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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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11. Valenz(ir)regularität

11.  Valenz(ir)regularität183

11.1  Vorbemerkungen: Valenz verbaler Idiome

Das Verhältnis zwischen „Phraseologie“ und „Valenztheorie“ ist bereits mehrfach Gegenstand der Forschung gewesen (siehe GRÉCIANO 2003; WOTJAK/HEINE 2007 sowie STUMPF im Druck4). Zentral war bzw. ist die Frage, ob phraseologische Einheiten im Rahmen der Valenztheorie von TESNIÈRE (1980) beschrieben werden können. Dabei hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Phraseme einen (valenzsyntaktischen) Normalfall und keineswegs einen Sonderfall darstellen (vgl. ÁGEL 2004b: 65). Nach ÁGEL (2004b: 70) darf es daher, „auch keine ‚allgemeine‘ Valenztheorie für ‚normale‘ Lexemwörter und getrennt davon eine ‚besondere‘ Restvalenztheorie für polylexikalische Sprachzeichen geben.“

In der gegenwärtigen Phraseologie- bzw. Valenzforschung herrscht demzufolge Konsens darüber, dass neben einfachen Verben auch (verbale) Phraseme in eine auf Vollständigkeit abzielende Valenzuntersuchung integriert werden müssen (vgl. HESSKY 1988: 142). Denn auch (verbale) Phraseme besitzen – wie gewöhnliche Wortlexeme – die Fähigkeit, aus ihrer phraseologischen Gesamtstruktur heraus Leerstellen zu eröffnen, die besetzt werden müssen bzw. können (vgl. KEIL 1997: 60). Von großer Bedeutung für die Valenzbeschreibung verbaler Idiome ist die Differenzierung in „interne“ und „externe“ Valenz. Die Unterscheidung dieser beiden Valenzstellen wird mithilfe des folgenden Idioms näher erläutert:

jmd.

gibt

jmdm.

einen Korb

externe Valenzstelle

 

externe Valenzstelle

interne Valenzstelle

← 219 | 220 →

1)  Interne Valenz“ bzw. „intern fixierte Komponenten“: Während das Verb geben der Kern des Idioms ist, können die übrigen Komponenten in „interne“ und „externe“ Valenzstellen unterschieden werden. Zur internen Valenz zählen diejenigen Ergänzungen, die bereits fester Bestandteil des Phrasems sind (vgl. KEIL 1997: 60). Sie sind nicht substituierbar und gehören der Binnenstruktur bzw. Nennform des Phrasems an. Im obigen Beispiel ist dies die Einheit einen Korb, die mit dem Verb geben das verbale Idiom einen Korb geben bildet. Es muss angemerkt werden, dass der Terminus „interne Valenz“ nicht ganz zutreffend ist, da es sich bei Valenz definitionsgemäß um syntaktische „Leerstellen“ (EROMS 2000: 80) handelt, die durch eine Vielzahl an Wörtern ausgefüllt werden können. Die innerhalb eines Phrasems als „interne Valenzstellen“ klassifizierten Elemente sind jedoch schon in einer bestimmten und meist nicht austauschbaren Form realisiert (vgl. BURGER 2010: 20). Es wird daher der Terminus „interne Valenz“ verworfen und durch den Terminus „intern fixierte Komponente“ ersetzt (siehe STUMPF im Druck4). Angewandt auf das oben angeführte Phrasem bildet die stabile, intern fixierte Komponente zusammen mit dem Verb den komplexen phraseologischen Verbalträger (einen Korb geben), der insgesamt die beiden (externen) Valenzstellen „Subjekt“ und „Dativobjekt“ eröffnet.

2)  „Externe“ Valenz184: Die (obligatorischen und fakultativen) Ergänzungen, die ein verbales Phrasem aufgrund seiner Gesamtbedeutung eröffnet, werden als „externe“ Valenzstellen (im Folgenden nur noch „(externe) Valenzstellen“) bezeichnet. In unserem Beispiel sind sie durch die Platzhalter jmd. und jmdm. gekennzeichnet. Die Leerstellen können durch unterschiedliches lexikalisches Material aufgefüllt werden, wobei auch die Valenz von Verbidiomen im Anschluss an HERINGER (1988: Kapitel 2.4) nach quantitativen, qualitativen und selektionalen Gesichtspunkten beschrieben werden kann:

         Quantitative Valenz: Bei der quantitativen Valenz geht es um die Frage nach der Anzahl der Leerstellen, die ein verbales Idiom fordert. Nach TORZOVA (1983: 283) erstreckt sich die Valenzstreuung von Einwertigkeit (z. B. jmd. zieht den Kopf aus der Schlinge) bis Dreiwertigkeit (z. B. jmd. kommt mit jmdm. über etw. ins Reine), wobei auch bei verbalen ← 220 | 221 → Phrasemen fakultative Ergänzungen existieren (können) (z. B. jmd. macht sich lieb Kind (bei jmdm.)) (vgl. PANKRATOVA 1983: 280).

