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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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16. Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Sprachwandel

16.  Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Sprachwandel

16.1  Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels

Das nachfolgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von formelhaften (Ir-)Regularitäten und Sprachwandel. Zentral ist hierbei die Frage nach der Entstehung formelhaft (ir-)regulärer Wendungen durch (außerphraseologische) Sprachwandelprozesse. Neben diesem diachronen Blick wird auch ein synchroner Blick auf die Ontogenese des Untersuchungsgegenstands geworfen. Denn formelhaft (ir-)reguläre Wendungen resultieren nicht nur – wie in der bisherigen Forschung weitgehend angenommen – aus sich über Jahrhunderte erstreckenden Sprachwandelprozessen, die letztlich zur Diskrepanz zwischen außer- und innerphraseologischer Ebene führen. Formelhaft (ir-)reguläre Wendungen können auch synchron, mehr oder weniger ad hoc entstehen. Wichtige Bereiche stellen hierbei die Jugend- und Werbesprache dar, in denen vor allem die (sprachliche) Kreativität der Sprachteilhaber zur Etablierung vollkommen neuer formelhafter (Ir-)Regularitäten führen kann, die ihren „irregulären“ Charakter nicht aufgrund eines sprachlichen Wandels erhalten. Darüber hinaus können sich auch ungrammatische Aussagen von Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, zu Phrasemen verfestigen. Eine weitere Quelle synchroner formelhafter (Ir-)Regularitäten sind formelhaft (ir-)reguläre Konstruktionsmodelle, auf deren Basis es möglich ist, neue Phraseme zu kreieren.

Neben der Entstehung soll auch der (sprachwandel-)theoretischen Verortung formelhafter (Ir-)Regularitäten Rechnung getragen werden. Es stellt sich die Frage, wie sich die Entstehungsprozesse formelhaft (ir-)regulärer Wendungen mit Sprachwandeltheorien erklären lassen. Hierfür greife ich zum einen auf die Theorie der „unsichtbaren Hand“ und zum anderen auf Überlegungen der „Natürlichkeitstheorie“ zurück. Am Ende des Kapitels wird die vermeintliche „Irregularität“ der Wendungen im Hinblick auf die gewonnenen Erkenntnisse der diachronen und synchronen Entstehungsperspektive kritisch hinterfragt. ← 315 | 316 →

16.2  Diachrone Perspektive: Entstehung formelhafter (Ir-)Regularitäten durch Sprachwandel

16.2.1  Vorbemerkungen: Historische Phraseologie und formelhafte (Ir-)Regularitäten

Während die Phraseologie des Gegenwartsdeutsch in vielfältiger Art und Weise Gegenstand zahlreicher Studien (gewesen) ist, sind historisch orientierte Untersuchungen zur formelhaften Sprache nur selten zu finden. Es herrscht somit ein Ungleichgewicht zwischen synchroner und diachroner Perspektive:

Je intensiver sich die Phraseologie als selbstständige linguistische Disziplin entwickelt, desto auffallender werden die paradoxen Disproportionen zwischen ihrer allgemeintheoretischen und vielschichtigen Ausarbeitung auf synchroner Ebene einerseits und ihren methodologischen Schwächen sowie ihrer Unerforschtheit auf diachroner Ebene andererseits. (MOKIENKO/WALTER 2007: 518)

Das Wissen über die Entstehung und Herausbildung des phraseologischen Systems ist zum Teil immer noch „fragmentarisch und mosaikartig“ (FILATKINA 2007b: 219). Aus diesem Grund sprechen BURGER (1998b) und BURGER/LINKE (1985, 1998) auch von der Unmöglichkeit, eine zusammenhängende Geschichte der deutschen Phraseologie zu schreiben.

Dieser noch bis Anfang der Jahrtausendwende bestehenden Forschungslücke wird speziell in den letzten zehn Jahren – insbesondere durch das an der Universität Trier angesiedelte HiFoS-Projekt und die in diesem Rahmen entstandenen Forschungsarbeiten – entgegengewirkt.230 Die historische Phraseologie – so kann man mit BURGER (2012: 2) sagen – hat sich aus ihrem „Schattendasein […] am Rande des Mainstreams sprachgeschichtlicher Forschung“ befreit und ist heutzutage „ein Forschungsgebiet im Aufbruch“.

Einen für die vorliegende Arbeit besonderen Aspekt der historischen Phraseologieforschung führt BURGER (1998b: 79) an, wenn er von der „Diachronie in der Synchronie“ spricht. So sind laut BURGER (1996: 25) in jedem synchronen Querschnitt „diachrone Kräfte wirksam“. Gerade im Bereich der formelhaften Sprache kommt dieser enge Zusammenhang zwischen Synchronie und Diachronie in Form von Phrasemen mit „archaischen Elementen“ zum Vorschein (vgl. BURGER/LINKE 1998: 753). Phraseme fungieren als eine einmalige Quelle für die ← 316 | 317 → Sprachgeschichte, da in ihrer festen phraseologischen Struktur lexikalische, morphologische, syntaktische und semantische Erscheinungen „überleben“ können, die sonst dem Wandel unterliegen (vgl. FILATKINA 2007b: 223 sowie ECKERT 1987: 42). Die genannten „archaischen Elemente“ in Form von Lexemen (z. B. jmdn. an den Pranger stellen) oder grammatikalischen Besonderheiten (z. B. das Dativ-e wie in das Tier im Manne) sind nichts anderes als die in der vorliegenden Arbeit behandelten formelhaften (Ir-)Regularitäten.

16.2.2  Formelhafte (Ir-)Regularitäten als Produkt von Sprachwandelprozessen

Formelhafte (Ir-)Regularitäten sind in vielen Fällen auf vergangene Sprachverhältnisse zurückzuführen, die in formelhaften Wendungen fossiliert werden.231 Die Tradierung älterer Erscheinungsformen verdanken Phraseme in erster Linie ihrer „konservierenden Hülle“ (HÄUSERMANN 2011: 408) und nicht, wie es bei starken Verben beispielsweise üblich ist, ihrer Gebrauchsfrequenz (siehe Kapitel 17.5). Durch ihre (relative) Stabilität können „Konservierungstendenzen älterer Sprachzustände sichtbar werden“ (HUNDT/PERL 1992: 157). Formelhaft (ir-)reguläre Wendungen sind somit „Zeugen des Sprachwandels“ (HÄUSERMANN 2011: 408) und „Zeichen für das bewahrende Element der Sprache“ (ebd.).232 Sie sind sozusagen „[d]as Ergebnis des Widerstands gegen die sprachliche Evolution“ (DRÄGER 2012: 152). Nach MUNSKE (1993: 498) gehört die Bewahrung älterer Sprachverhältnisse zu den spezifischen und idiosynkratischen Besonderheiten der Phraseologie:

Die Fähigkeit, lexikalische, semantische, morphologische und syntaktische Eigenheiten aus älteren Sprachstadien phraseologisch als unikale Elemente oder Anomalien zu bewahren, gehört zu den durch die Phraseologisierung von Syntagmen ermöglichten ← 317 | 318 → spezifischen Eigenheiten der Phraseologie. Diese Fossilisierungen geben vielen Phraseologismen ihr idiosynkratisches Gepräge.

Während sich also die außerphraseologische Norm im Laufe der Zeit verändert und sich in einem stetigen Wandel befindet, „konservieren viele Phraseologismen in ihrem Bestand archaische Lexeme, veraltete syntaktische und morphologische Verbindungen, sowie schon seit langer Zeit ungebräuchlich gewordene Formen“ (MOKIENKO 2002: 234).233 Sprachwandelprozesse und Sprachnormen sind in Bezug auf formelhafte (Ir-)Regularitäten daher untrennbar miteinander verbunden:

Over a period of time, not being analyzed will tend to lead to the form being stranded from the productive rules and combinatory units of the language (that is, fossilized). Such a string may end up being the last stronghold of a word or morphological form that has otherwise disappeared from the language. On the way to that state, it may have passed through stages in which it came across as, say, marked for style or register, archaic, nonstandard or even ‘incorrect’. The more irregular it becomes, relative to the active rules and morphemes of the language, the more distance there will be between it and any other strings which might have fallen into paradigm with it. This distance, in turn, will reduce even further the likelihood of segmentation, and protect the increasingly idiom-like status of the unit. Irregularity, then, can be the result of a gradual distancing of a regular form from the active rules and morphemes which created it and which would, in other circumstances, keep it in step with their change over time […]. (WRAY 2002: 267; Hervorhebung im Original)

Da bei der Mehrzahl an formelhaften (Ir-)Regularitäten (vor allem bei morphologischen und/oder syntaktischen) die „Normabweichung“ aus historischen Wandlungsprozessen resultiert, stellt sich die Frage, ob dieser Prozess auch in entgegengesetzte Richtung ablaufen kann: Können sich die „irregulären“ Formen im Laufe der Zeit (wieder) der außerphraseologischen Norm anpassen oder steht die Stabilität phraseologischer Wendungen einer Anpassung vollständig im Wege? Auf diese Frage verweist bereits DOBROVOLSKIJ (1979: 51):

Es gilt klarzustellen, ob das phraseologische Inventar einer Sprache ein für die dynamischen Veränderungen unzugängliches Gebiet darstellt, wo verschiedene Relikte der ← 318 | 319 → vergangenen Entwicklungsstufen des Sprachsystems ihre Unterkunft gefunden haben und für ewig unverändert bleiben oder ob sie auch hier dem normalisierenden Druck des Systems der modernen Sprache unterliegen.

Die empirische Analyse der vorliegenden Arbeit zeigt, dass formelhafte (Ir-)Regularitäten nicht „für ewig unverändert bleiben“ müssen. Bei einigen Phrasemen ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Variabilität bezüglich der formelhaften (Ir-)Regularität zu beobachten, indem Varianten zwischen normkonformen und normwidrigen Nennformen bestehen (siehe Kapitel 15.3). Eine solche Variabilität deutet auf einen Wandlungsprozess hin; in nahezu allen modernen Sprachwandeltheorien wird Variabilität als „die Grundlage und das Reservoir für alle feststellbaren Sprachwandelvorgänge“ (MATTHEIER 1984: 721) angesehen. Auch HUNDT/PERL (1992: 157f.) machen auf die Tatsache aufmerksam, dass sich konservierte phraseologische Erscheinungsformen mit der Zeit an die außerphraseologischen grammatischen Verhältnisse anpassen (können):

Zugleich wirken jedoch die sich in Lexik und Morphosyntax vollziehenden Wandelprozesse, wenn sie in einem ausreichend langen Zeitraum tief genug im Sprachbewußtsein der Kommunikationsgemeinschaft verankert sind, auch auf die relativ festen Strukturen der Phraseologismen und Sprichwörter zurück.

Im Bereich der Lexik spielen hierbei vor allem Re-Unikalisierungsprozesse eine Rolle (siehe Kapitel 4.5). Die Autonomisierung einzelner – im freien Sprachgebrauch eigentlich „ausgestorbener“ – Wörter und deren freie Verwendung mit eigenständiger, phrasembasierter Bedeutung stehen demnach genauso wie morphosyntaktische Anpassungen – wie in wie geschnitten(es) Brot (Flexion des Adjektivattributs), das Bessere ist der Feind des Guten (Nachstellung des Genitivattributs) und mit schnellem Schritt (Ersetzung der Genitivphrase durch eine Präpositionalphrase) – dem scheinbar unidirektionalen Fossilisationsprozess gegenüber.234 ← 319 | 320 →

Übersicht 16-1:  Idealisierter Sprachwandelprozess formelhafter (Ir-)Regularitäten

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Eine solche Entwicklung soll anhand der formelhaften (Ir-)Regularität des Dativ-e visualisiert und etwas ausführlicher beschrieben werden. Übersicht 16–1 zeigt einen stark idealisierten Sprachwandelprozess, der sich von der Entstehung einer formelhaften (Ir-)Regularität bis hin zu ihrer außerphraseologischen Normanpassung erstreckt.235 Zu sehen ist die Entwicklung des Dativ-e-Gebrauchs am Beispiel der Wendung im Sand(e) verlaufen. In Schritt 1 ist die außerphraseologische Norm („A“) deckungsgleich mit der innerphraseologischen Form („A“); in beiden Fällen stellt das Dativ-e die unmarkierte Form dar. Während sich im Laufe der Zeit die außerphraseologische Norm dahingehend verändert, dass neben der Kennzeichnung des Dativs durch ein -e auch die Nicht-Kennzeichnung möglich ist („A“/„B“, Variation), bleibt die Nennform mit -e innerhalb des Phrasems zunächst erhalten („A“) (Schritt 2). Schritt 3 zeigt eine Stufe, in der die phraseologische Nennform („A“) von der außerphraseologischen Norm abweicht („B“), da außerphraseologisch nun die Verwendung ohne Dativ-e Usus ist. Aufgrund dieser Diskrepanz zwischen außerphraseologischem Sprachgebrauch und innerphraseologischer Realisierungsform („A“ versus „B“) kann man hier zum ersten Mal von einer formelhaften (Ir-)Regularität sprechen. ← 320 | 321 → In Schritt 4 setzt die phraseologische Variation zwischen normwidriger und normgerechter Form ein. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befindet sich die Entwicklung der Wendung auf dieser Stufe, da die Korpusanalyse folgende Varianz zutage fördert: in 61% der Belege ist das Phrasem mit, in 39% ohne Dativ-e realisiert. Der letzte (Normangleichungs-)Schritt stellt Schritt 5 dar, innerhalb dessen sich die normgerechte Variante durchsetzt und sich das Phrasem der außerphraseologischen Sprachnorm vollständig anpasst. Dieser Schritt ist bei dem Beispiel im Sand(e) verlaufen selbstverständlich nur eine Vermutung, die sich daraus ergibt, dass bei zahlreichen gegenwartssprachlichen Phrasemen die Variante ohne Dativ-e die unmarkierte Nennform ist (z. B. vom Fleisch fallen, zu Gesicht stehen und (nicht) im Traum einfallen).

