekt im Genitiv realisiert, obwohl das Verb im freien Sprachgebrauch einen anderen Kasus fordert (vgl. ANTTILA 1983: 98). Auf diese Besonderheit verweist auch LENZ (1996: 4):

Daneben finden sich noch einige weitere [= genitivregierende Verben, SöSt], die auf idiomatische Wendungen beschränkt sind, d. h. nur noch in ganz bestimmten festgefügten Kontexten einen Genitiv regieren können […].

Aufgrund dieser Entwicklung stellen formelhafte Wendungen, in denen Genitivobjekte bis heute konserviert sind, ein besonderes Phänomen dar. Sie fungieren als ein Rudiment von alten genitivregierenden Verben und trotzen somit der diachronen Entwicklung. DÜRSCHEID (1999: 35) konstatiert daher, dass der Genitiv als Objektkasus in absehbarer Zeit ein „eingefrorener Kasus“ sein wird, der nur noch in festen Wortverbindungen bewahrt bleibt.156 ← 165 | 166 →

8.2  Diachrone Entwicklung: Der Rückgang genitivregierender Verben

Die Entwicklung vom Althochdeutschen zum Neuhochdeutschen ist von einem starken Rückgang des adverbalen Genitivs gekennzeichnet (vgl. FLEISCHER/SCHALLERT 2011: 87):157

    Zu althochdeutscher Zeit stehen die drei Kasus Akkusativ, Dativ und Genitiv noch weitgehend gleichberechtig nebeneinander (vgl. DONHAUSER 1990: 99). Empirische Auswertungen lassen darauf schließen, dass genitivregierende Verben im Alt- und Mittelhochdeutschen eine produktive Klasse darstellen; sie sind sowohl in alt- als auch in mittelhochdeutschen Texten häufig belegt (vgl. DONHAUSER 1991: 9). Es handelt sich hierbei zum einen um Verben, die obligatorisch einen Genitiv fordern, und zum anderen um Verben, deren Leerstellenauffüllung zwischen einem Genitivobjekt und einem Akkusativobjekt alterniert (vgl. LENZ 1996: 6). Verben, die im Althochdeutschen einen Genitiv verlangen, schätzt RAUSCH (1897: 54) auf circa 300, DONHAUSER (1998: 72) auf circa 290. Im Mittelhochdeutschen wird die Zahl genitivregierender Verben auf circa 260 beziffert (RAUSCH 1897: 98). ÁGEL (2000a: 1870) bezeichnet das Mittelhochdeutsche daher auch als die „Blütezeit des Objektsgenitivs“.158

    Der größte Rückgang des Genitivobjekts vollzieht sich im 14. und 15. Jahrhundert (vgl. FLEISCHER/SCHALLERT 2011: 89). Angesichts dessen betont ÁGEL (2008: 76), dass der Abbau des adverbalen Genitivs spätestens seit dem 15. Jahrhundert „beschlossene Sache“ ist. Der Rückgang kann dabei auf zweierlei Arten geschehen: Entweder sterben Verben, die den Genitiv regieren, aus oder aber ihre Rektion ändert sich, indem sie in Konkurrenz zu anderen Ergänzungsklassen treten (vgl. FLEISCHER/SCHALLERT 2011: 87).

    In frühneuhochdeutscher Zeit treten diese Konkurrenzformen – wie beispielsweise das Akkusativobjekt – immer häufiger auf und viele Genitivobjekte werden sukzessive durch sie ersetzt. Bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts wird das Genitivobjekt in den meisten Fällen nur noch in einem poetischen oder archaischen Stil oder regional verwendet (vgl. EBERT ← 166 | 167 → u. a. 1993: 650). Diese Entwicklung wird durch die Auszählung von RAUSCH (1897: 101) gestützt, die aufzeigt, dass bei circa 260 genitivregierenden Verben des Mittelhochdeutschen der Genitiv bei circa 120 Verben bis zum 16. Jahrhundert vollständig abgebaut und er bei vielen weiteren seltener wird (vgl. FLEISCHER/SCHALLERT 2011: 89).

