Show Less
Open access

Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

Series:

Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
Show Summary Details
Open access

17. Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Konstruktionsgrammatik

17.  Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Konstruktionsgrammatik

17.1  Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels

Im Folgenden werden formelhafte (Ir-)Regularitäten aus konstruktionsgrammatischer Perspektive betrachtet. Das übergeordnete Ziel ist eine (grammatik-)theoretische Einordnung dieses Phänomens, wobei die zentrale Frage lautet: Welche Stellung nehmen formelhaft (ir-)reguläre Wendungen innerhalb der Konstruktionsgrammatik ein? Entscheidend ist dabei die Erkenntnis, dass formelhaft (ir-) reguläre Wendungen auf Grundlage konstruktionsgrammatischer Überlegungen keineswegs als „irreguläre“ und „defizitäre“ Erscheinungen, sondern vielmehr als „reguläre“ Konstruktionen zu charakterisieren sind.

Im Mittelpunkt des Kapitels steht das in der Phraseologieforschung bereits in den 1970er und 1980er Jahren erarbeitete Konzept der Modellierbarkeit phraseologischer Einheiten. Es wird aufgezeigt, dass auch formelhaft (ir-)reguläre Wendungen auf der Grundlage von Konstruktionsmodellen entstehen können. Diese Modellhaftigkeit steht wegen ihrer regulären (Produktions-)Mechanismen dem „irregulären“ Charakter des Untersuchungsgegenstands gegenüber. Angesichts der Modellierbarkeit formelhafter (Ir-)Regularitäten gilt es demnach, ihre „Irregularität“ zu relativieren und im Gegensatz dazu die Regelhaftigkeit ihrer modellartigen Entstehung aufzuzeigen.

Aus kognitiver Perspektive stellt sich angesichts der vermeintlichen „Irregularität“ des Untersuchungsgegenstands die Frage, warum sich eine Sprachgemeinschaft überhaupt den „Luxus“ leistet, „irreguläre“ Formen zu tradieren. Wäre es für Sprachteilnehmer nicht weitaus ökonomischer, wenn es innerhalb eines synchronen Sprachabschnitts keine formelhaften (Ir-)Regularitäten geben würde? Stößt unsere kognitive Aufnahme- und Verarbeitungsfähigkeit nicht an ihre Grenzen in Anbetracht des zahlreichen Vorkommens formelhafter (Ir-)Regularitäten? Zur Beantwortung dieser Fragen wird auf phraseologische und konstruktionsgrammatische Erkenntnisse zurückgegriffen, die plausibel darlegen, dass formelhafte (ir-)Regularitäten nicht mit kognitiven (Mehr-)Anstrengungen verbunden sind.

In einem Exkurs wird am Ende des Kapitels das Verhältnis von Konstruktionsgrammatik und Phraseologie in den Blick genommen. In Form einer kritischen Bilanz werden die beiden Disziplinen im Hinblick auf ihre Gemeinsamkeiten und ihren bisherigen Austausch betrachtet. Leider – so wird sich zeigen – ist die ← 353 | 354 → Beziehung bisher eine einseitige. Die Phraseologie bezieht konstruktionsgrammatische Arbeiten in größerem Maße in ihre Überlegungen mit ein als umgekehrt. Das Kapitel stellt daher auch ein Plädoyer dar für eine in Zukunft (noch) stärkere Zusammenarbeit und vor allem für die gegenseitige Rezeption von Ideen, Methoden und Ergebnissen.

17.2  Konstruktionsgrammatik – eine kurze Einführung

Eine einheitliche Theorie der Konstruktionsgrammatik gibt es nicht (vgl. STEFANOWITSCH 2011b: 12). Vielmehr verbirgt sich hinter dem Label „Konstruktionsgrammatik“ „eine Reihe von mehr oder weniger verwandten Ansätzen, die sich teilweise nur in Nuancen, teilweise aber auch substantiell unterscheiden“ (ZIEM/LASCH 2013: 31). Grob lassen sich zwei Richtungen voneinander abgrenzen: zum einen „eine eher formalistisch orientierte Variante“ (IMO 2007: 22), die auf die sogenannte Berkeleyer Schule zurückgeht (siehe FILLMORE u. a. 1988 sowie FILLMORE 1988, 2013), zum anderen „eine kognitiv-linguistisch motivierte Strömung“ (FISCHER/STEFANOWITSCH 2006: 4), zu der vor allem die Arbeiten von LAKOFF (1987), LANGACKER (1987, 1995, 1999, 2005, 2009a, 2009b), CROFT (2001), CROFT/CRUSE (2004) und GOLDBERG (1995, 1996, 2003, 2006, 2013) gezählt werden können.

Trotz der Vielzahl an unterschiedlichen Ansätzen, die weit über diese grobe Zweiteilung hinausgehen (siehe HOFFMANN/TROUSDALE 2013: Kapitel 2), besitzen konstruktionsgrammatische Theorien eine zentrale Gemeinsamkeit: Sie gehen alle von der Annahme aus, „dass sich eine Sprache vollständig als ein Netzwerk von konventionalisierten Form-Bedeutungspaaren – also von sprachlichen Zeichen – beschreiben lässt“ (ZIEM/LASCH 2013: VI).271 Konventionalisierte Form-Bedeutungspaare werden innerhalb der Konstruktionsgrammatik unter dem Begriff der „Konstruktion“ subsumiert (vgl. STEFANOWITSCH 2011a: 181).

Während ein engerer Konstruktionsbegriff das Kriterium der Nicht-Kompositionalität als notwendig erachtet (d. h. Konstruktionen besitzen arbiträre, nicht aus ihren Bestandteilen ableitbare Eigenschaften), werden in einigen (neueren) Versionen der Konstruktionsgrammatik auch kompositionelle Einheiten als Konstruktionen klassifiziert, insofern sie sich durch eine hohe Gebrauchsfrequenz verfestigen.272 Dem weiten Konstruktionsbegriff liegt die Annahme zugrunde, „dass im Sprachgebrauch häufig kookkurrent vorkommende Wörter ← 354 | 355 → sich zu sprachlichen Mustern verfestigen können, die in der Folge mental als Einheit repräsentiert, abgerufen und verarbeitet werden“ (ZIEM/LASCH 2013: 16). Diese weite Konstruktionsauffassung deckt sich in gewisser Weise mit einem weiten Phraseologiebegriff, in dem beispielsweise auch nicht-idiomatische Kollokationen und pragmatische Phraseme integriert sind. Da sich die vorliegende Arbeit für eine weite Auffassung von Phraseologie ausspricht, wird analog dazu auch eine weite Konstruktionsauffassung bevorzugt und „Konstruktion“ nach GOLDBERG (2006: 5) folgendermaßen definiert:

Any linguistic pattern is recognized as a construction as long as some aspect of its form or function is not strictly predictable from its component parts or from other constructions recognized to exist. In addition, patterns are stored as constructions even if they are fully predictable as long as they occur with sufficient frequency […].

Der Konstruktionsbegriff umfasst verschiedenste sprachliche Erscheinungsformen, da er nicht nur einzelne Simplizia oder Phraseme, sondern auch mehr oder weniger abstrakte schematische Einheiten als bedeutungstragende Konstruktionen ansieht (vgl. ZIEM 2014b: 18f.). Die Ausweitung des Form-Bedeutungspaares auf lexikalisch nicht spezifizierte abstrakte Schemata bzw. Muster bringt die Konsequenz mit sich, dass innerhalb der Konstruktionsgrammatik die strikte Trennung zwischen (idiosynkratischem) Lexikon und (regelgeleiteter) Grammatik aufgegeben und stattdessen von einem Kontinuum ausgegangen wird (vgl. IMO 2011: 116). Der Unterschied zwischen einzelnen Konstruktionen manifestiert sich lediglich

im Komplexitätsgrad der Ausdrucksseite sowie im Abstraktionsgrad der Inhaltsseite. Prinzipiell gilt: Je syntaktisch komplexer die Ausdrucksseite ist, desto semantisch abstrakter die Inhaltsseite. (ZIEM/LASCH 2013: 93f.)

