Lade Inhalt...

Geschichte in der Öffentlichkeit

Konzepte – Analysen – Dialoge

von Christine Gundermann (Band-Herausgeber) Wolfgang Hasberg (Band-Herausgeber) Holger Thünemann (Band-Herausgeber)
Sammelband 262 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Ãœber das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Geschichte in der Öffentlichkeit. Einleitung
  • Zeitgeschichte und Erinnerungskultur in Europa
  • Öffentliche Geschichte. Epistemologische Überlegungen zur Public History
  • Public History. Vier Umkreisungen eines widerspenstigen Gegenstandes
  • Laboratorium der Erinnerungsbilder. Der Erste Weltkrieg im Geschichtscomic
  • Digitalität und Public History. Digitale Kommunikation über Geschichte
  • Zeitgeschichte als Zeitungsware
  • Geschichtsdidaktische Perspektiven auf die Stärkung europäischer Bezüge in Museen. Zugänge des EU-Projekts „EuroVision – Museums Exhibiting Europe“ (EMEE)
  • Das Museum als Akteur der Public History. Die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
  • Geschichte(n) gestalten. Über die Arbeit von Geschichtsagenturen
  • Abbildungsverzeichnis
  • Autor*innenverzeichnis

←6 | 7→

Christine Gundermann, Wolfgang Hasberg und Holger Thünemann

Geschichte in der Öffentlichkeit. Einleitung

„Zu den unübersehbaren Grundtendenzen der kulturellen Entwicklung der bundesdeutschen Gesellschaft gehört seit mehr als einem Jahrzehnt ein breites öffentliches Interesse an Geschichte, das in ganz unterschiedlichen Formen und Funktionen wirksam wird.“1 Diese Einschätzung ist zwar inzwischen mehr als zwei Jahrzehnte alt, aber sie hat an Aktualität nichts verloren. Ganz im Gegenteil – die Faszination für Geschichte ist ungebrochen und sie gewinnt im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung vollkommen neue Dimensionen. So lässt sich feststellen, dass seit den 1970er Jahren das Interesse an Geschichte – deren Verlust zuvor wortreich beklagt worden war2 – in einer breiteren Öffentlichkeit neu erwacht ist. Zugleich ist offensichtlich, dass Geschichte längst nicht mehr die Leitwissenschaft ist, die sie im 19. Jahrhundert noch unbestritten war. Der eigentümliche Gegensatz zwischen Boom und abnehmender Orientierungsleistung forciert die Erforschung traditioneller und neuer Formen öffentlicher Geschichte. Zudem steht dieses ‚Mehr‘ an Geschichte mit einer Vervielfältigung der kulturellen Praktiken und Medien in Verbindung, in denen über Vergangenheit berichtet werden kann. Damit ist eine der Ursachen benannt, welche die Einschätzung von Jörn Rüsen und anderen auch als Trend des 21. Jahrhunderts zu bestätigen scheint.

Gleichzeitig ist es zu einer Pluralisierung von Forschungskonzepten gekommen, mit denen auf die Vergangenheit zugegriffen wird. Im Zuge der kulturwissenschaftlichen Wende ist es vor allem die Aufeinanderfolge der „turns“,3 mit deren Hilfe einmal die narrative, ein andermal die räumliche, ←7 | 8→die materielle, die performative oder die bildliche Dimension der Vergangenheit in den Mittelpunkt gerückt und erkundet wird. Im vorliegenden Zusammenhang geht es weniger um die wissenschaftliche Erforschung der Vergangenheit als um den Umgang mit Vergangenheit und Geschichte in der gegenwärtigen Kultur.

Damit ist ein Forschungsfeld angesprochen, dem sich die Geschichtswissenschaft in den letzten Jahrzehnten mit großem Interesse zugewandt hat. Es sind die Gedächtnis-, Erinnerungs- oder Geschichtskultur(en), derer sich die historischen Wissenschaften angenommen haben, um sich selbst das neue Interesse an Geschichte zu erklären, von dem sie zu einem wesentlichen Teil getragen werden. Dadurch wurden zugleich neue Forschungskonzepte generiert. In das Licht einer breiteren Öffentlichkeit haben es vor allem Theorien zum kulturellen Gedächtnis4 und zur Erinnerungskultur,5 aber auch zum Heritage-Konzept geschafft, während die Kategorie der Geschichtskultur zunächst vor allem im Bereich der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik entwickelt und rezipiert wurde, sich aber nun auch als international anschlussfähig erweist.6 Im deutschsprachigen Raum hat sich inzwischen zudem ein weiterer Ansatz etabliert, der unter dem Begriff ←8 | 9→„Public History” zunehmend an disziplinären Konturen gewinnt.7 Hier einen epistemologischen Kern zu formulieren, stellt eine Herausforderung dar, nicht zuletzt, weil die angesprochenen Konzepte und die damit einhergehenden, notwendig interdisziplinären (methodologischen) Ansätze nur schwerlich in klassischen Paradigmen formuliert werden können. Auch wird die Public History mit der Frage konfrontiert, ob sie sich eher forschungs- oder anwendungsorientiert versteht. Die für eine solche Diskussion notwendige ‚kritische Masse‘ an universitären Public Historians ist (noch) nicht wirklich erreicht. Im vorliegenden Band geht es daher auch nicht um die Formulierung fester Rahmen einer neuen Disziplin, sein Vorhaben ist deutlich bescheidener.

Entstanden aus zwei Kölner Ringvorlesungen gehen die in ihm versammelten Beiträge aus unterschiedlichen Forschungsrichtungen hervor und basieren folglich auch auf verschiedenen konzeptionellen Zugriffen. Die meisten Beiträge verfahren eher tastend und versuchen, die Diskussion vorsichtig voranzubringen. Manche gehen vornehmlich beschreibend, andere kritisch mit der Praxis des öffentlichen Gebrauchs von Geschichte um; wieder andere dagegen versuchen dezidiert, die Diskussion um die theoretische Fundierung der Public History voranzutreiben. Im Vordergrund steht dabei in den meisten Beiträgen der Dialog zwischen „Theorie und Praxis“, zwischen Historikerinnen und Historikern innerhalb und außerhalb der Universität. Der Titel des Bandes „Geschichte in der Öffentlichkeit“8 fordert diesen Dialog programmatisch ein und versucht ihn zugleich hinsichtlich seiner konzeptionellen Prämissen zu reflektieren. Beabsichtigt ist damit sowohl eine genauere Konturierung von Geschichte ←9 | 10→als sozialer Praxis als auch von epistemologischen und inhaltlichen Fragen einer universitären Public History, wie sie seit 2015 an der Universität zu Köln als Studienrichtung erfolgreich angeboten wird. Der Band vereint konzeptionelle Überlegungen aus verschiedenen Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft und lässt ebenso Historikerinnen und Historiker zu Wort kommen, die im Zeitungswesen, in historischen Museen oder in Geschichtsagenturen tätig sind. „Geschichte in der Öffentlichkeit“ lotet die Potentiale der Public History über verschiedene Zugänge aus – und zwar als Teildisziplin der Geschichtswissenschaft wie auch als kulturelle Praxis.

Die einzelnen Beiträge bewegen sich auf drei Ebenen, die dem vorliegenden Band seine Struktur verleihen: Ein erster Teil beinhaltet theoretische Reflexionen unterschiedlicher Forschungskonzepte, ein zweiter mediale Formate, und ein dritter Abschnitt befasst sich mit Institutionen und Praktiken der Thematisierung, Gestaltung und Präsentation von Geschichte in der Öffentlichkeit.

Den theoretischen Teil eröffnet Christoph Cornelißen. Er stellt den Begriff der Erinnerungskultur in den Fokus seines Beitrags zur Zeitgeschichte in Europa und reflektiert den Zusammenhang zwischen dem (Zeit-)Geschichtsboom seit den 1990er Jahren und den (nationalen) Erinnerungsdiskursen bezüglich der nationalsozialistischen Verbrechen. Dabei zeigt er exemplarische Linien einer Europäisierung von Erinnerungskulturen auf. Wolfgang Hasberg beschreitet epistemologische Pfade, wenn er ausgehend von der These, dass Geschichte stets eine gewisse Öffentlichkeit auszeichne, nach den Wurzeln der Beschäftigung mit öffentlicher Geschichte fragt und dabei über den Einsatz von sozialen Praktiken und Medien die methodischen Probleme erwägt, die sich dabei ergeben. Christine Gundermann positioniert die Public History als akademischen Forschungsansatz sowie soziale Praxis und diskutiert deren Potentiale als Transdisziplin der Geschichtswissenschaft. Zugleich skizziert sie damit Prämissen für die vor allem in der universitären Praxis notwendige Diskussion über Standards von Public History-Studienprogrammen.

Im zweiten Abschnitt erschließt Sylvia Kesper-Biermann ein Teilgebiet popkultureller historischer Forschung und eröffnet einen differenzierten Blick auf eine transnational verflochtene Comic-Kultur und deren historische Deutungsangebote. Dabei macht sie – ausgehend vom Zentenarium ←10 | 11→des Beginns des Ersten Weltkrieges – plausibel, wie sich die Darstellungen dieses Krieges in europäischen Comics während der letzten 50 Jahre verändert haben und wie sich Comics gleichsam als Quellen erinnerungskultureller Debatten lesen lassen. Wolfgang Schmale, Wolfgang Hasberg und Robert Dittrich reflektieren im Modus des kollaborativen Schreibens die digitale Kommunikation über Geschichte. Dabei thematisieren sie einerseits die durch das Web 2.0 entstehenden Strukturen der Ausweitung öffentlicher Kommunikation bei gleichzeitiger Etablierung teils meritokratischer Publikationsformen (wie etwa Wikipedia). Andererseits diskutieren sie am Beispiel der App Historypin potentielle Chancen einer Digital Public History. Rainer Blasius schlägt eine Brücke in ein ebenso wichtiges wie traditionsreiches außeruniversitäres Arbeitsfeld von Historikerinnen und Historikern. Mit ihm konnten wir einen Autor gewinnen, den man gewissermaßen als geschichtskulturellen Grenzgänger bezeichnen kann. Blasius – seit 1990 Leiter der Außenstelle des Münchener Instituts für Zeitgeschichte im Auswärtigen Amt in Bonn und dort verantwortlich für die Edition der „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“ – wechselte im Jahr 2000 zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) und leitete dort bis 2017 das Ressort „Politische Bücher“. Mit gewohnt essayistischer und manchmal spitzer Feder lässt Blasius sich auf den Dialog zwischen „Theorie und Praxis“ ein und gibt zugleich Einblicke in die media logics seines Metiers im Kontext zentraler geschichtspolitischer Debatten der Bundesrepublik Deutschland.

