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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

Series:

Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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9. Adverbialer und prädikativer Genitiv

9.  Adverbialer und prädikativer Genitiv

9.1  Definition: Adverbialer Genitiv

Als adverbiale Genitive werden Nominalphrasen im Genitiv bezeichnet, die die Funktion einer adverbialen Bestimmung besitzen (z. B. letzten Endes, guten Glaubens und gesenkten Hauptes). Aus semantischer Perspektive können adverbiale Genitive temporal (z. B. eines Tages), lokal (z. B. manchen Orts), modal (z. B. schnellen Schrittes) und als Einstellungsoperator (z. B. meines Wissens) gebraucht werden (vgl. GALLMANN/SITTA 2010: 109 sowie PITTNER 2014).

Werden adverbiale Genitive in Grammatiken angeführt, dann meist mit dem Vermerk, dass sie „fast nur noch als feste Wortverbindungen [auftreten]“ (DUDEN 2009: 821). Die vorherrschende Meinung besteht darin, dass ihr Vorkommen gegenwartssprachlich marginal ist und sie größtenteils als lexikalisierte Einheiten bzw. formelhafte Wendungen erhalten sind (vgl. WEGERA/WALDENBERGER 2012: 158). So konstatiert BURGER (1973: 33), der adverbiale Genitiv sei synchron nicht mehr produktiv. Und auch für BUSSE (2002: 411) stellen Wendungen wie mangels Masse und lebendigen Leibes Beispiele für „die Verwendung morphosyntaktischer Archaismen“ dar.161 ← 175 | 176 →

Es stellt sich die Frage, ob es sich bei adverbialen Genitiven im gegenwärtigen Deutsch tatsächlich nur (noch) um erstarrte, formelhafte Reste handelt oder ob sie nicht doch produktive syntaktische Konstruktionen darstellen (vgl. PITTNER 2014). Im Folgenden wird zunächst ein knapper Überblick über die diachrone Entwicklung adverbialer Genitive gegeben, um daraufhin der aufgeworfenen Frage nachzugehen.

9.2  Diachrone Entwicklung adverbialer Genitive

Zur diachronen Entwicklung adverbialer Genitive finden sich sowohl in gängigen sprachhistorischen Überblickswerken als auch in Grammatiken zu älteren Sprachepochen kaum detailliertere Ausführungen.162 Einen knappen Überblick gibt EGOROVA (2006) in ihrer Dissertation zu „Adverbiale[n] Kasus des Deutschen“. Betrachtet man die Genitivphrasen bezüglich ihrer Semantik, lassen sich diachron – ebenso wie im Gegenwartsdeutsch – temporale, lokale und modale Genitive unterscheiden:

     Temporale Adverbialgenitive sind bereits im Gotischen anzutreffen. Im Laufe der Zeit verdrängen sie den temporalen Dativ, wodurch sie im Althochdeutschen bereits öfters als Zeitangabe gebraucht werden (vgl. EGOROVA 2006: 86). Beispielsweise entwickeln sich aus der althochdeutschen Genitivphrase noh dages hiutu (mhd. hiutes tages) die neuhochdeutschen temporalen Genitive Tags, eines Tages und heutigen Tages (vgl. EGOROVA 2006: 87). Auch im Frühneuhochdeutschen existieren noch temporale Adverbialgenitive.

     Lokale Adverbialgenitive findet man im Gotischen sehr häufig. So stellt EGOROVA (2006: 88) fest, dass diese für das Gotische „anscheinend natürlich oder sogar typisch“ sind. Zu althochdeutscher Zeit sind lokale Genitivkonstruktionen noch reicher belegt (z. B. wuastwaldes ruafan = durch den Wald rufen) (vgl. EGOROVA 2006: 89). Im Neuhochdeutschen sind lokale Genitivverbindungen fast vollständig abgebaut und treten laut EGOROVA (2006: 89) nur noch in „beschränkten Verbindungen“ auf. ← 176 | 177 →

    Auch modale Genitivadverbiale sind in älteren Sprachepochen des Deutschen reichlich dokumentiert. Zu mittelhochdeutscher Zeit wird der modale Genitiv häufig mit Bewegungsverben gebraucht. EGOROVA (2006: 90) hebt einige Substantive hervor, bei denen im Mittelhochdeutschen adverbiale Genitivformen weit verbreitet sind. U. a. sind dies wîs und dingo (manager wis, gelicher wis, managero dingo etc.).

9.3  Adverbiale Genitive im Gegenwartsdeutsch

9.3.1  Vorbemerkungen: Die Bewahrung adverbialer Genitive in formelhaften Wendungen

In der gegenwartssprachlichen Forschung herrscht überwiegend die Ansicht, adverbiale Genitive seien periphere Erscheinungen, die dank der phraseologischen Festigkeit auch heute noch anzutreffen sind:

Bei den Genitiv-NPs in adverbialer Funktion handelt es sich um einige Restbestände, die mehr oder weniger als Lexikoneinheiten betrachtet werden müssen, da sie nur noch sehr eingeschränkt veränderbar sind. (PITTNER 1999: 58)

Auf den auf formelhafte Wendungen beschränkten Gebrauch macht auch DÜRSCHEID (1999: 36) aufmerksam, wenn sie betont, dass die Verwendung des Adverbialgenitivs temporal, lokal und modal „im Vergleich zu älteren Sprachstufen stark zurückgegangen“ ist und „die heute noch gebräuchlichen adverbialen Genitiv-NPs fast nur noch lexikalisiert auftreten.“ LENZ (1996: 43) spricht von einer „Idiomatisierung“ der entsprechenden Genitivphrasen. Für sie ist dieser Idiomatisierungsprozess besonders untersuchenswert, wobei sie nicht allen Adverbialgenitiven einen gleichermaßen vorangeschrittenen Prozess der Idiomatisierung zuspricht, sondern davon ausgeht, dass dieser mehr oder weniger weit fortgeschritten sein kann. Die nachfolgenden Ausführungen knüpfen an dieser Vermutung an. Fokussiert wird neben der Vorstellung adverbialer Genitive des heutigen Deutsch besonders die Frage nach deren Idiomatisierungs- bzw. Verfestigungsgrad. Sozusagen als „Aufhänger“ dient hierfür die These DÜRSCHEIDS (1999: 36), es handle sich bei adverbialen Genitiven in der Gegenwartssprache um keine produktiven Muster.

