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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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13. Idiomatizität

13.  Idiomatizität

13.1  Definition200

Die bisherige Forschung subsumiert idiomatische Phraseme nicht explizit unter die Gruppe der „phraseologischen Irregularitäten“. Wird Idiomatizität in phraseologischen Arbeiten definiert und näher beschrieben, operiert man dennoch fast ausschließlich mit den Termini „Irregularität“ und „Anomalie“. Als Definitionsgrundlage fungiert also auch hier – wie bei den bisher vorgestellten formelhaften (Ir-)Regularitäten – der Abgleich mit den Regeln des freien Sprachgebrauchs. Das „irreguläre“ Moment zeigt sich darin, dass sich bei Idiomen die (phraseologische) Gesamtbedeutung nicht aus den Bedeutungen der einzelnen Komponenten erschließen lässt. Die „Irregularität“ drückt sich also nicht auf morphologischer oder syntaktischer, sondern auf semantischer Ebene aus. In allen gängigen Idiomatizitätsdefinitionen wird daher der Irregularitäts- bzw. Anomalieaspekt hervorgehoben; beispielsweise auch von BURGER (2010: 30):

Auch die semantischen Besonderheiten kann man als eine Art von ‚Anomalie‘ auffassen, so dass Idiomatizität im weiteren Sinne immer irgendeine Ausprägung von Anomalie erfordern würde. (Hervorhebung von SöSt)

FLEISCHER (1997a: 30) spricht bei idiomatischen Wortverbindungen ebenfalls von einem „irregulären“ Verhältnis zwischen wörtlicher und phraseologischer Bedeutung und verdeutlicht dies mithilfe zweier Beispiele:

a)    Gustav hat bei seinem Vater ein Auto in der Garage.

b)    Gustav hat bei seinem Vater einen Stein im Brett.

Während er die Satzbedeutung von a) als „regulär“ bezeichnet, attestiert er b) eine „irreguläre“, da die Semantik der Wörter Stein und Brett keinen Anteil an der Gesamtbedeutung haben.

Dass das Merkmal der Idiomatizität generell mit (semantischer) „Irregularität“ gleichgesetzt bzw. fast ausschließlich mithilfe des „primarily negative“ (BURGER 2007: 90) konnotierten Begriffs der „Irregularität“ gearbeitet wird, liegt vor allem auch am Fachterminus an sich. So ist „Idiomatizität“ auf griech. idioma zurückzuführen, was so viel bedeutet wie ‚Eigentümlichkeit‘, aber eben auch ← 253 | 254 → ‚Irregularität‘ (vgl. DONALIES 2009: 20). Der Irregularitätsaspekt ist somit von Anfang an mit Idiomatizität terminologisch untrennbar verwoben.

Phraseme, die die semantische Eigenschaft der Idiomatizität aufweisen, werden deshalb als eine Klasse formelhafter (Ir-)Regularitäten betrachtet. Diese (Kategorisierungs-)Entscheidung bringt die Konsequenz mit sich, dass die Zahl „irregulärer“ Wendungen nochmals erheblich ansteigt. Werden unter dem Phänomen der „phraseologischen Irregularität“ in der Forschung bisher nur Phraseme mit formalen Besonderheiten zusammengefasst, fallen nun auch diejenigen festen Wortverbindungen unter diesen Begriff, die semantisch auffällig, also (mehr oder weniger) idiomatisch sind. Idiomatische Wendungen stellen insofern eine gesonderte Gruppe an formelhaften (Ir-)Regularitäten dar, als ihre „Irregularität“ nicht an der Oberfläche der Nennform direkt erkennbar ist, sondern sich aus der – „materiell“ nicht greifbaren – Bedeutungsdiskrepanz ergibt.