    Ab dem 18. Jahrhundert ist der Genitivrückgang nur noch sporadisch dokumentiert, sodass sich kein exaktes Verlaufsbild nach circa 1730 rekonstruieren lässt (vgl. ÁGEL 2000a: 1871). Laut LENZ (1998: 3) liegt die Anzahl der Genitivverben im heutigen Deutsch bei 56 und somit „wesentlich höher […], als intuitiv in der Regel angenommen wird“. In den meisten Fällen erweisen sich diese jedoch – entweder insgesamt oder nur mit der Genitivverwendung – als veraltet oder stilistisch markiert (vgl. LENZ 1996: 4f., 1998: 3).

    Im Neuhochdeutschen ist das „Überleben“ der noch vorhandenen Genitivverben vor allem durch die Konkurrenz anderer Ergänzungstypen gefährdet (vgl. FLEISCHER/SCHALLERT 2011: 83). Hierbei handelt es sich meist um Akkusativobjekte (z. B. Sie entbehrt in dieser Situation seines Trostes versus Sie entbehrt in dieser Situation seinen Trost), Präpositionalobjekte (z. B. Sie erinnerten sich des Sommers versus Sie erinnerten sich an den Sommer) und Infinitivkonstruktionen (z. B. Er ist des Diebstahls angeklagt versus Er ist angeklagt, einen Diebstahl begangen zu haben) (vgl. KOLVENBACH 1973: 124; LENZ 1998: 9 sowie KONOPKA 2013: 15). Von einem allgemeinen Genitivrückgang kann jedoch nicht die Rede sein; die attributive Genitivverwendung ist in der modernen Standardsprache noch weit verbreitet (vgl. FLEISCHER/SCHALLERT 2011: 83).

In vielen Arbeiten wird vor allem der Frage nach dem Grund des Genitivschwunds nachgegangen.159 Eine aus heutiger Sicht jedoch weitaus bedeutendere Frage ist laut ÁGEL (2000a: 1870) die nach der Beschreibung des Verdrängungsprozesses bzw. nach der Erklärung seines Verlaufs. Eine detaillierte Studie bezüglich dieser Fragestellung stammt von FISCHER (1992). Sie zeigt, dass der Genitivschwund vor allem von solchen Textsorten getragen wird, die volkstümlich und konzeptionell mündlich sind, einen lockeren Stil besitzen und sich an einen breiten Rezipientenkreis richten (vgl. ÁGEL 2008: 76). Im Gegensatz zu den genitivverdrängenden volkstümlichen Texten stellen Rechtstexte die stärksten Bewahrer des Genitivobjekts dar, was auch in der heutigen Rechtssprache noch ← 167 | 168 → gut sichtbar ist (vgl. NÜBLING u. a. 2010: 104). Der Genitivrückgang kann daher nach ÁGEL (2000a: 1871) auch als „ein Vertikalisierungsprozeß in der Realisierung einer grammatischen Kategorie“ angesehen werden.

8.3  Korpusauswertung

8.3.1  Vorgehensweise

Es stellt sich die Frage, in wie vielen Phrasemen im gegenwärtigen Deutsch genitivregierende Verben auftreten, die im freien Sprachgebrauch keinen Genitiv mehr fordern. Hierfür wird zunächst auf Grundlage der Forschungsliteratur und der phraseologischen Wörterbücher RÖHRICH (2006), DUDEN (2008) und SCHEMANN (2011) eine Liste mit Phrasemen erstellt, die ein Genitivobjekt enthalten. Insgesamt enthält die Liste 31 Wendungen, wobei keinesfalls ein Vollständigkeitsanspruch erhoben wird:

Übersicht 8-1:  Formelhafte Wendungen mit Genitivobjekt

Genitivobjekte in formelhaften Wendungen

seines Amtes walten

jmdn. seines Amtes entheben

jmdn. eines Anderen/Besseren belehren

sich eines Besseren besinnen

jmds./einer Sache ansichtig werden

sich größter Bescheidenheit

befleißigen jeder Beschreibung spotten

jmdn./etw. keines Blickes würdigen

der Dinge harren, die da kommen werden

sich des Erfolgs rühmen

jeder Grundlage entbehren

jmdn. des Landes verweisen

sich des Lebens freuen

sich der Lügen schämen

der Ruhe pflegen

jmds./einer Sache Herr werden

sich der Pflicht entledigen

jmdn. der Schule verweisen

sich des Vorfalls erinnern

sich der Vorwürfe erwehren

der Welt entsagen

der Toten gedenken

sich der Uhrzeit vergewissern

eines gewaltsamen/(un-)natürlichen/etc.

