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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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10. Artikel(ir)regularität

10.  Artikel(ir)regularität

10.1  Definition

Laut DUDEN (2009: 330) haben Substantive im Singular mit dem Merkmal „zählbar“ im Deutschen für „gewöhnlich ein Artikelwort bei sich, und wenn es als letzte Möglichkeit der indefinite Artikel ist“.167 Es existieren allerdings feste Wortverbindungen, in denen diese Regel außer Kraft gesetzt ist. Artikel(ir)regularitäten machen sich somit darin bemerkbar, dass in einigen formelhaften Wendungen bei zählbaren Nomen im Singular im Gegensatz zum freien, außerphraseologischen Sprachgebrauch kein Artikel steht (vgl. BURGER 1973: 35 sowie SABBAN 1998: 31). So führt FLEISCHER (1997a: 48) u. a. folgende Beispiele für „Anomalien im Artikelgebrauch“ an: vor Ort, Leine ziehen und in Schuss halten/sein.

Normalerweise ist die Setzung eines Artikels vor den Substantiven Ort, Leine und Schuss obligatorisch. Innerhalb der festen Wendungen fehlt dieser jedoch, wobei die Realisierung auch nicht als fakultativ gelten kann, da durch das Hinzufügen eines Artikels die phraseologische Bedeutung zerstört würde:

a)

vor Ort

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*vor einem/dem Ort

b)

Leine ziehen

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*eine/die Leine ziehen

c)

in Schuss halten/sein

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*in einem/dem Schuss halten/sein

Es ist zu betonen, dass sich die hier vorgestellte formelhafte (Ir-)Regularität nur auf Substantive bezieht, die die beiden Merkmale „Singular“ und „zählbar“ aufweisen. Denn die Setzung des Artikels ist im Deutschen in der Regel nur für diese Substantivklassen obligatorisch (vgl. DUDEN 2009: 330). Viele Phraseme, in denen ebenfalls kein Artikel steht, stellen demnach genau genommen keine formelhaften (Ir-)Regularitäten dar, da es sich in diesen Fällen entweder um Substantive im Plural (a) oder nicht-zählbare Substantive (b) handelt.

a)    mit Kanonen auf Spatzen schießen, (vor jmdm./etw.) Manschetten haben, mit Siebenmeilenstiefeln

b)    Liebe machen, nicht aus Zucker sein, in Vergessenheit geraten

Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, ob Artikel(ir)regularitäten bei bestimmten formelhaften Wendungen häufiger anzutreffen sind als bei anderen bzw. ob sich gewisse Strukturmodelle feststellen lassen, in denen typischerweise und ← 195 | 196 → regelmäßig der Artikel ausgespart bleibt. Damit ist die Frage verknüpft, ob es sich bei dieser Besonderheit wirklich um eine nicht-produktive, „irreguläre“ Erscheinung handelt. Darüber hinaus wird am Ende des Kapitels verdeutlicht, dass diese phraseologische „Irregularität“ auch aus dem Grund relativiert werden muss, weil sich auch außerhalb der Phraseologie, im freien Sprachgebrauch, Kontexte und Konstruktionen finden lassen, in denen der Nullartikel möglich bzw. sogar Usus ist.

10.2  Diachrone Entwicklung: Die Herausbildung des Artikels

In indogermanischer, gotischer und auch zu Beginn althochdeutscher Zeit existiert kein ausgebildetes Artikelsystem. Dieses entwickelt sich erst im Laufe des Althochdeutschen (vgl. WEGERA/WALDENBERGER 2012: 152). Der Definitartikel als Kennzeichnung einer obligatorischen grammatischen Information am Nomen ist gegen Ende althochdeutscher Zeit bereits fast vollständig etabliert (vgl. SZCZEPANIAK 2011: 77). Bei der Herausbildung des Definitartikels findet ein Grammatikalisierungsprozess statt, in dem aus dem Demonstrativ ahd. dher ‚dieser‘ der Definitartikel der entsteht (vgl. SZCZEPANIAK 2011: 64). Auf Grundlage einer empirischen Studie kommt OUBOUZAR (1997: 169) zu dem Ergebnis, dass sich die Herausbildung des Determinativs dher zum bestimmten Artikel „durch eine allmähliche Abschwächung seiner deiktischen Bedeutung“ vollzieht. Die Setzung des Artikels geschieht dabei nicht willkürlich und auch nicht bei allen Substantivklassen zur selben Zeit. Zunächst sind es belebte, später unbelebte und schließlich abstrakte Begriffe, vor denen ther in der Funktion des Definitartikels generalisiert wird (vgl. SZCZEPANIAK 2011: 78). OUBOUZAR (1992, 1997) zeichnet diese Gebrauchsausdehnung durch die Auswertung von vier Korpora168 nach und gelangt zu der Erkenntnis, dass erst in den Texten von Notker von einer abgeschlossenen Entwicklung gesprochen werden kann:

Insgesamt weist das Det. ther bei Otfrid ein Übergangsstadium vom schwach deiktischen Determinativ zu einem Determinativ, das nur noch Definitheit ausdrückt, auf. Da diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, sollte das Det. ther bei Otfrid noch nicht als bestimmter Artikel bezeichnet werden. […] Es scheint berechtigt, bei Notker von einem bestimmten Artikel zu sprechen. (OUBOUZAR 1997: 168f.)

OUBOUZAR (1992: 85, 1997: 170) betont außerdem die Besonderheit dieser Entwicklung: Genau genommen ersetzt der Definitartikel nicht das ← 196 | 197 → Demonstrativum, sondern spaltet sich von diesem ab, wobei die deiktische Variante auch weiterhin verwendet werden kann.

Der Indefinitartikel etabliert sich im Gegensatz zum Definitartikel erst im Laufe des Mittelhochdeutschen (vgl. WEGERA/WALDENBERGER 2012: 153). Auch der unbestimmte Artikel ist das Ergebnis eines Grammatikalisierungsprozesses, an dessen Anfang das Zahlwort eins steht (vgl. SZCZEPANIAK 2011: 79). Der Grammatikalisierungsprozess geht dabei so vonstatten, dass zunächst die semantische Komponente der Einzahl, die für das Zahlwort zentral ist, allmählich abgebaut wird. Parallel dazu verlagert sich der Fokus auf die (abstraktere) Zugehörigkeit zu einer Klasse von Objekten (vgl. SZCZEPANIAK 2011: 80).

10.3  Formelhafte Wendungen mit Nullartikel

10.3.1  Empirisches Vorgehen

Um die Frage beantworten zu können, in welchen formelhaften Wendungen besonders häufig Artikel(ir)regularitäten, sprich Nullartikel, anzutreffen sind, wird eine umfangreiche Liste an Phrasemen erstellt, die innerhalb ihrer Nennform mindestens eine artikellose Komponente aufweisen. Es wird dabei aufgrund der außerordentlich schwierigen und problematischen Bestimmung des „Zählbarkeitskriteriums“ zunächst nicht zwischen „zählbaren“ und „nicht zählbaren“ Substantiven unterschieden (siehe KISS 2009). Die Liste, die auf den phraseologischen Wörterbüchern RÖHRICH (2006), DUDEN (2008) und SCHEMANN (2011) basiert, beinhaltet demnach „alle“ durch diese Lexika erfassten formelhaften Wendungen, in denen Konstituenten mit Nullartikel erscheinen. Insgesamt umfasst die Liste circa 750 formelhafte Wendungen, wobei sie selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit besitzt. Für die im Folgenden vorgestellten phraseologischen Muster ist eine vollständige Erfassung aller Nullartikel-Phraseme ohnehin nicht notwendig (token). Vielmehr geht es darum, zu überprüfen, ob es bestimmte Wendungen gibt, in denen artikellose Formen bevorzugt auftreten, und wenn ja, wie diese zu charakterisieren sind (types).

Die genauere Auseinandersetzung mit der erstellten Liste zeigt, dass tatsächlich phraseologische Strukturmodelle existieren, in denen regelmäßig Substantive ohne Artikel stehen. Fasst man diese konkreten Ausprägungen zu abstrakten Mustern zusammen, so ergeben sich insgesamt mehr oder weniger sechs solcher Muster, die im phraseologischen Sinne als Modellbildungen und im konstruktionsgrammatischen Sinne als teillexikalisierte Konstruktionen aufgefasst werden ← 197 | 198 → können.169 Die Tatsache, dass eine ganze Reihe verschiedener (phraseologischer) Konstruktionen mit Nullartikel existiert, trägt zur Relativierung der „Irregularität“ dieses Phänomens bei. Denn offensichtlich – so zeigen die unterschiedlichen Strukturmodelle – stellen Wendungen mit artikellosen Nomen keine Sonderfälle bzw. peripheren Erscheinungen dar und müssen teilweise sogar als der unmarkierte Normalfall betrachtet werden.

