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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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15. Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Sprachnorm

15.  Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Sprachnorm

15.1  Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels

Die von der bisherigen Forschung bevorzugte Bezeichnung des Untersuchungsgegenstands als „Irregularitäten“ oder „Anomalien“ spielt auf eine Diskrepanz zwischen phraseologischer Nennform und außerphraseologischem Sprachgebrauch an. Wenn nun „phraseologische Irregularitäten/Anomalien“ als außerhalb der Phraseologie nicht mehr übliche Konstruktionsmöglichkeiten charakterisiert werden (vgl. FLEISCHER 1997a: 47), stellt man sich zwangsläufig die Frage, inwiefern sie gegen die üblichen Regeln und Normen verstoßen und worin genau ihre „Abweichung“ liegt. Auch muss der Überlegung nachgegangen werden, ob es sich bei dem Untersuchungsgegenstand überhaupt um „irreguläre“, sprich defizitäre sprachliche Erscheinungsformen handelt.

Ansatzpunkte in der Sprachwissenschaft, die die Frage nach „Regularität“ und „Irregularität“ zum Gegenstand haben, sind zahlreich. Im Folgenden greife ich fünf zentrale Konzepte heraus und gehe der übergeordneten Fragestellung nach, ob sich formelhafte (Ir-)Regularitäten in diese einordnen lassen. Konkret ergeben sich daraus fünf untergeordnete (Einordnungs-)Fragen: Stellen formelhafte (Ir-)Regularitäten

1)  phraseologische Fehler und/oder

2)  Varianten und/oder

3)  sprachliche Zweifelsfälle und/oder

4)  (Norm-)Abweichungen und/oder

5)  reguläre kommunikative Einheiten dar?

Zunächst steht ein phraseologiespezifisches Phänomen im Fokus. Aufgrund des Irregularitätscharakters, der den untersuchten Phrasemen anhaftet, bietet es sich an, Überschneidungen und Unterschiede zu sogenannten phraseologischen Fehlern herauszuarbeiten. Ebenfalls aus phraseologischer Sicht wird untersucht, ob es sich bei formelhaften (Ir-)Regularitäten nicht einfach nur um Varianten von „normgerechten“ Alternativen handelt, ob also zu bestimmten formelhaft (ir-)regulären Wendungen auch „reguläre“ Varianten existieren. Die Anbindung an das Konzept der sprachlichen Zweifelsfälle ergibt sich aus der Beobachtung, dass formelhafte (Ir-)Regularitäten viele Merkmale mit ← 287 | 288 → sprachlichen Zweifelsfällen teilen. Aus diesem Grund wird die Parallelität der beiden Ansätze genauer eruiert. Zentral für die Betrachtung formelhafter (Ir-)Regularitäten als Formen, die sich nicht gemäß des außerphraseologischen Sprachgebrauchs verhalten, ist die vierte Frage. Im Rahmen dieser muss zunächst geklärt werden, wovon formelhafte (Ir-)Regularitäten überhaupt abweichen: Verstoßen sie (nur) gegen die außerphraseologische Sprachnorm oder gar gegen das Sprachsystem?

Vorwegzunehmen ist, dass sich formelhafte (Ir-)Regularitäten zu bestimmten Teilen an alle Konzepte anbinden lassen. Während die ersten vier Konzepte (phraseologische Fehler, phraseologische Variation, sprachliche Zweifelsfälle und Normabweichungen) überwiegend negativ konnotiert sind, da es sich jeweils um Ansätze handelt, in deren Mittelpunkt das Defizitäre steht, zielt die fünfte Teilfrage auf einen Perspektivwechsel ab: Formelhafte (Ir-)Regularitäten sollen nicht mehr (nur) anhand dessen beurteilt werden, woran es ihnen mangelt, sondern vielmehr anhand der pragmatischen Funktion, die sie in unserem alltäglichen Sprechen einnehmen.

Ziel des Kapitels ist es demnach, den Untersuchungsgegenstand im Hinblick auf die in der Forschung vorherrschende Vorstellung als „Irregularität“ aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und gegebenenfalls Verortungen vorzunehmen. Dabei soll dafür argumentiert werden, dass sich formelhafte (Ir-) Regularitäten zwar in bestimmten Aspekten mit diesen Konzepten decken, sie letztlich aber ebenso wie alle anderen sprachlichen (Mehrwort-)Einheiten vollkommen reguläre kommunikative Einheiten darstellen.

15.2  Formelhafte (Ir-)Regularitäten als phraseologische Fehler?

Unter „phraseologischen Fehlern“ versteht BURGER (2010: 27) „Abweichungen von der kodifizierten (grammatischen und lexikalischen) Norm […], die nicht mit einer bestimmten stilistischen Intention vorgenommen werden.“ Im Gegensatz zu Variationen bzw. Modifikationen liegen phraseologische Fehler also dann vor, wenn ein Sprecher ein Phrasem verwendet, das grammatische und/oder lexikalische Abweichungen von der eigentlichen Nennform aufweist, und diese Abweichungen nicht intendiert sind bzw. keine Varianten des Ausgangsphrasems darstellen.

Bereits BURGER u. a. (1982: 202) machen auf dieses Phänomen aufmerksam. Durch die Untersuchung von Schüleraufsätzen kommen sie zu dem Ergebnis, dass neben gewöhnlichen grammatikalischen und stilistischen „Fehlern“ ebenso phraseologische Fehler im Spracherwerb auftreten können (z. B. Das half ← 288 | 289 → natürlich nicht minder dazu bei, daß die Schüler sich im Recht fühlten, richtig: das trug dazu bei).215 Bei Erwachsenen hingegen sind Fehler im phraseologischen Gebrauch seltener zu beobachten, wobei diese in den meisten Fällen dadurch zustande kommen, dass zwei bedeutungsähnliche oder teilweise aus denselben Wörtern bestehende Wendungen vermischt werden (vgl. BURGER u. a. 1982: 203). Als Beispiel kann folgender Beleg aus einem Internetforum angeführt werden, in dem die Frage thematisiert wird, wer zu einer „Kleiderkammer“ gehen darf:

     (93)  Glaub mir, die haben meist soviel Zeug dastehen das sie froh sind wenn sie es jemandem geben können der es brauchen kann, es ist nich so, dass da nur Leute hingehen die quasi unter der Straße leben […]. (forum.gofeminin.de/forum/bebeestla/__f183924_bebeestla-DRiNGEND-Frage-zum-Geld-Brauche-Erfahrungswerte.html, Stand 23.09.2014)

image    Kontamination aus unter der Brücke leben und auf der Straße leben

Insgesamt, so halten BURGER u. a. (1982: 204) fest, entstehen bei Erwachsenen phraseologische Fehler nicht aufgrund von „mangelnden Kenntnissen von phraseologischen Gebrauchsbedingungen“; es sind vielmehr die Produktionsbedingungen der gesprochenen Sprache, die den fehlerhaften phraseologischen Gebrauch verursachen, weshalb phraseologische Fehler „eher als Formfehler in der Aktualgenese zu interpretieren [sind]“ (BURGER u. a. 1982: 204). So werden sie häufig auch von den Sprechern selbst registriert und korrigiert (vgl. STEIN 2011b: 296). Daher betont BURGER (2010: 27),

dass viele phraseologische Fehler in einem sehr weiten Sinn als Versprecher/Verschreiber zu werten sind, insofern der Fehler jeweils durch Interferenz mit einer anderen phraseologischen oder nicht-phraseologischen Konstruktion zustandekommt.216

Da fehlerhafter Gebrauch immer auch „Irregularität“ suggeriert, stellt sich die Frage, ob formelhafte (Ir-)Regularitäten als phraseologische Fehler/Versprecher gedeutet werden sollten. Im Folgenden werden Gründe für die Verneinung dieser Frage angeführt:

    Da laut BURGER (1987: 70) „Fehler im Bereich der Phraseologie“ in erster Linie – wie bereits weiter oben thematisiert – nicht-intendierte „Verstöße gegen Normen, die sich bei der Kodifizierung und Normierung der nhd. Schriftsprache herausgebildet haben“, zu verstehen sind (z. B. *drüben und ← 289 | 290 → hüben statt hüben und drüben), stellen Wendungen mit formelhaften (Ir-)Regularitäten keine phraseologischen Fehler dar. Von Fehlern kann nach SCHNEIDER (2013: 35) nämlich nur dann gesprochen werden, wenn etwas korrekturbedürftig erscheint. Formelhafte (Ir-)Regularitäten bedürfen jedoch als feste Bestandteile der kontextunabhängigen – lexikografisch erfassten – Nennform der einzelnen Phraseme keiner Korrektur.

    Ein phraseologischer Fehler wäre es vielmehr, wenn man die phraseologisch „irreguläre“ Form an die außerphraseologische „Norm“ anpasst, ohne dass dies in Form einer Modifikation bewusst geschieht (vgl. DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 2009: 110f.) bzw. die „reguläre“ Realisierung eine Variante darstellt (wie z. B. bei einigen Dativ-e-Phrasemen). Verwendet man beispielsweise die Paarformel etw. hat Hand und Fuß mit Artikeln, würde dies gegen die kodifizierte und normierte Nennform des Phrasems verstoßen, was durchaus als phraseologischer Fehler interpretiert werden könnte: *etw. hat eine/die Hand und einen/den Fuß. Solche fehlerhaften Verwendungen lassen sich jedoch empirisch nur schwer belegen, vor allem auch deshalb, da bei konkreten Beispielen oft nicht eindeutig gesagt werden kann, ob es sich um intendierte Modifikationen oder nicht-intendierte Fehler handelt.217 Während in der gesprochenen Sprache die Möglichkeit besteht, über eine auffällige Form mit dem Sprecher Rücksprache zu halten, verschließt sich die geschriebene Sprache (weitgehend) dieser Option. In diesem Bereich können Korpusanalysen nutzbringend eingesetzt werden, um bestimmen zu können, ob es sich bei einer scheinbar fehlerhaften Verwendung eines Phrasems um eine kontextuelle Modifikation oder um einen Fehler handelt. Dies verdeutlichen die folgenden beiden Beispiele. Das Phrasem etw. ist das einzig Wahre weist die formelhafte (Ir-)Regularität des unflektierten Adjektivattributs auf. Im DEREKO findet sich diese Wortverbindung insgesamt 279mal, davon nur in zwei Belegen mit flektiertem Adjektiv:

     (94)  Stimme Lysis vol zu! Wieso muß eine Melodie immer nur einen Ton betonen – wozu wurde der Akkord erfunden? Und wieso ist der Artikel der englischen Wikipedia das einzige Wahre und garantiert vollständig?