Dieser Ansicht werden Adverbialgenitive gegenübergestellt, die sich sehr wohl durch eine produktive Musterhaftigkeit auszeichnen. Untersuchungen von PITTNER (2009, 2010, 2014) und EGOROVA (2006) zeigen, dass bestimmte Genitivphrasen in adverbialer Funktion auch heute noch produktiv sind. Als theoretischer Erklärungsansatz greife ich auf konstruktionsgrammatische Überlegungen bzw. das aus der Phraseologie stammende Konzept der Modellbildungen zurück. ← 177 | 178 →

9.3.2  Temporale und lokale Adverbiale sowie adverbiale Einstellungsoperatoren

Betrachtet man den Verfestigungsgrad bzw. die Produktivität adverbialer Genitive, lassen sich zwei Kategorien voneinander unterscheiden: zum einen Genitivphrasen, die im Gegenwartsdeutsch stark auf bestimmte formelhafte Wendungen beschränkt sind, und zum anderen spezielle adverbiale Genitive, die einen produktiven Status besitzen und im Sinne des Modellbildungskonzepts als frequente Konstruktionen angesehen werden können:

Produktiv einsetzbar sind nur noch Genitiv-NPs, die einen Zustand des Subjekts- und Objektsreferenten bezeichnen und daher nicht eigentlich modaladverbiale, sondern prädikative Funktion haben: frohen Mutes/gelassenen Sinnes/trockenen Fußes… (PITTNER 1999: 58)

PITTNER (1999) klassifiziert diese Konstruktionen als freie Prädikative. Wie weiter oben ausgeführt wurde, wird die Unterscheidung zwischen modalen Adverbialen und freien Prädikativen in der vorliegenden Arbeit jedoch nicht vorgenommen, weshalb die von PITTNER (1999) charakterisierten Erscheinungen (z. B. frohen Mutes/gelassenen Sinnes/trockenen Fußes) als Modaladverbiale analysiert werden. Im Gegensatz zu modalen Genitivphrasen weisen temporale und lokale sowie adverbiale Einstellungsoperatoren keine ausgeprägte Produktivität (mehr) auf:

1)  Temporaladverbiale: Temporale Genitivadverbiale unterliegen starken semantisch-lexikalischen Restriktionen und gelten daher nicht als produktive Muster der Gegenwartssprache (vgl. EGOROVA 2006: 105). Die substantivischen Köpfe können nach EGOROVA (2006: 106) in drei Kategorien unterschieden werden: 1) Benennung von unbegrenzten bzw. nicht genau begrenzten Zeiträumen (z. B. Zeit, Augenblick), 2) Benennung von Zeiteinheiten (z. B. Sekunde, Minute, Tag) sowie 3) Benennung von begrenzten Zeitabschnitten/Zeiträumen (z. B. Morgen, Mittwoch, Frühling). EGOROVA (2006: 106–118) differenziert sieben verschiedene Strukturmodelle. Ohne genauer auf die einzelnen Ausprägungen einzugehen, wird anhand des detaillierten Vorgehens EGOROVAS (2006) deutlich, dass es sich hierbei um konstruktionsartige Gebilde handelt. Die einzelnen strukturellen Varianten können als modellhafte Konstruktionen betrachtet werden. Es handelt sich also weniger um völlig feste Phraseme, als vielmehr um Konstruktionsmuster im Sinne phraseologischer Modellbildungen. Exemplarisch soll dies an der Konstruktion „Quan-tor ein + (Adj.) + Subst. im Gen. (Sg.)“ verdeutlicht werden. EGOROVA (2006) führt als Beispiele eines schönen Tages und eines frühen Morgens an. Semantisch drückt diese Konstruktion so viel aus wie ‚einmaliger Zeitabschnitt, der ← 178 | 179 → in seiner Dauer begrenzt, aber bezüglich seiner Anordnung auf der Zeitachse nicht bestimmt ist‘ (vgl. EGOROVA 2006: 108). Die lexikalische Ausfüllung der Leerstellen gestaltet sich recht variabel. Als Substantive können u. a. die Wörter Augenblick, Tag, Nacht, Morgen und Abend fungieren. Die fakultative Adjektivstelle ist hinsichtlich der möglichen Ergänzungen relativ stark begrenzt. EGOROVA (2006: 107f.) verweist vor allem auf qualitative Adjektive wie früh und spät (Dimension: Zeit), heiß und kalt (Dimension: Temperatur), gut und schön (subjektive Einschätzung) sowie heiter und sonnig (meteorologische Eigenschaften). Aus pragmatischer Perspektive hält EGOROVA (2006: 107) fest, dass die Konstruktion besonders in narrativen Texten anzutreffen ist. Weitere konkrete Beispiele sind: eines späten Herbstabends, eines schönen Nachmittags und eines kalten Winterabends.

