Show Less
Restricted access

Finanznarrative als Krisennarrative

Literarische und filmische Modellierungen «kapitaler» Erschütterungen in der Romania

Series:

Edited By Kurt Hahn and Marita Liebermann

Das Faszinosum des Kapitals und die Illusion seiner (Selbst-)Vermehrung geben seit jeher zu denken und mehr noch zu erzählen. Maßloser Reichtum und bittere Armut, entfesseltes Begehren und ebensolche Verschwendung befeuern die Einbildungskraft, heben schillernde Protagonisten aus der Taufe und bringen virtuose Sujets, spannende Plots oder effektvolle Motive hervor. Narrative und Narrationen, die sich solcherart der Finanzen annehmen, generieren starke Affekte, extreme Reaktionen und scharfe Kontraste; sie nehmen Subjekte in Beschlag, spornen sie unablässig an, treiben sie aber auch in den Wahnsinn und in den Abgrund. Derlei kapitale Krisen zu diagnostizieren und auf diesem Weg Erzählmuster, Konfliktherde und Figurenkonstellationen zu analysieren, macht sich der vorliegende Band in einem literarhistorischen Durchgang von Früher Neuzeit bis in die Gegenwart zur Aufgabe.

Einleitung: Scheitern als narrative Chance (Kurt Hahn)

Krisenszenario I: Frühneuzeitliche (An-)Ökonomien

Management-Konstrukte: Celestina als Unternehmerin (Yvette Sánchez)

‚Geld stinkt nicht‘: Lazarillo de Tormes als (utopisches) Finanznarrativ (Jens Elze)

Sganarelles Lob des Tabaks und die Grundlagen der politischen Ökonomie des Bürgertums nach Molière (Reinhard Krüger †)

Der Aufstieg des Bürgertums, die Krise des Adels und die Transformationen des Romans im 17. Jahrhundert (Beatrice Nickel)

Krisenszenario II: Abgründige Finanzanalysten des 19. Jahrhunderts

Eine Poesie der Verschuldung? Der diabolische Pakt als Finanzierungsmodell bei Balzac (Anne Reich)

Fälscher, Falschspieler und Spekulanten in Baudelaires Le Spleen de Paris (Herle-Christin Jessen)

Baudelaire und die Ökonomie des Verlusts (Cornelia Wild)

Krisenszenario III: Modernes Unbehagen am Kapital

Ökonomische Krisenmomente und Selbst-Haushaltungen im Werk von Miguel de Unamuno (Berit Callsen)

Federigo Tozzi und die Notwendigkeit des Scheiterns (Marco Menicacci)

Der Mann und die Arbeit – Zur Narration kapitaler Krisenfelder in Pierre Bosts Faillite (Marita Liebermann)

"Der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns..." – Dépense und Kompensationen materiellen Exzesses bei Sartre und Pessoa (Stephanie Béreiziat-Lang)

Antikapitalismus und rurale Utopie: Jean Gionos paysannerie im Licht der kapitalistischen Ideologie (Walter Wagner)

Imaginationen des Geldes – Die Phantasmagorien der Moderne(n) am Beispiel des Geldmotivs in der Buenos-Aires-Literatur (Patrick Eser)

Krisenszenario IV: Zeitgenössische Insolvenzen

"C’est tout l’argent de notre famille" – Die mythographische Funktion des Geldes im Werk von Laurent Gaudé (Stefan Müller)

Theatrale Dynamiken des finanziellen Kollapses in David Lescots Le Système de Ponzi (Sara Izzo)

Literarische Krisen-Modellierungen – Der zeitgenössische historische Roman als überzeitliches politisches Mittel: Q von Luther Blissett/Wu Ming (Elena Görtz)

Scheiternde Abschottung gegen die Krise: Lateinamerikanische gated communities in Literatur und Film am Beispiel von Las viudas de los jueves (Matthias Hausmann)