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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

Series:

Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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18. Formelhafte (Ir-)Regularitäten und formelhafte Sprache/Phraseologie

18.  Formelhafte (Ir-)Regularitäten und formelhafte Sprache/Phraseologie

18.1  Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels

Das nachfolgende Kapitel verfolgt das Ziel, das Phänomen der formelhaften (Ir-)Regularitäten in den Gesamtbereich der Phraseologie bzw. der formelhaften Sprache einzuordnen. Im Mittelpunkt steht die Frage nach der Stellung formel-haft (ir-)regulärer Einheiten innerhalb der formelhaften Sprache. Stellen sie für die Phraseologie zentrale und konstitutive oder periphere und zu vernachlässigende Erscheinungsformen dar?

Zunächst wird der Frage nachgegangen, ob es sich bei den aufgezeigten Besonderheiten um rein phraseologische handelt oder ob diese nicht auch außerhalb der Phraseologie vorzufinden sind. Um beantworten zu können, wie formelhafte (Ir-)Regularitäten in der formelhaften Sprache zu verorten sind und welche Position sie (auch im Vergleich zu „normal“-geformten Phrasemen) einnehmen, muss zunächst deren Quantität festgestellt werden. Handelt es sich um ein frequentes oder kaum auftretendes Phänomen? Darüber hinaus spielt die „(Klassen-)Ausbreitung“ formelhaft (ir-)regulärer Wendungen eine große Rolle. Sind formelhaft (ir-)reguläre Phraseme nur auf einige wenige phraseologische Klassen beschränkt oder weisen sie eine breite (Klassen-)Streuung auf? Mit Blick auf das phrasemtypische Merkmal der Modifizierbarkeit wird sich daran anschließend in Form von Einzelanalysen der Frage gewidmet, ob formelhaft (ir-)reguläre Wendungen genauso wie gewöhnliche Phraseme die Eigenschaft besitzen, in (Kommunikations-)Kontexten okkasionell verändert zu werden. In einem letzten Schritt erfolgt die modelltheoretische Einbettung des Phänomens in die Phraseologie. Diese wird im Rückgriff auf die zwei bekanntesten Modelle der Phraseologieforschung vorgenommen: Zum einen wird danach gefragt, welchen Platz formelhafte (Ir-)Regularitäten im klassischen Zentrum-Peripherie-Modell einnehmen, und zum anderen, wie sie sich zum Feilkeschen Ebenen-Modell verhalten.

18.2  Formelhafte (Ir-)Regularitäten außerhalb der formelhaften Sprache

Bevor sich der Blick auf die Stellung formelhafter (Ir-)Regularitäten innerhalb der formelhaften Sprache richtet, muss zunächst hervorgehoben werden, dass ← 377 | 378 → es sich bei diesen nicht – wie in der Phraseologieforschung bisher angenommen – um ein rein phraseologieinternes bzw. -spezifisches Phänomen handelt. Bestimmte Besonderheiten sind auch im freien Sprachgebrauch anzutreffen, weshalb eine Grenze zwischen formelhaften (Ir-)Regularitäten und außerformelhaften Verwendungsweisen nicht immer klar gezogen werden kann. Da der außerphraseologische Gebrauch in den einzelnen Kapiteln ausführlich thematisiert wurde, genügt an dieser Stelle eine Zusammenfassung in Bezug auf die verschiedenen Typen formelhafter (Ir-)Regularitäten:

    Die Unikalität eines sprachlichen Elements beschränkt sich nicht auf die Phraseologie. Auch nicht-phraseologische Einheiten können unikal sein in dem Sinne, dass sie nur noch in einem stark begrenzten „Rahmen“ auftreten. Hierzu zählen beispielsweise Komposita (z. B. Himbeere) oder explizite Derivate (z. B. ledig) (vgl. DONALIES 2005: 344). Darüber hinaus verschwimmt die Grenze zwischen Unikalität und Nicht-Unikalität durch die prototypische Struktur dieser Kategorie (siehe Kapitel 4.4.2).

    Auch das Dativ-e ist keine Besonderheit, die ausschließlich phraseologischer Natur ist. Als Kennzeichen eines gehobenen Sprachstils tritt diese Kasusendung beispielsweise in feierlichen Kontexten auf. Zudem eignet sich das Dativ-e aufgrund seines archaischen Charakters für scherzhaften und ironischen Gebrauch. Weitere Bereiche, in denen es außerhalb der Phraseologie seinen festen Platz besitzt, sind juristische und literarische Texte (siehe Kapitel 5.4).

    Nichtflektierte vorangestellte Adjektivattribute finden sich außerhalb der Phraseologie in verschiedensten Bereichen (beispielsweise in Dialekten, Volksliedern, der Literatursprache, Warenbezeichnungen, Personennamen und geografischen Bezeichnungen) (siehe Kapitel 6.4.1). Und auch die Nachstellung ist kein phraseologiespezifisches Phänomen. So sind es vor allem die Bereiche ‚poetische Sprache‘ und ‚Waren, Handel, Werbung, Konsum, Medien‘, in denen (vermehrt) postnominale Adjektive auftreten (siehe Kapitel 6.4.2).

    Die formelhafte (Ir-)Regularität vorangestellter Genitivattribute kommt ebenfalls im freien Sprachgebrauch vor. So ist es Usus, dass Eigennamen ihrem Bezugswort vorangestellt werden. Auch in der Literatursprache und in Pressetexten ist diese Stellung teilweise nichts Ungewöhnliches, wie die Beispiele in Kapitel 7.4 zeigen. ← 378 | 379 →

    Aufgrund des Kontinuums zwischen freien und phraseologisch gebundenen Genitivobjekten kann auch hier nicht von einem Phänomen gesprochen werden, das ausschließlich der Phraseologie angehört. Im Gegenwartsdeutsch existieren (noch) freie Verben, die den Genitiv fordern (siehe Kapitel 8.4). Ebenso wie bei Genitivobjekten lässt sich bei adverbialen und prädikativen Genitiven ein Kontinuum zwischen gebundenem und freiem Gebrauch feststellen.

    Besonders häufig ist der Nullartikel in außerformelhaften Kontexten anzutreffen. Kapitel 10.4 gibt hierzu einen umfassenden Überblick. So treten artikellose Wortverbindungen beispielsweise in spezifischen Textsorten, prädikativen Verbindungen, Präposition-Nomen-Verbindungen, Bare-Binomial-Konstruktionen, Inkorporationen und kiezsprachlichen Konstruktionen auf.

    Bei der formelhaften (Ir-)Regularität des antezedenslosen Pronomens es liegt lediglich ein Gebrauch des unpersönlichen es vor. Dieser ist nicht phraseologiespezifisch, sondern existiert ebenso in freien Wortverbindungen (siehe Kapitel 12.2).

    Die Idiomatizität wird in der vorliegenden Arbeit zwar auch als eine Art formelhafter (Ir-)Regularität betrachtet, sie ist jedoch nicht nur innerhalb der Phraseologie zu finden, sondern auch bei Komposita, sprich sogenannten „Einwortidiomen“ (z. B. Scherzkeks).

Die Zusammenstellung verdeutlicht, dass es sich bei den verschiedenen Typen formelhafter (Ir-)Regularitäten in den wenigsten Fällen tatsächlich um ein „nur noch in der Phraseologie“ anzutreffendes Phänomen handelt. Da bestimmte formelhafte (Ir-)Regularitäten auch außerhalb der formelhaften Sprache zu finden sind, wird die Grenze zwischen formelhaften und freien Wortverbindungen noch fließender, als sie ohnehin schon ist. Denn wenn selbst die als phraseologiespezifisch erklärten Phänomene auch frei vorkommen, können diese nicht mehr als eindeutiger Phrasemindikator dienen. Zwangsläufig sollte daher auch die Trennung in „Irregularität“ und „Norm“ aufgeweicht werden: Es kann nicht dichotomisch zwischen formelhaft (ir-)regulären und freien regelkonformen Wortverbindungen unterschieden werden. ← 379 | 380 →

18.3  Vielfalt, Quantität und Phrasemklassen-Vorkommen formelhafter (Ir-)Regularitäten

Wie bereits mehrfach erwähnt, gelten formelhafte (Ir-)Regularitäten innerhalb der bisherigen Forschung als ein peripherer Bereich der formelhaften Sprache. Auf diese weit verbreitete Forschungsmeinung verweist auch WEICKERT (1997: 90f.):

Sieht man einmal von dem sekundären Indiz ab, daß grammatische Anomalien bei vielen Autoren zur Phraseologie nicht einmal erwähnt werden, herrscht auch unter den sich äußernden Einhelligkeit in bezug darauf, daß nur ein kleiner Teil der Gesamtmenge diese sprachliche Eigentümlichkeit aufweist.