Der dritte Teil zur Thematisierung, Gestaltung und Präsentation von Geschichte in der Öffentlichkeit wird eingeleitet von Susanne Popp, die mit dem EU-Projekt „EuroVision – Museums Exhibiting Europe” (EMEE) einen Grenzgang der anderen Art präsentiert. Als Geschichtsdidaktikerin hat sie über mehrere Jahre das EMEE-Projekt koordiniert und in einem internationalen Team konzeptionelle Vorschläge erarbeitet, wie Museen die oftmals mit Ausstellungsstücken verbundenen nationalen und regionalen Narrative aufbrechen und auf ihre transnationalen, europäischen und globalen Perspektiven hin erweitern können. Insofern behandelt ihr Beitrag exemplarisch den Transfer universitärer Theorieangebote in die außeruniversitäre Praxis. Zwei praxisseitige Einblicke in verschiedene Felder der Public History schließen den Band ab: Simone Mergen, Bildungsreferentin am Haus der Geschichte in Bonn, beleuchtet die Arbeit ←11 | 12→eines der renommiertesten deutschen Museen und profiliert auf diese Weise die historischen Vermittlungsansprüche einer zentralen Institution der Public History. Thekla Keuck und Thomas Prüfer stellen schließlich das Geschichtsbüro als Akteur der Public History vor und beschreiben so den Weg von der Idee zum „Produkt“ Geschichte. Dadurch, dass sie Forschungs-, Arbeits- und Popularisierungsprozesse transparent machen, ermöglichen sie ein tieferes Verständnis von Geschichtskommunikation jenseits klassischer institutioneller Ordnungen.

Der vorliegende Band bietet also ein Spektrum durchaus unterschiedlicher Zugänge zur Geschichte in der Öffentlichkeit, das dazu beitragen soll, der Debatte um die Public History, die sich in einer Phase des konstruktiven Dialogs befindet, weitere Impulse zu verleihen. Wenn dies gelingt, dann ist das in erster Linie den Autorinnen und Autoren zu verdanken, die uns ihre Beiträge zur Verfügung gestellt haben. Ruth Künzel, Janina Raeder, Niklas Thelen und Katharina Wonnemann danken wir für die Korrektur der Druckfahnen, und für die kompetente Unterstützung bei der Drucklegung danken wir Frau Sonja Perschutter und Frau Sandra Bennua.

1 Klaus Füßmann/Heinrich Theodor Grütter/Jörn Rüsen: Vorwort. In: dies. (Hrsg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute. Köln u. a. 1994, S. V–VI, hier S. V.

2 Nahezu legendären Status erlangte Alfred Heuß: Verlust der Geschichte. Göttingen 1959.

3 Doris Bachmann-Medick: Cultural Turns. Neuorientierung in den Kulturwissenschaften. 3., neu bearb. Aufl. Reinbek bei Hamburg. 2009. Vgl. dazu die Polemik von Jürgen Kaube: Im Reformhaus. Zur Krise des Bildungssystems. Springen 2015, S. 133–143.

4 Grundlegend neben Pierre Nora: Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt a.M. 1998 im deutschsprachigen Raum v. a. Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. 2. Aufl. München 1999 und Aleida Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München 1999.

5 Siehe den Beitrag von Christoph Cornelißen mit weiterführenden Literaturangaben.

6 Siehe die grundlegenden Beiträge bei Jörn Rüsen: Historische Orientierung. Über die Arbeit des Geschichtsbewusstseins, sich in der Zeit zurechtzufinden. 2., überarb. Aufl. Schwalbach/Ts. 2008. Vgl. Holger Thünemann: Geschichtskultur revisited. Versuch einer Bilanz nach drei Jahrzehnten. In: Thomas Sandkühler/ Horst Walter Blanke (Hrsg.): Historisierung der Historik. Jörn Rüsen zum 80. Geburtstag. Köln u. a. 2018 (Beiträge zur Geschichtskultur, Bd. 39), S. 127–149. Zur internationalen Rezeption siehe jüngst Mario Carretero/Stefan Berger/ Maria Grever (Hrsg.): Palgrave Handbook of Research in Historical Culture and Education. London 2017.

7 Vgl. Jaqueline Nießer/Juliane Tomann (Hrsg.): Angewandte Geschichte. Neue Perspektiven auf Geschichte in der Öffentlichkeit. Paderborn u. a. 2014; Martin Lücke/Irmgard Zündorf: Einführung in die Public History. Göttingen 2018; Habbo Knoch: Wem gehört die Geschichte? Aufgaben der „Public History” als wissenschaftlicher Disziplin. In: Wolfgang Hasberg/Holger Thünemann (Hrsg.): Geschichtsdidaktik in der Diskussion. Grundlagen und Perspektiven. Frankfurt a.M. u. a. 2016 (Geschichtsdidaktik diskursiv ‒ Public History und Historisches Denken, Bd. 1), S. 303–345; vgl. außerdem die Beiträge in diesem Band.

8 Zum Begriff der Öffentlichkeit siehe Peter Uwe Hohendahl unter Mitarbeit von Russell A. Berman, Karen Kenkel und Arthur Strum (Hrsg.): Öffentlichkeit ‒ Geschichte eines kritischen Begriffs. Stuttgart/Weimar 2000.

←12 | 13→

Christoph Cornelißen

Zeitgeschichte und Erinnerungskultur in Europa

Abstract: Ausgehend von der gegenwärtigen Konjunktur der Erinnerungsforschung rückt der Beitrag zunächst einige Gründe für deren Aufstieg in den Mittelpunkt. Wichtige Impulse kamen hierfür aus Frankreich. Der Beitrag unterscheidet sodann wesentliche Stufen in der Ausdifferenzierung nationaler Erinnerungskulturen seit 1945 und zuletzt untersucht er, welche Einflüsse von der Europäisierung der Erinnerung auf nationale kollektive Gedächtnisse ausgegangen sind. Hierbei zeigt sich, dass ungeachtet neuer Tendenzen zur Europäisierung der öffentlichen Erinnerung sowohl nationale Grenzen als auch die ehemaligen Blockgrenzen bedeutsam geblieben sind.

Keywords: Zeitgeschichte, Memoria, Erinnerungskultur, Nationalismus, Europäisierung

Soviel Erinnerung wie heute war nie zuvor. Jedenfalls signalisieren die Titel zahlreicher geschichtswissenschaftlicher Neuerscheinungen sowie die einschlägigen Bibliographien das anhaltende Interesse an einem Phänomen, das sowohl die Politik als auch die breite Öffentlichkeit schon seit mehreren Jahren gefangen nimmt. Sich zu erinnern gehört heute gewissermaßen ‚zum guten Ton‘, wenn man politisch ernst genommen werden will. Öffentliche Amtsträger und -trägerinnen entschuldigen sich deswegen heute oft mit großer Geste für Missetaten ihrer Vorfahren, die zuweilen weit in der Geschichte zurückliegen.1 Insbesondere über zeithistorische Themen wird bereits seit vielen Jahren im öffentlichen Raum ein Kampf um einen vorderen Platz in der Erinnerung ausgetragen. Aus dem Englischen und Französischen ist dafür der Begriff der victimisation bekannt. Konkret weist er darauf hin, dass überall dort, wo der Staat finanzielle oder auch andere ←13 | 14→Mittel für das öffentliche Gedenken aufbringt, die Angehörigen unterschiedlicher Opfergruppen einen möglichst großen Anteil einfordern, um so ihr Schicksal prominent auf der Bühne der Öffentlichkeit in Erinnerung zu rufen.

In diesem Zusammenhang wird in Deutschland inzwischen oft der Begriff der Erinnerungskultur bemüht, dem jedoch eine gewisse Vagheit anhaftet. Dies hängt zunächst einmal damit zusammen, dass das Konzept sich zum einen auf das öffentlich sichtbare Erinnern bezieht; konkret meint es dann Akte des Gedenkens in Politik und Gesellschaft. Zum anderen handelt es sich um einen wissenschaftlichen Begriff zur Analyse kollektiver und privater Erinnerungen, die sowohl das Sichtbare als auch das Nicht-Sichtbare von Erinnerungen, aber ebenso das nach erlittenen Traumata oft nicht mehr Sagbare zum Gegenstand ihrer Untersuchungen auserkoren hat.2 Dass ein solch breites Begriffsverständnis Probleme aufwirft, liegt nahe, und es darf daher nicht verwundern, dass die bisherigen definitorischen Versuche erhebliche Unterschiede zu erkennen geben.

Wenn man den Terminus Erinnerungskultur so auffasst, wie ihn der Münchener Historiker Hans Günther Hockerts definiert, so handelt es sich hierbei um einen lockeren Sammelbegriff „für die Gesamtheit des nicht spezifisch wissenschaftlichen Gebrauchs der Geschichte in der Öffentlichkeit“.3 Jan Assmann wiederum, der Heidelberger Ägyptologe und einer der besten Kenner der Thematik, versteht darunter „kollektiv geteiltes Wissen über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewusstsein von Einheit und Eigenart stützt“. Sie liefere den „jeder Gesellschaft und jeder Epoche eigentümlichen Bestand an Wiedergebrauchs-Texten, Bildern und Riten“ in deren Pflege sich ihr Selbstbild stabilisiere.4 Zusammen mit seiner Ehefrau, der Konstanzer Anglistin Aleida Assmann, betont er ←14 | 15→außerdem die grundlegende Unterscheidung zwischen einem kulturellen und einem kommunikativen Gedächtnis, von denen Letzteres ein „Kurzzeitgedächtnis“ abgebe, dem in der Regel maximal drei aufeinanderfolgende Generationen zuzurechnen sind.5 In meinem eigenen definitorischen Versuch bin ich aufgrund einer gemäßigt relativistischen Auffassung von Geschichte als Wissenschaft zu der Überlegung gelangt, dass eine weit ausgreifende catch-all-Definition den vielen Erscheinungsformen von modernen Erinnerungskulturen am ehesten gerecht wird. Demnach können wir unter Erinnerungskulturen alle denkbaren Formen der öffentlich gemachten Erinnerung an historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Prozesse begreifen, als deren Träger Individuen, soziale Gruppen oder sogar Nationen in Erscheinung treten.6 Ein Kernanliegen dieses Ansatzes besteht darin, dem Phänomen der für die europäische Geschichte so bedeutsamen Nationalität beziehungsweise der Nationalisierung von Erinnerungskulturen auf den Grund zu gehen, denn genau darin liegt letztlich die Wurzel für die auf viele so unheimlich wirkende Konjunktur des Begriffs begründet.7

Wenn wir dieser Definition folgen, eröffnet sich die Möglichkeit, die beteiligten Akteure präzise zu beobachten und auch zu analysieren, wobei verschiedene Gruppen systematisch getrennt werden sollten, um nicht in die Fallstricke einer allein staatszentrierten Perspektivierung zu geraten. Erstens geht es um die Angehörigen von Erfahrungsgenerationen und ihrer Nachkommenschaft, denn diese bilden regelmäßig Erinnerungs- und Erzählgemeinschaften aus. Dies schließt die intergenerationell ausgebildeten Familiengedächtnisse ein, die oft in einen Gegensatz zu politisch sanktionierten Erinnerungskulturen geraten können. Zweitens geht es um ←15 | 16→die Angehörigen der politischen Eliten, weil sie jeweils die Normen und Tabubrüche für das öffentlich Sagbare markieren. Genau dies konnte sich über die Jahre und Jahrzehnte sehr stark wandeln, wie die Beschäftigung mit der öffentlichen Fest- und Gedenkkultur eindringlich aufzuzeigen weiß. Entscheidend ist jedoch, dass die öffentlich zelebrierte Gedenkpraxis über die Zeit hinweg jeweils ihr eigenes Gewicht entfaltete, sodass entsprechende Deutungen sich tief in den Erinnerungshaushalt der Nationen eingraben konnten. Was nun im Einzelnen in diese öffentlich gepflegten Erinnerungen einging, darüber entschieden oftmals auch die Historikerinnen und Historiker und unter ihnen vor allem diejenigen, die als Verfechter einer nationalbewussten Geschichtsschreibung auftraten. Neben ihnen erhoben zuletzt immer lauter auch Journalistinnen und Journalisten beziehungsweise die Nutzerinnen und Nutzer der elektronischen Medien ihre Stimme, teilweise im Schulterschluss mit Historikerinnen und Historikern, zuweilen aber auch im Gegensatz zur professionellen Geschichtswissenschaft. Aus diesen Konstellationen heraus erklären sich sowohl die fortlaufende Dynamik als auch der Richtungswandel von Erinnerungskulturen, die eben nie allein staatszentriert oder monologisch begriffen werden dürfen, sondern das Ergebnis andauernder politischer und gesellschaftlicher Aushandlungen abgeben. Hierbei traten qualitativ entscheidende Wenden immer dann ein, wenn zwischen den genannten Akteuren Dissonanzen auftraten und darüber ein Formwandel der Erinnerungskultur hervorgerufen wurde.