10.3.2  Die Konstruktion „N[Akk] + V“: Leine ziehen170

Der bestimmte Artikel fehlt bei vielen Funktionsverbgefügen (vgl. DUDEN 2009: 298). Dabei kann zwischen zwei formalen Typen differenziert werden: zum einen Funktionsverbgefüge nach dem Muster „(transitives) V + N im Akkusativ“ (z. B. Anwendung finden) und zum anderen mit der Struktur „V + Präp + N“ (z. B. in Aussicht stellen). Letztere werden im nächsten Unterpunkt vorgestellt.171

Bei Funktionsverbgefügen nach dem Modell „N[Akk] + V“ stellt die Artikellosigkeit keine Ausnahme dar. Es lassen sich zahlreiche Phraseme für diesen Konstruktionstyp finden:172 ← 198 | 199 →

Abschied nehmen, Anspruch (auf etw.) erheben, Anwendung finden, Buch (über etw.) führen, Fuß fassen, Flagge zeigen, Gestalt annehmen/gewinnen, Kasse machen, (wieder) Land sehen, Leine ziehen, Schritt (mit jmdm./etw.) halten, Schwein haben, Stellung beziehen, Streit suchen

Der Nullartikel ist bei Substantiv-Verb-Konstruktionen häufig der Regelfall (vgl. VON POLENZ 1987: 171). Zumindest ist es für gewöhnlich nicht möglich, fakultativ einen Artikel hinzuzufügen, ohne dass die Wendung ihren formelhaften Charakter bzw. ihre formelhafte Bedeutung verliert. Ein Beispiel für diese Artikelrestriktion führt HELBIG (1979: 276) an: Die neue Technik findet Anwendung. image *Die neue Technik findet eine/die Anwendung.

Das Beispiel zeigt, dass die als „phraseologische Irregularität“ bezeichnete Besonderheit der Artikellosigkeit in bestimmten Wortverbindungen der unmarkierte, regelhafte Fall darstellt (vgl. HENTSCHEL/WEYDT 2013: 76). Auch GRÉCIANO (1999: 3) sieht im artikellosen Gebrauch bei Funktionsverbgefügen dieser Art kein ungrammatisches Phänomen. Ihrer Meinung nach verhalten sie sich durch die Setzung des Nullartikels bei der Zuordnung von Eigenschaften gemäß der Grammatik (z. B. in Beziehung setzen). Auch FEILKE (1996: 147) hebt explizit hervor, dass bei solchen Konstruktionen „der Aufbau zwar stark restringiert ist, von grammatischen Regularitäten jedoch nicht abweicht“. Die „Regularität innerhalb der Irregularität“ betont auch SCHINDLER (1996b: Anmerkung 3):

Dabei ist genau zu untersuchen, ob vermeintliche Irregularitäten nicht eigentlich doch regelhaft sind. Wortverbindungen wie Auto/Bus/Intercity/Motorrad/Zug fahren sind, obschon die Nomina keine Determinatoren zu sich nehmen, weder formal noch semantisch irregulär.

Die hier vorgestellten Wendungen nach dem Muster „N[Akk] + V“ werden von D’AVIS/FINKBEINER (2013: 222) als Inkorporationen bezeichnet. Inkorporationen sind nach ihnen „V+N-Verbindungen mit transitiven Verben, in denen artikellose Nomen vorkommen“ (D’AVIS/FINKBEINER 2013: 221). Das Spezifische dieser Erscheinungen ist, dass die Gesamt-Prädikatsbedeutung in den Vordergrund tritt, während die konkrete Nomenreferenz in den Hintergrund rückt (vgl. D’AVIS/FINKBEINER 2013: 222). Das von SCHINDLER (1996b) angeführte Beispiel Auto fahren verweist somit nicht auf einen konkreten Gegenstand (Auto), sondern die Konstruktion fungiert vielmehr als Ausdruck der allgemeinen und prototypischen Tätigkeit des Autofahrens (vgl. EISENBERG 1998: 323). D’AVIS/FINKBEINER (2013: 222) führen weiter aus, dass sich der Referentialitätsverlust in der geringeren ← 199 | 200 → syntaktischen Selbstständigkeit des Nomens zeigt, da dieses u. a. nicht erweiterbar (a), eher mit nicht als mit kein negierbar (b), nicht anaphorisierbar (c) und der Anschluss durch einen Relativsatz in der Regel versperrt ist (d):

a)    *Ich fahre neues Rad.

b)    Ich fahre nicht/?kein Rad, sondern Auto.

c)    Ich fahre Rad. *Es ist neu.

d)    *Ich fahre Rad, das neu ist.

Während sich nicht-idiomatische Inkorporationen diesen syntaktischen Tests widersetzen, gilt dies für die oben aufgelisteten, meist idiomatischen Wendungen in besonderem Maße. Dies ist auf die Idiomatisierung und somit auf den semantischen Verlust der einzelnen Komponenten, der sich zwangsläufig auf ihre syntaktische Kontextualisierung auswirkt, zurückzuführen. Mit anderen Worten: Bei solchen Beispielen wie Flagge zeigen oder Fuß fassen kann nicht auf die Nomen mittels verschiedener syntaktischer Tests Bezug genommen werden, da aufgrund der Idiomatisierung ihre semantische Eigenständigkeit verblasst ist und sie ihre Semantik zugunsten einer idiomatischen Gesamtbedeutung aufgegeben haben.

10.3.3  Die Konstruktion „Präp + N + V“: in Angriff nehmen

Eine weitere produktive Konstruktion mit Nullartikel stellen Funktionsverbgefüge dar, in denen ein „Fügemittel“ zum Nomen in Form einer Präposition realisiert ist (vgl. VON POLENZ 1987: 171). Auch bei solchen verbalen Konstruktionen mit einer Präpositionalphrase können artikellose Nomen auftauchen (vgl. D’AVIS/FINKBEINER 2013: 224). Folgende Auflistung gibt einen exemplarischen Überblick über Phraseme dieses Strukturschemas:

in Angriff nehmen, vor Anker liegen, unter Anklage stehen, in Auftrag geben, in Bewegung setzen, zu Boden gehen, in Erinnerung bringen, in Erscheinung bringen, in Erwägung ziehen, zu Gesicht kommen, zu Kopf steigen, in Rechnung stellen, auf Stapel legen, in Stellung bringen

Es ist zu erkennen, dass es sich bei diesen zum überwiegenden Teil um klassische Funktionsverbgefüge handelt. D. h. das Verb ist für gewöhnlich „bedeutungsarm“ und das Substantiv in der Regel ein Verbalabstraktum (vgl. VAN POTTELBERGE 2007: 437). Es sind allerdings auch Wendungen zu finden, die im klassischen Sinne nicht als Funktionsverbgefüge gelten, da sie Substantive aufweisen, die kein abstraktes Nomen, sondern „konkrete Begriffe bezeichnen“ (VON POLENZ 1987: 175) (z. B. vor Anker liegen, zu Boden gehen und zu Kopf steigen).173 Allerdings ← 200 | 201 → kommt auch hier die Argumentation FEILKES (1996: 146f.) zum Tragen, dass solche (präpositionalen) Wendungen, die die Merkmale „Nominalabstraktum“ und „Funktionsverb“ nicht aufweisen, aufgrund ihrer semantischen Gemeinsamkeiten (idiomatische Prägung) durchaus auch zur Klasse der „Substantiv-Verb-Kollokationen“ gezählt werden können (siehe Anmerkung 172).

Der Nullartikel besitzt bei diesen Konstruktionen genauso wie bei „N[Akk] + V“-Verbindungen einen regelhaften Charakter. Es ist für gewöhnlich nicht möglich, einen Artikel einzufügen, da sonst der formelhafte Charakter und somit die Gesamtbedeutung zerstört wird:

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Ähnlich wie bei „N[Akk] + V“-Konstruktionen resultiert die Artikellosigkeit aus der Tatsache, dass die hier angeführten Präpositionalphrasen Substantive enthalten, die einen nicht-referentiellen Charakter besitzen (vgl. EISENBERG 1998: 304). Aus semantischer Perspektive steht auch hier keine spezifische Referenz im Fokus, sondern der begriffliche Inhalt bzw. die ganzheitliche idiomatische Bedeutung (vgl. D’AVIS/FINKBEINER 2013: 224). Auch bei artikellosen Konstruktionen mit Präpositionalgruppe sind demnach in der Regel die oben angeführten syntaktischen Tests nicht durchführbar.

10.3.4  Die Konstruktion „Präp + N“: zu Fuß

Artikellose Nomen tauchen ebenfalls in festen Präpositionalphrasen auf (vgl. DUDEN 2009: 298). Hierbei handelt es sich um Substantive, bei denen außerhalb der präpositionalen Konstruktion die Artikelsetzung obligatorisch ist. Auch EBERT (1986: 82) macht auf dieses Phänomen aufmerksam:

Während unseres ganzen Zeitraums kommen in Verbindungen mit Präpositionen viele Substantive, die außerhalb diesen Verbindungen mit Artikel gebraucht werden, ohne Artikel vor. Zum Teil handelt es sich um feste formelhafte Verbindungen, die ältere Sprachverhältnisse fortführen.