2)  Lokaladverbiale: Während sich für Temporaladverbiale eine ganze Palette an Konstruktionsmöglichkeiten aufstellen lässt, weisen Lokaladverbiale stärkere Einschränkungen auf. Ihr Verfestigungsprozess ist im Gegenwartsdeutsch weit vorangeschritten. Auch EGOROVA (2006: 118) macht auf diesen Umstand aufmerksam, wenn sie betont, dass es sich bei lokalen Genitivadverbialen nur noch um „einige phraseologisierte und erstarrte Redewendungen“ handelt. Als einen Grund für den Rückgang lokaler Genitivphrasen führt sie u. a. Grammatikalisierungsprozesse an, in denen polylexikalische zu monolexikalischen Einheiten verschmelzen (z. B. mancher Orts à mancherorts). Als substantivische Köpfe kommt laut EGOROVA (2006: 118) nur noch „eine restringierte Anzahl“ in Betracht: 1) Substantive mit räumlicher Semantik (z. B. Ende, Meile, Ort, Pfad, Straße, Weg), 2) einige andere Substantive (z. B. Hand in linker/rechter Hand) und 3) die Komparationsform von weit (des Weiteren). Die von EGOROVA (2006) angegebenen Beispielvarianten enthalten jedoch teilweise Wendungen, die nicht als (lokale) Genitivadverbiale, sondern vielmehr als Genitivobjekte betrachtet werden sollten; beispielsweise die Wortverbindung seiner Wege gehen, die weiter oben als Genitivobjekt klassifiziert ist (siehe Übersicht 8–1). Des Weiteren lässt sich anführen, dass es sich bei lokalen Genitivadverbialen tatsächlich nur noch um wenige Phraseme handelt. Im Gegensatz zu temporalen Adverbialen besitzen sie kein umfangreiches Variationsspektrum. Als Beispiele für lokale Adverbiale führt EGOROVA (2006: 118–122) u. a. halben Weg(e)s, aller (zwei/drei/vier/etc.) Meilen, aller Ecken und Enden und aller Orten an.

3)  Einstellungsoperatoren: Unter Genitiven als Einstellungsoperatoren fallen Konstruktionen des Schemas „Possessiva + kognitive Substantive“ wie meines/deines/seines Erachtens/Wissens (vgl. EGOROVA 2006: 139). PITTNER ← 179 | 180 → (1999: 58) bezeichnet solche Wendungen als Satzadverbiale, die zur Autorisierung einer Aussage dienen. Diese Konstruktion ist nur sehr eingeschränkt produktiv, da lediglich eine stark begrenzte Zahl an Substantiven die Verbindung eingehen kann. EGOROVA (2006: 139) verweist dabei auf folgende: Ansicht, Auffassung, Dafürhalten, Erachten, Erkenntnis, Meinung, Wissen und Wissensstand. Trotz dieser Restriktion stellt die Wendung eine Modellbildung dar, wobei sich neben der Genitivrealisierung noch zwei weitere Strukturformeln zeigen: eine mit nachgestellter Präposition (z. B. meiner Meinung/Ansicht/Auffassung nach) und eine mit vorangestellter (z. B. nach meiner Meinung/Ansicht/Auffassung) (vgl. EGOROVA 2006: 143f.).

9.3.3  Modale adverbiale Genitive als produktive (Phrasem-)Konstruktionen

Modale Adverbialgenitive grenzen sich insofern von anderen adverbialen Genitiven ab, als sie – entgegen der Meinung vieler Grammatiken – teilweise auch heute noch produktive syntaktische Konstruktionen darstellen. Auf diesen Umstand machen vor allem EGOROVA (2006) und PITTNER (2009, 2010, 2014) aufmerksam. Die These, dass es sich hierbei um eine produktive – und somit genau genommen um keine „irreguläre“ – Konstruktion handelt, verdeutlichen PITTNER (2009, 2010, 2014) und EGOROVA (2006) mithilfe von umfangreichen Listen an Adjektiven, die bei verschiedenen Substantiven die attributive Leerstelle besetzen können. So betont EGOROVA (2006: 130):

Nach der Analyse zahlreicher Belege mit modalen Genitiven stellt man fest, dass die Anzahl möglicher substantivischer Köpfe bei diesen Konstruktionen gar nicht so gering ist, wie es anfangs schien.

Adverbiale Genitive mit modaler Semantik können demnach als vitale Erscheinungen betrachtet werden. Ihr Auftreten ist nicht vollkommen phraseologisch gebunden, sondern lediglich konstruktionsgebunden. Die Konstruktion besitzt folgende Struktur: „Adj./Part. I/II + Subst. im Gen. Sg./Pl.“ (vgl. EGOROVA 2006: 124).

Semantisch drücken modale Adverbialgenitive primär die Art und Weise (das wie) einer Handlung sowie emotionale, seelische oder situationsbezogene Zustände einer Person aus (vgl. EGOROVA 2006: 124), wobei die potenziellen Substantive nach EGOROVA (2006: 123) in folgende onomasiologische Bereiche eingeteilt werden können:

1)  Substantive, die Körperteile oder Sinnesorgane bezeichnen: z. B. Angesicht, Arm, Auge, Fuß, Gesicht, Haar, Hand, Haupt, Herz, Kopf, Mund und Ohr ← 180 | 181 →

2)  Bezeichnungen der Handlungen, die mit den entsprechenden Substantiven aus der ersten Gruppe korrespondieren: z. B. Atem, Blick, Gang, Lauf, Schritt, Steigen, Stimme und Ton

3)  Bezeichnungen von geistigen Zuständen und Eigenschaften, die nur für ein Lebewesen typisch sind: z. B. Geist, Gemüt, Gewissen, Mut und Sinn

4)  andere Substantive, für die keine allgemeine Bedeutung zu finden ist: z. B. Ding, Ende, Feuer, Kauf, Sache, Teil und Weg

Betrachtet man die Strukturformel „Adj./Part. I/II + Subst. im Gen. Sg./Pl.“ genauer, so ist diese zunächst einmal deswegen als eine abstrakte Konstruktion zu identifizieren und nicht als ein (modellhaftes) Phrasem, da innerhalb der Konstruktion keine festen lexikalischen Bestandteile vorhanden sind, wie es bei phraseologischen Modellbildungen notwendigerweise der Fall sein muss (vgl. DOBROVOLSKIJ 2011: 113). Richtet sich der Blick aber auf die konkreten Ausfüllungen dieser Leerformel, kristallisieren sich adverbiale Genitive heraus, die entweder eindeutig phraseologisch sind oder sich auf dem Weg der Verfestigung/Phraseologisierung befinden. Es besteht demnach auch bei adverbialen Genitiven – ähnlich wie bei Wendungen mit Genitivobjekt – ein Kontinuum zwischen relativ freien und phraseologischen Konstruktionen (siehe Übersicht 9–1):