13.2  Diachrone Entwicklung: Die Entstehung idiomatischer Wendungen

Aus historischer Perspektive sind Idiome auf freie Wortverbindungen zurückzuführen (vgl. RÖMER/SOEHN 2007: 4). Idiomatizität – so fasst es GLÄSER (1988: 266) treffend zusammen – ist das Resultat eines diachronen Prozesses:

The idiomaticity of a word group is the result of a diachronic process of idiomatization which can only be reconstructed by an extensive sample collection and interpretation of context meanings and of the communicative functions of a set expression compared to its possible variants.

Ausgangspunkt dieses Prozesses ist zunächst die okkasionelle Bildung einer bestimmten metonymischen oder metaphorischen Wortverbindung oder die Verbalisierung einer witzigen oder grotesken Vorstellung sowie die Rezeption bzw. die Weitergabe dieser Formulierung (vgl. BURGER 2010: 129). Nur wenn die am Anfang stehende Innovation häufig von vielen verschiedenen Sprechern über einen längeren Zeitraum verwendet wird (Usualisierung), besteht die Möglichkeit einer Verfestigung bzw. Idiomatisierung der Wendung (Lexikalisierung) (vgl. RÖMER/SOEHN 2007: 4). Auf diese Bedingungen des Idiomatisierungsprozesses – der selbstverständlich nicht nur für Mehrworteinheiten gilt – verweist auch MUNSKE (1993: 511):

Die Idiomatisierung ist […] ein Prozeß, der aus dem Gebrauch der einzelnen Zeichen erwächst, ein Prozeß, der im Augenblick der Nomination, der Prägung bzw. Wahl eines Ausdrucks für Zwecke einer bestimmten Referenz einsetzt und zum Zeitpunkt der Usualisierung als lexikalisiertes Zeichen abgeschlossen ist. ← 254 | 255 →

BURGER/LINKE (1998: 746) führen an, dass eine Wortverbindung dann als „idiomatisch“ gelten kann, wenn der Sachbereich, der für die Metapher als Bildspender fungiert, verschwunden oder vergessen ist. In der neueren historischen Phraseologieforschung gilt diese Annahme jedoch als zu verkürzt:

Die idealtypische Vorstellung, dass Idiome sich in einem zweistufigen Prozess entwickeln – in einem ersten Schritt die metaphorische oder metonymische (usw.) Umdeutung einer literalen Wortverbindung, in einem zweiten Schritt die zunehmende Verdunkelung der neuen Bedeutung –, trifft nur auf einen Teil der Idiome zu […]. (BURGER 2012: 11)

BURGER (2012: 11) betont, dass „nicht alle Idiome auf dem Weg der Übertragung der literalen Wortverbindung entstanden sind“ und somit auch nicht zwangsläufig „auf verdunkelte soziokulturelle Umstände zurückgehen müssen“ (BURGER/LINKE 1985: 2018). Die Entstehungsprozesse laufen zudem nicht immer nach dem gleichen Muster ab (vgl. BURGER/LINKE 1998: 746). Mit Verweis auf BARZ (1985) und MUNSKE (1993) lassen sich nach BURGER/LINKE (1998: 746) grundsätzlich zwei Entstehungsmodelle voneinander unterscheiden: Auf der einen Seite können neue Phraseme auf der Basis bereits vorhandener entstehen. Man spricht dabei von „sekundärer“ Phraseologisierung. Auf der anderen Seite kann die Basis einer freien Wortverbindung semantisch umgedeutet werden, sodass es zu einer Spezifizierung bzw. einer Idiomatisierung kommt. Speziell für Idiome ist entscheidend, dass die Ausgangsbasis „charakteristischen Prozessen der semantischen Transformation“ (BURGER/LINKE 1998: 746) unterliegt. Die Prozesse, die zur Idiomatizität führen, können nach MUNSKE (1993: 485) auf verschiedene Art und Weise erfolgen:

Denn die sog. Idiomatizität kommt auf sehr unterschiedliche Weise zustande: durch Idiomatisierung im Prozeß der Verfestigung der semiotischen Beziehungen zwischen Formativ und Denotat, durch figurative und elliptische Bedeutungsbildung oder durch diachron bedingte Demotivation […].