1 Erinnerungskultur und der Boom der Zeitgeschichte seit den 1990er Jahren

Die breite Hinwendung zur Erforschung moderner Erinnerungskulturen in der Zeitgeschichte hat viel mit dem Formenwandel einer Disziplin zu tun, deren generationelle Konstellationen und methodische Orientierungen sich in der zweiten Nachkriegszeit grundlegend gewandelt haben. So rückten seit Ende der 1960er Jahre in Deutschland die Angehörigen einer neuen Generation, die das „Dritte Reich“ nur noch als Kinder oder Jugendliche erlebt hatte, auf die frei gewordenen Lehrstühle, was in methodischer Hinsicht zunächst das Vordringen der Sozial- und Kulturgeschichte nach ←16 | 17→sich zog.8 Erst aber im Laufe der 1990er Jahre kam es im Gefolge des fortgesetzten generationellen Wandels zu einer entscheidenden Zäsur. Tatsächlich kann man sogar im Blick auf die vergangenen 25 Jahre von einer regelrechten Hochkonjunktur der Zeitgeschichtsforschung sprechen, bei der Studien zur Geschichte der Erinnerungskultur einen prominenten Platz einnehmen.9

Der Boom verdankte sich, erstens, dem säkularen politischen Einschnitt in Ostdeutschland und in ganz Osteuropa. Zu seinen Begleiterscheinungen zählten das Schleifen und die Zerstörung zahlreicher Denkmäler sowie ihre Umgestaltung oder ihr Ersatz durch neue materielle Erinnerungszeichen. In den gleichen Zusammenhang gehören die tausendfache Umbenennung von Straßennamen und öffentlicher Räume sowie die Überarbeitung staatlicher Symbole. Zwangsläufig änderte sich ab 1989/90 ebenso die Gestaltung der politischen Inszenierung im Rahmen öffentlicher Erinnerungsfeiern. Zwar lässt sich ein vergleichbarer Wandel in ganz Europa beobachten, aber sowohl quantitativ als auch qualitativ betrachtet fielen die entsprechenden Eingriffe und Umgestaltungen in Osteuropa besonders stark aus.10 Als die kommunistisch beherrschten Regierungen ihre Macht verloren, gerieten ebenfalls die überkommenen nationalen historischen „Meistererzählungen“ unter den Druck konkurrierender sozialer Gedächtnisse.11 In der Deutschen Demokratischen Republik gelangte damit ein über mehrere Jahrzehnte gepflegter antifaschistischer Mythos an ein Ende, der einerseits die Bewältigung der NS-Vergangenheit dadurch erreichte, ←17 | 18→indem er die Masse der Bevölkerung zum Opfer erklärte, sodass diese sich aktiv am Aufbau einer sozialistischen Demokratie beteiligen konnte. Andererseits sorgte die Heroisierung des kommunistischen Widerstands gegen das NS-Regime dafür, dass im kollektiven Gedächtnis der Massenmord an den Juden keinen Platz fand.12 Dies änderte sich seit den 1990er Jahren grundlegend, weil nunmehr hier wie auch in vielen anderen Ländern sich kollektive Gedächtnisse zurückmeldeten, von denen manche über mehrere Jahrzehnte verschüttet gewesen waren. In erster Linie bezieht sich dies auf die allmähliche Rückbesinnung auf die jüdische Präsenz in Osteuropa vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, aber es geht dabei ebenfalls um die kollektiven Erinnerungen vieler ethnischer Minoritäten.

Von den Umbrüchen seit 1989/90 gingen jedoch nicht nur wichtige Anstöße auf die Erinnerungskulturen aus, sondern auch die Zeitgeschichtsforschung selbst erfuhr einen Wandel und expandierte beträchtlich. Sichtbar trat dies unter anderem in der Gründung neuer Forschungsinstitute zum Vorschein, darunter das Zentrum für Zeithistorische Studien in Potsdam oder auch das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden. Gleichzeitig flammte eine ausgesprochen lebhafte Debatte über den Begriff und die Methoden der Zeitgeschichte auf, die sich nach dem Untergang der Deutschen Demokratischen Republik vor allem auf die Frage erstreckte, wie die Vergangenheit des untergegangenen SED-Staates in eine neue Gesamterzählung der deutschen Geschichte eingefügt werden könne.13

Die stärkere Hinwendung zur Erforschung von Erinnerungskulturen in den 1990er Jahren bildet, zweitens, das Resultat längerfristiger sozialer und ←18 | 19→kultureller Entwicklungen. Denn das wachsende gesellschaftliche Interesse an der Ressource „Erinnerung“ wird erst dann verständlich, wenn man sie vor dem Hintergrund der weitreichenden sozialen und wirtschaftlichen Transformation dieser Epoche einordnet, also der Geschichte nach den „trente glorieuses“.14 Im Grunde handelt es sich hierbei um eine neue Zeitspanne der europäischen Geschichte, die immer stärker von Wirtschaftskrisen, konjunkturellen Wechsellagen und gerade auch im Gegensatz zur Phase des außergewöhnlichen wirtschaftlichen Aufstiegs nach dem Zweiten Weltkrieg von wachsenden sozialen Auseinandersetzungen geprägt worden ist. Die entsprechenden Tendenzen, aber auch ein steigender Bildungsgrad breiter sozialer Gruppen sorgten nunmehr dafür, dass die Nachfrage nach Erinnerungen nach oben ging. In seinen Arbeiten zur Erinnerungsgeschichte hat Pierre Nora schon früh auf die Konsequenzen hingewiesen, die sich aus diesem Wandel ergaben, rief doch die fortlaufende Dekomposition der traditionellen milieux de mémoire einen wachsenden Bedarf nach institutioneller und verorteter Erinnerung hervor. Erste Anzeichen in diese Richtung lassen sich in Westdeutschland bis in die 1970er Jahre zurückverfolgen, als im Rahmen sogenannter Landesausstellungen – beispielsweise zu den Staufern in Baden-Württemberg – sehr publikumswirksame Veranstaltungen inszeniert wurden, um ein anfangs eher nostalgisch anmutendes Interesse an ferne Vergangenheiten zu befriedigen. Der Trend zur Musealisierung hielt danach jedoch an und sorgte seit den 1990er Jahren in Verbindung mit der Gründung neuer Gedenkstätten zur Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus auf der einen Seite, aber auch solcher zur Erinnerung an die SED-Herrschaft in der DDR auf der anderen Seite, dafür, dass die zeithistorische Forschung in ein sehr enges Wechselverhältnis zu Institutionen der modernen Gedächtniskultur geführt wurde.

Das in Deutschland seit den 1990er Jahre rasch ansteigende Interesse an der Analyse von Erinnerungskulturen und die bemerkenswert frühe Popularität dieser Forschungsrichtung verdankt sich, drittens, einem französisch-deutschen Ideentransfer. Die frühe Übersetzung von Auszügen der einschlägigen Texte Pierre Noras ins Deutsche unter dem Titel „Zwischen ←19 | 20→Geschichte und Gedächtnis“15 bildete eine entscheidende Grundlage dafür, dass der neue Forschungszweig auch westlich des Rheins rasch seine Anhänger fand. In diesem Zusammenhang spielte die Rückbesinnung auf die Schriften von Maurice Halbwachs und seine Theorie des „kollektiven Gedächtnisses“ auch eine wichtige Rolle,16 wobei sich Vorläufer dieser Reflexionen in Gestalt des kulturhistorischen Räsonnements über das Vergessen und das Erinnern weit zurückverfolgen lassen.17 Man könnte ebenfalls auf die Übersetzung ins Deutsche von ausgewählten Texten aus der Feder Maurice Agulhons zur politischen Ikonographie („Der vagabundierende Blick“, 1995) oder Paul Ricœurs zum Verhältnis von Erinnern und Vergessen (Das Rätsel der Vergangenheit, 1998) hinweisen. Für den Durchbruch der Erinnerungskulturforschung und ihre rasche Popularität waren letztlich die Publikationen von drei Bänden zu den „Deutschen Erinnerungsorten“ (2001) entscheidend. Mit ihnen nahm der in Berlin wirkende Historiker Étienne François eine wesentliche Mittlerrolle ein und vor allem seinem Einfluss war es zu verdanken, dass das Konzept der „Erinnerungsorte“ sowie die einschlägigen französischen Debatten Eingang in die deutsche Zeitgeschichtsforschung fanden.18 Parallele Projekte zu den nationalen Erinnerungsorten wurden außerdem in vielen weiteren Ländern aufgelegt, so in den Niederlanden, Dänemark oder auch in verschiedenen mitteleuropäischen Staaten. Freilich sollte es noch einige Jahre dauern, bevor ein weiterer Band die Erinnerungsorte auch der DDR thematisierte.19 Erst aber in jüngerer Zeit finden sich diese Projekte um den ←20 | 21→Versuch erweitert, die transnationalen Verflechtungen oder auch die histoire croiseé von Erinnerungsorten in Europa auszuloten.20

Ein entscheidender Schub bei der Hinwendung zu Erinnerungskulturen ging seit den 1990er Jahren, viertens, vom 50-jährigen Jubiläum zur Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs aus.21 Angesichts des laufenden generationellen Wandels stellte sich seitdem immer drängender die Frage danach, welche Momente des für Europa so mörderischen Geschehens überhaupt noch einen Platz in den nationalen Gedächtniskulturen finden sollten. Es bildet daher auch keinen Zufall, dass schon im Jahr 1983 der Sozialphilosoph Herman Lübbe mit seiner These in Westdeutschland eine breite öffentliche Debatte auslöste, wonach die nur zurückhaltende Thematisierung individueller und institutioneller Nazi-Vergangenheiten in den ersten Nachkriegsjahren als die Folge von Bemühungen anzusehen sei, die „Subjekte der Vergangenheit“ in den neuen demokratischen Staat zu integrieren.22 Aus der Rückschau handelt es sich dabei nur um einen Vorboten noch weit heftigerer Kontroversen im nachfolgenden Jahrzehnt. Denn nach der sukzessiven Öffnung der Archive in Osteuropa setzte erstmals auch in Deutschland eine umfassende Erforschung der Ursachen und Folgen des Holocaust ein. Sie erlaubte es, weitaus präziser als in den Jahren zuvor herauszuarbeiten, wie sich das Mordgeschehen im Einzelnen vollzogen hatte, auf welche Weise die Wehrmacht und die Truppen des Weltanschauungskrieges hierbei kooperiert hatten, aber auch zu zeigen, wie sehr sie dabei jeweils auf die Kollaboration einheimischer Täterinnen und Täter angewiesen waren.23 Als ebenso bedeutsam erwies sich, dass nun erstmals auch die Verbrechen deutscher Soldaten, die sie in vielen Ländern ←21 | 22→im Rahmen des Zuges der Partisanenbekämpfung begangen hatten, einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurden.24