         Qualitative Valenz: Die qualitative Valenz gibt Auskunft über die syntaktische Realisierung der Leerstellen im Hinblick auf ihre Satzgliedfunktion. Demnach fordert das zweiwertige Idiom jmd. gibt jmdm. einen Korb ein Subjekt (jmd.) und ein Dativobjekt (jmdm.) – das Akkusativobjekt (einen Korb) stellt eine intern fixierte Komponente dar.

         Selektionale Valenz: Neben syntaktisch-funktionalen Beschränkungen unterliegen die Valenzstellen auch semantischen Restriktionen. Diese machen sich insofern bemerkbar, als die Leerstellen im Hinblick auf ihre Semantik nicht von beliebigen Aktanten aufgefüllt werden können. Die Ergänzungen müssen, abhängig von der Bedeutung des Phrasems, bestimmte semantische Merkmale aufweisen, um überhaupt als Aktantenmaterial infrage zu kommen (vgl. BURGER 2010: 20). Beispielsweise können die Nominativ- und Dativleerstelle des Idioms jmd. gibt jmdm. einen Korb nur durch Ergänzungen realisiert werden, die das Merkmal [+menschlich] aufweisen. Der verbale Träger bestimmt daher neben der Anzahl und Satzgliedfunktionen der Leerstellen auch die semantischen Charakteristika der möglichen Ergänzungen (vgl. WOTJAK, B. 1986: 329).

3)  Beziehungen zwischen intern fixierten Komponenten und (externen) Valenzstellen: Zwischen intern fixierten Komponenten und (externen) Valenzstellen bestehen durchaus Beziehungen und Wechselwirkungen. Zwar sind die intern fixierten Komponenten eines verbalen Idioms, also die Kasusformen der nominalen Konstituenten, für die Anzahl und die semantischen Merkmale der Ergänzungen der Valenzstrukturen „grundsätzlich irrelevant“ (HESSKY 1988: 146), die kasuelle Markierung der Ergänzungen kann jedoch nur unter Berücksichtigung der internen Ausdrucksstruktur des verbalen Idioms gedeutet werden. Die Frage, in welchem Kasus beispielsweise die einzige Ergänzung eines einwertigen Idioms realisiert wird, ist von der Kasusform abhängig, die im Inneren des Phrasems bereits fixiert ist (vgl. KOLDE 1979: 82).

Bei vielen Idiomen kann nicht exakt zwischen intern fixierten Komponenten und (externen) Valenzstellen differenziert werden, da es auch Übergangsfälle zwischen variablen und stabilen Elementen von verbalen Idiomen gibt (vgl. KEIL 1997: 65f.). Als Beispiel kann die Modalerweiterung hart in jmd. geht mit jmdm. (hart) ins Gericht angeführt werden, bei der auch aus korpusanalytischer Perspektive ← 221 | 222 → nur schwer entschieden werden kann, ob sie eine obligatorische, intern fixierte oder eine fakultative, variable Komponente darstellt (siehe STUMPF im Druck4). ÁGEL (2004b) entwirft aufgrund dieser Erkenntnis ein Stufenmodell der Formvariabilität, in dem die Grenze zwischen intern fixierten Komponenten und (externen) Valenzstellen nicht dichotomisch, sondern graduell verläuft.

11.2  Definition

Der These ÁGELS (2004b: 70) – Phraseme sollten als „(valenzsyntaktischer) Normalfall“ angesehen werden – stehen in gewisser Weise sogenannte Valenz(ir)regularitäten gegenüber. Denn bei der Übertragung der Valenztheorie auf verbale Phraseme lassen sich teilweise Idiome finden, in denen „irreguläre“ Verbvalenzen anzutreffen sind, die also keinen „Normalfall“ darstellen. Die „Irregularität“ zeigt sich darin, dass innerhalb der festen Wendung Valenzstellen auftreten, die aus der Valenz des Verbs in freier Verwendung nicht erschlossen werden können (vgl. BURGER 2002: 394f. sowie FILATKINA 2013: 37). Für das Aufdecken einer Valenz(ir)regularität ist ein Vergleich zwischen den Valenzstellen des Phrasems und den Valenzstellen des freien Verbs notwendig:

Eine irreguläre Valenzbindung wird erkennbar, wenn man die Valenzraster lexikalischer Einheiten mit den Umgebungen von formal identischen Valenzträgern innerhalb (zunächst mutmaßlicher) phraseologischer Verbindungen vergleicht. (SCHINDLER 1996a: 218; Hervorhebung im Original)