Insgesamt kann festgehalten werden, dass die Idiomatizität einer gegenwartssprachlich vorliegenden Wendung für gewöhnlich eine Eigenschaft darstellt, die über einen längeren Zeitraum gewachsen ist, und sich demzufolge auch ihr semantisch (ir-)regulärer Charakter erst entwickelt hat.201 ← 255 | 256 →

13.3  Prototypisches Idiomatizitätskonzept von Dobrovol’skij

DOBROVOLSKIJ (1995: 18f.) bezeichnet Idiome als die „irregulärsten Phraseologismen“, wobei er die Gründe dafür in „Verletzungen der produktiven Regeln“ (ebd.) sieht. Er ist der Auffassung, bei Idiomen handle es sich um eine prototypische Kategorie und es gebe „bessere“ und „schlechtere“ Vertreter (vgl. DOBROVOLSKIJ 1995: 46). Ausgangspunkt dieser Überlegung ist die Frage danach, was überhaupt das charakteristische Merkmal von Idiomen, sprich von Idiomatizität ist. Hierbei vertritt er die Annahme, dass für die Bestimmung von Idiomatizität ein einziges Merkmal nicht ausreicht. Er führt insgesamt zwölf Merkmale an, die zur Klassifizierung von Idiomen herangezogen werden können und die ich zur besseren Übersicht in einer Tabelle zusammengestellt habe (siehe Übersicht 13–1); in der rechten Spalte sind diejenigen Eigenschaften vermerkt, die besonders (proto-)typisch für idiomatische Wortverbindungen sind:

Übersicht 13-1:  Irregularitätsmerkmale von Idiomen nach DOBROVOLSKIJ (1995)

Kompositionalität der Idiom-Bedeutung (einen Haken haben / Haken = ‚ein problematischer Punkt‘)

Non-Kompositionalität der Idiom-Bedeutung (ins Gras beißen)

Isomorphie zwischen der formalen und semantischen Struktur (den Wald (,das große Ganze‘) vor lauter Bäumen (,vor lauter Einzelheiten‘) nicht sehen (,nicht erkennen, nicht sehen‘))

Allomorphie zwischen der formalen und semantischen Struktur (Haare spalten)

semantische Komplexität (der lachende Dritte ‚derjenige, der aus dem Streit zweier für sich Vorteile zieht‘)

semantische Simplizität (jmdn. übers Ohr hauen ‚betrügen‘)

syntaktische Durchlässigkeit (jmdm. großen Druck machen)

syntaktische Undurchlässigkeit (*ein großes Buch mit sieben festen Siegeln)

Variabilität des Konstituentenbestandes (etw. im Griff haben // etw. in den Griff bekommen/kriegen)

Fixiertheit des Konstituentenbestandes (jmdm. die Bude einrennen)

konnotativ-pragmatische Extension der Idiom-Bedeutung: neutral (etw. spielt keine Rolle)

konnotativ-pragmatische Extension der Idiom-Bedeutung: markiert (jmdm. in den Arsch kriechen)

formale Spezifikation: neutral (Eulen nach Athen tragen)

formale Spezifikation: markiert (auf Schritt und Tritt)

konventionelle Lexikoneinheiten (jmdn. auf die Palme bringen)

unikale Konstituenten (jmdm. Paroli bieten)

← 256 | 257 →

Regularität des Paradigmas (Schwein haben)

Defektivität des Paradigmas (Das kannst du dir an den Hut stecken)

semantische Kompatibilität der Konstituenten (jmdm. den Kopf waschen)

semantische Inkompatibilität der Konstituenten (Haare auf den Zähnen haben)

semantische Ambiguität: zwei Lesarten (etw. fällt ins Wasser)

semantische Ambiguität: eine Lesart (zwei linke Hände haben)