(http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Alan_Turing, 2011) ← 290 | 291 →

     (95)  Hast Recht, es gehört nicht hier her. das würde jetzt wieder Seiten füllen… bleibe dann bei „Mathematik ist das einzige Wahre was es gibt“ denn sie behauptet nicht irgendeine Art der Entität wie es die Physik tut. CU und frohes Schaffen weiterhin im Kampf gegen den POV (http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Intelligent_Design/Archiv/2006, 2011)

Betrachtet man die beiden Belege im Textzusammenhang, so zeigt sich, dass die Wahl des flektierten Adjektivs nicht als intendierte Modifikation angesehen werden kann. Es handelt sich demnach um eine fehlerhafte Verwendung des Ausgangsphrasems, die durch das Ersetzen der „irregulären“ Form durch die „reguläre“ zustande kommt. Auffällig an beiden Beispielen ist, dass sie aus Wikipedia-Diskussionen stammen. Da diese eher konzeptionell mündlich sind, können die „fehlerhaften“ Phraseme als „Versprecher“ gedeutet werden. Ein zweites Beispiel ist eine im DEREKO aufgedeckte Realisierung des Phrasems zu Tode kommen. Die Wendung ist mit Dativ-e 4.703mal belegt, ohne – wie in der folgenden Pressemitteilung – jedoch nur acht Mal:

     (96)  Eine Bergsteigerin aus Erlangen ist am Wochenende in Österreich tödlich verunglückt. […] Nahezu zeitgleich kam ein Bergsteiger aus Adelzhausen im Oberallgäu zu Tod. Der 43-Jährige war beim Aufstieg zur 2595 Meter hohen Trettachspitze 150 Meter tief abgestürzt, so die Polizei. (Nürnberger Zeitung, 27.06.2011)

Auch hier liegt keine kontextuelle Modifikation vor. Aufgrund der Tatsache, dass in nur acht von insgesamt 4.711 Belegen (0,17%) von der eigentlichen Nennform des Phrasems abgewichen wird, stellen die Verwendungen ohne Dativ-e (genauer: die Tilgung der markierten Form) phraseologische Fehler dar. Die beiden Beispiele zeigen, dass bei der Bestimmung, ob der eine oder andere Beleg als phraseologischer Fehler zu interpretieren ist, sowohl ihrer Auftretenshäufigkeit als auch der Frage, ob es sich bei vereinzelten Fällen um Modifikationen handelt, nachgegangen werden muss. Darüber hinaus verdeutlichen die Beispiele, dass gerade die Anpassung der formelhaft „irregulären“ Form an die „Norm“ des freien Sprachgebrauchs zu den phraseologischen Fehlern gezählt werden kann.

    Ein phraseologischer Fehler läge auch dann vor, wenn der umgekehrte Fall zu dem in Punkt zwei Geschilderten eintreten würde: Ein Phrasem mit „regulärer“ Struktur wird so verändert, dass es eine „irreguläre“ Form aufweist – ohne dass dies intentional geschieht oder die Abwandlung eine Variante der Nennform darstellt. Beispiele wären, wenn man statt ein freudiges Ereignis die nicht-flektierte Form *ein freudig Ereignis gebraucht oder in der Wendung den Anfang machen den Artikel weglässt (*Anfang machen). Solche Verwendungsbeispiele dienen in erster Linie der theoretischen Begriffsbestimmung ← 291 | 292 → des phraseologischen Fehlers in Abgrenzung zu formelhaften (Ir-)Regularitäten; konkrete Belege – wie der folgende, in dem das Adjektivattribut in dem nominalen Phrasem das akademische Viertel unflektiert bleibt – lassen sich kaum bzw. nur äußerst schwer finden:

     (97)  Das sogenannte „akademisch viertel“ gestehe ich jedem zu, aber notorische Zuspätkommer finden bei mir kein Verständnis. (http://www.amerika-forum.de/threads/68687-P%C3%BCnktlichkeit-u-Zuverl%C3%A4ssigkeit-der-Amerikaner/page4, Stand 18.02.2015)

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass formelhafte (Ir-)Regularitäten keine phraseologischen Fehler sind. Fehler im phraseologischen Gebrauch entstehen erst dann, wenn von der kodifizierten Nennform auf nicht-intendierte Art und Weise abgewichen wird. Die „irregulären“ Formen (z. B. Nullartikel, Pronomen ohne Bezug und Genitivobjekte) sind jedoch feste Bestandteile der phraseologischen Nennform und als solche kodifiziert und normiert.

15.3  Formelhafte (Ir-)Regularitäten als Variationen?

In der heutigen Phraseologieforschung herrscht weitgehend Konsens darüber, dass die strukturelle Festigkeit von Phrasemen relativ ist (siehe PTASHNYK 2005). Absolute lexikalische Festigkeit weisen nur die wenigsten Phraseme auf.218 Besitzt eine vermeintlich feste Wortverbindung zwei oder sogar mehrere vollständig fixierte und vor allem usualisierte Nennformen, liegt phraseologische Variation vor (vgl. BURGER 2010: 24). Nach BARZ (1992: 29) kann diese folgendermaßen definiert werden:

Von phraseologischen Varianten ist dann zu sprechen, wenn mindestens zwei Phraseologismen zwei oder ähnliche phraseologische Bedeutungen haben und außerdem so viele formale Übereinstimmungen, daß sie als Realisationen ein und desselben Lexems identifiziert werden können.

Die Definition verdeutlicht, dass für den Variationsbegriff sowohl die semantischen Eigenschaften („ähnliche phraseologische Bedeutungen“) als auch die ausdrucksseitigen Eigenschaften („formale Übereinstimmungen“) eines Phrasems von Bedeutung sind. Je nach Art der variierenden Komponente können verschiedene Variationsformen unterschieden werden. BURGER (2010: 24) differenziert im Wesentlichen fünf Typen: grammatische Variation (z. B. seine Hand/seine Hände im Spiel haben), lexikalische Variation (z. B. ein schiefes Gesicht ← 292 | 293 → machen/ziehen), Variation in der Länge des Phrasems (z. B. sich etw. (rot) im Kalender anstreichen), Variation in der Reihenfolge der Komponenten (z. B. aussehen wie Milch und Blut / wie Milch und Blut aussehen) und Variation in der externen Valenz (z. B. jmdm. /für jmdn. die Daumen drücken). Für diese fünf Variationsmöglichkeiten finden sich teilweise zahlreiche Untertypen, die an dieser Stelle nicht einzeln thematisiert werden können (siehe KORHONEN 1992a; BARZ 1992 und FLEISCHER 1997a: 205–213).

Von der Variation ist die Modifikation abzugrenzen (siehe BARZ 1986; KNOBLOCH 1996; DOBROVOLSKIJ 1999b; STATHI 2007; STAMMEL 2009 sowie JAKI 2014). Während sich Variationen auf die usuellen (gegebenenfalls im Wörterbuch kodifizierten) Realisierungsformen beziehen, stellen Modifikationen okkasionelle Abwandlungen dar (vgl. BURGER 2010: 26). Liegen bei Variationen höchstens minimale Bedeutungsunterschiede vor, weisen Modifikationen oft (intendierte) Bedeutungsunterschiede zum Ausgangsphrasem auf (vgl. MULLI 2011: 390). Das wichtigste Merkmal von Modifikationen ist die Intentionalität ihrer Bildung, was sie von Versprechern und Fehlern abgrenzt (vgl. PTASHNYK 2009: 55). Auch für phraseologische Modifikationen lassen sich bestimmte Modelle beschreiben, die sich im Grunde mit denen der Variation decken (siehe PTASHNYK 2009). Entscheidend für die Modifikation ist jedoch, dass diese nicht nur strukturell, sondern auch semantisch und kontextuell erzeugt werden kann. Bei semantischen oder kontextuellen Modifikationen wird ohne Veränderung der äußeren Form des Phrasems mit der phraseologischen Bedeutung „gespielt“ (vgl. BURGER 2010: 159–162).219

Obwohl bereits DOBROVOLSKIJ (1978: 142) darauf aufmerksam macht, dass neben den gewöhnlichen Variationstypen (z. B. Substitution, Expansion und Reduktion) bei bestimmten Phrasemen eine weitere Variationsmöglichkeit zu beobachten ist – nämlich die „Variation der veralteten und der normalsprachigen Wortform“ –, ist diese bisher nicht genauer untersucht worden. Unter „veralteten Wortformen“ versteht er die in der vorliegenden Arbeit behandelten „morphologischen bzw. wendungsinternen syntaktischen Anomalien“ (DOBROVOLSKIJ 1978: 149). In erster Linie verweist er auf die Varianz der Dativ-e-Endung (z. B. auf dem Holzweg(e) sein), die u. a. auch BURGER (1987: 66), BARZ (1992: 30) und KORHONEN (1992a: 64) hervorheben und die durch die Korpusanalyse von Dativ-e-Phrasemen empirisch bestätigt werden kann (siehe Anhang 2). ← 293 | 294 →

Die in der vorliegenden Arbeit durchgeführte Korpusanalyse zeigt, dass dieser besondere Variationstyp nicht nur das Dativ-e betrifft, sondern auch bei anderen „irregulären“ morphologischen und/oder syntaktischen Erscheinungsformen auftritt. Im Folgenden werden fünf weitere Typen formelhafter (Ir-)Regularitäten vorgestellt, in denen Variationen zwischen „irregulären“ und normgerechten Wortformen zu beobachten sind:

    Die Korpusanalyse von Wendungen mit unflektiertem (vorangestelltem) Adjektivattribut zeigt, dass auch bei dieser formelhaften (Ir-)Regularität Varianten bestehen, die aus dem Wechsel zwischen veralteter „irregulärer“ und dem freien Sprachgebrauch entsprechender „regulärer“ Form resultieren (siehe Kapitel 6.3.2). Beispielsweise tritt das Adjektiv im Phrasem ein gerüttelt Maß von/an etw. in 88% der Belege unflektiert auf, in 12% der Belege jedoch auch flektiert:

     (98)  Bei vielen Deutschen in Antalya ist die Meinung zu hören, dass die Mutter von Charlotte ein gerütteltes Maß an Mitschuld an den Ereignissen und der langen Untersuchungshaft trage. (Braunschweiger Zeitung, 14.12.2007)