Das entscheidende Charakteristikum einer Valenz(ir)regularität ist die Existenz einer Phrasemergänzung, die in freier Verwendung niemals aus synchroner Perspektive von demselben Verb gefordert wird, das Verb also eine nicht (mehr) übliche Rektion aufweist (vgl. BURGER 1973: 35). Das aus valenztheoretischer Perspektive Besondere an Idiomen liegt demnach darin, dass diese Komponenten enthalten (können), „die gar nicht zum Stellenplan des entsprechenden frei verwendeten Verbs gehören“ (HYVÄRINEN 2003: 749). BURGER (2010: 20f., 67) führt als Beispiel die Wendung jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen an. Bei dieser kann die präpositionale Ergänzung an jmdm./etw. nicht durch das Valenzpotenzial von fressen in freiem Gebrauch erklärt werden. Das Verb fressen ist zweiwertig, es fordert ein Subjekt und ein Akkusativobjekt. Das Idiom jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen ist zwar ebenso zweiwertig, es verlangt jedoch neben einer Nominativergänzung (jmd.) auch eine Präpositionalergänzung (an jmdm./etw.) – die Akkusativergänzung (einen Narren) ist Bestandteil der internen Phrasemstruktur. Die „Irregularität“ besteht demzufolge darin, dass ← 222 | 223 → die innerhalb des Phrasems zu findende präpositionale Ergänzung keine notwendige Valenzstelle des freien Verbs fressen ist.

Keine Valenz(ir)regularität liegt vor, wenn sich lediglich die quantitative Valenz zwischen phraseologischer und nicht-phraseologischer Verwendung unterscheidet. Valenz(ir)regularitäten betreffen in erster Linie die qualitative Valenz. Mit anderen Worten: Nur wenn innerhalb eines Idioms Ergänzungsklassen (z. B. ein präpositionales Objekt) auftreten, die in freier Verwendung nicht der Rektion des Verblexems unterliegen, handelt es sich um das Phänomen der Valenz(ir)regularität. Auch zwischen intern fixierten Komponenten und (externen) Valenzstellen sollte kein Unterschied gemacht werden; Valenzabweichungen können beide Typen betreffen.

Bei dem Idiom jmd. gibt jmdm. einen Korb handelt es sich demnach nicht um eine Valenz(ir)regularität, auch wenn dessen Valenz quantitativ von der Valenz des Verbs geben in freier Verwendung abweicht. Jmd. gibt jmdm. einen Korb ist zweiwertig, da es eine Nominativ- und eine Dativergänzung fordert, das Verb geben dreiwertig, da es zusätzlich eine Akkusativergänzung aufweist. Die im außerphraseologischen Gebrauch notwendige Akkusativergänzung ist jedoch als intern fixierte Komponente ein fester Bestandteil des Phrasems. Dies verdeutlichen die folgenden Valenzstemmata:

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11.3  Diachrone Entwicklung: Valenzwandel

Nach HERINGER (2006: 1452) liegt ein Sprachwandel im Bereich der Valenz dann vor,

wenn eine einschlägige Realisierung, die zum Zeitpunkt t1 möglich war, zum Zeitpunkt t2 nicht mehr möglich ist, oder wenn eine Realisierung, die zum Zeitpunkt t1 nicht möglich war, zum Zeitpunkt t2 möglich ist.

Er räumt jedoch ein, dass dies historisch nicht immer leicht zu bestimmen ist. Die größte Schwierigkeit resultiert daraus, dass für Valenzanalysen die Urteile kompetenter Sprecher benötigt werden; für historische Sprachstufen sind solche Beurteilungen jedoch kaum möglich. Die Untersuchung muss sich demnach auf steuernde Valenzbeziehungen konzentrieren, die sich in der Oberflächenstruktur von Sätzen zeigen, wobei u. a. eine Problematik darin besteht, aufgrund der kaum vorhandenen Realisierung von Satzzeichen in historischen Texten die Satzgrenzen überhaupt eindeutig bestimmen zu können (vgl. PFEFFERKORN/SOLMS 2006: 1480). ← 223 | 224 →

Des Weiteren zeigen sich in älteren Texten viele Probleme, die schon für zeitgenössische Texte nicht gelöst sind, allen voran das Abgrenzungsproblem zwischen Ergänzungen und Angaben (vgl. HERINGER 2006: 1456). Denn da selbst in der gegenwartsbezogenen Forschung keine eindeutigen Unterscheidungskriterien für obligatorische bzw. fakultative Ergänzungen und Angaben existieren, ergeben sich für ältere Sprachepochen erst recht enorme Schwierigkeiten (vgl. PFEFFERKORN/SOLMS 2006: 1481). Für historische Valenzuntersuchungen werden daher vor allem Frequenzanalysen herangezogen (vgl. GREULE 2006: 1475).

Den Ausgangspunkt von Valenzwandel sieht HERINGER (2006: 1452) in der Eigenschaft der Alternation begründet:

Alternationen der Valenz sind mehr oder weniger reguläre semantische Erscheinungen, die das Verhältnis von Lexikon zur konkreten Verwendung betreffen. Sie bilden auch eine Basis für den Valenzwandel.

Für ihn ist die Standardform eines sogenannten Valenz-Frames demnach flexibel. Von der Standardform ausgehend kann es auf synchroner Ebene zu anderen Realisierungsmöglichkeiten kommen. Als Alternationsarten der Valenz führt er beispielsweise die elliptische Verwendung, die Reduktion und die Erhöhung an (vgl. HERINGER 2006: 1452f.).