Motiviertheit (das fünfte Rad am Wagen sein)

Opakheit (auf den Hund kommen)

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weniger typisches Idiom (regulär)                   prototypisches Idiom (irregulär)

DOBROVOLSKIJ (1995: 45) sieht das Besondere dieser Vorgehensweise darin, dass die Kategorie der Idiome nicht – wie zuvor – anhand eines einzigen Kriteriums, sondern mehr oder weniger auf der Grundlage aller aufgelisteten Merkmale modelliert wird. Dabei existieren Abstufungen zwischen Idiomen; ein Idiom muss nicht alle zwölf Merkmale besitzen, um als solches zu gelten. Der Ansatzpunkt orientiert sich an der „Familienähnlichkeit“ nach WITTGENSTEIN (1982), indem „unterschiedliche Merkmalskombinationen […] die Grundlage für die Kategorisierung einer Wortverbindung als idiomatisch [bilden]“ (DOBROVOLSKIJ 1995: 45):

Die intuitive Einstufung einer reproduzierbaren Wortkette als Idiom erfolgt aufgrund verschiedenartiger Irregularitätsmerkmale, die in verschiedenen Kombinationen und mit unterschiedlicher Intensität auftreten können. (DOBROVOLSKIJ 1997b: 161)

Idiome weisen somit bestimmte Irregularitätsmerkmale auf, wobei es unmöglich ist, auch nur ein Merkmal zu finden, das bei allen Idiomen vertreten ist (vgl. DOBROVOLSKIJ 1997a: 52, 1997b: 161). DOBROVOLSKIJ (1995: 46; Hervorhebung im Original) beschreibt die Idiom-Kategorie dementsprechend als eine prototypische:

Je mehr Irregularitätsmerkmale ein bestimmtes Idiom hat bzw. je stärker diese Merkmale ausgeprägt sind oder je wichtiger sie für die Bestimmung der kategorialen Zugehörigkeit erscheinen, desto höher ist sein […] degree of membership […], d. h. desto zentraler ist seine Position innerhalb der Idiom-Kategorie.

Nach DOBROVOLSKIJ (1995: 28) ist daher auch das „Irreguläre“ der Idiomatizität gradueller Natur, wenn er „von einer stärkeren bzw. schwächeren Irregularität der Phraseologismen“ spricht. Der von DOBROVOLSKIJ (1995) entwickelte Gedanke einer prototypischen Idiom-Kategorie kann im Sinne formelhafter (Ir-)Regularitäten durchaus als ein relativierendes Moment des „irregulären“ Charakters ← 257 | 258 → angesehen werden.202 Zwar vertritt DOBROVOLSKIJ (1995) die Annahme, dass es sehr stark „irreguläre“ Idiome gibt, die viele Merkmale seines Katalogs innehaben, aufgrund der prototypischen Gesamtstruktur existieren aber auch zahlreiche Idiome, die außerhalb des Zentrums (in Richtung der Peripherie) anzusiedeln sind. Diese weisen weniger Irregularitätsmerkmale auf und besitzen somit gewisse Eigenschaften, die für freie, reguläre Wortverbindungen charakteristisch sind (z. B. syntaktische Durchlässigkeit und Variabilität).

An dieser Stelle ist zu betonen, dass den bisherigen Ausführungen die Begrifflichkeiten DOBROVOLSKIJS (1995) zugrunde liegen. Ich empfinde den Terminus der „Irregularität“ aufgrund seines Defizitcharakters grundsätzlich als problematisch und lehne ihn daher ab (siehe Kapitel 3.2). Neben dieser rein terminologischen Distanzierung übt BURGER (2002, 2010) generelle Kritik an dem Gedanken einer prototypisch organisierten Idiom-Kategorie. Für ihn ist es „wenig einleuchtend“ (BURGER 2002: 400), dass „bessere“ und „schlechtere“ Idiome existieren. Für ihn gibt es lediglich

eine (mehr oder weniger) kontinuierliche Skala der Idiomatizität innerhalb des Gesamtbereichs der Idiome, ohne dass deswegen ein Ausschnitt des Bereiches als besonders typisch, als ‚Kern‘ des Bereiches, angesehen werden kann. (BURGER 2010: 99)