Eine solche Auffassung von Sprache „steht somit in diametraler Opposition zur generativen Grammatik Chomsky’scher Prägung“ (ROSTILA 2012: 263), die davon ausgeht, dass Sprachwissen „aus einem Set an Regeln [besteht], das auf ein lexikalisches Inventar angewendet wird“ (IMO 2007: 23):

Ein autonomes Syntaxmodul, das die einheitliche, reguläre Strukturbildung durch Projektionen des arbiträren lexikalischen Materials determiniert, wird als Korsett abgelehnt. (FELFE 2012: 62)

17.3  Formelhafte (Ir-)Regularitäten als Konstruktionen

Für die vorliegende Arbeit stellt sich vor allem die Tatsache als anregend und vorteilhaft heraus, dass konstruktionsgrammatische Ansätze gezielt gegen die innerhalb der Generativen Grammatik vertretene Ansicht argumentieren, es könne zwischen einer regulären Kerngrammatik und einer idiosynkratischen ← 355 | 356 → Peripherie unterschieden werden. So ist es von Beginn an ein Hauptanliegen der Konstruktionsgrammatik, die (scheinbaren) Ausnahmen – wie beispielsweise grammatische „Unregelmäßigkeiten“ und strukturell und/oder semantisch auffällige Phraseme – systematisch zu beschreiben und ein Grammatikmodell zu entwerfen, in dem keine Differenzierung zwischen zentralen und peripheren, sprich „regulären“ und idiosynkratischen/„irregulären“ sprachlichen Strukturen vorgenommen wird (vgl. FISCHER/STEFANOWITSCH 2006: 11):

Ausgangspunkt der Konstruktionsgrammatik war und ist das Unbehagen, bestimmte grammatische Phänomene einer Sprache als (vermeintliche) Idiosynkrasien zu behandeln und ihnen infolgedessen den Status von peripheren sprachlichen Phänomenen zuzuweisen, die bei der theoriegeleiteten Erklärung zu vernachlässigen sind. (ZIEM/LASCH 2013: 18)

Eine der Hauptforderungen der Konstruktionsgrammatik an eine Grammatiktheorie ist daher, dass diese nicht nur imstande sein sollte, „reguläre“, sondern auch nicht-kompositionelle, idiosynkratische Einheiten einer Sprache zu erfassen (vgl. ZIEM/LASCH 2013: 52). Dieser Anspruch resultiert vor allem aus der Beobachtung, dass (scheinbar) „irreguläre“ sprachliche Erscheinungsformen „im Sprachgebrauch häufig sind“ und sie angesichts dessen „nicht als ‚Peripherie‘ abzustempeln sind“ (ROSTILA 2012: 263). So ist es aufgrund ihres zahlreichen Vorkommens in alltäglichen Kommunikationssituationen und Texten auch nicht gerechtfertigt, Phraseme als wenig relevant anzusehen (vgl. JACOBS 2008: 28) und sie „als zu vernachlässigende Randbereiche einer Sprache abzuklassifizieren“ (ZIEM/LASCH 2013: 52).273 Bei genauerer Betrachtung ist nicht zu leugnen,

dass der Anhang, also alle form- oder inhaltsseitig nicht regelhaften Einheiten im Deutschen, sehr groß sein muss; er umfasst einen schier unübersehbaren Katalog an scheinbar peripheren Elementen sprachlichen Wissens. (ZIEM 2014b: 18)

Nach ZIEM (2014b: 18) stellen sich daher zwangsläufig folgende Fragen:

Ist es wirklich sinnvoll, sie alle [= Phraseme, SöSt] als ‚Ausnahmen‘ zur grammatischen Regel zu definieren und sie ins Lexikon zu delegieren? Weisen sie nicht doch Regularitäten auf, die sich nur nicht mit einem ‚kerngrammatischen‘ Erklärungsapparat explizieren lassen?

Die ersten Beispiele, an denen konstruktionsgrammatische Ideen aufgezeigt werden, sind folglich (idiomatische) Phraseme (vgl. DOBROVOLSKIJ 2011: 111). Während diese für generative Ansätze aufgrund ihrer idiosynkratischen ← 356 | 357 → Struktur und/oder Semantik ein offenkundiges Problem darstellen (vgl. ZIEM/LASCH 2013: 19),274 gelten sie in der Konstruktionsgrammatik gerade wegen ihrer formalen und/oder semantischen Besonderheiten als „Paradegegenstände konstruktionsgrammatischer Beschreibungen“ (STAFFELDT 2011: 131):

Sie zeichnen sich gerade dadurch aus, dass ihre form- und/oder inhaltsseitigen Eigenschaften nicht vorhersagbar sind. Dies entspricht dem Verständnis von Konstruktionen als nicht-kompositionellen Form-Bedeutungspaaren […]. (ZIEM/LASCH 2013: 152)

Phraseme werden insbesondere dann als „prototypische Konstruktionen“ (STATHI 2011: 149) angesehen, wenn sie – wie die in der vorliegenden Arbeit fokussierten formelhaften (Ir-)Regularitäten – „den syntaktischen Regularitäten mehr oder weniger nicht entsprechen“ (STAFFELDT 2011: 131) bzw. sie „formale Anomalien“ (STATHI 2011: 149) aufweisen. Als Beispiel führt STATHI (2011: 149) neben den englischen Phrasemen all of a sudden und trip the light fantastic auch das deutsche Idiom jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen an, das aus valenztheoretischer Sicht „irregulär“ erscheint (siehe Kapitel 11).

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass in dem für die Konstruktionsgrammatik wegweisenden Artikel von FILLMORE u. a. (1988) nicht nur strukturell unauffällige feste Wortverbindungen, sondern auch solche mit (syntaktischen) formelhaften (Ir-)Regularitäten als ein Typ phraseologischer Wendungen vorgestellt werden. Während „grammatical idioms“ für FILLMORE u. a. (1988: 505) „familiar grammatical structures“ besitzen, verstehen sie unter „extragrammatical idioms“ solche Wendungen, die nicht „by the knowledge of the familiar rules of the grammar“ erzeugt werden, die also „anomalous structures“ aufweisen. Insgesamt gehört also die komplette Phraseologie – sowohl hochfrequente „reguläre“ Kollokationen als auch (scheinbar) grammatisch und/oder semantisch „irreguläre“ Wortverbindungen, d. h. Wendungen mit formelhaften (Ir-)Regularitäten – zum Gegenstandsbereich der Konstruktionsgrammatik.

Im Gegensatz zu den meisten (generativistisch orientierten) Theorien schlägt die Konstruktionsgrammatik vor, Phraseme nicht als Ausnahmeerscheinungen zu betrachten, die getrennt von einer regelgestützten Grammatik im Lexikon aufgelistet werden müssen (vgl. STEFANOWITSCH 2011a: 182), sondern als „Normalfall“ (STEFANOWITSCH 2009: 566). Mit der Konstruktionsgrammatik steht demnach ein Sprachmodell zur Verfügung, in dem (idiomatische) Konstruktionen nicht als „exception to the norm“, sondern vielmehr als „a central feature of human language“ (EVANS/GREEN 2006: 643) gelten. Mehr noch: Innerhalb ← 357 | 358 → der Konstruktionsgrammatik werden „die Ausnahmen zur Regel“ (ZIEM/LASCH 2013: 93), indem sie „Idiosynkrasien (in unterschiedlichem Ausmaß) für alle Konstruktionen an[nimmt]“ (IMO 2007: 30).

Die Relativierung des randständigen und „irregulären“ Charakters von Phrasemen ergibt sich insbesondere auch aus der konstruktionsgrammatischen Auffassung, dass sich die gesamte Sprache aus Form-Bedeutungspaaren zusammensetzt (vgl. DÜRSCHEID 2010: 58f.). Durch diese Grundannahme entfällt die Trennung in eine Kerngrammatik des Regulären und eine Peripherie des „Irregulären“: Ob Morpheme, Lexeme, Phraseme oder abstrakte grammatische Strukturen, im Grunde können alle sprachlichen Erscheinungen als Konstruktionen analysiert werden, die sich nicht aufgrund der Dichotomie „regulär versus idiosynkratisch“, sondern lediglich bezüglich ihres Abstraktionsgrads voneinander unterscheiden (vgl. STEFANOWITSCH 2006: 152).

Wendet man diese Grundidee nicht nur auf Phraseme generell, sondern speziell auf die in der vorliegenden Arbeit thematisierten Wendungen mit formelhaften (Ir-)Regularitäten an, so ergibt sich folgendes Bild: Die selbst innerhalb der Phraseologieforschung als peripher und „irregulär“ aufgefassten festen Wortverbindungen, die in irgendeiner Form ausdrucksseitige und/oder inhaltsseitige Abweichungen vom freien Sprachgebrauch aufweisen (sozusagen die Peripherie der Peripherie), müssen im Sinne der Konstruktionsgrammatik – wie alle anderen sprachlichen Erscheinungen auch – als konventionalisierte Form-Bedeutungspaare, d. h. als Konstruktionen betrachtet werden. Denn genau genommen „besteht eine strikt konstruktionistische Grammatik aus nichts anderem als einem großen Inventar von konkreten Konstruktionen aller Spezifizierungs- und Komplexitätsgrade, die zueinander in bestimmten Beziehungen […] stehen“ (JACOBS 2008: 12). Oder wie es IMO (2007: 32) treffend formuliert: „Alles wird zum Zeichen“. Phraseme mit form- bzw. inhaltsseitigen Besonderheiten erscheinen somit lediglich als ein (mehr oder weniger besonderer) Konstruktionstyp unter vielen anderen.