Die Entstehung von formelhaften (Ir-)Regularitäten durch außerphraseologischen Sprachwandel eröffnet zudem eine Zukunftsdimension. Aller Voraussicht nach wird es aufgrund ihrer Festigkeit auch in Zukunft Phraseme geben, in denen – vielleicht im heutigen Gegenwartsdeutsch noch völlig „reguläre“ – grammatische Erscheinungsformen als Rudiment vergangener Sprachepochen bewahrt bleiben. Hierfür lohnt sich ein Blick auf aktuelle Zweifelsfälle bzw. grammatische Abbautendenzen, die Hinweise auf Sprachwandelprozesse geben können.236 Ein Phänomen, das immer wieder Gegenstand der Forschung ist, stellt die starke Flexion sogenannter schwacher Maskulina dar (z. B. dem/den Bär/Präsident statt dem/den Bären/Präsidenten) (vgl. BITTNER/KÖPCKE 2008: 64).237 So ist es zumindest denkbar, dass in nicht allzu langer Zeit die Idiome jmdm. einen Bären aufbinden und (et)was für den inneren/den äußeren Menschen tun aufgrund der Flexion formelhafte (Ir-)Regularitäten sein werden (sofern die Flexionsendung innerhalb des Phrasems nicht vom außerphraseologischen Abbau betroffen ist).

16.2.3  „Affixoidähnliche“ formelhafte (Ir-)Regularitäten

Die Fossilierung älterer Sprachverhältnisse innerhalb von Phrasemen ist kein Prozess, der sich von heute auf morgen vollzieht. Es kann aus diachroner Perspektive bei einigen Phrasemen daher nicht dichotomisch zwischen „veralteten, ← 321 | 322 → phraseologisch gebundenen“ und „nicht veralteten, freien“ Formen unterschieden werden. Ähnlich wie bei dem graduellen Übergang von freien Morphemen zu grammatischen Wortbildungsmorphemen, der innerhalb der Morphologie durch sogenannte Affixoide erfasst wird,238 existieren auch bei einigen formelhaften (Ir-)Regularitäten Übergangsstufen zwischen „freier“ und „irregulärer“, phraseologisch gebundener Verwendung. Dies zeigt sich besonders bei unikalen Komponenten, Genitivobjekten sowie adverbialen und prädikativen Genitivkonstruktionen (siehe Übersicht 16–2).

Übersicht 16-2:  Graduelle Übergänge formelhafter (Ir-)Regularitäten in Anlehnung an

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Beispielsweise handelt es sich bei Windeseile aufgrund seiner 100%-igen phraseologischen Gebundenheit um eine prototypische unikale Komponente, bei dem Wort Tischdecke um ein freies Lexem, Schokoladenseite befindet sich jedoch aufgrund seiner 60%-igen Gebundenheit zwischen diesen beiden Ausprägungen. ← 322 | 323 → Und auch bei Genitivobjekten, adverbialen und prädikativen Genitiven lassen sich Wortverbindungen finden, die einen „affixoidähnlichen“ Status besitzen. Während beispielsweise in der prädikativen Konstruktion jmd./etw. ist X[Adj./Part.] Natur die Adjektivstelle relativ frei besetzt werden kann und sie daher stärkere Züge einer freien Wortverbindung aufweist, ist die Konstruktion jmd. ist guter Dinge aufgrund ihrer festen Struktur eindeutig als Phrasem zu klassifizieren. Zwischen diesen beiden Extrempunkten existieren jedoch auch prädikative Genitivkonstruktionen, in denen die Adjektivstellenbesetzung nur mehr oder weniger stark begrenzt ist und daher keine genaue Entscheidung bezüglich des phraseologischen Status getroffen werden kann bzw. sich die Wendung in einem Übergang von „relativ freier“ bis hin zu „phraseologisch gebundener“ Verwendung befindet (z. B. jmd. ist X[Adj./Part.] Laune).

Diese Erkenntnis relativiert den „irregulären“ Charakter des Untersuchungsgegenstands, da bestimmte als „phraseologisch gebunden“ und somit als „irregulär“ klassifizierte Besonderheiten auch in freien Konstruktionen auftreten können und der Übergang zwischen phraseologisch gebundener und freier Verwendung fließend ist. Das bedeutet auch, dass bei einigen „formelhaft (ir-) regulär“-verdächtigen Konstruktionen nicht eindeutig beurteilt werden kann, ob es sich bei diesen um freie oder bereits feste Wortverbindungen handelt; der phraseologische Verfestigungsprozess und demzufolge auch die formelhafte Gebundenheit eines Phänomens kann unterschiedlich weit vorangeschritten sein.

16.2.4  Formelhafte (Ir-)Regularitäten in der HiFoS-Datenbank

Zur empirischen Überprüfung des Wandlungsprozesses formelhafter (Ir-)Regularitäten kann auf die HiFoS-Datenbank zurückgegriffen werden.239 In dem an der Universität Trier durchgeführten Projekt „Formelhafte Sprache und Traditionen des Formulierens“ (HiFoS) ist die Phraseologie des Althochdeutschen und teilweise des Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen erfasst.240 Insgesamt enthält die (zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht online zugängliche) Datenbank über 31.500 annotierte formelhafte Wendungen (tokens). Neben der genaueren semantischen und morphosyntaktischen Charakterisierung werden ← 323 | 324 → u. a. auch unikale Komponenten erfasst.241 Der Rückgriff auf die HiFoS-Daten-bank erfolgt primär aus folgender Fragestellung heraus: Ist die korpusanalytisch nachgewiesene gegenwartssprachliche Variation einiger formelhafter (Ir-)Regularitäten auch bei historischen Belegen anzutreffen? Mit anderen Worten: Existieren auch in älteren Sprachstufen morphosyntaktische Variationen, die man im gegenwärtigen Deutsch als sogenannte „Normvarianten“ bezeichnen würde?242

Die Stichprobe bestätigt die synchronen (Norm-)Variationen. Auch in formelhaften Wendungen des Althochdeutschen findet sich diese besondere Art der Variation. Es lassen sich fast ausschließlich Belege finden, in denen die Flexion des Adjektiv attributs oder die Stellung des Genitivattributs variieren. Darüber hinaus zeigt sich in zwei Wendungen eine besondere Genitivrektion. Im Folgenden wird genauer auf diese drei Typen eingegangen:

    Adjektivattribut: Ich möchte die formelhaften Wendungen der Heilige Geist und das Ewige Leben etwas genauer in Augenschein nehmen. Während sich vor allem im Isidor (Ende 8. Jahrhundert) einige Belege für die Nicht-Flexion des Adjektivs heilig finden lassen (sechs flektiert, vier unflektiert), tritt das Phraseonym in Otfrids Evangelienbuch (zweite Hälfte 9. Jahrhundert) und in den Schriften Notkers (erste Hälfte 11. Jahrhundert) (fast) ausschließlich in flektierter Form auf:243 ← 324 | 325 →

     Pateat ueteris | testamenti apicibus | patrem et filium et spiritum | sanctum esse deum | Araugit ist in dhes aldin | uuizssodes boohhum dhazs fater | endi sunu endi heilac gheist got | sii // Nhd. Übersetzung: Es ist in den Büchern des alten Gesetzes offenbart, dass Gott Vater und Sohn und heiliger Geist Gott ist. (Isidor (Hs. P), 7rb, 8)

     Ȩternuſ pater · ȩternuſ | filiuſ · ȩternuſ et ſpirituſ ſanctuſ · Êuuîg der fáter · êuuîg der ſun · êuuîg | der heîligo Geîſt · daz chit · ſine inicio · et ſine fine · // Nhd. Übersetzung: Ewig der Vater, ewig der Sohn und ewig der heilige Geist. Ewig der Vater, ewig der Sohn, ewig der heilige Geist, das heißt, ohne Anfang und ohne Ende. (Notker, Cantica, 571, 13)

     Zu althochdeutscher Zeit ist somit eine Varianz zwischen flektierter und unflektierter Form anzutreffen. Die Entwicklung zeigt jedoch, dass sich bereits zu Beginn des 11. Jahrhunderts die flektierte Form weitgehend durchgesetzt hat – insofern man aufgrund der geringen Beleganzahl, die sich primär aus der schlechten Quellenlage ergibt, überhaupt von empirisch validen Entwicklungstendenzen sprechen kann. Bei der formelhaften Wendung das Ewige Leben ist auffällig, dass nicht nur eine Varianz bezüglich der Adjektivflexion, sondern auch eine Varianz bezüglich der Stellung – voran- oder nachgestellt – zu beobachten ist. Beispielsweise treten im Heliand acht Belege mit Nachstellung gegenüber vier mit Voranstellung auf:244

     thit ik an erthu | ſcal geƀan endi giotan endi iu te | godeſ rike loſian mid minu licha|men an lif euuig // Nhd. Übersetzung: Dies werde ich auf Erden geben und vergießen und euch für Gottes Reich erlösen mit meinem Leib, in das ewige Leben. (Heliand, 131v, 21)

     opanodi im euuig lif that ſia | thena alouualdon mahtin ant ken|nian uuel craftigna // Er würde ihnen das ewige Leben eröffnen, dass sie den Allwaltenden erkennen könnten, den sehr Mächtigen. (Heliand, 102r, 2)

     Im Althochdeutschen ist also im Hinblick auf die Stellung des Adjektivattributs noch eine starke Varianz zu beobachten. Im gegenwartssprachlichen Deutsch ist die Alternative mit Nachstellung (?das Leben ewig) nicht (mehr) anzutreffen.

    Vorangestelltes Genitivattribut: Im Bereich der attributiven Genitivstellung gibt es in der HiFoS-Datenbank zum einen Wendungen, in denen fast ← 325 | 326 → durchgängig die Nachstellung realisiert ist, zum anderen aber auch Wendungen, die Variation aufweisen. Beispielsweise existiert kein einziger Beleg mit nachgestelltem Gottes in der Wendung Gottes Reich. In allen Belegstellen liegt die vorangestellte Form vor:

     Ait ad illum ihesus. | Nemo mittens manum suam | in aratrum. et aspiciens retro. | aptus est regno dei., tho quad imo ther heilant. | nioman sententi sina hant | in phluog inti uuidar scouuonti | ist gifuoglih gotes rihhe // Da sprach zu ihm der Heiland: „Keiner, der seine Hand an den Pflug legt und zurücksieht, ist geeignet für das Reich Gottes.“ (Tatian, 86, 10 Lc, Mt)

     Eine Wendung, in der Varianz anzutreffen ist, stellt das Wort Gottes dar. Während in beiden Tatian-Belegen das Genitivattribut vorangestellt ist, weisen die sieben Heliand-Belege ausschließlich Nachstellung auf:245

     Factum est autem | cum turbe inruerent in eum | ut audirent uerbum dei.’ Vuard thó gitan | mít thiu thie menigi ánafielun in inan | thaz sie gihórtin gotes uuort // Nhd. Übersetzung: Es geschah aber, als die Scharen ihn bedrängten, damit sie das Wort Gottes hören könnten, […] (Tatian, 55, 2 Lc Io)

     Thuo ſprac eft thie fruodo | man thie thar conſta filo mahlean · | Nigiƀu ik that tirada quathie rinco | nigenon that uuord godaſ uuendan | biginne // Nhd. Übersetzung: Da sprach wiederum der kluge Mann, der da viel sprechen konnte: „Ich rate das nicht“, sprach er, „keinem Mann, dass er das Wort Gottes zu verändern beginne.“ (Heliand, 10v, 11)

     Die Genitivstellung variiert auch in der Wendung das Kind Gottes, die fast ausschließlich bei Heliand verzeichnet ist. Insgesamt überwiegt die Nachstellung deutlich. Von 92 Belegen tritt das Genitivattribut 68mal postnominal auf:

     than | fuorun thar thia liudi tuo ƀ all | galilea land that godeſ barn ſehan // Nhd. Übersetzung: Dann kamen dahin die Leute von überall in das Land Galiläa, um das Gotteskind zu sehen. (Heliand, 74r, 7)

     So uuiſda hie thuo mid uuordon ſtuod | uuerod mikil umbi that barn godeſ | gihordun ina bibilithon filo umbi | theſaro uueroldeſ giuuand uuordon | telllian // Nhd. Übersetzung: So lehrte er da mit Worten, das große Volk stand um das Kind Gottes, sie hörten ihn mit Gleichnissen viel vom Ende dieser Welt mit Worten erzählen. (Heliand, 71r, 5)

     Es kann festgehalten werden, dass in Wendungen mit Gottes die Genitivstellung – aufgrund der nicht vorhandenen (außerphraseologischen) Normierung – erst recht in althochdeutscher Zeit variieren kann. Im ← 326 | 327 → Gegenwartsdeutsch zeigt sich diese Varianz ebenfalls noch, wie die Korpusauswertung der Wendungen in Gottes Hand (fallen/stehen/legen/liegen), in Gottes Namen und Gottes Wort bestätigt (siehe Kapitel 7.3.2).