Er empfindet vor allem die Gewichtung von Parametern als problematisch, die im Grunde nichts mit dem Grad der (semantischen) Idiomatizität zu tun haben (vgl. BURGER 2002: 400). So führe laut BURGER (2002: 400) die quantitative Errechnung der Prototypikalität anhand solcher Merkmale wie unikale Komponente, semantische Simplizität etc. zu „spekulativen Rangordnungen“. Eine viel wichtigere Rolle als der kontextlosgelöste Abgleich mit einer Merkmalsmenge spielt für ihn die Perspektive, die man bei der Beurteilung der Typizität von Idiomen einnimmt. Beispielsweise macht es einen (großen) Unterschied, ob man strukturelle oder psycholinguistische Aspekte fokussiert oder die textlinguistische Verknüpfbarkeit analysiert (vgl. BURGER 2002: 400). BURGER (2010: 99) verweist zudem auf die „Widersprüchlichkeit“, dass innerhalb DOBROVOLSKIJS (1995) kognitiv orientierten Ansatzes gerade metaphorische Idiome – da sie weniger „irregulär“ erscheinen – nicht als besonders typische Idiome gelten, obwohl es doch gerade die Metaphorizität ist, „die den Idiomen ihren ausgezeichneten Platz im mentalen Lexikon zuweist und die sie für die kognitive Linguistik überhaupt erst interessant macht“ (BURGER 2010: 98f.). ← 258 | 259 →

Angesichts dieser Kritik ist es mehr als fraglich, ob die Idiom-Einteilung DOBROVOLSKIJS (1995) überhaupt eine sinnvolle Alternative zu vorherrschenden Idiom-Konzepten darstellt. Darüber hinaus drängt sich insgesamt die Frage auf, was mit einer solchen Einteilung überhaupt gewonnen ist. Meines Wissens existieren zumindest keine Arbeiten, die in irgendeiner Art und Weise an diesen Ansatz anknüpfen oder ihn als Basis für weiterführende Überlegungen fruchtbar machen. DOBROVOLSKIJS Konzept (1995) darf im Rahmen formelhafter (Ir-)Regularitäten dennoch nicht unerwähnt bleiben, da es – ganz im Sinne der vorliegenden Arbeit – den Irregularitätscharakter idiomatischer Mehrwortverbindungen in den Mittelpunkt stellt und hervorhebt, dass dieser gradueller Natur ist. Bei genauerer Betrachtung kann die „Irregularität“ von Idiomatizität jedoch generell stark angezweifelt werden. Dies soll im nächsten Kapitel aus verschiedenen Blickwinkeln verdeutlicht werden.

13.4  Relativierung der „Irregularität“ von Idiomatizität

Der „irreguläre“ Charakter der Idiomatizität muss aus folgenden Gründen relativiert werden:

1)  Idiomatizität außerhalb der Phraseologie: Idiomatizität darf nicht als phraseologiespezifisches Charakteristikum angesehen werden. Auch in anderen Bereichen der Sprache finden sich idiomatische Erscheinungen, weswegen DONALIES (2005: 344) bezüglich der Idiomatizität auch von einer „Allgemeinschaft der Sprache“ spricht. Als prägnantes Beispiel können die bereits in Kapitel 2.4.2 diskutierten „Einwortidiome“ bzw. idiomatischen Komposita angeführt werden (z. B. Drahtesel), die aufgrund ihrer Monolexikalität nicht der Phraseologie angehören. Setzt man Idiomatizität mit „Irregularität“ gleich, so müsste man konsequenterweise alle synchron mehr oder weniger idiomatischen, nicht mehr motivierbaren Erscheinungen – also auch solche (lexikalisierten) metaphorischen Wörter wie Geldspritze oder Schachzug sowie ad hoc gebildete Metaphern – als „irreguläre“ Bestandteile unseres Sprachsystems bezeichnen. Eine solche Auffassung von Sprache, in der jegliche Abweichung vom „normalen“, „regelgeleiteten“ (semantischen) System – was auch immer das sein mag – als „irregulär“ stigmatisiert wird, geht weit über die eigentliche Funktion von Sprache als Kommunikationsmedium hinaus und ist daher – auch im Sinne konstruktionsgrammatischer Erkenntnisse – nicht zu rechtfertigen (siehe Kapitel 17.3).