     Das komparative Phrasem etw. wie sauer Bier anbieten/anpreisen weist in 28% aller Belege die Flexion des Attributs auf und in jmds. eigen Fleisch und Blut wird eigen gar in 37% der Belege flektiert:

     (99)  Die Stadt hatte das Gebäude in den zurückliegenden Jahren wie saures Bier allen möglichen+ potenziellen Nutzern angeboten – alle hatten wegen der Asbest-Belastung abgewunken. (Frankfurter Rundschau, 22.12.1999)

     (100)  Was mag eine 42-jährige Mutter dazu getrieben haben, ihr eigenes Fleisch und Blut – die einzige Tochter – im Schlaf zu erstechen? Die Staatsanwaltschaft hat jetzt Anklage wegen eines heimtückisch begangenen Mordes erhoben. (Nürnberger Zeitung, 19.02.2008)

    Norm-Variation liegt ebenso bei einigen Phrasemen mit vorangestelltem Genitivattribut vor. Beispielsweise ist das Phrasem jeder ist seines (eigenen) Glückes Schmied in etwa 5% der Belege mit nachgestelltem Genitivattribut realisiert. Hierbei handelt es sich nicht um kontextuelle Modifikationen, was durch einen genaueren Blick auf die Belegstellen ersichtlich wird:

     (101)  Wer sich selbst nicht liebt, nimmt die Tyrannei der Partnerschaft wie ein Opferlamm hin. Er wagt es nicht, selbst Schmied seines Glückes zu werden. (Frankfurter Rundschau, 02.01.1999)

     Eine weitere formelhafte Wendung, in der die Stellung des Genitivattributs variiert, ist Volkes Stimme bzw. die Stimme des Volkes. Die Variante mit vorangestelltem Genitiv ist im DEREKO 1.245mal, die mit nachgestelltem 532mal belegt. ← 294 | 295 → Angesichts dieser hohen Trefferzahl liegt eindeutig eine Variation zwischen „veralteter“ und „normgerechter“ Nennform vor. Als drittes Beispiel lässt sich das Phrasem das Bessere ist des Guten Feind anführen, dessen „irreguläre“ Form mit 19% im Gegensatz zur „normsprachigen“ deutlich in der Minderheit ist. In mehr als vier Fünftel aller Belege findet sich die Nachstellung des Genitivs:

     (102)  Das Bessere ist der Feind des Guten. Deshalb ist es lobenswert, dass bei „Kirn aktiv“ an der Zukunft gearbeitet wird, die da Internet heißt. (Rhein-Zeitung, 29.03.2001)

     Vor allem die letzte Wendung verdeutlicht, dass die ältere „irreguläre“ Form innerhalb von Phrasemen im Laufe der Zeit durch die „normgerechte“ Variante ersetzt werden kann. Es muss jedoch betont werden, dass dies – so lassen die Korpusanalysen vermuten – aufgrund der phraseologischen Festigkeit (insbesondere bei der formelhaften (Ir-)Regularität des vorangestellten Genitivattributs) eher die Ausnahme als die Regel ist bzw. von formelhafter (Ir-) Regularität zu formelhafter (Ir-)Regularität und von Phrasem zu Phrasem recht unterschiedlich ausfallen kann.

    Auch bei einigen Wendungen, die als adverbiale Genitive fungieren, kommt es zu Variantenbildungen. Als Alternative zu den Genitivkonstruktionen bilden sich Präpositionalkonstruktionen heraus, sodass „adverbiale und präpositionale Phraseme ineinander übergehen“ (GRÉCIANO 1999: 2). Diese Tendenz kann korpusanalytisch verifiziert werden (siehe Übersicht 9–6). In den meisten Fällen vollzieht sich die Variantenbildung mithilfe der Präposition mit (vgl. PITTNER 2010: 206), so auch bei den Phrasemen schnellen Schrittes und erhobenen Hauptes:

     (103)  Ob in der braunen Mönchskutte oder in der Windjacke, kerzengerade und mit schnellem Schritt kommt Pater Konstantin daher. (Mannheimer Morgen, 09.11.2000)

     (104)  Mit erhobenem Haupt verließen die Spieler des FC St. Pauli nach einem begeisternden Pokalkampf den Rasen des Millerntor-Stadions und hatten selbst in der Kabine noch den tosenden Applaus der Fans in den Ohren. (Nürnberger Nachrichten, 14.04.2006)

     Es zeigt sich also auch bei dieser formelhaften (Ir-)Regularität ein Angleichungsprozess an die heutigen Sprachverhältnisse, indem die „markierten“ und „veralteten“ adverbialen Genitivkonstruktionen durch „unmarkierte“ Präpositionalkonstruktionen ersetzt werden. Der Verdrängungsprozess kann jedoch von Wendung zu Wendung unterschiedlich weit vorangeschritten oder (noch) überhaupt nicht eingetreten sein. ← 295 | 296 →

    Als „eine durchaus oft anzutreffende Variationsart“ bezeichnet DOBROVOLSKIJ (1978: 151) die Variation im Artikelgebrauch. Er setzt hierfür einen eigenständigen Variationstyp an („Varianten des Artikelgebrauchs beim Substantiv“). Auch bei einigen Phrasemen mit Artikel(ir)regularität existieren also Varianten zwischen „irregulären“, artikellosen und „regulären“, mit Artikel realisierten Formen. Für den vorliegenden Untersuchungsgegenstand ist primär die Variation zwischen (un-)bestimmtem Artikel und Nullartikel interessant, auf die auch BARZ (1992: 30) verweist. Als Beispiele führt sie die beiden Phraseme ständig auf (der) Achse sein und kalt wie (eine) Hundeschnauze sein an, in denen sowohl die Realisierung mit als auch die Realisierung ohne Artikel möglich ist – wie auch die Korpusabfrage bestätigt:

     (105)  Die 11er-D-Jugend des SC Gitter blieb beim Gewinn der Fußball-Kreismeisterschaft in der Halle kalt wie eine Hundeschnauze. (Braunschweiger Zeitung, 11.03.2008)

     (106)  Einer war neben dem einzig starken Hummels (Kloppo sei’s gedankt) jedoch kalt wie Hundeschnauze: Jérome Boateng! Ja – der mit der Bringschuld. (Mannheimer Morgen, 11.06.2012)

     (107)  Konstantin Wecker ist unerwarteterweise ein ausgesprochener Morgenmensch. Als wir ihn um 9 Uhr zum Frühstück treffen, ist er bereits seit zwei Stunden auf der Achse. (Kleine Zeitung, 13.08.1998)

     (108)  Tribute Bands von Pink Floyd gibt es wie Sand am Meer. Die bekannteste ist die Australian Pink Floyd Show, die immer auf Achse ist. (St. Galler Tagblatt, 08.11.2010)

    Variationen zwischen „markierten“ und „unmarkierten“ Wortformen existieren auch bei formelhaften (Ir-)Regularitäten, die dem Bereich der Apokope angehören. Es finden sich Phraseme, die neben der apokopierten Nennform auch die nicht-apokopierte aufweisen, was mithilfe einer Korpusanalyse verdeutlicht werden kann (siehe Übersicht 14–1). Beispielsweise ist in der Paarformel mit Müh(e) und Not das Variationsverhältnis nahezu ausgeglichen:

     (109)  Nur mit Müh und Not ist Norwegen an einer WM-Auftaktpleite vorbeigeschrammt. (Berliner Morgenpost, 11.06.1998)

     (110)  Nur noch mit Mühe und Not gelinge es, den Haushalt auszugleichen, sagt Bürgermeister Rolf Wenzel (SPD). (Frankfurter Rundschau, 17.09.1997)

Die aufgezeigten (Norm-)Variationen sollten selbstverständlich Berücksichtigung in phraseologischen Nachschlagewerken finden. Die lexikografische Praxis weist hierbei jedoch große Uneinheitlichkeiten bzw. Mängel auf: Die Varianz der Dativ-e-Verwendung wird im DUDEN (2008) zwar registriert, spiegelt teilweise aber ← 296 | 297 → nicht den tatsächlichen Sprachgebrauch wider (siehe Kapitel 5.5). Die Variation im Bereich der Adjektivflexion wird bei den beiden Phrasemen ruhig(es) Blut bewahren und etw. wie sauer/saures Bier anbieten/anpreisen angezeigt, bei der noch stärker variierenden Wendung jmds. eigen/eigenes Fleisch und Blut aber nicht. Die „normgerechte“ Stellungsvariante des Genitivattributs findet sich weder bei jeder ist seines (eigenen) Glückes Schmied noch bei dem Phrasem das Bessere ist des Guten Feind, das in über 81% mit Nachstellung realisiert ist. Die Variation bezüglich der Setzung des Artikels ist im Lemma des Phrasems auf (der) Achse sein vermerkt, jedoch nicht im Lemma von kalt wie eine Hundeschnauze sein. Analog zur Kennzeichnung des variablen Dativ-e ist auch bei einigen Wendungen die Variation der e-Apokope vermerkt (beispielsweise in dem Eintrag zu dem oben angeführten mit (knapper) Müh(e) und Not). In Bezug auf die phraseografische Erfassung des Variationstyps „irreguläre versus normgerechte Form“ lässt sich demzufolge konstatieren, dass dieser im DUDEN (2008) zwar teilweise, an vielen Stellen jedoch nicht durchgängig oder überhaupt nicht berücksichtigt wird.

Die in der Kapitelüberschrift aufgeworfene Frage, ob formelhafte (Ir-)Regularitäten phraseologische Variationen darstellen, kann für bestimmte Typen an formelhaften (Ir-)Regularitäten bejaht werden. Die angeführten Beispiele zeigen, dass es durchaus feste Wortverbindungen gibt, in denen neben der „irregulären“ Form „reguläre“ Varianten existieren. Dies betrifft vor allem diejenigen formelhaften (Ir-)Regularitäten, die auf ältere (grammatische) Sprachverhältnisse zurückgehen. Es besteht die Möglichkeit, dass sich im Laufe der Zeit zu den im Phrasem tradierten älteren Formen „normgerechte“ Varianten bilden. Angesichts dieser normspezifischen Variation im Bereich formelhafter (Ir-)Regularitäten muss die Aussage KORHONENS (1992a: 49), dass Phraseme „mit struktureller Anomalie“ eine der wenigen Gruppen von Phrasemen darstellen, „auf die die Stabilität im Sinne einer vollen Unveränderlichkeit zutrifft“, revidiert werden.