Übersicht 9-1:  Kontinuum zwischen freien und phraseologisch gebundenen adverbialen Genitiven

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Als Hauptkriterium für die Unterscheidung in „freie“ und „formelhafte“ Genitivadverbiale können die Elemente herangezogen werden, mit denen das entsprechende Substantiv eine Verbindung eingeht, d. h. das Adjektiv bzw. das Partizip. So können zwar relativ viele nominale Komponenten innerhalb des Konstruktionsschemas realisiert werden, das quantitative Spektrum an Adjektiv- bzw. Partizipialattributen ist aber von Substantiv zu Substantiv recht unterschiedlich. Es erstreckt sich von Substantiven, die mit einer nicht erschöpfenden Reihe an Attributen eine Verbindung eingehen können (z. B. Schrittes + anmutenden, eilenden, flinken, leichten, müden, steifen, zügigen etc.), bis hin zu ← 181 | 182 → adverbialen Genitivkonstruktionen, die nur aus einem Kopf mit einer einzig möglichen Attribuierung bestehen (z. B. leichten Kauf(e)s). Zwischen diesen beiden Extrempunkten können Konstruktionen angesiedelt werden, deren attributives Erweiterungspotenzial zwar durchaus variationsreich, von der Anzahl her aber relativ stark eingeschränkt ist (z. B. Gewissens + besseren, besten, ehernen, guten, leichten, reinen, reinsten, ruhigen, ruhigsten, schlechten, verletzten).163 Dieses Kontinuum gilt nicht allein für modale Adverbialgenitive, sondern zum Teil auch für die anderen semantischen Klassen. Auf den innerhalb der Grafik durch die skalare Einteilung hervorgehobenen Verfestigungsprozess verweist EGOROVA (2006: 145; Hervorhebung im Original) explizit, wenn sie betont, dass im gegenwartssprachlichen Deutsch viele adverbiale Genitive „schon teilweise oder ganz idiomatisiert [sind], d. h. sie sind zu festen, mehrgliedrigen Wortgruppen oder Lexikoneinheiten (Idiomen oder Phraseologismen) erstarrt.“

Als zentrales Kriterium für diesen Phraseologisierungsprozess verweist sie auf „den Verlust der Kombinationsmöglichkeiten“ (EGOROVA 2006: 145). Es lässt sich also festhalten: Je mehr (gleichberechtigte) attributive Variationsmöglichkeiten bei einem Substantiv, das innerhalb einer Genitivadverbiale realisiert ist, vorhanden sind, desto fraglicher ist es, in diesen Fällen von (idiomatischen) Phrasemen zu sprechen. Die starke kombinatorische Begrenzung der attributiven Erweiterung auf wenige Ergänzungen bzw. sogar nur auf eine einzige (dominante) Ergänzung und/oder das Vorhandensein von Idiomatizität hingegen sind Ausdruck eines formelhaften, phraseologischen Status der entsprechenden Konstruktion.

Eines ist dabei jedoch zu beachten: Es kommt weniger darauf an, mit wie vielen Adjektiven bzw. Partizipien ein Substantiv als adverbialer Genitiv auftritt, sondern vielmehr, wie häufig es mit bestimmten Ergänzungen realisiert ist. Die reine Auflistung möglicher Erweiterungen – so wie sie PITTNER (2010) vornimmt – sagt im Grunde nichts aus, solange nicht mittels Korpusanalyse festgestellt wird, ob manche Adjektive bzw. Partizipien stärker mit ihrem Bezugswort kookkurrieren als andere. Mit anderen Worten: Es spielt keine Rolle, wie viele verschiedene Attribute sich zu einem Substantiv finden lassen, aussagekräftiger ist es, wie häufig diese mit ihrem Bezugswort auftreten. ← 182 | 183 →

Übersicht 9-2:  Quantität der Attributerweiterungen der Wendung X[Adj./Part.] Hauptes

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So stellt PITTNER (2010) zwar fest, dass Hauptes mit 32 Ergänzungen attribuiert werden kann, die Korpusanalyse der vorliegenden Arbeit zeigt aber, dass es sich bei vielen dieser Erweiterungen schlichtweg um singuläre Erscheinungsformen handelt (siehe Übersicht 9–2) – sozusagen um Hapax legomena. In den meisten Fällen kookkurriert Hauptes mit erhobenen. Die übrigen Attribute können als Modifikationen bzw. bei gesenkten und trockenen als Variationen des Ausgangsphrasems erhobenen Hauptes aufgefasst werden.

Das gleiche Bild zeigt sich bei adverbialen Genitiven mit Auges. PITTNER (2010) listet 40 Erweiterungen auf, letztlich stellt jedoch nur sehenden und mit Einschränkungen offenen und wachen den unmarkierten Fall dar (siehe Übersicht 9–3). Die Nennform des Phrasems lautet demnach sehenden/(offenen/wachen) Auges. Die übrigen Attribute lassen sich mehr oder weniger als Einzelfälle bzw. Modifikationen charakterisieren. ← 183 | 184 →

Übersicht 9-3:  Quantität der Attributerweiterungen der Wendung X[Adj./Part.] Auges

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Und auch bei adverbialen Genitiven mit Fuß lässt sich veranschaulichen, dass das Vorgehen von PITTNER (2010) aus empirischer Sicht zu verallgemeinernd ist. Denn auch hier offenbart die Korpusanalyse, dass diese Komponente fast ausschließlich mit trockenen erweitert wird (siehe Übersicht 9–4). Alle übrigen Attribuierungen sind demnach Varianten bzw. Modifikationen der Nennform trockenen Fußes.