Die (rein introspektive und empirisch nie belegte) Ansicht des peripheren Status formelhafter (Ir-)Regularitäten resultiert vor allem aus der Annahme, es handle sich bei diesen aus quantitativer Sicht um „vernachlässigbare Überbleibsel“ (DRÄGER 2012: 125) von Wortformen aus vergangenen Sprachepochen. Selbst DOBROVOLSKIJ (1989b: 73), der sich sprachübergreifend intensiver mit „Wortformanomalien“ beschäftigt, ist der Meinung, dass „diese Gruppe in den phraseologischen Systemen der analysierten Sprachen keine bedeutende Rolle [spielt].“ Der vorherrschende Konsens seitens der Forschung findet sich exemplarisch in folgendem Zitat von KEIL (1997: 21) wieder:

Es bleibt noch festzuhalten, daß Phraseologismen mit Oberflächenanomalien nur eine kleine Gruppe aller phraseologischen Ausdrücke ausmachen, während die meisten Phraseologismen an der Oberfläche wohlgeformt sind.

In der Phraseologie herrscht bezüglich dieser Meinung Einstimmigkeit – was innerhalb der Wissenschaft normalerweise seltener der Fall ist. So konstatiert WEICKERT (1997: 91) in einer Anmerkung:

Widerspruch gegen diese Auffassung ist meines Wissens nicht erhoben worden.

Bis heute liegen keine (empirischen) Studien vor, die sich mit dem Dogma der „Vernachlässigbarkeit“ formelhafter (Ir-)Regularitäten auseinandersetzen. Mithilfe der empirischen Analyse der vorliegenden Arbeit lassen sich jedoch Ergebnisse anführen, die dem von der Forschung introspektiv zugewiesenen peripheren Status formelhafter (Ir-)Regularitäten widersprechen.

Auf der einen Seite sind formelhafte (Ir-)Regularitäten aus qualitativer Perspektive vielfältiger als gedacht: Sie sind bezüglich ihrer verschiedenen Typen äußerst weit gestreut, wie die verschiedenen Ausprägungen verdeutlichen. Auf der anderen Seite dürfen formelhafte (Ir-)Regularitäten auch aus quantitativer Perspektive nicht unterschätzt werden: Betrachtet man formelhaft (ir-)reguläre ← 380 | 381 → Wendungen bezüglich ihrer Token-Frequenz, zeigt sich, dass die Zahl dieser besonderen Phraseme im vierstelligen Bereich liegt. Übersicht 18–1 gibt einen Einblick in die Menge an Phrasemen mit formelhafter (Ir-)Regularität; die Zahlen basieren auf Auswertungen der Forschungsliteratur und der Durchsicht der phraseologischen Wörterbücher RÖHRICH (2006), DUDEN (2008) und SCHEMANN (2011):287

Übersicht 18-1:  Übersicht 18-1: Quantität formelhafter (Ir-)Regularitäten

formelhafte (Ir-)Regularität

Quantität

Unikalia

circa 960 (mind. 51% phraseologisch gebunden); circa 440 (mind. 90% phraseologisch gebunden)

Dativ-e

circa 400

unflektierte (vorangestellte) Adjektivattribute

circa 55

vorangestellte Genitivattribute

circa 110 (inklusive Eigennamen-Voranstellung)

Genitivobjekte, adverbiale und prädikative Genitive

circa 100

Artikel(ir)regularitäten

circa 750 (keine Unterscheidung zwischen zählbaren und nicht-zählbaren Substantiven)

Pronomen(ir)regularitäten

circa 145 (es), 225 (einen/eine/eins)

Valenz(ir)regularitäten

(…)

Idiome

(…)

Phraseonyme

(…)

← 381 | 382 →

Die konkreten Zahlen veranschaulichen, dass wir es bei formelhaften (Ir-)Regularitäten – aus quantitativer Sicht – sicherlich nicht mit einem Randphänomen der Phraseologie zu tun haben.288 So ergibt die Korpusanalyse, dass über 950 Wendungen existieren, in denen Wörter vorkommen, die mindestens in jedem zweiten Beleg in einer formelhaften Umgebung auftreten. Betrachtet man Komponenten, die in hohem Maße phraseologisch gebunden sind (mindestens zu 90%), lassen sich immer noch 440(!) verschiedene anführen. Es finden sich ebenfalls sehr viele Dativ-e-Phraseme. Die Zusammenstellung ergibt über 400 Wendungen, die mehr oder weniger diese Kasusendung aufweisen. Phraseme mit unflektiertem und vorangestelltem Adjektivattribut existieren nur relativ wenige (insgesamt circa 55). Fasst man vorangestellte Genitivattribute, Genitivobjekte sowie adverbiale und prädikative Genitive zusammen, können circa 200 Phraseme aufgezählt werden, in denen (Ir-)Regularitäten des Genitivgebrauchs auftreten. Die Zusammenstellung von Phrasemen mit Nullartikel ergibt insgesamt über 750 Wendungen, wobei jedoch nicht streng zwischen zählbaren und nicht-zählbaren Substantiven unterschieden wird. Die Zahl ist dennoch als außerordentlich hoch einzuschätzen; vor allem auch deshalb, weil Artikel(ir)regularitäten durch bestimmte Strukturmodelle (ad hoc) gebildet werden können (siehe Kapitel 10.3). Dies gilt ebenfalls für Pronomen(ir)regularitäten, weshalb die Anzahl der Pronomen-Phraseme als relativ aufzufassen ist; insgesamt finden circa 370 Wendungen innerhalb der Auswertung Beachtung. Keine genauen Zahlen können für Valenz(ir)regularitäten, Idiome und Phraseonyme angegeben werden, da sich diese Typen aufgrund ihrer Offenheit einer (exakten) Auszählung widersetzen. Insgesamt gehen aber auch diese drei Klassen sicherlich in die hunderte, wenn nicht sogar in die tausende (z. B. bei Idiomen oder Phraseonymen).

Neben der reinen Quantität formelhaft (ir-)regulärer Wendungen muss ihre Verteilung in Bezug auf die unterschiedlichen phraseologischen Klassen beachtet werden. Formelhafte (Ir-)Regularitäten sind nicht nur auf klassische Idiome beschränkt, sondern erstrecken sich über das gesamte Spektrum phraseologischer Klassen (siehe auch Übersicht 18–11). Sie finden sich somit auch in peripheren Klassen wie Routineformeln (z. B. großes Indianerehrenwort!) (vgl. hierzu auch HANAUSKA 2014: 50), Modellbildungen (z. B. etw. ist (nicht) jedermanns X[Nomen]) oder Kollokationen/Funktionsverbgefügen (z. B. etw. zu Rate ziehen).

Zusammengefasst ist der elementare Charakter formelhafter (Ir-)Regularitäten aus folgenden Gründen nicht von der Hand zu weisen: ← 382 | 383 →

1)  Formelhafte (Ir-)Regularitäten weisen aus type-Perspektive zahlreiche Realisierungsformen auf (Unikalia, Dativ-e, Artikel(ir)regularität etc.).

2)  Diese Vielfalt schlägt sich auch darin nieder, dass sie auf allen Ebenen des Sprachsystems vorkommen (morphologisch, syntaktisch, lexikalisch etc.)289 (siehe Übersicht 3.3).

3)  Zudem existiert aus token-Perspektive eine kaum zählbare Menge an Phrasemen, in denen formelhafte (Ir-)Regularitäten anzutreffen sind.

4)  Formelhafte (Ir-)Regularitäten treten außerdem in allen phraseologischen Klassen auf. Sie stellen daher ein für die formelhafte Sprache konstitutives sowie durchgängiges und damit signifikantes Merkmal dar.

Formelhaft (ir-)reguläre Wendungen dürfen nicht als „eine kleine Gruppe aller phraseologischen Ausdrücke“ (KEIL 1997: 21) betrachtet werden. Die Nicht-Beachtung dieser besonderen Erscheinungsformen ist angesichts des breiten und frequenten Vorkommens nicht zu rechtfertigen. Wer formelhafte (Ir-)Regularitäten aus seiner Phraseologiebetrachtung ausschließt bzw. sie lediglich als unbedeutende, zu vernachlässigende Randerscheinungen (vgl. DRÄGER 2012: 125) oder „uninteressante Sondermenge“ (DONALIES 2005: 349) empfindet, versperrt sich der sprachlichen Realität.