2)  Idiomatizität als „gummöser“ Begriff: DONALIES (2005: 345) bezeichnet Idiomatizität als „etwas sehr Gummöses“ und meint damit zum einen „die Vielzahl ← 259 | 260 → der synonym verwendeten Termini“ und zum anderen „die Art der Beschreibung“. Hierbei geht sie vor allem auf das entscheidende Merkmal der Diskrepanz zwischen phraseologischer und wörtlicher Bedeutung ein. Im Zentrum der Kritik steht die Frage, was die sogenannte wörtliche Bedeutung eines Wortes überhaupt ist. Aus der Perspektive einer Wittgensteinschen pragmatischen Semantikauffassung besitzt ein Wort nicht einfach eine kontextunabhängige Bedeutung. Die Bedeutung ergibt sich erst im konkreten Gebrauch, was zur Folge hat, dass ein Wort – je nach Kommunikationssituation – Verschiedenes bedeuten kann (vgl. DONALIES 2005: 346). Berücksichtigt man diese Annahme, relativiert sich der „irreguläre“ Charakter von Idiomen, da aus diesem pragmatisch-semantischen Blickwinkel keine wörtliche Bedeutung von Ausdrücken existiert und daher der Ausgangspunkt zur Feststellung von Idiomatizität – nämlich der kontextunabhängige Abgleich der phraseologischen mit der wörtlichen Bedeutung – hochproblematisch und sehr fragwürdig erscheint.

3)  Diachrone Perspektive: Der zu einem gegenwärtigen Zeitpunkt festzustellende idiomatische Charakter fester Wortverbindungen ist als ein diachron gewachsenes Produkt zu fassen. Aus einer historischen Betrachtungsweise muss die zu einem festen Zeitpunkt bestehende semantische „Irregularität“ relativiert werden, da selbst stark idiomatische Wendungen in der Regel auf freie, voll motivierbare Wortverbindungen zurückzuführen sind:

     Viele im Neuhochdeutschen idiomatische Phraseologismen gehen auf nicht-idiomatische, eher unauffällige Wortverbindungen zurück. Das bedeutet einerseits, dass Idiomatizität vor allem mit Blick auf ältere Sprachstufen nicht per se als Merkmal von phraseologischen Erscheinungen betrachtet werden kann und andererseits, dass gerade auch diejenigen Wendungen besondere Beachtung verdienen, die zwar in dem historischen Kontext, in dem sie auftreten, nicht-idiomatisch sind, aber eine neuhochdeutsche idiomatische Entsprechung aufweisen und daher den Beginn des Entwicklungsprozesses von der Kollokation zum Idiom markieren. (HANAUSKA 2014: 28f.; Hervorhebung im Original)203

     Die Frage, ab wann eine Wendung als idiomatisch, d. h. „irregulär“ gilt, kann diachron – aber zum Teil auch synchron – also nicht eindeutig beantwortet werden: ← 260 | 261 →

     Dabei ist es jedoch schwierig, eine klare Grenze zu ziehen, ab der man einen bestimmten Ausdruck als idiomatisch bezeichnen kann, aus diachroner wie auch aus synchroner Perspektive. (RÖMER/SOEHN 2007: 4)