Fünftens sorgten seit den 1990er Jahren verschiedene geschichtspolitische Kontroversen von herausragender Bedeutung dafür, dass es zu einer engen Verschränkung zwischen der Zeitgeschichtsforschung und den sie einfassenden Erinnerungskulturen kam. Eine erste große Debatte rankte sich um die Wiedergutmachung für ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, wobei die Intensität der entsprechenden Diskussionen keineswegs allein mit den erheblichen finanziellen Implikationen zu erfassen ist, um die es bei dieser Streitfrage ging, sondern vor allem damit, dass nun erstmals das lange verdrängte Kapitel der Ausbeutung von Millionen Menschen während des Zweiten Weltkriegs in das Bewusstsein breiter öffentlicher Schichten in Deutschland rückte. Schon der Name der speziell dafür neu geschaffenen Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ vermittelt eine Ahnung davon, wie sehr seitdem Erinnerungskultur und Politik, aber auch Geschichtswissenschaft und Erinnerung aufeinander bezogen blieben.25 Eine weitere, gesellschaftlich breit geführte Debatte entzündete sich an der Mitwirkung der Wehrmacht am Holocaust. In diesem Zusammenhang kam einer vom Hamburger Institut für Sozialforschung veranstalteten „Wehrmachtausstellung“ eine große Bedeutung zu, denn über das Medium der fotografischen Dokumentation führte sie gewissermaßen Anklage gegen Täter aus den Reihen der deutschen Militärs. Obwohl der historischen Forschung viele der gezeigten Sachverhalte schon lange bekannt waren, ja die Zuordnungen teilweise auf Irrtümern beruhten und die Ausstellung deswegen grundlegend überarbeitet werden musste, löste sie eine beträchtliche öffentliche Mobilisierung aus, zuweilen sogar begleitet von gewaltsamen Auseinandersetzungen.26 Eine dritte, ←22 | 23→ebenfalls die Öffentlichkeit geradezu elektrisierende Debatte wurde von dem amerikanischen Politikwissenschaftler Daniel Goldhagen ausgelöst. In seinem Buch über „Hitlers willige Vollstrecker“ stellt er die Behauptung auf, wonach ein seit Langem in der deutschen Gesellschaft angelegter „eliminatorischer Antisemitismus“ als wichtigste Ursache für den Massenmord an den Jüdinnen und Juden Europas identifiziert werden könne.27 Ungeachtet der Tatsache, dass seine These holzschnittartig ausfällt und auf viele Leserinnen und Leser geradezu abstrus wirkte, trug sie dennoch dazu bei, dass breiten Schichten der deutschen Gesellschaft erstmals die Massenmorde am Ende des Zweiten Weltkriegs sowie die Umstände der Todesmärsche überhaupt bekannt wurden.

So sehr über all diese Debatten die Erforschung sowohl von „Vordenkern der Vernichtung“28 als auch der verschiedenen NS-Täter oder Tätergruppen einen entscheidenden Schub erfuhr, sollte man darüber nicht übersehen, dass parallel dazu sich in den nationalen Erinnerungskulturen vieler Länder eine merkliche Akzentverschiebung einstellte. Denn immer öfter rückten nunmehr die Opfer des Holocaust an die Stelle der zuvor öffentlich kommemorierten ‚nationalen Helden‘. Hierbei handelte es sich – in den Worten Henry Roussos – um einen entscheidenden Formenwandel von einem politischen zu einem moralischen Muster der Vergangenheitsbetrachtung, was zum Kennzeichen keineswegs nur der deutschen, sondern einer international zum Durchbruch gelangenden Erinnerungskultur werden sollte.29 In Übereinstimmung mit François Hartog kann man darin ein ←23 | 24→neues régime d’historicité erkennen, womit an dieser Stelle ein neuer Präsentismus gemeint ist, der Geschichte zunehmend von einem Standpunkt der Gegenwart begreifen will.30 Zweifelsohne spielten hierbei die neuen Modi der Repräsentation von Geschichte, also historischen Ausstellungen, Geschichtssendungen im Radio, im Fernsehen oder auch im Internet eine wichtige Rolle, darüber hinaus aber ebenso andere, populäre Formen der Vermittlung von Geschichte in der Öffentlichkeit. Dieses Resultat wird erst dann begreiflich, wenn man die Schlüsselbedeutung berücksichtigt, welche der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in den nationalen Kulturen der meisten Länder Europas seit 1945 zugefallen war.

2 Der Zweite Weltkrieg im Spiegel nationaler Erinnerungskulturen

Ohne Zweifel gebührt den beiden Weltkriegen und ihren Folgen bei der Ergründung nationaler Erinnerungskulturen im Europa des 20. Jahrhunderts eine herausragende Position. Wie stark dabei noch heute die öffentliche Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ins Gewicht fällt, hat zuletzt die Welle des öffentlichen Gedenkens im Jahr des Centenaire aufgezeigt.31 Im Blick auf die zweite Nachkriegszeit, auf die ich mich hiernach beschränke, hat die historische Forschung in den letzten Jahrzehnten im Wesentlichen drei chronologisch unterscheidbare Stufen herausgearbeitet, die ein fortlaufendes Wechselspiel von Gegenwartserfahrungen, zeithistorischer Forschung und erinnerungskultureller Neubestimmung zu erkennen geben. Übereinstimmung scheint mir zunächst einmal dahingehend zu bestehen, dass die ersten beiden Jahrzehnte im Europa der zweiten Nachkriegszeit von deutlichen Spuren des Vergessens, des beredten Schweigens, des Ausgrenzens und des ubiquitären nationalen Selbstbezugs geprägt worden sind. Das gilt in einer bemerkenswerten Weise sowohl für die militärisch ←24 | 25→Besiegten als auch die Sieger des Zweiten Weltkriegs, wobei hierbei mit Blick auf die Opfergruppen und auch auf materielle Zerstörungen sehr viele Unterschiede zum Vorschein treten.

Insbesondere für den westdeutschen Fall ist häufig der starke Kontrast zwischen der Konkretheit der millionenfachen Kriegs-, Vernichtungs- und Verlusterfahrungen von unzähligen Individuen sowie der sprachlichen Dekonkretisierung solcher Erinnerungen im öffentlichen Raum bis weit in die 1960er Jahre thematisiert worden.32 Was sich hier in den ersten beiden Jahrzehnten neben durchaus konstruktiven Ansätzen der Vergangenheitsbewältigung als Entkonkretisierung oder sogar als Verdrängung äußerte, weist jedoch zahlreiche Parallelen zu ähnlich gelagerten Entwicklungen im westeuropäischen Ausland auf. Frankreich ist hierfür ein naheliegendes Beispiel, blieb doch hier die Kollaboration des Vichy-Regimes mit dem Nationalsozialismus für rund zwei Jahrzehnte aus der französischen Erinnerungskultur ausgeblendet.33 Diese Beispiele lassen sich durch einen Blick auf weitere Länder zu einem europäischen Horizont erweitern. So zeigen beispielsweise die Niederlande, dass auch hier bis Mitte der 1960er Jahre fast ausschließlich das Bild vom „kleinen, aber besonders tapferen Widerstand“ gegen die deutschen Besatzer gezeichnet wurde, bevor danach, zunächst allerdings in nur kleinen Kreisen, Kritik an einer solch selbstgenügsamen Deutung wach wurde, während überall dort, wo parallel zum Widerstand gegen ausländische Besatzungstruppen ein Bürgerkrieg ausgetragen wurde – so in Italien, Griechenland und den Gebieten des früheren Jugoslawien – in den Nachkriegsjahrzehnten eine besonders zerklüftete und konfliktreiche Erinnerungslandschaft bestand.34 Spannungen konnten also nicht ausbleiben und sie blieben auch schon allein deswegen nicht aus, weil es überall darum ging, eine Gratwanderung zu beschreiten. Einerseits mussten die politisch Verantwortlichen in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten der Notwendigkeit gerecht werden, die Vergangenheit ←25 | 26→zugunsten des nationalen Wiederaufbaus auszublenden; andererseits ging es darum, die „Helden“ und „Opfer“ angemessen zu würdigen, während gleichzeitig gegen Kollaborateure, Faschisten und „eingeborene“ Antisemiten Prozesse geführt werden mussten.35 Damit sind aber noch nicht die für die Erinnerungskulturen so wichtigen Verflechtungsgeschichten – etwa die zwischen Deutschland, Österreich und Italien – benannt worden, was nach 1945 zu einer eigentümlichen Mischung aus Ausgrenzungen und selektiven Aneignungen in der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg führte.36 Insgesamt ergibt somit die Rückschau auf die erste Phase eine geradezu penetrant wirkende Harmonie in den öffentlichen Gedenkdiskursen. Während im Osten Europas der Schirm einer letztlich doch weitgehend sowjetisch verordneten Erinnerungskultur über die jeweils nationalen Teilkulturen aufgespannt wurde, beließen ihre Gegenspieler im westlichen Europa die düsteren Kapitel der nationalen Vergangenheit meist eher im Vagen; regelmäßig standen die nationalen Opfer im Vordergrund des öffentlichen Erinnerns. Wollten hiervon abweichende Gedächtnisse sich in der Öffentlichkeit Gehör verschaffen, wurden sie marginalisiert oder sogar unterdrückt. Da auch die Zeitgeschichtsschreibung in dieser Phase meist national-affirmativ argumentierte, spielte die historische Erforschung des Holocaust zunächst kaum oder gar keine Rolle.

Der nationale Grundzug der Erinnerungskulturen hielt sich in Europa auch in der zweiten Phase von Mitte der 1960er Jahre bis zum Ende der 1980er Jahre. Zwar änderte sich der Fokus des öffentlichen Erinnerns und allmählich rückte vonseiten der Geschichtswissenschaft, zuweilen auch der Politik eine insgesamt nationalkritischere Note in die Debatten, und doch bildete die eigene Nation weiterhin den bevorzugten Referenzrahmen. Darüber dürfen allerdings wesentliche Änderungen nicht übersehen werden, ←26 | 27→denn tatsächlich gab es recht viel zunächst vor der eigenen Haustür zu kehren. Im westdeutschen Fall bezieht sich dies beispielsweise auf den sich allmählich ändernden Umgang mit den Orten des Terrors in den Städten und Gemeinden, auf Diskursverschiebungen in öffentlichen Gedenkreden oder den zögerlichen Beginn einer kritischen Täterforschung.37 Bemerkenswert ist überdies, wie sehr die Bewegung einer „Geschichte von unten“ in dieser Phase ihren Beitrag dazu leistete, dass eine intensive Beschäftigung mit Erinnerungsorten in Gang kam, die nun erstmals dem Terror und der nationalsozialistischen Unterdrückungspolitik vor der eigenen Haustür eine stärkere Beachtung schenkte.38 Parallel dazu fanden sich auch in anderen Ländern Europas überkommene Opfer-/Täter-Dichotomien infrage gestellt. So erhielt die Bevölkerung in den Niederlanden erstmals Kenntnis von der Beteiligung Einheimischer an der Judenvernichtung und auch in den Medien entwickelte sich das Thema Kollaboration in großen Fernsehserien zu einem Gegenstand von nahezu traumatischer Bedeutung. In den 1970er Jahren können wir außerdem beobachten, wie fast im gesamten europäischen Westen Fragen zur Kollaboration zwischen Besatzern und Besetzten sowie zum autochthonen Antisemitismus der besetzten oder der mit dem „Dritten Reich“ alliierten Länder allmählich in den Vordergrund eines breiteren gesellschaftlichen Interesses traten.

