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Kommunikative Routinen

Formen, Formeln, Forschungsbereiche- Festschrift zum 65. Geburtstag von Prof. Dr. Irma Hyvärinen

Edited By Leena Kolehmainen, Hartmut E. H. Lenk and Liisa Tiittula

Die Kreativität menschlichen Sprachgebrauchs spielt eine zentrale Rolle in verschiedenen Sprachtheorien. Ergebnisse der Phraseologie- und der Textforschung haben indes gezeigt, dass der alltägliche Sprachgebrauch durch ein hohes Maß an Konventionalität bis hin zur Stereotypie gekennzeichnet ist. Dieser Band vereint 16 Beiträge, die solchen kommunikativen Routinen in verschiedenen Zusammenhängen nachgehen. Untersucht werden Formeln in mittelalterlichen Testamenten ebenso wie Anreden im Drama und Kirchenliedern, die Funktion von Wiederholungen in literarischen Texten und deren Übersetzung, die Vermittlung und Aneignung kommunikativer Formeln im DaF-Unterricht und deren Gebrauch in Pressetexten, Notrufen, Kaufgesprächen sowie Routinen in Tagebüchern und Parlamentsreden.
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Semper eadem. Melancholie als Wiederholungszwang

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Semper eadem

Melancholie als Wiederholungszwang

Ulrich Breuer

Abstract

Am Beispiel von Texten Robert Burtons, Johann Wolfgang Goethes und Friedrich Nietzsches beschäftigt sich der Beitrag mit dem Wiederholungszwang, der als Spezialfall kommunikativer Routinen verstanden wird. Methodisch an die temporale Melancholietheorie Theunissens anschließend wird gezeigt, dass literarische Texte aus unterschiedlichen Epochen den Wiederholungszwang als soziale, existentielle und kulturpoetische Grenzfigur darstellen und zugleich Wege zu seiner Überwindung aufweisen bzw. ihn zu akzeptieren auffordern. Die Ausführungen wollen nicht zuletzt zu einer bisher erst rudimentär entwickelten temporalen Theorie der Melancholie in der Literaturwissenschaft beitragen.

1. Einleitung

„Semper eadem“ – so lautet der grammatikalisch zweideutige Titel eines zuerst 1860 gedruckten Gedichtes von Charles Baudelaire (1975: 132), den sich der vorliegende Beitrag zitierend (als wäre er mit einem Motto versehen)1 zu eigen macht. Offensichtlich handelt es sich dabei bereits um einen Akt der Wiederholung – und Wiederholungen sollen hier als Spezialfall kommunikativer Routinen verstanden werden. Baudelaire vollzieht mit seiner Titelwahl seinerseits einen Akt der Wiederholung, indem er auf antike Formulierungen wie diejenige des Lukrez im dritten Buch seines Lehrgedichts De rerum natura zurückgreift. Dort hält die Natur dem stets nach neuen Genüssen sich sehnenden Menschen vor: „eadem sunt omnia semper“.2 Im Titel Baudelaires erscheint das Argument durch Elision verkürzt, syntaktisch invertiert und semantisch erweitert. Es handelt sich also um eine variierende Wiederholung und variierende Wiederholungen sind für alle ästhetischen Phänomene – wie...

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