Todes sterben

seiner Wege/seines Weges gehen

sich seiner Haut wehren

eines Kindes genesen

des Weges (daher-)kommen

Hungers sterben

des Steuers verlustig gehen

sich bester Gesundheit erfreuen

Untersucht wird, in wie vielen dieser Wendungen Verben vorkommen, deren Fähigkeit, Genitivobjekte zu fordern, tatsächlich nur noch auf den formelhaften Gebrauch beschränkt ist. Als Methode dient hierfür zum einen der Abgleich mit einer von LENZ (1996) angefertigten Liste, in der sie alle im heutigen Deutsch noch genitivregierenden Verben aufzählt. Zum anderen werden Korpusanfragen und Kookkurrenzanalysen zu den einzelnen Phrasemen durchgeführt, um deren ← 168 | 169 → wirkliche Verwendung und daraus resultierend die tatsächliche Rektionsfähigkeit festzustellen.

8.3.2  Ergebnis: Kontinuum zwischen freien und phraseologisch gebundenen Genitivobjekten

Zur Identifizierung einer formelhaften Struktur wird – aufgrund nicht vorhandener Idiomatizität – primär auf das Festigkeitskriterium zurückgegriffen. Der Fokus liegt hierbei auf der Variabilität der in die Genitivleerstelle tretenden Ergänzungen. Je höher diese Variabilität ist, desto geringer ist der phraseologische Verfestigungsgrad. Je eingeschränkter diese Ausfüllung ist, desto stärkere formelhafte Züge weist die Wortverbindung auf. Die Tatsache, dass ein Verb genitivregierend ist, bedeutet also nicht automatisch, dass es sich hierbei um eine formelhafte Wendung handelt.

Genitivregierende Verben werden als modellartige Konstruktionen betrachtet, die aus ihrer Valenz heraus die Leerstelle des Genitivobjekts eröffnen. Während bei einigen Verben mehr oder weniger beliebig viele Substantive die Leerstelle besetzen können, existieren auch Verben, bei denen die paradigmatische Austauschbarkeit der Genitivstelle stark eingeschränkt ist. Diese Restriktion und die damit verbundenen „Kombinations- und Selektionspräferenzen“ (FEILKE 1998: 74) einer einzigen oder ein paar weniger Ergänzungen führen zu einem formelhaften Charakter der entsprechenden Konstruktion. Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass eine dichotomische Einteilung in „nur noch in Phrasemen vorkommende Genitivverben“ und „außerhalb von Phrasemen vorkommende Genitivverben“ nicht möglich ist. Vielmehr bestehen Übergangsbereiche zwischen diesen beiden Erscheinungsformen. Es lassen sich grob drei Kategorien unterscheiden:

1)  Verben, die nur noch innerhalb eines Phrasems den Genitiv regieren. Die Genitivrektion ist in der Wendung bewahrt, außerhalb regiert das Verb andere Ergänzungsklassen: jmd. stirbt eines gewaltsamen/(un-)natürlichen/etc. EGen (Tod als einzig mögliche Ergänzung; keine Variabilität = formelhafte Wendung)

2)  Verben, bei denen die Ausfüllung der Genitivleerstelle distributionell und paradigmatisch stark eingeschränkt ist. D. h. als Objekt kann nur eine mehr oder weniger geschlossene Liste an Substantiven fungieren. Ob es sich hierbei um eine formelhafte Wendung oder um ein freies Verb handelt, kann nicht exakt beantwortet werden: jmd. wird EGen enthoben (Amt als dominierende Ergänzung; mittlere Variabilität = formelhafte Züge) ← 169 | 170 →

3)  Verben, bei denen die Position des Genitivobjekts weitgehend frei mit beliebigen Substantiven besetzt werden kann. Das Verb ist in diesen Fällen als ein freies, in keine formelhafte Wendung integriertes zu betrachten: jmd. wird EGen bezichtigt (keine dominierende Ergänzung; hohe Variabilität = freies Verb)

