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Jüdische Lebenswelten

Von der Antike bis zur Gegenwart

von Ernst Baltrusch (Band-Herausgeber:in) Uwe Puschner (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 320 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch stellt die Vielfalt jüdischen Lebens in Europa von der Antike bis zur Gegenwart dar. Ausgewiesene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Judaistik, Geschichte, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Katholischer Theologie beschreiben und untersuchen, wie sich Juden und jüdische Gemeinschaften in einer fremden Umwelt behaupteten: Wie sie sich in die sie umgebende Gesellschaft politisch, wirtschaftlich, kulturell einbringen wollten und konnten, wie sich ihr alltägliches Leben gestaltete, welchen Bedrohungen, Gefahren und Diskriminierungen sie ausgesetzt waren und wie sich der sie umgebende Staat und die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft positionierten. Um die Vielfalt der jüdischen Lebenswelten ideal präsentieren zu können, ist das Buch chronologisch angelegt. Hierzu gehört auch die singuläre Katastrophe, die Ermordung der europäischen Juden. Das entstandene Panorama jüdischen Lebens in Europa zeigt aber, dass die vielfältige jüdische Geschichte mehr als nur Konflikte, Diskriminierung und Antisemitismus bietet.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Extract/Extrait
  • Vorbemerkungen
  • Kampf der Kulturen? Judentum und Hellenismus
  • Herrschaft, Widerstand, Kooperation: Rom und das Judentum in Judaea/Palaestina vor dem 4. Jh. n. Chr.
  • „Getaufte Juden“ im westgotischen Spanien. Die antijüdische Politik König Chintilas zum Jahreswechsel 637/638 und ihre Hintergründe
  • „… schreibet dem contract öffentlich auff dem freyen mark[t], und unterschreibet ihm auff der freye[n] straße.“. Christlich-jüdische Handlungsräume und Lebenswelten im Deutschland der Frühen Neuzeit
  • „Ein Weiser nach antikem Zuschnitt“. Lazarus Bendavid (1762-1832)
  • Das preußische Emanzipationsgesetz von 1812 und die deutsch-jüdische Geschichte im Zeitalter der Emanzipation
  • Ein halbes Jahrhundert zu spät? Württembergs Emanzipationsgesetzgebung im Vergleich mit Baden, Bayern und Preußen
  • Suche nach Identität – Emanzipation durch Architektur. Synagogen im 19. Jahrhundert
  • „Es ist das Heil uns kommen her“. Emanzipation und Reform im Judentum
  • Jüdische Geschichte im ‚langen’ 19. Jahrhundert. Deutschland und Italien im Vergleich
  • Völkischer Antisemitismus
  • „Ostjudentum“ und Mizrekh-Yidishkeyt. Begriffskonstruktionen, Selbstwahrnehmungen und Fremdzuschreibungen
  • Zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde Berlins seit 1945
  • Autoren
  • Index
  • Reihenübersicht

Extract

To reflect upon the varieties of Jewish life in Europe in good as well as in bad times and from antiquity to the presence is the subject of this book. Renowned scholars of different research fields like Jewish Studies, History, Art History, Literature and Catholic Theology analyze how Jews and Jewish communities maintained in alien environments, how they were willing or able to integrate themselves into surrounding societies politically, economically, and culturally, how they structured their everyday lives, which threats, dangers, and modes of discrimination they faced, and, finally, how the state and non-Jewish members of the dominant society placed themselves in relation to Jews. The book is structured chronologically so that the varieties of Jewish live environments are presented most sensible. The singular catastrophe, the Holocaust, belongs to this history as well. However, Jewish history offers more than conflicts, discrimination and eliminatory anti-Semitism. This book and the different methodological approaches of the following essays, which the contributors devoted to central aspects of the history of Jews, want to convey the complexities and varieties of Jewish life in Europe that developed throughout the course of history.