4)  Kognitive Metaphern-Theorie: BURGER (2002: 398) verweist darauf, dass „eine Charakterisierung der semantischen Idiomatizität als eine Art von semantischer Anomalie“ besonders bei solchen Wortverbindungen „befremdlich“ erscheint, bei denen metaphorische Prozesse zu beobachten sind, „die ja durchaus zu den ‚normalen‘ semantischen Mechanismen der Sprache gehören“ (ebd.). Besonders in den 1990er Jahren widmet sich die kognitive Metaphern-Theorie einer „Neuinterpretation eines Teil-Bereiches der Idiome“ (vgl. BURGER 2002: 399). Im Zuge dieser Forschung gelangt man zu dem Ergebnis, dass viele Idiome mit einem metaphorisch „lebendigen“ Charakter konzeptuellen Metaphern-Feldern angehören. Durch dieses Postulat sieht BURGER (2002: 399) den

     idiosynkratische[n], ‚anomale[n]‘ Charakter der Idiome in beträchtlichem Ausmaß aufgehoben zugunsten einer grundlegenden kognitiven Strukturiertheit metaphorischer Systematik.

     Wenn man also davon ausgeht, dass Metaphorik zur kognitiven Grundausstattung gerechnet werden kann, so geht damit automatisch auch einher, dass es sich bei vielen idiomatischen Wendungen keineswegs um „Ausnahmen“, sprich „Irregularitäten“ handelt (vgl. BURGER 2005: 37), sondern sie „reguläre, systematische Eigenschaften“ (DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 2009: 23) aufweisen.

5)  Idiomatizität als zentraler und systematischer Bestandteil einer Sprache: COULMAS (1981a: 30) zweifelt grundsätzlich an der „Irregularität“ idiomatischer Sprachzeichen und geht daher der Frage nach, „ob sich das, was in Sprachen idiomatisch ist, durch andere Gemeinsamkeiten als durch Irregularität auszeichnet“ bzw. ob „eine der idiomatischen Unordnung superordinierte Ordnung“ existiert und demzufolge „das Idiosynkratische selbst einen systematischen Status in der Sprache“ (ebd.) besitzt. COULMAS (1981a: 31) verweist dabei zunächst darauf, dass die Unterscheidung zwischen regelhaften und „irregulären“ sprachlichen Einheiten „zumindest partiell theorieabhängig [ist].“ In Anbetracht dessen stellt er – ähnlich wie später BURGER (2002) – den Arbitraritäts- bzw. Irregularitätscharakter idiomatischer Sprachzeichen generell infrage, indem er die beiden häufigsten Entstehungsprozesse von Idiomen – nämlich Metaphorik und Metonymie – als Operationen beschreibt, „die durchaus nicht arbiträr sind“ (COULMAS 1981a: ← 261 | 262 → 35). Ihr Entstehungsprozess kann vielmehr als ein motivierter angesehen werden:

     Erst die Standardisierung der Bedeutungsübertragung bzw. die Verwischung der metaphorischen Spur resultiert schließlich in der Arbitrarität komplexer Zeichen. Der Vorzug derartiger Innovation ist ein doppelter: sie bedient sich gegebener Elemente und ist deshalb ökonomisch, und aufgrund der Sinnfälligkeit gewährleistet sie leichte Durchsetzbarkeit. Die synchronische Arbitrarität beruht im Falle idiomatischer Lexeme und Wendungen also oft auf einem wohlmotivierten diachronischen Prozeß. (COULMAS 1981a: 35)