18.4  Modifizierbarkeit formelhafter (Ir-)Regularitäten

18.4.1  Beispielanalysen modifizierter „irregulärer“ Wendungen

Die vorherrschende Annahme, man habe es bei formelhaft (ir-)regulären Wendungen mit unveränderbaren, prototypisch festen Phrasemen zu tun, ist bereits empirisch durch das Aufzeigen der Variationsmöglichkeiten relativiert worden (siehe Kapitel 15.3). Formelhaft (ir-)reguläre Wendungen können jedoch nicht nur variiert, sondern ebenso wie gewöhnliche Phraseme modifiziert werden. Sie widersetzen sich nicht dem kreativen, okkasionellen Sprachspiel, unterscheiden sich also auch in Bezug auf die Modifizierbarkeit nicht von unmarkierten Phrasemen. Dies soll mithilfe ausgewählter Beispiele verschiedener formelhafter (Ir-) Regularitätstypen verdeutlicht werden. ← 383 | 384 →

Für die formelhaft (ir-)reguläre Wendung auf gut Deutsch (unflektiertes Adjektivattribut) lassen sich durch eine COSMAS-II-Suche sowie durch Google-Abfragen zahlreiche Modifikationen finden. Das Phrasem wird fast ausschließlich durch das Verfahren der Substitution modifiziert, indem die Komponente Deutsch ersetzt wird (siehe Übersicht 18–2):

Übersicht 18-2:  Modifikationen der formelhaft (ir-)regulären Wendung auf gut Deutsch

auf gutallemannisch, Altsanktgallisch, Badisch, bayrisch, englisch, Fränkisch, Französisch, Italienisch, katholisch, Kölsch, Kurpfälzisch, Mannemerisch, Mittelhochdeutsch, Neudeutsch, plattdeutsch, saarländisch, Schwäbisch, Schweizerdeutsch, Wienerisch
 

Die Beispiele zeigen, dass die Ersetzung nicht willkürlich, sondern nach gewissen semantisch-lexikalischen „Regeln“ erfolgt. Die Komponente, die Deutsch substituiert, muss ebenfalls eine Sprache bzw. ein Dialekt sein (z. B. Französisch oder Schwäbisch). Es existiert also ein gewisses Modifikationsmuster mit der Struktur auf gut X[Nomen, Semantik: ‚Sprache‘].

Für die mit unflektiertem Adjektivattribut realisierte Wendung Deutschland einig Vaterland lässt sich ebenfalls eine ganze Reihe an Substitutionsmodifikationen anführen:

Übersicht 18-3:  Modifikationen der formelhaft (ir-)regulären Wendung Deutschland einig Vaterland

Deutschland einigArbeits-, Armen-, Bahnfahrer-, Bären-, Bayern-, Bildungs-, Billiglohn-, Daten-, Deppen-, Dichter-, Fahnen-, Faschings-, Faser-, Fatih-, Festival-, Fußball-, Fußball-Vater-, Guildo-, Handball-, Helfer-, Jammer-, Jogi-, Kater-, Kino-, Krater-, Lena-, Lobby-, Märchen-, Mieter-, Missbrauchs-, Narren-, Panik-, Party-, Pfand-, Praktikanten-, Rabattjäger-, Reise-, Rundfunk-, Schilder-, Schlager-, Schmerzens-, Schmuddel-, Senioren-, Single-, Spitzel-, Stasi-, Statistik-, Stau-, Urlaubs-, Velo-, Verschwender-, Zombieland
  

Die ergänzten Substantive sind fast ausschließlich Determinativkomposita, in denen -land als Determinatum beibehalten wird. Der erste Bestandteil des Kompositums dient der okkasionellen (außersprachlichen) Kontextanpassung. So modifiziert die Braunschweiger Zeitung das Phrasem nach Lena Meyer-Landruts Gewinn des Eurovision Song Contests folgendermaßen: ← 384 | 385 →

     (113)  Vergangene Woche mag es noch den einen oder anderen Skeptiker gegeben haben, doch nun hat Lenas Sieg seine überredende Gewalt entfaltet. Deutschland einig Lena-Land. (Braunschweiger Zeitung, 01.06.2010)

Vor der Fußballweltmeisterschaft 2010 findet sich in der Hamburger Morgenpost in Anspielung auf den deutschen Bundestrainer Joachim (Jogi) Löw folgende Textzeile:

     (114)  Die WM macht’s möglich. Deutschland einig Jogiland. Wenn unsere Nationalmannschaft mit Trainer Jogi Löw im Einsatz ist, explodiert die Stimmung von Flensburg bis München. (Hamburger Morgenpost, 15.06.2010)

Angesichts der in den letzten Jahren in Deutschland geradezu aus dem Boden sprießenden Musikfestivals und deren enormen kommerziellen Erfolgs verwendet der Mannheimer Morgen ebenfalls eine Modifikation des Phrasems:

     (115)  Deutschland, einig Festival-Land: Vom Boom der Konzert-Events unter freiem Himmel profitieren auch die Festival-Schwestern Hurricane und Southside, die 2008 zusammen weit über 115 000 Tickets unters Volk brachten. (Mannheimer Morgen, 24.06.2008)

Wie die Wendung auf gut Deutsch lässt sich Deutschland einig Vaterland ebenfalls auf ein (regelmäßiges) Modifikationsmuster zurückführen, auf das in bestimmten Kontexten (vor allem seitens der Presse) zurückgegriffen werden kann. Die Modifikationsstruktur lautet Deutschland einig X[Nomen]-land.

Modifikationen, die die Voranstellung des Genitivattributs betreffen, finden sich beispielsweise bei dem geflügelten Wort des Wodkas reine Seele. Modifiziert wird hierbei genau die Stelle, in der sich die formelhafte (Ir-)Regularität ausdrückt, nämlich das Genitivattribut. Das vorangestellte Genitivattribut Wodkas kann durch Substantive ersetzt werden, denen ebenfalls eine „reine Seele“ zugesprochen wird. So wie in folgender Artikelüberschrift:

     (116)  E-Mobil aus Korea (11.11.13)

Kia Soul EV – des Elektrofahrzeugs reine Seele

Kia bringt sein erstes E-Mobil recht spät auf den Markt. Mit dem Soul EV wollen die Koreaner endlich dem BMW i3 und VW E-Golf Konkurrenz machen. Revolutionär ist die Platzierung der Batterien.

(http://www.welt.de, Stand 24.09.2014)

Die Modifikation des Slogans zeigt, dass sich dieser aus dem werbespezifischen Kontext herausgelöst und im Laufe der Zeit zu einer formelhaften Wendung in Form eines geflügelten Wortes entwickelt hat. In Übersicht 18–4 sind authentische Modifikationen aufgelistet: ← 385 | 386 →

Übersicht 18-4:  Modifikationen des geflügelten Wortes des Wodkas reine Seele

desAlfas, Dichters, Dubs, Elektrofahrzeugs, Golfers, Kaffees, Podcasts, Rappers, Rockers, Russen, Sarpais, Spammers, Sports, Todes, Wässerchens, weißen Riesen, Wohnenreine Seele
  

Ein besonderes Phänomen stellen modifizierte unikale Komponenten dar. Die Modifikation kann hierbei nicht nur durch den Austausch eines eigenständigen Wortes, sondern auch durch die Substitution eines Bestandteils der Unikalia erfolgen. Beispielsweise finden sich im DEREKO Belege, in denen die zu 100% gebundene Komponente Menschengedenken modifiziert wird:

     (117)  Der ehrlichste Popcorn-Film seit Journalistengedenken kehrt 20 Jahre nach seiner Premiere zurück auf die Leinwand, in einer revidierten Fassung, in der das Schlachtgetümmel um den Todesstern im Digitalton knattert. (St. Galler Tag-blatt, 29.07.1997)

Der erste Teil des Kompositums Menschengedenken wird durch die Modifikation auf kreative Art und Weise dem thematischen Kontext angepasst. Die zahlreichen Belege, die in Übersicht 18–5 festgehalten sind, verdeutlichen, dass es durchaus möglich ist, unikale Komponenten als Ausgangspunkt für Sprachspiele zu verwenden. Es handelt sich bei diesen nicht um vollkommen unmotiviertes und „totes“ Wortmaterial.