Auch wenn es sicherlich zahlreiche Phraseme mit formelhaften (Ir-)Regularitäten gibt, für die sich (noch) keine „normgerechten“ Varianten finden lassen, kann der hier vorgestellte Variationstyp als eine Art „Normangleichungsprozess“ angesehen werden. Auf diesen Prozess verweist auch DOBROVOLSKIJ (1978: 150):

Die eben behandelte Variationsart offenbart die Tendenz des Durchdringens der normalisierenden und nivellierenden Wirkung des Systems auch in den phraseologischen Bereich, der aber ein relativ selbstständiges System innerhalb des Sprachsystems darstellt und dieser Einwirkung Widerstand leistet. ← 297 | 298 →

Dieser „Normangleichungsprozess“220 läuft nicht bei allen formelhaften (Ir-)Regularitäten gleich(-zeitig) ab und kann von Phrasem zu Phrasem unterschiedlich sein bzw. überhaupt nicht stattfinden. Die Resistenz einiger formelhafter (Ir-)Regularitäten gegenüber (normgerechten) Veränderungen resultiert vor allem aus der Stabilität phraseologischer Wendungen und der damit eng verknüpften Tatsache, dass die Phraseologie laut DOBROVOLSKIJ (1978: 150) „ein relativ selbstständiges System innerhalb des Sprachsystems darstellt“, das der Einwirkung von außen „Widerstand leistet“. Für gewöhnlich erfolgt die Normangleichung unidirektional, indem sich die phraseologisch fossilierte und „irreguläre“ Form zu einer mit dem gegenwärtigen Sprachsystem übereinstimmenden und somit „regulären“ Variante entwickelt. Genau genommen stellt somit nicht die „irreguläre“ Form eine Variante der „regulären“ dar, sondern die „reguläre“ eine (normgerechte) Variante der „irregulären“.

15.4  Formelhafte (Ir-)Regularitäten als sprachliche Zweifelsfälle?

Ein sprachlicher Zweifelsfall liegt nach KLEIN (2009: 142) dann vor,

wenn (kompetente) Sprecher kommunizieren, im Blick auf die eigene Sprachproduktion (plötzlich) über verschiedene sprachliche Möglichkeiten (Varianten) nachdenken und sich nicht (einfach) für eine der bewusst werdenden Möglichkeiten entscheiden können.

Als weiteres Merkmal führt KLEIN (2003a: 7) an, dass sprachliche Zweifelsfälle bezüglich ihrer Ausdrucksseite häufig teilidentisch sind (z. B. dubios/dubiös, des Automat/des Automaten und Rad fahren/rad fahren/radfahren). Von entscheidender Bedeutung ist, dass erst von einem sprachlichen Zweifelsfall gesprochen werden kann, „wenn eine solche Unsicherheit nicht partikulär auftritt, sondern ein kollektives Problem darstellt“ (DÜRSCHEID 2011: 158). Mit dem Zweifeln über eine bestimmte Form gehen darüber hinaus häufig metasprachliche Reflexionen einher (vgl. KLEIN 2000: 63). Es lassen sich demnach folgende Merkmale sprachlicher Zweifelsfälle festhalten:

1)  (kompetente) Sprecher geraten bei

2)  Varianten eines sprachlichen Ausdrucks,

3)  die ausdrucksseitig häufig teilidentisch sind, ← 298 | 299 →

4)  in Zweifel, welche Variante die „korrekte“ ist,

5)  und reflektieren ihre Zweifel metasprachlich.

Die vorgestellten Eigenschaften finden sich zum Teil auch bei formelhaften (Ir-)Regularitäten wieder. Da es sich bei diesen um sehr heterogene Erscheinungsformen handelt, fällt ihre Einordnung in den Bereich sprachlicher Zweifelsfälle jedoch recht unterschiedlich aus. Während man ebenso wie bei sprachlichen Zweifelsfällen auch bei formelhaften (Ir-)Regularitäten von kompetenten Sprechern ausgehen kann – kompetent in dem Sinne, dass diese die jeweiligen Phraseme kennen und gegebenenfalls auch selbst gebrauchen –, trifft das zweite Merkmal nicht auf alle formelhaften (Ir-)Regularitäten zu, da nicht jede formelhaft (ir-)reguläre Wendung Variation zwischen „irregulärer“ und „regulärer“ Form aufweist. Als potenzielle sprachliche Zweifelsfälle kommen daher nur solche Phraseme in Betracht, die – wie in Kapitel 15.3 ausgeführt – bezüglich der „irregulären“ Form variieren. Damit verbunden ist eine ausdrucksseitige Teilidentität (z. B. etw. läuft/verkauft sich/geht weg wie geschnitten(es) Brot, etw. verläuft im Sand(e), auf (der) Achse sein, aus Spaß an der Freud(e), das rote/Rote Kreuz und guten Gewissens/mit gutem Gewissen). Wie zu sehen ist, treffen die ersten drei Merkmale sprachlicher Zweifelsfälle auch auf einige formelhafte (Ir-) Regularitäten zu. Das bedeutet jedoch noch nicht, dass es sich bei diesen auch um Zweifelsfälle handelt. Denn Variation und die damit verbundene formseitige Teilidentität sind keine hinreichenden Kriterien für deren Identifikation:

Allein die Feststellung von Varianten reicht nämlich nicht aus, um ein Wortpaar als Zweifelsfall zu identifizieren. Denn dazu gehört der Nachweis, dass über dieses Wortpaar auch in relevanter Art und Weise (metasprachlich) reflektiert wird. (KLEIN 2003a: 12)

Es gilt demnach zu überprüfen, ob Sprecher bei Phrasemen, die bezüglich ihres „irregulären“ Charakters variieren, tatsächlich in Zweifel darüber geraten, welche Variante die „korrekte“ ist, und zu klären, ob diese Zweifel gegebenenfalls „metasprachliche Reflexionen in Gang setzen“ (KLEIN 2011: 275). Ohne detailliertere Untersuchungen zu dieser Thematik anzustellen, lässt sich Folgendes vermuten und stichprobenartig auch bestätigen: Auch bei einigen formelhaften (Ir-)Regularitäten kann es in konkreten Kommunikationssituationen zu Zweifeln kommen. So ist zu beobachten, dass Schreiber bei der ein oder anderen polylexikalischen Wortgruppe darüber nachdenken, ob es sich um Eigennamen, phraseologische Termini oder gewöhnliche Nominationseinheiten handelt oder nicht, was zur Frage der Groß- bzw. Kleinschreibung führt (z. B. das schwarze Brett versus das ← 299 | 300 → Schwarze Brett oder der runde Tisch versus der Runde Tisch). Es existieren im Internet zahlreiche Threads, in denen über diese Problematik diskutiert wird.221

Des Weiteren lassen metasprachliche Thematisierungen von SICK (2005: 19–22) darauf schließen, dass auch bei der Verwendung von Genitivobjekten Zweifel bestehen können. Zur Variation des Genitivobjekts findet sich außerdem ein eigenständiger Eintrag im Zweifelsfall-Duden (2011: 377). Das Aufnehmen bestimmter sprachlicher Phänomene in Zweifelsfälle-Sammlungen deutet laut KLEIN (2006: 585) auf die Existenz eines sprachlichen Zweifelsfalls hin. Darunter fallen beispielsweise auch die Einträge zur Variation zwischen reinen/reines Herzens (vgl. DUDEN 2011: 41) und die Kennzeichnung bzw. Nicht-Kennzeichnung des Genitiv-s in viel Aufheben(s) machen (vgl. DUDEN 2011: 119). Hierzu zählt ferner die produktive Modellbildung X[Nomen] pur/total/satt, die SICK (2004: 23–25) ebenfalls behandelt und die auch im DUDEN der Zweifelsfälle Erwähnung findet (vgl. DUDEN 2011: 50f.).

Einige Phraseme können als orthografische Zweifelsfälle betrachtet werden, insofern Zweifel daran bestehen, ob diese zusammen oder getrennt geschrieben werden. Bei bestimmten Wendungen tangieren diese Zweifel unmittelbar die Frage der Unikalität bzw. Nicht-Unikalität. Ein Beispiel ist zugrunde gehen bzw. zu Grunde gehen (vgl. FORGÁCS 2004b: 145–147). Schreibt man zu und Grunde aneinander (zugrunde), liegt eine unikale Komponente vor, schreibt man es getrennt, nicht. Weitere Beispiele für solche Univerbierungen, die zur Unikalität der entsprechenden Komponente führen können, sind sich etw. zu Schulden/zuschulden kommen lassen, jmdn./etw. in Frage/infrage stellen // (für jmdn./etw.) in Frage/infrage kommen oder auch in Kraft/inkraft treten. Die phraseologische Gebundenheit hängt dabei eng mit dem Grammatikalisierungsprozess der entsprechenden Syntagmen zusammen (vgl. FORGÁCS 2004b: 146). Die im Zuge der Grammatikalisierung stattfindende Verschmelzung von Präposition und Substantiv innerhalb verbaler Mehrwortverbindungen ist demzufolge eine Quelle für phraseologisch gebundene Elemente.

Es kann konstatiert werden, dass zwar auch bei formelhaften (Ir-)Regularitäten Variationen zwischen „irregulären“ und „regulären“ Formen auftreten können, diese aber kein ausreichendes Kriterium dafür sind, dass es sich folglich auch um sprachliche Zweifelsfälle handelt. Variation allein ist kein hinreichender Grund dafür, dass Sprecher in konkreten Kommunikationssituationen daran ← 300 | 301 → zweifeln, welche (phraseologische) Variante die richtige ist. In den meisten Fällen stellen beide Varianten „korrekte“ Realisierungsmöglichkeiten dar. Trotz allem lassen sich vereinzelt Beispiele formelhafter (Ir-)Regularitäten finden, bei denen die Sprecher bezüglich verschiedener Alternativen in Zweifel geraten. Diese können durchaus als sprachliche Zweifelsfälle bezeichnet werden.