EBERT (1986: 82) verweist darauf, dass innerhalb dieser Präpositionalkonstruktionen der Nullartikel bewahrt bleibt. Als Beispiele führt er u. a. an Bord, bei Tisch und nach Hause an. DUDEN (2011: 743f.) lässt den diachronen Aspekt außen vor, wenn er betont, dass der Artikel im Allgemeinen „bei häufig gebrauchten und ← 201 | 202 → oft formelhaften Verbindungen aus Präposition und nicht näher bestimmtem Substantiv“ nicht gesetzt wird. Weitere Beispiele sind:

mit Abstand, ohne Frage, zu Fuß, aus Kindermund, über Land, vor Ort, aus Prinzip, auf Probe, nach Programm, in Wahrheit

Dass es sich hierbei um mehr oder weniger feste Wortverbindungen handelt, kann dadurch verdeutlicht werden, dass die Nomen zum Teil nur sehr eingeschränkt substituiert werden können, was auf eine Lexikalisierung der Verbindungen hindeutet (vgl. D’AVIS/FINKBEINER 2013: 219):

a)    Das war mit Abstand/*Entfernung/*Distanz das beste Spiel der Saison.

b)    Sie kommt zu Fuß/*Auto/*Bus.

c)    Die Feuerwehr ist schon vor Ort/*Platz/*Stelle.

Wie schon bei „N[Akk] + V“- sowie „Präp + N + V“-Konstruktionen besitzen die Substantive innerhalb der artikellosen Präpositionalphrase nur noch eine geringe bis gar keine Referentialität (vgl. D’AVIS/FINKBEINER 2013: 219). Darüber hinaus würden die Wendungen beim Setzen eines Artikels ihren phraseologischen Charakter verlieren:

a)    *Das war mit einem/dem Abstand das beste Spiel der Saison.

b)    *Sie geht zu einem/zum Fuß.

c)    *Die Feuerwehr ist schon vor einem/dem Ort.

NEUBERT (1977: 9f.) macht darauf aufmerksam, dass auch im Englischen artikellose „irreguläre“ Präpositional-Konstruktionen zu finden sind und diese Phraseologie-Indizien par excellence darstellen:

So signalisiert im Englischen der Ausfall des Artikels vor zählbaren Nomina (count nouns) nach Präpositionen eindeutig Phraseologizität. Man vergleiche AT HAND, BY HEART, ONSITE inspection! (NEUBERT 1977: 10; Hervorhebung im Original)174

Diese Erkenntnis kann auf das Deutsche nicht analog übertragen werden: Die Schlussfolgerung, bei einer Wortverbindung ohne Artikel liege automatisch eine phraseologische vor, gilt für das Deutsche nur bedingt. Denn selbst bei artikellosen Präpositionalphrasen muss es sich nicht zwangsläufig um verfestigte und idiomatische Phraseme handeln. Auch mehr oder weniger freie, ad hoc gebildete Präpositionalphrasen können im Deutschen ohne Artikel stehen, obwohl ihnen durchaus ein konstruktionaler Charakter anhaftet (z. B. unter Vorbehalt/← 202 | 203 → Androhung/Lizenz/Vorwand) (vgl. KISS 2007: 317f.). Da es sich hierbei eher um Nullartikel im außerphraseologischen Gebrauch handelt, wird in Kapitel 10.4 auf dieses Phänomen eingegangen.

10.3.5  Die Konstruktion „N + Konj/Präp + N“: Haus und Hof, Hand in Hand

Eine weitere Konstruktion, in der regelmäßig artikellose Substantive auftreten, stellen feste Paarformeln dar (vgl. HELBIG/BUSCHA 2002: 343; HÜPPER u. a. 2002: 78 sowie DUDEN 2009: 298). In der festen Struktur von Paarformeln ist der ältere artikellose Gebrauch somit bis heute tradiert (vgl. EBERT 1986: 81). Neben klassischen Paarformeln, in denen eine Konjunktion (und) zwischen beiden Komponenten steht, fällt der Artikel auch bei anderen zweigliedrigen Konstruktionen weg, in denen die Bestandteile durch Präpositionen verbunden sind (z. B. in und zu) und bei denen in manchen Fällen von Modellbildungen gesprochen werden kann. Im Folgenden werden Beispiele für beide Bereiche angeführt:

(jmdm.) Dienst und Siegel (auf etw. geben), Freund und Feind, (zwischen) Hammer und Amboss, Hand und Fuß (haben), Haus und Hof, (mit) Kind und Kegel, (mit) Mann und Maus (untergehen), (an) Ort und Stelle, Stein und Bein (schwören), (einer Sache) Tür und Tor (öffnen), (zwischen) Tür und Angel, Weg und Steg

Arm/Hand in Arm/Hand, (von) Fall/Mensch/Mund zu Fall/Mensch/Mund, Schlag auf Schlag, Schritt für Schritt, Schulter/Haus/Kopf an Schulter/Haus/Kopf, Tag/Nacht für Tag/Nacht, Zug um Zug

Wie bereits bei den weiter oben vorgestellten Konstruktionen weisen die Nomen in paarförmigen Wortverbindungen ebenfalls keine bzw. nur noch eine sehr geringe Referentialität auf. Die Nicht-Referentialität resultiert bei lexikalisierten Verknüpfungen vor allem aus dem Idiomatisierungsprozess, innerhalb dessen die Komponenten ihre Eigenbedeutung zugunsten der phraseologischen Gesamtbedeutung aufgeben. Paarformeln besitzen entweder eine an die Kombination beider Komponenten gebundene Metapher oder Nuancierung, Verstärkung oder sonstige Expressivität der Bedeutung einer der Komponenten (vgl. FLEISCHER 1997a: 106). Aufgrund dieser ganzheitlichen Semantik versperren sich die nominalen Bestandteile in der Regel vor syntaktischen Transformationen (beispielsweise Anaphorisierung und Attribuierung). Des Weiteren verlieren Paarformeln ihren phraseologischen Charakter, wenn man sie dennoch mit Artikel verwendet:

a)    *Das Vorhaben hat eine/die Hand und einen/den Fuß.

b)    *Die Titanic ging mit einem/dem Mann und einer/der Maus unter.

c)    *Peter verspielte ein/das Haus und einen/den Hof. ← 203 | 204 →

Bei Modellbildungen mit artikellosen Nomina ist es vor allem die feste modellartige Struktur, innerhalb derer keine Determinierer für die größtenteils frei einsetzbaren Substantive vorgesehen sind. Das Konstruktionsmuster paarförmiger Modellbildungen besitzt meist eine intensivierende Bedeutung (vgl. FLEISCHER 1997a: 131). Bei den oben exemplarisch aufgelisteten Wendungen handelt es sich um die Wiederholung des gleichen Substantivs, wobei beide durch eine Präposition miteinander verknüpft werden. Dabei kann – abhängig von der Semantik des Substantivs – neben einem intensivierenden auch ein iteratives Moment auftreten (vgl. FLEISCHER 1997a: 132). Auf die Substantive kann nicht durch verschiedene syntaktische Transformationen referiert werden. Auch die Verwendung mit Artikeln ist ausgeschlossen bzw. würde die modellartige Struktur und somit die konstruktionsgebundene Bedeutung zerstören:

a)    *Sie gingen eine/die Hand in eine/die Hand am Strand entlang.

b)    *Die Ansteckungsgefahr ist von einem/dem Mensch(en) zu einem/dem Mensch(en) unterschiedlich.

c)    *Er arbeitete eine/die Nacht für eine/die Nacht an seiner Doktorarbeit.

10.3.6  Die Konstruktion „N ist N“: Geschäft ist Geschäft

Bei der Konstruktion „N ist N“ handelt es sich ebenfalls um eine Modellbildung, in der die auftretenden Substantive artikellos realisiert werden (können).175 Innerhalb der Modellbildung wird das gleiche Substantiv wiederholt und statt mit einer Präposition mit einem Kopulaverb – in der Regel sein – verbunden (vgl. FLEISCHER 1997a: 131). Da es sich hierbei um eine Konstruktion mit Leerstellencharakter handelt, ist die lexikalische Besetzung relativ frei. Es handelt sich daher um eine (sehr) produktive Erscheinung. Konkrete Beispiele sind folgende:

Befehl ist Befehl, Dienst ist Dienst, Fußball ist Fußball, Geschäft ist Geschäft, Gesetz ist Gesetz, Krieg ist Krieg, Sieg ist Sieg, Spiel ist Spiel, Schnaps ist Schnaps

Die Artikellosigkeit liegt darin begründet, dass mit der Konstruktion nicht auf bestimmte Referenzobjekte verwiesen wird. Es kann demnach – wie schon bei den weiter oben vorgestellten Konstruktionen – nicht auf die Nomen mittels syntaktischer Transformationen Bezug genommen werden. Die Realisierung mit Artikel würde in den meisten Fällen die modellartige und formelhafte Struktur und somit die gebundene Bedeutung zerstören: ← 204 | 205 →

a)    ?Der Dienst ist der Dienst.

b)    ?Das Geschäft ist das Geschäft.

c)    ?Der Krieg ist der Krieg.

