Show Less
Restricted access

Wissenstexturen

Literarische Gattungen als Organisationsformen von Wissen

Series:

Gunhild Berg

Literarische Gattungen sind Wissensformate und -praktiken. Sie form(ul)ieren, organisieren, strukturieren, kurzum: texturieren Wissen. Der Band geht der Frage nach, welches Wissen Gattungen mithilfe der ihnen eigenen Texturen wie arrangieren. Welches Gattungswissen wird tradiert? Welche extratextuellen Objekte, Muster oder Bilder wirken in literarischen Gattungen? Die Beiträge analysieren etablierte ebenso wie originelle, kurzlebige Gattungen des späten 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts, deren Entstehung und Veränderung epistemische Brüche markieren. Dazu zählen Idylle, Novelle, Fragment, Rhapsodie, Ansicht, Porträt, Denkmal, Galerie, Panorama, Guckkasten, Daguerreotypie, Zukunftsbild, Experimentalroman, Studie, Dialogroman und Tatsachenroman.
Show Summary Details
Restricted access

Fie Novelle – eine autarke Gattung? Zur Relevanz medienhistorischer, anthropologischer und epistemologischer Kontexte für die Gattungskonstitution im 19. Jahrhundert

Extract

← 124 | 125 → Rainer Godel

1 Novelle als autarke Gattung – Positionen der Gattungsgeschichte und -theorie

Nichts Neues gibt es mehr von der Novelle, sollte man meinen. Folgt man den gängigen Positionen der Gattungstheorie, könnte man die Novelle als Gattung skizzieren, die sich durch einen deutlichen Bezug auf die eigene Geschichte auszeichnet und damit Wissen zwar neu organisiert, aber eher weniger neues Wissen generiert. Zwar hat schon Hugo Aust darauf hingewiesen, dass die Novelle nicht jenes „einheitliche, bewußt gewollte Formgebilde“ sei, als das man sie dargestellt habe,1 doch kann die Novelle, glaubt man den Gattungsnarrativen, paradigmatisch als autark gelten: Rolf Füllmann beschließt das erste Kapitel seiner Einführung in die Novelle noch 2010 mit einem ganz traditionellen Katalog, der klassische und in ihrer Normativität unhinterfragte Kriterien aus der Novellentradition aufführt (Erzählen, Rahmenhandlung, Neuigkeit, Symbol). Die Novelle sei „folgerichtig eine der wenigen Prosagattungen, deren Qualität sich nicht nur an der Originalität, sondern auch an der Traditionsverhaftung misst.“2 Novellisten selektierten mithin, so die traditional-autarke Lesart der Gattungsgeschichte, aus dem reichhaltigen topischen Inventar gattungshistorischer Optionen jeweils einige Kriterien, um sie neu zu mischen.3

← 125 | 126 → Tatsächlich fehlt selten der novellistische Bezug auf Boccaccios musterbildende Kraft; die Novellisten wissen Margarete von Navarra und Cervantes einzuordnen; sie erzählen, diese Gattungsvorbilder aufgreifend, von Rahmengesprächen geselliger Runden und replizieren damit das Wissen der Gattung um einen Wechsel von polylogischem und monologischem Sprechen. Die „inszenierte Mündlichkeit“ des Rahmengespr...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.