Aus konstruktionsgrammatischer Perspektive sind die in formelhaft (ir-)regulären Wortverbindungen auftretenden Phänomene (z. B. Dativ-e, unflektierte Adjektivattribute oder vorangestellte Genitivattribute) auch deshalb nicht „irregulär“, weil in diesem Grammatikmodell so etwas wie (sprachliche) Regeln überhaupt nicht existieren – zumindest nicht in der Form, wie sie in der Generativen Grammatik angenommen werden (vgl. FISCHER/STEFANOWITSCH 2006: 3 und ← 358 | 359 → ZIFONUN 2009: 337f.).275 So hat die Annahme, dass Konstruktionen als einheitliches und allgemeines Strukturformat der Grammatik fungieren,

den entscheidenden Vorteil, dass keine zusätzlichen Mechanismen und Regeln bereitgestellt werden müssen, die notwendig sind, um scheinbar periphere Bereiche der Grammatik (wie Idiome) ebenfalls einzubeziehen und erklären zu können. (ZIEM/LASCH 2013: 18)

Die logische Konsequenz aus der Verwerfung von Regeln ist, dass auch die Vorstellung von einem „regulären“ und „normierten“ außerphraseologischen Sprachgebrauch verworfen werden muss. Der Vergleich mit dem außerphraseologischen Sprachgebrauch bzw. Regelsystem, der die Grundvoraussetzung darstellt, um eine sprachliche Erscheinung überhaupt erst als formelhaft (ir-) regulär klassifizieren zu können, erübrigt sich bzw. kann erst gar nicht gezogen werden. Denn da es konstruktionsgrammatisch gesehen keine (sprachlichen) Regeln gibt, kann es strenggenommen auch keine phraseologischen Erscheinungen geben, die gegen diese verstoßen bzw. die außerhalb der Phraseologie nicht (mehr) vorkommen. So gesehen existieren schlichtweg Konstruktionen mit und Konstruktionen ohne Dativ-e, Konstruktionen mit flektiertem und Konstruktionen mit unflektiertem Adjektivattribut, Konstruktionen mit vorangestelltem und Konstruktionen mit nachgestelltem Genitivattribut etc. Die Unterscheidung zwischen regulären außerphraseologischen und „irregulären“ innerphraseologischen Erscheinungsformen wird damit obsolet und infolgedessen strenggenommen auch die Kategorie der „phraseologischen Irregularitäten“. ← 359 | 360 →

17.4  Konstruktionsmodelle und Modellierbarkeit der Phraseologie

17.4.1  Vorbemerkungen: Die Bandbreite von Konstruktionen und die Frage nach Modellen in der Phraseologie

Eine der wichtigsten Aufgaben der konstruktionsgrammatischen Forschung besteht darin, darzulegen, welche sprachlichen Erscheinungen überhaupt Konstruktionen sind. Aufgrund dessen besitzen detailliertere Untersuchungen einzelner Konstruktionen zurzeit Priorität gegenüber der Analyse ganzer grammatischer Systeme, wobei das längerfristige Ziel darin gesehen wird, „aus der Analyse einzelner Konstruktionen schrittweise die systemischen Eigenschaften des sprachlichen Systems ab[zu]leiten“ (STEFANOWITSCH 2006: 153).276 Die diversen Einzelanalysen der bisherigen konstruktionsgrammatischen Forschung zeigen, dass sich Konstruktionen – wie bereits erwähnt – bezüglich ihres Komplexitäts- und Abstraktionsgrads erheblich voneinander unterscheiden können.

Konstruktionen erstrecken sich von Derivations- und Flexionsmorphemen (z. B. Freund-schaft, schön-er) über Simplizia (z. B. Haus) und Idiome (z. B. jmdn. auf die Palme bringen) bis hin zu abstrakten grammatischen Einheiten (z. B. Argumentstrukturen) und abstrakten syntaktischen Kategorien wie Wortklassen und grammatischen Relationen (z. B. Nomen, Subjekt) (siehe GOLDBERG 2006: 5; FISCHER/STEFANOWITSCH 2006: 6; BOAS 2013: 235 sowie ZIEM/LASCH 2013: 19).277 Darüber hinaus existieren auch Ansätze, die Texten bzw. Gesprächen einen konstruktionalen Charakter zuweisen (siehe u. a. ÖSTMAN 2005; GÜNTHNER 2006, 2010 sowie BÜCKER u. a. 2015): ← 360 | 361 →

Die fließende Skala von Konstruktionen macht nicht an der Grenze der Syntax oder spätestens der Sequenz halt, auch kommunikative Gattungen oder Textsorten können als Konstruktionen beschrieben werden […]. (IMO 2011: 120)278

Konstruktionen bzw. Konstruktionsmodelle finden sich somit auf nahezu „alle[n] linguistischen Beschreibungsebenen“ (FISCHER/STEFANOWITSCH 2006: 6); sie „gelten als die zentralen ‚Bausteine‘“ (ZIEM/LASCH 2013: 1) unseres Sprachsystems und fungieren „als grundsätzliches grammatisches Organisationsprinzip“ (STEFANOWITSCH 2011a: 182).

Aus dem Geschilderten ergibt sich für die Phraseologieforschung eine Frage, die bereits in den 1970er und 1980er Jahren aufgeworfen und kontrovers diskutiert wird: Werden auch (idiomatische) Phraseme systemhaft nach bestimmten strukturell-semantischen Konstruktionsmodellen gebildet, die auf einer Achse zwischen Abstraktheit/Produktivität und Nicht-Abstraktheit/Unproduktivität angesiedelt werden können? Mit anderen Worten: Handelt es sich bei phraseologischen Wortverbindungen vielleicht doch nicht um völlig willkürlich erzeugte, auf kein (produktives) Muster/Modell zurückgehende sprachliche Erscheinungen? Konkret geht es hierbei also um „Ansätze der Modellierung in der Phraseologie“ (FLEISCHER 1982: 197). Auch diesbezüglich ist es notwendig, sowohl theoretisch als auch empirisch vorzugehen, d. h. am konkreten Material zu arbeiten und Einzelanalysen – wie sie in den vorherigen Kapiteln zu finden sind – durchzuführen.

17.4.2  Der Modellbegriff in der Phraseologie

In den Anfängen der Phraseologieforschung wird die Annahme, dass auch Phraseme – wie in der Wortbildung (vgl. FLEISCHER/BARZ 2012: Kapitel 1.7)279 – nach einem bestimmten strukturell-semantischen Modell produziert werden (können), zunächst rigoros abgelehnt (vgl. FLEISCHER 1997a: 193). Die Meinung, Phraseme seien unikal geformt, d. h. vollkommen willkürlich, idiosynkratisch und auf keine Weise nach einem bestimmten Modell bzw. Muster, ist in der ← 361 | 362 → Anfangsphase weit verbreitet; die Nichtmodellierbarkeit gilt lange Zeit als ein phraseologiespezifisches Merkmal (vgl. BURGER u. a. 1982: 62).

In den 1970er und 1980er Jahren sind es dann vor allem die Arbeiten der so-wjetischen Phraseologieforschung, die die „These von der Nichtmodellierbarkeit der Phraseologismen“ (ČERNYŠEVA 1980: 83) infrage stellen und versuchen, „das Systemhafte in der Bildung von Phraseologismen in Form von strukturell-semantischen Modellen dar[zu]stellen“ (ČERNYŠEVA 1980: 87). Die Skepsis an der Unmodellierbarkeit ist laut FLEISCHER (1986: 219) spätestens seit den Arbeiten ČERNYŠEVAS (1970, 1975, 1980, 1984) „sicherlich nicht aufrechtzuerhalten“, denn „[i]n bestimmten Grenzen erscheint eine Modellierung von Phraseolexemen heute möglich“ (FLEISCHER 1986: 219).

Mitte der 1970er Jahre ist es Fix (1974/76), die auf eindrucksvolle Weise die Modellhaftigkeit der Phraseologie aufzeigt, indem sie zahlreiche phraseologische Struktur- bzw. Konstruktionsmodelle herausarbeitet. Für THUN (1978: 183) ist es daher nicht von der Hand zu weisen, dass bereits existierende Phraseme „bei der Bildung neuer Verbindungen Modellwirkung ausüben können“. Auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat der Modellgedanke in der Phraseologie (wohl auch aufgrund der „boomenden“ Konstruktionsgrammatik) nicht an Aktualität verloren. So stellt BURGER (2012: 17) Anfang der 2010er Jahre explizit heraus:

Muster oder Modelle von Formelhaftigkeit spielen eine weit größere Rolle, als man das bisher angenommen hat.