Übersicht 9-4:  Quantität der Attributerweiterungen der Wendung X[Adj./Part.] Fußes

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Als letztes Beispiel kann Schrittes angeführt werden (siehe Übersicht 9–5). Bei diesem existiert keine wirklich dominante attributive Erweiterung. Die Verteilung der möglichen Adjektive bzw. Partizipien ist ausgeglichener als bei den oben genannten Beispielen. So nimmt schnellen zwar die Spitzenstellung ein, gemessenen, strammen, eiligen, festen, forschen, gemächlichen etc. sind aber auch – von der Frequenz her gesehen – favorisierte Varianten.

Übersicht 9-5:  Quantität der Attributerweiterungen der Wendung X[Adj./Part.] Schrittes

image ← 185 | 186 →

Die Korpusanalyse deckt auf, dass nicht deshalb so viele Attribuierungen zu einigen Substantiven existieren, weil es sich bei diesen um freie adverbiale Genitivkonstruktionen handelt. Vielmehr ist es das Modifikationspotenzial von Phrasemen, das zu dieser Menge an attributiven Erweiterungsformen führt.

Eine Besonderheit sollte nicht unerwähnt bleiben: Bei modalen Genitivadverbialen ist eine gewisse „Normangleichung“ zu beobachten, und zwar dann, wenn sie durch mit-Präpositionalphrasen ersetzt werden (vgl. PITTNER 2010: 206). Eine von mir durchgeführte exemplarische Korpusauswertung deutet jedoch darauf hin, dass zwischen einzelnen Realisierungen teilweise große Unterschiede bezüglich dieser Variation bestehen. Wie in Übersicht 9–6 zu erkennen ist, gibt es Wendungen, die im DEREKO fast ausschließlich in Form einer adverbialen Genitivkonstruktion vorkommen (z. B. sehenden Auges), Wendungen, bei denen das Verhältnis zwischen Genitiv- und Präpositionalkonstruktion relativ ausgeglichen ist (z. B. schnellen Schrittes), und Wendungen, in denen die präpositionale Variante bei weitem überwiegt (z. B. gesenkten Kopfes).

Übersicht 9-6:  Varianz zwischen Genitiv- und Präpositionalkonstruktionen

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Die These von EGOROVA (2006: 147f.), dass „im Gegenwartsdeutschen immer öfter statt der adverbialen Genitive PPs mit ähnlicher Bedeutung gebraucht“ werden, ist demnach zu pauschalisierend und kann mithilfe korpusanalytischer Auswertungen widerlegt werden. Die Ersetzung adverbialer Genitive durch eine Präpositionalkonstruktion ist von Phrasem zu Phrasem stark unterschiedlich.

9.4  Definition: Prädikativer Genitiv

Neben vorangestellten Genitivattributen, Genitivobjekten und Adverbialgenitiven existiert eine weitere genitivspezifische Besonderheit innerhalb der formelhaften Sprache: der prädikative Genitiv. Hierbei handelt es sich um Nominalphrasen im Genitiv, die syntaktisch die Funktion eines Prädikativums besitzen (z. B. guter Dinge sein, guter Hoffnung sein und anderen Sinnes sein/werden) (vgl. HENTSCHEL/WEYDT 1990: 158). Entscheidend für die prädikative Struktur ist die Verbindung mit einem Kopulaverb (z. B. sein, werden oder bleiben).

In der Regel stehen Prädikative im Nominativ (z. B. Er ist Lehrer) oder im Akkusativ (z. B. Er nannte ihn einen Blödmann). Prädikative im Genitiv beschränken sich nach mehrheitlicher Meinung der Grammatiken nur noch auf „wenige Wendungen“ (vgl. HELBIG/BUSCHA 2002: 366; HENTSCHEL/WEYDT 1990: 158 sowie PITTNER 2010: 194). Gelegentlich werden sie auch anderen syntaktischen Funktionen zugerechnet. Beispielsweise subsumieren DUDEN (2009: 821) und FLEISCHER (1997a: 48) sie unter die Klasse der adverbialen Genitive.

Die vorliegende Arbeit sieht es dagegen als notwendig an, prädikative Genitive als eigenständiges Phänomen zu beschreiben. Sie stellen eine von Genitivobjekten und Adverbialgenitiven abzugrenzende syntaktische Klasse dar (vgl. HELBIG/BUSCHA 2002: 265f.). Ähnlich wie bei adverbialen Genitiven stellt sich auch bei prädikativen die Frage, ob diese tatsächlich nur noch auf formelhafte Wendungen beschränkt sind und es sich demnach eindeutig um eine formelhafte (Ir-)Regularität handelt oder ob sie nicht doch vitalere Konstruktionen darstellen und der „irreguläre“ Charakter relativiert werden muss. ← 187 | 188 →

9.5  Prädikative Genitive im Gegenwartsdeutsch

In der Forschung dominiert der Standpunkt, prädikative Genitive seien nur noch in festen Wendungen zu finden (siehe u. a. DÜRSCHEID 1999: 34).164 Als typische Beispiele werden u. a. die folgenden Phraseme angeführt: frohen Mutes/guter Hoffnung/reinen Herzens/gesegneten Leibes/anderer Meinung sein (vgl. LENZ 1996: 4). Korpusabfragen von PITTNER (2009: 313) offenbaren allerdings, dass prädikative Genitive „viel produktiver sind, als es die Beschreibungen in den Grammatiken zum heutigen Deutsch vermuten lassen“, und sie daher „nicht als ‚feste Wendungen‘ abgetan werden können“ (ebd.). PITTNER (2010: 194) unterteilt die von ihr ausgewerteten prädikativen Genitive in zwei semantische Bereiche. Auf der einen Seite handelt es sich um den Bereich der ‚Qualität‘ im weiteren Sinne und auf der anderen Seite um den Bereich ‚mentaler Zustand‘. Beiden lassen sich die folgenden Substantive zuordnen (siehe Übersicht 9–7):

Übersicht 9-7:  Semantische (Vorkommens-)Bereiche prädikativer Genitive nach PITTNER (2010: 194)

Qualität

Abkunft, Abstammung, Alter, Art, Aufenthalt, Blut, Charakter, Datum, Format, Geschlecht, Glauben, Herkunft, Jahrgang, Natur, Stand, Ursprung, Zuschnitt

mentaler Zustand

Ansicht, Auffassung, Herzen, Hoffnung, Laune, Meinung, Mut, Sinn, Überzeugung, Willen

Für PITTNER (2009: 301) ist nun die Tatsache entscheidend, dass die meisten Substantive in der Funktion des Genitivprädikativs „mit einer breiten Palette an Adjektiven kombiniert werden“ (können). Sie veranschaulicht dies, indem sie für die oben erwähnten Substantive auf Grundlage von Korpusauswertungen umfangreiche Listen mit möglichen Attributerweiterungen erstellt, die verdeutlichen sollen, dass es sich bei prädikativen Genitiven um produktive Erscheinungen handelt (vgl. PITTNER 2009: 302–305).