All dies bedeutet freilich noch nicht, dass damit die mythisch umrankten Erinnerungen gleichsam per Knopfdruck dekonstruiert worden sind. Das Gegenteil war oftmals der Fall, wurde doch beispielsweise die italienische Resistenza erst in dieser Phase in unzähligen Festtags- und Gedenkreden zu einer idealistischen Massenbewegung verklärt, während die nachweisbaren inneren Gegensätze und die weit voneinander abweichen Motive der zeitgenössischen Akteure immer deutlicher in den Hintergrund rückten. Darüber hinaus ist bemerkenswert, wie sehr sich erst jetzt die Erforschung des Holocaust intensivierte und eine konkretere Auseinandersetzung mit den Täterinnen und Tätern in Gang kam, wenngleich darüber bemerkenswerte ←27 | 28→Blindstellen im Blick auf die Opfer, das heißt ja vor allem die jüdischen Opfer, erhalten blieben.39 Gleichwohl sorgten der konstante Generationenwandel und die veränderten sozioökonomischen Umstände dafür, dass die Erinnerungskulturen einen Formenwandel durchliefen. Dazu gehörte nicht zuletzt die Bereitschaft, sich intensiv mit den Schatten der Vergangenheit auseinanderzusetzen, was auch im politischen Gedenkdiskurs dieser Jahre einen Niederschlag fand.

Erst aber in der dritten Phase seit dem Ende des Kalten Krieges können wir von einem Durchbruch einer fundamentalen Binnenpluralisierung nationaler Erinnerungskulturen sprechen. Gleichzeitig weitete sich nun der Blick von der eigenen Nation über die eigenen Grenzen hinaus auf neue Opfergruppen.40 Im Zuge dieses Wandels begannen Regierungen erstmals damit, sich für die Verbrechenspolitik ihres Staates in der Vergangenheit zu entschuldigen, und sie bekannten sich außerdem öffentlich zur Schuld der eigenen Nation. Meist erließen sie ebenfalls neue Richtlinien für den öffentlichen Umgang mit den entsprechenden Themen an den Schulen. Darüber hinaus kennzeichnet die dritte Phase, dass im Grunde erst jetzt die Erforschung des Holocaust sämtliche gesellschaftlichen und politischen Hintergründe des Geschehens in den Blick nahm und diese auch öffentlich machte.41 Darüber gelangten erstmals auch Themen wie die Massenvergewaltigungen am Ende des Zweiten Weltkriegs in das Visier der historischen Forschung, die zuvor über Jahrzehnte öffentlich beschwiegen worden waren.42 Es ist außerdem alles andere als ein Zufall, dass nunmehr auch andere in den Erinnerungskulturen marginalisierte Kollektive wie die Roma, die Homosexuellen oder auch die Behinderten jetzt zum ←28 | 29→ersten Mal eine öffentliche Würdigung ihres Schicksals im und nach dem „Dritten Reich“ erfuhren.43

Eng damit verbunden wandelten sich ebenfalls die nationalen Vergangenheitsnarrative, die immer öfter den jüdischen Opfern einen prominenten Platz in den offiziellen Erinnerungskulturen einräumten. Von verschiedener Seite ist in diesem Zusammenhang von einem „Paradigmenwechsel von der historischen Heroisierung hin zu einer historischen Viktimisierung“ gesprochen worden, bei dem es oftmals zu einer problematisch anmutenden Überidentifikation mit den Opfern gekommen sei.44 Darüber hinaus gilt es in Rechnung zu stellen, dass die nunmehr intensiver geführten Debatten in der Zeitgeschichtsforschung und ihre Ergebnisse keineswegs alle gesellschaftlichen Ebenen der Erinnerungskulturen direkt erreichten. Ohnehin wiesen die Familiengedächtnisse eine insgesamt beträchtliche Beharrungskraft auf, negierten oft sogar das, was der Forschung als gesicherte Erkenntnis galt.45 Und so sehr offizielle Vorgaben auf nationaler Ebene eine Pluralisierung des Gedenkens einforderten, so sehr stellten sich einzelne oder ganze Gruppen auf der Ebene der Regionen und Städte in einen Gegensatz dazu. Noch mehr, mit dem Aufkommen des Rechtspopulismus in Europa verknüpfte sich bereits seit den 1980er Jahren immer stärker auch das öffentlich verkündete Begehren, eine Abkehr von der vermeintlichen Überbetonung von Schattenseiten der nationalen Geschichte einzuleiten.46 Unter dem Eindruck der Jugoslawienkriege und ihren Folgen kam in Deutschland noch ein weiteres Moment zum Tragen, stieg doch in Deutschland erneut die Geschichte von Flucht und ←29 | 30→Vertreibung zu einem prominenten Thema der Erinnerungskultur auf.47 Was sich zunächst noch relativ vorsichtig als Kritik an einer zu engen und normativen Auslegung des politischen Gedenkens um den Zweiten Weltkrieg anmeldete, entwickelte sich danach zu einem politisch vehementen Protest, der bis in die Gegenwart andauert und der sich inzwischen um die Frage der Einrichtung eines neuen „Zentrums gegen Vertreibungen“ rankt.48

Die hiermit verbundene Konkurrenz um einen hervorgehobenen Platz im nationalen Opferdiskurs gehört seit der Jahrtausendwende in vielen Ländern Europas zu einem beständigen Begleitmerkmal der erinnerungskulturellen Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass auch noch nach dem Ende des Kalten Kriegs der Kontinent weiterhin in ein stärker östliches Gravitationszentrum auf der einen Seite und ein stärker westliches auf der anderen Seite geteilt geblieben ist.

3 Zur Europäisierung von Erinnerungskulturen

Obwohl bereits seit mehreren Jahren eine intensive Diskussion über europäische lieux de mémoire geführt wird und dazu inzwischen verschiedene Publikationen vorliegen, sind sämtliche Versuche zur Begründung einer gesamteuropäischen Erinnerungskultur bislang im Sande verlaufen.49 Meist sehen sich solche Versuche dem Vorwurf ausgesetzt, ein willfähriges Instrument der vielerorts kritisch beobachteten Brüsseler Identitätspolitik abzugeben. Selbst dann, wenn das Urteil milder ausfällt, werden der Verbreitung von transnational begründeten Geschichtsbildern kaum realistische ←30 | 31→Chancen eingeräumt.50 Gleichwohl heben verschiedene Vorschläge angesichts der zentrifugalen Tendenzen der neueren europäischen Geschichte darauf ab, zielgerichtet die Europäisierung von Erinnerungskulturen voranzutreiben. Diesem Umfeld entstammen unter anderen die Ausführungen des Gießener Politikwissenschaftlers Claus Leggewie, wonach die großen Katastrophen des langen 20. Jahrhunderts als Anker- und Fluchtpunkte zur Begründung eines europäischen Geschichtsbewusstseins dienen könnten. Leggewie glaubt, dass unter Einbeziehung der Migrationsgeschichte, nicht zuletzt aber von „Europas Erfolgsgeschichte“ seit 1945, die Basis für eine europäische Identität des größten „Noch-Nicht-Volks der Erde“ gelegt werden könne.51

Hiergegen sprechen jedoch verschiedene Gründe, darunter nicht zuletzt der Ertrag der neuen Erinnerungskulturforschung, welche in den vergangenen Jahren sehr deutlich die unterschiedlichen Konturen zwischen dem Westen und Osten, aber auch die Binnengegensätze innerhalb der nationalen Kulturen Europas herausgearbeitet hat. Zwar hat auch der US-Amerikaner Alan Confino die These aufgestellt, wonach in der „westlichen Kultur“ das Gründungsereignis der Französischen Revolution durch den Holocaust ersetzt beziehungsweise seit den 1980er Jahren zunehmend überlagert worden sei, was ihn zu einer Art verbindender Gründungserinnerung des Westens habe aufsteigen lassen.52 Aber der kritische Blick sowohl nach Ost- als auch nach Ostmitteleuropa vermag zu zeigen, dass sich die Lage dort in einem ganz anderen Licht darstellt. Denn hier haben sich in den letzten 25 Jahren verschiedene Erinnerungswellen entladen und sie sind in einem geradezu endemischen Streit um Denkmalsetzungen, Straßennamen und Museumsprojekte gemündet. Noch heute dominiert im östlichen Europa die Erinnerung an die Jahrzehnte der sowjetischen Herrschaft sowie die ihrer kommunistischen Bündnispartner. Es konnte daher nicht ausbleiben, dass sich hier der Fokus der Erinnerungskulturen vor ←31 | 32→allem auf die stalinistischen Verbrechen und die jahrzehntelange Unterdrückung der Zivilgesellschaft ausrichtet.53 Wie sehr die unterschiedlichen Deutungskulturen selbst einzelne lieu de mémoire in weit voneinander abweichendes Licht rücken, hat zuletzt der Leipziger Osteuropahistoriker Stefan Troebst am Beispiel des „Hitler-Stalin-Paktes“ verdeutlicht.54 Nur in Ostmitteleuropa bilde er in der staatlichen, kirchlichen, zivilgesellschaftlichen, familiären und individuellen Erinnerungskultur einen zentralen Orientierungspunkt, da er den Anfang vom Ende einer kurzen, erst 1918 einsetzenden „goldenen Zeit“ nationaler Unabhängigkeit, politischer Selbstbestimmung und kultureller Entfaltung repräsentiere. Insgesamt hat es einige Zeit gedauert, bis den Zeitgenossen der Umbrüche klar geworden ist, dass das Ende des Kalten Kriegs auch im Westen Europas gravierende erinnerungskulturelle Rückwirkungen hervorrief. Die Erinnerung an die Diktaturregime, den Weltkrieg und die Besatzungszeit spaltet somit die Europäer bis in die Gegenwart entlang der alten Blockgrenzen, aber auch innerhalb der Nationalstaaten, deren erinnerungskulturelle Basis oft in ähnlicher Weise umstritten geblieben ist wie die der supranational gedachten Europäischen Union.55 Überdies ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass der Trend zu einer Europäisierung von Erinnerungsorten ‚von oben‘ den sozialen Widerstand von unten provoziert und hierüber tendenziell eine Re-Nationalisierung von Erinnerungskulturen begünstigt wird.56

4 Fazit

Wenn wir die hier angeführten Beispiele und Hinweise zusammenführen, so wird deutlich, dass das Ziel einer gemeinsamen und politisch verbindlichen europäischen Erinnerungskultur weiterhin vor großen Hindernissen ←32 | 33→steht. Gleichwohl soll damit in keiner Weise essentialistisch anmutenden Anschauungen über eine Ost-West-Dichotomie und ebenso wenig dem Verständnis nationaler Erinnerungskulturen als rein statischen Einheiten das Wort geredet werden. Entscheidend ist vielmehr, dass soziale, ethnische, geschlechtliche und generationelle Unterschiede in der zweiten Nachkriegszeit überall ihr Gewicht behielten und sich dies auf die Bezugspunkte und die Form der Erinnerungen von Kollektiven auswirkte. Überdies darf man bei all dem nicht übersehen, dass für die Angehörigen der nachwachsenden Generationen mittlerweile ganz andere Umbrüche als der Zweite Weltkrieg und seine Folgen im Vordergrund ihrer kollektiven Erinnerungen stehen. Aus ihrer Sicht können beispielsweise das Jahr 1968 oder eben auch das Ende des Kalten Krieges weitaus bedeutsamere Wendepunkte darstellen als das Jahr 1945. Nur wenn wir diese Faktoren und Trends berücksichtigen und dabei die handelnden Akteure genau in den Blick nehmen, können wir eine präzise Erinnerungslandkarte Europas zeichnen. Und nur auf diesem Weg ist es außerdem möglich, den Dynamiken von Erinnerungskulturen, ihren regionalen, nationalen und eben auch transnationalen Tendenzen auf die Spur zu kommen.