     In Bezug auf Idiomatizität vertritt COULMAS (1981a: 32) zudem folgende These: „So wichtig wie das Fregesche Prinzip für das Funktionieren der Sprache ist, so wichtig ist die Möglichkeit, gegen es zu verstoßen.“ Dem Verstoß gegen das Fregesche Prinzip kommt also eine wichtige Funktion zu, insofern Idiomatisierung nach COULMAS (1981a: 35) „als eine der wichtigsten innovativen Prozesse in der Sprache zu betrachten ist.“ Insgesamt kommt er zu dem Schluss, dass – wenn man Sprache als eine dynamische Struktur betrachtet – Idiomatizität bzw. Idiomatisierung „ein wichtiger integraler Prozeß dieser dynamischen Struktur“ (COULMAS 1981a: 41) darstellt, da „[d]ie Erweiterung des Ausdrucksinventars einer Sprache […] zu einem erheblichen Teil durch Idiomatisierung [geschieht]“ (COULMAS 1981a: 42). Idiomatizität – so kann man im Sinne COULMAS (1981a) argumentieren – leistet also einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Erweiterung des Wortschatzes und erfüllt somit „einen systematischen Zweck in der Sprache“ (COULMAS 1981a: 30).

Es lässt sich festhalten, dass mit dem Bereich der Idiome zwar Erscheinungen in unserer Sprache existieren, die aus semantischer Perspektive auffällig sind. Dieser semantischen Auffälligkeit aber grundsätzlich einen defizitären, „irregulären“ Status zuzuschreiben, erweist sich aus den gerade angeführten Gründen als ein zu undifferenzierter Blick auf dieses Phänomen. So sind es die problematische Bestimmung von Idiomatizität (was heißt überhaupt „wörtliche Bedeutung“?), die diachron historischen (Entstehungs-)Prozesse idiomatischer Wendungen, die metapherntheoretischen Grundansichten und die elementare Funktion, die der Idiomatisierung innerhalb eines Sprachsystems aufgrund ihrer Wortschatzerweiterungspotenz zukommt, die den Irregularitätscharakter mehr als fragwürdig erscheinen lassen. Zuletzt ist es jedoch vor allem auch die Tatsache, dass Idiomatizität nicht als Monopol der Phraseologie angesehen werden kann, sondern ein allgegenwärtiges Phänomen unserer Sprache ist, die zur Relativierung dieser „phraseologischen Irregularität“ führt. Es wäre sicherlich nicht verfehlt, in ← 262 | 263 → Idiomatizität eine Art „flächendeckendes“ und somit konstitutives Merkmal von Sprache zu sehen (im Sinne von: Ist nicht alles irgendwie idiomatisch?). Idiomatizität stellt somit gegenüber ausdrucksseitigen „Irregularitäten“ (z. B. Dativ-e und unflektiertes Adjektivattribut) eine sehr spezielle und besondere formelhafte (Ir-)Regularität dar. ← 263 | 264 → ← 264 | 265 →


200  Im Folgenden wird primär auf den Irregularitätsaspekt von Idiomatizität eingegangen. Für eine allgemeinere Definition dieser phraseologischen Eigenschaft sei auf Kapitel 2.4.4 verwiesen.

201  Ein Prozess, der gleichsam mit der Idiomatisierung zusammenhängt bzw. diese bedingt und beeinflusst, ist die Verfestigung der morphosyntaktischen Struktur. Dieser besteht im Wesentlichen aus der Reduktion von Variationsmöglichkeiten bzw. der Festlegung auf eine bestimmte Variante (vgl. FRIEDRICH 2007: 1100). Für weitere Verfestigungsprozesse siehe die detaillierten Auflistungen in BURGER/LINKE (1998: 746–750).

202  Auch die herkömmliche Unterscheidung in voll-, teil- und nicht-idiomatische Phraseme verdeutlicht den graduellen Charakter der semantischen „Irregularität“.

203  Bei historischen Belegen zeigt sich darüber hinaus die Schwierigkeit, dass die Bestimmung von Idiomatizität nicht immer klar getroffen werden kann, „da es durchaus vorkommen kann, dass entweder die wörtliche Bedeutung nicht von der phraseologischen abweicht oder aber die phraseologische Bedeutung erst im Entstehen begriffen ist“ (HANAUSKA 2014: 26f.).