Möchte man den Valenzwandel genauer beschreiben, so kann man den Schwerpunkt beispielsweise auf einzelne Lexeme und die Realisierung ihrer Ergänzungen sowohl aus quantitativer als auch qualitativer Perspektive setzen (vgl. KORHONEN 2006a: 1469). Ein quantitativer Valenzwandel liegt dann vor, wenn sich die Anzahl der Aktanten eines Valenzträgers im Laufe der Sprachgeschichte verändert. Dabei kann zwischen Valenzminderung und Valenzerhöhung unterschieden werden (vgl. KORHONEN 2006a: 1470). Unter qualitativem Valenzwandel versteht man die Verdrängung einer syntaktisch-funktionalen Valenzstelle zugunsten einer anderen bei gleichbleibender quantitativer Valenz (z. B. vom Genitivobjekt zum Präpositionalobjekt). Dies ist beispielsweise bei der formelhaften (Ir-)Regularität des Genitivobjekts der Fall. Die (frühere) Genitivrektion ist in Phrasemen fossiliert, während sich die Rektion des freien Verbs verändert hat (z. B. jmd. belehrt jmdn. eines Anderen/Besseren versus jmd. belehrt jmdn. über etw.). Formelhafte (Ir-)Regularitäten mit Genitivobjekt können somit gleichzeitig Valenz(ir)regularitäten sein. Denn die Bewahrung „veralteter“ Genitivobjekte in festen Wortverbindungen ist nichts anderes als eine phraseologische Valenzbesonderheit.185 ← 224 | 225 →

Über den Valenzwandel im phraseologischen Bereich liegen meines Wissens bislang keine detaillierten Studien bzw. Forschungsergebnisse vor. Die einzigen Erwähnungen sind solche, die Valenz(ir)regularitäten betreffen, wie die folgende Anmerkung von Ulrich Engel in einem Interview mit MELLADO BLANCO (1996: 237):

Selbstverständlich muß grundsätzlich die Möglichkeit offengehalten werden, daß sich die Valenz eines phraseologischen Ausdrucks ändert gegenüber der Valenz des einfachen Verbs, das in diesem Phraseologismus enthalten ist […].

11.4  Beispielanalysen: Stemmatische Darstellung von Valenz(ir)regularitäten186

11.4.1  jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen

Die Aktantenabweichung des Phrasems jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen kann mithilfe der folgenden Beispielsätze und deren Stemmata verdeutlicht werden:

a)    Anna hat an Heiko einen Narren gefressen.

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b)    Die Katze hat die Maus gefressen.

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Das Aktantenpotenzial des Idioms jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen ist in Beispielsatz a) abgebildet, das von fressen in freier Verwendung in b). Außerphraseologisch ist fressen mit der Bedeutung ‚essen‘ ein zweiwertiges Verb, das die obligatorische Ergänzung eines Subjekts und die fakultative Ergänzung eines Akkusativobjekts fordert (vgl. SCHUMACHER u. a. 2004: 389). Innerhalb des Phrasems tritt neben diese beiden Valenzstellen – das Subjekt (jmd.) als (externe) Valenzstelle, das Akkusativobjekt (einen Narren) als intern fixierte Komponente – zusätzlich die obligatorische Ergänzung des Präpositionalobjekts (jmdm./etw.).

Eine Korpusabfrage mit Fokus auf die selektionale Valenz der zusätzlichen Leerstelle zeigt, dass man nicht nur an menschlichen Lebewesen „einen Narren gefressen haben kann“, sondern beispielsweise auch an Tieren, Autos, Städten und Hobbys. Aus semantischer Sicht handelt es sich hierbei um bestimmte Gegenstände, Sachverhalte etc., die einem sehr am Herzen liegen und denen man mit großer Leidenschaft begegnet bzw. für die man Begeisterung, Freude oder Zuneigung empfindet:187

     (80)  Wer 2012 nicht lacht, dem kann geholfen werden. Denn namhafte Comedians scheinen einen Narren an Hamburg gefressen zu haben! (Hamburger Morgenpost, 03.01.2012)

Herauszustellen ist, dass das Verb fressen nicht automatisch eine Präpositionalergänzung fordert, sobald es innerhalb eines Idioms auftritt. Dieses Phänomen ist an das oben vorgestellte Idiom gebunden und sozusagen ein Unikat. So gibt es auch Phraseme, bei denen das Verb fressen keine Abweichung von seiner nicht-phraseologischen Valenz aufweist. In der Wendung ich fress(e) einen Besen/will einen Besen fressen beispielsweise stimmt die Valenz des phraseologischen Gebrauchs mit der des freien überein. Bei genauerer korpusanalytischer Betrachtung kann aber auch bei diesem Idiom eine phraseologiespezifische Valenzstelle aufgedeckt werden. Fast alle Belege besitzen eine konditionale Nebensatzergänzung:

     (81)  Wenn du gewinnst, dann fress’ ich ’nen Besen“, verspricht Matthias Metzen seinem Freund vor Beginn der Mini-Meisterschaften im Tischtennis. (Rhein-Zeitung, 04.02.1999) ← 226 | 227 →

Die konditionale Nebensatzergänzung ist nicht in allen Belegen im DEREKO realisiert, weshalb sie als eine fakultative Ergänzung betrachtet werden kann. Generell muss mit PIITULAINEN (1996c: 158) konstatiert werden, dass solchen satzförmigen Ergänzungen innerhalb der Phraseologieforschung (bisher) zu wenig Beachtung geschenkt wird. Oft fehlt demzufolge auch die Buchung dieser Ergänzungsklasse in phraseologischen Wörterbüchern (so auch im DUDEN 2008: 112).

Das Stemma für das Idiom einen Besen fressen kann folgendermaßen visualisiert werden, wobei auf die (fakultative) satzwertige Ergänzung in einem Wörterbucheintrag explizit hingewiesen werden müsste:

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Die Nennform des Phrasems lässt sich mittels einer (abstrakten) Strukturformel ausdrücken: „wenn X, (dann) Y(BESEN fressen)“. Wie an dem syntaktisch-formalen Baumuster gut zu erkennen ist, ließe sich das Idiom auch mithilfe konstruktionsgrammatischer Ansätze beschreiben. Das angeführte Beispiel einen Besen fressen ist demzufolge für einen verbindenden Beschreibungsansatz zwischen Valenztheorie und Konstruktionsgrammatik im Hinblick auf phraseologische Einheiten geradezu prädestiniert, da es besonders in Form der Nebensatzergänzung sowohl für valenztheoretische als auch konstruktionsgrammatische Beschreibungsmodelle fruchtbar gemacht werden könnte.188

11.4.2  jmd. liegt jmdm. (mit etw.) in den Ohren

a)    Tim lag Anna mit dem WG-Putzplan in den Ohren.

image ← 227 | 228 →

b)    Tim lag auf der Wiese.

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In Beispiel a) ist das Valenzstemma des Idioms jmd. liegt jmdm. (mit etw.) in den Ohren visualisiert, in b) das des Verbs liegen mit der Bedeutung ‚sich irgendwo auf einer Fläche mit dem ganzen Körper in einer waagrechten Position befinden‘ (vgl. SCHUMACHER u. a. 2004: 535). Für liegen geben SCHUMACHER u. a. (2004: 534–537) aufgrund der Polysemie dieses Verbs insgesamt 17 verschiedene Valenzraster an; es existiert jedoch kein einziger Valenzrahmen, der mit der phraseologischen Verwendung deckungsgleich ist. Innerhalb des Phrasems finden sich eine Nominativergänzung (jmd.), eine Dativergänzung (jmdm.) und eine Präpositionalergänzung (mit etw.) als (externe) Valenzstellen und eine Adverbiale in Form einer Präpositionalphrase (in den Ohren) als intern fixierte Komponente. In Form der Dativergänzung und Präpositionalergänzung liegen gleich zwei Valenzstellen vor, die phraseologisch vom freien Verbgebrauch abweichen. Es ist demnach durchaus möglich, dass mehrere Valenz(ir)regularitäten bei einer einzelnen phraseologischen Wendung auftreten:

     (82)  „Verzeihen Sie. Die Buchhaltung liegt mir mit der Spesenabrechnung in den Ohren.“ (Mannheimer Morgen, 07.06.2002)

Während es sich bei der Dativergänzung eindeutig um eine obligatorische handelt, zeigt eine Korpusabfrage, dass die präpositionale Ergänzung mit etw. auch weggelassen werden kann. Sie ist somit fakultativ, was auch anhand der Nennform im DUDEN (2008: 564) ersichtlich ist, da sie dort in eckigen Klammern steht. Statt der Präpositionalergänzung findet man im DEREKO häufig Nebensatzkonstruktionen, die semantisch das beschreiben, was eigentlich durch das Präpositionalobjekt ausgedrückt wird.

     (83)  Sportprominente wie Mark Spitz und Billie Jean King liegen dem Präsidenten in den Ohren, er solle sich gefälligst beim Final sehen lassen. (Zürcher Tagesanzeiger, 03.07.1999)

Die Ergänzungen des Subjekts und des Dativobjekts stellen semantisch gesehen ‚Menschen bzw. Menschengruppen‘ dar. Die Bedeutung der präpositionalen Valenzstelle kann mit ‚wichtige(s)/dringende(s) Angelegenheit/Anliegen‘ paraphrasiert werden. ← 228 | 229 →

11.4.3  etw. brennt jmdm. auf/unter den Nägeln

a)    Die Frage brennt ihm auf/unter den Nägeln.

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b)    Die Schule brennt.