Übersicht 18-5:  Modifikationen der unikalen Komponente Menschengedenken

seitAnwalts-, Bahn-, Ballmenschen-, Bayern-, Buben-, EU-, Eulen-, Familien-, Festival-, Forscher-, Fußball-, Gärtner-, Götter-, Großmütter-, Handwerker-, Hasen-, Insel-, Journalisten-, Kauz-, Kirchen-, Leinwand-, Liga-, Maimarkt-Menschen-, Manager-, Männer-, Markt-, Mars-, Motoren-, Narren-, Rola-, Sacher-, Sänger-, Schlager-, Schuldner-, Seebühnen-, Ski-, Spielzeug-, Sportler-, Steuerzahler-, Studenten-, taz-, Tivoli-, Vorsitzenden-, Wähler-, Winzergedenken
  

Auch bei dem Idiom etw. ist kein Zucker-/Honig(sch)lecken sind Substitutionen des ersten Bestandteils der unikalen Komponente zu beobachten. Statt Zucker- oder Honig- werden verschiedenste (süße) Nahrungsmittel als Erstglied eingesetzt wie beispielsweise Zuckerwattenschlecken, Joghurtschlecken, Eisschlecken und Karottenlecken. Folgender Beleg zeigt, dass die Modifikation in den meisten Fällen nicht willkürlich geschieht, sondern durch die Ersetzung von Zucker- oder Honig- ein humorvoller Bezug zum vorliegenden Thema hergestellt wird: ← 386 | 387 →

     (118)  Der 46-jährige Ottfried Fischer, seine Leibesfülle in eine karierte Hose und ein weißes Hemd gehüllt, setzt sich fürs Erste behäbig auf drei Stühle nebeneinander und wartet… Dieses Warten wird der berühmte rote Faden, an dem sich Otti durch das dichte Sprachgeflecht seines Solokabaretts kämpft (zweimal zwei Stunden hintereinander im Hofsteigsaal war auch für das bayrische Schwergewicht kein Süßsenf-Lecken). (Vorarlberger Nachrichten, 20.12.1999)

Unikalia werden nicht nur durch ein substituierendes Verfahren modifiziert. Es finden sich auch Idiome, in denen die unikale Komponente durch das Hinzufügen einer Komponente erweitert wird. Dieser Fall liegt beispielsweise bei dem Phrasem jmdm. Spalier stehen vor:

     (119)  Die drei übrigen Spice Girls – Emma, Victoria und Mel C – standen für ihre Bühnen-Partnerin brav als Brautjungfern „Ehrenspalier“. (Rhein-Zeitung, 14.09.1998)

Unikale Erweiterungen finden sich auch bei dem Idiom die Werbe-/Reklametrommel rühren. Die Komponente Werbe-/Reklametrommel wird meistens im Rahmen von „Bindestrichkonstruktionen“ durch Wörter ergänzt, mit denen eine Spezifizierung erreicht wird, wie beispielsweise Rom-Reklame-Trommel, Nato-Werbetrommel, FPÖ-Werbetrommel, EU-Werbetrommel, Besucher-Werbetrommel, Tourismus-Werbetrommel oder auch Expo-Werbetrommel wie im folgenden Textbeleg:

     (120)  Aufgabe der beiden Agenturen ist es, global die Expo-Werbetrommel zu rühren sowie bei Industrie, Banken und Versicherungen Mäzene zu finden. (Frankfurter Rundschau, 21.11.1997)

Darüber hinaus lassen sich zahlreiche Belege anführen, in denen Werbe-/Reklametrommel nicht erweitert wird, sondern die beiden Erstglieder Werbe- bzw. Reklame- – wie bei Menschengedenken und Zucker-/Honig(sch)lecken – ersetzt werden:

     (121)  CDU und CSU rühren kräftig die Anti-Ökosteuer-Trommel – und bislang hat sich Rot-Grün von solchen Kampagnen noch immer in die Defensive drängen lassen. (Nürnberger Nachrichten, 20.10.2000)

Diese Substituierung dient der kreativen Kontextanpassung und gleichzeitig der Spezifizierung desjenigen, um das geworben wird. In Übersicht 18–6 sind konkrete Belege zusammengefasst:

Übersicht 18-6:  Modifikationen der unikalen Komponente Werbe-/Reklametrommel

dieAnti-Ökosteuer-, Aufklärungs-, Blech-, Busch-, Friedens-, Globalisierungs-, Karriere-, Klassenkampf-, Kriegs-, Los-, Medien-, PR-, Propaganda-, Publicity-, Spenden-, Tourismus-, Wahl-, Wahlkampf-, Werbeartikeltrommel rühren ← 387 | 388 →
  

Eine weitere „Modifikationsart“ stellt die sogenannte dephraseologische Wortbildung dar, die anhand einiger unikaler Komponenten bereits in Kapitel 2.4.2 vorgestellt wurde (z. B. der Fettnapftritt). Es können jedoch nicht nur Unikalia-Idiome als Basis dieser äußerst kreativen Wortbildungsart fungieren. Auch bei anderen formelhaften (Ir-)Regularitäten lässt sich dieser (Wortbildungs-)Prozess beobachten wie beispielsweise bei dem adverbialen Genitiv leichten Herzens (vgl. FLEISCHER/BARZ 2012: 22):

     (122)  Die Vereinigten Staaten unternehmen diese Aktion nicht leichtherzig. Afghanistan und Sudan sind jahrelang dazu aufgefordert worden, aufzuhören, diesen Terroristengruppen Zuflucht zu bieten und sie zu unterstützen. (Frankfurter Rundschau, 22.08.1998)

Insgesamt kann festgehalten werden, dass formelhafte (Ir-)Regularitäten keine Einschränkung des Modifikationspotenzials darstellen; die formelhafte (Ir-)Regularität steht okkasionellen und kreativen Sprachspielen nicht im Wege. Im Hinblick auf die Eigenschaft der Modifikation gibt es keinen Anlass, formelhaft (ir-)reguläre von „regelmäßigen“ Wendungen zu unterscheiden; genauso wie unmarkierte Phraseme können auch formelhaft (ir-)reguläre modifiziert werden. Aus diesem Blickwinkel muss ihre „Irregularität“ abermals relativiert werden.290

18.4.2  Abgrenzungsproblematik zwischen Modifikationen und Modellbildungen

Im Rahmen der Modifikationsanalyse formelhafter (Ir-)Regularitäten tritt ein Phänomen zutage, dass sicherlich nicht nur bei formelhaft (ir-)regulären Wendungen, sondern auch bei unmarkierten Phrasemen anzutreffen ist: Die Abgrenzung zwischen okkasionellen Modifikationen und usualisierten Modellbildungen. Es zeigt sich, dass es sich hierbei keineswegs um Kategorien handelt, die sich klar voneinander trennen lassen. Korpusanalytisch können Abgrenzungsprobleme zwischen modifizierten und modellartigen Wortverbindungen festgestellt werden. ← 388 | 389 →

Als Beispiel kann das Sprichwort Alter schützt vor Torheit nicht angeführt werden. Zunächst hat es den Anschein, dass die mit Nullartikel realisierte Komponente Torheit durch – ebenfalls artikellose – Substantive substituiert wird. Die Form der Modifikation betrifft demnach explizit diejenige Stelle des Phrasems, in der sich die formelhafte (Ir-)Regularität manifestiert. Einen Ausschnitt des Modifikationsspektrums gibt Übersicht 18–7:

Übersicht 18-7:  Modifikationen/Leerstellenauffüllungen der formelhaft (ir-)regulären Wendung Alter schützt vor Torheit/X[Nomen] nicht

Alter schützt vorArbeit, Ambitionen, Bosheit, Computer, Diebstahl, Ehrgeiz, Fitness, Freude, Fußball, Jugend, Klasse, Kreativität, Leistung, Liebe, Rockmusik, Scharfsinn, Scheidung, Schönheit, Strafe, Sucht, Tanzwut, Technik, Torhunger, Torwart, Torwurf, Trennung, Unterhaltung, Vollgas, Wahlkampf, Weisheit, Werbung, Zahnwehnicht
  

Bei genauerer (korpusbasierter) Betrachtung ist auffällig, dass die modifizierten Formen die Nennform bei weitem übersteigen (vgl. auch STEYER 2012: 306–308). Von 815 Belegen im DEREKO ist das Sprichwort nur 185mal mit Torheit realisiert (circa 23%), in allen anderen Belegen ist es „modifiziert“. Aufgrund der Tatsache, dass die vermeintliche Nennform in noch nicht einmal einem Viertel aller Belege auftritt, stellt sich unweigerlich die Frage, ob es sich nicht eher um eine Modellbildung handelt, in der die zweite Substantivstelle (mehr oder weniger) frei besetzbar ist. Man könnte durchaus sagen, dass sich die ursprüngliche Nennform des Sprichworts aufgrund der Modifikationsbeliebtheit zu einem Sprichwort mit Leerstellencharakter entwickelt hat. Die Struktur der Sprichwort-Konstruktion lautet Alter schützt vor X[Nomen] nicht.291

Diese Abgrenzungsschwierigkeit zwischen Modifikation und Modellbildung zeigt sich auch im folgenden Beispiel. Für das mit vorangestellten Genitivattributen realisierte Phrasem des einen Freud(,) (ist) des anderen Leid finden sich unzählige Abwandlungen, in denen Freud und/oder Leid substituiert sind (siehe Übersicht 18–8): ← 389 | 390 →