Es bietet sich an, die Konstruktion von einem pragmatischen Standpunkt aus zu betrachten. Als sogenannte Tautologie – d. h. Äußerungen, die immer wahr sind (vgl. AUTENRIETH 1997: 13) – dient sie in bestimmten Gesprächssituationen „zur Legitimierung von Handeln“ (GÜLICH 1978: 21) bzw. zur Verstärkung einer Aussage:

     (65)  Falls diese Arztbesuche jedoch verpflichtend sind und die Eltern sich NACHHALTIG weigern, ihr Kind untersuchen zu lassen… was soll sonst passieren? Pflicht ist Pflicht und der Staat kann sich nicht zum Larry machen lassen. (www.urbia.de/archiv/forum/th-2872776/zahnarzt-vom-gesundheitsamt-pflicht-in-brandenburg.html, 28.02.2014)

Die Konstruktion „N ist N“ stellt im Rahmen der Griceschen Konversationsmaximen ein prototypisches Beispiel für einen (scheinbaren) Verstoß gegen die Quantitätsmaxime dar. Die Bedeutung bzw. das konkrete Verstehen einer solchen Konstruktion kann mithilfe konversationeller Implikaturen erklärt werden. So führt MEIBAUER (2008: 27, 2009: 144) folgendes Beispiel an, in dem die Äußerung Geschäft ist Geschäft den Anschein erweckt, nichtssagend bzw. nicht informativ zu sein, sie aber dennoch bestimmte kommunikative Funktionen besitzt, wie die Implikatur (+>) zeigt:

A: Der Fritz hat die alle total abgezockt!

B: Geschäft ist Geschäft.

+> Das mag nicht ganz korrekt sein, aber so ist nun einmal das Geschäftsleben

10.3.7  Satzwertige Phraseme: Alter schützt vor Torheit nicht

Auch innerhalb satzwertiger Phraseme – insbesondere Sprichwörtern – kann der Nullartikel auftreten (vgl. DUDEN 2009: 298 sowie DUDEN 2011: 111f.). LÜGER (1999: 96) führt an, dass sich „zahlreiche Beispiele“ finden lassen, „in denen die betreffenden Substantive ohne Artikel stehen“. Als Beispiele nennt er Morgenstund’ hat Gold im Mund, Alter schützt vor Torheit nicht und Vorrede spart Nachrede. Weitere Sprichwörter mit Nullartikel sind u. a. folgende, die der SprichWort-Plattform entnommen sind:176 Kindermund tut Wahrheit kund, Steter Tropfen höhlt den Stein, Unter den Blinden ist der Einäugige König und Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. ← 205 | 206 →

Das Auslassen eines Artikels dient in satzwertigen Phrasemen in erster Linie zum Ausdrücken von Generizität. Generisch sind Aussagen, „wenn sie von partikularen Momenten weitgehend absehen und sich auf allgemeine Sachverhalte beziehen“ (LÜGER 1999: 92). Satzwertige Phraseme sind aufgrund ihrer Generizität „in vielfältigen kommunikativen Zusammenhängen“ einsetzbar, weshalb

sie sich häufig durch Merkmale wie Allgemeinheit der Aussage, universellen Geltungsanspruch, Selbstständigkeit gegenüber dem Kontext sowie Unabhängigkeit von den situationellen Variablen auszeichnen. (LÜGER 1999: 91f.)

Generizität kann in Sprichwörtern nicht nur durch den Nullartikel, sondern auch durch andere Verfahren hervorgerufen werden: beispielsweise mithilfe des sogenannten gnomischen Präsens (Das Werk lobt seinen Meister), durch bestimmte Allquantoren (Niemand kann zwei Herren dienen) oder auch gerade durch die Setzung eines Definitartikels (Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt) (siehe LÜGER 1999: 91–98). In Bezug auf das „Irreguläre“ des Nullartikels innerhalb von Sprichwörtern ist eine Anmerkung LÜGERS (1999: 98) aufschlussreich: Er betont, dass die Generizitätsmerkmale der „Unabhängigkeit von Redesituation und Kontext sowie die Allgemeinheit des Aussagegehalts“ nicht zu der Annahme führen dürfen, „es handle sich hier um anomale oder dysfunktionale Ausdruckseinheiten“. Denn die Kommunikationsteilnehmer besitzen „Verstehensstrategien, die vordergründig Redundantes oder Auffälliges ‚renormalisieren‘ und eine kongruente Textinterpretation anstreben lassen“ (ebd.). Unter diesen Verstehensstrategien versteht LÜGER (1999: 76–82) vor allem das Kooperationsprinzip nach GRICE (1975) und die damit verbundenen Kommunikationsmaximen sowie konversationelle Implikaturen, die es den Rezipienten ermöglichen, „das auf den ersten Blick Unvereinbare auf einer anderen Ebene wieder zusammenzubringen“ (LÜGER 1999: 76).

10.4  Nullartikel außerhalb formelhafter Wendungen

Die Besonderheit des Nullartikels beschränkt sich nicht nur auf formelhafte Wendungen. Es zeigt sich, dass es

noch eine ganze Reihe weiterer Kontexte und Strukturen [gibt], in denen der artikellose Gebrauch von zählbaren Nomen möglich ist. Es handelt sich also nicht nur um marginale Fälle. (D’AVIS/FINKBEINER 2013: 217)

Die Einordnung als „phraseologische Irregularität“ muss demnach relativiert werden, da es auch andere Kontexte und Konstruktionen im Gegenwartsdeutsch ← 206 | 207 → gibt, in denen Nullartikel regelmäßig vorkommen (können).177 Im Folgenden werden die wichtigsten illustriert, wobei nicht auf die gesamte (Band-)Breite artikelloser Erscheinungen eingegangen werden kann (siehe hierzu ergänzend HELBIG/BUSCHA 2002: 338–347).

1)  Textsortenspezifischer Nullartikel: Der Artikel kann in bestimmten Textsorten wegfallen. DUDEN (2009: 297) bezeichnet diese Besonderheit generell als „Telegrammstil“ und verweist darauf, dass die Nicht-Realisierung hierbei keine Seltenheit ist. Als Beispiele können folgende angeführt werden, die D’AVIS/FINKBEINER (2013: 218) entnommen sind: Schilder (Wartezimmer), Schlagzeilen (Turnhalle eingestürzt), (Buch-)Titel (Leopard, von Jo Nesbø), Telegramme (Brief angekommen), Listen (die Hauptbestandteile des Computers sind: Prozessor, Festplatte, Bildschirm), Anzeigen (Suche Wohnung), Zusammenfassungen wie in Fernsehzeitschriften (Mittellose Frau (Gwyneth Paltrow) trifft reichen Ölscheich (Jude Law)) oder Kommandos (Platz!). Der Wegfall des Artikels lässt sich auf funktionale Gründe zurückführen, die sich aus dem Zweck der jeweiligen Textsorte ergeben. Primär ist es vor allem die „Knappheit des Ausdrucks“ (D’AVIS/FINKBEINER 2013: 218), die bei vielen Textsorten eine wichtige Rolle spielt. DÜRSCHEID (2003) verweist darauf, dass solche Ellipsen nicht als Einzelfälle marginalisiert werden sollten. In einem Beitrag zu „syntaktischen Tendenzen im heutigen Deutsch“ betrachtet sie scheinbar irreguläre Phänomenbereiche, die „bereits eine gewisse Frequenz aufweisen und in ihrer Ir-Regularität Regeln folgen“ (DÜRSCHEID 2003: 328). Hierunter fallen auch Artikeleinsparungen, die sie am Beispiel von SMS-Nachrichten wie der folgenden veranschaulicht:

     HI BARBARA. HAB KEINE TEXTE IN BIBLIOTH. GEF. WAS NIMMST DU FÜR EINEN?

     Das Besondere an der Artikellosigkeit in der SMS-Kommunikation ist für sie, dass artikellose Konstruktionen bisher meist nur gelesen werden, sie in SMS-Texten (bzw. WhatsApp-Nachrichten) nun aber auch einen Bestandteil der Interaktion darstellen (vgl. DÜRSCHEID 2003: 334). Daraus ergibt sich die Frage, ob die Artikellosigkeit auch im Gesprochenen ansteigen wird. Diese Frage lässt sich nach DÜRSCHEID (2003: 338) jedoch nur dann beantworten, ← 207 | 208 → „wenn die Entwicklung im Zusammenhang mit mindestens zwei anderen Faktoren gesehen wird, mit der Kasusmarkierung und der Anzeige von Definitheit.“

2)  Prädikativer Nominativ: In prädikativen Verbindungen kann das Prädikativum ohne Artikel stehen (z. B. Er ist Postbote/Professor/Vater/Trierer/Pazifist). Der Nullartikel impliziert eine Klassenlesart in dem Sinne, dass „jemand Teil einer bestimmten sozial oder kulturell zu definierenden Gruppe ist (z. B. Beruf, Stellung, Funktion, Herkunft, Gesinnung)“ (D’AVIS/FINKBEINER 2013: 218). Das (prädikative) Substantiv wird innerhalb dieser Klassenlesart als Statusprädikat und nicht als ein Nomen mit konkreter Referenz interpretiert (vgl. D’AVIS/FINKBEINER 2013: 219).