Offensichtlich ist jedoch auch, dass bei einigen Substantiven die Erweiterungsmöglichkeiten geringer sind als bei anderen. Beispielsweise führt PITTNER (2010: ← 188 | 189 → 196f.) für Formats nur die beiden Adjektivattribute ähnlichen und kleineren an, für Ursprungs dagegen 81 Erweiterungsmöglichkeiten, die von amerikanischen über osmanischen bis hin zu vorderorientalischen reichen. Des Weiteren ist zu betonen, dass die attributiven Erweiterungen bei vielen Substantiven nicht beliebig sind. Die Adjektive besitzen gewisse semantische Restriktionen in dem Sinne, dass sie mehr oder weniger einem geschlossenen Wortfeld angehören (müssen). So bezeichnen die Adjektivattribute der Substantive Abkunft, Abstammung, Blutes und Ursprungs in der Regel ‚Staatsangehörigkeiten/Volkszugehörigkeiten/Nationalitäten‘ wie deutsch, russisch oder griechisch. Augenfällig ist demnach ein Kontinuum zwischen prädikativen Genitiven mit sehr hoher attributiver Variation und prädikativen Genitiven mit sehr stark eingeschränkter Besetzung der Attributstelle. Diese Einschränkung kann durchaus auch nur (noch) ein einziges Adjektiv betreffen. Für Dinge führt PITTNER (2010: 197) lediglich guter an. Eine derartige starke Begrenzung kann als Zeichen für die Formelhaftigkeit bestimmter prädikativer Genitive angesehen werden.

PITTNER (2010: 197) verweist auf einen weiteren Aspekt, der ihrer Ansicht nach zu der Auffassung geführt hat, man habe es bei prädikativen Genitiven mit formelhaften Wendungen zu tun:

Bei einigen Nomina treten bestimmte Adjektive weitaus häufiger auf als andere, was vielleicht zu dem Eindruck von ‚festen Wendungen‘ beigetragen hat.

Oft dominiert also die Verwendung eines Attributs gegenüber anderen. Dies möchte ich anhand einer Korpusabfrage verdeutlichen. Übersicht 9–8 zeigt die Trefferzahlen für die Attributstelle des Substantivs Herzens in prädikativer Funktion. Wie zu erkennen ist, treten für gewöhnlich die Adjektive leichten und reinen auf. Die von PITTNER (2010: 197) angegebenen Erweiterungen kalten, bangen, bußbereiten und friedliebenden sind nicht frequent und nur vereinzelt anzutreffen. Die reguläre (phraseologische) Nennform lautet daher leichten/reinen Herzens sein.

Übersicht 9-8:  Quantität der Attributerweiterungen der Wendung X[Adj./Part.] Herzens sein

Attribut

Treffer im DEREKO

leichten

250

reinen

115

kalten

15

bangen

3

bußbereiten

2

friedliebenden

1

← 189 | 190 →

Prädikative Genitive können im Sinne der Konstruktionsgrammatik als modellartige Erscheinungen beschrieben werden. Aufgrund der attributiven Leerstelle, in die – je nach Konstruktion – verschiedene Adjektiv- bzw. Partiziperweiterungen treten können, stellen prädikative Genitive Modellbildungen dar mit der abstrakten Strukturformel „jmd./etw. + Kopulaverb (fast ausschließlich sein) + X[Adj./Part.] Y[Nomen im Gen.]“.

Bei der Frage, ab wann eine prädikative Genitivkonstruktion formelhaften Charakter besitzt bzw. sich auf dem Weg dorthin befindet, müssen neben dem semantischen Aspekt der Idiomatizität zwei weitere berücksichtigt werden: zum einen die Bandbreite der möglichen Erweiterungen und zum anderen die Frage, ob es eine dominierende Attribuierung gibt. Förderlich für eine formelhafte Struktur sind demnach eine mehr oder weniger starke Begrenzung der möglichen Erweiterungsformen sowie das Vorhandensein einer dominierenden Adjektiv- bzw. Partiziperweiterung. Mit anderen Worten: Besitzt eine prädikative Genitivkonstruktion lediglich sehr wenige attributive Erweiterungsmöglichkeiten und/oder kookkurriert sie mit einem Attribut weitaus häufiger als mit anderen, kann man dieser aufgrund der verbindlich gewordenen bzw. werdenden „Konventionalisierung von Selektions- und Kombinationspräferenzen“ (FEILKE 1998: 74) einen formelhaften Status zusprechen. Die genaue Abgrenzung gestaltet sich dabei selbstverständlich enorm schwierig, weshalb von einem Kontinuum zwischen freien und formelhaften prädikativen Genitiven auszugehen ist (siehe Übersicht 9–9).

Übersicht 9-9:  Kontinuum zwischen freien und phraseologisch gebundenen prädikativen Genitiven

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Als eine große Hilfe erweist sich hierbei die Korpusanalyse. Konstruktionen mit einem dominierenden Attribut, bei denen im DEREKO noch andere (vereinzelte) Erweiterungen zu finden sind, können im Sinne phraseologischer Variation bzw. Modifikation gedeutet werden. Es handelt sich bei solchen Fällen wie kalten/bangen/bußbereiten/friedliebenden Herzens sein also lediglich um vereinzelt ← 190 | 191 → auftretende Formen, die von der formelhaften Nennform leichten/reinen Herzens sein abweichen.