    Genitivobjekt: Interessant sind ferner zwei Belege mit Genitivobjekt. In den beiden Wendungen jmdn. des Lebens berauben und jmdn. des Alters berauben zeigt sich die Genitivrektion des Verbs ahd. bilōsen, nhd. berauben (vgl. SCHÜTZEICHEL 1995: 201 und LERCHNER/SCHMID 2009: 1288):

     Sia uuegiat | mi te uundron uuapneſ eggion | biloſiat mi liſu ik te theſon liohte | ſcal thuru drohtineſ craft fon dode | aſtandan // Nhd. Übersetzung: Sie quälen mich aufs Höchste mit den Schneiden der Waffe, sie nehmen mir das Leben. Ich werde auf dieser Welt durch des Herren Macht vom Tode auferstehen. (Heliand, 99v, 7)

     Mi thunkit uuundar mikil | quat hie mari thioda gicunnun | manageſ giſceth hui gi that te | uuaron niuuitin uuerod iudeono | That hier ift betera rad barno gi|huilicon that man hier enna man | aldru biloſie // „Mich verwundert es sehr,“ sprach er, „berühmtes Volk, – ihr wisst über manches Bescheid –, wieso ihr in Wahrheit das nicht wisst, Volk der Juden, dass [es] hier ein besserer Rat für jeden Menschen ist, dass man einen Mann des Lebens beraube.“ (Heliand, 117v, 1)

     Berauben fordert zwar auch im Gegenwartsdeutsch eine (fakultative) Genitivergänzung, das Verb an sich ist aber stark auf juristische Kontexte beschränkt (vgl. KONOPKA 2013: 3). Die zwei (idiomatischen) Wendungen zeigen demnach für den heutigen allgemeinen Sprachgebrauch selten gewordene Genitivobjekte.246 Man könnte vermuten, dass jmdn. des Lebens berauben und jmdn. des Alters berauben keine aktuell gebräuchlichen Phraseme (mehr) sind. Sie sind weder im DUDEN (2008) noch im SCHEMANN (2011) verbucht. Eine Korpusabfrage zeigt jedoch, dass zumindest die Variante mit Leben auch heute noch vorkommt. Insgesamt finden sich im DEREKO 82 Belege, z. B.:

     (111)  Dent ist tot. Er ist ein Ex-Staatsanwalt. Er ist losgezogen, seinen Schöpfer zu treffen. Er ist nicht mehr. Er hat aufgehört, zu existieren. Dent hat die Hauptrolle ← 327 | 328 → eines Snuff-Filmes übernommen. Er ist eine Leiche, des Lebens beraubt. Er ruht in Frieden. (http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:The_Dark_Knight, 2011)

     Dieser Befund ist deshalb von Bedeutung, weil sich der Ursprung des Idioms bis ins Althochdeutsche zurückverfolgen lässt. Die besondere Genitivrektion ist innerhalb (und auch außerhalb) der Wendung über Jahrhunderte bewahrt geblieben.

Insgesamt lässt sich konstatieren: Die Belege der HiFoS-Datenbank verdeutlichen, dass auch zu althochdeutscher Zeit bei bestimmten Wendungen Variation von – aus heutiger Sicht247 – formelhaften (Ir-)Regularitäten bestehen.248 Die durch die Korpusanalyse offengelegte Variation, wie sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt bei einigen Wendungen auftritt, ist kein alleiniges Phänomen des Neuhochdeutschen. Die Tatsache, dass Wendungen, die im Althochdeutschen beispielsweise zwischen Flexion und Nicht-Flexion des Adjektivattributs variieren, im Gegenwartsdeutsch nur noch in „normgerechter“, flektierter Form auftreten (z. B. der Heilige Geist und das Ewige Leben), legen zumindest die Vermutung nahe, dass sich Wendungen, die sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt in einem Stadium der Varianz befinden, in naher Zukunft noch stärker in Richtung der außerphraseologischen Norm entwickeln werden (z. B. jmds. eigen/eigenes Fleisch und Blut und etw. wie sauer/saures Bier anbieten/anpreisen).

Es sollte jedoch keineswegs aus dem Blick geraten, dass eine nicht geringe Anzahl der gegenwartssprachlichen formelhaften (Ir-)Regularitäten der außerphraseologischen Entwicklung starken Widerstand leistet (z. B. auf gut Glück und auf (des) Messers Schneide stehen). Während sich auf der einen Seite also Wendungen mit der Zeit der Norm anpassen, bewahren andere die Besonderheiten auch über Jahrhunderte hinweg. Darüber hinaus werden angesichts des stetigen Wandels der Sprache – wie oben erwähnt – auch immer wieder neue formelhafte (Ir-)Regularitäten entstehen bzw. sich ganz neue Typen formelhafter ← 328 | 329 → (Ir-)Regularitäten herausbilden. Formelhafte (Ir-)Regularität ist somit ein konstitutives und vor allem epochenübergreifendes Phänomen formelhafter Sprache.

16.3  Synchrone Perspektive: Entstehung formelhafter (Ir-)Regularitäten durch kreativen oder „falschen“ Sprachgebrauch

16.3.1  Vorbemerkungen: Ad hoc gebildete formelhafte (Ir-)Regularitäten

Die bisherigen Forschungsansätze gehen überwiegend davon aus, dass formelhafte (Ir-)Regularitäten nur diachron, über einen längeren Zeitraum entstehen (können) in dem Sinne, dass sich der außerphraseologische Sprachgebrauch verändert, während im Phrasem bestimmte Erscheinungsformen erhalten bleiben. Dieser historischen Perspektive steht jedoch auch eine synchrone gegenüber. Formelhafte (Ir-)Regularitäten müssen nicht historisch gewachsene (Sprachwandel-)Produkte sein; auch „neue“ Phraseme können formelhaft (ir-)regulär sein.

Die Bedingung für ad hoc gebildete formelhafte (Ir-)Regularitäten ist, dass die neugebildete Wortverbindung in irgendeiner Weise von der außerformelhaften Norm abweicht und sich durch Lexikalisierungsprozesse zu einer festen Wendung entwickelt. Hierbei spielt vor allem kreativer, aber auch ungrammatischer Sprachgebrauch eine besondere Rolle, wie er beispielsweise in der Jugendsprache, der Werbesprache und bei (ungrammatischen) Zitaten von Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, auftritt. Darüber hinaus können neue formelhaft (ir-)reguläre Wendungen auch dadurch entstehen, dass auf bestehende Modelle zurückgegriffen wird.

16.3.2  Kreativer Sprachgebrauch: Jugendsprache und Werbesprache

Ein Charakteristikum von Jugendsprache ist der kreativ-spielerische Umgang mit Sprache, der sich vor allem in (Wort-)Neubildungen ausdrückt (vgl. ELSEN 2013: 140–142). Neben einfachen monolexikalischen Einheiten weist die Jugendsprache auch eine hohe Produktivität an polylexikalischen Verbindungen auf (siehe ANDROUTSOPOULOS 1998: Kapitel 3). Hierbei entstehen neben strukturell unauffälligen Phrasemen auch formelhaft (ir-)reguläre. So verweist HÄCKI BUHOFER (1998: 162) auf die unikale Komponente Flatter innerhalb der jugendsprachlichen Wendung eine Flatter machen. Ebenfalls jugendsprachlichen Ursprungs ist das unikale Kompositum Flattermann in dem Phrasem den Flattermann kriegen/machen (vgl. ANDROUTSOPOULOS 1998: 332). ← 329 | 330 →

Neben Unikalia finden sich auch jugendsprachliche Modellbildungen mit Artikel(ir)regularität. Beispielsweise treten die Substantive in X[Nomen] machen (z. B. Party machen) und X[Nomen] ist Y[Nomen] (z. B. Sport ist Mord) für gewöhnlich ohne Artikel auf (ANDROUTSOPOULOS 1998: 231f. sowie 268–270). Zudem bedienen sich Jugendliche bei der Schöpfung von Wortverbindungen referenzloser Pronomina. Als Beispiel führt ANDROUTSOPOULOS (1998: 237) jmdm. einen reindrücken an. Eine auch in der Jugendsprache häufig anzutreffende Modellbildung stellt es/das ist zum X[Infinitiv] dar (vgl. ANDROUTSOPOULOS 1998: 253–255).249 Auffällig an dieser Modellbildung ist, dass in die Leerstelle ad hoc gebildete bzw. okkasionelle unikale Komponenten eingesetzt werden (können). Dieses Potenzial ist nicht nur auf jugendsprachliche Realisierungsformen beschränkt, sondern auch im allgemeinen Sprachgebrauch anzutreffen (vgl. FORGÁCS 2004a: 120f.). Im DEREKO finden sich u. a. folgende Beispiele (siehe Übersicht 16–3):

Übersicht 16-3:  Realisierungsformen der Modellbildung es/das ist zum X[Infinitiv]

es/das ist zumArmausreissen, Atemnotkriegen, Brennesselfressen, Einstrampeln, Gänsehautkriegen, Haareraufen, In-den-Hörer-beißen, In-den-Tisch-Beissen, Klaustrophobieren, Knochenkotzen, Lachtränenregnen, Lottoschein-Zerraufen, Mäusemelken, Narrischwerden, Nasezuhalten, Schamrotwerden, Selberlabern, Verrücktwerden, Vollmond-Anheulen, Wände-Hochgehen, Zerkugeln
 

Die eingesetzten Elemente sind fast ausschließlich Konversionen, die aus einer Wortgruppe zusammengebildet werden (z. B. den Vollmond anheulen image es/das ist zum Vollmond-Anheulen oder den Lottoschein zerraufen image es/das ist zum Lottoschein-Zerraufen). Sie besitzen unikalen Charakter, da sie nur innerhalb dieser Konstruktion in einer bestimmten Kommunikationssituation gebildet werden, es also unwahrscheinlich ist, dass sie auch eigenständig im freien Sprachgebrauch auftreten. Auffällig ist zudem, dass einige ad hoc gebildeten Unikalia selbst einem Phrasem als dephraseologisches Wortbildungsprodukt entspringen (z. B. Gänsehaut kriegen image es/das ist zum Gänsehautkriegen oder sich die Haare raufen image es/das ist zum Haareraufen). Die Modellbildung macht eines deutlich: Unikalia sind bei weitem nicht nur Historismen (z. B. etw. auf dem Kerbholz haben), Archaismen (z. B. keinen Hehl aus etw. machen) oder syntagmatisch stark eingeschränkte Wörter (z. B. aus Platzgründen). Sie können auch okkasionell mithilfe eines zugrundeliegenden Konstruktionsmusters ← 330 | 331 → gebildet werden, ohne dass sie sich innerhalb einer festen Mehrwortverbindung lexikalisieren müssen.

Innerhalb der Werbesprache „werden grammatische Formverstöße vor allem eingesetzt, um eine auffällige Werbung zu gestalten, die im Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit des Publikums erfolgreich ist“ (JANICH 2000: 10). „[D]as absichtliche Brechen von Regeln und Überschreiten von Grenzen“ (JANICH 2004: 74) kann als werbespezifische „Gestaltungstechnik“ (ebd.) angesehen werden. „Verfremdung in der Werbung“ (JANICH 2004: 76) in Form grammatischer Abweichungen ist auf nahezu allen Sprachsystemebenen anzutreffen. Grammatische Verstöße werden dabei vor allem in Schlagzeilen und Slogans eingebaut (vgl. KRISCHKE 2012: 102).250 Aufgrund der (un-)grammatikalischen Auffälligkeit sind solche Werbesprüche prädestiniert, in Form von geflügelten Worten Eingang in den Sprachgebrauch zu erhalten (vgl. HERMANNS 2007: 462f.).251 Bei diesen handelt es sich somit nicht um formelhafte (Ir-)Regularitäten, die durch diachrone Sprachwandelprozesse entstanden sind, sondern um vollkommen neue und ad hoc gebildete formelhaft (ir-)reguläre Phraseme. Ein Beispiel ist der Ende der 1990er Jahre von Verona Pooth (Feldbusch) geprägte Slogan Da werden Sie geholfen, der eine ungrammatische Passivform aufweist:252

Der Konstruktion Da werden Sie geholfen liegt die Anwendung der Passivierungsregel für transitive Verben auf ein intransitives Verb zugrunde. Auf diese Weise wird das Dativobjekt von helfen im Aktiv (Da hilft man Ihnen) analog dem Muster semantisch ähnlicher transitiver Verben wie unterstützen oder betreuen in ein passivisches Subjekt konvertiert, statt korrekterweise im Dativ zu verbleiben (Da wird Ihnen geholfen). Es handelt sich also um die systemfremde Anwendung einer systemkonformen Regel. (KRISCHKE 2012: 110)

JANICH (2001: 74) macht darauf aufmerksam, „dass dieser Satz häufig quasi als witziges Zitat verwendet wird“. Für einen gewissen Verfestigungsgrad spricht, dass der Slogan nicht nur als Zitat wortwörtlich und häufig mit Anführungszeichen, sondern auch bereits kurz nach seiner Entstehung als modifizierte Form in anderen Kontexten gebraucht wird (vgl. KRISCHKE 2012: 122–124) (siehe Übersicht 16–4). Der Slogan findet also „durchaus in gleicher Weise wie geflügelte Worte in der Alltagssprache Verwendung“ (JANICH 2007: 234): ← 331 | 332 →

Übersicht 16-4:  Modifikationen des geflügelten Wortes da werden Sie geholfen

da/hier werden Sieberaten, empfohlen, geflogen, gelaufen, gemolken, geparkt, gerädert, übergeholfen, veralbert, vermessen, ausgewertet und geholfen, verliebt, verschuldet
 