3)  Präposition-Nomen-Kombinationen: Neben den weiter oben vorgestellten phraseologischen „Präp + N“-Konstruktionen gibt es „daneben auch Beispiele für artikellosen Gebrauch singularischer Nomen in nicht-lexikalisierten P+N-Verbindungen“ (D’AVIS/FINKBEINER 2013: 220). Im Gegensatz zu phraseologisierten präpositionalen Wendungen weisen freie artikellose Präpositionalkonstruktionen in ihrer nominalen Besetzung eine hohe Variationsbreite auf. Beispiele für solche Konstruktionen mit einer sehr produktiven, weniger stark restringierten Substantivstelle sind u. a. auf Aufforderung, durch Beobachtung, unter Androhung, in Anspielung, mit Vorbehalt, ohne Probe und nach Einigung (vgl. KISS 2009: 241):

     (66)  Eigene Waffen und Munition sind zugelassen, müssen jedoch auf Aufforderung dem verantwortlichen Schießsportleiter gezeigt werden. (Braunschweiger Zeitung, 19.01.2013)

     (67)  Die Wünsche der Enkel finden Oma und Opa durch Beobachtung heraus. (Rhein-Zeitung, 03.11.2004)

     (68)  In der Armee befahl Generalmajor Martin Chedondo seinen 35 000 Soldaten und Offizieren unter Androhung der Entlassung, für Mugabe zu stimmen. (St. Galler Tagblatt, 06.06.2008)

     KISS (2006, 2007, 2009, 2011) bezeichnet diese Erscheinungen als „Präposition-Nomen-Kombinationen“. Seiner Meinung nach sind sie alles andere als „irregulär“. Mittels korpuslinguistischer Auswertungen, die auf quantitativen Produktivitätsausmessungen basieren, weisen KISS (2007) und DÖMGES u. a. (2007) nach, dass „determinerless PPs can be classified as productive“ (KISS 2007: 317). Während diese artikellosen Präpositionalphrasen in der Grammatikschreibung durchgängig als Ausnahmen beschrieben werden, betont KISS (2011: 252), dass es sich hierbei „zumindest in Teilen um eine ← 208 | 209 → produktive – im syntaktischen Sinne also regelhafte – Konstruktion handelt, die durch Ausnahmen nicht erfasst werden kann.“ Und auch HIMMELMANN (1998: 315) vertritt die Position, dass diese keine Ausnahmen bzw. „Irregularitäten“, sondern vielmehr regelhafte Erscheinungen darstellen, die in vielen Sprachen zu finden sind:

     In the grammars of individual languages this [the use without an article, SöSt] is generelly presented as an exception to the rules of article use in that particular language. Crosslinguistically, however, such ‘irregularities’ are so common as to be the rule rather than the exception.

     Eigene Korpusanalysen zeigen, dass beispielsweise in Anspielung 8.929mal, unter Androhung 2.457mal, mit Vorbehalt 795mal, durch Beobachtung 483mal, auf Aufforderung 468mal, nach Einigung 275mal und ohne Probe 130mal im DEREKO vorkommen und sie somit mehr oder weniger hohe Frequenzen aufweisen. Dass es sich hierbei nicht um phraseologische Verbindungen handelt, macht KISS (2009: 242) an der Tatsache fest, dass die von ihm ausgewerteten Präposition-Nomen-Kombinationen regelhafte Konstruktionen darstellen, die „eben wegen ihrer Regelhaftigkeit nicht durch den Versuch einer Aufzählung“ zusammengefasst werden können. Bei einigen von KISS (2006, 2007, 2009, 2011) angeführten Belegen ist jedoch durchaus ein phraseologischer Charakter zu erkennen: zum einen aufgrund der hohen Frequenz bzw. Kookkurrenz bei bestimmten Verbindungen und zum anderen aufgrund fester syntaktischer Strukturen, die manche Präposition-Nomen-Kombinationen aufweisen. Beispielsweise legen Korpusabfragen nahe, dass sich in Anspielung nicht nur aus in und Anspielung zusammensetzt, sondern auch aus der zusätzlichen Präposition auf/(an), die wiederum eine lexikalisch frei besetzbare Substantivleerstelle eröffnet:

     (69)  Griechenland wird „Super Mario“ – wie er in Anspielung auf eine Computerspielfigur genannt wird – auch als Chef der EZB weiter beschäftigen. (Rhein-Zeitung, 25.06.2011)

     Die Wortverbindung kann als Modellbildung charakterisiert werden und ist demnach ein formelhafter Ausdruck (in Anspielung auf X[Nominalphrase]). Die Grenze zwischen phraseologischen und freien artikellosen Präpositionalkonstruktionen ist somit nur schwer zu ziehen und muss grundsätzlich als skalar betrachtet werden.

4)  „Bare Binomial“-Konstruktionen (LAMBRECHT 1984: 754): Der Artikel kann auch in Verbindungen von mindestens zwei zählbaren Substantiven ← 209 | 210 → wegfallen. Neben lexikalisierten Paarformeln, wie sie weiter oben bereits vorgestellt wurden, existieren auch nicht-lexikalisierte Verknüpfungen. Solche Konstruktionen werden in der Forschung als produktiv erachtet (vgl. D’AVIS/FINKBEINER 2013: 223). LAMBRECHT (1984: 760) bezeichnet diese als „bare binomials“ (BB) und definiert sie folgendermaßen:

     A BB is a conjunction of two nouns, usually of the form N und N, in which either or both of the conjuncts would be preceded by a determiner if they occurred as single nouns in the identical syntactic, pragmatic, and stylistic environment.

     Als Beispiele führt er u. a. Arbeitswelt und Sozialgefüge, Freiheit und Gleichheit, Vater und Sohn, Affe und Mensch, Messer und Gabel, Bleistift und Papier, Schrank und Kommode und Schüler und Lehrer an. Weitere Beispiele sind:

     (70)  Der TSV Schöppenstedt bietet wieder einen Tischtennis-Schnupperkursus an. Jungen und Mädchen ab 7 Jahre können ab heute jeden Freitag den Umgang mit Schläger und Ball ausprobieren. (Braunschweiger Zeitung, 05.10.2012)

     (71)   Gitarre und Bass umschmeicheln einander, sind perfekt eingespielt. Nach dem Ausstieg ihres Drummers haben sich die zwei als Verstärkung am Schlagzeug Russell Simins von der Jon Spencer Blues Explosion geholt. (Hamburger Morgenpost, 21.02.2007)

     (72)  Zuverlässigkeit und Vertrauen sind wichtiger als schnell steigende Umsatzzahlen, so Claudio Minder. Dann packt er Laptop und Handy und geht zum nächsten Meeting mit potenziellen Geschäftspartnern aus Südosteuropa. (St. Galler Tagblatt, 26.04.2013)

     (73)  Psychologen haben herausgefunden, dass warme Farben den Appetit anregen. Fast automatisch gestalten viele Menschen deshalb Küche und Esszimmer in entsprechenden Farbtönen. (Hamburger Morgenpost, 15.10.2012)

     Durch den fehlenden Artikel ähneln diese Verbindungen phraseologischen Paarformeln, unterscheiden sich jedoch von diesen dadurch, dass „their structural pattern can be productively used for the creation of new pairs“ (LAMBRECHT 1984: 753). In diesem Sinne können sie auch als eine (abstrakte) Modellbildung bzw. Konstruktion mit der Struktur „N CONJ N“ interpretiert werden (vgl. LAMBRECHT 1984: 794). Bare binomials können gebildet werden, wenn beide Substantive demselben (kontextuellen) semantischen Frame angehören (vgl. LAMBRECHT 1984: 782). Durch den erzeugten Frame wird die artikellose Verwendung in der koordinierten Struktur lizenziert (vgl. D’AVIS/FINKBEINER 2013: 223). In den obigen Beispielen wäre der gemeinsame Frame von Schläger und Ball der ‚Tischtennissport‘, Gitarre und Bass sind ‚Musikinstrumente (einer Rockband)‘, Laptop und Handy ← 210 | 211 → ‚Multimediageräte‘ und Küche und Esszimmer zählen zu den ‚Zimmern eines Hauses/einer Wohnung‘. Der Übergang zwischen lexikalisierten und ad hoc gebildeten paarigen Wendungen ist dabei als fließend zu charakterisieren (vgl. BURGER 2011: 54), weshalb auch der Irregularitätscharakter von festen artikellosen Paarformeln relativiert werden sollte.