Beispielsweise kann in die durch das Verb sterben eröffnete Genitivleerstelle nur das Substantiv Tod treten (eines gewaltsamen/(un-)natürlichen/etc. Todes sterben), weshalb auch nicht wirklich von einer „Leerstelle“ die Rede sein kann. Einige Genitivverben erscheinen somit nur noch in bestimmten mehr oder weniger festen Wortverbindungen (vgl. KONOPKA 2013: 3). Bei der Konstruktion jmd. wird EGen enthoben zeigt die Korpusanalyse, dass in den meisten Fällen Amtes/Ämter als Ergänzung fungiert, entheben somit bereits stark auf des Amtes eingeschränkt ist (vgl. KONOPKA 2013: 4). Es lassen sich jedoch auch noch weitere Varianten wie Professur, Tätigkeit, Aufgabe und Funktionen finden. Eine sehr hohe Variabilität weist die Leerstelle des Verbs bezichtigen auf. Während es bei entheben eine dominierende Ergänzung (Amtes/Ämter) gibt, kann bei bezichtigen eine ganze Reihe gleichberechtigter Substantive die Genitivstelle einnehmen. Diese stammen zwar alle aus dem semantischen Bereich ‚Straftat, Vergehen‘, ein Substantiv, das prototypisch, d. h. in der Regel, die Genitivstelle besetzt, kann jedoch nicht festgestellt werden. Beispiele wären Lügen, Verrat, Hexerei, Ehebruch, Plagiat, Spionage, Diebstahl, Ketzerei und Rufmord.

Es kann demnach ein Kontinuum angesetzt werden (siehe Übersicht 8–2), dessen Endpunkte zum einen Verben einnehmen, deren Genitivrektion nicht an Formelhaftigkeit gebunden ist (1), und zum anderen Verben, die nur noch innerhalb von festen Wortverbindungen den Genitiv regieren (3). In einem Zwischenstadium sind Verben anzusiedeln, bei denen die Genitivbesetzung mehr oder weniger stark begrenzt ist (2), die sich also zwischen einer freien und einer formelhaften Verwendung befinden. Je weiter die in Übersicht 8–2 modellierte Entwicklung fortgeschritten ist, desto eher liegt eine formelhafte (Ir-)Regularität des Genitivobjekts vor:

Übersicht 8-2:  Kontinuum zwischen freien und phraseologisch gebundenen Genitivverben

image ← 170 | 171 →

Auf eine skalare Einteilung macht auch LENZ (1996: 4) aufmerksam, wenn sie betont, dass sich einige der von ihr aufgelisteten genitivregierenden Verben „auf dem Weg der Idiomatisierung“ befinden. Die formelhafte (Ir-)Regularität des Genitivobjekts gestaltet sich demnach nicht als eine dichotomische Kategorie, bei der die Grenze zwischen regulärem, außerphraseologischem und „irregulärem“, formelhaftem Sprachgebrauch klar gezogen werden kann. Vielmehr ist dieses Phänomen prototypischer Art: Die zentralen Vertreter stellen genitivregierende Verben dar, die nur noch in festen Wortverbindungen auftreten, im Übergangsbereich befinden sich solche, die sich innerhalb eines Verfestigungsprozesses befinden, und am Randbereich bzw. außerhalb dieser Kategorie solche, die generell (noch) relativ kontextunabhängig aus ihrer Valenz heraus den Genitiv fordern und regieren.

Als Beispiel für den Übergangsbereich führen LENZ (1996) und EICHINGER (2012) das Verb harren an. LENZ (1996: 4) betont, dass dieses auf der einen Seite in bestimmten Kontexten noch sehr geläufig ist, auf der anderen Seite in der übrigen Verwendung aber veraltet erscheint. Den prototypischen Gebrauch stellt die Wendung der Dinge harren, die da kommen werden dar. Verwendungsweisen wie in Sie harrt ihrer Schwester oder Sie harrt ihres neuen Autos sind dagegen ungewöhnlich bzw. veraltet. Die starke Einschränkung der zu besetzenden Genitivleerstelle hebt auch EICHINGER (2012: 93) hervor, wenn er das Verb harren als stark konstruktionsgebunden interpretiert:

Ein ähnliches und vielleicht noch konstruktionsgebundeneres Bild zeigt harren: In der überwiegenden Anzahl der Belege harrt man der Dinge, die da kommen.