Neben der Substitution (geholfen wird durch ein anderes Partizip ersetzt) existieren noch weitere Abwandlungen.253 So findet sich in der Überschrift für einen Erfahrungsbericht über einen Internetanbieter die Modifikation Da werden Sie garantiert nicht geholfen.254 Durch das Hinzufügen von garantiert nicht liegt eine Expansion vor, die semantisch die Aussage ins Gegenteil verkehrt (nicht), wobei die Verneinung nochmals verstärkt wird (garantiert). Innerhalb eines äußerst kurzen Zeitraums entwickelt sich der Werbeslogan Da werden Sie geholfen also über ein Zitat bis hin zu einem geflügelten Wort, das durch seine explizite Anknüpfung an den Kontext (da) eine feste Phrase darstellt:

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Als zweites Beispiel kann der Slogan Deutschlands meiste Kreditkarte (Eurocard, heute Mastercard) angeführt werden. Dieser ist „irgendwie sprachlich nicht korrekt“ (HUNDT 2000: 1). Die „Ungrammatikalität“ liegt hierbei in der „Verwendungsrestriktion von meist in Verbindung mit Nomina continuativa und Nomina appellativa (wie Kreditkarte)“ (HUNDT 2000: 2).255 Auch diesem Slogan kann ein formelhafter Status zugesprochen werden. Beispielsweise finden sich ← 332 | 333 → modifizierte Formen, in denen Kreditkarte durch andere Substantive ersetzt und aus dem ursprünglichen (werbesprachlichen) Kontext herausgelöst wird. Es lässt sich also auch hier eine Art Modellbildung nach dem formelhaft (ir-)regulären Muster Deutschlands meiste X[Nomen] feststellen:256

Übersicht 16-5:  Modifikationen des geflügelten Wortes Deutschlands meiste Kreditkarte

Deutschlands meisteBand der Welt, Buchtrailer, Coverband, Frage, Homepage, Millionäre, Moppeds, Photovoltaikanlagen, Punkband, Schwäne, Sonnenstunden, Suchmaschine, Zustelladresse
 

Auch der IKEA-Slogan Wohnst du noch oder lebst du schon? dient als Quelle einer formelhaft (ir-)regulären Wendung, indem er eine Valenz(ir)regularität aufweist. Das Verb wohnen ist normalerweise zweiwertig. Es fordert eine Nominativergänzung und eine (lokale) Adverbialergänzung (Wer wohnt wo?) (vgl. SCHUMACHER u. a. 2004: 851), wobei innerhalb des Slogans lediglich die Nominativergänzung realisiert ist. Die Valenz des Verbs innerhalb des Slogans weicht somit von der Valenz des freien Verbs ab.257 Dies kann anhand von Valenzstemmata verdeutlicht werden:

a) Wohnst du (noch oder lebst du schon)?

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b) Wohnst du in Trier?

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Dass es sich bei dem Slogan um ein geflügeltes Wort (und somit um ein Phrasem) handelt, wird bei einer Korpusabfrage deutlich. Es liegen nicht nur zahlreiche Modifikationen vor, der ursprüngliche Slogan hat sich darüber hinaus zu einer äußerst produktiven Modellbildung entwickelt. Lediglich die grammatische Verknüpfung der zweigliedrigen Struktur in Form der Konjunktion oder sowie die beiden Adverbien noch und schon sind lexikalisch fest. Die übrigen Elemente, sprich die beiden Verbstellen und die Pronominalstellen können beliebig ausgefüllt werden, wobei in den meisten Fällen das Pronomen du beibehalten wird. Das abstrakte Muster lässt sich wie folgt darstellen: X[Verb] Y[Pronomen] noch oder Z[Verb] Y[Pronomen] schon? Aus semantischer Sicht besitzt – zumindest innerhalb dieser speziellen Modellbildung – die zweite Verbstelle in der Regel eine positivere Konnotation als die erste, mit der sie in gewisser Weise in einem Gegensatz steht. U. a. lassen sich folgende konkrete Realisierungsformen finden:

Erprobt ihr noch oder endlagert ihr schon? Fahren wir noch oder fliegen wir schon? Fluchst du noch oder protestierst du schon? Gehen Sie noch oder radeln Sie schon? Glaubst du noch oder denkst du schon? Hartzt du noch oder lebst du schon? Heulst du noch oder hilfst du schon? Lebe ich noch, oder vegetiere ich schon? Lernst du noch oder googelst du schon? Liest du noch oder kindlest du schon? Schläfst du noch oder träumst du schon? Hörst du noch oder verstehst du schon? Schmückst Du noch oder feierst Du schon? Suchen Sie noch oder wohnen Sie schon? Trinkst du noch oder säufst du schon? Üben sie noch oder regieren sie schon? Vernetzen Sie noch oder integrieren sie schon? Wählst du noch oder panaschierst du schon? Wirst du noch oder bist du schon?

Insgesamt kann festgehalten werden, dass sich intentional ungrammatische Slogans der Werbesprache zu geflügelten Worten und somit zu Phrasemen verfestigen können. Durch ihre von der „Kerngrammatik“ abweichende Struktur stellen sie letztlich nichts anderes als formelhafte (Ir-)Regularitäten dar.258

16.3.3  „Falscher“ Sprachgebrauch: Sich verfestigende (ungrammatische) Aussagen

Neben der Werbe- und Jugendsprache kann ein weiterer Bereich genannt werden, der als Ausgangspunkt für synchron entstehende formelhafte (Ir-)Regularitäten fungiert: ungrammatische Aussagen von in der Öffentlichkeit stehenden ← 334 | 335 → Personen, die sich zu formelhaften Wendungen verfestigen.259 Das berühmteste Beispiel für einen solchen Phraseologisierungsprozess ist sicherlich „der rhetorische Wutausbruch“ (HOFFMANN 1998: 134) vom damaligen Bayerntrainer Giovanni Trapattoni in einer Pressekonferenz vom 10. März 1998, in der er seinen Unmut über seine Mannschaft kundtut.260 Die Rede ist einerseits wegen ihrer starken Emotionalität besonders und andererseits, weil ihr „einige grammatische Nuancen fehlen“ (HOFFMANN 1998: 136). In Erinnerung geblieben sind in erster Linie drei Aussagen, die sich in der Folgezeit wohl gerade auch aufgrund ihrer grammatischen Auffälligkeit zu festen Wortverbindungen entwickelt haben: „diese Spieler […] waren schwach wie eine Flasche leer“, „Was erlaube Str[u:]nz?“ und „Ich habe fertig.“.261 ← 335 | 336 →

Die aus seiner Sicht enttäuschende Leistung der Spieler drückt Trapattoni mit einem Vergleich aus: Seine Spieler seien „schwach wie eine Flasche leer“. Das Markante und Auffällige an dieser Aussage ist neben dem ungewöhnlichen, im Deutschen nicht usualisierten Vergleich die Nachstellung des Adjektivattributs leer. Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz liegt noch keine formelhafte (Ir-)Regularität vor, sondern zunächst einmal eine grammatisch „fehlerhafte“ Aussage. Erst im Laufe der Zeit entwickelt sich der Vergleich zu einer formelhaften Wendung, die auch Gegenstand zahlreicher Modifikationen ist. Beispielsweise finden sich Belege, in denen die Komponente leer durch ihr Antonym voll ersetzt und die Aussage somit ins Positive umgewandelt wird („Stark, wie eine Flasche voll“).262 Aber auch das Adjektiv schwach kann durch andere – negativ konnotierte – ersetzt werden („Hässlich wie Flasche leer“? Fans streiten über neues rotblaues Trikot des FC Bayern).263 Die Prädikativkonstruktion schwach sein lässt sich durch gewöhnliche Prädikate substituieren wie in:

     (112)  Schumi fährt wie Flasche leer! Der Rekord-Champion startet heute nur von Platz 17 Hamilton steht auf Pole, Vettel Dritter, Rosberg 13. (Hamburger Morgenpost, 29.07.2012)

Auf Twitter postet die Uni Regensburg folgende Nachricht mit entsprechendem Bild: „Nicht Flasche leer, sondern Lesesaal leer!“.264 Die Modifikation liegt in diesem Fall in der Reduktion von Elementen (schwach sein wie eine) und in dem Hinzufügen der Negation nicht. Zudem folgt Flasche leer eine weitere Nominalphrase mit nachgestelltem Adjektivattribut (Lesesaal leer). Auch das Substantiv kann von Modifikationen betroffen sein. So findet sich in einem Bericht über die Tätigkeit Trapattonis als offizieller Trainer einer vatikanischen Fußballmannschaft folgende Umwandlung: „Diese Spieler waren schwach wie eine Taufbecken leer“.265 Am häufigsten wird jedoch schwach bzw. schwach sein in Form von Substitutionen modifiziert. Übersicht 16–6 zeigt eine Auswahl: ← 336 | 337 →

Übersicht 16-6:  Modifikationen des geflügelten Wortes schwach (sein) wie (eine) Flasche leer

blöd sein, fahren, freistehen, fühlen, hässlich sein, leben, reden, regieren, sich präsentieren, singen, spielen, sprechen, trainieren, wirkenwie (eine) Flasche leer
 

Insgesamt entwickelt sich der ad hoc, innerhalb der Pressekonferenz geäußerte Vergleich zunächst zu einem Zitat. Der Zitatstatus ist daran erkennbar, dass die Aussage von den Medien aufgegriffen wird und diese Übernahme in den meisten Fällen wortwörtlich mit Verweis auf Trapattoni und mit Kennzeichnung durch Anführungszeichen erfolgt. In einem letzten Schritt erfolgt dann – aufgrund der Kontextloslösung und der Modifikationen – der Übergang zu einer formelhaft (ir-)regulären Wendung, die als komparatives geflügeltes Wort charakterisiert werden kann. Die Entwicklung gestaltet sich demnach wie folgt:

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Besonders auffällig an Trapattonis Rede ist auch „die Fokussierung des Spielers Strunz“ (HOFFMANN 1998: 135). Weil dieser laut Trapattoni immer verletzt gewesen sei und daher kaum Spiele für seinen Arbeitgeber bestreiten konnte, stellt der Trainer die Frage: „Was erlaube Str[u:]nz?“ Neben dem aus phonetischer Sicht außergewöhnlich stark in die Länge gezogenen Vokal findet sich die grammatikalische Besonderheit in der „falschen“ Flexion des Verbs und des Nicht-Vorhandenseins des obligatorischen Reflexivpronomens. Auch diese Frage hat sich mit der Zeit von einer spontanen Aussage über ein Zitat bis hin zu einem geflügelten Wort entwickelt. Google-Abfragen zeigen, dass es sich hierbei sogar um eine modellartige Wendung handelt, da die Nominalstelle, die ursprünglich an den Spieler Strunz gebunden ist, beliebig besetzt werden kann. Übersicht 16–7 zeigt exemplarisch einige konkrete Realisierungsformen der abstrakteren Modellbildung Was erlaube(n) X[Nomen]?: ← 337 | 338 →

Übersicht 16-7:  Realisierungsformen der Modellbildung Was erlaube(n) X[Nomen]?

was erlaube(n)Arsenal? Asien? August? Außerirdische? Benedikt? Berlusconi? Brüssel? CDU? chip.de? Cloppenburger Polizei? Deutsche Bahn? Deutschland? DHL? Diouf? Domenicali? Dr. Frank Oberbrunner? Erdogan? Gericht? Glos? Gogia? Google? Gottschalk? Götze? Groundspeak? Heynckes? Heri Weber? Highstreet? Hildebrand? Hofer? Immobile? Jobcenter? Karlsruhe? Koalition? Künast? Lanz? Lederhosen? Leica? Magath? Malta? N24? Netzer? Ott? Papandreou? Pink? Pofalla? Sammer? Schäuble? Schröder? Schweiz? Snowden? Spatafora? SPD? Spieler? Steinbrück? Telekom? Toni? Trapattoni? van Gaal? van Persie? Vermeulen? Völler? Webber? Weimar? Wowereit? Wulff? Zalando? Zamperoni? Zeit?
 

Den Weg von einem ad hoc geäußerten Redebeitrag über ein in der Presse gekennzeichnetes Zitat bis hin zu einem (ir-)regulären und modellartigen geflügelten Wort hat auch der von Trapattoni am Ende der Pressekonferenz als Schlussformel verwendete Satz „Ich habe fertig“ bestritten (vgl. MARTYN 2004: 398). Formelhaft (ir-)regulär ist hier die grammatikalisch inkorrekte Verwendung von „haben + Adjektiv“ anstatt „Kopulaverb + Adjektiv“ (Ich bin fertig). Während das Verb haben und das Adjektiv fertig lexikalisch fest sind, können statt des Pronomens Ich beliebige als Subjekt fungierende Nominalphrasen eingesetzt werden, weshalb hier nicht mehr nur von okkasioneller Modifikation, sondern von einer strukturellen Leerstelle gesprochen werden kann. Das abstrakte Muster lautet demnach X[(Pro-)Nomen] hat/(haben) fertig(!). In Übersicht 16–8 sind authentische Auffüllungen erfasst:

Übersicht 16-8:  Realisierungsformen der Modellbildung X[(Pro-)Nomen] hat/(haben) fertig(!)