5)  Inkorporationen: Inkorporationen sind Verbindungen aus artikellosen No-men und transitiven Verben („N[Akk] + V“). Bei der Konstruktion „N[Akk] + V“ kann unterschieden werden in Bildungen, die hinsichtlich der Beschränkung der Substantivstelle weniger restringiert sind, bis hin zu den weiter oben vorgestellten festen, idiomatischen Wortverbindungen, bei denen die Substantivstelle durch kein bedeutungsähnliches Wort ausgetauscht werden kann (z. B. Anwendung finden und Kasse machen). Es kann demnach zwischen spezifischeren, phraseologischen und abstrakteren, produktiven Konstruktionsmustern differenziert werden. Eine große Variationsbreite liegt laut D’AVIS/FINKBEINER (2013: 222) beispielsweise bei solchen Inkorporationen vor, bei denen die Substantivergänzung durch ‚Fortbewegungsmittel‘, ‚Musikinstrumente‘ und ‚Accessoires/Kleidungsstücke‘ besetzt werden kann. Dabei lassen sich produktive Reihenbildungen nach den folgenden Mustern feststellen:

     a)    [N] fahren, N = Element der Klasse von Fortbewegungsmitteln (Auto, Bus, Zug, Ski, Skateboard, Fahrrad etc.)

     b)    [N] spielen, N = Element der Klasse der Musikinstrumente (Klavier, Cello, Gitarre, Geige, Saxophon, Flöte, Schlagzeug etc.)

     c)    [N] tragen, N = Element der Klasse von Accessoires/Kleidungsstücke/Dinge, die man an sich hat (Hut, Krawatte, Anzug, Minirock, Perücke, Bart etc.)

     Bei festen idiomatischen Konstruktionen kann die Leerstelle nicht durch beliebige Ergänzungen besetzt werden. Dies wird an folgenden Beispielen deutlich, bei denen durch die Substituierung bedeutungsähnlicher Nomen nicht nur die phraseologische Bedeutung zerstört wird, sondern darüber hinaus die Wortverbindungen keinen syntaktisch-semantischen Sinn mehr ergeben:

     a)    Fuß/*Bein/*Hand/*Arm fassen

     b)    Leine/*Tau/*Band/*Schnur ziehen

     c)    Schwein/*Rind/*Hund/*Katze haben ← 211 | 212 →

     Bezüglich der Klassifizierung stellt sich die Frage, ob es sich bei (nicht-idiomatischen) Inkorporationen nicht doch um Phänomene der formelhaften Sprache handelt. So könnte man Bildungen wie Klavier spielen, Anzug tragen und Auto fahren durchaus als Kollokationen interpretieren (vgl. DUDEN 2009: 418–421). Es zeigt sich also auch anhand dieser Konstruktionen, dass eine eindeutige Grenze zwischen (artikellosen) phraseologischen und nichtphraseologischen bzw. formelhaften und freien Wortverbindungen nur schwer gezogen werden kann.

6)  Kiezsprachliche Konstruktionen: Ein weiterer Bereich, in dem in der Gegenwartssprache artikellose Konstruktionen zu finden sind, ist das sogenannte Kiez-Deutsch bzw. die sogenannte Kanak Sprak.178 Das Weglassen des Artikels wird als auffälliges Merkmal auf morphosyntaktischer Ebene angesehen (vgl. ANDROUTSOPOULOS 2001: 324; DÜRSCHEID 2003: 335 sowie WIESE 2006: 6). Bereits CLYNE (1968: 132) verweist in seiner Untersuchung des „Pidgin-Deutsch“ der Gastarbeiter auf diese Besonderheit. Als authentische Beispiele können nach AUER (2003: 258) folgende angeführt werden: da wird Messer gezogen, wenn ich Jacke abgenommen hab…, sonst bist du toter Mann, über Schule, einen von Jugendtreff, der ist Pittbull. Aus phraseologischer Perspektive ist die Beobachtung FÜGLEINS (2000: 80) interessant, dass sich bei bestimmten routinehaften Ausdrücken wie z. B. Gibt Problem? oder Hast du Problem? die Artikellosigkeit verfestigt hat und deshalb innerhalb dieser (Routine-)Formeln obligatorisch erscheint. Neueste Untersuchungen zeigen zudem, dass das ethnolektale Deutsch nicht mehr nur von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gesprochen wird, sondern auch bei deutschen Muttersprachlern zu finden ist. AUER (2003: 262) bezeichnet dieses Phänomen als „De-Ethnisierung des Ethnolekts“ und führt u. a. folgende Beispiele für den artikellosen Gebrauch (im Zusammenhang mit dem Weglassen von Präpositionen) an: die geht so Laden rein, dann bin ich Gymnasium zwei Jahre gegangen, und dann vor ein Jahr war ich auch türkische Frau zusammen und wollen wir nicht Kiez gehen.

Insgesamt verdeutlichen die angeführten Beispiele, dass es sich bei dem Nullartikel nicht um eine ausschließlich phraseologische Besonderheit handelt. Auch in außerphraseologischen Kontexten ist dieser nicht selten anzutreffen. Der ← 212 | 213 → Irregularitätscharakter artikelloser Phraseme muss daher relativiert werden. Bei genauerem Blick zeigt sich darüber hinaus, dass eine dichotomische Trennung in „phraseologische Konstruktionen mit Nullartikel“ und „nicht-phraseologische Konstruktionen mit Nullartikel“ kaum möglich und sinnvoll erscheint, da auch bei vermeintlich freien Konstruktionen wie Präposition-Nomen-Kombinationen, „Bare-Binomial“-Konstruktionen und Inkorporationen ein vorgeformter, formelhafter Charakter nicht völlig abgestritten werden kann.

10.5  Beispielanalysen: Neue produktive Phrasem-Konstruktionen mit Nullartikel

10.5.1  Mario Götze hat Vertrag bis 2014 und Basta!

In einem Fan-Forum des Fußballvereins Borussia Dortmund findet sich in einer im Oktober 2011 stattgefundenen Diskussion darüber, ob das Dortmunder „Eigengewächs“ Mario Götze den Verein verlassen wird, folgendes Statement:

     (74)   Mario Götze hat Vertrag bis 2014 und Basta! Ob Real, Barca, Chelsea, ManU, oder der Teufel selbst selbst für 80. Mio€ bleibt er bei uns und bei seiner Familie in Dortmund. Mario Götze ist und bleibt BVB Eigengewächs bis 2014 was danach kommt das weiss nur der Verein und Mario selbst. (http://www.bvb-fanforum.de/fanforum/printthread.php?t=5231&pp=20&page=9, Stand 05.03.2015)

Die Hoffnungen eines Verbleibs Götzes bis ins Jahr 2014 wurden – wie in der Fußballwelt allgemein bekannt – bereits im Sommer 2013 zerstört, als der Nationalspieler dank einer sogenannten Ausstiegsklausel für 37 Millionen Euro (und nicht für die vom User kolportierten 80 Millionen) zum Erzrivalen nach München wechselte. Aus linguistischer Sicht ist logischerweise nicht die Tatsache bemerkenswert, dass Götze seinen bis 2014 laufenden Vertrag nicht erfüllt (hat), sondern vielmehr wie diese Information vom User sprachlich realisiert wird. Innerhalb des Satzes Mario Götze hat Vertrag bis 2014 fehlt vor dem Substantiv Vertrag ein (obligatorischer) Artikel.

Dieser Textbeleg ist kein Einzelfall. D’AVIS/FINKBEINER (2013) zeigen, dass die artikellose Konstruktion Vertrag haben im heutigen Deutsch vermehrt anzutreffen ist. So lassen sich im DEREKO viele weitere Beispiele finden:

     (75)  Nationalspieler Torsten Frings will seine Laufbahn bei Werder Bremen oder Alemannia Aachen beenden. „Ich habe Vertrag bis 2009, dann bin ich 32 Jahre alt. Eigentlich möchte ich meine Karriere in Bremen beenden“, sagte Frings der „Sport-Bild“. (Nürnberger Zeitung, 12.10.2006) ← 213 | 214 →

Korpusrecherchen von D’AVIS/FINKBEINER (2013: 214–217) belegen einerseits, dass die Konstruktion in der heutigen Gegenwartssprache deutlich häufiger vorkommt als noch vor zwei Jahrzehnten. Andererseits ist sie – wie auch in den obigen Beispielen zu sehen – stark auf Kontexte beschränkt, in denen vertragliche Bindungen von Fußballspielern thematisiert werden.

D’AVIS/FINKBEINER (2013: 235) kommen zu dem Schluss, dass Vertrag innerhalb der Konstruktion eine abstrakte Lesart besitzt und so viel bedeutet wie ‚Übereinkunft/vertragliche Relation‘. Geht man von einer modellartigen Struktur mit Leerstellencharakter aus, kommen demnach nur Nomen mit abstrakter Lesart für die Besetzung der Substantivstelle infrage. D’AVIS/FINKBEINER (2013: 236) untermauern diese Vermutung mit weiteren Beispielen, in denen die Nomen Versicherung (jmd. hat Versicherung) und Abo (jmd. hat Abo) in Verbindung mit haben ohne Artikel stehen. Darüber hinaus lassen sich nach eigener Internet-Recherche weitere – wenn auch (noch) vereinzelte – Substantivvarianten der Konstruktion aufdecken:

     (76)   Ich habe Festanstellung von 20 h an freier Schule als Erzieher (bin Ergo) und arbeite zusatzlich als freier Mitarbeiter einer ErgoPraxis. (die ist allerdings ca. 1h entfernt) (http://www.ergotherapie.de, 03.03.2014)

     (77)  Er hat Abkommen mit zwei Luxushotels, wo er Gäste unterbringt, meist aus dem arabischen Raum, Papa feiert Luxusfeste in arabischen Restaurants und lässt die Puppen tanzen. (www.gericht.at, 03.03.2014)

     (78)  Ich habe Vereinbarung mit meinem Mann, dass ich im Juni noch nicht nach Brünn fahre. (www.klein-putz.net, 03.03.2014)

Es kann daher festgehalten werden, dass es sich bei dem hier vorgestellten Phänomen nicht um eine wieder im Verschwinden begriffene Ausnahme handelt, sondern „um eine weitere, einzeln zu lernende Konstruktion im Deutschen“ (D’AVIS/FINKBEINER 2013: 237). Die festgeprägte Form Vertrag haben kann dabei als formelhaft im Sinne der oben vorgestellten „N[Akk] + V“-Wendungen interpretiert werden (z. B. Flagge zeigen und Schwein haben). Finden sich in Zukunft noch weitere Variationen bezüglich der Akkusativstelle, ließe sich die Konstruktion auch problemlos als Modellbildung mit dem Strukturschema „N[Akk/abstrakt] + haben“ kategorisieren.