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In Beispiel a) ist das Valenzstemma des Idioms etw. brennt jmdm. auf/unter den Nägeln zu sehen, in b) das des Verbs brennen. Das Verblexem brennen mit der Bedeutung ‚in Flammen stehen oder vom Feuer zerstört werden‘ (vgl. SCHUMACHER u. a. 2004: 280) fordert in außerphraseologischer Verwendung lediglich eine Nominativergänzung und ist einwertig. Das Idiom etw. brennt jmdm. auf/unter den Nägeln weist eine Nominativergänzung, eine Dativergänzung sowie eine interne fixierte Adverbiale in Form einer Präpositionalphrase (auf/unter den Nägeln)189 auf:

     (84)  Unter den Nägeln brenne den Anliegern im Gewerbegebiet eine möglichst ortsnahe Umleitung während der auf mindestens 18 Monate geschätzten Gleisbauarbeiten, sagte Bernd Löper, zweiter Vorsitzender des Lengeder Handels- und Gewerbevereins (HGV). (Braunschweiger Zeitung, 24.05.2008)

Es existieren zwar auch noch weitere Bedeutungen des Verbs brennen und somit weitere Valenzraster (insgesamt elf), aber in keiner außerphraseologischen Verwendung ist die im Phrasem enthaltene Dativstelle zu finden (vgl. SCHUMACHER u. a. 2004: 280f.). Das präpositionale Element auf/unter den Nägeln kann unter Umständen mit der Valenz von brennen in freier Verwendung erklärt werden, und zwar dann, wenn man diese nicht als Ergänzung, sondern als lokale Angabe auffasst (z. B. es brennt auf dem Dachboden). Innerhalb des Phrasems stellt diese jedoch eindeutig einen obligatorischen Bestandteil dar, da sie aufgrund ihrer Fixierung innerhalb der Binnenstruktur des Idioms nicht weglassbar ist. Aus semantischer Perspektive müssen die Aktanten, die die Dativleerstelle ← 229 | 230 → auffüllen, mehr oder weniger handlungsfähige Entitäten sein (z. B. Menschen, Organisationen und Parteien). In die Subjektstelle treten Ergänzungen, denen die Bedeutung ‚wichtige(s), zu besprechende(s)/zu regelnde(s) Angelegenheit/Frage/Thema‘ zugesprochen werden kann.

11.4.4  jmd. fällt (mit etw.) auf die Nase

a)    Der Trainer fiel mit seiner Taktik auf die Nase.

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b)    Tanja fiel auf den Kopf.

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Beispiel a) präsentiert die stemmatische Darstellung des Phrasems jmd. fällt (mit etw.) auf die Nase, in b) ist das Valenzstemma des Verbs fallen mit der Bedeutung ‚sich durch sein Gewicht irgendwohin nach unten bewegen‘ (vgl. SCHUMACHER u. a. 2004: 370) abgebildet. In freier Verwendung ist fallen mit dieser Semantik ein zweiwertiges Verb. Es fordert laut SCHUMACHER u. a. (2004: 371f.) eine Ergänzung im Nominativ (Subjekt) und eine fakultative Adverbialergänzung. Meines Erachtens handelt es sich bei der zweiten Ergänzung jedoch nicht um eine fakultative Adverbialergänzung, sondern vielmehr um ein (fakultatives) Präpositionalobjekt. Dieses ist im Idiom jmd. fällt (mit etw.) auf die Nase bereits in der Nennform fixiert. Die konkrete Valenzabweichung zeigt sich in der zweiten präpositionalen Leerstelle mit etw. Das Phrasem beinhaltet demnach neben der obligatorischen Nominativergänzung und der bereits intern realisierten Präpositionalstelle zusätzlich eine weitere präpositionale Ergänzung, die sich aus der Valenz des Verbs fallen in freier Verwendung nicht erklären lässt.

Meine Korpusabfragen zeigen, dass es sich bei der zusätzlichen präpositionalen Valenzstelle (mit etw.) um eine fakultative handelt. Denn sie ist nicht in allen Belegen realisiert, taucht aber dennoch mit einer gewissen Regelmäßigkeit und Häufigkeit auf. Valenz(ir)regularitäten betreffen also durchaus auch fakultative ← 230 | 231 → Ergänzungen. Im DUDEN (2008: 545) ist diese fakultative Ergänzung nicht berücksichtigt, was als phraseografischer Mangel aufgefasst werden kann. Ein Beispiel für die Realisierung mit der Präpositionalphrase ist folgendes:

     (85)  Dass das Unternehmen mit seiner Expansionsstrategie auf die Nase gefallen ist, wundert ihn nicht. (Nürnberger Nachrichten, 28.06.2013)

Selektional übernimmt die präpositionale Erweiterung die Aufgabe, die Umstände des Scheiterns näher zu beschreiben (vgl. FILATKINA 2013: 38). Demnach finden sich hier hauptsächlich Substantive aus dem semantischen Bereich ‚Versuch, Investition, Unternehmen etc.‘, d. h. es werden diejenigen Entitäten genannt, mit denen das Agens, beim Versuch diese umzusetzen bzw. zu verwirklichen, unglücklich gescheitert ist.