Extrait

Cet ouvrage, réunissant des spécialistes issus de différentes disciplines comme les études juives, l'histoire, l'histoire de l'art, la littérature et la théologie catholique a pour objectif de rendre compte de la diversité de la vie juive en Europe de l'Antiquité à nos jours, que les contextes fussent propices ou tourmentés. Les contributions réunies ici décrivent et analysent la façon dont juifs et communautés juives se maintinrent au sein d'un environnement étranger ; la façon dont ils voulurent ou purent s'investir politiquement, économiquement et culturellement dans la société ; la façon dont ils organisèrent leur vie quotidienne ; les menaces, dangers et discriminations auxquels ils étaient exposés et la façon dont l'État les hébergeant et la société majoritairement non juive les entourant se positionnèrent à leur encontre. L'ouvrage est construit de manière chronologique, permettant ainsi à la diversité de la vie juive de se manifester au mieux. Si cette chronologie retient également la catastrophe originelle, l'assassinat des juifs européens, l'histoire juive offre davantage que conflits, discriminations et antisémitisme (éliminatoire). C'est ce que veut aussi démontrer ce volume ainsi que les différentes approches des contributions qu'il réunit, écrites par des universitaires qui, dans leur discipline d'origine, ont accordé une place centrale à l'histoire du judaïsme. Il ressort de cette entreprise un large panorama de la vie juive en Europe tout au long de l'histoire. ← 7 | 8← 8 | 9 →

Vorbemerkungen

Am 11. März 1812 erließ der preußische König Friedrich Wilhelm III. mit dem sogenannten Emanzipationsedikt ein Gesetz, demzufolge „Juden und deren Familien für Einländer und Preußische Staatsbürger zu achten“ waren. Mit diesem Edikt hatte sich die preußische Regierung zwar nicht zu einer vollen Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung Preußens mit der christlichen durchgerungen, doch stellte es eine wesentliche, von den Juden innerhalb und außerhalb Preußens mit Freude und Dankbarkeit aufgenommene Errungenschaft im Hinblick auf eine zeitgemäß moderne Gesetzgebung dar.

Der Erlass dieses Edikts jährte sich im Jahr 2012 zum 200. Male. Um seine Bedeutung zu würdigen, wurde an der Freien Universität Berlin im Wintersemester 2012/13 eine universitäre Vorlesungsreihe veranstaltet, die unter dem Titel stand: „ … betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden …‘. Jüdische Lebenswelten. Aus Anlaß des Bicentenaire des preußischen Ediktes“. Diese Vorlesungsreihe vereinte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachdisziplinen, die zu Fragen der jüdischen Geschichte vom dritten vorchristlichen Jahrhundert bis zum 20. Jahrhundert forschen und lehren und die ihm Rahmen der Vorlesungsreihe Gelegenheit nahmen, ihre jeweilige Perspektive auf die jüdische Geschichte im Zusammenhang des Ediktes vorzustellen. Die Veranstaltung stieß auf große Resonanz nicht nur der universitären Öffentlichkeit, und so schien es naheliegend, die Vorträge mit ihren unterschiedlichen Facetten jüdischer Lebenswelten von mehr als zweitausend Jahren literarisch in Gestalt eines Buches zusammenzufassen und einer interessierten Leserschaft zugänglich zu machen.

Die Beiträge des Sammelbandes sind chronologisch und insofern vordergründig pragmatisch angeordnet, doch soll diese Chronologie keinesfalls eine „Entwicklung“ beschreiben oder eine teleologische Perspektive konstruieren. Es geht vielmehr um eine Darstellung unterschiedlicher Themenfelder der Geschichte jüdischer Lebenswelten, die der interdisziplinären Expertise der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft, aus der Judaistik, der Kunstgeschichte und der Katholischen Theologie verpflichtet ist, die in ihrer Mehrheit in Berlin, einem Zentralort des europäischen Judentums in der Moderne, zur jüdischen Geschichte forschen und lehren. Der Sammelband will keine Konfliktgeschichte beschreiben. Antijudaismus und Antisemitismus und ihre verschiedenen Erscheinungsformen sind gleichwohl Teil der jüdischen Lebenswelten. Im Vordergrund steht die Vielfalt jüdischen Lebens von der Antike an, es ist eine dynamische Vielfalt, die weit über jüdische und nichtjüdische Konflikte, über Antijudaismus, Antisemitismus und über den millionenfachen Mord an europäischen Jüdinnen und Juden hinausreicht. ← 9 | 10

Die dreizehn Beiträge des Sammelbandes sind in inhaltlich wie methodisch ebenso vielfältig und differenziert, wie die Lebenswelten von Jüdinnen und Juden in den mehr als zweitausend zurückliegenden Jahren selbst vielgestaltig waren. Die jüdisch-preußische Geschichte des aufgeklärten 18. und 19. Jahrhunderts steht dem Anlaß gemäß im Zentrum des Sammelbandes. Seine räumlichen und thematischen Perspektiven reichen darüber hinaus von der hellenistischen Welt, vom Römischen Reich und vom westgotischen Spanien über das frühneuzeitliche Heilige Römische Reich deutscher Nation, die süddeutschen Reformstaaten Baden und Bayern in der napoleonischen Epoche und das Deutsche Reich bis zum Italien des 19. Jahrhunderts und zum osteuropäischen Raum mit seiner reichen jüdischen Kultur. Die Beiträge wollen und sollen anregen, über die Geschichte und die Lebenswelt von Jüdinnen und Juden in ihrer nicht nur christlichen Umwelt von der Antike bis zur Gegenwart nachzudenken.