Um nochmals auf den Dortmunder Forumsbeitrag zurückzukommen: Der User wäre sich über den Verbleib Götzes gewiss nicht so sicher gewesen, wenn er über dessen Ausstiegsklausel Bescheid gewusst hätte. Dass es eine solche vertragliche Besonderheit gab, vermuteten bereits einige Medien vor Bekanntgabe des Transfers. Ihre Vermutung formulierten sie interessanterweise ebenfalls mittels ← 214 | 215 → derselben artikellosen Konstruktion – nämlich mit Götze hat Ausstiegsklausel179 –, was wiederum für deren Modellcharakter spricht. Exemplarische Google-Abfragen verdeutlichen außerdem, dass X[Nomen] hat Ausstiegsklausel kein Einzelfall darstellt und auch mehr oder weniger auf fußballspezifische (Vertrags-)Kontexte beschränkt ist (z. B. Andre Schürrle hat Ausstiegsklausel für 2014180, S04-Talent Meyer hat Ausstiegsklausel über 25,5 Mio. Euro181 und Weltmeister Zieler hat Ausstiegsklausel in neuem Vertrag182).

10.5.2  Kann Merkel Kanzlerin?

Eine neuartige und vermehrt auftretende Konstruktion ist die Modellbildung „können X[(Pro-)Nomen] Y[Nomen]?“ bzw. „X[(Pro-)Nomen] können Y[Nomen]“. Durch Google-Anfragen lassen sich in kurzer Zeit problemlos über 150 Beispiele finden (vgl. STUMPF 2015: 5–7). Exemplarisch seien einige angeführt:

Kann Merkel Kanzlerin?, Kann Steinbrück Kanzler?, Kann Pep Bayern?, Kann Dortmund Champions-League?, Kann Schalke Abstiegskampf?, Kann CDU Stadt?, Kann Deutschland noch Großprojekte?, Deutschland kann Film!, Deutschland kann Energiewende!, Kann Ägypten Demokratie?, Berlin kann Brandschutz!, Umweltschutz, kann China das?, Til Schweiger kann Tatort-Kommissar, Ich kann Polizei, Ich kann Marathon, Jeder kann Papst, Können die Piraten Wirtschaft?, FDP kann nicht Plakat, Kann eigentlich jeder Minister?, Berlin kann weder Flughafen noch Knast, Verbeek kann Bundesliga, Gymnasium kann doch jeder, Jeder kann NSA, VW kann USA nicht

Die Wendung wird von Laien zum Teil als ungrammatisch aufgefasst, da das in der Regel als Modalverb verwendete können innerhalb der Konstruktion den Status eines Vollverbs besitzt:

Warum immer dieses Mist-Deutsch!!! Kann Merkel Kanzlerin? Kann Klopp Europa? Kann Hartwich Bach? Was bilden sich die Medien eigentlich ein!!! Jetzt reichts langsam! Wenn man das mal als Stilmittel einsetzt, ist es okay, aber doch verdammt noch mal nicht immer!!! Mir reichts!!! Die Frage ist doch: KANN DER DEUTSCH??? (http://www.civforum.de, Stand 28.09.2014) ← 215 | 216 →

Aus linguistischer Perspektive handelt es sich hierbei jedoch keineswegs um eine ungrammatische, sondern vielmehr um eine feste und modellartige Konstruktion mit eigenständigen strukturellen sowie semantischen Eigenschaften. Die Modellbildung tritt sowohl als Aussage wie auch als Fragesatz auf, wobei das abstrakte Konstruktionsmuster in etwa die folgende Bedeutung besitzt: ‚ist X in der Lage/besitzt X das Potenzial, Y auszuführen/innezuhaben/zu leisten/anzugehen/zu bestreiten etc.?‘ bzw. ‚X ist in der Lage/besitzt das Potenzial, Y auszuführen/innezuhaben/zu leisten/anzugehen/zu bestreiten etc.‘ Kann Merkel Kanzlerin? bedeutet demzufolge so viel wie ‚ist die Politikerin Angela Merkel in der Lage/besitzt sie das Potenzial/traut sie sich zu, das Amt des Bundeskanzlers (erfolgreich) auszuüben?‘ und Deutschland kann Energiewende! so viel wie ‚Deutschland ist in der Lage/besitzt die (notwendigen) Möglichkeiten/Voraussetzungen, die Energiewende (erfolgreich) umzusetzen/zu vollziehen‘.

Aus pragmatisch-textueller Sicht ist hervorzuheben, dass die Konstruktion nicht nur – wie von sprachkritischen Laien vermutet – innerhalb der sogenannten „Regenbogenpresse“ bzw. in Satiremagazinen, sondern durchweg auch in anspruchsvolleren (online) Zeitschriften und Zeitungen Verwendung findet (z. B. auf faz.net, welt.de, sueddeutsche.de und spiegel.de). Darüber hinaus ist ihr Gebrauch keineswegs auf Schlagzeilen beschränkt; sie tritt ebenso im Fließtext und sogar in gesprochener Sprache auf. So verwendet der Moderator des Aktuellen Sportstudios Jochen Breyer in einem Interview mit Eintracht Frankfurts Trainer Thomas Schaaf die Konstruktion, wenn er auf das immer am Ende der Sendung stattfindende Torwandschießen verweist:

     (79)  „Tabu können Sie also. Ob Sie Torwand können, werden wir später sehen.“ (ZDF,

Aktuelles Sportstudio vom 30.08.2014, Hörbeleg) Ohne detaillierter auf weitere strukturelle, semantische, pragmatische sowie sprachkritische Aspekte dieser Konstruktion einzugehen (siehe hierzu STUMPF 2015), ist im Zusammenhang des vorliegenden Kapitels vor allem die syntaktische Besonderheit hervorzuheben, dass das Substantiv, das die Akkusativleerstelle ausfüllt, ohne Artikel realisiert wird. Bei der Konstruktion handelt es sich somit um eine neue und produktive formelhafte Wendung mit Artikel(ir) regularität.

10.5.3  So geht Energiewende und so muss Party

Zwei weitere neuartige Modellbildungen, in denen artikellose Substantive anzutreffen sind, stellen die beiden Wendungen so geht X[Nomen] und so muss X[Nomen] dar. Ursprünglich handelt es sich hierbei um Slogans der Werbebranche. Die ← 216 | 217 → erste Wendung basiert auf dem Slogan So geht Bank heute von der Targobank, die zweite auf Soo! Muss Technik des Elektromarkts Saturn.

Beide Slogans entwickeln sich zunehmend zu Modellbildungen, in denen die Substantive Bank und Technik durch (Substantiv-)Leerstellen ersetzt werden:

So geht Bank heute

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so geht X[Nomen] (heute)

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so geht X[Nomen]

Soo! Muss Technik

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so(o)(!) muss X[Nomen]

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so muss X[Nomen]

Slogan

modellartiges geflügeltes Wort

Modellbildung

Auf einer Zwischenstufe entstehen dadurch im Grunde modellartige geflügelte Worte. Ist bei den Sprechern nicht mehr das Bewusstsein vorhanden, dass diese Wendungen auf die Slogans der Targobank bzw. des Elektromarkts Saturn zurückgehen, verlieren sie schließlich den Charakter eines geflügelten Wortes. Den Endpunkt des Prozesses bilden demzufolge gewöhnliche Modellbildungen.

Diese Entwicklung ist auch von lexikalischen und orthografischen Veränderungen begleitet. Während bei dem Slogan der Targobank das lexikalische Element heute in den meisten modifizierten Fällen eliminiert wird, sind es beim Saturn-Spruch vor allem orthografische Anpassungen. In der endgültigen Modellbildung fehlt das zusätzliche o bei so sowie das Ausrufezeichen. Diese Abweichungen sind dabei ein natürlicher Reflex davon, dass den Sprechern die Basisform nicht (mehr) bekannt ist und die Wendung somit immer weniger Züge eines geflügelten Wortes aufweist. Diese beiden Momente bedingen sich wahrscheinlich gegenseitig: Dadurch, dass den Sprechern der Bezug zur Quelle verloren geht, ändert sich die Form der Wortverbindung, und weil sich die Form mit der Zeit von der des ursprünglichen Slogans entfernt, wird den Sprechern die Verknüpfung zur ursprünglichen Quelle erschwert.