Die bisherigen Ansätze heben dabei immer wieder die Klasse der Modellbildungen bzw. Phraseoschablonen hervor (vgl. FLEISCHER 1997a: 194), bei denen bereits ihre Bezeichnung (Modell, Schablone) auf eine gewisse Musterhaftigkeit hindeutet, nach der es möglich erscheint, „neue“ Phraseme zu erzeugen. Ein Beispiel wäre die Phrasem-Konstruktion es/das ist zum X[substantivierter Infinitiv] (z. B. es/das ist zum Verrücktwerden/Verzweifeln/Heulen), die KIM (2014) aus einem konstruktionsgrammatischen Blickwinkel ausführlich beschreibt. Der Modellcharakter ist auch bei Paarformeln und komparativen Phrasemen zu beobachten, die als „Spezialfälle von Modellbildungen“ (BURGER 2010: 45) aufgefasst werden können (vgl. ČERNYŠEVA 1980: 85f.) und zu denen FLEISCHER (1997a: 103–109) verschiedene syntaktische Grundstrukturen herausarbeitet. Zwei weitere phraseologische Typen, die häufig auf bestimmte Muster zurückzuführen sind, stellen Funktionsverbgefüge, die FLEISCHER (1997a: 134–138) als Phraseoschablonen klassifiziert, und Sprichwörter dar. Für letztere unternimmt GRZYBEK (1984) den Versuch, „aus den unzähligen Exemplaren konstante Bildungstypen verschiedenen Abstraktionsniveaus zu filtern“ (BURGER 2010: 107). Und auch LÜGER (1999: 103–110) betont die syntaktische Musterhaftigkeit satzwertiger Phraseme, indem er überzeugend darlegt, dass ← 362 | 363 → auch bei dieser phraseologischen Klasse häufig bestimmte „Konstruktionsmuster“ bzw. „syntaktische Bildungsmuster“ (LÜGER 1999: 107f.) vorliegen. Verwiesen sei zudem auf SCHEMANN (1993: Kapitel C), der „[d]ie wesentlichen idiomatischen Konstruktionsmuster des Deutschen“ (SCHEMANN 1993: LXIII) anhand zahlreicher Beispiele vorstellt (z. B. „Partizip + sein“ in gut/schlecht/etc. beraten sein oder „Infinitiv + lassen“ in etw. machen lassen).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ebenso wie in der Wortbildung auch im Bereich der Phraseologie bestimmte Modelle existieren, auf deren Grundlage Phraseme gebildet werden und auf die bei der Bildung neuer Phraseme zurückgegriffen werden kann. Zwar gehört nicht jede feste Wendung einem verbreiteten Modell an, „aber jeder Phraseologismus stellt potentiell ein Modell dar, aus dem Serien hervorgehen können“ (BURGER u. a. 1982: 299).280

17.4.3  Modellierbarkeit formelhafter (Ir-)Regularitäten

Aus der genaueren Betrachtung verschiedener formelhafter (Ir-)Regularitäten in den vorangegangenen Kapiteln resultiert folgende Erkenntnis: Nicht nur für unmarkierte Phraseme, sondern auch für Phraseme mit „Irregularitäten“ existieren (syntaktische) Baumuster, im Rahmen derer diese auftreten bzw. gebildet werden (können). Hierbei handelt es sich nicht nur um vollkommen geschlossene, volllexikalisierte, sondern auch um offenere, abstraktere Konstruktionsmodelle.

Es ist daher möglich, nicht nur Konstruktionen generell, sondern auch for-melhaft (ir-)reguläre Phraseme auf einer Skala zwischen geringer und hoher Abstraktheit und somit geringer und hoher Produktivität anzuordnen. Bei diesen speziellen Wortverbindungen handelt es sich also nicht (nur) – wie allgemein angenommen – um völlig erstarrte, nichtmodellierbare und unproduktive Erscheinungen. Diese Beobachtung widerlegt darüber hinaus abermals die These der Nichtmodellierbarkeit von Phrasemen im Allgemeinen. Übersicht 17–1 zeigt die graduelle Verteilung verschiedener formelhaft (ir-)regulärer Wendungen bezüglich ihres Produktivitätsgrads und damit korrespondierend ihre Position im Lexikon-Grammatik-Kontinuum: ← 363 | 364 →

Übersicht 17-1:  Produktivität formelhaft (ir-)regulärer Wendungen und ihre Stellung im Lexikon-Grammatik-Kontinuum

image

Konstruktionen mit formelhaften (Ir-)Regularitäten weisen verschiedenste Grade an Produktivität auf.281 Die graduelle Verteilung zwischen 0-Produktivität und hoher Produktivität spiegelt zugleich die Skala zwischen Lexikon und Grammatik wider. Im Falle des vorliegenden Untersuchungsgegenstands zeigt sich, dass sowohl völlig unproduktive (z. B. Sprichwörter) als auch hochproduktive Konstruktionen (z. B. grammatische Phraseme) existieren, in denen formelhafte (Ir-)Regularitäten auftreten. Zwischen diesen beiden Extrempolen finden sich formelhaft (ir-)reguläre Wendungen, deren Leerstellencharakter eine geringe bis mittlere Variabilität aufweist, die also nicht völlig unproduktiv, aber auch nicht über alle Maße (hoch-)produktiv sind.

Als Konstruktionen, die keine Produktivität aufweisen und die daher dem Lexikon angehören, kommen u. a. formelhafte (Ir-)Regularitäten infrage, die innerhalb von Sprichwörtern auftreten (z. B. Gut Ding will Weile haben); diese sind aus dem Grund unproduktiv, weil Sprichwörter als abgeschlossene, ganze Sätze volllexikalisierte Konstruktionen darstellen, weshalb sie auch als „Mikrotexte“ ← 364 | 365 → (BURGER 2010: 106) bezeichnet werden.282 Unter geringer Produktivität betrachte ich in Anlehnung an ZIEM/LASCH (2013: 105) Wendungen, die lexikalisch teilspezifiziert sind, und zwar insofern, als sie einen festen verbalen Kern aufweisen, ihre – aus valenztheoretischer Sicht – geforderten Ergänzungen aber bei jeder individuellen Verwendung mehr oder weniger frei besetzt werden können (z. B. jmd. belehrt jmdn. eines Besseren). Noch produktiver sind demgegenüber Modellbildungen, in denen nicht nur bestimmte Satzglieder frei besetzt werden können, sondern auch Teile der phraseologischen Nennform Leerstellen aufweisen, die in der Rede durch verschiedenes lexikalisches Material aufgefüllt werden können (z. B. jmd. bekommt/kriegt (von jmdm.) eine X[Partizip-II]). Am Grammatikpol befinden sich einige grammatische Phraseme, die deshalb formelhaft (ir-)regulär sind, weil sie phraseologisch gebundene Komponenten aufweisen (z. B. entweder […] oder […]); während oder auch außerhalb dieser speziellen grammatischen Konstruktion vorkommt, tritt entweder in 94% der Belege in Verbindung mit oder auf (siehe Anhang 1), weshalb von einem unikalen Element gesprochen werden kann.

Die vorliegende Arbeit orientiert sich an der konstruktionsgrammatischen Methodik der Einzelanalyse bestimmter Konstruktionen, indem innerhalb der Kapitel regelmäßig detailliert auf einzelne Phraseme eingegangen wird. Beispielsweise findet sich im Kapitel über nachgestellte Adjektivattribute die Analyse der Konstruktion X[Nomen] pur/satt/brutal, im Kapitel zu vorangestellten Genitivattributen die Betrachtung der Modellbildung jedermanns X[Nomen] und im Kapitel zu Artikel(ir)regularitäten eine ganze Reihe an verschiedenen phraseologischen Modellen, in denen Nullartikel auftreten – nicht zu vergessen die fast durchweg auf Modellen basierende Pronomen(ir)regularität. Insgesamt – so legen die Einzelanalysen offen – existieren auch innerhalb der einzelnen Klassen an formelhaften (Ir-)Regularitäten Abstufungen zwischen stark lexikalisierten Wendungen und solchen, die nach einem bestimmten Strukturschema erzeugt werden (können): Beispielsweise ist das geflügelte Wort Es ist etwas faul im Staate Dänemark, in dem die formelhafte (Ir-)Regularität des Dativ-e auftritt, ← 365 | 366 → aufgrund seines satzwertigen Zitatcharakters in seiner lexikalischen Besetzung kaum variabel und somit unproduktiv. Demgegenüber stellt die Modellbildung zu Tode X[Nomen], in der ebenfalls eine Dativ-e-Endung vorkommt, eine überaus produktive Konstruktion dar. Auch bei Phrasemen mit Unikalia ist diese Produktivitätsverteilung zu beobachten: Während das Sprichwort Jedem Tierchen sein Pläsierchen nicht produktiv ist, existieren in Kontrast dazu – wie weiter oben bereits gezeigt – auch grammatische Phraseme mit unikalen Komponenten (z. B. […] geschweige denn […]), die aufgrund ihres ausgeprägten Leerstellencharakters als hochproduktiv angesehen werden können.