Die Herausgeber haben vielfältig zu danken. Zuerst gilt ihr Dank den Beiträgerinnen und Beiträgern des Sammelbandes für ihre kollegiale Zusammenarbeit. Für umfangreiche redaktionelle Unterstützung danken wir Stefan Noack M.A. ebenso herzlich wie Sarah Walter M.A. für die Erstellung der Biogramme der Beiträgerinnen und Beiträger. Unser herzlicher Dank gilt Dr. Björn Hofmeister und Joris Lehnert M.A. für ihre Übersetzungen der englisch- und französischsprachigen Zusammenfassungen. Dankbar sind wir Erich Kasberger und Prof. Dr. Marita Kraus, die uns in freundschaftlicher Verbundenheit die Abbildung für den Einband vorschlugen und zur Verfügung stellten. „Wo bist Du?“ ist der von dem in Berlin geborenen Bildhauer und Maler Helmut Ammann (1907-2001) geschaffene Holzschnitt aus dem Jahr 1987 betitelt.

Ernst Baltrusch                                                 Uwe Puschner

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Ernst Baltrusch

Kampf der Kulturen? Judentum und Hellenismus

1. Einleitung: Begriff „Kampf der Kulturen“.

Der Titel „Kampf der Kulturen“ klingt martialisch, aber er ist schon lange eingeführt und geht zurück auf einen Artikel des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel Philips Huntington in der Zeitschrift Foreign Affairs von 1993; erweitert im Buch Clash of Civilizations and the Remaking of the World Order von 1996.1 Darin betonte Huntington, dass die globale Politik heute von antagonistischen Kulturkreisen bzw. Zivilisationen bestimmt wird, besonders von dem Gegensatz zwischen dem Westen (unter der Führung der USA) und seinen Wertvorstellungen und dem Islam, aber auch China. Die Stärken und Schwächen dieser Theorie sind viel diskutiert worden, die verschiedenen Ansätze können auf sich beruhen. Doch hat das Konzept seine Wirkung auch auf die Alte Geschichte gehabt. So überschrieb 2007 der renommierte britische Althistoriker Martin Goodman sein Buch über die jüdisch-römischen Beziehungen: Rome and Jerusalem. The Clash of Ancient Civilizations.2 Das Aufkommen der Theorie vom „Clash of Civilizations“ fällt nicht von ungefähr in die Zeit nach 1989, als sich die bipolare Weltordnung aufzulösen begann. Doch ist die Theorie oft missverstanden worden: Huntington sagt nämlich keineswegs, dass es keine anderen, z.B. nationalen Konflikte gebe und auch nicht, dass es innerhalb der „Civilizations“ keine anderen Konflikte/Auseinandersetzungen mehr gebe, sondern er spricht davon, dass Machtfragen zunehmend „ideologisch“, und das heißt jetzt: zivilisatorisch und religiös legitimiert und ausgetragen würden. Dieses Konzept ist für den Historiker keineswegs neu, denn schon antike Imperien haben immer auch eine „Mission“ verkünden müssen, sonst hätten sie nicht erklären können, warum es sie geben sollte. Die Verknüpfung von Macht und ihrer Rechtfertigung ist also ein zeitloses Phänomen. Im Altertum standen hinter imperialem Ausgreifen oft sakrale Rechtfertigungen (Perserreich) oder kulturelle Überlegenheitsvorstellungen (Rom), später waren es das Christentum, der Islam, der Kommunismus oder aktuell die Demokratie, die die heutige Rechtfertigungsrundlage der amerikanischen Außenpolitik darstellt. Wann immer sich aber Völker ← 11 | 12solchen imperialen Missionen verschließen, wann immer sich Religionen oder politische Ordnungen den Zielen imperialer Mächte nicht unterwerfen, dann entstehen in der Regel Konflikte.