Übersicht 18-8:  Modifikationen/Leerstellenauffüllungen der formelhaft (ir-)regulären Wendung des einen Freud/X[Nomen](,) (ist) des anderen Leid/Y[Nomen]

image ← 390 | 391 →

image

Anhand der Vielzahl an Belegen könnte man dieses Phrasem ebenfalls als eine Art Modellbildung interpretieren mit dem Muster des einen X[Nomen](,) (ist) des anderen Y[Nomen]. Die abstraktere Semantik der Konstruktion lautet ‚des einen positiv/negativ konnotierte Entität, (ist) des anderen negativ/positiv konnotierte Entität‘. Die eingefügten Substantive stellen somit semantisch gesehen mehr oder weniger Antonyme dar (z. B. Fluch versus Segen, Lust versus Frust, Verlust versus Gewinn, Überfluss versus Mangel und Unglück versus Glück). Auch hier zeigt sich, dass der Übergang zwischen modifizierten Wendungen und Modellbildungen fließend ist. Darüber hinaus drückt sich die Modifikation nicht nur in der reinen Substitution, sondern stellenweise auch im Positionswechsel der betreffenden Komponenten aus. Dies ist hervorzuheben, weil dadurch die formelhafte (Ir-)Regularität der Voranstellung des Genitivs aufgehoben wird. Hierfür lassen sich folgende Beispiele anführen (siehe Übersicht 18–9):

Übersicht 18-9:  Beispiele für Voranstellung des Genitivs in des einen Freud/X[Nomen](,) (ist) des anderen Leid/Y[Nomen]

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Ein Modellbildungscharakter macht sich auch bei dem unikalen Phrasem wie von/(durch) Geister-/Zauberhand bemerkbar. Im DEREKO existieren zahlreiche Belege, in denen Geister- bzw. Zauber- durch Komponenten ersetzt wird, die einen Bezug zum Kontext herstellen: ← 391 | 392 →

     (123)  Im Eingangsbereich wird versucht, italienisches Lebensgefühl zu vermitteln: Die Wände zieren Ölbilder des Salzburger Malers Peter Meiringer. Eine Kaffeepflanze und die verträumten Fotos einer fernen Plantage in Brasilien komplettieren das Bild. Das Arbeitszimmer von Geschäftsführer Claudius Neumayr (48) sieht aus, wie von Designerhand entworfen. (Salzburger Nachrichten, 13.10.1999)

Man könnte demnach auch davon sprechen, dass es sich bei solchen Belegen nicht um Modifikationen des Ausgangsphrasems wie von/(durch) Geister-/Zauberhand handelt, sondern vielmehr um konkrete Realisierungen der modellartigen Strukturformel wie von X[Nomen]-hand. Das Besondere hierbei ist, dass auf Grundlage dieser Modellbildung die Möglichkeit besteht, okkasionelle unikale Komponenten zu erschaffen. Übersicht 18–10 zeigt eine Zusammenstellung solcher ad hoc gebildeten Unikalia-Kandidaten:

Übersicht 18-10:  Modifikationen/Leerstellenauffüllungen der unikalen Komponente Geister-/Zauberhand bzw. X[Nomen]-hand

wie vonAmateur-, Computer-, Dämonen-, Designer-, Engels-, Feen-, Feen-Zauber-, Giganten-, Gottes-, Hydraulik-Geister-, Kartografen-, Kinder-, Künstler-, Laser-, Magier-, Maler-, Märchen-, Marionettenspieler-, Meister-, Profi-, Riesen-, Schüler-, Teufels-, Vaters-, Wähler-, Wunder-, Zaubermäuse-, Zuckerbäcker-, Zyklopenhand
  

Die Beispiele verdeutlichen, dass die Grenze zwischen Modifikation und Modellbildung verschwimmen kann. Es lässt sich also nicht bei jedem (veränderten) Phrasem exakt bestimmen, ob es sich bei der anzutreffenden und empirisch nachweisbaren Variation um okkasionelle Veränderungen einer lexikalisch festen Nennform oder vielmehr um eine Wendung mit entsprechender Leerstelle (in die dann beliebige Komponenten eintreten können) handelt. Auf diese Abgrenzungsproblematik ist in der bisherigen Phraseologieforschung meines Wissens noch nicht hingewiesen worden. Die empirische Untersuchung des Modifikationspotenzials formelhafter (Ir-)Regularitäten zeigt diesen graduellen Übergang jedoch unzweifelhaft auf.

Zur Beantwortung der Frage, ab wann es sich bei einer Wortverbindung um eine Modifikation oder um eine konkrete Auffüllung eines modellartigen Phrasems handelt, kann die Korpusanalyse als nützliche Methode dienen. Denn sie ermöglicht es, den tatsächlichen Gebrauch und somit das tatsächliche (quantitative) Modifikationsspektrum aufzudecken. Mithilfe eines korpusbasierten Vorgehens lässt sich untersuchen, in wie vielen Realisierungen die vermeintliche – gegebenenfalls auch lexikografisch erfasste – Nennform auftritt und in wie vielen Fällen ← 392 | 393 → von dieser abgewichen wird.292 Grob lässt sich dabei sicherlich Folgendes sagen: Je weniger Belege der tatsächlichen Nennform existieren und je breiter das Variationsspektrum ausfällt, desto sinnvoller ist es, nicht von Modifikationen, sondern von Modellbildungen zu sprechen. Eine genaue Zahl, ab wann noch von Modifikationen bzw. ab wann von einem Leerstellencharakter gesprochen werden kann, lässt sich jedoch trotz quantitativer Korpusauswertungen kaum angeben. Ein Richtwert kann dabei meines Erachtens bei 50% liegen: Damit noch von einer eigenständigen lexikalisch festen Nennform die Rede sein kann, sollte diese in mindestens der Hälfte aller Belege auftreten. Zudem kommt hinzu, dass die übrigen Belege, die nicht dieser Nennform entsprechen, eine Vielzahl an unterschiedlichen Realisierungen aufweisen müssen und sich somit nicht als Varianten, sondern als okkasionelle Modifikationen klassifizieren lassen. Beispielsweise stellt also eine Wendung wie Alter schützt vor Torheit nicht, die nur in 28% der Belege in ebendieser Form realisiert ist und die über Torheit hinaus keine anderen aus quantitativer Sicht als Varianten infrage kommenden Ausfüllungen besitzt, eine Modellbildung mit der Struktur Alter schützt vor X[Nomen] nicht dar.293

18.5  Formelhafte (Ir-)Regularitäten im Zentrum-Peripherie-Modell

Während die vorliegende Arbeit einerseits der empirischen Analyse besondere Aufmerksamkeit schenkt, sieht sie es andererseits als notwendig an, formelhafte (Ir-)Regularitäten im Gesamtspektrum der formelhaften Sprache zu verorten. Konkret stellt sich die Frage, welche Position formelhaft (ir-)reguläre Wendungen im traditionellen Zentrum-Peripherie-Modell der Phraseologie einnehmen.294

Die bisherigen Forschungsansätze sind sich über die Stellung „irregulärer“ bzw. „anomaler“ Phraseme weitgehend einig: Da unikale Komponenten, syntaktische und morphologisch-flexivische „Anomalien“ als prototypische Merkmale der Stabilität angesehen werden (vgl. FLEISCHER 1997a: 68), bilden Wendungen, ← 393 | 394 → die diese Besonderheiten aufweisen, zwangsläufig das „Zentrum des phraseologischen Bestandes der deutschen Sprache“ (FLEISCHER 1997a: 68). Auch für FEILKE (2004: 43) ist es die „syntaktische und semantische Irregularität“, die in der Anfangszeit der Phraseologie als zentral angesehen wird; Wendungen, die semantisch und/oder syntaktisch vom außerphraseologischen Sprachgebrauch abweichen, stehen im Fokus des Interesses und somit auch im Mittelpunkt des Zentrum-Peripherie-Modells.