Was bleibt? Zunächst einmal die Feststellung, dass unter dem Oberbegriff Erinnerungskultur weiterhin ein erheblicher Forschungsbedarf besteht. Dies gilt nicht zuletzt für den Bereich der Vermittlung von Erinnerungen an den Schulen, an den Universitäten oder auch den Museen sowie an allen anderen Orten, an denen Geschichte öffentlich verhandelt wird.57 Darüber hinaus zeichnet sich, kritisch eingewandt, inzwischen eine Engführung von Wissenschaft, Moral und Politik ab, die nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen, sondern gerade auch wegen des Anspruchs auf die Durchsetzung pluralistischer Erinnerungskulturen problematisch wirken muss. Den Historikerinnen und Historikern fällt in diesem Zusammenhang eine wichtige Aufgabe zu, geht es doch darum, Erinnerungskulturen davor zu schützen, allein noch einem leerlaufenden Erinnerungsimperativ zu folgen oder sie gar zu einer rein affirmativen Staatskultur des Erinnerns absinken zu lassen. Wir sind damit bei einem geradezu klassischen Auftrag ←33 | 34→an die Historie angelangt, den Aufbau eines reflektierten Geschichtsbewusstseins für eine Zivilgesellschaft der Zukunft zu gestalten. Das ist keineswegs neu, wird aber durch die Beschäftigung mit Erinnerungskulturen erneut ins Gedächtnis gerufen.

1 Polemisch dazu Hermann Lübbe: „Ich entschuldige mich“. Das neue politische Bußritual. Berlin 2001. S. auch Christopher Daase: Entschuldigung und Versöhnung in der internationalen Politik. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 63 (2013), H. 25/26, S. 43–49.

2 Aufschlussreich dazu Ulrich Lamparter u. a. (Hrsg.): Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms 1943 und ihre Familien. Forschungsprojekt zur Weitergabe von Kriegserfahrungen. Göttingen 2013.

3 Hans Günter Hockerts: Zugänge zur Zeitgeschichte. Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft. In: Konrad Jarausch/Martin Sabrow (Hrsg.): Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt. Frankfurt a.M. 2002, S. 39–73, hier S. 41.

4 Jan Assmann: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. Frankfurt a.M. 1988, S. 13.

5 Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 1997; Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München 2006, S. 26.

6 Christoph Cornelißen: Was heißt Erinnerungskultur? Begriff, Methoden, Perspektiven. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 54 (2003), S. 548–563; Christoph Cornelißen/Lutz Klinkhammer/Wolfgang Schwentker (Hrsg.): Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945. Frankfurt a.M. 2003.

7 Christoph Cornelißen: Die Nationalität von Erinnerungskulturen als ein gesamteuropäisches Phänomen. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 62 (2011), H. 1/2, S. 5–16.

8 Vgl. dazu Christoph Cornelißen (Hrsg.): Geschichtswissenschaft im Geist der Demokratie. Wolfgang J. Mommsen und seine Generation. Berlin 2010.

9 Alexander Nützenadel/Wolfgang Schieder (Hrsg.): Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven der Forschung in Europa. Göttingen 2004.

10 Rudolf Jaworski: Vergangenheiten auf dem Prüfstand. Alte und neue Gedächtnisorte in Osteuropa nach dem Sturz des Kommunismus. In: Jan Kusber/Ludwig Steindorff (Hrsg.): Gedächtnisorte in Osteuropa. Frankfurt a.M. 2003, S. 11–25, hier S. 14; Christoph Cornelißen u. a. (Hrsg.): Diktatur – Krieg – Vertreibung. Erinnerungskulturen in Tschechien, der Slowakei und Deutschland seit 1945. Essen 2005.

11 Zu dem hier angesprochenen Wandel bieten die Beiträge in Monika Flacke (Hrsg.): Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. 2. Aufl. München 2001, einen guten Einstieg.

12 Jeffrey Herf: Hegelianische Momente. Gewinner und Verlierer in der ostdeutschen Erinnerung an Krieg. In: Christoph Cornelißen/Lutz Klinkhammer/Wolfgang Schwentker (Hrsg.): Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945. Frankfurt a.M. 2003, S. 98–109.

13 Horst Möller: Zeitgeschichte – Fragestellungen, Interpretationen, Kontroversen. In: APuZ 2 (1988), S. 3–16; Hans Günter Hockerts: Zeitgeschichte in Deutschland. Begriff, Methoden, Themenfelder. In: Historisches Jahrbuch 113 (1993), S. 98–127; Christoph Kleßmann/Martin Sabrow: Zeitgeschichte in Deutschland nach 1989. In: APuZ 39 (1996), S. 3–14; Christoph Kleßmann: Zeitgeschichte in Deutschland nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Essen 1998.

14 Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael: Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970. Göttingen 2008.

15 Pierre Nora: Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Die Gedächtnisorte. Berlin 1991; Pierre Nora: Les Lieux de Mémoire. 7 Bde. Paris 1992–1994.

16 Vgl. dazu Klaus Große-Kracht: Gedächtnis und Erinnerung. Maurice Halbwachs – Pierre Nora. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 47 (1996), S. 21–31.

17 Claus von Bormann: Erinnerung. In: Joachim Ritter (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 2. Basel 1972, S. 635–644; Reinhart Herzog: Zur Genealogie der Memoria. In: Anselm Haverkamp/Renate Lachmann: Memoria. Vergessen und Erinnern. München 1993, S. 3–8.

18 Étienne François/Hagen Schulze (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte. 3 Bde. München 2001.

19 Mario Isnenghi (Hrsg.): I luoghi della memoria. 3 Bde. Rom 1996/1997; Pim den Boer/Willem Frijhoff (Hrsg.): Lieux de mémoire et identités nationales. Amsterdam 1993; Ole Feldbaek (Hrsg.): Dansk identiteshistorie. Kopenhagen 1992; Moritz Csáky (Hrsg.): Collective Identities in Central Europe in Modern Times. Bratislava 1999; Martin Sabrow (Hrsg.): Erinnerungsorte der DDR. München 2009.

20 Hans Henning Hahn/Robert Traba (Hrsg.): Deutsch-Polnische Erinnerungsorte. Paderborn 2013.

21 Jörg Echternkamp/Stefan Martens (Hrsg.): Experience and Memory. The Second World War in Europe. New York 2010.

22 Hermann Lübbe: Der Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsbewußtsein. In: Historische Zeitschrift (1983), S. 579–599, hier S. 587.

23 Ulrich Herbert (Hrsg.): Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939–1945. Neue Forschungen und Kontroversen. Frankfurt a.M. 1998.

24 Rolf-Dieter Müller/Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Die Wehrmacht. Mythos und Realität. München 1999.

25 Constantin Goschler (Hrsg.): Die Entschädigung von NS-Zwangsarbeit am Anfang des 21. Jahrhunderts. Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und ihre Partnerorganisationen. Göttingen 2012; Hans Günter Hockerts/Claudia Moisel/Tobias Winstel (Hrsg.): Grenzen der Wiedergutmachung. Die Entschädigung für NS-Verfolgte in West- und Osteuropa 1945–2000. Göttingen 2006.

26 Vgl. Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944. Hamburg 2002; Christian Hartmann/Johannes Hürter/Ulrike Jureit (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte. München 2005; Hans Ulrich Thamer: Eine Ausstellung und ihre Folgen. Impulse der Wehrmachtsausstellung für die historische Forschung. In: Ulrich Bielfeld (Hrsg.): Gesellschaft – Gewalt – Vertrauen. Jan Philipp Reemtsma zum 60. Geburtstag. Hamburg 2012, S. 489–503.

27 Zu der Debatte s. Daniel Goldhagen: Hitler’s Willing Executioners. Ordinary Germans and the Holocaust. New York 1996 (auf Deutsch: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Berlin 1996); Johannes Heil/Rainer Erb (Hrsg.): Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit. Der Streit um Daniel J. Goldhagen. Frankfurt a.M. 1998.

28 Götz Aly/Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung. Frankfurt a.M. 2013.

29 Henry Rousso: Eine neue Sicht des Krieges. In: Jörg Echternkamp/Stefan Martens (Hrsg.): Der Zweite Weltkrieg in Europa. Erfahrungen und Erinnerungen. Paderborn 2007, S. 269–276, hier S. 275.

30 François Hartog: Régimes d’historicités. Présentisme et expérience du temps. Paris 2003.

31 Johannes Großmann: 1914 als europäischer Erinnerungsort? Geteiltes, paralleles und gemeinsames Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs. In: Jürgen Angelow (Hrsg.): Wandel, Umbruch, Absturz. Perspektiven auf das Jahr 1914. Stuttgart 2014, S. 219–231; Barbara Korte/Sylvia Paletschek/Wolfgang Hochbruck (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg in der populären Erinnerungskultur. Essen 2008.

32 Norbert Frei: 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen. München 2005.

33 Eric Conan/Henry Rousso: Vichy. Un passé qui ne passe pas. Paris 1994.

34 Richard Ned Lebow u. a. (Hrsg.): The Politics of Memory in Postwar Europe. Durham 2006; Kerstin von Lingen (Hrsg.): Kriegserfahrung und nationale Identität in Europa nach 1945. Erinnerung, Säuberungsprozesse und nationales Gedächtnis. Paderborn 2009.

35 Henry Rousso: Das Dilemma eines europäischen Gedächtnisses. In: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 1 (2004) 3 (http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2004/id=4663, aufgerufen am 15.07.2017), Druckausgabe: S. 363–378.

36 Christoph Cornelißen: Erinnerungskulturen in Deutschland, Österreich und Italien seit 1945. In: Michael Gehler/Maddalena Guiotto (Hrsg.): Italien, Österreich und die Bundesrepublik Deutschland in Europa. Ein Dreiecksverhältnis in seinen wechselseitigen Beziehungen und Wahrnehmungen von 1945/49 bis zur Gegenwart. Wien 2012, S. 369–379.

37 Detlef Hofmann (Hrsg.): Das Gedächtnis der Dinge. KZ-Relikte und KZ-Denkmäler 1945–1995. Frankfurt a.M. 1998; Gabriele Hammermann/Dirk Riedel (Hrsg.): Sanierung, Rekonstruktion, Neugestaltung. Zum Umgang mit historischen Bauten in Gedenkstätten. Göttingen 2014.

38 Wolfgang Benz (Hrsg.): Orte der Erinnerung 1945 bis 1995. Dachau 1995.

39 Harald Welzer: Der Krieg der Erinnerung. Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis. Frankfurt a.M. 2007.

40 Vgl. Katrin Hammerstein u. a. (Hrsg.): Aufarbeitung der Diktatur, Diktat der Aufarbeitung? Normierungsprozesse beim Umgang mit diktatorischer Vergangenheit. Göttingen 2009.