Das Beispiel veranschaulicht, wie gut sich Slogans für die Herausbildung von geflügelten Worten eignen (vgl. JANICH 2005: 51). Dies resultiert vor allem aus der Tatsache, dass Slogans

[a]ufgrund ihrer Kürze und Prägnanz, der starken rhetorischen Gestaltung und ihrer hohen, anzeigenübergreifenden Frequenz […] an und für sich oft wie Phraseologismen [wirken]! (JANICH 2005: 51)

Die Modifikation mittels Substitution der ursprünglichen Substantivkomponenten führt zur Modellformel mit Leerstellencharakter. Sucht man in Google nach konkreten Belegen dieser Wendungen, so wird man schnell fündig. Die beiden Übersichten zeigen mögliche Substantivergänzungen: ← 217 | 218 →

Übersicht 10-1:  Realisierungsformen der Modellbildung so geht X[Nomen]

so gehtAltersvorsorge, Auswärtssieg, Bedrohung der Pressefreiheit, Biathlon, Christentum, Crowdfunding, Deutschland, Dividende, Energiewende, Facebook, Frauenquote, Fürth, Geld, Geldanlage, Handel, Heimkino, Hybrid, Inflation, IT-Vertrieb, Karriere, Käse, Kirmes, Kundengewinnung, LAN-Party, Liebe, Lokaljournalismus, Marketing, Office, Öko-Rassismus, Olympia, Opposition, PC-Entsorgung, Pokerface, Schulkarneval, Schweissen, Selbstverwaltung, Silvesterparty für Faule, Smartwatch, Spätlese, Steuerflucht, Unterhaltung, Veränderung, Versicherung, Weihnachten, Werbung, Werkstatt
 

Übersicht 10-2:  Realisierungsformen der Modellbildung so muss X[Nomen]

so mussApfel, Beetle, Dampflok, Eishockey, E-Mail, Fernsehen, Fußball, Kino, Kirche, Kirmes, Lehrer, Musical, Party, Pflanzenschutztechnik, Pizza, SEO Konferenz, Tablet, Trecker, Twitter, Ultrabook, Verschränkung, Wasen, Winter
 

Die Auflistung macht deutlich, dass sich die werbespezifischen Slogans mit der Zeit zu produktiven Modellbildungen entwickelt haben bzw. dieser Prozess gerade vonstattengeht. Für das vorliegende Kapitel ist vor allem die Tatsache interessant, dass es sich bei beiden Wendungen um artikellose Konstruktionen handelt. Die Substantive, die in die Leerstelle treten, werden für gewöhnlich ohne Artikel realisiert.

Erwähnenswert scheint in Bezug auf die Modellbildung so geht X[Nomen] noch, dass sich auch Belege finden lassen, in denen Adjektive in die Leerstelle treten. In diesen Fällen hat sich die Wendung aufgrund der Ersetzung der Substantivleerstelle durch eine Adjektivleerstelle noch weiter von der ursprünglichen Struktur des Slogans entfernt. Die konkreten Ausprägungen sind nur noch schwer auf den Ursprungsslogan So geht Bank heute zurückzuführen. Exemplarisch können folgende Belege genannt werden: so geht einfach/gesund/katholisch/sächsisch/schlank/vegan/warm.

Insgesamt zeigen die hier vorgestellten neuartigen Konstruktionen, dass Wendungen mit der formelhaften (Ir-)Regularität des Nullartikels auch im Gegenwartsdeutsch entstehen können. Artikel(ir)regularitäten sind somit nicht nur auf Phraseme beschränkt, die ältere Sprachzustände tradieren (in dem Fall der Nullartikel), sondern auch „neue“ Phraseme weisen diese scheinbare „Anomalie“ auf. Die Tatsache, dass auch im heutigen Deutsch formelhafte Wortverbindungen mit artikellosen Substantiven produziert bzw. erst erschaffen werden, relativiert wiederum den „diachronen“ und vor allem „irregulären“ Charakter artikelloser Phraseme. ← 218 | 219 →


167  Für genauere Informationen zum Artikelsystem im heutigen Deutsch sei auf HENTSCHEL/WEYDT (1990: 202–213) und HELBIG/BUSCHA (2002: 320–347) verwiesen.

168  Es handelt sich hierbei um Isidor (790), Tatian (830), Otfrids Evangelienbuch (863/71) sowie die Werke Notkers des Deutschen (circa 1000).

169  Neben den vorgestellten Mustern gibt es noch weitere (vereinzelte) Fälle, in denen innerhalb von Phrasemen der Nullartikel steht. So verweisen DUDEN (2009: 298), HENTSCHEL/WEYDT (1990: 213) und HELBIG/BUSCHA (2002: 342) darauf, dass bei formelhaften Wendungen in Form von adverbialen Genitiven kein Artikel gesetzt wird (z. B. schnellen Schrittes, erhobenen Hauptes und gleichen Alters). Zu adverbialen Genitiven siehe Kapitel 9.

170  Zur Beschreibung der artikellosen Strukturschemata werden folgende Abkürzungen vorgenommen: „N“ = Nomen/Substantiv; „V“ = Verb; „Präp“ = Präposition und „Konj“ = Konjunktion.

171  Zu Funktionsverbgefügen siehe generell VON POLENZ (1963, 1987); ENGELEN (1968); HELBIG (1979, 2006); KLEIN (1986); VAN POTTELBERGE (2000, 2001, 2007); FABRICIUS-HANSEN (2006); HEINE (2006, 2008); KAMBER (2008); ZESCHEL (2008) und STORRER (2006, 2007, 2013).

172  Nicht alle der exemplarisch aufgezeigten Wendungen lassen sich als klassische Funktionsverbgefüge interpretieren, da es sich nicht immer um deverbale Substantive (z. B. Schwein haben und Kasse machen) und/oder Funktionsverben handelt (z. B. Anwendung finden und Streit suchen). Für FEILKE (1996) sind diese Merkmale jedoch keine ausreichenden Kriterien, um unterschiedliche und klar voneinander differenzierte Klassen dieser Konstruktion aufzustellen. Da die einzelnen Phraseme dieselbe Struktur („N[Akk] + V“) aufweisen, bezeichnet er sie in Anlehnung an WOTJAK (1994) als „Substantiv-Verb-Kollokationen“ (FEILKE 1996: 146) und setzt sie als Obergruppe für die verschiedenen Ausprägungen an Funktionsverbgefügen an. Bei „Substantiv-Verb-Kollokationen“ (z. B. Geld abheben) und Funktionsverbgefügen im engeren Sinne (z. B. zur Entscheidung kommen/bringen/stellen/stehen) handelt es sich demzufolge „prinzipiell um gleichartige Erscheinungen“ (WOTJAK 1994: 654), weshalb auch in der vorliegenden Arbeit terminologisch keine genaue Unterscheidung gemacht wird.

173  Aus diesem Grund wird im Folgenden nicht generell von Funktionsverbgefügen gesprochen, sondern von mehr oder weniger verfestigten „Präp + N + V“-Konstruktionen.

174  Weitere Beispiele für artikellose Phraseme des Englischen finden sich in GLÄSER (1990: 59).

175  Es gibt jedoch auch Beispiele, in denen die Nomen mit Artikel stehen (z. B. ein Kind ist ein Kind, die Uni ist (halt) die Uni oder deine Kinder sind (halt) deine Kinder) (vgl. AUTENRIETH 1997: 13).

176  Siehe www.sprichwort-plattform.org (Stand 17.02.2015).

177  Dabei sind artikellose Nominalphrasen nicht nur im Deutschen anzutreffen, sondern auch in anderen Sprachen. Zum Englischen siehe u. a. HIMMELMANN (1998); dE SWART/ZWARTS (2009); KLEIN u. a. (2009, 2013); STVAN (1993, 1998, 2007) sowie CARLSON u. a. (2006).

178  Auf sprachkritische Ansätze bzw. Bewertungen des Kiez-Deutsch und deren Relativierung kann im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht eingegangen werden (siehe hierzu ausführlich WIESE 2011a, 2011b, 2012, 2013; WIESE/KRÄMER 2013 sowie ANDROUTSOPOULOS/LAUER 2013).

179  www.welt.de/print/welt_kompakt/print_sport/…/Fussball-Kompakt.html (Stand 28.09.2014).

180  http://www.sportal.de/medien-andre-schuerrle-hat-ausstiegsklausel-fuer-2014–1–2013032525780700000 (Stand 28.09.2014).

181  http://www.transfermarkt.de/bild-s04-talent-meyer-hat-ausstiegsklausel-ueber-255-mio-euro/view/news/148720 (Stand 28.09.2014).

182  http://www.transfermarkt.de/weltmeister-zieler-hat-ausstiegsklausel-in-neuem-vertrag/view/news/168877 (Stand 28.09.2014).