Die vermeintlich zentrale Stellung formelhaft (ir-)regulärer Wendungen resultiert insbesondere aus der (introspektiven) Annahme, diese seien durchweg Idiome. So wird die Verletzung grammatischer Regeln (sprich: strukturelle „Irregularität“) innerhalb der Forschung unreflektiert gleichgesetzt mit Idiomatizität:

Wie in unterschiedlichen Beschreibungs- und Klassifizierungsansätzen von Idiomen verschiedener Sprachen hervorgehoben wurde, ist die Verletzung grammatischer Regeln in Form morphologischer und syntaktischer Anomalien ein deutlicher Beweis für Idiomatizität. (GLÄSER 1990: 59)

Die Auffassung, strukturelle und semantische Abweichungen seien „ein deutlicher Beweis für Idiomatizität“, führt zwangsläufig zu der Schlussfolgerung, dass es sich bei strukturell oder semantisch „irregulären“ Wendungen um Idiome handelt.295 Da jene Idiome den Prototyp und demzufolge den Kernbereich der Phraseologie bilden (vgl. GLÄSER 1988: 273), geht die Forschung (wenn auch teilweise nur implizit) bis heute davon aus, dass formelhaft (ir-)reguläre Wendungen den prototypischsten Vertretern der Phraseologie angehören und sie daher zentraler anzusiedeln sind als strukturell-semantisch unmarkierte Phraseme:

Zusammenfassend […] kann man an dieser Stelle festhalten, daß die Idiome polylexikalische, lexikalisierte und in hohem Grade irreguläre Lexikoneinheiten sind. Der höhere Irregularitätsgrad unterscheidet die Idiome von den Phraseologismen anderer Klassen. (DOBROVOLSKIJ 1995: 20)296 ← 394 | 395 →

Die empirische Auseinandersetzung verdeutlicht demgegenüber, dass sich formelhaft (ir-)reguläre Wendungen nicht nur auf Idiome beschränken. Zwar sind sie von ihrer Struktur her auffällig, strukturelle Eigenschaften dürfen neben semantischen Besonderheiten aber nicht als alleinige Klassifizierungsbasis dienen. Durch die sogenannte Mischklassifikation treten neben strukturellen und semantischen Merkmalen u. a. auch pragmatische (z. B. Routineformeln) und etymologische (z. B. geflügelte Worte) in den Vordergrund (siehe Übersicht 2–10). Darüber hinaus sollte das strukturelle Merkmal nicht nur an der grammatischen Auffälligkeit bemessen werden, sondern gewisse Strukturmuster ebenso mitberücksichtigen (z. B. Paarformeln, komparative Phraseme und Modellbildungen). Nimmt man eine Klasseneinteilung nach der Mischklassifikation vor, so zeigt sich, dass formelhafte (Ir-)Regularitäten in nahezu allen phraseologischen Klassen auftreten. Übersicht 18–11 stellt ein auf formelhafte (Ir-)Regularitäten zugeschnittenes und mit entsprechenden Beispielen versehenes Zentrum-Peripherie-Modell dar:297 ← 395 | 396 →

Übersicht 18-11:  Verteilung formelhaft (ir-)regulärer Wendungen im Zentrum-Peripherie-Modell

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Formelhafte (Ir-)Regularitäten sind klassenübergreifend und erstrecken sich über die gesamte Phraseologie: von Idiomen (z. B. jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen), Paarformeln (z. B. Haus und Hof (verspielen)) und komparativen Phrasemen (z. B. etw. wie sauer Bier anbieten/anpreisen), die im klassischen Sinne als zentrale Vertreter gelten, über satzwertige Phraseme wie Sprichwörter (z. B. Müßiggang ist aller Laster Anfang), Gemeinplätze (z. B. Geschäft ist Geschäft), geflügelte Worte (z. B. der Dritte im Bunde) und feste Phrasen (z. B. das/es ist zum Mäusemelken), lexikalisch offene Modellbildungen (z. B. eine + Partizip II + bekommen/kriegen) und Routineformeln (z. B. ruhig Blut!) bis hin zu an der äußersten Peripherie gelegenen formelhaften Texten (vgl. GÜLICH 1997: 149), Kollokationen (z. B. (über etw.) Aufschluss geben/gewinnen/erhoffen/liefern/bringen), Funktionsverbgefügen (z. B. in Mitleidenschaft geraten), phraseologischen Termini (z. B. finaler Rettungsschuss), gesprächsspezifischen Formeln (z. B. meines Wissens/Erachtens), grammatisch-strukturellen Phrasemen (z. B. entweder […] oder […]), Autorphrasemen (z. B. beim Barte Merlins bzw. bei Merlins Barte, Harry Potter) und Phraseonymen (z. B. das Weiße Haus).

Aus der näheren Betrachtung der Stellung formelhaft (ir-)regulärer Wendungen im klassischen Zentrum-Peripherie-Modell ergibt sich die Notwendigkeit, dieses zu relativieren bzw. modifizieren: ← 396 | 397 →

    Die Tatsache, dass sich formelhaft (ir-)reguläre Wendungen im gesamten Klassenspektrum der formelhaften Sprache wiederfinden, ist ein Beweis dafür, dass sie nicht als prototypisch angesehen werden dürfen. Phraseme mit „Irregularitäten“ sind nicht zwangsläufig im Kernbereich zu verorten; das Merkmal der formelhaften (Ir-)Regularität entscheidet nicht alleine darüber, ob eine feste Wendung eher im Zentrum oder an der Peripherie anzusiedeln ist. Aufgrund dessen muss das Diktum, „phraseologische Irregularitäten“ seien ein eindeutiger Indikator für phraseologische Einheiten, kritisch hinterfragt werden. In Wirklichkeit stellen ausdrucks- und/oder inhaltsseitige Besonderheiten nur vermeintliche Indizien für Phraseologizität dar. Sie reichen nicht aus, um sichergehen zu können, dass es sich bei entsprechenden Wortverbindungen tatsächlich um phraseologische handelt. Da auch Phraseme peripherer Klassen formelhaft (ir-)regulär sein können, erweist sich der Übergang zwischen formelhaft (ir-)regulären Wendungen und freien Wortverbindungen ebenso wie bei unmarkierten Phrasemen – trotz des Vorhandenseins „phraseologischer Irregularitäten“ – als fließend. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass bestimmte „irreguläre“ Erscheinungsformen nicht selten auch in außerformelhaften Konstruktionen und Kontexten auftreten (siehe Kapitel 18–2).

    Die fließenden Grenzen machen sich zusätzlich im Hinblick auf die phraseologischen Eigenschaften der Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität bemerkbar. Formelhaft (ir-)reguläre Wendungen weisen keineswegs – wie häufig implizit angenommen – die prototypischsten Ausprägungen dieser Merkmale auf. Was für unmarkierte Phraseme gilt, gilt ebenfalls für markierte, „irreguläre“: Die phraseologischen Eigenschaften treffen auf sie nur mehr oder weniger zu, womit zwangsläufig Abgrenzungsschwierigkeiten gegenüber freien Wortverbindungen verbunden sind. Eine Wendung mit formelhafter (Ir-)Regularität ist nicht automatisch satzgliedwertig, absolut unveränderbar und voll-idiomatisch (siehe Übersicht 2–5, 2–6 und 2–8). Auch aus diesem Grund können formelhafte (Ir-)Regularitäten nicht pauschal als zentrale Vertreter der Phraseologie klassifiziert werden.

Insgesamt kann konstatiert werden: Formelhafte (Ir-)Regularitäten stellen das – seit geraumer Zeit ohnehin stark in der Kritik stehende – Zentrum-Peripherie-Modell in gewisser Weise „auf den Kopf“; sie sind nicht idiomspezifisch, wie es in früheren Arbeiten (implizit und ohne dies zu hinterfragen) postuliert wird. Die bislang weit verbreitete Annahme, zwischen der Existenz ausdrucksseitiger „Unregelmäßigkeiten“ und dem Vorhandensein eines Idioms bestehe ein kausallogischer Zusammenhang (nach dem Motto: wenn eine Wendung strukturell ← 397 | 398 → auffällig, sprich „irregulär“ erscheint, handelt es sich um ein Idiom), entspricht nicht der (formelhaften) Sprachwirklichkeit. Das Zentrum-Peripherie-Modell gestaltet sich also im Hinblick auf die Stellung sogenannter „irregulärer“ Phraseme heterogener als bislang angenommen.

18.6  Idiomatische Prägung formelhafter (Ir-)Regularitäten und ihre Stellung im Ebenen-Modell

Das Feilkesche Konzept der idiomatischen Prägung und das daraus resultierende Ebenen-Modell wurden bereits in Kapitel 2.7 ausführlicher vorgestellt. An dieser Stelle genügen daher einige zusammenfassende Worte, um daraufhin den Blick auf die Einordnung formelhafter (Ir-)Regularitäten zu richten:

    Nach FEILKE (1998: 74) ist ein entscheidendes Merkmal menschlicher Kommunikation, dass „[a]us einem Spektrum von Konstruktionsmöglichkeiten für Ausdrücke […] durch die Konventionalisierung von Selektions- und Kombinationspräferenzen bestimmte verbindlich geworden [sind].“ Darüber hinaus sind bestimmte (Mehrwort-)Ausdrücke nicht nur aus struktureller und semantischer Sicht an bestimmte Konventionen gebunden, sondern auch aus pragmatischer.