Auch im Hellenismus war dies der Fall, auch an dessen Anfang steht eine prägnante Zäsur. Die Welt veränderte sich buchstäblich von einem Tag auf den anderen, nämlich durch die Eroberungspolitik Alexanders des Großen, durch die die alten orientalischen, ägyptischen, jüdischen und andere Kulturen durch die griechisch-makedonische überlagert wurden. Der makedonische König hatte es im Jahre 332 v. Chr. auch geschafft, Jerusalem und die ehemals persische Provinz „Jenseits des Euphrat“ seinem Reich anzuschließen. Wie stellte sich der mit Alexander beginnende Hellenismus als politische und kulturelle Ordnung zu den Kulturen, die er vereinnahmte? Und: welche Strategien entwickelten Juden in dieser Ordnung, um die eigene Identität nicht aufgeben zu müssen und trotzdem „mit der Zeit zu gehen“, sich nicht zu isolieren? Wann gelang das und wann kam es zu Konflikten? Darauf wird im Folgenden eingegangen, und die Kernprobleme werden anhand von signifikanten Beispielen erörtert. Zu Beginn aber einige Annäherungen an die Begriffe und ein kurzer Blick auf die politische Geschichte.

2. Hellenismus und Judentum

Die begriffliche Gegenüberstellung von Hellenismus und Judentum und die Deutung als „Kampf der Kulturen“ sind nicht modern. Sie kommen vielmehr aus dem jüdischen Umfeld der biblischen Makkabäerbücher und gehören schon in das 2. Jh. v. Chr.: Der aus Kyrene stammende jüdische Autor des Zweiten Makkabäerbuchesetwa lässt keinen Zweifel daran, dass der militärische Kampf des aufständischen Judas Makkabäus gegen die Seleukiden ein Kampf zwischen dem rechtgläubigen „Ioudaismos“3 gegen den vermeintlich alle religiösen Standards nivellierenden „Hellenismos“4 war. Der Begriff Hellenismus wurde erst im 19. Jahrhundert durch Johann Gustav Droysen zum Epochenbegriff für die Zeitspanne der 300 Jahre von Alexander dem Großen bis 31 v. Chr., als mit der Schlacht von Actium die Welt römisch wurde. Zur Zeit der Makkabäerbücher (2./1. Jahrhundert v. Chr.) war der Hellenismus die dominierende globale Kultur, die sich von Griechenland über Kleinasien, die Levante, Palästina, Ägypten und Asien bis hin zum Indus ausbreitete. Seine Kennzeichen waren vor allem 1. die Verbreitung der griechischen Sprache, 2. die Monarchie als dominierende politische Ordnung; 3. die Verbreitung der Polis ← 12 | 13(mit dem Gymnasium als dem städtischem Zentrum) als der von den Königen geförderten politischen Grundform, und 4. ein religiöser Pluralismus, der oft als Kennzeichen eines modern anmutenden „multikulturellen Vielvölkerstaats“, wie einmal Bernd Funck5 formuliert hat, missverstanden wurde. Der Hellenismus war zwar nach unserem Verständnis grundsätzlich „tolerant“ in religiöser Hinsicht. Aber Weltoffenheit und „Multikulturalität“ waren im Hellenismus kein Grundgesetz, auch kein Ergebnis einer an Menschenrechten orientierten Integrations Politik, sondern jederzeit revidierbare Prinzipien: Der fromme palästinische Autor des 1. Makkabäerbuches (1,41) berichtet denn auch von dem seleukidischen König Antiochos IV., auf den noch genauer einzugehen ist, und seinem berühmten Religionsedikt von 167: „Da erließ der König ein Dekret für sein ganzes Reich, alle sollten ein Volk werden und jeder seine Gebräuche aufgeben“.6 Auf Antiochos‘ Politik gegenüber den Juden würde die begriffliche Verbindung vom „Kampf der Kulturen“ demnach gut passen.