Neben der Frage, ob bestimmte formelhafte (Ir-)Regularitäten sprachliche Zweifelsfälle sind, lassen sich darüber hinaus grundlegende Parallelen zwischen beiden Bereichen aufdecken: Sowohl bei formelhaften (Ir-)Regularitäten bzw. (idiomatischen) Phrasemen an sich als auch bei sprachlichen Zweifelsfällen ist in der Forschung die weit verbreitete Annahme zu beobachten, man habe es mit peripheren sprachlichen Erscheinungen zu tun, die nach Chomsky nicht der Kerngrammatik angehören. Beide Phänomenbereiche führen in der Linguistik bzw. Phraseologie bis heute ein Schattendasein. Intensivere Beschäftigungen offenbaren dagegen, dass formelhafte (Ir-)Regularitäten – ebenso wie sprachliche Zweifelsfälle – „keineswegs ein linguistisches Randphänomen dar[stellen], das grammatisch lediglich mit Rest- oder Nebenkategorien begriffen werden müsste“ (KLEIN 2000: 64). Auch formelhafte (Ir-)Regularitäten

entpuppen sich nämlich beim genaueren Hinsehen als ein sehr heterogener und umfangreicher Phänomenbereich, der nicht mit einer kleinen Skizze rasch und problemlos auf einen einheitlichen Begriff gebracht werden könnte. (KLEIN 2003b: 9)

KLEIN (2000: 65) spricht sprachlichen Zweifelsfällen „eine fundamentale Dimension der Sprache“ zu. Diese These begründet er damit, dass sie „auf allen maßgeblichen linguistischen Beschreibungsebenen (phonetisch, orthographisch, morphologisch, syntaktisch, semantisch) auftauchen können“ (KLEIN 2000: 67) und es sich bei diesen „rein zahlenmäßig gesehen, um keine sprachliche Nebensache“ (KLEIN 2003b: 9) handelt. Auch formelhafte (Ir-)Regularitäten erstrecken sich über die klassischen Systemebenen (lexikalisch, morphologisch, syntaktisch, semantisch, phonetisch/phonologisch und orthografisch) und nehmen aus quantitativer Perspektive einen nicht zu unterschätzenden Anteil der Phraseologie des Gegenwartsdeutsch ein; die Menge an formelhaften (Ir-)Regularitäten – dies verdeutlicht die vorliegende Arbeit – ist weitaus größer als bisher angenommen (siehe Kapitel 18.3).

Die Beschäftigung mit formelhaften (Ir-)Regularitäten besitzt – in Analogie zur Beschäftigung mit sprachlichen Zweifelsfällen – „einen linguistischen Wert an sich“ (KLEIN 2006: 583), da sie durch ihre historische Dimension (sprich: der Tradierung älterer Sprachverhältnisse) „neue Einblicke in die Architektur und den Wandel des Sprachsystems“ (ebd.) liefert. Die These von KLEIN (2011), die ← 301 | 302 → er zur Erforschung sprachlicher Zweifelsfälle aufstellt,222 kann analog auf formelhafte (Ir-)Regularitäten übertragen werden. Zugespitzt gesagt: Wer nicht weiß, welche formelhaften (Ir-)Regularitäten in einer Sprache existieren, hat das phraseologische System dieser Sprache nicht erschöpfend beschrieben.

15.5  Formelhafte (Ir-)Regularitäten als (Norm-)Abweichungen?

Das elementare Merkmal von „phraseologischen Irregularitäten“ wird darin gesehen, dass sie „Abweichungen verschiedenster Art“ (HESSKY 1992: 81) von den Regeln des außerphraseologischen Sprachgebrauchs darstellen. Ihre „Irregularität“ ist in den meisten Fällen „the result of a gradual distancing of a regular form from the active rules“ (WRAY 2002: 267). Was aber ist unter „active rules“ bzw. unter „außerphraseologischen Regeln“ zu verstehen? Wovon genau weichen „phraseologische Irregularitäten“ eigentlich ab? Welchen Charakter besitzen „Irregularitäten“, die in festen Wortverbindungen zu finden sind? Für die Beantwortung dieser Fragen spielt die Coseriusche System-Norm-Differenzierung eine wichtige Rolle.

COSERIU (1975, 1979, 1988, 2007) unterscheidet zwischen System und Norm und folglich auch zwischen Fehlern, die gegen das System einer Sprache verstoßen, und Fehlern, die gegen die Norm einer Sprache verstoßen. Das Sprachsystem umfasst

(virtuell) alles, was in einer Sprache aufgrund ihrer schon bestehenden bedeutungsrelevanten Unterscheidungen und Verfahren zu deren Ausdruck möglich, d. h. realisierbar ist. (COSERIU 2007: 267; Hervorhebung im Original)

Die Norm ist hingegen das,

[w]as nun auf den Einzelnen wirklich einen Zwang ausübt und seine Freiheit des Ausdrucks sowie die vom System gebotenen Möglichkeiten auf den Rahmen der traditionellen Realisierungen einengt […]. (COSERIU 1975: 88)

Das System ist dementsprechend ein „System von Möglichkeiten“ (COSERIU 2007: 277), es ist „eher eine Gesamtheit von Freiheiten als von Auflagen, da es zahllose Realisierungen erlaubt“ (COSERIU 1979: 57). Während das Sprachsystem all das enthält, „was in einer Sprache möglich wäre“ (COSERIU 1988: 299), enthält die Sprachnorm ← 302 | 303 →

dagegen all das, was in der einer funktionellen Sprache entsprechenden Rede traditionell, allgemein und beständig, wenn auch nicht notwendig funktionell ist, nämlich alles, was man ‚so und nicht anders‘ sagt (und versteht). (COSERIU 1988: 297)

Nach HUNDT (2009: 121) sind Sprachnormen „aus dem tatsächlichen Sprachgebrauch rekonstruierte Regeln des systemgerechten Gebrauchs“. Das System ist in diesem Sinne umfassender als die Norm, weil es nicht nur das konventionell Realisierte, sondern auch „noch nicht realisierte Möglichkeiten“ (COSERIU 1988: 299) beinhaltet.

Auf Grundlage dieser Zweiteilung lassen sich drei verschiedene Arten sprachlicher Erscheinungen und zwei unterschiedliche Arten sprachlicher „Fehler“ differenzieren, die mithilfe von Wortbildungsprodukten verdeutlicht werden: erstens sowohl dem System als auch der Norm entsprechende Realisierungen (lesbar), zweitens systemgerechte, aber nicht zur Norm gehörige Realisierungen (mailbar) und drittens Realisierungen, die gegen das System (und somit für gewöhnlich auch gegen die Norm) einer Sprache verstoßen (durstigbar) (vgl. DÜRSCHEID 2012: 108).

Die genaue Abgrenzung von System- und Normfehlern ist häufig problematisch, „weil sich Norm und System im Laufe der Zeit beeinflussen und verändern (können)“ (STEIN 2007b: 470); sowohl Norm als auch System sind grundsätzlich veränderlich.223 So ist es durchaus möglich, dass sich die Norm wandelt, während das System bestehen bleibt. Aber auch das System als Ganzes kann sich im geschichtlichen Prozess verändern (vgl. COSERIU 2007: 278):

Da sich Sprachen und ihre Varietäten verändern, wandeln sich auch die Systeme und Normen und deren Verhältnis zueinander. Es entstehen neue Systeme, Teilsysteme und Normen (und damit auch neue Konstellationen und Transferenzmöglichkeiten in den Köpfen der Sprecher). (ÁGEL 2008: 66)

Das Sprachsystem besitzt demzufolge neben einer Vergangenheits- und Gegenwartsdimension auch eine Zukunftsdimension bzw. eine „historische Offenheit“ (HERINGER 1974: 26), da ihm nicht nur das innewohnt, „was bereits mit ihrer Technik gesagt wurde, sondern auch das, was man mit dieser selben Technik machen kann“ (COSERIU 1988: 301).

COSERIU (2007) berücksichtigt in seiner exemplarischen Analyse der System-Norm-Unterscheidung verschiedener sprachlicher Ebenen auch Phraseme bzw. ← 303 | 304 → formelhafte Wendungen. Er verortet sie im Bereich der Norm, indem er die „regelmäßigen Satzbautypen“ von den „festen Formeln“ abgrenzt:

Die regelmäßigen Satzbautypen gehören dem System an, die festen Formeln sind dagegen als traditionelle Realisierungen von Schemata des Systems bloß Elemente der Norm. (COSERIU 2007: 270)

Während sich COSERIU (2007) auf die formelhafte Einheit als Ganze bezieht, fokussieren die folgenden Darstellungen die spezielle Ausprägung der „Irregularitäten“, die innerhalb der Wendungen bewahrt sind (z. B. Dativ-e-Markierung und Voranstellung des Genitivattributs).

Um die Frage beantworten zu können, ob es sich bei formelhaften (Ir-)Regularitäten um Norm- oder Systemfehler handelt, muss untersucht werden, welchen Status „Irregularitäten“, die in Phrasemen auftreten, in freien Wortverbindungen hätten. Dabei ergibt sich folgende Frage: Liegt eine Norm- oder Systemabweichung vor, wenn die in einer festen Wendung vorkommende „Irregularität“ (z. B. Dativ-e, unflektiertes Adjektivattribut oder vorangestelltes Genitivattribut) im außerphraseologischen Sprachgebrauch realisiert würde? Es lassen sich drei mögliche Ergebnisse voneinander abgrenzen:

1)  Es liegt keine Abweichung vor (weder auf Norm- noch auf Systemebene).

2)  Es liegt eine Normabweichung vor.

3)  Es liegt eine Systemabweichung vor.

Dieser Abgleich lässt sich auf manche formelhafte (Ir-)Regularitäten besser anwenden als auf andere. Ein Vergleich mit der außerphraseologischen System- bzw. Normebene gestaltet sich in Fällen morphologischer und/oder syntaktischer sowie phonetisch/phonologischer Besonderheiten als relativ unproblematisch. Größere Schwierigkeiten bzw. die Unmöglichkeit eines Vergleichs treten bei lexikalischen, orthografischen, semantischen, textlinguistischen und nonverbalen „Irregularitäten“ auf. Beispielsweise ist es für das Phänomen des unflektierten Adjektivattributs relativ einfach, einen Vergleichssatz zu bilden, in dem dieses außerphraseologisch auftritt (z. B. Finn ist ein ruhig Kind), für die semantische „Irregularität“ der Idiomatizität ist dieser Abgleich jedoch nicht möglich, da diese nicht ausdrucksseitig, sondern inhaltsseitig vorliegt.224 In den nachfolgenden Überlegungen stehen daher primär grammatische Besonderheiten im Vordergrund, zu denen eine ← 304 | 305 → außerphraseologische Verwendung zumindest anhand konstruierter Beispielsätze möglich ist. Dabei werden die einzelnen formelhaften (Ir-)Regularitäten im Hinblick auf ihre Norm- bzw. Systemabweichung analysiert:

    Unikalia: Im lexikalischen Bereich „ist die Unterscheidung von Norm und System am schwierigsten zu treffen“ (COSERIU 2007: 271). Dies liegt vor allem daran, dass es zwar „fehlerhafte“ Bildungen von Wörtern geben kann (z. B. unkaputtbar) (siehe STEIN 2007b), der Gedanke, dass es „fehlerhafte“ oder „falsche“ Wörter an sich gibt, aber nur schwer vorstellbar ist. BARTSCH (1985: 10) vertritt aus kognitiver Perspektive hingegen folgenden Standpunkt:

     Da die Wörter separat kodiert sind, d. h. in Listen organisiert sind, ist der lexikale Korrektheitsbegriff sehr einfach: Was in der Liste ist, d. h. im Lexikon steht, ist korrekt.