11.4.5  jmd. freut sich des Lebens

a)    Sie freute sich des Lebens.

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b)    Er freute sich über das Geschenk.

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Im Falle des Phrasems jmd. freut sich des Lebens liegt neben bzw. gerade wegen der Besonderheit eines Genitivobjekts (siehe Kapitel 8) zusätzlich eine Valenzbesonderheit vor. Wie man anhand dieses Beispiels sieht, ist es keineswegs ungewöhnlich, dass ein Phrasem mehrere formelhafte (Ir-)Regularitäten beinhalten kann.

Die Valenz(ir)regularität lässt sich historisch erklären: Die alte Genitivrektion des reflexiven Verbs sich freuen ist im Phrasem noch erhalten, während das Verb im freien Sprachgebrauch mit der Bedeutung ‚über etwas, das einem zuteil wird, Freude empfinden‘ eine Präpositionalergänzung (über etw.) fordert (vgl. SCHUMACHER 2004: 391). Beispiel a) zeigt dementsprechend das Valenzstemma der festen Wendung und Beispiel b) das Valenzstemma des Verbs sich freuen im außerphraseologischen Gebrauch. Neben demjenigen, über das bzw. ← 231 | 232 → dessen man sich freut, fordert sowohl das Phrasem als auch das freie Verb eine Nominativergänzung. Die Wendung sich des Lebens freuen besitzt somit gegenüber den vorherigen Beispielen einen anderen Stellenwert: Die Valenz(ir)regularität betrifft in diesem Fall nur das bereits in der internen Phrasemstruktur verfestigte Element des Lebens. Die Wendung verdeutlicht demzufolge, dass Besonderheiten der Valenz bzw. Aktantenabweichungen auch nur die intern fixierten Komponenten betreffen können.

11.5  Erklärungsansatz zur Entstehung von Valenz(ir)regularitäten

Nach BURGER (2010: 21) lassen sich Valenz(ir)regularitäten teilweise aufgrund der Bedeutung der Wortverbindung erklären. So führt er an dem Idiom jmd. fällt (mit etw.) auf die Nase aus, dass sich dessen präpositionale Ergänzung mit etw. als logische Ergänzung aus der phraseologischen Bedeutung ‚scheitern‘ ableiten lässt. Mit anderen Worten: Setzt man für den verbalen Kern auf die Nase fallen die Bedeutung ‚scheitern‘ an, so ergeben sich zwangsläufig die Fragen wer scheitert mit was und somit die Leerstellen des Subjekts und des Präpositionalobjekts. Auch anhand der weiteren analysierten Idiome lässt sich diese Vermutung bestätigen:

1)  jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen: Spricht man dem verbalen Kern einen Narren gefressen haben wie im DUDEN (2008: 543) die Bedeutung ‚jmdn./etw. übertrieben, lächerlich gern haben; sich in jmdn., in etw. vernarrt haben‘ zu, so braucht es neben einer Nominativergänzung noch eine weitere, damit die Valenz semantisch gesättigt wird. Denn auch die Stelle desjenigen, was man mag, bevorzugt oder schätzt, muss besetzt werden. Dass es sich hierbei um eine präpositionale Ergänzung handelt, kann dadurch erklärt werden, dass eine Akkusativergänzung ausgeschlossen werden kann, da diese Stelle schon durch die interne Valenz einen Narren ausgefüllt ist.

2)  jmd. liegt jmdm. (mit etw.) in den Ohren: Das Idiom besitzt die Bedeutung ‚jmdm. durch ständiges Bitten, Jammern o. Ä. zusetzen‘ (vgl. DUDEN 2008: 564). Die Valenzstellen lassen sich dadurch erklären, dass es neben jemandem (Subjekt), der jemandem (Dativobjekt) seine Bitten vorträgt, auch von Relevanz sein kann, wegen was genau (Präpositionalergänzung) diese demjenigen vorgetragen werden.

3)  etw. brennt jmdm. auf/unter den Nägeln: Während die interne Präpositionalergänzung – wie in der obigen Beispielanalyse bereits erwähnt – so gedeutet ← 232 | 233 → werden kann, dass es sich hierbei außerphraseologisch um eine (lokale) Adverbialergänzung handelt, lassen sich die beiden Valenzen mithilfe der phraseologischen Semantik erklären. Da das Idiom die Bedeutung ‚(für jmdn.) sehr dringlich sein‘ aufweist (vgl. DUDEN 2008: 540), stellen sich zwangsläufig die Fragen, was genau (Subjekt) jemandem (Dativobjekt) sehr dringlich erscheint.

4)  jmd. freut sich des Lebens: Da es sich bei diesem Phrasem um eine rein qualitative Valenzänderung handelt (1:1-Ersetzung des Genitivobjekts durch ein Präpositionalobjekt im Laufe der Zeit), muss der Erklärungsansatz von BURGER (2010) nicht herangezogen werden. Der Valenzwandel und somit die Valenz(ir)regularität ist rein historisch/diachron bedingt, liegt ausschließlich auf qualitativer Ebene und betrifft alleine die intern fixierte Komponente (des Lebens).