Abizeps 2014, Alexis Sanchez, Altgemshorn, Angelika, Apple, Berlusconi, Brasilien, Carla Bruni, Charline, Christian Wulff, Claus, Das Baustellen-Blog, Dax, Der alte Bieresel, Der Feminismus, Deutschland, Die Chefin, Die erfolgreichste Spielkonsole aller Zeiten, Die FDP, Die Fünfte, Die Internet-Kommission des Bundestags, Diese Linke, Dieter Bohlen, Dieter Nuhr, Facebook, Frank, Geschäft, Immota, Italiener, Kahn, Kampa, Kind, Kreuzer, Laurenz Meyer, Löw, Mainstream, Manfred Knecht, Merkel, Miro, München, Petrus, Röttgen, Russland, Sarah Finke, Schoholtensen, Slomka, Steinbrück, Toralf Schnur, Trapattoni, Übungsleiter Hans Bruch, USA, Völler, Vorsitzender, Wirtschaft der USA, Wowereithat/(haben) fertig ← 338 | 339 →
 

Insgesamt sieht die Entwicklung der beiden (ungrammatischen) Aussagen Was erlaube Str[u:]nz? und Ich habe fertig! wie folgt aus:

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Die auf die grammatisch nicht immer durchgängig korrekte Rede von Trapattoni zurückgehende Herausbildung dreier formelhaft (ir-)regulärer Wendungen ist ein Beweis dafür, dass auch spontane Äußerungen als Ursprung für formelhafte (Ir-)Regularitäten fungieren können. Grundvoraussetzung ist hierbei, dass die entsprechenden (ungrammatischen) Aussagen einer breiten Öffentlichkeit (vor allem durch die Medien) zugänglich sind, sie somit eine weite Verbreitung finden und sich dadurch in den Köpfen der Sprecher als feste Wortverbindungen verankern.

16.3.4  Weitere Beispiele ad hoc gebildeter formelhafter (Ir-)Regularitäten

Es existieren noch weitere formelhafte (Ir-)Regularitäten, die gewissermaßen ad hoc zu einem synchronen Zeitpunkt entstehen, während sich der außerphraseologische Sprachgebrauch schon längst gewandelt hat, die sich aber nicht (primär) auf der Grundlage von jugend- bzw. werbesprachlicher Kreativität oder ungrammatischen Aussagen herausbilden. Eine wichtige Rolle spielen dabei – wie in den vorherigen Kapiteln schon mehrfach an Beispielen aufgezeigt – Konstruktionsmodelle:

    Unikalia: Nicht alle Unikalia sind sprachliche Relikte, auch durch synchrone Prozesse können diese entstehen (vgl. FORGÁCS 2004a: 125). So führt FORGÁCS (2004a: 117) für das Ungarische „neuerdings entstandene Beispiele aus dem ungarischen Slang“ an. FORGÁCS (2004a: 120) spricht dabei explizit von „okkasionelle[n] Ad-hoc-Bildungen“. Auch für das Deutsche lassen sich solche finden. Betrachtet man die von SCHREIBER u. a. (2012: 20–22) zusammengestellte Liste mit „potentiellen phraseologischen Neologismen“, kann folgenden Elementen ein gewisser (gradueller) Unikalia-Status zugesprochen werden: fast einen Herzkasper kriegen, nicht ganz richtig im Hinterstübchen sein, vom Lemmes gepickt sein, (Na dann) prost Nägeli!, Riemen- und Dollenbruch, Sabbelwasser getrunken haben, auf Trallafitti gehen, durch den/in Tüdel kommen, Er/sie (/du) kann(st) nicht mal am Tüffel tuten!, Holla ← 339 | 340 → die Waldfee!, den Zonk ziehen und auf den Zwutsch/Swutsch gehen. Die Besonderheit dieser Wörter liegt vor allem darin, dass sie keine sogenannten Historismen oder Archaismen sind. Ihre Entstehung ist nicht auf diachronen Wortschatzwandel, sprich das „Aussterben“ von Lexemen zurückzuführen. Dies bringt vor allem eine entscheidende Erkenntnis mit sich: Dadurch, dass „die Zahl der Ad-hoc-Bildungen nahezu unbegrenzt [ist], […] können [sie] zu jeder Zeit entstehen, und wenn sie eine entsprechend hohe Frequenz im Sprachgebrauch erreichen, können sie als unikale Lexeme Bestandteil einer Sprache werden“ (FORGÁCS 2004a: 125). Der Bestand an Unikalia erfährt demzufolge stets eine Erweiterung, da phraseologisch gebundene Komponenten nicht nur aus veraltetem Lexemmaterial, sondern auch aus okkasionellen Ad-hoc-Konstruktionen hervorgehen können.

    Unflektierte sowie nachgestellte Adjektivattribute: Als Beispiel für eine „Neubildung“ (SPIEKERMANN/STOLTENBURG 2006: 339) mit unflektiertem Adjektivattribut kann die Phrasem-Konstruktion lecker X[Nomen] angeführt werden, die in Kapitel 6.5.1 ausführlich thematisiert wird. Nachweisen lässt sich diese auch in der Jugendsprache und daraus resultierend in werbesprachlichen Kontexten, die gezielt auf jugendsprachliche Erscheinungsformen setzen (vgl. STOLTENBURG 2008: 150). Neuere Wendungen mit nachgestelltem Adjektivattribut sind die Modellbildungen X[Nomen] pur/satt/ brutal (siehe Kapitel 6.5.2). Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich neben den frequenten Adjektiven pur, satt und brutal in Zukunft weitere einreihen, die innerhalb der Konstruktion nachgestellt werden.266

    Artikel(ir)regularität: Wie bereits in Kapitel 10.3 gezeigt, existieren nicht wenige artikellose Konstruktionsmodelle. Durch diese besteht das Potenzial für die synchrone okkasionelle Schöpfung von Phrasemen mit Nullartikel. Hierzu zählt beispielsweise die Modellbildung auf X[Nomen] sein, die zahlreichen neuen Wendungen zugrunde liegt (z. B. auf Arbeit sein, auf Tournee sein, auf Sendung sein und auf Bewährung sein), oder nach Funktionsverbgefüge-Mustern gebildete Wortverbindungen wie Vertrag haben (siehe Kapitel 10.5.1). Auch in der Neologismen-Liste von SCHREIBER u. a. (2012: 20–22) finden sich zwei for-melhafte Wendungen mit Artikel(ir)regularität: zum einen das ebenfalls nach dem Muster auf X[Nomen] sein gebildete Phrasem auf Zinne sein und zum anderen die satzförmige Wendung Privat geht vor Katastrophe. Darüber hinaus stellt ← 340 | 341 → X[(Pro-)Nomen] können Y[Nomen] eine neuartige, synchron entstandene und sich verbreitende Konstruktion dar (siehe Kapitel 10.5.2 sowie STUMPF 2015). Insgesamt sind bei weitem nicht alle Wendungen mit Artikel(ir)regularität veraltete, tradierte Wortverbindungen; der Nullartikel kommt vielmehr durch das Vorhandensein bestimmter artikelloser Modelle zustande, nach denen diese – selbstverständlich auch in Zukunft – (ad hoc) gebildet werden (können).

    Pronomen(ir)regularität: Was für Artikel(ir)regularitäten gilt, gilt auch für Pronomen(ir)regularitäten. Zur Bildung neuer Phraseme, in denen Pronomina ohne Bezug zum Kontext auftreten, kann auf vorgeprägte Muster zurückgegriffen werden (siehe Kapitel 12.3.5). Die entscheidende Motivation bei der okkasionellen Schaffung solcher Phraseme liegt in der Verhüllung von Tabubereichen. Beispielsweise greifen (insbesondere jugendliche) Sprecher auf solche Konstruktionen zurück, wenn es darum geht, nicht legalen Konsum von Cannabis (einen rauchen/schmöken/kiffen/dampfen/quarzen/buffen/harzen/knispeln/pofen/etc.) oder auch sexuelle (Selbst-)Befriedigung zu verbalisieren (jmdm./sich einen hobeln/keulen/kloppen/reiben/rubbeln/schrubben/scheuern/schleudern/wichsen/etc.).

    Valenz(ir)regularität: Aufgrund nicht vorhersehbarer Idiomatisierungsprozesse können sich Valenzabweichungen auch synchron herausbilden. Bei SCHREIBER u. a. (2012: 20–22) finden sich beispielsweise die beiden neuartigen Phraseme jmdm. ein Kotelett an die Backe labern/schwatzen/quatschen/sabbeln und jmdm. geht der Stift. Während sich bei der ersten Wendung die intern fixierte Komponente an die Backe nicht durch die freie Valenz der „Sprech“–Verben labern, schwatzen, quatschen, sabbeln erklären lässt, ist es in der zweiten Wendung die Dativleerstelle, die mit der Verbvalenz von gehen nicht in Einklang gebracht werden kann. Phraseologische Valenzbesonderheiten sind somit nicht immer auf diachrone Rektionsveränderungen des Verbs zurückzuführen, sondern können auch – mehr oder weniger ad hoc – durch kreativen Sprachgebrauch und die ungewöhnliche phraseologische Verwendung von Verben entstehen.

    Apokope: Auch die Entstehung neuer Phraseme mit e-Apokope ist nicht ungewöhnlich. Im Korpus von SCHREIBER u. a. (2012: 20–22) liegen zwei Fälle potenzieller Neologismen mit apokopiertem Endvokal vor. Zum einen die apokopierte Form von Käse in der Wendung Egal ist ein Handkäs, der stinkt von allen/beiden Seiten! und zum anderen die schon bei anderen Wendungen auftretende Apokope des Wortes Katze in rubbel die Katz.

    Phraseonyme: Dass Phraseonyme ein vorwiegend synchrones Phänomen darstellen, entspringt der Tatsache, dass aus dem Auftreten neuer außer ← 341 | 342 → sprachlicher Entitäten zwangsläufig auch eine Benennungsnotwendigkeit resultiert. Handelt es sich bei diesen Entitäten um mehrgliedrige Eigennamen, ist die orthografische Kennzeichnung nicht-nominaler Komponenten durch die Majuskelsetzung obligatorisch und kann als phraseologische Besonderheit betrachtet werden. Ein relativ neues onymisches Phrasem stellt beispielsweise Islamischer Staat (IS) zur Bezeichnung einer islamistischen dschihadistisch-salafistischen Terrororganisation dar.

Insgesamt lässt sich konstatieren, dass auf synchroner Ebene formelhafte (Ir-) Regularitäten auf zwei Arten entstehen können: zum einen durch bereits vorhandene Konstruktionsmuster, wobei die Modellhaftigkeit als Ressource zur Erzeugung neuer formelhafter (Ir-)Regularitäten angesehen werden kann, und zum anderen durch kreativen oder „falschen“ Sprachgebrauch, wie er beispielsweise in der Jugend- oder Werbesprache vorzufinden ist. Entscheidend ist bei solchen Erscheinungsformen, dass sie sich nicht in einem über Jahrhunderte erstreckenden Sprachwandelprozess herausbilden, sondern sich mehr oder weniger synchron innerhalb eines äußerst kurzen Zeitraums etablieren. Sie entstehen nicht, weil sich der außerphraseologische Sprachgebrauch wandelt, sondern weil sie bereits bei ihrer Schöpfung dem außerphraseologischen Sprachgebrauch widersprechen und somit ohne diachrone/historische „Umwege“ normwidrige Wortverbindungen sind.

Angesichts der zahlreichen exemplarisch aufgezeigten Wendungen und der breiten Streuung ihres Vorkommens sind synchron und ad hoc entstandene Phraseme mit formelhaften (Ir-)Regularitäten keine Einzel- bzw. Sonderfälle. Neben der historisch bedingten, auf diachrone Wandlungsprozesse zurückgehenden Entstehung sollte mindestens in gleichem Maße die Synchronie als Quelle dieses Phänomens berücksichtigt werden.

16.4  Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Sprachwandeltheorien

16.4.1  „Unsichtbare Hand“-Theorie: Formelhafte (Ir-)Regularitäten als Invisible-hand-Prozesse

Ebenso wie es KELLER (2003) für natürliche Sprachen und Sprachwandelprozesse annimmt, handelt es sich auch bei formelhaften (Ir-)Regularitäten um ein „Phänomen der dritten Art“, dessen Entstehung mithilfe der „Unsichtbaren Hand“-Theorie erklärt werden kann.267 Formelhafte (Ir-)Regularitäten sind ← 342 | 343 → weder Naturphänomene noch reine Artefakte, sprich vom Menschen intentional und geplant hervorgebrachte Entitäten (vgl. KELLER 2009: 16). Sie stellen vielmehr ein Phänomen der dritten Art dar, also „Dinge, die Ergebnisse menschlicher Handlungen, nicht aber Ziel ihrer Intentionen sind“ (KELLER 2003: 84). Entscheidend ist hierbei, dass Phänomene der dritten Art aus zwei Bereichen bestehen, einem Mikrobereich und einem Makrobereich: Während der Mikrobereich die Individuen bzw. deren Handlungen erfasst, die das Phänomen her-vorrufen, bildet der Makrobereich die durch den Mikrobereich erzeugte Struktur (vgl. KELLER 2003: 93).

Zwischen diesen beiden Ebenen setzt die sogenannte „Unsichtbare Hand“-Theorie an, deren Ziel es ist, Prozesse sichtbar zu machen, die ablaufen, ohne dass Menschen diese beabsichtigen, die sozusagen wie von einer „unsichtbaren Hand“ geleitet werden (vgl. KELLER 2003: 96). Auch bei formelhaften (Ir-)Regularitäten handelt es sich um sprachliche Erscheinungen, die durch Menschen hervorgebracht werden, deren Entstehung von Menschen jedoch nicht intendiert ist. Mit anderen Worten: Niemand besitzt die Absicht, eine formelhafte Wendung „in Umlauf zu bringen“, die in irgendeiner Weise vom außerphraseologischen Sprachgebrauch abweicht. Formelhafte (Ir-)Regularitäten sind somit „Epiphänomene konkreter sozialer Interaktionsprozesse“ (ZIEM 2009b: 176).