Wie konnte sich das Judentum, das sich lange vor dem Hellenismus etabliert hatte, mit den neuen Entwicklungen arrangieren? Was verstehen überhaupt die zeitgenössischen Makkabäerbücher unter dem zitierten „Ioudaismos“? Sie verwenden zur Umschreibung von Judentum die Formel „nach den väterlichen Gesetzen zu leben“. Diese weit gefasste Definition hat jüngst Steven Weitzman, Religionswissenschaftler und Judaist an der Stanford-University, übernommen: Er definiert die Begriffe „Jude” bzw. „jüdisch” aus jüdischer Selbstsicht folgendermaßen: „Ohne das Fließende der jüdischen Identität zu bestreiten, möchte ich einfach sagen, dass ich unter ‚Juden‘ ein Volk verstehe, das sich der Bewahrung des Mosaischen Gesetzes verschrieben hat“7. Diese Definition ist praktikabel, denn man umgeht mir ihr die historischen Wechselfälle (wie Tempelzerstörungen) oder die internen jüdischen Richtungsstreitigkeiten und philosophischen Gruppierungen, die es im Judentum auch und gerade während der Zeit des Hellenismus gab: Denn unterschiedslos allen Juden war es um die Bewahrung der Tora, des mosaischen, des „väterlichen“ Gesetzes zu tun, nur die Einstellung zur mündlichen Tradition, zur Lebensweise, zur Umwelt, zum Tempel etc. variierte. Wie aber konnte man die Anerkennung der Tora erreichen? Die Juden dieser Zeit hatten ganz verschiedene Antworten auf diese Frage – die einen forderten, man sollte sich zurückziehen, sich ← 13 | 14völlig abschließen (so z.B. die Qumrangemeinde oder die Essener); die anderen meinten, man müsse kooperieren, um dadurch die eigene Stellung zu verbessern (so z.B. Hellenisten), wieder andere gingen Mittelwege. Es gab also viele Formen von Judentum, viele „Judaismen“. Dabei war das Verhältnis zwischen jüdischer Gemeinde und hellenistischer Vormacht dasjenige von David und Goliath; eine Gefahr bestand für das „kleine“ Judentum immer, zumal die Andersartigkeit der jüdischen Religion am antiken Götterhimmel und die sich aus dieser Religion ergebende jüdische Lebensweise weithin bekannt und eher misstrauisch, bisweilen feindselig beäugt wurde.8 Der römische Historiker Tacitus kommentierte aus diesem Grund viel später beifällig die antijüdische Politik des seleukidischen Königs Antiochos IV.: rex Antiochus demere superstitionem et mores Graecorum dare adnisus, quo minus taeterrimam gentem in melius mutaret, Parthorum bello prohibitus est. („Der König Antiochus war sehr bemüht, den Juden ihren Aberglauben zu nehmen und griechische Sitten bei ihnen einzuführen, wurde aber durch den Partherkrieg verhindert, bei dem an abstoßenden Zügen so reichen Judenvolk eine Besserung zu erreichen.“).9 Aus ihrer eigenen Sicht mussten daher Juden in dieser und anderen Situationen, die sie ja nicht ändern konnten, Strategien entwickeln, um zu überleben, wenn sie das Mosaische Gesetz bewahren wollten. Bevor nun auf die Integration und ihre Grenzen eingegangen wird, soll ein kurzer Blick auf die historische Entwicklung geworfen werden.

3. Jüdische Geschichte im Hellenismus10:

Im Jahre 332 v. Chr. hatte Alexander der Große Palästina seinem Reich eingegliedert. Damit begann auch für Syrien, Phönikien und Palästina die Epoche des Hellenismus. Die folgenden drei Jahrhunderte waren für die Juden dieser Regionen wechselhaft. Von Anfang an brachen zwischen den Ptolemäern und Seleukiden Kriege, die sogenannten syrischen Kriege, in und um Palästina aus; sie machten die jüdische Lage in der strategisch wichtigen, weil zwischen Ägypten und Asien gelegenen Region sehr prekär. Für mehr als 100 Jahre (ca. 302-199) wurde Palästina ptolemäisch, d.h. von Ägypten beherrscht, woran sich die seleukidische Herrschaft anschloss. Ab 167 schließlich befand man sich im Aufstand gegen diese Fremdherrschaft (Makkabäeraufstand), und nach mehr als 25-jährigem Krieg gelang 142/1 für ca. 80 Jahre die politische Unabhängigkeit unter der siegreichen Dynastie der Hasmonäer – der einzige autonome jüdische Staat von 597/587 v. Chr. bis 1949 n. Chr. Bei den Ptolemäern scheint alles in allem das Zusammenleben von ← 14 | 15Juden und Vormacht funktioniert zu haben, bei den Seleukiden nicht – auf die Gründe für diese sonderbare Diskrepanz wird einzugehen sein. Nach den Wirren der Diadochenzeit stabilisierte sich die Lage der Juden unter den Ptolemäern einigermaßen, sowohl in Ägypten selbst (dort mochten nach dem Zeugnis des sogenannten Briefes des Aristeas an die 100000 Juden oder sogar noch mehr leben) als auch in Palästina. Zeitgenössische Papyri-Funde künden davon, dass Juden wie der Tobiade Joseph rege am sehr lukrativen Geschäftsleben in ihrer Region teilnahmen.11 Aber es gab auch damals schon, wie uns der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus im 1. Jahrhundert n. Chr. unterrichtet, Konflikte innerhalb der jüdischen Gemeinde in Jerusalem um die Frage, wie weit die Anpassung an die Oberherrschaft gehen durfte („Tobiadenroman“), und wahrscheinlich gab es auch schon Konflikte zwischen der jüdischen Gemeinde und der griechischen Bürgerschaft in der Hauptstadt Ägyptens, Alexandria, um Statusfragen – die später gewaltsam und pogromartig ausgetragen wurden.12 Im Folgenden nun werden an einigen Beispielen die Möglichkeiten und die Gefahren jüdischen Lebens in der hellenistischen Zeit aufgezeigtz. Die Quellenlage zu jüdischem Leben in hellenistischer Zeit, sowohl was das literarische Material, als auch, was die Papyri-Funde angeht, ist vergleichsweise gut. Diese Quellen führen ein Leben der Juden zwischen Autonomie und Repression vor unser Auge, ein Leben zwischen dem Wunsch nach Gleichstellung und der Realität von Konflikten mit den Nachbarn, und dabei war es ganz und gar nicht unwichtig, wo man lebte.