41 Frank Bajohr (Hrsg.): Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung. Frankfurt a.M. 2015.

42 Norman Naimark: Die Russen in Deutschland. Die sowjetische Besatzungszone 1945 bis 1949. Berlin 1997; Robert J. Lilly: La face cachée des GI’s. Les viols commis par les soldats américains en France, en Angleterre et en Allemagne pendant la Seconde Guerre mondiale. Paris 2003.

43 Regis Schlagdenhauffen: Triangle rose. La persécution nazie des homosexuels et sa mémoire. Paris 2011.

44 Ulrike Jureit: Normative Verunsicherungen. Die Besichtigung einer erinnerungspolitischen Zäsur. In: Margrit Fölich u. a. (Hrsg.): Das Unbehagen an der Erinnerung. Wandlungsprozesse im Gedenken an den Holocaust. Frankfurt a.M. 2012, S. 37–54.

45 Harald Welzer/Sabine Moller/Karoline Tschuggnall (Hrsg.): „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt a.M. 2002.

46 Ernst Hillebrand (Hrsg.): Rechtspopulismus in Europa. Gefahr für die Demokratie? Bonn 2015.

47 Mathias Beer: Flucht und Vertreibung. Eine deutsche Streitgeschichte. In: Peter Haslinger (Hrsg.): Diskurse über Zwangsmigrationen in Zentraleuropa. Geschichtspolitik, Fachdebatten, literarisches und lokales Erinnern seit 1989. München 2008, S. 261–277.

48 Peter Haslinger: Opferkonkurrenzen und Opferkonjunkturen. Das Beispiel von „Flucht und Vertreibung“ in Deutschland seit 1990. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 62 (2011), S. 176–190.

49 Heinz Duchhardt u. a. (Hrsg.): Europäische Erinnerungsorte. 3 Bde. Berlin 2012. S. auch Étienne François: Sich der Herausforderung der europäischen Erinnerungen stellen. In: Hans Henning Hahn/Robert Traba: Deutsch-polnische Erinnerungsorte. Bd. 4. Paderborn 2013, S. 69–76.

50 Konrad H. Jarausch/Thomas Lindenberger: Contours of a Critical History of Contemporary Europe. A Transnational Agenda. In: dies. (Hrsg.): Conflicted Memories. Europeanizing Contemporary Histories. New York 2007, S. 1–20.

51 Claus Leggewie: Der Kampf um die europäische Erinnerung. München 2011.

52 Alan Confino: Foundational Pasts. The Holocaust as Historical Understanding. Cambridge 2012.

53 Erik K. Franzen/Martin Schulze Wessel (Hrsg.): Opfernarrative. Konkurrenzen und Deutungskämpfe in Deutschland und im östlichen Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. München 2012.

54 Stefan Troebst (Hrsg.): Postdiktatorische Geschichtskulturen im Süden und Osten Europas. Bestandsaufnahme und Forschungsperspektiven. Göttingen 2010.

55 Hannah Maischein: Augenzeugenschaft. Visualität, Politik. Polnische Erinnerungen an die deutsche Judenvernichtung. Göttingen 2015.

56 Natan Sznaider: Gedächtnisraum Europa. Die Visionen des europäischen Kosmopolitismus. Eine jüdische Perspektive. Bielefeld 2008.

57 Zu den Schulen vgl. Alexandra Oeser: Enseigner Hitler. Les adolescents face au passé nazi en Allemagne. Interprétations, appropriations et usages de l’histoire. Paris 2010.

←34 | 35→

Wolfgang Hasberg

Öffentliche Geschichte. Epistemologische Überlegungen zur Public History

Abstract: An ausgewählten Beispielen aus der Geschichtskultur wird versucht, die Schwierigkeiten zu beleuchten, die sich bei der Erforschung des öffentlichen Umgangs mit Geschichte ergeben. Dabei wird einerseits die These zurückgewiesen, dass Public History ein Phänomen der Neuzeit sei, andererseits erläutert, warum dem Umgang mit Geschichte stets eine öffentliche Komponente inhäriert. Dazu wird auf die „Lehre vom Kanal“ rekurriert, wie sie bereits von J. M. Chladenius im 18. Jahrhundert vorgetragen wurde. Daraus ergeben sich epistemologische Konsequenzen für die Public History als forschende Disziplin, die eine stärkere Berücksichtigung der Diskursanalyse begründet erscheinen lassen. Auf der Basis dieser Überlegungen werden abschließend epistemologische Desiderate benannt, die es im Diskurs der Public History zu füllen gilt, soll diese disziplinären Status erlangen wollen.

Keywords: Public History, Öffentliche Geschichte, Geschichtskultur, Geschichtspolitik, Narration, Diskursanalyse, Medien

Wenn in der Überschrift von „öffentlicher Geschichte“ die Rede ist, dann nimmt dieses sich zunächst wie eine bloße Übersetzung von Public History aus und scheint sich andererseits vielfach mit dem Titel des vorliegenden Bandes „Geschichte in der Öffentlichkeit“ zu berühren oder gar zu überlagern. Wenn Public History für sich in Anspruch nähme, Geschichte in der Öffentlichkeit zu ihrem Gegenstand zu machen, dann wirft sich die Problematik der Distinktion von anderen Traktaten der Geschichtswissenschaft auf. „Öffentliche Geschichte“ wurde zum Thema der folgenden Ausführungen gewählt, weil überprüft werden soll, ob es Geschichte in einer anderen als einer öffentlichen Form überhaupt gibt. Um diese nicht zuletzt für die Public History konstitutive Problematik zu diskutieren, wird zunächst von (praktischen) Beispielen des öffentlichen Umgangs mit Geschichte ausgegangen, um in einem zweiten Schritt historisch und theoretisch zu klären, welche Bedeutung das Adjektiv public in Bezug auf history oder besser: welche Evidenz das Merkmal Öffentlichkeit für (die) ←35 | 36→Geschichte besitzt, um am Ende Public History im Ensemble der historischen Wissenschaft oder geschichtswissenschaftlichen Teildisziplinen positionieren zu können.

1 Öffentliche Geschichte als Forschungsfeld

Blättert man in den einschlägigen Sammelbänden, die sich mit Angewandter Geschichte,1 Geschichte in der Öffentlichkeit, Public History oder Geschichtskultur befassen, dann findet man darin nicht selten eine Auflistung und Abhandlung von Medien, Institutionen und sozialen Praktiken, denen – aus welchen Gründen auch immer – nachhaltige Bedeutung für den öffentlichen Umgang mit Geschichte zugemessen wird:2

←36 | 37→←37 | 38→

Lässt die tabellarische Auflistung einerseits deutlich werden, wie schwierig es ist, eindeutige Grenzen zwischen der sozialen Praxis, den sie tragenden Institutionen und den Medien des öffentlichen Umgangs mit Geschichte zu ziehen, so wird andererseits eine gewisse Konzentration auf die Medien und ebenso eine Fokussierung auf klassische Formen erkennbar. Dabei erhalten neben den Massenmedien zunehmend digitale Medien Eingang in den öffentlichen Umgang mit Geschichte und erfordern eine entsprechende Berücksichtigung bei der wissenschaftlichen Erkundung derselben. Im Zusammenhang mit der Public History treten sie verstärkt in das Blickfeld, zumal sie das Feld des öffentlichen Umgangs mit Geschichte noch einmal immens erweitern.3

Gleichwohl werden an dieser Stelle zwei eher traditionell anmutende Medien in den Fokus gerückt, um an ihnen in exemplarischer Absicht das Forschungsfeld der Geschichtskultur oder Public History, der Geschichtspolitik oder Erinnerungskultur zu konturieren (Kap. 1) und um zum anderen darauf aufmerksam zu machen, auf welch verschlungenen – oder gar skurrilen – Wegen Geschichten sich ihren Weg in die Öffentlichkeit suchen und bahnen (Kap. 2).

Konturiert man die Geschichtskultur als Forschungsfeld der Public History, läge es nahe, von Jörn Rüsens theoretischen Vorüberlegungen auszugehen (Abb. 2). Demnach ließe sich das – einstweilen noch unbestimmte – Feld heuristisch erschließen, indem man fünf Dimensionen ←38 | 39→unterschiede, in denen sich Geschichte öffentlich zum Ausdruck bringt oder – in der Diktion J. Rüsens – in denen sich historisches Bewusstsein praktisch artikuliert, das heißt in praktischer Absicht entäußert: kognitiv, ästhetisch, politisch, moralisch oder religiös.4 An dieser Stelle soll die Konturierung des Forschungsfeldes zunächst auf induktivem Wege erfolgen.

1.1 Schön gemalt …

Eine praktische Artikulation historischen Bewusstseins ist ohne Zweifel das Bild von Carl Friedrich Lessing (1808–1880) mit dem Titel „Die Belagerung“ (Abb. 3). Offenkundig handelt es sich um eine Szene aus dem Dreißigjährigen Krieg; darauf weisen zumindest die Uniformen derjenigen hin, die sich wohl zur Verteidigung auf dem Vorhof einer Wehrkirche versammelt haben – ohne dass freilich Zeit und Ort genauer zu bestimmen wären.

←39 | 40→

Hier erweist C. F. Lessing sich ganz als ein Vertreter der Düsseldorfer Malerschule. Sie war eine Abteilung der Königlich-Preußischen Kunstakademie in Düsseldorf, die 1819 gegründet wurde, nachdem die Rheinlande ein Teil Preußens geworden waren.5 Das mit ihrer Einrichtung verbundene Ziel ging dahin, die preußische Kunst auch in den Rheinlanden, in der Provinz, zu etablieren und im Sinne einer Stärkung der preußischen Identität zu wirken.6

Die streng durchorganisierte Malerschule konnte sich schnell einen hervorragenden Ruf erwerben und existierte zwischen 1819 und 1918 mit zunehmendem Erfolg. Allerdings wandte sie sich zunächst der Landschaftsmalerei zu. Ihre Produkte, bei denen die Eifel und das Bergische Land, der Nieder- und Mittelrhein im Bild festgehalten wurden, waren vor allem auch in der Weise erfolgreich, dass sie nicht nur Ausstellungen füllten, sondern in Form von Bildmappen und später von Kopien als Ausstattungsstücke der bürgerlichen Wohnzimmer weit über das Rheinland hinaus Verbreitung fanden.7 So auch das Belagerungs-Bild von C. F. Lessing, der mit seiner Trennung von der Düsseldorfer Malerschule und zunehmendem Alter zum Historienmaler avancierte, als welcher ihm einiger Erfolg beschieden war,8 wie unter anderem das Bild des „Heimkehrenden Kreuzritters“, das noch heute in vielen populären Sachbüchern abgebildet wird (Abb. 4), oder seine Darstellung Karls des Großen im Frankfurter Römer belegen. Seine Historienbilder waren und sind mithin in hohem Maße öffentlich zugänglich.

Historienmalerei war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein breitflächiges Feld der Geschichtskultur, denkt man an die Ausstattung der Goslarer Kaiserpfalz, die in dieser Zeit restauriert und zu einem Nationaldenkmal wurde. Aber auch der bayerische König tat einiges, um mit ihrer Hilfe – um ein Wortspiel zu bemühen – sein Image aufzupolieren. ←40 | 41→Sprechend sind dafür Bilder9 wie etwa das von Philipp Foltz (1805–1877) geschaffene Werk „Demütigung Kaiser Friedrichs I. vor dem Herzog Heinrich dem Löwen“, in dem dieser 1855 halb aus Dank, halb im Auftrag des bayerischen Königs Maximilian II. (1848–1864) die Szene von Chiavenna ←41 | 42→1176 darstellt, als Kaiser Barbarossa den bayerischen Herzog kniend um Hilfe bitten musste (Abb. 5).10 Nicht von ungefähr fand das Gemälde im Maximilianeum in München seinen Platz, das von Beginn an zur „Hebung des monarchischen nationalen Volksgeistes“ und als eine Stätte der Erziehung des Nachwuchses für den Staatsdienst errichtet worden war. Denn es ←42 | 43→ ←43 | 44→bezeugt die vermeintliche Überlegenheit der bayerischen Herzöge gegenüber dem deutschen König und römischen Kaiser, wenn auch die Herzöge des 12. Jahrhunderts noch Welfen waren, bevor 1180 die Wittelsbacher deren Erbe übernahmen.