    Aus dieser Überlegung heraus entwickelt FEILKE (2004) einen Gegenentwurf zum traditionellen und bislang üblichen Zentrum-Peripherie-Modell der Phraseologie. Legt man das Konzept der idiomatischen Prägung zugrunde, so sind es nicht mehr die syntaktisch bzw. semantisch „irregulären“ Wendungen, die im Zentrum des Interesses stehen, sondern die an der Peripherie angesiedelten „regulären“ Wortverbindungen, die auch quantitativ die Mehrheit der vorgeformten Sprache ausmachen. Dieser Perspektivwechsel findet seine Umsetzung im Feilkeschen Ebenen-Modell, in dem die bisher peripheren Erscheinungsformen (wie beispielsweise Kollokationen, Modellbildungen und Routineformeln) die breite Basis bilden und die bisher zentralen „irregulären“ Idiome lediglich einen kaum erwähnenswerten Anteil haben.

Strukturell und/oder semantisch „irreguläre“ Wortverbindungen, sprich formelhafte (Ir-)Regularitäten widersprechen keineswegs dem Konzept der idiomatischen Prägung: Legt man dieses als Maßstab für die Beurteilung der „Irregularität“ von Wortverbindungen an, so zeigt sich, dass es keine Rolle spielt, ob in manchen festen Wendungen strukturelle oder semantische Besonderheiten auftreten. Auch Phraseme mit „Irregularitäten“ in ihrer Oberflächenstruktur sind idiomatisch geprägt, insofern sie eine „konventionelle Bindung an einen ← 398 | 399 → pragmatisch signifikanten Kontext“ (FEILKE 2004: 45) besitzen. Ob mit oder ohne Irregularitätscharakteristika, Phraseme weisen eine „pragmatische Fixierung innerhalb arbiträr und konventionell festgelegter Kontexte“ (FEILKE 2004: 47) auf und sie werden – ob nun mit oder ohne Irregularitätscharakteristika – „fest durch den Gebrauch und sind pragmatisch fixiert innerhalb konventionaler Gebrauchskonstellationen“ (ebd.). Im Sinne eines solchen pragmatisch motivierten Ansatzes muss der (negativ konnotierte) „irreguläre“ Charakter der in der vorliegenden Arbeit behandelten Wendungen abermals relativiert werden. Denn nach FEILKE (2004: 47) sind

Formen struktureller Irregularisierung […] nicht nur diachron nachgeordnet, sie sind auch funktional nachrangig gegenüber dem Faktum der pragmatischen Regularisierung der Beziehung zwischen Kontextparametern und Ausdrucksformen.

Beschränkt sich der Blick nicht nur auf die innerhalb eines Phrasems scheinbar „irregulären“ Besonderheiten, sondern betrachtet man die komplexe Einheit als Ganze, so ist

nicht, wie wir eigentlich geneigt sind anzunehmen, die formativ-strukturelle und semantische Beschränkung und Irregularität entscheidend, sondern gerade im Gegenteil, die semantische und pragmatische Prägung bei gleichzeitig möglichst flexibler Einsetzbarkeit. (FEILKE 2004: 59)

Im Sinne der (pragmatischen) idiomatischen Prägung ist es also irrelevant, ob einige Phraseme „Abweichungen“ von der außerphraseologischen Norm aufweisen, da sie ebenso wie motivierte und regelhafte Wortverbindungen insofern idiomatisch geprägt sind, als sie nur in bestimmten pragmatischen Kontexten gebraucht werden (können) und sie somit genauso selektiv verwendet werden (müssen) wie alle anderen formelhaften Wendungen auch.

Darüber hinaus darf nicht außer Acht gelassen werden, dass FEILKE (1996) neben pragmatischen Prägungserscheinungen auch syntaktische und semantische ansetzt, die er wiederum in verschiedene Unterklassen einteilt. Auch diese beiden Ebenen lassen sich problemlos auf formelhafte (Ir-)Regularitäten anwenden bzw. finden sich in diesen wieder. Die syntaktische Prägung macht sich etwa in den zahlreichen (ir-)regulären Modellbildungen bemerkbar wie beispielsweise etw. ist (nicht) jedermanns X[Nomen] oder zu Tode X[Verb]. Und auch semantische Prägungserscheinungen zeigen sich durchgängig bei formelhaften (Ir-)Regularitäten wie beispielsweise die sogenannte „phrasemisch-plastische Prägung“ (klipp und klar) (vgl. FEILKE 1996: 253). Auch in den von FEILKE (1996) entworfenen grafischen Übersichten über die verschiedenen Prägungstypen selbst sind unter denen von ihm zur Veranschaulichung angeführten Beispielen Phraseme ← 399 | 400 → vorhanden, die der Klasse der formelhaften (Ir-)Regularitäten zuzuordnen sind. Im Bereich der syntaktischen Prägung ist für die Subklasse „lexikalisch organisierte Satzbeziehungsmuster“ die Wendung […] geschweige denn […] angeführt (vgl. FEILKE 1996: 241), im Bereich der semantischen Prägung für die Subklasse „figurierte analytische Prägung“ Kohldampf schieben und für „phrasemisch-figurierte Prägungen“ auf großem Fuß(e) leben (vgl. FEILKE 1996: 250). Im Bereich der pragmatischen Prägung nennt FEILKE (1996: 272) als Beispiel für die Sub-klasse „textuelle Prägung“ die „inhaltzbezogene Routine(formel)“ meines Erachtens, die aufgrund des prädikativen Genitivs und der unikalen Komponente den formelhaften (Ir-)Regularitäten angehört.

Es zeigt sich also, dass formseitige und inhaltsseitige „Irregularitäten“ syntaktischen, semantischen oder pragmatischen Prägungserscheinungen der entsprechenden Wortverbindung nicht „im Wege stehen“. Wenn FEILKE (2004: 57) also davon spricht, dass „[d]as so genannte phraseologische Zentrum […] im Gesamtspektrum der idiomatischen Prägung keine zentrale Rolle [spielt]“, bedeutet dies nicht automatisch, dass auch formelhafte (Ir-)Regularitäten im Bereich der vorgeformten Sprache keine zentrale Rolle spielen. Die zunehmende Pragmatisierung der Phraseologie, die FEILKE (2004) beschreibt und die nach sich zieht,

dass das Spektrum idiomatischer Prägung extensional nicht mehr über strukturlinguistisch zu fassende Irregularitäten, sondern zunehmend über das Kriterium der pragmatisch usuellen semiotischen Einheiten des Sprachgebrauchs definiert wird“ (FEILKE 2004: 43),

erfasst gleichfalls formelhaft (ir-)reguläre Wendungen. Ihr hervorstechendes Merkmal sind zwar die „strukturlinguistisch zu fassende[n] Irregularitäten“ (ebd.), diese stehen aber – aus einem pragmatischen Blickwinkel betrachtet – „regulären“ Wortverbindungen bezüglich ihres kommunikativ-pragmatischen Potenzials in nichts nach. Mit anderen Worten: Strukturlinguistische „Irregularitäten“ haben keinen (negativen) Einfluss auf die alltägliche pragmatisch-konventionalisierte Sprachverwendung dieser Phraseme.

Die bisher periphere Stellung formelhaft (ir-)regulärer Wendungen im Ebenen-Modell muss nicht nur deshalb relativiert werden, weil sie genauso wie unmarkierte Wendungen idiomatisch geprägt sind. Auch aus einem anderen Blickwinkel wird offensichtlich, dass es verfehlt wäre, sie als einen vernachlässigbaren Teil formelhafter Sprache zu klassifizieren: Wie in Kapitel 18.5 gezeigt, treten formelhafte (Ir-)Regularitäten in allen phraseologischen Klassen auf, auch in der Peripherie in Form von Kollokationen, Modellbildungen oder Routineformeln. Formelhaft (ir-)reguläre Wendungen finden sich im Umkehrschluss also nicht nur in der kleinen (unbedeutenden) Spitze des Ebenen-Modells, sondern ← 400 | 401 → ziehen sich durch den gesamten Bestand formelhafter Sprache. Formelhaft (ir-)reguläre Wendungen dürfen daher nicht nur – wie es in weiten Kreisen der Phraseologie der Fall ist – auf diese kleine „irreguläre“ Spitze beschränkt werden. Sie haben vielmehr auch einen (nicht zu unterschätzenden) Anteil an der breiten „regulären“ Basis. Diesen wichtigen Aspekt stellt FEILKE (2004: 58; Hervorhebung im Original) in meinen Augen nicht deutlich genug heraus, wenn er schreibt:

Was im Zentrum-Peripherie-Modell bisher peripher erscheint, wird hier zum Fundament. Zugleich wird damit der Blick umgelenkt von der Konzentration auf irreguläre Formen hin zur Konzentration auf die pragmatisch bestätigten regulären Selektionen und Kombinationen in der Sprache oder genauer: in einer Sprache.