4. Zwischen Autonomie und Repression

Juden lebten verstreut in der damaligen hellenistischen Welt, in Palästina als dem Kerngebiet, aber auch und zunehmend in vielen Diaspora-Gemeinden Ägyptens, Syriens, Kleinasiens, Griechenlands, Italiens, z.B. in den damaligen Weltstädten Alexandria und Antiochia. Überall scheint es im Zusammenleben um dieselbe Frage gegangen zu sein, nämlich um die Frage nach dem rechtlichen und sozialen Status der Juden und nach dem Grad ihrer Integration in die hellenistische Umwelt, und zwar a) als Individuen und b) als jüdische Gemeinde. Daraus ergab sich nicht nur in der Antike ein Spannungsverhältnis zwischen religiöser Autonomie und individueller Gleichberechtigung. Denn dieses Spannungsverhältnis findet sich auch in dem Preußenedikt, an dessen 200. Jubiläum wir mit diesem Band erinnern: Juden ← 15 | 16in Preußen sollten nach § 1 des Edikts „für Einländer und Preußische Staatsbürger“ zu achten sein, aber wenig später, in § 21, finden wir eine bezeichnende Einschränkung: „Ausnahmen finden bei solchen Handlungen und Geschäften statt, welche wegen der Verschiedenheit der Religionsbegriffe und des Kultus an besondere gesetzliche Bestimmungen und Formen notwendig gebunden sind“.13 Es scheint, dass ein ähnliches Spannungsverhältnis zwischen Emanzipation und Religion auch die hellenistische Integrationspolitik durchzogen hat. Dies mag an einigen Fallbeispielen verdeutlicht werden, auf die im Folgenden einzugehen ist.

Den Anfang soll das Privileg des seleukidischen Königs Antiochos III. (223-187)14 machen. Dieses Edikt besteht in der Privilegierung der ganzen jüdischen Gemeinde in Jerusalem. Es mag an dieser Stelle ausführlicher zitiert werden:

„Der König Antiochos entbietet dem Ptolemaios seinen Gruß. Sowie ich das Land der Juden betrat, haben sie mir sogleich ihre Treue bewiesen, mich glänzend aufgenommen, meine Soldaten und Elefanten mit Lebensmitteln versorgt und mir bei der Vertreibung der ägyptischen Besatzung aus der Burg geholfen. Ich habe es nun für billig gehalten, mich ihnen hierfür erkenntlich zu beweisen […] Allen Angehörigen des Volkes soll gestattet sein, nach den Gesetzen ihrer Väter zu leben, und es sollen die Ältesten, die Priester, die Tempelschreiber und die Sänger von der Kopfsteuer, der Abgabe für die Krone und jeder anderen Steuer befreit sein. Damit nun die Stadt desto eher wieder bevölkert werde, bewillige ich den Bewohnern derselben und allen, die sich bis zum Monat Hyperberetaios dort niederlassen, Steuerfreiheit für drei Jahre. Auch will ich ihnen den dritten Teil aller Abgaben erlassen, damit sie sich von ihrem Elend erholen können. Ferner setze ich hiermit alle, die aus der Stadt in die Sklaverei geschleppt worden sind, samt ihren Kindern in Freiheit und befehle, dass ihnen ihr Vermögen zurückgegeben werde.“15