Insgesamt muss noch auf ein grundlegendes Problem aufmerksam gemacht werden: Im Zuge eines Valenzvergleichs zwischen phraseologischer und freier Verwendung eines Verbs ergibt sich bei polysemen Verben zwangsläufig die Frage, welche Verbbedeutung, und damit verbunden welcher Valenzrahmen, als außerphraseologische Vergleichsfolie herangezogen werden soll. Denn durch den Phraseologisierungsprozess ist es in einigen Fällen nur schwer möglich, die ursprüngliche Verbbedeutung festzustellen bzw. herauszufinden, welche Grundbedeutung dem im Phrasem realisierten Verb zugrundeliegt. So geben SCHUMACHER u. a. (2004: 370–373) beispielsweise für fallen 19 verschiedene Bedeutungen und damit auch mehr oder weniger 19 verschiedene Valenzrahmen an. Aus diesem Grund ist eine exhaustive Analyse der deutschen Verbidiome im Hinblick auf ihre Valenz(ir)regularität kaum durchführbar und darüber hinaus auch gar nicht notwendig. Entscheidend ist vielmehr das Wissen darüber, dass solche Valenz(ir)regularitäten als eine Form formelhafter (Ir-)Regularitäten existieren und sie daher ein besonderes Merkmal von Phrasemen darstellen. ← 233 | 234 → ← 234 | 235 →


183  Die Beschreibung der Valenzstellen orientiert sich an HERINGER (1988: Kapitel 2.4) und dessen Unterscheidung in quantitative, qualitative und selektionale Valenz. Diejenigen Elemente, die das Verb (obligatorisch oder fakultativ) regiert, werden nach ÁGEL (2000b: 168) als „Ergänzungen/Aktanten“, die fakultativen, „freien“ Elemente als „Angaben“ bezeichnet. Es wird auf stark formalisierte Valenzbeschreibungen verzichtet, da in erster Linie nicht die detaillierte Beschreibung des gesamten Valenzspektrums der einzelnen Wendungen im Vordergrund steht, sondern deren Valenzabweichung vom „freien“ Sprachgebrauch. Die Valenzstemmata lehnen sich an ÁGEL (2000b: 34) und somit an die Originalstemmata von TESNIÈRE (1980) an. Die Ergänzungsklassen werden wie folgt abgekürzt: ESub = Subjekt (Nominativergänzung), EAkk = Akkusativergänzung, EDat = Dativergänzung, EGen = Genitivergänzung, EPrp = Präpositionalobjektergänzung und EAdv = Adverbialergänzung.

184  Mit der Aufgabe der „internen Valenz“ verliert streng genommen auch der Terminus der „externen Valenz“ seine Daseinsberechtigung. Es wird demnach zwischen „intern fixierten Komponenten“ und „(externen) Valenzstellen“ von Phrasemen unterschieden.

185  Dabei ist ein qualitativer Valenzwandel kein Prozess, der innerhalb kürzester Zeit stattfindet; solche Verschiebungen können sich über einen längeren Zeitraum erstrecken, wobei es vorübergehend zu einer sogenannten formalen Polyvalenz kommt (vgl. KORHONEN 2006b: 1497).

186  Die Auswahl der Analysebeispiele erfolgte nicht willkürlich. Die angeführten Wendungen decken möglichst alle Ergänzungsklassen ab (von Akkusativergänzungen bis hin zu Adverbialergänzungen). Darüber hinaus wird mit jmd. freut sich des Lebens ein Phrasem analysiert, dessen Valenz(ir)regularität ausschließlich auf diachrone (Wandlungs-)Prozesse zurückzuführen ist und in dem neben der Valenzabweichung auch eine Besonderheit der Genitivrektion anzutreffen ist.

187  Im DUDEN (2008: 543) findet sich folgende Bedeutungsangabe: ‚jmdn., etw. übertrieben, lächerlich gern haben; sich in jmdn., in etw. vernarrt haben‘. Eine grobe Durchsicht der DEREKO-Belege kann jedoch die durch das Adjektiv lächerlich implizierte negative Konnotation der Wendung nicht bestätigen.

188  Während es zwar Ansätze gibt, die „Valenztheorie und Phraseologie“ (siehe u. a. STUMPF im Druck4), „Konstruktionsgrammatik und Phraseologie“ (siehe u. a. FEILKE 2007; DOBROVOLSKIJ 2011 und STATHI 2011) und „Konstruktionsgrammatik und Valenztheorie“ (siehe u. a. JACOBS 2009 und WELKE 2009) miteinander zu verbinden versuchen, stehen Studien, in denen alle drei Bereiche miteinander vernetzt werden, noch aus.

189  Wertet man die Varianz bezüglich der internen Präpositionalergänzung korpusanalytisch aus, so zeigt sich, dass auf in 62% der Belege im DEREKO auftritt, unter jedoch nur in 38%.