Übersicht 16-9:  Invisible-hand-Prozess diachron entstehender formelhafter (Ir-)Regularitäten: in Teufels Küche kommen/geraten

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Mit der Invisible-hand-Erklärung liegt eine Theorie vor, die der Herausbildung formelhaft (ir-)regulärer Wendungen einen (sprachwandel-)theoretischen Rahmen verleiht. In Übersicht 16–9 ist ein Entstehungsprozess formelhafter ← 343 | 344 → (Ir-)Regularitäten mithilfe eines Invisible-hand-Schemas skizziert. Die bei einer Invisible-hand-Erklärung im Idealfall vorliegenden drei Stufen lassen sich auch bei formelhaften (Ir-)Regularitäten beobachten:

1)  (Handlungs-)Motive der Sprecher: Die erste Stufe stellt die oben erwähnte Mikroebene dar. Hierbei geht es um die Beschreibung der Motive, Intentionen, Ziele, Überzeugungen etc., auf denen die Handlungen der Individuen, die an der Hervorbringung formelhafter (Ir-)Regularitäten teilhaben, basieren (vgl. KELLER 2003: 99). Grundlegende Motivation ist die erfolgreiche Kommunikation, die sich in der Maxime „Rede so, wie du denkst, dass der andere reden würde, wenn er an deiner Statt wäre“ niederschlägt (vgl. KELLER 2003: 137).268 Damit uns unser Gegenüber versteht, verwenden wir auf Konventionen fußende sprachliche (Mehrwort-)Ausdrücke. Hierzu zählt auch der Gebrauch von festen Wortverbindungen in ihrer standardisierten, usualisierten Nennform; beispielsweise die Verwendung des Phrasems in Teufels Küche kommen/geraten in einer Zeit, als die Voranstellung von Genitivattributen noch dem außerphraseologischen Usus entspricht.

2)  Invisible-hand-Prozess: Stufe zwei beinhaltet „die Darstellung des Prozesses, wie aus einer Vielzahl der individuellen Handlungen die zu erklärende Struktur entsteht“ (KELLER 2003: 99). Die intentionalen Handlungen („verstanden zu werden“) führen zu einem Invisible-hand-Prozess. Während sich die außerphraseologische Norm wandelt (in unserem Beispiel der Stellungswechsel von Genitivattributen), kommt die Diskrepanz zwischen interner phraseologischer Struktur und freiem Sprachgebrauch immer stärker zum Vorschein. Die ältere Form in Phrasemen wird dabei in der Regel nicht (direkt) einfach durch eine normkonforme ersetzt, da die Maxime der maximalen Verständigung immer noch Bestand hat. Die Veränderung einer festen, erstarrten Wortverbindung würde dieser Maxime widersprechen, weshalb kontinuierlich auf sie zurückgegriffen wird. Ein wichtiger Aspekt, der diesen Invisible-hand-Prozess sicherlich nicht unerheblich beeinflusst, ist demzufolge die Festigkeit phraseologischer Einheiten; denn Phraseme sind „[s]prachliche Konventionen […] relativ stabiler Natur“ (KELLER 2009: 16) – zumindest in größerem Maße als alle anderen sprachlichen Erscheinungsformen.269 ← 344 | 345 →

3)  Ergebnis/(End-)Produkt: Stufe drei umfasst schließlich die Darstellung des hervorgebrachten Ergebnisses (vgl. KELLER 2003: 100). Aus dem auf Stufe zwei stattfindenden Invisible-hand-Prozess folgt als kausale Konsequenz die Entstehung bzw. Existenz formelhafter (Ir-)Regularitäten in einem synchronen Sprachabschnitt. Die alte Genitivstellung im Idiom in Teufels Küche kommen/geraten kann im Gegenwartsdeutsch somit als das (End-)Produkt eines Invisible-hand-Prozesses angesehen werden. Dass innerhalb dieser Wendung diese Genitivstellung bewahrt bleibt, ist kein direktes Verdienst der Sprecher, sondern erfolgte wie durch eine „unsichtbare Hand“.

Auch formelhafte (Ir-)Regularitäten, die nicht primär aufgrund diachroner (Sprachwandel-)Prozesse entstehen, sind Produkte eines Invisible-hand-Prozesses. Die Intentionen der Mikroebene können dabei jedoch anders motiviert sein. Und auch der Invisible-hand-Prozess weist Differenzen zu diachron entstandenen formelhaften (Ir-)Regularitäten auf. Dies soll anhand des aus valenztheoretischer Sicht auffälligen IKEA-Slogans Wohnst du noch, oder lebst du schon? erläutert werden (siehe Übersicht 16–10):

Übersicht 16-10:  Invisible-hand-Prozess synchron entstehender formelhafter (Ir-)Regularitäten: Wohnst du noch, oder lebst du schon?

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1)  (Handlungs-)Motive der Werbemacher: Betrachtet man formelhaft (ir-)reguläre Wendungen, die dem Bereich der Werbesprache entspringen, so kann die Maxime der maximalen Verständigung nicht herangezogen werden. ← 345 | 346 → Vielmehr geht es bei der Kreierung eines „ungrammatischen“ Slogans um Aufmerksamkeitserregung. Intentionale Abweichungen von grammatischen Normen werden gezielt eingesetzt, da sie den Rezipienten auffallen und so-mit die Werbung im Gedächtnis bleibt. Besonders an diesem Beispiel ist, dass die Mikroebene nicht aus einer Vielzahl individueller Handlungen besteht, sondern auf einen engen Akteurskreis beschränkt ist, nämlich zunächst einmal auf die Werbeagentur von IKEA, die für die kommerzielle Verbreitung des Slogans verantwortlich ist.

2)  Invisible-hand-Prozess: Das Wirken der „unsichtbaren Hand“ besteht darin, dass der Slogan – gerade wegen seiner sprachlichen Besonderheit – mit der Zeit auch außerhalb des werbespezifischen Kontextes auftritt und von Sprechern (auch oder vor allem in modifizierter Form) verwendet wird. Aufgrund dessen kommt es zu einer (kognitiven) Verfestigung der „irregulären“ Wortverbindung. Aus dem ursprünglich nur in der IKEA-Werbung auftretenden Slogan entsteht ein Phrasem, ein geflügeltes Wort.

3)  Ergebnis/(End-)Produkt: Am Ende dieses Prozesses steht die gewissermaßen „synchron“, durch kreativen Sprachgebrauch entstandene formelhaft (ir-)reguläre Wendung, die sich mittlerweile – wie in Kapitel 16.3.2 beschrieben – sogar zu einer Modellbildung mit Leerstellen (weiter-)entwickelt hat. Die Werbemacher von IKEA hatten wohl zwar die Intention, mit ihrem Slogan für Aufregung (und somit für Aufmerksamkeit) zu sorgen, die Intention, dass sich aus diesem Spruch eine formelhaft (ir-)reguläre Wortverbindung herausbildet, kann man ihnen aber nicht „unterstellen“. Die „irreguläre“ Modellbildung X[Verb] Y[Pronomen] noch oder Z[Verb] Y[Pronomen] schon? ist somit ein Invisible-hand-Produkt par excellence. ← 346 | 347 →

Übersicht 16-11:  Invisible-hand-Prozess synchron entstehender formelhafter (Ir-)Regularitäten: Aussagen von Trapattoni

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Als zweites Beispiel für synchron entstehende (Ir-)Regularitäten lassen sich die drei „ungrammatischen“ Aussagen von Giovanni Trapattoni anführen. Auch bei diesen ist zwischen den eigentlichen Aussagen bis hin zur Entstehung von formelhaft (ir-)regulären Wendungen ein Invisible-hand-Prozess zu beobachten (siehe Übersicht 16–11):

1)  (Handlungs-)Motive von Trapattoni: Das vordergründige Handlungsmotiv Trapattonis kann sicherlich darin gesehen werden, dass dieser seinen (angestauten) Emotionen in einem öffentlichen Rahmen „Luft machen“ möchte. Auf die permanente Kritik an seiner Person und an der Spielweise seines Teams reagiert er mit einer äußerst emotionalen Rede, die er ad hoc, aus seinem situativen Befinden heraus hält; ein ausgearbeitetes Manuskript oder ein Notizzettel mit Stichpunkten liegen Trapattoni nicht vor. Er folgt somit in gewisser Weise der Maxime „Drücke deine Empfindungen spontan aus, damit sie authentisch sind, und lasse deinem Ärger (sprachlich) freien Lauf“. Das freie und vor allem emotional-aufgeladene Sprechen führt bei Trapattoni als italienischem Muttersprachler zu grammatikalisch nicht korrekten Satzkonstruktionen, die auf Defizite im Bereich der deutschen Sprache zurückzuführen sind. So kommt es zu den „ungrammatischen“ Aussagen „diese ← 347 | 348 → Spieler […] waren schwach wie eine Flasche leer“, „Was erlaube Str[u:]nz?“ und „Ich habe fertig.“

2)  Invisible-hand-Prozess: Der Invisible-hand-Prozess setzt ein, wenn die „ungrammatischen“ Aussagen (in der Presse) zitiert und modifiziert werden. Gerade durch die Modifikation lösen sie sich von dem ursprünglichen Kontext und entwickeln sich zu geflügelten Worten mit Modellcharakter. Es liegen nun nicht mehr einmalige spontan geäußerte, sondern in der Sprachgemeinschaft allgemein bekannte und feste Wortverbindungen vor.

3)  Ergebnis/(End-)Produkt: Ebenso wie das werbespezifische Beispiel Wohnst du noch, oder lebst du schon? resultieren aus diesem Entwicklungsprozess „synchron“, durch „falschen“ Sprachgebrauch entstandene formelhaft (ir-) reguläre Wendungen. Es liegt ein typisches Phänomen der dritten Art vor. Denn als Trapattoni das Podium betritt, hat er sicherlich nicht die Intention, mit seinen Aussagen formelhaft (ir-)reguläre Wendungen ins Leben zu rufen. Die drei berühmt gewordenen geflügelten Worte sind daher als Invisible-hand-Produkte zu interpretieren. Dieser Invisible-hand-Prozess beinhaltet darüber hinaus noch eine erwähnenswerte Auffälligkeit: Die Trapattoni-Wendungen zeigen, dass etwas sonst Imagebedrohendes im Ausdruck – nämlich grammatikalische Fehler, die für gewöhnlich zu einer Stigmatisierung der Person führen – durch Phraseologisierungsprozesse der entsprechenden „ungrammatischen“ (Mehrwort-)Aussagen zu etwas Imageaufwertendem werden können. Aus im freien Sprachgebrauch defizitären Erscheinungsformen können zwar formelhaft (ir-)reguläre, aber angesichts ihrer Festigkeit usualisierte und somit in gewisser Weise „normierte“ Wendungen entstehen. Das eigentlich „Falsche“, „Irreguläre“ und „Defizitäre“ wird aufgrund seiner „Ungewöhnlichkeit“ als etwas „Witziges“ angesehen und erfährt dadurch eine (sprachlich-konnotative) Aufwertung.

Die theoretischen Überlegungen und exemplarischen Darstellungen verdeutlichen, dass formelhafte (Ir-)Regularitäten Phänomene der dritten Art sind und sich im Zuge von Invisible-hand-Prozessen entwickeln. Dabei können nicht nur diachron, sondern auch synchron entstehende (ir-)reguläre Wendungen mithilfe dieser Sprachwandeltheorie erklärt werden. Insgesamt ist die Entstehung formelhafter (Ir-)Regularitäten also „die kausale Konsequenz individueller intentionaler Handlungen, die mindestens partiell ähnliche Intentionen verwirklichen“ (KELLER 2003: 116). ← 348 | 349 →

16.4.2  Natürlichkeitstheorie: Formelhafte (Ir-)Regularitäten im Kontext von Natürlichkeit und Markiertheit

Neben der „Unsichtbaren Hand“-Theorie gehört die vor allem auf MAYERTHALER (1981) zurückgehende Natürlichkeitstheorie zu den wohl bekanntesten Sprachwandeltheorien neuerer Zeit. Aufgrund dessen wird auf eine detaillierte Vorstellung dieser Theorie verzichtet und auf die gute und kritische Zusammenfassung von KELLER (2003: 155–167) verwiesen. Im Folgenden genügt eine knappe Skizzierung der zentralen natürlichkeitstheoretischen Ansichten.

Im Grunde ist die Natürlichkeitstheorie nichts anderes als eine Markiertheitstheorie, die danach fragt, „welche grammatischen Struktureigenschaften präferent, also unmarkiert, und welche markiert sind“ (WURZEL 1994: 25). Im Mittelpunkt stehen die Begriffe der „Natürlichkeit“ und „Markiertheit“. Während das Natürliche das Unmarkierte ist, ist das Unnatürliche das Markierte (vgl. KELLER 2003: 156). MAYERTHALER (1981: 2) geht davon aus, dass

[e]in morphologischer Prozeß bzw. eine morphologische Struktur […] natürlich [ist], wenn er/sie a) weit verbreitet ist und/oder b) relativ früh erworben wird und/oder c) gegenüber Sprachwandel relativ resistent ist oder durch Sprachwandel häufig entsteht […].