Wie die korpusanalytischen Ergebnisse und die daran anknüpfenden Überlegungen zeigen, spricht vieles dafür, dass es sich bei prädikativen Genitiven teilweise doch – entgegen PITTNERS (2009, 2010, 2014) Auffassung – um formelhafte Einheiten handelt. Zumindest kann festgestellt werden, dass es zum einen freiere Konstruktionsmöglichkeiten für prädikative Genitive gibt und zum anderen stärker verfestigte Realisierungsformen.

Alternativ kann der prädikative Genitiv vor allem im Bereich ‚Qualität‘ durch von-Präpositionalphrasen ausgedrückt werden (vgl. PITTNER 2010: 208):

     (62)  Für die Rebellen seien die Probleme des Kongo grundsätzlich politischer Natur. (St. Galler Tagblatt, 01.09.1998)

     (63)  Doch trotz seiner Popularität beschließt Chopin im November 1830, Warschau definitiv zu verlassen. Die Gründe für sein Fortgehen sind von politischer Natur. (Luxemburger Tageblatt, 07.10.2009)

In Bezug auf die Ersetzungsalternative hält PITTNER (2010: 208) fest, dass sich der prädikative Genitiv in Zukunft vor allem in solchen Konstruktionen am stabilsten erweisen wird, „in denen keine guten alternativen Ausdrucksmöglichkeiten vorhanden sind.“ Während sich bei Genitivkonstruktionen im Bereich ‚Qualität‘ präpositionale von-Phrasen als Alternative anbieten, fehlt es an Konstruktionsmöglichkeiten im Bereich des ‚mentalen Zustands‘. Prädikative Genitive mit den Substantiven Auffassung, Meinung, Ansicht etc. bezeichnet PITTNER (2010: 208) daher als den „harten Kern“ dieser Konstruktion und prognostiziert, dass diese am wenigsten von Abbautendenzen betroffen sein werden.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass es sich bei prädikativen Genitiven nur zum Teil um erstarrte Reste handelt, die in formelhaften Wendungen erhalten geblieben sind. Dass diese Ansicht bisher kaum hinterfragt worden ist, liegt zum großen Teil an der unbefriedigenden Aufbereitung dieser Konstruktion innerhalb der Grammatikografie und Lexikografie. Als Grund für ihr „Schattendasein“ in Grammatiken führt PITTNER (2010: 198) folgende Hypothese an:

Möglicherweise erscheint der prädikative Genitiv unmotiviert, sein Auftreten mit der Kopula sein schwer erklärbar. Da scheint es ein guter Ausweg zu sein, darin eine idiomatische Zufälligkeit zu sehen, die im heutigen Deutsch keine große Rolle spielt und sich vielleicht als fossilisierter Rest aus früheren Sprachstufen erklären ließe.

Es bleibt noch zu erwähnen, dass PITTNER (2010: 194) die auf einen alten possessiven Genitiv zurückgehenden Wendungen des Teufels/Todes/Wahnsinns sein aus ihrer Analyse ausschließt, da diese Form des Genitivs „sonst nicht mehr ← 191 | 192 → gebräuchlich ist“. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Wendung des Todes sein anscheinend fester Bestandteil innerhalb der Sprache von Jugendlichen ist. So ist sie im Jugendsprache-Lexikon von LANGENSCHEIDT (2014: 136) mit der Bedeutungsangabe ‚macht eine Eigenschaft noch krasser‘ verbucht. Als Beispiel wird der Satz Die drei Wochen Roadtrip in Australien waren des Todes! angeführt. Die standardsprachliche Bedeutung lautet nach DUDEN (2008: 776) ‚sterben müssen‘ (z. B. Jeder, der dem Befehl nicht gehorchte, war des Todes) und ist stilistisch als gehoben markiert. Die formelhaft (ir-)reguläre Wendung des Todes sein erfährt somit innerhalb der Jugendsprache eine Bedeutungsveränderung und wird mit der neuen Semantik intensivierend eingesetzt.165 Insgesamt zeigt diese neue Verwendungsweise, dass „irreguläre“ Wendungen, obwohl sie meist ältere sprachliche Verhältnisse tradieren, auch von jugendlichen Sprechern problemlos gebraucht, modifiziert und sogar als Grundlage für die Wortschatzerweiterung in Form des Bedeutungswandels instrumentalisiert werden können. Diese Möglichkeit des produktiven, kreativen und sprachspielerischen Gebrauchs formelhafter (Ir-) Regularitäten relativiert abermals den ihnen anhaftenden „archaischen“ und „irregulären“ Charakter in besonderem Maße.

9.6  Überschneidungen zwischen adverbialer und prädikativer Verwendung

Abschließend ist noch eine Besonderheit hervorzuheben: Zwischen der prädikativen und adverbialen Genitivverwendung bestehen teilweise Beziehungen und Überschneidungen. Mit anderen Worten: Manche Genitivphrasen können sowohl in adverbialer als auch in prädikativer Funktion gebraucht werden. Auf dieses Phänomen verweist bereits LENZ (1996: 4), die feststellt, dass manche der von ihr angeführten prädikativen Genitive „in anderen Kontexten auch adverbial verwendet werden können“. Als Beispiele nennt sie die Genitivphrasen frohen Mutes und reinen Herzens (vgl. LENZ 1996: 43). Die doppelte Funktionsmöglichkeit dieser beiden sowie weiterer Wendungen lässt sich mithilfe von DEREKO-Belegen verdeutlichen (siehe Übersicht 9–10):166 ← 192 | 193 →

Übersicht 9-10:  Varianz zwischen adverbialen und prädikativen Genitiven

adverbialer Genitiv

prädikativer Genitiv

Frohen Mutes traten wir kräftig in die Pedale. Unser Schwung wurde allerdings bald wieder abgebremst.

Die Stimmung bei der CDU ist großartig. In Hamburg ist man frohen Mutes für die bevorstehende Wahl.