Aus Perspektive der Analyse (nicht der Synthese) verkörpern formelhafte (Ir-)Regularitäten in Gestalt ihrer spezifischen strukturellen Charakteristik bereits eine Art Modell. Genauer gesagt: Die Nicht-Flexion des Adjektivattributs, die Markierung des Dativs durch ein -e, die Voranstellung des Genitivattributs, die Realisierung einer Adverbialphrase im Genitiv etc. sind für sich genommen in gewisser Weise (musterhafte) Strukturmodelle, weil sie nach bestimmten strukturellen Besonderheiten geformt sind bzw. ihre Kategorisierung als formelhafte (Ir-)Regularität ausschließlich davon abhängt, ob sie die in der vorliegenden Arbeit vorgestellten Besonderheiten aufweisen oder nicht. Formelhafte Wendungen, in denen „irreguläre“ Strukturen auftreten, sind somit „Konstruktionsgerüste“ (Fix 1974/76: 41), sprich „Konstruktionsweisen, die nur in Phraseologismen vorkommen“ (FLEISCHER 1986: 219).

Ein zugegebenermaßen stark abstrahiertes Konstruktionsgerüst bzw. Strukturmodell von formelhaft (ir-)regulären Wortverbindungen sehe so aus, dass dieses lediglich die spezifische „irreguläre“ Besonderheit beinhaltet. Für Phraseme mit vorangestelltem Genitivattribut würde das beispielsweise bedeuten, dass das Modell eine Nominalphrase mit vorangestelltem Genitivattribut aufweist (X[Genitivattri but] Y[nominales Bezugswort]). Ein Strukturmodell von Phrasemen mit unflektiertem vorangestelltem Adjektivattribut müsste dagegen eine Nominalphrase der folgenden Art enthalten: X[unflektiertes Adjektivattribut] Y[nominales Bezugswort]. Auf Grundlage dieser Überlegung liegt die Vermutung nahe, dass durch solche abstrakten Schemata, die lediglich die Ausprägung der formelhaften (Ir-)Regularität als not-wendigen Bestandteil beinhalten, auch aus synthetischer Sicht gänzlich neue for-melhaft (ir-)reguläre Wendungen erzeugt werden können (wie z. B. die in Kapitel 6.5.1 analysierte Konstruktion lecker X[Nomen]). Bei den „Irregularitäten“ handelt es sich aber nur um notwendige Bestandteile, die bei der Modellierung eines neuen „irregulären“ Phrasems vorhanden sein müssen, und nicht um hinreichende. Denn die Tatsache allein, dass ein Sprecher eine Wortverbindung gebraucht, in der das Genitivattribut vorangestellt, das Adjektiv nicht flektiert oder der Dativ ← 366 | 367 → durch ein -e gekennzeichnet ist, macht diese Wortverbindung nicht automatisch zu einer formelhaften. Erst bei einer Usualisierung, sprich einer gewissen Festigkeit, kann von einer neuen formelhaft (ir-)regulären Wendung gesprochen werden.

Einschränkend muss angemerkt werden, dass die Kreierung neuer Phraseme mit formelhaften (Ir-)Regularitäten im Sinne von Modellen der Synthese (sprich: von Modellen der Bildung) aufgrund des diachronen/historischen Status dieser Erscheinungsformen dennoch nur schwer vorstellbar ist, weil diese grammatischen Konstruktionen dem heutigen Durchschnittssprecher weitgehend nicht (mehr) bewusst sind bzw. er diese nicht (mehr) gebraucht. Ausnahmen wie beispielsweise die produktive neuartige Konstruktion X[Nomen] pur/satt/brutal sind jedoch ein Beweis dafür, dass die Hervorbringung neuer Phraseme mit formelhaften (Ir-)Regularitäten auch im Gegenwartsdeutsch nicht vollkommen im Bereich des Unmöglichen liegt (siehe Kapitel 16.3.4 sowie SCHMIDT 1998: 91–93). Hierbei spielen wohl vor allem auch – bisher weitgehend unterschätzte – Analogiebildungsprozesse eine große Rolle (vgl. FLEISCHER 1997a: 197; TOMASELLO 2006: 29 sowie SCHNEIDER 2014: 366).

17.4.4  Modellierbarkeit versus „Irregularität“

Dass auch formelhaft (ir-)regulären Wendungen ein strukturelles Konstruktionsschema zugrunde liegen kann, spricht dafür, deren „irregulären“ Charakter zu überdenken. Wird eine sprachliche Erscheinung nach bestimmten Mustern gebildet bzw. beruht ihre Existenz auf Modellen, so ist es äußerst fragwürdig, diese als „irregulär“ zu bezeichnen, da die strukturelle Modellhaftigkeit auf gewisse „Gesetzmäßigkeiten“ (FELLBAUM u. a. 2004: 189) schließen lässt.283 Der modellartige – nach gewissen Regelmäßigkeiten konstituierte – Charakter, der de facto zur Produktivität der Konstruktion beiträgt (vgl. FELLBAUM u. a. 2004: 189), widerspricht dem Attribut der „Irregularität“, das diesen festen Wortverbindungen anhaftet. Selbst Phraseme mit „Irregularitäten“ besitzen als modellartige Konstruktionen das Potenzial, als Grundlage für die Erschaffung neuer Phraseme zu fungieren.

Der Befund, dass nicht nur bei gewöhnlichen, unmarkierten, sondern auch bei formelhaft (ir-)regulären Phrasemen eine gewisse Modellierbarkeit zu beobachten ist, sollte ein Anreiz dafür sein, „die Regelmäßigkeiten in der Erzeugung bzw. Generativität dieser sekundären sprachlichen Zeichen zu erschließen“ ← 367 | 368 →ERNYŠEVA 1980: 86). In Anlehnung an DOBROVOLSKIJ (1989b: 77) muss daher betont werden, dass die Erforschung formelhafter (Ir-)Regularitäten auf der einen Seite zwar „[v]om theoretischen Standpunkt aus […] einen nichttrivialen Beitrag zur ‚Linguistik der Irregularitäten‘ [leistet]“, auf der anderen Seite sich das (Forschungs-)Interesse aber nicht nur auf die „Abweichungen“ als solche beschränken sollte. Vielmehr ist es notwendig, die „Regelmäßigkeiten innerhalb dieser angeblichen Abweichungen“ (COSERIU 1994: 160; Hervorhebung im Original) in den Mittelpunkt zu stellen – so wie es auch in der vorliegenden Arbeit präferiert wird.

Im Endeffekt kommt es auch darauf an, aus welcher Perspektive man sich diesem Untersuchungsbereich nähert, d. h. was genau man als „irregulär“ ansieht bzw. unter „Irregularität“ versteht: Ist man der Auffassung, eine sprachliche Erscheinung könne bereits dann als „irregulär“ charakterisiert werden, wenn innerhalb dieser strukturelle und/oder semantische Besonderheiten realisiert sind, die außerhalb der Phraseologie nicht (mehr) auftreten, dann besitzt der Terminus der „Irregularität“ möglicherweise seine Berechtigung.284 Ist man aber der Überzeugung, dass einzelne Besonderheiten innerhalb des Phrasems für eine Irregularitätszuweisung nicht ausreichend sind, sondern vielmehr die Konstruktion als Ganze betrachtet werden sollte, so kann man – aus Sicht der Konstruktionsgrammatik und aufgrund ihrer Modellierbarkeit sowie Produktivität – die in der vorliegenden Arbeit behandelten Phraseme keineswegs als „irreguläre“ sprachliche Erscheinungen bezeichnen.

17.5  Die kognitive Perspektive, oder: Warum leistet sich eine Sprachgemeinschaft den „Luxus“, „irreguläre“ Formen zu tradieren?

Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, warum sich eine Sprachgemeinschaft überhaupt den „Luxus“ leistet, „irreguläre“ sprachliche Erscheinungen, sprich formelhafte (Ir-)Regularitäten zu tradieren. Dieser Frage liegt der Gedanke zugrunde, ob es (kognitiv) nicht ökonomischer wäre, wenn es in einem synchronen Sprachabschnitt solche sprachlichen Rudimente, die in irgendeiner Form der vorherrschenden außerphraseologischen Norm widersprechen, nicht geben würde. Zur Beantwortung dieser Frage werden zwei Ansätze präsentiert: zum einen ein Ansatz, der das phraseologische Merkmal der Festigkeit fokus ← 368 | 369 → siert, und zum anderen ein Ansatz, in dem konstruktionsgrammatische Überlegungen zum mentalen Lexikon als Erklärung herangezogen werden:

1)  Phraseologische Festigkeit: Die Tradierung älterer grammatischer Phänomene in Phrasemen wird in erster Linie durch die (strukturelle und psycholinguistische) Festigkeit dieser Wortverbindungen ermöglicht. Phraseme mit formelhaften (Ir-)Regularitäten stellen historisch gewachsene sprachliche Erscheinungen dar. Sie werden im Laufe der (Verfestigungs-)Zeit „als fertige komplexe Einheiten gespeichert, und zwar im mentalen Lexikon des Sprachteilhabers“ (STEIN 1995: 35). Formelhaft (ir-)reguläre Wendungen müssen demnach „weder form- noch inhaltsseitig erst erschlossen werden; sie sind vielmehr als Gestalten kognitiv präsent“ (ZIEM/LASCH 2013: 82). Auch FILATKINA (2013: 38) betont, dass „irreguläre“ veraltete Formen ihre Bewahrung „der verfestigten – eben formelhaften – Struktur verdanken“.285 Zudem stellen „irreguläre“ Formen aufgrund ihrer (psycholinguistischen) Festigkeit keinerlei Gebrauchsschwierigkeiten für die Sprecher dar (vgl. FILATKINA 2013: 38), was die Frage des Sich-Leistens von formelhaften (Ir-) Regularitäten im Grunde pulverisiert. Bei formelhaften (Ir-)Regularitäten handelt es sich keineswegs um etwas schwer Verständliches, den Sprachfluss Störendes. Das in der Morphologie präferierte Kriterium der Gebrauchsfrequenz, um den Erhalt „irregulärer“ Verben zu erklären (z. B. denkendachte) (vgl. NÜBLING u. a. 2010: 55–58), spielt bei formelhaften (Ir-)Regularitäten keine erkennbare Rolle. Denn auch niedrigfrequente Phraseme – so zeigt es die Korpusanalyse – können „irreguläre“ Besonderheiten aufweisen bzw. tradieren. Beispielsweise tritt die mit vorangestelltem Genitivattribut realisierte Wendung auf (des) Messers Schneide stehen 3.980mal im DEREKO auf, die Wendung da(rüber) schweigt des Sängers Höflichkeit, in der ebenfalls die Genitivvoranstellung bewahrt ist, jedoch nur 82mal. Und auch bei der formelhaften (Ir-)Regularität des Dativ-e zeigt die Analyse, dass die Gebräuchlichkeit keinen augenfälligen Faktor für die Bewahrung der besonderen Kasusform darstellt (siehe Kapitel 5.3.3). Es lässt sich also konstatieren: Die These, dass sich formelhafte (Ir-)Regularitäten deswegen halten (können), weil die Phraseme, in denen sie realisiert sind, eine hohe Gebrauchsfrequenz haben, kann nicht durch die empirischen Befunde bestätigt werden. Die Gebrauchsfrequenz steht in keinem Zusammenhang mit der „irregulären“ Ausprägung. Die Tradierung älterer „irregulärer“ Verhältnisse innerhalb von ← 369 | 370 → Phrasemen liegt vielmehr in der stabilisierenden und festen Struktur der Wendungen selbst begründet, die zwangsläufig zur kognitiven Verankerung und somit auch zum Fortbestehen dieser besonderen sprachlichen Erscheinungsformen einen entscheidenden Beitrag leistet.

2)  Konstruktionsverarbeitendes kognitives System: Ein Argument, das die Frage beantworten kann, warum sich eine Sprachgemeinschaft „irreguläre“ Formen leistet, kann auch aus konstruktionsgrammatischer Richtung angeführt werden. Statt – wie in den meisten generativen Ansätzen – zwei verschiedene mentale Verarbeitungssysteme anzunehmen (zum einen eines, das regelhafte Strukturen verarbeiten kann, und zum anderen eines, das für Idiosynkrasien zuständig ist), gehen konstruktionsgrammatische Ansätze von einem einzigen System aus, das sowohl regelmäßige als auch „irreguläre“ Erscheinungsformen abdeckt:

     Ein System, das irreguläre und idiomatische Strukturen verarbeiten kann, ist logischerweise auch in der Lage, regelhafte und kompositionelle Strukturen zu verarbeiten, denn letztere unterscheiden sich von ersteren ja nur durch ihre weniger starken syntaktischen und semantischen Beschränkungen. (STEFANOWITSCH 2011a: 182)

     Entscheidend ist dabei die Tatsache, dass ein System, das in der Lage ist, „irreguläre“ Strukturen zu verarbeiten, zwar auch imstande ist, regelmäßige zu verarbeiten, ein regelverarbeitendes System jedoch nicht ohne weiteres „irreguläre“ Strukturen verarbeiten kann (vgl. STEFANOWITSCH 2011a: 198f.). STEFANOWITSCH (2011a: 201) argumentiert daher, dass es unökonomisch wäre, zu dem ohnehin existierenden System, das strukturell und/oder semantisch nicht voll regelhafte Strukturen repräsentiert und zu deren Verarbeitung beiträgt, ein weiteres, regelverarbeitendes System anzunehmen. Gemeinhin wird das in der Konstruktionsgrammatik entwickelte System als „Konstruktikon“ bezeichnet (vgl. ZIEM/LASCH 2013: 95 sowie BOAS 2014: 65–79). In diesem bilden die Konstruktionen einer Sprache mental abgespeicherte Einheiten und sind auf vielfältige Art und Weise miteinander vernetzt (vgl. ZIEM 2014b: 23). Durch diese kognitiv orientierte Überlegung relativiert sich in hohem Maße der Irregularitätscharakter der in der vorliegenden Arbeit behandelten Phänomene, da diese zusammen mit regelmäßig-gebildeten Erscheinungsformen in einem einzigen Modell verarbeitet werden und somit „mit dem gleichen Instrumentarium wie regelhafte Strukturen beschrieben werden können“ (DIEWALD 2006: 85). Auf der kognitiven (Verarbeitungs-)Ebene lassen sich somit keinerlei Unterschiede zwischen „irregulären“ Phrasemen und „regulären“ sprachlichen Einheiten ausmachen. Wie die übrigen Konstruktionen auch sind Wortverbindungen mit „Irregu ← 370 | 371 → laritäten“ „kognitiv verfestigt“ (ZIEM/LASCH 2013: 42). Ob es sich nun um ein Phrasem mit oder ohne „Irregularität“ oder sogar um eine abstrakte Argumentstruktur handelt, ist aus konstruktionsgrammatischer Perspektive für den mentalen Verarbeitungsprozess irrelevant; als sprachliche Zeichen, d. h. als Form-Bedeutungspaare müssen alle Konstruktionen gelernt werden und stellen demzufolge „(sozio-)kognitive Einheiten“ (ZIEM/LASCH 2013: 38; Hervorhebung im Original) dar, die im Konstruktikon abgelegt sind. Statt also die Auffassung zu vertreten,

     dass Sprache regelgestützt ist, und alles, was diesen Regeln nicht gehorcht, ins Lexikon abzuschieben, sollte die Sprachwissenschaft mit der einfacheren Hypothese anfangen, dass die kognitiven Prozesse, die uns die Verarbeitung von idiosynkratischen Konstruktionen auf den verschiedensten Komplexitäts- und Abstraktionsstufen ermöglichen, auch zur sehr viel weniger anspruchsvollen Verarbeitung regelhafter Strukturen befähigen. (STEFANOWITSCH 2011a: 207f.)

     Als weiteres Argument, das eng mit dem vorher Geschilderten verknüpft ist, kann die konstruktionsgrammatische Annahme angeführt werden, dass „es […] kein sprachspezifisches angeborenes Wissen [gibt]“ (FISCHER/STEFANOWITSCH 2006: 5). Geht man von dieser spracherwerbstheoretischen Perspektive aus, so können Menschen, die Konstruktionen lernen, ohnehin nicht unterscheiden, was „reguläre“ und was „irreguläre“ Strukturen einer Sprache sind. Im Grunde muss jede Konstruktion in gleicher Weise gelernt, gespeichert, verarbeitet und im konkreten Sprachgebrauch reproduziert werden; ob es sich dabei um regelmäßige oder (scheinbar) „irreguläre“, idiosynkratische Konstruktionseinheiten handelt, macht demnach keinen (gravierenden) Unterschied.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es zum einen das phraseologiespezifische Merkmal der (psycholinguistischen) Festigkeit ist, das zur Bewahrung älterer, „irregulärer“ Sprachformen innerhalb von festen Wortverbindungen beiträgt. Durch ihre kognitive Verankerung sind formelhaft (ir-)reguläre Phraseme für die Sprecher nichts Auffälliges, was sie in irgendeiner Weise kommunikativ beinträchtigen könnte. Aufgrund der phraseologischen Festigkeit sind sie nur die logische Folge des natürlichen Wesens der Phraseologie. Zum anderen kann man die Frage, warum sich eine Sprachgemeinschaft solche „irregulären“ Erscheinungen leistet, auch mithilfe eines kognitiv orientierten konstruktionsgrammatischen Ansatzes erklären. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Wir können uns solche phraseologischen Besonderheiten „leisten“, weil unser sprachverarbeitendes kognitives System in der Lage dazu ist. ZIEM/LASCH (2013: 81) stellen dies explizit heraus, wenn sie auf der einen Seite angesichts des großen ← 371 | 372 → Umfangs idiomatischer und grammatisch „irregulärer“ Sprachstrukturen darauf verweisen, dass

es offensichtlich sprachlich-kognitive Mechanismen [gibt], die es den Mitgliedern einer Sprachgemeinschaft ermöglichen, auch solche ‚idiosynkratischen‘ Strukturen zu lernen und zu verarbeiten,

und auf der anderen Seite die Sonderstellung dieser idiosynkratischen Strukturen gegenüber anderen Konstruktionen aufgrund ihres gemeinsamen konstruktionalen Charakters relativieren:

In der Konstruktionsgrammatik werden auch diese konstruktionsbasiert erfasst und beschrieben. Insofern sich ihre Form- oder Bedeutungsseite nicht aus konventionellen Form- oder Bedeutungsaspekten der Teilausdrücke ableiten lässt, unterscheiden sie sich nicht von anderen Konstruktionen. (ebd.; Hervorhebung im Original)

17.6  Exkurs: Konstruktionsgrammatik und Phraseologie – eine kritische Bilanz

An dieser Stelle kann eine grundlegende Kritik an den (frühen) konstruktionsgrammatischen Arbeiten nicht ausgespart bleiben: Die wegweisenden konstruktionsgrammatischen Werke Ende der 1980er Jahre und Anfang der 1990er Jahre lassen fast durchweg einschlägige Arbeiten der Phraseologie unberücksichtigt; trotz der zentralen Rolle von Phrasemen und phraseologischen Beschreibungskategorien innerhalb (der Begründung und Weiterentwicklung) der Konstruktionsgrammatik ist die Rezeption phraseologischer (Standard-)Werke vonseiten der konstruktionsgrammatischen Forschung überschaubar bzw. in einigen Fällen überhaupt nicht vorhanden. Dies ist verwunderlich, werden doch teilweise zentrale Ideen, Ansatzpunkte und Grundannahmen der Konstruktionsgrammatik bereits in einigen phraseologischen Studien der 1960er, 1970er und 1980er Jahre aufgeworfen. Angesichts dessen merken CROFT/CRUSE (2004: Anmerkung 1) in Bezug auf FILLMORE u. a. (1988) kritisch an:

Fillmore et al. were not the first linguists to analyze idioms in a systematic way. There is a vast literature on idioms, particularly in Europe where the study of idioms is called ‘phraseology’. Another important line of research on idiomatic expressions is the Firthian research on collocations. Nor were Fillmore et al. the first to perceive the problem of idioms for a componential model of grammar, and to propose an alternative […]. However, as in the case of many scientific ideas, variants of the idea are proposed independently but commonly only one variant is propagated through the scientific community […].

Nach CROFT/CRUSE (2004: 231) besteht ein erhebliches Defizit der Konstruktionsgrammatik somit darin, die weit zurückreichende Forschungstradition der ← 372 | 373 → (europäischen) Phraseologie außer Acht gelassen zu haben. Diese Nichtbeachtung zeugt geradezu von einer gewissen akademischen Ignoranz und erscheint aus phraseologischer Perspektive recht unbefriedigend und ernüchternd.286 Denn obwohl es vor allem Phraseme sind, die als zentrale und fundamentale Einheiten der Konstruktionsgrammatik fungieren und dieser einen erfolgreichen Start überhaupt erst ermöglichten (vgl. GRIES 2008: 14f.), sucht man innerhalb der frühen konstruktionsgrammatischen Studien vergeblich nach einer soliden Aufbereitung und Übernahme bereits vorhandener (europäischer) phraseologischer Arbeiten.

Darüber hinaus stellen die vier binären Parameter, die FILLMORE u. a. (1988: 504–506) für ihre Idiomeinteilung vorschlagen, innerhalb der Phraseologie keineswegs vollkommen neue Kategorien dar. Alle vier Begriffspaare (encoding idioms versus decoding idioms, grammatical idioms versus extragrammatical idioms, substantive idioms versus formal idioms, idioms with pragmatic point versus idioms without pragmatic point) haben ihren (phraseologischen) Ursprung bereits weit vor der konstruktionsgrammatischen Aufarbeitung. Übersicht 17–2 verdeutlicht dies:

Übersicht 17-2:  Idiom-Eigenschaften nach FILLMORE u. a. (1988) und entsprechende Ansätze der (germanistischen) Phraseologie

Eigenschaften nach FILLMORE u. a. (1988)

Bedeutung der einzelnen Eigenschaften (nach EVANS/GREEN 2006: 645)

bereits existierende phraseologische AnsÖtze

ENCODING vs. DECODING idioms

ENCODING = meaning may be predicted, but not conventionality DECODING = neither meaning nor conventionality can be predicted

motivierbare vs. nicht-motivierbare Idiome (BURGER 1973); Unterteilung in nicht-, teil- und voll-idiomatische Phraseme (BURGER u. a. 1982)

← 373 | 374 →

GRAMMATICAL vs. EXTRAGRAMMATICAL idioms

GRAMMATICAL = obeys the rules of grammar

EXTRAGRAMMATICAL = does not obey the rules of grammar

phraseologische Irregularitäten (BURGER 1973; FLEISCHER 1982)

SUBSTANTIVE vs. FORMAL idioms

SUBSTANTIVE = lexically filled FORMAL = lexically open

Modellbildungen (HÖUSERMANN 1977); Phraseoschablonen (FLEISCHER 1982)

idioms WITH and WITHOUT PRAGMATIC POINT

PRAGMATIC point = specific pragmatic function

NO PRAGMATIC point = pragmatically neutral

pragmatische Idiome (BURGER 1973); Routineformeln (COULMAS 1981b)

image

image

Es muss explizit hervorgehoben werden, dass ich FILLMORE u. a. (1988) sowie anderen Konstruktionsgrammatikern keinesfalls unterstellen möchte, sie hätten sich nicht ausreichend mit den bereits existierenden Erkenntnissen der Phraseologieforschung auseinandergesetzt. Ich möchte lediglich aufzeigen, dass bestimmte Ansätze, die vor allem zu Beginn der Konstruktionsgrammatik von entscheidender Wichtigkeit waren, in weiten Teilen bereits fester Bestandteil der (europäischen) Phraseologieforschung gewesen sind. So könnten böse Zungen behaupten, die Konstruktionsgrammatik habe – zumindest zu Beginn ihrer Entwicklung – bezüglich diverser Überlegungen lediglich alten Wein aus neuen Schläuchen verkauft. Diese These ist selbstverständlich etwas überspitzt formuliert angesichts der Tatsache, dass sich die Konstruktionsgrammatik nicht nur auf Phraseme beschränkt (vgl. DOBROVOLSKIJ 2011: 111). Der Grundtenor kann aber nicht völlig abgestritten werden, weshalb ROSTILA (2012: 264) aus Sicht eines „traditionsbewussten Phraseologen“ die gewollt provokante Frage aufwirft, ob „die KxG der Phraseologieforschung überhaupt etwas zu bieten haben kann“.

Meiner Ansicht nach hat die Konstruktionsgrammatik – sei es nun aus der Sicht eines traditionsbewussten oder weniger traditionsbewussten Phraseologen – sicherlich „etwas zu bieten“, das für die Phraseologie von Vorteil sein kann: Zum einen vermag sie es, die in weiten Teilen der Linguistik immer noch vorherrschende Meinung über den peripheren Status phraseologischer Wortverbindungen im Sprachsystem infrage zu stellen, indem sie der Phraseologie bzw. der formelhaften Sprache eine zentrale Stellung innerhalb ihres Grammatikmodells zuweist. Und zum anderen leistet sie gerade mit der Integration phraseologischer Wortverbindungen in ihr Grammatikmodell ← 374 | 375 → einen entscheidenden Beitrag dazu, der Phraseologie eine bis dato kaum vorhandene breite theoretische Basis zu verleihen.

Trotzdem wäre es – auch aus Sicht weniger traditionsbewusster Phraseologen – wünschenswert, wenn die Konstruktionsgrammatik (noch) stärker phraseologische Arbeiten rezipieren und für ihre Untersuchungen fruchtbar machen würde. So hätten die frühen Konstruktionsgrammatiker zumindest auf das Konzept der sogenannten Modellbildungen bzw. Phraseoschablonen zurückgreifen können, das bereits in frühesten Werken der Phraseologie etabliert ist. Als Modellbildungen werden teillexikalisierte Konstruktionen verstanden, denen ein syntaktisches Strukturschema zugrunde liegt, dem „eine konstante semantische Interpretation“ (BURGER 2010: 44) zugewiesen ist und dessen Leerstellen durch verschiedenes lexikalisches Material mehr oder weniger frei besetzt werden können. Als Beispiele führt FEILKE (1996: 220) u. a. X oder Y (Geld oder Leben) und ein(e) X von Y (eine Frau von Welt, ein Mann von Format) an.