Die terminologische Gegenüberstellung und die Verschiebung des Interesses von „irreguläre[n] Formen“ hin zu „pragmatisch bestätigten regulären Selektionen und Kombinationen“ impliziert, dass formelhaft (ir-)regulären Wendungen im Feilkeschen Ebenen-Modell keine zentrale Stellung zukommt bzw. ihnen nach diesem Schema weniger Beachtung geschenkt werden sollte. Die vorliegende Arbeit zeigt jedoch empirisch und theoretisch, dass die Trennung in formelhaft (ir-)reguläre und reguläre Wendungen nicht dichotomisch gezogen werden kann. Erstens sind auch alle formelhaft (ir-)regulären Erscheinungsformen im Hinblick auf die idiomatische Prägung bestätigte reguläre Selektionen und Kombinationen, und zweitens treten formelhafte (Ir-)Regularitäten auch in den „pragmatisch regulären“ Klassen wie Kollokationen, Modellbildungen und Routineformeln auf. Die (modelltheoretische) Marginalisierung wird diesen Erscheinungsformen also in keiner Weise gerecht. Als ein konstitutiver Bestandteil der formelhaften Sprache dürfen sie nicht auf einen kleinen Restbereich beschränkt werden.298

Zusammenfassend lässt sich festhalten: So wie es für alle formelhaften (Mehr-)Wortausdrücke üblich ist, sind auch formelhaft (ir-)reguläre Wendungen im Feilkschen Sinne – auf syntaktischer, semantischer sowie pragmatischer Ebene – idiomatisch geprägt, da ihr Gebrauch ebenfalls beschränkt, besser: ← 401 | 402 → (vor-)geprägt ist „durch die Zuordnung zu konventionellen Handlungsschemata oder kulturellen Schemata des Common sense-Wissens“ (FEILKE 1994: 237). Die Feilkesche Revision des klassischen Zentrum-Peripherie-Modells zieht darüber hinaus nicht – wie es auf den ersten Blick den Anschein erweckt – die Marginalisierung formelhaft (ir-)regulärer Wortverbindungen nach sich, da es sich bei diesen nicht nur um Idiome handelt, sondern sie den Gesamtbereich der formelhaften Sprache abdecken. Auch im Ebenen-Modell besitzen formelhaft (ir-)reguläre Wendungen keinen zu vernachlässigenden Status, da sie in allen von FEILKE (2004) beschriebenen Ebenen vorkommen: sowohl in der kleinen Spitze als auch in der breiten Basis. ← 402 | 403 →


287  Es muss angemerkt werden, dass die in Übersicht 18–1 angegebenen Zahlen keinen Anspruch auf Vollständigkeit besitzen: Zum einen ist es durchaus möglich, dass bestimmte formelhaft (ir-)reguläre Phraseme nicht erfasst sind, zum anderen gestaltet sich die Auszählung aufgrund des graduellen Charakters einzelner Erscheinungsformen enorm schwierig, wodurch eine „genaue“ Zahlenangabe kaum möglich ist (z. B. bei Unikalia und Genitivobjekten). Darüber hinaus ist bei einigen Wendungen nicht streng zwischen Varianten unterschieden worden. Einige Phrasemvarianten haben daher mehrmals Eingang in die quantitative Auswertung gefunden (z. B. sich eins lachen/grinsen/feixen/kichern). Die exakte Zahlenangabe verschließt sich auch aufgrund der modellartigen Reihenbildung einiger Wendungen (z. B. N ist N).

288  Siehe auch NUNBERG u. a. (1994: 515): „Incidentally, the number of idioms which do not ‘have the syntactic form of nonidiomatic expressions’ is not so small […].“

289  SCHINDLER (2002: 38) spricht sogar von „pragmatischen Irregularitäten“ und führt hierfür die Routineformel Das wäre doch nicht nötig gewesen an (siehe auch SCHINDLER 1996a), die aufgrund ihrer Bindung an einen „ganz bestimmte[n] Sprechakt“ (SCHINDLER 1996a: 269) in gewisser Weise idiosynkratisch und somit „irregulär“ erscheint.

290  Auch auf die Eigenschaft der „textbildenden Potenz“ von Phrasemen (siehe DOBROVOLSKIJ 1980, 1987 und SABBAN 2004, 2007) hat das Vorhandensein von strukturellen und/oder semantischen „Irregularitäten“ wohl keine einschränkende Wirkung, da dem Phrasem als Ganzes – sozusagen als Zeichen sekundärer Art – dieses Potenzial zugeschrieben werden kann. Dabei sind es insbesondere Idiome (d. h. semantisch „irreguläre“ Wendungen), an denen die textbildende Potenz immer wieder aufgezeigt wird.

291  STEYER (2012: 306) verweist ebenfalls auf die „sehr produktive Besetzung“ der Leerstellen. Dabei geht sie von einer prototypischen Verwendung (Alter schützt vor Tor-heit nicht) des aus zwei Leerstellen bestehenden Sprichwortmusters X[Nomen] schützt vor Y[Nomen] nicht aus.

292  Eine entscheidende Hilfe kann hierbei die sogenannte automatische Slotanalyse sein (vgl. STEYER 2013: 110–129), die „die automatische Zählung der lexikalischen Füller einer Leerstelle“ (STEYER 2012: 305) ermöglicht.

293  Man könnte auch sagen, dass die Entwicklung eines Phrasems bis hin zu einer Modellbildung nur schwer prozessorientiert festzustellen ist, sondern vielmehr produkt-orientiert, also erst dann, wenn bereits der Fall eingetreten ist, dass die lexikalisch feste Nennform aufgrund der immensen Anzahl an Modifikationen nicht mehr mit absoluter Sicherheit als solche angesetzt werden kann.

294  Genauere Ausführungen zum Modell finden sich in Kapitel 2.6.

295  Vgl. auch die Anmerkungen zum (scheinbar selbstverständlichen) Zusammenhang von „Anomalie“ und „Idiom“ bzw. „Idiomatizität“ in BURGER (2002: 400): „Wenn wir abschließend noch einmal alle Arten von Anomalien, durch die Idiome auffallen, und damit die Arten von Idiomatizität überblicken, so lässt sich feststellen, dass es Idiome gibt, die mehr Anomalien (im formalen wie semantischen Bereich) aufweisen als andere. Man könnte daraus folgern, dass diejenigen, die die größte Menge an Anomalien haben, den höchsten Grad an Idiomatizität aufweisen.“

296  Ähnlich auch STÖCKL (2004: 170): „Am stärksten idiomatisch wären dann nach wie vor die klassischen Idiome, bei denen vom synchronen Standpunkt aus grammatische und semantische Anomalien vorliegen […].“

297  Die Einteilung der Klassen orientiert sich an dem Modell von LÜGER (1999: 343). Zur formelhaften (Ir-)Regularität der Beispiele: jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen (Valenz(ir)regularität), etw. wie sauer Bier anbieten/anpreisen, ruhig Blut! (unflektierte Adjektivattribute), Haus und Hof (verspielen), Geschäft ist Geschäft (Artikel(ir)regularitäten), Müßiggang ist aller Laster Anfang (vorangestelltes Genitivattribut), der Dritte im Bunde, beim Barte Merlins/bei Merlins Barte (Dativ-e), eine + Partizip II + bekommen/kriegen (z. B. geballert/gefeuert/gelangt) (Pronomen(ir) regularität), meines Wissens (adverbialer Genitiv), an Eides statt (veraltete Genitivkonstruktion), das/es ist zum Mäusemelken, entweder […] oder […], meines Erachtens, finaler Rettungsschuss, in Mitleidenschaft geraten, (über etw.) Aufschluss geben/gewinnen/erhoffen/liefern/bringen (Unikalia).

298  Ich möchte FEILKE (2004) keineswegs unterstellen, dass er bewusst für diese Marginalisierung eintritt. In seinen Ausführungen wird jedoch die Einordnung formelhaft (ir-)regulärer Wendungen in das Ebenen-Modell nicht voll und ganz ersichtlich. Erschwert wird dieses Problem auch dadurch, dass er nicht genau definiert, was er unter „irregulären Formen“ (FEILKE 2004: 58) versteht. So bleibt offen, ob er sich hierbei auf rein semantische Auffälligkeiten (sprich: Idiomatizität), auf morphosyntaktische Restriktionen oder aber auf „phraseologische Irregularitäten“ bezieht.