Da natürlicher grammatischer Wandel immer so verläuft, dass markierte durch weniger markierte Erscheinungsformen ersetzt werden (vgl. WURZEL 1991: 166), nehmen Natürlichkeitstheoretiker Prinzipien an, die es ermöglichen, die Richtung des Sprachwandels gewissermaßen vorherzusagen (vgl. KELLER 2003: 156). WURZEL (1992: 226) bezeichnet diese als „universal principles of morphological naturalness (marked principles, preference principles)“. Summa summarum sind dies folgende drei Prinzipien:

1)  Das Prinzip des konstruktionellen Ikonismus besagt, dass ein semantisches Mehr auch durch ein formales Mehr gekennzeichnet werden sollte (vgl. BITTNER 1995: 113). Nach diesem Prinzip ist die Pluralform boyboys unmarkierter und damit natürlicher als sheepsheep (vgl. WURZEL 1984: 23).

2)  Dem Prinzip der morphosemantischen Transparenz liegt die Annahme zugrunde, dass einer Funktion immer genau eine Form zukommen sollte. Weniger natürlich und somit markierter sind Formen, die mehrere Funktionen beinhalten. Demgemäß ist beispielsweise der Konjunktiv von schlagen (schlügen) natürlicher als der von laufen (liefen), da letzte Form auch der Indikativ sein kann (vgl. WURZEL 1994: 32).

3)  Das Prinzip der Systemangemessenheit nimmt an, dass eine Sprache (konkreter: die Morphologie einer Sprache) gewisse systemdefinierende ← 349 | 350 → Struktureigenschaften besitzt (vgl. WURZEL 1994: 38). Morphologische Formen sind demzufolge „umso weniger markiert, je mehr sie den systemdefinierenden Struktureigenschaften des jeweiligen Flexionssystems entsprechen“ (BITTNER 1995: 114). Darüber hinaus werden „Formen, die diesen Eigenschaften nicht entsprechen, […] tendenziell durch systemkongruente Formen ersetzt“ (KELLER 2003: 157). Beispielsweise ist im Deutschen die Tendenz zu beobachten, dass die Stammflexion einiger (entlehnter) Substantive durch neuere Pluralformen mit systemangemessener Grundformflexion ersetzt werden (z. B. Globusse statt Globen) (vgl. WURZEL 1994: 41).

Für die nachfolgende Überlegung ist primär das Prinzip der Systemkongruenz dienlich. Da es sich bei der Natürlichkeitstheorie im Wesentlichen um eine Theorie morphologischen Wandels handelt, greife ich gezielt eine morphologisch formelhafte (Ir-)Regularität heraus: die Bewahrung des Dativ-e wie beispielsweise in dem Phrasem im Schweiße meines Angesichts.270

Im Zusammenhang mit dem Prinzip der Systemangemessenheit verweist WURZEL (1994: 40) darauf, dass die deutschen Flexionsformen mit Kasussuffixen sowie die Paradigmen, in denen diese vorkommen, markiert und somit nicht natürlich sind. Das Dativ-e stellt ein solches Kasussuffix dar. Die Kennzeichnung des Dativs durch ein -e ist demnach nicht systemangemessen und daher im freien Sprachgebrauch weitgehend – bis auf einige spezielle Kontexte – getilgt, indem es durch die systemangemessenere 0-Endung ersetzt wird. Während sich im außerphraseologischen Sprachgebrauch die natürliche Variante durchgesetzt hat, tradieren Phraseme bis heute die markierte Dativ-e-Endung. Formelhaft (ir-)reguläre Wendungen stellen somit einen Bewahrungsort unnatürlicher/markierter (morphologischer) Formen dar.

Das Besondere am Wandlungsprozess des Dativ-e ist das Vorliegen eines sogenannten Natürlichkeitskonflikts, der dadurch gekennzeichnet ist, dass verschiedene Prinzipien miteinander konkurrieren. Aus konstruktionell ikonischer ← 350 | 351 → Perspektive ist nämlich gerade die Markierung des Dativs durch ein -e natürlicher als die 0-Endung, da „sämtliche anderen Kasus […] gegenüber dem Nominativ semantisch markiert [sind] […] und […] gemäß dem konstruktionellen Ikonismus durch ein Mehr an formalen Mitteln symbolisiert sein [sollten]“ (WURZEL 1994: 42). An dieser formelhaften (Ir-)Regularität lässt sich demnach sehr gut der unterschiedliche Stellenwert der Prinzipien aufzeigen. In der Hierarchie der Markiertheitsprinzipien steht nämlich das der Systemangemessenheit an erster Stelle, d. h. es setzt sich generell gegen die anderen Prinzipien durch (vgl. WURZEL 1994: 42). Umso bemerkenswerter ist es daher, dass das Prinzip des konstruktionellen Ikonismus innerhalb vieler Dativ-e-Wendungen der systemangemessenen Markiertheitsdominanz erfolgreich Paroli bietet.

Es ist jedoch zu betonen, dass der natürliche Wandel auch vor Dativ-e-Phrasemen nicht haltmacht. Die korpusanalytisch festgestellte Schwankung der Dativ-e-Markierung zeigt, dass sich auch innerhalb formelhafter Wendungen trotz deren Festigkeit diese morphologische Form in Richtung der Unmarkiertheit und somit Natürlichkeit entwickeln kann. Demgegenüber ist es aus natürlichkeitstheoretischer Sicht nicht vorstellbar, dass der umgekehrte Fall eintritt, dass sich also ein Phrasem, in dem ein Dativ ohne -e realisiert ist (z. B. mit jmdm. unter einem Dach wohnen), im Laufe der Zeit in Richtung der markierten Form entwickelt.

Insgesamt kann festgehalten werden: In Bezug auf die Natürlichkeitstheorie stellen formelhaft (ir-)reguläre Wendungen Ausnahmen dar, in denen sich mar-kierte Formen dank der festen Phrasemstruktur gegenüber weniger markierten Formen behaupten können. Die von MAYERTHALER (1981: 4) aufgestellte Hypothese, dass sich bei Sprachwandel – ausgenommen Entlehnung und Hyperkorrektion – normalerweise weniger markierte Formen durchsetzen, muss daher um eine weitere Ausnahme ergänzt werden: feste – formelhaft (ir-)reguläre – Wendungen.

16.5  Diachronie und Synchronie versus „Irregularität“

Richtet sich der Blick auf die Entstehungsprozesse formelhafter (Ir-)Regularitäten, erscheint die „Irregularität“, die diesen Erscheinungen anhaftet, in einem anderen Licht. Sowohl aus diachroner als auch synchroner Perspektive muss der „irreguläre“ Charakter relativiert werden:

    Angesichts der Tatsache, dass es sich aus diachroner Perspektive bei formelhaften (Ir-)Regularitäten um ehemals normgerechte Sprachzustände handelt, die durch (außerphraseologische) Sprachwandelprozesse entstanden sind, ← 351 | 352 → fällt es schwer, diesem Untersuchungsgegenstand die negativ konnotierte Bezeichnung der „Irregularität“ oder gar der „Anomalie“ zuzuweisen. Aus diachroner Sicht sind viele formelhafte (Ir-)Regularitäten unproblematisch, da die in ihnen tradierten lexikalischen bzw. grammatischen Erscheinungen historisch gesehen regulär im freien Sprachgebrauch verwendet wurden. Die Zuweisung der „Irregularität“ kann demnach nur aus einem engen synchronen Sprachfenster geschehen. Ein solcher rein synchroner und die diachrone Perspektive komplett ignorierender Blickwinkel wird diesem Phänomen jedoch nicht im Geringsten gerecht.

    Aber auch aus synchroner Perspektive kann der „irreguläre“ Charakter angezweifelt werden. Synchron, ad hoc gebildete formelhafte (Ir-)Regularitäten sind meist die Konsequenz kreativen Sprachgebrauchs, wie er beispielsweise in der Jugend- und Werbesprache vorzufinden ist. Grammatisch auffällige Wortverbindungen können durch Verfestigung Eingang in den Allgemeinwortschatz finden. Dabei ist jedoch immer auch zu berücksichtigen, dass diese „irregulären“ Wendungen keine Zufallsprodukte darstellen. Slogans, die der Kerngrammatik widersprechen, sind planvoll kreierte Produkte von Werbemachern, hinter denen hohe finanzielle Mittel stehen. Die Werbemacher sind sich über die „Irregularität“ durchaus im Klaren. Und auch bei formelhaft (ir-)regulären Wendungen, die auf der Grundlage von Modellbildungen entstehen, wäre es aufgrund der regulären und produktiven Konstruktionsmuster verfehlt, nur das Normabweichende herauszustellen.

Darüber hinaus eröffnen formelhafte (Ir-)Regularitäten einen Horizont, der die Grenzen zwischen Synchronie und Diachronie verschwimmen lässt: Die Konservierung von „Überreste[n] älterer Sprachzustände“ (BURGER/LINKE 1998: 753) veranlasst BURGER (2012: 2) zu der berechtigten Annahme, dass der Gegensatz von Synchronie und Diachronie lediglich ein „methodischer Kunstgriff“ ist, der es ermöglicht, die Sprachentwicklung sozusagen anzuhalten und damit der Erforschung zugänglicher zu machen. Gerade die in der vorliegenden Arbeit behandelten Phänomene sind somit signifikante Hinweise darauf, dass Gegenwartssprache eine dynamische Größe ist, „in der sich geschichtliche Prozesse unter unseren Augen abspielen“ (BURGER 2012: 2), und sich die streng dichotomische Trennung in synchrone und diachrone Betrachtung als unbefriedigende Verkürzung der sprachlichen Realität herausstellt. ← 352 | 353 →


230  Siehe FILATKINA (2007b, 2009a, 2009b, 2009c, 2011, 2012, im Druck1, in Vorbereitung); FILATKINA u. a. (2009); FILATKINA/HANAUSKA (2011); GOTTWALD (2009, im Druck); GOTTWALD/HANAUSKA (2009, 2013a, 2013b); HANAUSKA (2009, 2012, 2014) sowie HOFF (2012).

231  Dabei ist die Bewahrung älterer Sprachverhältnisse nicht nur auf die Phraseologie beschränkt, sondern findet sich auch in anderen Bereichen. GROSSE (2000: 1849–1852) verweist neben formelhaften Wendungen u. a. auf mündlich überlieferte Volksliteratur, Dialekte, Sprachpflege, wissenschaftliche Literatur und Namen. ÁGEL (2008: 72) bezeichnet konservierende Ausdrücke als „historische Residuen“ und führt als Beispiel das Wort Vergissmeinnicht an, in dem eine alte Genitivrektion konserviert ist. Innerhalb der Grammatikalisierungsforschung spricht man allgemein von „persistence“ (HOPPER 1991: 22), „[w]enn Reste einer alten Struktur in einer jüngeren Sprachstufe noch nachweisbar sind“ (ÁGEL 2008: 72).

232  Vgl. auch SOEHN/RÖMER (2006: 146): „Solche Archaismen werden besonders in Idiomen ‚eingefroren‘ und nur dort tradiert. Daher kann man auch davon sprechen, dass Idiome als ‚Geschichtsbücher der Sprache‘ fungieren.“

233  Die historische Dimension formelhafter (Ir-)Regularitäten ist auch in der Bezeichnung dieses Phänomens zu erkennen. Statt von „phraseologischen Irregularitäten“ oder „Anomalien“ sprechen vor allem allgemein sprachhistorische Werke von „erstarrte[n] Reste[n]“ (NÜBLING u. a. 2010: 102) oder „erstarrten Sonderformen“ (EICHINGER/PLEWNIA 2006: 1061). Da es sich bei diesen Besonderheiten jedoch nicht ausschließlich um diachron bedingte Auffälligkeiten handelt, präferiere ich mit „formelhaften (Ir-)Regularitäten“ einen historisch neutralen Terminus.

234  Aus konstruktionsgrammatischer Sicht lässt sich hierbei auch von Konstruktionswandel sprechen: Entweder es sterben bestimmte Konstruktionen aus, indem sie durch andere ersetzt werden (z. B. adverbiale Genitive durch präpositionale Adverbialkonstruktion) oder aber Konstruktionen wandeln sich auf formal-struktureller Seite (z. B. unflektiertes Adjektivattribut durch flektiertes Adjektivattribut oder Voranstellung des Genitivattributs durch Nachstellung des Genitivattributs). Formelhafte (Ir-)Regularitäten können somit auch als „Widerständler“ außerphraseologischer Konstruktionswandelprozesse angesehen werden. Zu Konstruktionswandel im Bereich der formelhaften Sprache siehe FILATKINA (2014), zu Konstruktionswandel allgemein TRAUGOTT (2003); DIEWALD (2006, 2008); NOËL (2007); BERGS/DIEWALD (2008); HILPERT (2008, 2011, 2013) und FRIED (2013).

235  Idealisiert ist er deshalb, weil sich nicht jede formelhafte (Ir-)Regularität im Laufe der Zeit der außerphraseologischen Norm anpasst und weil die Entstehung mancher formelhafter (Ir-)Regularitäten sicherlich nicht – wie es in der Grafik den Anschein erweckt – feinsäuberlich in aufeinander folgenden (Wandlungs-)Schritten abläuft. Zudem basiert der dargestellte Sprachwandel auf keinen umfangreichen diachronen Studien, sondern leitet sich aus der synchronen Korpusanalyse sowie den bisherigen Erkenntnissen der (Sprachwandel-)Forschung ab.

236  Eine Zusammenstellung aktueller Sprachwandelerscheinungen findet sich bei HINRICHS (2009: 50–52).

237  Zu Abbautendenzen von Substantivendungen siehe außerdem KÖPCKE (2000, 2005); THIEROFF (2003) sowie EICHINGER (2013: 152–155), wobei laut THIEROFF (2003: 108) bei Bär kein Wechsel in die starke Deklinationsklasse vorliegt, da es sich bei diesem – solange der Plural auf -(e)n gebildet wird – um „das Muster der gemischten Deklination“ (ebd.) handelt.