Dass das Verb harren jedoch nicht ausschließlich auf die formelhafte Wendung beschränkt ist, zeigen folgende Belege:

     (59)  Sie ergriffen Rechen und Spaten und harrten der Worte von Bürgermeister-Stellvertreter und Gärtnermeister Heinz Kimmel: „Ihr müsst tiefer graben, den Ballen fest andrücken“, lauteten seine Anweisungen, die von den Helfern ohne jede Widerworte befolgt wurden. (Mannheimer Morgen, 29.05.2012)

     (60)  Gut vorbereitet auf den bevorstehenden Winter glaubt sich die Stadtverwaltung auch heuer. Die in den vergangenen Jahren angekauften Klein-Lkw, Klein-Traktoren und Unimogs harren des ersten Schnees. (Die Presse, 06.11.1992)

     (61)  Nürnbergs Schauspielhaus harrt der Sanierung, die nach etlichen Verschiebungen nun im Sommer 2007 starten soll. (Nürnberger Nachrichten, 17.05.2006)

Verben, die sich im Übergangsbereich zwischen freier und phraseologisch gebundener Genitivrektion befinden, ähneln dem Wortbildungsphänomen der sogenannten Affixoide. Bei Affixoiden handelt es sich um Morpheme, die sich innerhalb der „Entwicklung vom selbstständigen Wort (als freiem Lexem oder als ← 171 | 172 → Kompositionsglied) zum nur gebunden vorkommenden Affix“ (STEIN 2008: 181) befinden. Affixoide stehen auf einer Zwischenstufe zwischen Komposition und Affigierung, die hier in Kategorie 2) angeführten Verben auf einer Zwischenstufe zwischen „regulärer“, freier Genitivrektion und phraseologisch gebundener. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Tatsache, dass die Beurteilung, ob es sich bei der ein oder anderen Genitivkonstruktion um eine formelhafte (Ir-)Regularität bzw. überhaupt um eine verfestigte Wendung handelt, nicht immer eindeutig getroffen werden kann, da die Entwicklung – ebenso wie bei Affixoiden – unterschiedlich weit fortgeschritten sein kann (vgl. STEIN 2008: 189) (siehe auch Kapitel 16.2.3).

8.4  Genitivobjekte außerhalb formelhafter Wendungen

Die formelhafte (Ir-)Regularität des Genitivobjekts ist insofern eine besondere, als dass sie – wie bereits angesprochen – nicht nur auf feste Wortverbindungen beschränkt ist. Auch außerhalb von Phrasemen finden sich im Gegenwartsdeutsch (noch) Verben, die genitivregierend sind (vgl. ENGEL 2009: 98). Diese beschränken sich jedoch in hohem Maße auf die geschriebene Sprache; innerhalb der gesprochenen Sprache finden sich kaum adverbale Genitive (vgl. LENZ 1996: 11).

Die Zahlen der genitivregierenden Verben im heutigen Deutsch gehen in verschiedenen Studien teilweise weit auseinander: Nach SAUTER (1998: 181) existieren nur noch circa fünf bis acht genitivregierende Verben. KOLVENBACH (1973: 123) und ABRAHAM (1995: 177) schätzen die Zahl auf ungefähr 40 Verben, wobei sie den Gebrauch auf die Schriftsprache eingrenzen. Die ausführlichste Zusammenstellung nimmt LENZ (1996) vor. Ihr zufolge liegt die Zahl der Verben, die heute noch einen Genitiv regieren (können), bei 56. Dabei unterscheidet sie zwischen 31 Nichtreflexiva und 25 Reflexiva (siehe Übersicht 8–3):

Übersicht 8-3:  Genitivfähige Verben im Gegenwartsdeutsch nach LENZ (1996)

image ← 172 | 173 →

Die von LENZ (1996) erstellte Liste muss vor allem im Hinblick auf drei Aspekte kritischer beurteilt werden:

    Unter den aufgeführten Verben finden sich nicht wenige, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur bedingt als gebräuchlich erscheinen (z. B. sich erdreisten und sich befleißigen). Die Liste enthält demnach viele Lexeme, die nicht zum aktiv verfügbaren Wortschatz gerechnet werden können (vgl. DONHAUSER 1998: 69).

    Die größte Problematik der Listenerstellung liegt im methodischen Vorgehen. Die Liste basiert auf Grammatiken, Valenzwörterbüchern und Arbeiten, die sich mit Genitivobjekten beschäftigen (vgl. LENZ 1996: 3). Eine Korpusanalyse, die Aufschluss über die tatsächliche Rektion der Verben geben könnte, ist nicht Bestandteil des Vorgehens. Führt man empirische Stichproben durch, so wird schnell ersichtlich, dass LENZ (1996) Verben anführt, von denen im Gegenwartsdeutsch keinerlei Genitivrektion (mehr) ausgeht (z. B. pflegen und vergessen).