Wenn diese drei Herren aufspielen, bleibt kein Rhythmus aus. Reinen Herzens und mit großer Spielfreude wird hier musiziert.

Und dieser (äußerst sympathische) Widerling von Tristan trifft - nicht auf Isolde, sondern - auf Josephine, und die kann er nicht besiegen, da sie reinen Herzens ist und allen teuflischen Tricks widersteht.

Bester Laune stießen die Gifhorner auf 2012 an. Zum Jahreswechsel blieb es sogar trocken, so dass sich das brillante Feuerwehr ausgiebig und ungestört genießen ließ.

Die Tür zur K.o.-Runde bleibt für den NBA-Champion von 2011 zwar verschlossen, dennoch war Nowitzki bester Laune.

Guter Dinge startete das Team der Wattwiler im August letzten Jahres in die Meisterschaft, hatte man doch zuvor den Zweitligisten aus Wittenbach aus dem Schweizer-Cup eliminiert.

Angela Merkel ist guter Dinge. Sie lächelt viel nach den Beratungen der CDU-Spitze gestern, obwohl dort doch erstmals eine kritische Debatte über das schlechte Wahlergebnis der CDU begonnen hat.

LENZ (1996: 43) macht des Weiteren darauf aufmerksam, dass nicht alle prädikativen Genitivkonstruktionen auch in adverbialer Funktion verwendet werden können. So attestiert sie den prädikativen Konstruktionen anderer Meinung sein sowie guter Hoffnung sein keine bzw. nur eine zweifelhafte Möglichkeit, als Adverbiale zu fungieren. Wie Korpusabfragen jedoch zeigen, gibt es zumindest für die letztgenannte Konstruktion Belege, in denen sie adverbial gebraucht wird:

     (64)  Mit diesem Sieg kann das Team guter Hoffnung ins Cupspiel vom nächsten Mittwoch gegen Henau gehen. (St. Galler Tagblatt, 16.04.2012) ← 193 | 194 → ← 194 | 195 →


161  Generell muss an dieser Stelle auf eine Klassifikations- bzw. Abgrenzungsschwierigkeit eingegangen werden, die die Unterscheidung zwischen modalen adverbialen Genitiven und sogenannten freien Prädikativen betrifft. Für diese Unterscheidung tritt u. a. PITTNER (2009, 2010, 2014) ein. Nach ihr lassen sich Genitivphrasen, die weder von anderen Satzgliedern noch von Kopulaverben regiert werden, in adverbiale Genitive und freie Prädikative unterteilen. Modale adverbiale Genitive beziehen sich dabei eher auf den Vorgang, freie Prädikative auf den Zustand eines der Beteiligten während des Vorgangs (vgl. PITTNER 2010: 204). Da es sich hierbei jedoch lediglich um eine „rein semantische Differenzierung“ (PITTNER 2010: 204) handelt, die darüber hinaus gradueller Natur ist, wird diese im vorliegenden Kapitel verworfen. Es werden in Anlehnung an EGOROVA (2006: 102) alle Erscheinungen als adverbiale Genitive behandelt: „Grammatisch und syntaktisch gesehen funktionieren diese Konstruktionen (glücklich/schweren Herzens) im Satz genau so wie schnell bzw. schnellen Schrittes und können daher auch zu den Adverbialien gezählt werden.“ Auch PITTNER (2010: 204) betont mehrmals, dass eine exakte Unterscheidung zwischen freien Prädikativen und adverbialen Genitiven nicht möglich ist: „Erschwerend kommt hier natürlich hinzu, dass sich die freien Prädikative nicht immer trennscharf von Adverbialen abgrenzen lassen, die auch als Genitiv-NP realisiert sein können. Tatsächlich gestaltet sich die Abgrenzung der freien Prädikative von den Adverbialen sehr schwierig.“ Dennoch hält sie beharrlich an dieser Unterscheidung fest. Geradezu verwunderlich erscheint es daher, dass sie eiligen Schrittes zunächst als Beispiel eines adverbialen Genitivs anführt, wenig später jedoch als freies Prädikativ klassifiziert (vgl. PITTNER 2010: 204f.).

162  Eine Ausnahme ist die „Mittelhochdeutsche Grammatik“ von Hermann Paul, in der adverbiale Genitive jedoch nicht eigenständig, sondern als Unterpunkt von „adverbalen Genitiven“ behandelt werden (vgl. PAUL 2007: 342–344). Zudem wird lediglich die Semantik thematisiert, Informationen über die geschichtliche Entwicklung fehlen.

163  Siehe hierfür die relativ umfangreiche korpusbasierte Auflistung möglicher Attribute für die Substantive Auge, Blick, Fuß, Gewissen, Haupt, Mut und Schritt in PITTNER (2010: 205). Diese zeigt, dass sich beispielsweise für Blick (64) und Schritt (69) erheblich mehr attributive Ergänzungen finden lassen als für Gewissen (11) und Mut (19).

164  Prädikative Genitive werden nur in wenigen Grammatiken thematisiert. Zudem gibt es kaum Ausführungen zu ihrer diachronen Entwicklung. Eine Ausnahme bildet die „Frühneuhochdeutsche Grammatik“ von EBERT u. a. (1993), die dieser Genitivbesonderheit einen eigenständigen Abschnitt widmet. Weitere kurze Ausführungen finden sich in PITTNER (2010: 198f.), dort jedoch auch nur zum Frühneuhochdeutschen.

165  Der Prozess des Bedeutungswandels ist für die Entstehung neuer Wörter innerhalb der jugendsprachlichen Varietät besonders ausgeprägt und weit verbreitet (vgl. ELSEN 2013: 140).

166  Genitivphrasen, die sowohl adverbial als auch prädikativ auftreten, entstammen fast ausschließlich dem semantischen Bereich des „mentalen Zustands“. Für Substantive aus dem Bereich „Qualität“ lassen sich kaum bzw. gar keine Belege für die adverbiale Verwendung im DEREKO finden.