238  Zu Affixoiden siehe u. a. PETERMANN (1971); BUES (1973, 1997); GATAULLIN (1976); VÖGEDING (1981); JAESCHKE (1984); LACHACHI (1992); WELKE (1995); MOTSCH (1996); RUGE (2004); SCHU (2005) und STEIN (2008).

239  Für das vorliegende Kapitel werden in erster Linie die Quellen Isidor, Tatian, Heliand, Otfrids Evangelienbuch und Notker berücksichtigt. Die Belegstellen sowie die neuhochdeutschen Übersetzungen werden 1:1 aus der HiFoS-Datenbank übernommen.

240  Für weitere Informationen zur Forschergruppe und ihrer Publikationen siehe: http://hifos.uni-trier.de/ (Stand 29.09.2014).

241  Ein Beispiel für eine unikale Komponente im Althochdeutschen ist furevart in der Wendung furevart tuon: Et tu puer propheta altissimi uocaberis · prei|bis enim ante faciem domini parare uias eius · Vnde du chint IO|HANNES du uuirdest keheizen des hohesten uuizego · du | tuost die fureuart · imo ze rechenonne sine uuega · // Und du, Junge, wirst Prophet des Höchsten genannt werden, du wirst der Gegenwart des Herrn vorausgehen, seine Wege bereiten. Und du, Kind, Johannes, du wirst der Prophet des Höchsten genannt werden, du gehst voraus und bereitest seine Wege. (Notker, Cantica, 566, 10).

242  Es muss ganz deutlich hervorgehoben werden, dass es sich bei solchen Schwankungen nicht, wie es im heutigen Deutsch (meist) der Fall ist, um Schwankungen zwischen „regulären“, normkonformen und (scheinbar) „irregulären“, normwidrigen Varianten handelt. Denn speziell zu althochdeutscher Zeit existiert so etwas wie eine (außerphraseologische) Norm nicht wirklich, im besten Fall ließe sich von Präferenzen im Gebrauch sprechen. Die (außerphraseologische) Variation ist somit der Normalfall. Es darf also nicht der Eindruck entstehen, dass die aus heutiger Perspektive als „irregulär“ gekennzeichneten Phänomene im Althochdeutschen ebenfalls „irregulär“ sind.

243  Bei Notker findet sich von insgesamt 15 Belegen einer mit unflektiertem Adjektiv: Vnus | ergo pater non tres patres · unus filius non tres filii · unus | spiritus sanctus non tres spiritus sancti · Vnde iſt eîn fater nalſ drî fátera · eîn | ſun nalſ drî fúne · eîn hêilig keiſt nalſ dri hêilige Geîſta · // Nhd. Übersetzung: Also ein Vater und nicht drei Väter; ein Sohn, nicht drei Söhne; ein heiliger Geist, nicht drei heilige Geister. Und es ist ein Vater, nicht aber drei Väter. Ein Sohn, nicht aber drei Söhne, ein heiliger Geist, nicht aber drei heilige Geister. (Notker, Cantica, 572, 20).

244  Die Variation hängt dabei allem Anschein nach auch stark vom jeweiligen Autor bzw. vom jeweiligen Primärtext ab. Im Tatian, der in etwa zur gleichen Zeit wie Heliand anzusetzen ist, finden sich nur zwei Nachstellungen gegenüber 17 Voranstellungen, was darauf zurückzuführen ist, dass Tatian – im Gegensatz zu Heliand – der lateinischen Vorlage folgt (siehe SIEVERS 1892 und BAUMSTARK 1964). Die Variation ist also ganz einfach durch die Vorlage bedingt.

245  Auch hier liegt die Vermutung nahe, dass dieser Unterschied (auch) auf die verschiedenen Autoren und somit auf die Beachtung bzw. Nicht-Beachtung der lateinischen Vorlage zurückzuführen ist.

246  Es ist anzumerken, dass es sich bei den beiden Beispielobjekten (liƀu und aldru) trotz der etwas ungewöhnlichen u-Endung nicht um Dative handelt, da im Althochdeutschen für Feminina der ō-Stämme neben der Genitivendung auf -a (wie z. B. geba) auch Endungen auf -o oder -u existieren: „Als Endungsvarianten begegnen im Dativ Singular -o statt -u, ferner können diese Dativendungen auch im Genitiv Singular vorkommen“ (BERGMANN u. a. 2007: 44). Vgl. ebenso BRAUNE/EGGERS 1987: 193): „Es besteht die Neigung, den G. und D. Sg. auszugleichen. […] Meist aber kommt der Ausgleich dadurch zustande, daß die Endung des D. -u (-o) in den G. eindringt, vereinzelt schon in den älteren Denkmälern […].“

247  Denn in althochdeutscher Zeit hat der Wechsel zwischen unflektierten und flektierten Adjektivattributen und vorangestellten und nachgestellten Genitivattributen – wie bereits oben erwähnt – nichts mit „Irregularität“ und „Regularität“ zu tun; es handelt sich schlichtweg um Varianten des regulären Gebrauchs. Es geht mir also auch hier lediglich um die Beschreibung der Variation und keineswegs um die Zuschreibung und Beurteilung von Irregularitätsmerkmalen.

248  Generell ist anzumerken, dass phraseologische Variation in historischen Sprachstufen – speziell im Althochdeutschen – viel häufiger anzutreffen ist als in neueren Sprachstufen. Formelhafte Wendungen sind in älteren Texten (noch) nicht so verfestigt, wie es im Neuhochdeutschen der Fall ist (siehe FILATKINA im Druck2).

249  Bereits ČERNYŠEVA (1975: 238) macht auf diese Konstruktion aufmerksam.

250  Eine Auswahl an (sprachspielerischen und normwidrigen) Beispielen findet sich in JANICH (2013: 205–210).

251  Zum Übergang von Werbeslogans zu formelhaften Wendungen und ihren rekontextualisierten Gebrauch siehe ausführlich POLAJNAR (2011, 2012, 2013).

252  Generell zu (weiteren) sprachnormwidrigen Slogans von Verona Pooth (Feldbusch) – insbesondere auch im Hinblick auf ihre sprachkritische Beurteilung – siehe KRISCHKE (2012).

253  Es ist allerdings anzumerken, dass kaum Belege existieren, in denen tatsächlich eine Übertragung des Passivierungsmusters des Slogans auf andere intransitive Verben stattfindet (vgl. auch KRISCHKE 2012: 123).

254  http://www.ciao.de/t_online_de_Flatrate__Test_1271754 (Stand 05.09.2014).

255  HUNDT (2000: 19) zeigt aber auch auf, dass Deutschlands meiste Kreditkarte „zwar [als] problematische, aber nicht als ungrammatische Wortgruppe angesehen werden [kann].“ Seine (korpusgestützte) Studie ergibt, dass sie zwar grammatisch möglich, aber ungebräuchlich ist und sie vor allem aus Wortartenperspektive auffällig erscheint: „Festzuhalten bleibt, dass das Ausgangsbeispiel nicht ungrammatisch ist, sondern lediglich einen randständigen Vertreter der Kategorie Adjektiv in einer Weise verwendet, die sonst eher prototypischen Adjektiven vorbehalten ist. […] Das Stolpern beim Lesen und Interpretieren dieser Wortgruppe ergibt sich letztlich aus der prototypischen Struktur der Kategorie Adjektiv“ (HUNDT 2000: 20–22).

256  Es existieren auch Belege, in denen die erste Komponente (Deutschlands) ausgetauscht ist (z. B. in Bayerns meiste Musik, Berlins meiste Musik oder Berlins meiste Rockparty).

257  Demgegenüber führen SCHUMACHER u. a. (2004: 851) gerade diesen Werbeslogan als Beweis dafür an, dass die Adverbialergänzung auch weggelassen werden kann, wenn wohnen „im Kontrast verwendet wird“.

258  Zwei weitere Werbeslogans, die sich bis hin zu Modellbildungen entwickelt haben, sind So geht Bank heute (Targobank) image so geht X[Nomen] und Soo! Muss Technik (Saturn) image so muss X[Nomen]. Formelhaft (ir-)regulär sind diese deshalb, weil die Substantive, die in die Leerstelle eintreten, für gewöhnlich ohne Artikel realisiert werden. Die beiden Phrasem-Konstruktionen werden in Kapitel 10.5.3 ausführlich beschrieben.

259  Generell zur kritischen Hinterfragung der Abgrenzung zwischen „Grammatikalität“ und „Ungrammatikalität“ siehe SAMPSON (1987, 2007); PULLUM (2007); MEURERS (2007); STEFANOWITSCH (2007); FOSTER (2007) und HOFFMANN (2007).

260  Die angeführten wörtlichen Aussagen von Trapattoni sind der Transkription von HOFFMANN (1998) entnommen.

261  Dass diese drei Aussagen einen phraseologischen Status in Form von geflügelten Worten besitzen, wird nicht nur von Sprachwissenschaftlern, sondern auch von Journalisten erkannt (Hervorhebung im Folgenden von SöSt): „Neuschöpfungen wie ‚schwach wie eine Flasche leer‘ sind zu geflügelten Worten erhoben und von Politikern und Werbetextern dankbar aufgegriffen worden. Sein ‚Strunz! Was erlauben Strunz?‘ machte einen Namen zum Synonym massloser Selbstüberschätzung und Versagens; die blosse Erwähnung des Codeworts genügt inzwischen, um allerorten strunzdummes Gelächter aufzurufen. […] Das lapidare ‚Ich habe fertig‘ schliesslich, mit dem der sonst so beherrschte Gentleman unter dem Beifall abgebrühter Journalisten seine Pressekonferenz schloss, ziert inzwischen ein Anti-Kohl-Plakat in der SPD-Wahlkampfzentrale.“ (Zürcher Tagesanzeiger, 31.03.1998) sowie „Eine Rede, die der deutschen Sprache eine Reihe neuer Redewendungen schenkte, von ‚schwach wie eine Flasche leer‘ bis zum seligen ‚ich habe fertig‘.“ (http://www.sueddeutsche.de/sport/pep-guardiola-lernt-deutsch-wie-ein-irrer-1.1692350, Stand 06.09.2014). Dabei hat Trapattoni nicht nur in Deutschland den Bestand an formelhaft (ir-)regulären Wendungen bereichert, sondern scheinbar auch in Irland mit der Aussage We no lose!, die sich dort zu einem geflügelten Wort entwickelt hat: „Trapattoni liebt es, den Gedankenverlorenen zu spielen. Da ist es ihm auch wurscht, ob er Sprachbilder malt, in denen die Farben nicht zusammenpassen. Die wunderbaren Iren, bei denen er nun den Nationaltrainer mimt, lieben ihn gerade dafür. Traps Ausspruch ‚We no lose!‘, haben sie sich massenhaft auf T-Shirts drucken lassen.“ (http://www.sueddeutsche.de/sport/pep-guardiola-lernt-deutsch-wie-ein-irrer-1.1692350, Stand 06.09.2014) Oder auch: „Ein Klassiker ist auch das grammatikalisch mutige ‚We no lose.‘“ (http://www.zeit.de/sport/2012–10/trapattoni-irland-trainer-deutschland, Stand 06.09.2014).

262  http://www.sportgymnasium.at/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=622 (Stand 06.09.2014).

263  http://www.focus.de/sport/fussball/bundesliga1/haesslich-wie-flasche-leer-bayern-fans-streiten-ueber-neues-rot-blaues-trikot_id_3819064.html (Stand 06.09.2014).

264  https://twitter.com/ubreg/status/477017365327409152 (Stand 06.09.2014).

265  Hannoversche Allgemeine, 08.10.2010.

266  Ein Hörbeleg hierfür ist Abstiegskampf knallhart (ZDF, Aktuelles Sportstudio vom 28.02.2015).

267  Aufgrund der allgemeinen Bekanntheit des Kellerschen Sprachwandelansatzes erübrigt sich eine genauere Vorstellung. Für detailliertere Informationen sei auf KELLER (2003) verwiesen.

268  Die Wichtigkeit dieser Maxime betont KELLER (2003: 137) nochmals ausdrücklich: „Ich nehme an, daß dies eine der fundamentalsten Maximen unseres Kommunizierens ist. Es ist die Strategie, verstanden zu werden.“

269  Dass Invisible-hand-Prozesse nicht nur den Wandel, sondern auch die Konstanz bzw. Stase sprachlicher Erscheinungen (z. B. die Erhaltung von „Irregularitäten“ in festen Wendungen) erklärt, thematisiert KELLER (2003: Kapitel 4.5) explizit in dem Kapitel „Stase und Dynamik der Sprache“.

270  Es ist zu betonen, dass ich lediglich anhand eines geeigneten Beispiels aufzeigen möchte, inwiefern formelhafte (Ir-)Regularitäten im Sinne der Natürlichkeitstheorie erklärt werden können. Die Beispielanalyse kann nicht ins Detail gehen, sondern überträgt skizzenhaft natürlichkeitstheoretische Grundannahmen auf den Untersuchungsgegenstand. Dass die Analyse nicht in die Tiefe gehen kann, liegt auch an den Defiziten und der Lückenhaftigkeit der Natürlichkeitstheorie selbst, denn „Natürlichkeitstheoretiker haben es bis heute versäumt, eine konsistente Theorie der Natürlichkeit vorzulegen. So gibt es weder Klarheit über den Erklärungsanspruch noch über den Erklärungsweg. Selbst der zentrale Begriff der Natürlichkeit hat keine verbindliche Explikation erfahren“ (KELLER 2003: 155).