     Für sehr stark phraseologisch gebundene Komponenten würde dies bedeuten, dass sie laut BARTSCH (1985) „normwidrig“ sind, da sie nicht mehr als freie Lexeme auftreten und daher auch nicht als separat kodierte Wörter im Lexikon stehen. Sie haben durch den Unikalisierungsprozess ihre semantische Eigenständigkeit sowie ihr syntagmatisches Verknüpfungspotenzial verloren. Die Korpusanalyse zeigt aber, dass unikale Komponenten auch außerhalb von festen Wortverbindungen auftreten können. Die Re-Unikalisierung kann dazu führen, dass phraseologisch gebundene Komponenten wieder zu einer festen Lexikoneinheit mit eigener Semantik werden (z. B. Bärendienst, Fettnäpfchen und Hintertürchen) (siehe Kapitel 4.5.3). Da es sich bei der Unikalia-Kategorie um eine prototypische handelt, liegt in Form des außerphraseologischen Gebrauchs unikaler Elemente wenn überhaupt eine graduelle Normabweichung vor.

    Dativ-e: Die Markierung des Dativs stellt in außerphraseologischen Kontexten keine System-, in den meisten Fällen jedoch eine Normabweichung dar (z. B. Es steht eine Pflanze auf dem Tische). In älteren Sprachepochen gehört diese Kasusendung der Norm an, im Laufe der Zeit hat sie sich jedoch zur markierten Variante entwickelt. Während ZIEGLER (2011: 248) Wörter mit Dativ-e als „tolerierte Varianten der deutschen Standardsprache“ auffasst, macht KÖPCKE (2011: 289) darauf aufmerksam, dass „das Dativ-e gar nicht mehr produktiv verwendet wird“ und es in außerphraseologischen Kontexten „Befremden“ auslöst. Für ihn „besteht unter Sprachteilnehmern stillschweigender Konsens darüber, dass diese Form nicht mehr gebraucht werden sollte“, weshalb die Aussparung dieser Kasusendung „zum Ist-Zustand geworden [ist], zur subsistenten Norm“ (ebd.). Es lassen sich allerdings ← 305 | 306 → Kontexte finden, in denen der Gebrauch des Dativ-e keineswegs „unnatürlich“ bzw. „fremd“ wirkt. Wie in Kapitel 5.4 gezeigt, wird es auch heute noch in feierlichen und gehobenen Anlässen als Stilmittel eingesetzt. In diesen Fällen ist diese Dativendung aufgrund der funktionalen Verwendung nicht als Normabweichung zu klassifizieren.

    Unflektiertes Adjektivattribut: Die Frage, ob es sich bei unflektierten vorangestellten Adjektivattributen in außerphraseologischen Nominalgruppen um Norm- oder Systemabweichungen handelt, ist nicht leicht zu beantworten. Während sie in älteren Sprachepochen durchaus gebraucht werden und somit ohne Frage dem System angehörten, wirken im Gegenwartsdeutsch Sätze wie Ich habe ein schnell Auto oder Das ist eine schwierig Aufgabe nicht nur norm-, sondern auch systemwidrig.225 Diese formelhafte (Ir-)Regularität ist ein Beleg dafür, dass sich nicht nur die Norm, sondern auch das System im Laufe der Zeit verändern kann. Aus historischer Perspektive sind unflektierte vorangestellte Adjektivattribute sicherlich systemkonform und müssten als Normabweichungen eingestuft werden. Da sich das System jedoch so stark gewandelt hat, kann diese Konstruktion nur sehr schwer als zum heutigen Sprachsystem zugehörig angesehen werden. Demgegenüber ist anzumerken, dass es auch Kontexte gibt, in denen vorangestellte unflektierte Adjektivattribute nicht als systemwidrig und zum Teil auch nicht als normwidrig aufgefasst werden (z. B. in der Literatursprache oder bei Warenbezeichnungen) (siehe Kapitel 6.4.1). Auch in einigen Dialekten ist die Nicht-Flexion des Adjektivattributs bewahrt. Zudem muss angeführt werden, dass es Adjektive gibt, die generell nicht flektiert werden (qualifizierende Ausdrücke wie klasse und prima sowie einige Farbbezeichnungen wie lila und rosa). Nicht zu vergessen ist außerdem das Phänomen des unflektierten lecker (z. B. lecker Bier), das in jüngster Zeit an Frequenz gewinnt. Von vorangestellten Adjektivattributen müssen nachgestellte unterschieden werden. Nachgestellte unflektierte Adjektivattribute besitzen in einigen Kontexten nicht einmal einen normwidrigen Charakter, da sie zum Teil funktional und regelmäßig verwendet werden. Dies geschieht besonders in dem Bereich der poetischen Sprache sowie im Bereich ‚Waren, Handel, Werbung, Konsum, ← 306 | 307 → Medien‘ (siehe Kapitel 6.4.2). Als besonderes Phänomen kann die neuartige Modellbildung X[Nomen] pur/satt/brutal angeführt werden, in der die Nachstellung des Adjektivs produktiv und auf systematische Weise eingesetzt wird (siehe Kapitel 6.5.2).

    Vorangestelltes Genitivattribut: Ähnlich wie vorangestellte unflektierte Adjektivattribute gehört auch die Voranstellung des Genitivattributs zur Norm vergangener Sprachepochen. Die Voranstellung des Genitivattributs ist somit durchaus in der deutschen Syntax enthalten. Im Laufe der Zeit ändert sich jedoch die Norm zugunsten der Nachstellung. Währenddessen entwickelt sich die Voranstellung zur markierten Variante und besitzt heutzutage den Charakter einer Normabweichung. Mit anderen Worten: Beide Stellungsvarianten gehören dem System an, die Norm wird allerdings durch die Nachstellung repräsentiert. Wie die Beispiele in Kapitel 7.4 zeigen, findet man auch heute noch Belege für vorangestellte Genitivattribute. Auf diese Stellungsvariante kann demzufolge als eine realisierbare Möglichkeit zurückgegriffen werden. Anders als die im vorherigen Unterpunkt angeführten Beispielsätze für unflektierte Adjektive wirken Nominalphrasen mit vorangestelltem Genitivattribut zwar ungewöhnlich, aber nicht systemwidrig (z. B. Des Messers Griff ist mit Diamanten besetzt). Die Entwicklung des vorangestellten Genitivattributs von einer systemkonformen hin zu einer systemwidrigen Variante ist (noch) nicht abgeschlossen.226 Zum jetzigen Zeitpunkt kann keine genaue Aussage darüber gemacht werden, ob diese Entwicklung in Bezug auf die Genitivposition überhaupt eintreten wird.

    Genitivobjekt: Da bei dieser formelhaften (Ir-)Regularität Verben im Mittelpunkt stehen, die ihre Genitivrektion innerhalb eines Phrasems konserviert haben, stellt sich die Frage, welche Art von Abweichung vorliegt, wenn diese auch in einer freien Wortverbindung mit Genitivobjekt auftreten. In der Wendung sich des Lebens freuen regiert freuen den Genitiv, im freien Sprachgebrauch wird das Verb meist durch ein Präpositionalobjekt ergänzt (z. B. Ich freue mich über das Geschenk). Stellt ein solcher Satz wie Ich freue mich des Geschenks nun eine Norm- oder Systemabweichung dar? Aus diachroner Perspektive handelt es sich lediglich um einen Normfehler, da die Genitivrektion des Verbs freuen als Realisierungsmöglichkeit im System vorhanden gewesen ist. Und auch aus synchroner Perspektive hört sich dieser Gebrauch ← 307 | 308 → zwar ungewöhnlich (von der Norm abweichend) an, als völlig systemwidrig sollte er jedoch nicht bezeichnet werden. Wichtig ist der graduelle Charakter dieser formelhaften (Ir-)Regularität: Es lassen sich Abstufungen zwischen „nur noch in Phrasemen realisierten genitivregierenden Verben“ und „freien genitivregierenden Verben“ feststellen (siehe Kapitel 8.3.2). Deswegen ist auch der normabweichende Charakter bestimmter Verben graduell. So kann es vorkommen, dass bestimmte Verben den Genitiv auch heute noch fordern (z. B. gedenken) und die Genitivrektion in diesen Fällen demnach der Norm entspricht, während die Realisierung mittels anderer Kasus als Normverstoß gilt (z. B. wir gedenken den Opfern statt wir gedenken der Opfer).

    Adverbialer und prädikativer Genitiv: Die Untersuchung adverbialer und prädikativer Genitivkonstruktionen legt offen, dass diese nicht nur auf Phraseme beschränkt sind, sondern auch in mehr oder weniger freien Konstruktionen auftreten (z. B. X[Adj./Part.] Schrittes und jmd./etw. ist X[Adj./Part.] Natur). Es besteht ein fließender Übergang zwischen stark verfestigten und relativ freien adverbialen und prädikativen Genitiven (siehe Kapitel 9.3.3 und 9.5). Aus diesem Grund stellt die außerphraseologische Verwendung dieser beiden Erscheinungsformen in bestimmten Fällen keine Normabweichung dar. Allerdings sind auch Fälle vorstellbar, in denen adverbiale Bestimmungen und Prädikativa nicht im Genitiv stehen können bzw. die genitivische Verwendung normwidrig ist (beispielsweise in den Sätzen Großer Begeisterung verfolgte er das WM-Finale und Er ist großen Stolzes). Es kann demnach konstatiert werden, dass die Verwendung adverbialer und prädikativer Genitive als eine Realisierungsmöglichkeit im System angelegt ist, es sich also bei der außerphraseologischen Verwendung dieser Konstruktion nicht um Systemverstöße und in einigen Fällen nicht einmal um Normwidrigkeiten handelt.