Der König Antiochos III. hatte Palästina den ptolemäischen Rivalen in Ägypten in den zwei „syrischen Kriegen“ zwischen 219 und 198 unter der tätigen Mithilfe der jüdischen Mehrheit abgenommen. Gleich zu Beginn der seleukidischen Neuordnung in der Region gab Antiochos dem neuen, von ihm eingesetzten Statthalter namens Ptolemaios Instruktionen, wie die Juden der Region zu behandeln seien. Flavius Josephus hat diesen Brief im Wortlaut überliefert, und daraus entstammt das oben abgedruckte Zitat.16 Der Text des Briefes ist zweigeteilt, wobei der erste ← 16 | 17Abschnitt über die von den Juden im Krieg erbrachten Leistungen die Begründung für den daran anschließenden Hauptteil darstellt, der ausführlich die Gegenleistungen des Königs formuliert. Diese umfassen finanzielle und politische Zugeständnisse: 1. Der König verspricht, bei der Beseitigung der kriegsbedingten materiellen Schäden in Jerusalem zu helfen; 2. er unterstützt ausdrücklich den jüdischen Kult, indem er bei der Beschaffung der Opfergaben behilflich ist; 3. der König gewährt politische Autonomie. Dazu kommen Steuervergünstigungen und die persönliche Freiheit für alle Juden, die während der Kriegswirren geraubt und versklavt wurden. Der wichtigste Satz des ganzen Dokumentes aber lautet: „Alle Angehörigen dieses Volkes17 sollen nach ihren väterlichen Gesetzen leben dürfen“. Darunter wurde in der wissenschaftlichen Diskussion oft die Geltung des jüdischen Religionsgesetzes (Tora) verstanden, aber die Formulierung weist in ihrer Bedeutung darüber hinaus und sollte in erster Linie als Bestätigung der Autonomie für die jüdische Gemeinde aufgefasst werden. Etwas später wurden weitere Gunstbeweise (philanthropa) von demselben König gewährt: Kein Fremder, so Antiochos, dürfe den Tempel betreten; das ökonomische Gebaren, die Zucht von Tieren und die Einfuhr von Fleisch habe sich nach dem jüdischen Gesetz zu richten. Wer sich nicht daran halte, solle mit einer Geldbuße von 3000 Drachmen bestraft werden.18 All diese Vergünstigungen brachten keine individuelle Emanzipation (es gab ja auch keinen seleukidischen Staat mit einheitlichem Bürgerrecht), sondern Privilegien nur für die jüdische Gemeinde in Jerusalem, als Gegenleistung dafür, dass sie dem König im Krieg gegen die Ptolemäer geholfen hatte. Nach hellenistischem Verständnis freilich waren diese Gunstbeweise nicht ewig gültig; sie waren abhängig von jüdischem Verhalten und mussten bei jedem Herrscherwechsel neu bestätigt werden. Sie waren prekär.