    Bei einigen Genitivverben ist der Prozess in Richtung „formelhafter Wortverbindung“ weiter fortgeschritten als bei anderen bzw. besitzen manche bereits den Charakter einer „idiomatischen Wendung“ (DONHAUSER 1991: 6). Die Ausfüllung der Objektergänzung ist bei diesen eingeschränkter als bei anderen, freieren Verben. Dies trifft beispielsweise auf die Verben harren, entheben und verweisen zu, die in der Liste als freie Genitivverben deklariert werden, deren Ergänzungsstellen paradigmatisch jedoch starke Begrenzungen aufweisen. Ihr tatsächlicher Gebrauch tendiert somit in Richtung eines formelhaften.

Bezüglich der Verwendungskontexte unterscheidet EICHINGER (2012: 90f.) drei Kontexttypen, die auch heute noch gute Voraussetzungen für die Bewahrung des Genitivobjekts bieten. Neben dem in diesem Kapitel behandelten Phänomen des Genitiverhalts in formelhaften Konstruktionen nennt er juristische Kontexte (z. B. beschuldigen und anklagen) sowie die „stilistisch überneutral wirkende Verwendung einer Reihe, vor allem reflexiver Verben“ (EICHINGER 2012: 90). KONOPKA (2013: 13) führt weiter an, dass „die im Veralten befindliche Genitivrektion in besonderer Weise bildungssprachlich [wirkt]“ und sie sich daher anbietet, im Rahmen gehobener Anlässe gebraucht zu werden: „Ihre bloße Verwendung kann schon eine ernste, oft feierliche Atmosphäre evozieren“ (ebd.).

Insgesamt kann festgehalten werden, dass Genitivobjekte im gegenwärtigen Deutsch neben der Bewahrung in formelhaften Wendungen nur noch von einigen wenigen Verben gefordert werden und diese häufig an bestimmte ← 173 | 174 → Gebrauchskontexte gebunden sind.160 Der Übergang zwischen „freier“ und „phraseologisch gebundener“ Genitivrektion ist fließend, wobei davon auszugehen ist, dass die Entwicklung unidirektional in Richtung des gebundenen Gebrauchs abläuft. Trotz dieser „trüben Zukunftsprognosen“ hebt LENZ (1996: 11) hervor, dass adverbale Genitive noch immer ein „beachtenswerter Bestandteil“ des Gegenwartsdeutsch sind. Und auch KOLVENBACH (1973: 133) betont, dass ein „Hauch von Genitivobjekt“ auch in Zukunft weiterhin bestehen bleiben wird, und bilanziert:

Alles in allem gar keine so schlechte Bilanz für einen Kasus, dessen Untergang zu althochdeutscher Zeit begann und sich in mittelhochdeutscher Zeit verstärkt fortsetzte […]. ← 174 | 175 →


156  Genau genommen stellt diese „Irregularität“ eine Unterklasse von Valenz(ir)regularitäten dar (siehe Kapitel 11.4.5). Ihr wird dennoch ein eigenständiges Kapitel gewidmet, da sie in der Forschung häufig als gesondertes Phänomen angeführt wird.

157  Zur allmählichen Verdrängung des Genitivobjekts liegen zahlreiche Studien vor, sodass ÁGEL (2000a: 1870) hierbei von dem „am besten erforschte[n] Prozeß des Valenzwandels“ spricht.

158  Zu spezifischen Funktionen des Objektsgenitivs im Mittelhochdeutschen siehe SCHMID (2004).

159  Siehe u. a. KOLVENBACH (1973); VAN DER ELST (1984); DONHAUSER (1990); LEISS (1990); SCHRODT (1992) sowie FLEISCHER/SCHALLERT (2011: 90–94).

160  Darüber hinaus finden sich auch noch in einigen Dialekten adverbale Genitive. So weisen FLEISCHER/SCHALLERT (2011: 86) darauf hin, dass besonders im Höchstalemannischen „die adverbale Verwendung des Genitivs noch gut erhalten ist“.