    Artikel(ir)regularität: Die formelhafte (Ir-)Regularität des Nullartikels ist eine sehr heterogene Besonderheit. Zum einen lassen sich bestimmte (formelhafte) Strukturmodelle feststellen, innerhalb derer artikellose Formen regelmäßig und äußerst produktiv auftreten, zum anderen findet man auch außerhalb der Phraseologie zahlreiche Kontexte und Konstruktionen, in denen der Nullartikel (bevorzugt) steht (siehe Kapitel 10.4). Bei artikellosen Nominalgruppen im außerphraseologischen Bereich handelt es sich daher in vielen Fällen weder um System- noch um Normfehler (z. B. textsortenspezifischer Nullartikel, Inkorporationen, Bare Binomial-Konstruktionen und Präposition-Nomen-Kombinationen). Das Fehlen eines Artikels in Konstruktionen, die „kiezsprachlichen“ Charakter besitzen (z. B. Er hat sich Auto gekauft oder Sie findet Buch langweilig), kann demgegenüber aus ← 308 | 309 → standardsprachlicher Sicht als Normabweichung betrachtet werden. Bei diesen Gebrauchsfehlern müssen Sprecher mit Sanktionen rechnen. Wiederum ein anderer Fall liegt bei Artikel(ir)regularitäten innerhalb von Slogans der Werbesprache vor (siehe Kapitel 10.5.3). Diese werden von den Rezipienten zwar als grammatische Normverstöße wahrgenommen und zum Teil (sprach-)kritisch bewertet (siehe JANICH 2012), müssen aber aufgrund ihres werbesprachlichen Kontextes als Erscheinungen betrachtet werden, die intentional gegen bestehende sprachliche Normen verstoßen, um Aufmerksamkeit zu erregen (vgl. JANICH 2004: 78). Genau genommen stellen normwidrige Formen – u. a. Artikel(ir)regularitäten – innerhalb der Varietät „Werbesprache“ somit keine wirklichen Normverstöße dar, da sie in diesem Bereich „ein Teil der Norm [sind]“ (JANICH 2012: 100).

    Adjektivgroßschreibung: Da es sich bei der Majuskelsetzung nichtnominaler Wortarten innerhalb von onymischen Wortgruppen um eine orthografische Besonderheit handelt, lässt sich die Unterscheidung zwischen System und Norm nur eingeschränkt vornehmen. Denn nach COSERIU (1975: 64–81) kommen – wie bereits erwähnt – nur die klassischen linguistischen Bereiche der Phonologie, Morphologie, Wortbildung, Syntax und Lexikologie für diese Differenzierung infrage. So gibt er für alle diese Ebenen einschlägige Beispiele. Exemplarische Analysen orthografischer Abweichungen sucht man jedoch vergeblich. Überträgt man die Unterscheidung zwischen System- und Normabweichungen dennoch auf diese besondere formelhafte (Ir-)Regularität, so kann festgehalten werden, dass es sich bei der Kleinschreibung von eindeutigen Phraseonymen (z. B. Obama lebt im weißen Haus) zwar nicht um Systemfehler, wohl aber um Normfehler handelt.227 Insgesamt liegt in solchen Fällen ein Verstoß gegen die (orthografische) Norm vor, die besagt, dass Adjektive großgeschrieben werden (müssen), wenn sie in onymische Wortgruppen eingebettet sind (vgl. DUDEN 2011: 434f.).

    Apokope: Die formelhafte (Ir-)Regularität der Apokope – d. h. der Wegfall des -e am Wortende (vgl. BERGMANN u. a. 2007: 87) wie in den Phrasemen Katz und Maus spielen und aus Spaß an der Freud – ist eine phonetische/phonologische Besonderheit. Der Prozess der Apokopierung gilt als eine bedeutende Sprachwandelerscheinung – vor allem des Mittelhochdeutschen (vgl. NÜBLING u. a. ← 309 | 310 → 2010: 30–32). Aber auch im Gegenwartsdeutsch finden sich Apokopierungserscheinungen wie die – bis jetzt nur in konzeptionell gesprochener Sprache vorzufindende – Apokope von haben in Ich hab Hunger. Die Apokope ist demzufolge keineswegs eine genuin formelhafte Besonderheit, sondern findet sich auch im außerphraseologischen Sprachgebrauch und ist vielmehr ein fester Bestandteil phonologischen Wandels. So verstoßen apokopierte Wörter außerhalb von formelhaften Wendungen wie in den konzeptionell mündlichen Sätzen Ich ging die Straß entlang, Meine Schwester wünscht sich eine Katz zum Geburtstag oder Bist du mir noch bös? nicht gegen das (phonologische) System, sondern sollten wenn überhaupt als Normabweichungen betrachtet werden.

Die Ausführungen verdeutlichen, dass „Irregularitäten“, die in festen Wendungen anzutreffen sind, nicht als Systemabweichungen, sondern fast ausschließlich als Normabweichungen des gegenwartssprachlichen freien Sprachgebrauchs zu interpretieren sind. Als Gebrauchsfehler würden sie außerphraseologisch zwar normwidrig sein, aber als systemkonform gelten. Für die Einordnung als Normabweichungen spricht in den meisten Fällen die Tatsache, dass es sich bei den „Irregularitäten“ um ältere sprachliche Erscheinungsformen handelt, die innerhalb der Wendungen tradiert werden. Die in der Gegenwartssprache als „irreguläre“ Formen aufgefassten Erscheinungen gehören in früheren Sprachepochen der Norm und demzufolge auch dem System des Deutschen an:

Meist handelt es sich um eine Art ‚grammatischer Archaismen‘, d. h. um Konstruktionen, die zu einem früheren Zeitpunkt der sprachlichen Norm entsprochen haben, später aber unüblich geworden sind und sich nur noch innerhalb von festen Wortverbindungen halten konnten. (HIGI-WYDLER 1989: 63f.)

Die heutige Sprachnorm muss somit als „ein historisches Entwicklungsprodukt, welches durch Ausgrenzung einer Vielzahl von früher gegeben gewesenen grammatischen Möglichkeiten entstanden ist“ (BUSSE 2006: 320f.), angesehen werden. Entscheidend für die Klassifizierung formelhafter (Ir-)Regularitäten als Normabweichungen und eben nicht als Systemfehler ist, dass die nicht mehr gebräuchlichen Formen weiterhin Bestandteil des abstrakten/virtuellen Sprachsystems sind und demnach weiterhin die Möglichkeit besteht, diese auch außerhalb der formelhaften Sprache – beispielsweise in bestimmten Varietäten – zu verwenden:

Die ausgegrenzten Varianten bleiben aber – vom Sprachtypus her – mögliche Alternativen zur geltenden Norm und werden in einzelnen Varietäten z. T. auch noch eingesetzt bzw. können durch Sprachwandel prinzipiell wieder aktiviert werden. (BUSSE 2006: 321) ← 310 | 311 →

15.6  Exkurs: Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Sprachkritik

Eine unter Sprachkritikern weit verbreitete Auffassung ist, dass sich die Sprache der Gegenwart als defizitär gegenüber früheren Sprachepochen gestaltet. KILIAN u. a. (2010: 89) sprechen hierbei von „Sprachkonservativismus“ und beschreiben diesen wie folgt:

Betrachtet man die Geschichte einer Sprache als die Geschichte ihres Verfalls, so wird man zwangsläufig zu dem Ergebnis kommen, dass ältere Sprachzustände den neueren Sprachzuständen vorzuziehen seien. Die älteren Sprachzustände gelten in einer solchen Sichtweise als weniger defekt und daher als bewahrenswert.

Die konservative Haltung, das Ältere bewahren zu müssen, da es dem Neuen – laut Laiensprachkritikern – vor allem aus ästhetischer Perspektive überlegen sei (vgl. KILIAN u. a. 2010: 56), resultiert aus einer organistischen Sprachauffassung, die

Sprachen als organische Lebewesen [betrachtet], die eine Jugend, eine Blüte- und Reifezeit, aber notwendigerweise auch ein Alter und eine Verfallsperiode haben, die es möglichst durch Sprachpflege zu verhindern gelte. (KILIAN u. a. 2010: 89)

Zusammenfassend lässt sich der skizzierte sprachliche Konservativismus nach KILIAN u. a. (2010: 90) „als eine statische Haltung charakterisieren, die darum bemüht ist, den Verlauf der Sprachgeschichte durch Kritik aufzuhalten oder zumindest zu verlangsamen.“

Aus einer solchen Perspektive müssen formelhafte (Ir-)Regularitäten geradezu die Traumvorstellung jeglicher konservativer Sprachkritiker sein, da sie die älteren, „richtigen“ grammatischen Formen bis ins Gegenwartsdeutsch bewahrt haben: So wird das Dativ-e konserviert (z. B. einer Sache zu Leibe gehen), Genitivattribute vorangestellt (z. B. des Wahnsinns fette Beute) und auch genitivregierende Verben, deren Schwund von Laiensprachkritikern wie SICK (2005: 19–22) gebetsmühlenartig beklagt wird, finden ihren festen und somit auch für die Zukunft gesicherten Platz in der Phraseologie (z. B. jmdn. eines Anderen/Besseren belehren). Formelhafte (Ir-)Regularitäten sind so gesehen die „konservativsten“ sprachlichen Erscheinungsformen, die man überhaupt in einem synchronen Sprachzustand vorfinden kann. In Analogie zu KELLERS (2006: 199) vielzitierter These, dass „[d]ie systematischen Fehler von heute […] die neuen Regeln von morgen [sind]“, lässt sich demzufolge festhalten, dass in den formelhaften (Ir-) Regularitäten von heute die Norm von gestern konserviert bleibt.

Demgegenüber muss jedoch auch beachtet werden, dass formelhafte (Ir-)Regularitäten nicht nur ältere Sprachverhältnisse bewahren; sie können ebenso in einem synchronen Sprachzustand sozusagen ad hoc entstehen (siehe Kapitel 16.3). Diese ad hoc gebildeten und sich sozusagen über Nacht zu geflügelten Worten ← 311 | 312 → verfestigten formelhaften (Ir-)Regularitäten entstammen vor allem aus den Bereichen der Jugendsprache228 und Werbesprache (z. B. der Slogan Da werden Sie geholfen) sowie aus „falschen“, ungrammatischen Aussagen berühmter Persönlichkeiten (z. B. die Aussage Ich habe fertig von Giovanni Trapattoni) und demnach ausgerechnet aus Bereichen, die für Sprachkritiker ein rotes Tuch darstellen. Jugend- und vor allem Werbesprache gelten in sprachkritischen Augen als „sprachzerstörend“ und daher zu bekämpfende „Auswüchse“ der heutigen Gegenwartssprache.