Auf diese besondere Klasse an Phrasemen, die im „Grenzbereich der Phraseologie zur Syntax“ (FLEISCHER 1997a: 130f.) anzusiedeln ist und in der laut WILDGEN (2008: 145) „die Konstruktionsgrammatik ihre Fundamente hat“, wird in der europäischen Phraseologieforschung bereits relativ früh – weit vor den ersten Schriften der Konstruktionsgrammatik – aufmerksam gemacht. Mit FLEISCHER (1997a: 131) und DOBROVOLSKIJ (2011: 114, 2012: 327f.) kann u. a. auf folgende Werke verwiesen werden: ŠVEDOVA (1960, 1980); EGOROV (1967); ČERNYŠEVA (1970, 1975, 1980); RAJCHŠTEJN (1973); OŽEGOV (1974); ŠMELEV (1977); HÄUSERMANN (1977); LEONIDOVA (1978); ECKERT (1979); BOGUSLAVSKIJ/IOMDIN (1982); FLEISCHER (1982) und BURGER u. a. (1982).

Die Parallele zum Konstruktionsbegriff der Konstruktionsgrammatik ist offensichtlich. So verwendet FLEISCHER (1982: 135f.) sogar den Terminus „Konstruktion“, wenn er dem syntaktischen „Konstruktionsmodell“ eine „vom entsprechenden nicht-idiomatischen Modell abweichende, irreguläre Bedeutung“ zuspricht. Modellbildungen stellen somit Konstruktionen par excellence dar. Ihnen liegt ebenso wie Konstruktionen im konstruktionsgrammatischen Sinne

ein abstraktes semantisch typisiertes Ausdrucksmodell zugrunde, das allerdings an die syntaktische Konstruktion gebunden und darüber hinaus pragmatisch sprechakt- und kontextbezogen geprägt ist. (FEILKE 2007: 67)

Auch wenn die Konstruktionsgrammatik in Zukunft vermutlich einen größeren Einfluss auf die Phraseologie haben wird, sollte sich die Phraseologie „nun aber nicht der Konstruktionsgrammatik ergeben“ (STEYER 2013: 348). Denn nicht nur Ideen und Methoden der Konstruktionsgrammatik erweisen sich für die Phra ← 375 | 376 → seologie als besonders nützlich und wirksam (vgl. DOBROVOLSKIJ 2011: 111), auch umgekehrt kann die Phraseologie der Konstruktionsgrammatik hilfreiche Konzepte und Analyseverfahren zur Verfügung stellen. Für die Zukunft bleibt also zu hoffen, dass zwischen beiden Bereichen ein reger Austausch herrschen wird und sie sich gegenseitig positiv beeinflussen werden. ← 376 | 377 →


271  Zum Zeichencharakter natürlicher Sprachen vgl. TAYLOR (2012: 121; Hervorhebung im Original): „Language is, of cource, a sign system par excellence.“

272  Zur Rolle der Nicht-Kompositionalität bei der Identifikation und Definition von Konstruktionen siehe RÖDEL (2014).

273  Ähnlich auch JACKENDOFF (1997: 177): „There are too many idioms and other fixed expressions for us to simply disregard them as phenomena ‚on the margin of language.‘“ Aus phraseologischer Perspektive BURGER (1973: 8): „Vermutlich wäre es irrig, die Phraseologismen nur als Grenzfall zu behandeln.“

274  Generell zur Phraseologie aus Sicht der Generativen Grammatik siehe u. a. HELLER (1973); LIPKA (1974) und KUIPER (2004).

275  Die These, dass es innerhalb der Konstruktionsgrammatik keine sprachlichen Regeln gibt, muss nach ROSTILA (2011: 123) dahingehend relativiert werden, dass „Konstruktionen […] keineswegs Regeln ab[schaffen]; sie sind vielmehr eine Weise, Regeln darzustellen […].“ Nach ihr hat die konstruktionsgrammatische Regelbetrachtung jedoch folgenden Nutzen: „Im Gegensatz zu starren mathematischen Regelauffassungen wie die der Generativen Grammatik Chomsky’scher Prägung ermöglichen es Konstruktionen, die oft weniger als 100-prozentige Anwendbarkeit und die veränderliche Natur sprachlicher Regeln zu berücksichtigen […]“ (ebd.). Zur Dichotomie „(lexikalische) Regeln versus Konstruktionen“ siehe auch CROFT (2003).

276  Für die exakte Beschreibung einzelner Konstruktionen bietet sich nach STEFANOWITSCH (2006: 174) die – auch in der vorliegenden Arbeit bevorzugte – Methode der Korpusanalyse als „eine ideale methodische Grundlage für die Konstruktionsgrammatik“ an. Wie eine solche Analyse einer einzelnen Konstruktion aussehen kann, demonstriert beispielsweise BÜCKER (2012) auf sehr ausführliche Weise anhand der „Nicht-finiten Prädikationskonstruktion“ (z. B. Ich…eine Kontaktanzeige.? Promotion? Ich? und Ich und schlafen?) (vgl. BÜCKER 2012: 1).

277  Wortarten und grammatischen Relationen wird nicht in allen Ansätzen der Konstruktionsgrammatik ein Konstruktionsstatus zugesprochen. So sind es primär die gebrauchsbasiert-kognitiven Ansätze, die Wortarten und grammatische Relationen als Konstruktionen betrachten (vgl. ZIEM/LASCH 2013: Anmerkung 18).

278  Zur Ausweitung des Konstruktionsbegriffs über die Satzgrenze hinaus vgl. auch IMO (2015: 93): „Wenn man das zeichenbasierte Postulat der Konstruktionsgrammatik ernst nimmt, so müssen alle sprachlichen Ebenen von der Phonologie über die Morphologie und Syntax bis hin zur Text-, Sequenz- und Gesprächsebene […] unter dieser Perspektive beschrieben werden können.“

279  Unter einem Wortbildungstyp verstehe ich nach BARZ (2005: 1668) „ein strukturell, morphologisch und semantisch bestimmtes Muster, nach dem Wortbildungsprodukte mit unterschiedlichem lexikalischem Material gebildet sind.“

280  Einschränkend ist mit STEIN (2012: 238) zu sagen, dass es sich im Falle der Phraseologie im Gegensatz zur Wortbildung meist um Modelle der Analyse, nicht der Synthese handelt: „Dennoch ist der dem Terminus ‚Wortbildungsmodell‘ inhärente Aspekt der Produktion und Produzierbarkeit von Neuwörtern nur in engen Grenzen auf die Phraseologie übertragbar – und zwar mit dem wichtigen Unterschied, dass nur in wenigen Ausnahmefällen Modelle der Bildung, sondern vielmehr Modelle der Analyse von (meist semantisch veränderten) Phrasemen bestimmt werden können.“

281  Eine Konstruktion ist dann produktiv, „wenn sich mit ihr viele neue Ausdrücke bilden lassen, wenn also die Slots einer Konstruktion mit einer Vielzahl lexikalischer Einheiten besetzt werden können“ (ZIEM/LASCH 2013: 105). Als unproduktiv gilt eine Konstruktion hingegen, wenn eine starke Restriktion der Slotbesetzung vorliegt bzw. keinerlei offene Slots bereitgestellt werden.

282  Es ist anzumerken, dass Sprichwörter nicht generell als nicht-modellierbar und somit unproduktiv betrachtet werden dürfen. Musterhaftigkeit ist bei Sprichwörtern weiter verbreitet als allgemein vermutet. Dies zeigen bereits RÖHRICH/MIEDER (1977) anhand einer umfangreichen Liste an Bauformen. Und auch im Bereich formelhafter (Ir-)Regularitäten finden sich modellartige Sprichwörter, z. B. die artikellose Schablone X[Nomen] schützt vor Y[Nomen] nicht (Alter schützt vor Torheit nicht, Unwissenheit schützt vor Strafe nicht etc.). Siehe hierzu auch STEYER (2012 und 2013: Anmerkung 24).

283  DOBROVOLSKIJ (2000b: 563f.) wirft aufgrund dessen auch den Gedanken einer „Grammatik der Idiome“ auf.

284  Auch wenn es sich hierbei meines Erachtens um einen unpassenden, weil stark negativ konnotierten Terminus handelt (siehe Kapitel 3.2).

285  Als Beispiel führt sie die alte Präteritumsform sungen im Sprichwort Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen an.

286  Diese akademische Ignoranz seitens der englischsprachigen Linguistik ist – so hält BURGER (2005: 39) in einem Forschungsabriss fest – nicht nur in der unzureichenden Beachtung zentraler phraseologischer Forschungsergebnisse seitens der Konstruktionsgrammatik, sondern auch innerhalb der Phraseologieforschung selbst anzutreffen: „Ein weniger erfreulicher Befund resultiert im Hinblick auf die Integration der geleisteten Forschung in den verschiedenen Sprachräumen. Bis vor nicht zu langer Zeit war es eine absolute Ausnahme, wenn man in einem englisch verfassten Artikel zur Phraseologie eine deutsche oder französische Publikation zitiert fand, obwohl zu genau dem behandelten Gegenstand bereits einschlägige Publikationen existierten. Umgekehrt haben die mitteleuropäischen Forscher sich von allem Anfang an bemüht, nicht nur die slawistische, sondern auch die anglistische und allgemeinlinguistische Forschung in englischer Sprache zu berücksichtigen.“