Die Praxis der/des Echo
Zum Theater des Widerhalls
Summary
Excerpt
Table Of Contents
- Cover
- Titel
- Copyright
- Autorenangaben
- Über das Buch
- Zitierfähigkeit des eBooks
- Inhalt
- Zum Geleit: Echo
- I Echo/Lot – Widerhall der Vergangenheit
- Doppeltes Echo auf Laurent Chétouanes Inszenierung von Kleists Das Erdbeben in Chili
- Das doppelte Echo Guglielmos oder Meyerholds Rückruf
- (Polish) Theatre as a Rhizome of Echoes: The Case of Acropolis
- II Echo/Lot – Verhandlungen mit der Geschichte
- Theaterversuche »Mit Tokatonton«. Zur Vielfalt der Echo-Kräfte in Chitens Tokatonton to
- Meeresrauschen. Das Echo der Antigone in Masataka Matsudas und Marebito-no-Kais szenischer Begehung von Minami-soma.
- Das Echo der (Tanz)Geschichte: Erinnern und Wiederholen als Strategien der Selbstvergewisserung undo, redo and repeat von Christina Ciupke/Anna Till (2014)
- III Echo/Lalie – Ich und der/das Andere
- Echo-Stimmen: Streik! Von Pro-Vokationen und Rede-Wendungen im mythischen Erzählen
- Glossar zur performativen Installation Echo/Raum#1: Echo und Narziss
- Endlich leben. Heiner Müllers Theater der Zukunft
- IV Echo/Gramm – Mediale Praktiken
- Der doppelte Körper Freuds: Strategien theatraler (Selbst)Verschriftlichung in der Geschichte der Hysterie
- Theoretical Performance
- Der Knopf im Ohr, oder Wenn die Rede des Schauspielers zum Echo wird. Anmerkungen zum Komischen und zum Unheimlichen
- ECHO: lauter widerständige Entwürfe. Künstlerische Praktiken von Korrespondenz und Transfer
- V Echo/Loge – Strategien der Anrufung
- Realität2 Strategien der Wiederholung bei polnischen Künstlern der Gegenwart
- Macht es für Euch! – Zum Echo des Chores im Theater von René Pollesch
- Echo, die Zuschauer
- Beiträgerinnen und Beiträger
- Abbildungsverzeichnis
Die Nymphe Echo ist im antiken Mythos nach Ovid eine begabte Erzählerin, der wie so vielen ein grausames Los widerfährt: Ihr wird die eigene Begabung zum Verhängnis und – in der mythischen Logik – zum ewig dauernden Schicksal. Weil sie Juno durch ihren Wortschwall von den Amouren ihres Gatten Jupiter ablenkte, wird sie mit dem Entzug der eigenen Rede bestraft: Nurmehr fähig, die letzten Worte ihres Gegenübers zu wiederholen, ist sie verdammt zum ohnmächtigen Widerhall fremden Ausdrucks. In dieser wohl bekanntesten Variante des Mythos avanciert der eigenwillige Jüngling Narziss zum Objekt ihres Verlangens. Doch ihr Begehr(en) findet keinen Zuspruch, Echo stößt ihn ab und wird von ihm zurückgestoßen. Zu ungeheuerlich scheint die Begegnung mit der Anderen, die mit den ihm wiedergegebenen Worten sein eigenes Anderes provoziert. Narziss indes bleibt ganz bei sich, nichts stört den autoerotischen Akt der Selbstbespiegelung, aus dem jegliches Störmoment getilgt werden muss. Echo, die Ver-Störende, jedoch wird in der Folge des Mythos zu Stein, nur die Stimme bleibt (bei) ihr. Der göttlichen Strafe anheimgegeben, einer gegenseitigen Liebesbeziehung entledigt und schließlich im Dichterwort versteinert wird Echo so von Anbeginn zum Sinnbild eines defizitären, vom Anderen abhängigen Wesens. Darin taugt sie, im Gegensatz zu Narziss, wie Winfried Schindler ausführt, unter keinen Umständen als »Erkennungsmythos des Abendlandes«1, auf den man zur Selbsterklärung leichterhand zurückgreifen würde. Es fehlt ihr das vermeintlich Originäre. Echo ist zwar bar eines Ursprungs – der vermeintlichen Grundlage einer als eigentlich verstandenen Biografie –, aber sie deutet gerade darin auf die drängenden Fragen nach Kreatürlichkeit und Endlichkeit. Der bukolische Dichter Longos schreibt den Echo-Mythos in seine Liebesgeschichte von Daphnis und Chloe ein und damit auf eigene Weise weiter. Vom akustischen Echo der Meereswellen und Fischerlieder angeregt hebt der Liebende an, seiner Geliebten vom grausamen Schicksal der Nymphe Echo zu erzählen. Diesmal reizt Echo den Waldgott Pan mit ihrer Schönheit, die sie trotzig gegen jegliche Avancen verteidigt, und beschwört dadurch den sprichwörtlich gewordenen panischen Schrecken herauf. Die Provokation, die ihre Stimme auslöst und die sie schließlich das Leben kostet, wirkt als eine doppelte: Der ← 7 | 8 → provozierte Wahnsinn, dem die Hirten auf Geheiß des Pan verfallen, lässt sie Echo martialisch zerreißen und ihre Glieder in alle Winde verstreuen. Doch Echo selbst findet kein Ende – die verteilten Glieder klingen unendlich weiter, die Stimme überdauert den versteinerten Leib. Hierin liegt eine zweite unheimliche, ungeheure Provokation: Selbst nachdem die Erde ihre Fetzen bedeckt hat, klingt Echo weiter aus ihrem Grab und lässt nicht zur Ruhe kommen. Sie ist eine Wiedergängerin, eine Heimsuchende.