Formelhafte (Ir-)Regularitäten haben aus sprachkritischer Perspektive etwas Janusköpfiges: Auf der einen Seite werden sie aufgrund der in ihnen tradierten älteren Sprachverhältnisse sicherlich begrüßt. Auf der anderen Seite sind synchrone formelhafte (Ir-)Regularitäten, wie sie durch die Verfestigung „ungrammatischen“ Sprachgebrauchs entstehen können, wahrscheinlich allen Sprachkritikern – gerade aufgrund der mit dem Phraseologisierungsprozess zusammenhängenden Verbreitung (und Usualisierung) – ein Dorn im Auge. In formelhaften (Ir-)Regularitäten steckt eben nicht nur die Norm von gestern, sondern auch der – aus (laien-) sprachkritischer Sicht – „falsche“ Sprachgebrauch von heute.

15.7  Formelhafte (Ir-)Regularitäten als reguläre kommunikativ-pragmatische Einheiten

Für die folgenden Überlegungen ist es notwendig, eine grundlegende Unterscheidung vorzunehmen. Beurteilt man den „irregulären“ Charakter formelhafter (Ir-)Regularitäten, müssen zwei Ebenen strikt voneinander getrennt werden:

1)  die „irreguläre“/fossilierte strukturelle und/oder semantische Besonderheit innerhalb des Phrasems (also z. B. das vorangestellte Genitivattribut in in (des) Teufels Küche kommen/geraten)

2)  das Phrasem als Ganzes (in (des) Teufels Küche kommen/geraten)

Während es sich bei den einzelnen in Phrasemen anzutreffenden Besonderheiten (1) deshalb um „irreguläre“ Erscheinungsformen handelt, da diese außerhalb der Wendungen in den meisten Fällen als Normabweichungen gelten, sind die Phraseme als Ganzes (2) – genauso wie alle übrigen Phraseme auch – für die Sprecher vollkommen unmarkierte und reguläre Kommunikationseinheiten. So betont ← 312 | 313 → bereits SCHINDLER (1996a: 2), dass es eine „wesentliche Seite der Phraseologie“ ist, dass Wendungen mit formelhaften (Ir-)Regularitäten wie auf gut Glück „ungeachtet ihrer Irregularität akzeptable Verständigungseinheiten darstellen“ (SCHINDLER 1997: 275). Die formale und/oder semantische Besonderheit ist vielen Sprechern in der tagtäglichen Kommunikation überhaupt nicht bewusst:

In geläufigen Phraseologismen fallen Irregularitäten meist nicht auf, da die Kombination der einzelnen Komponenten im Phraseologismus als akzeptabel bekannt ist. (HALLSTEINSDÓTTIR 2001: 57)

Legt man keinen grammatischen Regelbegriff zugrunde, sondern einen pragmatischen, so folgen auch Wendungen mit „Irregularitäten“ als kommunikative sprachliche Einheiten im Sinne von HERINGER u. a. (1977: 14) gewissen Regeln:

Zum Verstehen von Zeichen ist es notwendig, daß ihre Verwendung bestimmten Regeln folgt. Eine Sprache ist erst durch das Verstehen von Regeln konstituiert, und folglich heißt eine Sprache sprechen nichts anderes als die Regeln zu beherrschen, die diese Sprache konstituieren, d. h. nach diesen Regeln handeln bzw. Handlungen nach diesen Regeln verstehen zu können.

Demzufolge ist auch für die Verwendung formelhafter (Ir-)Regularitäten das Beherrschen bestimmter (pragmatischer) Regeln unerlässlich. „Nach einer Regel handeln“ heißt in diesem Sinne zu wissen, wie bestimmte Sprachzeichen im kommunikativen, interaktionalen Diskurs gebraucht werden. Oder wie es SCHNEIDER (2014: 365) formuliert: „Vielmehr besteht das ‚Der-Regel-Folgen‘ u. a. in der Beherrschung sprachlicher Zeichenschemata.“

Diese pragmatische Sichtweise auf Regeln relativiert die „Irregularität“ der in der vorliegenden Arbeit behandelten Wendungen. Denn pragmatische Regeln sind nach MORRIS (1979: 59) syntaktischen und semantischen Regeln insgesamt übergeordnet, insofern „[j]ede Regel […] im aktuellen Gebrauch als eine Verhaltensweise [erscheint], und in diesem Sinne […] in allen Regeln eine pragmatische Komponente [liegt].“229 Dieser Morrissche Regelbegriff – so formuliert FEILKE (1996: 215; Hervorhebung im Original) treffend –

ist hier zu verstehen als Gebrauchsregel, das heißt als sozial institutionalisierte Regelmäßigkeit im Gebrauch bestimmter konventioneller Zeichenkombinationen.

Nach einem solchen Regelverständnis ist die (strukturelle und/oder semantische) „Irregularität“ mancher Phraseme für Sprachteilhaber gänzlich irrelevant. ← 313 | 314 → Betrachtet man Sprache als Zeichensystem, in dem Regeln als Gebrauchsregeln fungieren, so lässt sich erklären bzw. ist es einleuchtend, dass trotz der in ihnen enthaltenen „Irregularitäten“ die Verständigung mittels dieser besonderen Wendungen funktioniert, weil sie als sprachliche Zeichen von den Sprechern für bestimmte Verwendungszwecke in bestimmten kommunikativen Situationen gebraucht werden (können). Sie sind daher zwar auf lexikalischer, grammatischer oder semantischer Ebene – im Verhältnis zur außerphraseologischen „Sprachnorm“ – „irregulär“ gebildet, auf pragmatischer Ebene hat dies aber keinerlei Auswirkungen. Trotz ihrer scheinbar defizitären und „irregulären“ Struktur stehen sie als komplexe Zeichen einer erfolgreichen Kommunikation nicht im Weg.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass Phraseme, in denen formale und/oder semantische Besonderheiten in Form von sogenannten formelhaften (Ir-)Regularitäten auftreten, als Ganze akzeptable kommunikativ-pragmatische Verständigungseinheiten darstellen. Für ihre Verwendung müssen Sprecher – genauso wie bei allen anderen Sprachzeichen auch – nicht nur morphologische, syntaktische oder semantische, sondern auch bzw. vor allem pragmatische „Regeln“ beachten. ← 314 | 315 →


215  Zum „fehlerhaften“ Gebrauch von Phrasemen siehe auch KRŽIŠNIK (2004).

216  Siehe auch LEUNINGER (2007), die sogenannte „Phrasenkontaminationen“ – in ihrem Sinne „zwei Redewendungen, also komplexe syntaktische Gebilde“ (LEUNINGER 2007: 65) – nicht als Fehler, sondern als Versprecher interpretiert.

217  Eine Ausnahme findet sich in ELSPASS (1998: 237), der normwidrige Phrasemverwendungen aus Bundestagsdebatten anführt, in denen statt eines obligatorischen Nullartikels ein Artikel gebraucht wird (z. B. „Beide, Kommunismus und Nazismus, haben kräftig die Hand angelegt zur Zerstörung der Demokratie von Weimar […].“).

218  Zur hohen Variabilität phraseologischer Ausdrücke siehe insbesondere BARZ (1992) sowie PIIRAINEN (2003: 124–127).

219  Zwar ist die Grenze zwischen Fehlern, Modifikationen und Variationen in vielen Fällen nur sehr schwierig zu ziehen, die Korpusanalyse stellt aber eine große Hilfe dar, da sie die Möglichkeit bietet, durch quantitative und qualitative Korpusabfragen eine Abgrenzung zwischen vereinzelt auftretenden nicht-intendierten Fehlern, beabsichtigten okkasionellen Modifikationen und usuellen Varianten vorzunehmen.

220  HESSKY (2000: 2105) spricht von der „Aufhebung morphosyntaktischer Irregularitäten“ – dies allerdings nicht im Rahmen phraseologischer Variation, sondern Modifikation.

221  Als Beispiel verweise ich auf das folgende Forum, in dem die Frage thematisiert wird, ob schwarz in das schwarze Brett groß- oder kleingeschrieben wird: http://www.korrekturen.de/forum.pl/md/read/id/19235/sbj/technisches-zeichnen/ (Stand 15.07.2014).

222  „Zugespitzt gesagt: wer nicht weiß, welche Zweifelsfälle in einer Sprache existieren, hat diese Sprache nicht erschöpfend grammatisch beschrieben“ (KLEIN 2011: 277).

223  Vgl. hierzu auch GLOY (1998: 23): „Die scheinbar selbstverständlichen und alternativlosen Normen sind keineswegs unverrückbar. Aus den Normverstößen von gestern gingen die Normen von heute hervor. Und dies geht weiter: Die Normverstöße von heute können die Normen von morgen werden.“

224  Auch COSERIU (2007: 268–272) führt nur Beispiele für die sprachlichen Bereiche Phonologie, Morphologie, Wortbildung, Syntax und Wortschatz an; Beispiele für Norm- bzw. Systemabweichungen auf orthografischer, semantischer oder textueller Ebene gibt er keine.

225  Diese Fälle wirken auf den Hörer zumindest stärker systemwidrig als beispielsweise die außerphraseologische Verwendung vorangestellter Genitivattribute, die teilweise noch bis ins Frühneuhochdeutsche Usus gewesen ist (siehe Kapitel 7.2). Dies liegt wohl auch daran, dass sich hier die Besonderheit morphologisch bemerkbar macht, während es sich bei der Position des Genitivs nur um eine topologische Norm handelt.

226  Bei Eigennamen ist die Voranstellung auch im gegenwartssprachlichen Deutsch (noch) die Norm.

227  So hat die Kleinschreibung bei Phraseonymen weitreichende Auswirkungen auf die (Satz-)Semantik. Während das Weiße Haus den Regierungssitz des amerikanischen Präsidenten bezeichnet, verweist das weiße Haus lediglich auf ein beliebiges Haus, dessen Fassade mit weißer Farbe angestrichen ist.

228  Man denke hier beispielsweise an die zum Jugendwort des Jahres 2014 gekürte Wendung Läuft bei dir (http://www.jugendwort.de/ Stand 17.04.2015), die aufgrund des Fehlens des unpersönlichen es (Es läuft bei dir) in gewisser Weise eine markierte bzw. „irreguläre“ Struktur aufweist.

229  MORRIS (1979: 59) führt etwas später fort: „Pragmatische Regeln geben die Bedingungen an, unter denen Ausdrücke verwendet werden, insoweit jene Bedingungen mit den Begriffen der syntaktischen und semantischen Regeln nicht formuliert werden können.“