Der zweite Blick gilt der ägyptischen Hauptstadt Alexandria.19 In der Diaspora lagen die Verhältnisse grundsätzlich anders und waren auch je nach Stadt verschieden. Problemlos aber scheinen sie im allgemeinen nicht gewesen sein, denn, wie das erste Makkabäerbuch berichtet, erhoben sich bereits im Jahre 167 wie auf ein Fanal hin in vielen Städten Palästinas und Phöniziens (genannt sind Ptolemais, Tyros, Sidon u.a.) die jeweiligen Bürgergemeinden gegen die jüdischen Gemeinschaften in diesen Städten, als sie durch das Religionsverbot des seleukidischen Königs Antiochos IV. grünes Licht für die Pogrome erhielten.20 Es spricht also vieles dafür, dass die Beziehungen zwischen den beiden städtischen Gruppen, den Polis-Bürgern und den Angehörigen der jeweiligen städtischen jüdischen Gemeinden, belastet waren ← 17 | 18(anders sind die berichteten, offenbar spontanen Gewaltaktionen nicht erklärlich). Die Quellenlage lässt keine mikrohistorischen Rekonstruktionen zu, aber gut kennen wir die Verhältnisse in Alexandria, worauf hier deshalb näher eingegangen wird. Alexander der Große selbst hatte diese Stadt 331 v. Chr. reißbrettartig planen und anlegen lassen, und schon bald blühte sie auf. Von Anfang an handelte es sich um eine multiethnische Großstadt, später von bis an die 500000-1 Mill. Einwohnern, eine weltoffene, lebenslustige Stadt in spannungsgeladener Atmosphäre zwischen den drei Hauptbevölkerungsgruppen, die in der Stadt lebten: Griechen und Makedonen im Westen, Juden im Osten und Ägypter im Süden. Als Bürger mit allen dazugehörigen Rechten und Pflichten, als „Alexandriner“ im Wortsinne, sahen sich freilich nur die Griechen an, während die ägyptische Schicht am unteren Ende der sozialen Skala stand. Aber wie war die Stellung der jüdischen Gemeinde dort? Sie bewohnte zwei der fünf Stadtviertel,21, besaß zumindest eine begrenzte Jurisdiktion und eine eigene Verwaltung.22 Man lebte nicht allzu streng nach dem Gesetz, es gab Mischehen mit Nichtjuden, Ehescheidungen, man besuchte Theaterund Zirkusveranstaltungen, sprach Griechisch, orientierte sich an griechischen Umgangsformen und Rechtsvorstellungen. Ihr Judentum gaben die meisten gleichwohl nicht auf, ein ausdrückliches „den Gesetzen untreu werden“, also Apostasie, scheint eine absolute Seltenheit gewesen zu sein, nur ganz wenige Personen sind wie der römische Statthalter Tiberius Julius Alexander als Apostaten bekannt. Die Spannbreite der Auslegung freilich, welche Handlungen noch als im Einklang mit der Religion bzw. konkret als nicht mehr jüdisch angesehen wurden, war groß. Entscheidend war jedoch, dass die Juden Alexandrias in ihrer Mehrheit keine individuelle Emanzipation mit den Bürgern forderten (also nicht nach dem alexandrinischen Bürgerrecht verlangten), sondern eine Gleichberechtigung auf Gemeindeebene – das hieß: Man wollte mehrheitlich die Identität als jüdische Gemeinde nicht aufgeben, wollte auch nicht politisch in der Polis aktiv werden, reklamierte aber trotzdem für sich alle Privilegien der alexandrinischen Bürgerschaft (welche es vor allem in steuerlicher und sozialpolitischer Hinsicht gab). Was die Angehörigen der alexandrinischen Bürgergemeinde davon hielten, ist uns durch Apion, einen hochgebildeten klassischen Philologen und renommierten Homerkenner überliefert: „Wenn sie Bürger sind, weshalb verehren sie nicht die gleichen Götter wie die Alexandriner“? fragte er;23 denn beides, Jude sein und Polit, das ging für Apion und seine griechischen Mitstreiter nicht zusammen, weil Juden in das öffentliche Leben, für das bekanntlich Kulthandlungen für die Stadtgottheiten elementar sind, nicht zu ← 18 | 19integrieren seien. Der Konflikt spitzte sich immer mehr zu und brach sich 38 n. Chr. in gewaltigen judenfeindlichen Pogromen Bahn. Apion war hasserfüllt: Seine Formulierungen hat Josephus in einer Schrift überliefert, die er gegen Apion am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. verfasst hat, und die Vorwürfe betreffen 1. die Eselsanbetung der Juden und Ritualmordlegenden, 2. die Feindschaft der Juden gegen alle Menschen, 3. ihre niedere Stellung in der Welt als Beleg für ihre Schlechtigkeit und 4., dass die Juden keinen Beitrag zur Kultur des Menschengeschlechtes geleistet hätten. Wörtlich heißt es bei Josephus zu:

2.) „Erlogen ist auch der Eid, den er uns andichtet, als ob wir bei Gott, dem Schöpfer des Himmels, der Erde und des Meeres schwören müssten, keinem Fremden und besonders keinem Griechen wohlwollend zu begegnen“.25

3.) „Ein Beweis dafür, dass wir keine vernünftigen Gesetze hätten […], sei der Umstand, dass wir keine herrschende Stellung einnähmen, sondern bald von diesem, bald von jenem Volk unterjocht worden seien“.26

4.) „Sie haben auch keine großen Männer aufzuweisen, wie z.B. Erfinder von Künsten und ausgezeichnete Gelehrte“.27

Details

Seiten
320
ISBN (PDF)
9783653037500
ISBN (ePUB)
9783653994698
ISBN (MOBI)
9783653994681
ISBN (Hardcover)
9783631645635
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Februar)
Schlagworte
Judentum Frühe Neuzeit 19. und 20. Jahrhundert Antisemitismus Mittelalter
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 320 S., 16 s/w Abb.

Biographische Angaben

Ernst Baltrusch (Band-Herausgeber:in) Uwe Puschner (Band-Herausgeber:in)

Ernst Baltrusch forscht und lehrt Alte Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Uwe Puschner forscht und lehrt am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin Neuere Geschichte und ist Mitglied des Centre d’Etudes Germaniques Interculturelles des Lorraine der Université de Lorraine.

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Titel: Jüdische Lebenswelten