Damit aber wohnt der Figur wie den Mythen zu(m) Echo ein entschieden theatrales Element inne: Wo eine Begegnung des Einen mit dem Anderen, des Selbst mit dem ihm Fremden (und doch zugleich Eigenen) auf solche mehrfach gebrochene, in unterschiedlichen Medien sich äußernde Weise zu konstatieren ist, lässt sich nicht nur von einer Szene der Anrufung und der Antwort, der Widerrede und des Widerstands sprechen, sondern in mehrfacher Hinsicht von einem ganzen Theater des Widerhalls. Denn der Widerhall birgt, erstens, in sich mehr als die reine Wiederholung des Vorgängigen; mit Jacques Derrida gesprochen verweist er auf das Moment der Verschiebung, Zergliederung und Dissemination eigentlichen Ausdrucks, des Widerstands innerhalb der Iteration.2 In der zunehmend körperlosen Stimme der Echo scheint all das auf, was das Wiederholte als Wiedergeholtes nicht mehr zu verdecken vermag: das Entgleiten des Sinns, die Position der Sprechenden, die Medialität der Kommunikation, die Rauheit der Stimme, die Ambivalenzen der Aneignung, die Grenzen der Mitteilbarkeit und das Risiko der Endlichkeit. Zweitens verweist die Wiederholung Echos auf die theatrale Verfasstheit jegliches vorgängigen, ›ursprünglichen‹ oder historischen Ereignisses ›selbst‹, beziehungsweise referiert sie auf die einzig mögliche Vorstellung und begriffliche Annäherung, die wir diesem gegenüber versuchen können. Die theatrale Wiederkehr der Vergangenheit in Echos Widerrede macht deutlich, dass wir Geschichte ›schon immer‹ in theatralen Formen denken beziehungsweise dieses Denken auch in den verschiedensten historiografischen, literarischen und dramatischen Schreibweisen (bei Ovid selbst, aber auch bei Heinrich von Kleist, Stanisław Wyspiański, bei Sigmund Freud, Tadeusz Kantor oder Heiner Müller – um nur einige Beispiele aus diesem Band zu nennen) vorfinden. Drittens aber stellt sich die Theatralität in Echos Figuration der (durchaus auch körperlich-materiellen) Begegnung mit dem Anderen als eine Relation zwischen verschiedenen Medien dar – eine transmediale Konstellation von Zeichen, Körpern ← 8 | 9 → und Gesten, die niemals einfach nur als Wiederholung von Text, Sprachzeichen oder Bewegungsmustern zu denken ist. Vielmehr muss bei jedem Echo-Phänomen immer schon von einer medial vervielfältigten, diskontinuierlichen und an die Materialität eines Medienwechsels (von Laut zu Geste, von Bild zu Bewegung, von Text zu Gestalt, und umgekehrt) gebundenen Modifikation des Gefüges von Denken, Wahrnehmen und Äußern ausgegangen werden. Denn (im) Echo zersetzt (sich) wiederholend Sprach- und Sinnzusammenhang, setzt ihn zurück und damit aus. Die oftmals unerwartbare Wiederkehr von Fragmenten, Splittern und Motiven in medial gewandelter Form stellt, viertens und nicht zuletzt, jedes geschlossene Konzept einer Darstellbarkeit von Geschichte, Identität und kultureller Ordnung infrage. Wenn Literatur, bildende Kunst, bürgerliches Theater, Film und Geschichtsschreibung die modernen Medien einer ›Zirkulation sozialer Energie‹ sind, in welchen die Erinnerungen einer Kultur ihren Niederschlag finden,3 so sind rhetorische Figuren der Übertragung – Metapher, Synekdoche, Metonymie – Formen der Aktualisierung darin, die einem Effekt der Echo verwandt sich zeigen. Indem sie Altbekanntes versetzen, Bedeutungen entsetzen und zum leeren Zeichen werden lassen, geben sie einen Ausblick auf die räumliche wie zeitliche Strukturierbarkeit der Schrift (auch und gerade der des Historikers) und der durch sie strukturierten Darstellung von Welt. Wie aber stellt sich das Verhältnis von tradierter mündlicher Rede – im Sinne der Kunde Walter Benjamins, die über Zeiten und Räume hinweg auch Generationen überschreitet4 – zur verschriftlichten Text-Erinnerung, zum Echo der Vor-Schriften im Textgedächtnis, dar? Echo bietet bereits als mythische Figur stets sich wandelnder Wiederholung gerade auch anderen, a-literarischen Praktiken der Erinnerung Raum zur Entfaltung. Sie/es lässt im theatralen Spiel Phantasmagorien und Heterotopien entstehen, die zur Übermacht moderner geschichtlicher Ereignisräume ein Gegengewicht bilden oder auch die Unsicht- und Unfassbarkeit solcher historischen Zeit-Räume erkennbar werden lassen.
Details
- Pages
- 267
- Publication Year
- 2015
- ISBN (Hardcover)
- 9783631661888
- ISBN (PDF)
- 9783653058420
- ISBN (MOBI)
- 9783653969054
- ISBN (ePUB)
- 9783653969061
- DOI
- 10.3726/978-3-653-05842-0
- Language
- German
- Publication date
- 2015 (September)
- Keywords
- Theatralität Wiederholung Geschichtsschreibung Mythologie
- Published
- Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 267 S., 4 farb. Abb., 29 s/w Abb.
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