In der im Maximilianeum angesiedelten Historischen Galerie ist auch ein Bild von Eduard Schwoiser (1826–1902) zu finden, das dieser 1869 im Auftrag des bayerischen Königs malte, betitelt mit: „König Heinrich IV. als Büßer zu Canossa im Jahre 1077“ (Abb. 6).11 In ihm wird der Salier Heinrich IV. als deutscher König dargestellt, der im 11. Jahrhundert gegenüber der römischen Kurie die Dominanz über das Papsttum verspielte, mit dem das 1866 vom protestantischen Preußen geschlagene katholische Bayern im Bunde stand. Mit einer solchen Sichtweise auf die mittelalterliche Geschichte konnten bayerisches Nationalbewusstsein und die Sehnsucht einer bayerischen Überlegenheit gegenüber Preußen vor 1871 noch zum Ausdruck gebracht werden. Das kommt in gleicher Weise in der Gründung des bayerischen Nationalmuseums 1855 zum Ausdruck.12

Ganz gezielt machten die Wittelsbacher Geschichte bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts öffentlich, um die Integrität ihres regional diversen Königreiches durch den Verweis auf die ruhmreiche Geschichte des gemeinsamen Herrscherhauses zu befestigen, wie nicht weniger eindrucksvoll im Münchner Hofgarten zu beobachten ist, wo König Ludwig ←44 | 45→I. (1825–48) einen Historienzyklus anbringen ließ, „der viel von dem preisgibt, was sich der König unter öffentlicher Präsenz von Geschichte vorstellte.“13 Denn es ist offensichtlich, zu welchem Zweck die bayerischen Könige des 19. Jahrhunderts Geschichte in Gebrauch nahmen, um mit ihr Politik zu treiben.14 Die Historienmalerei sowie die Architektur (bspw. Siegestor in München) nutzten sie gezielt, um ein „bayerisch-eigenstaatliches Selbstverständnis“ und die Loyalität ihrer Untertanen zu erzeugen und zu befördern.15 Nach 1871 sah sich diese bayerische Geschichtspolitik allerdings mit einem von Preußen geprägten „Reichskult“ konfrontiert, der (nicht zuletzt die mittelalterliche) Geschichte in Dienst nahm, um die nationalstaatliche Einheit als Vollendung des mittelalterlichen Kaiserreiches erscheinen zu lassen.

Wenig Widerspruch steht zu erwarten, wenn man das eine wie das andere Unterfangen mit Hans-Michael Körner als Geschichtspolitik bezeichnet, mit der dynastische respektive nationale Zwecke verfolgt wurden. Weniger Zustimmung mag vielleicht der Hinweis darauf erhalten, dass Geschichtspolitik in diesem Verständnis (als staatliche Maßnahme) als eine der Geschichtskultur untergeordnete Kategorie zu betrachten sei.16

Geschichtspolitik in diesem Sinne wurde nicht nur in Bayern, sondern auch andernorts und längst vor dem 19. Jahrhundert betrieben. Lange bevor die Geschichte sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts als Wissenschaft zu etablieren vermochte, wurde öffentlich mit Geschichte umgegangen. Um nur einige Beispiele zu nennen: In Köln entstand 1396 ein ←45 | 46→Neues Buch, das nicht nur den politischen Umbruch erklären, sondern ihn befestigen sollte, wie das öffentliche Verlesen desselben im Rat der Stadt bezeugt.17 Und schließlich waren auch die Triumphbögen im antiken Rom Ausweis eines öffentlichen Einsatzes von Geschichte wie auch die Siegesstele des Simonides von Keos, die den (griechischen) Wanderer warnend an die Schlacht an den Thermopylen erinnert(e). Es gab wohl keine Zeit, in der Geschichte keine öffentliche Funktion gehabt hätte. Diese Feststellung evoziert e contrario die Frage – die an späterer Stelle wieder aufzunehmen sein wird –, ob es denn überhaupt einen Umgang mit Geschichte gibt, der nicht öffentlich ist.

Zunächst bleibt zu konstatieren, dass der Blick auf die schönen Bilder dazu beigetragen hat, das Feld dessen zu erschließen, was als Geschichtskultur zu bezeichnen und gegebenenfalls Forschungsgegenstand der Public History ist:

Erstens: Geschichtskultur ist keine Erscheinung der Gegenwart oder der Moderne. Zu allen Zeiten wurde Geschichte (auch) öffentlich betrieben. Aus diesem Grunde gehört die Rekonstruktion des öffentlichen Gebrauchs von Geschichte zu den Aufgaben, denen sich die historische Forschung zu widmen hat, wenn sie damit befasst ist, die kulturellen Zusammenhänge vergangener Wirklichkeiten zu ergründen. Diese Aufgabe reicht weit über die Erforschung der eigenen Wissenschafts- oder Historiographiegeschichte hinaus. Folglich kann dieser öffentliche Umgang mit Geschichte als solcher aufgearbeitet werden, um Regelmäßigkeiten der öffentlichen Vermittlung und Rezeption von Vergangenheit/Geschichte zu eruieren.

Zweitens: Geschichtskulturelle Produkte der Vergangenheit werden in der Gegenwart nicht nur zum Zwecke der wissenschaftlichen Erforschung revitalisiert, sondern finden zur Dokumentation vergangener Wirklichkeiten Eingang in verschiedene Agenturen der Geschichtskultur, das heißt in den öffentlichen Bereich (Ausstellungen, Museen, Gedenktage etc.). Solche ←46 | 47→Formen der öffentlichen Erinnerung in der Gegenwart,18 die mit durchaus unterschiedlichen Zwecken verbunden sein können (bis hin zum puren Erlebnis), können ebenfalls wissenschaftlich erforscht werden. Sie bilden den Gegenstand der geschichtskulturellen Forschung respektive der Public History. Denn über die wissenschaftliche Analyse derartiger (öffentlicher) Vermittlungs- und Rezeptionsprozesse lassen sich die Regelhaftigkeiten erkennen, über die Bescheid zu wissen Voraussetzung dafür ist, neuerlich praktische Anwendungen von Vergangenheit/Geschichte (bspw. Ausstellungsprojekte) mit gesteigerten Wirkungschancen zu initiieren. Dafür – das gilt es noch einmal zu betonen – ist es unerlässlich, auch die vergangenen Geschichtskulturen in Augenschein zu nehmen, um sowohl die konstant bleibenden als auch die sich verändernden Momente des öffentlichen Umgangs mit Vergangenheit/Geschichte in den Blick zu bekommen.19

1.2 … und virtuos vertont

Dass nicht jeder öffentliche Einsatz von Geschichte legitimatorische Absichten verfolgt,20 wird deutlich, wenn man sich einem anderen, im Bereich der Public History bislang nahezu vollständig vernachlässigtem Genre zuwendet. Geschichte lässt sich nicht nur malen oder in anderen Formen der gegenständlichen Kunst darstellen. Sie lässt sich auch in Töne ←47 | 48→fassen. Damit ist nicht gemeint, was neuerdings unter der Rubrik Sound History gefasst wird. Denn dieser geht es um Klänge, Töne und Geräusche als akustische Elemente vergangener Wirklichkeit, soweit sie sich erhalten haben oder ihre Wirkung in der Vergangenheit auf anderem Wege überliefert ist.21 Es geht weder um Klanggeschichte noch um eine Geschichte des Hörens und auch nicht um Lieder mit historischem Inhalt, seien es solche, die wie „Hiroshima“, das erfolgreiche Lied der ansonsten kaum bekannten Gruppe Wishful Thinking, ein historisches Ereignis thematisieren, oder die politischen Lieder des 19. Jahrhunderts, die in ihrem erneuerten Gewand der 1970er Jahre nicht selten auch zum Einsatz in intentionalen Lehr-/Lernprozessen als Quellen empfohlen werden.22 Gemeint sind an dieser Stelle auch nicht die von der geschichtskulturellen Forschung bislang ebenfalls vernachlässigten Formen wie Oper, Operette und inzwischen vor allem das Musical, das gar nicht so selten historische Inhalte zur Sprache bringt (u. a. Evita, Elisabeth, Päpstin Johanna).

Wenn an dieser Stelle von Musik als Sprache der Geschichte die Rede ist, handelt es sich um eine Darstellungsform der ephemeren Kunst, die in musikalischer Weise Geschichte erzählt. Aufmerksam zu machen ist auf ein Genre, das als Medium der Geschichtskultur bislang noch gar nicht zur Sprache gekommen ist: die Programmmusik. Sie erzählt Geschichte in musikalischer Form, indem sie die Stilmittel zum Einsatz bringt, die ihr (zeitgenössisch) zur Verfügung standen. So wendet Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893) in seiner populären Ouvertüre solennelle 1812 ←48 | 49→(op. 49) die Sonatenhauptsatzform an und bringt so musikalische Themen in konkurrierender Weise zur Geltung, um auf diese Weise den unrühmlich gescheiterten Russlandfeldzug Napoleons zu erzählen. Nach gebetsartig getragenem Anfang wird das Vorrücken der Franzosen durch die Marseillaise angedeutet, die sich zu einem vierfachen Forte steigert. Scheinbar verzagt, wagen dagegen in gemäßigter Lautstärke einige russische Melodien aufzubegehren. Moskau liegt schon in Flammen, die Sturmglocken läuten, doch da wendet sich bekanntlich das Blatt. Die Niederlage und das Zurückweichen des französischen Heeres werden durch einen in der Musikgeschichte einzigartig langen und im Tempo abnehmenden Streicherabgang dargestellt, bevor am Ende die Zarenhymne dominiert. Nicht zuletzt der Einsatz echter Glocken und die Imitation von Kanonenschlägen – wie in der Partitur vorgeschrieben – haben für Spektakel gesorgt und tun es noch immer, wenn das Werk aufgeführt wird, was wegen seiner musikalischen Prägnanz keineswegs selten geschieht.23

Es handelt sich um ein Auftragswerk Zar Alexanders II. (1855–1881), das für die Einweihung der zum Dank für den Sieg errichteten Erlöser-Kathedrale in Moskau vorgesehen war. Uraufgeführt wurde das 1880 vollendete Werk 1882, und zwar erfolgreich. Neben dem lärmenden Spektakel wohl auch wegen der (Erfolgs-)Geschichte, die in ihm erzählt wird und die sich in der ursprünglichen Absicht mit der Einweihung der Moskauer Kathedrale verbinden sollte, dem steinernen Erinnerungsort für den russischen Sieg über die französischen Truppen, die bereits kurz nach Abwehr der napoleonischen Invasion geplant, aber erst im Frühjahr 1883 fertiggestellt werden konnte.

Ein solches Medium, das Geschichte in musikalischer Form erzählen wollte und will, das darüber hinaus (im 19. Jahrhundert) ein (heute weitgehend obsoletes) historisches Deutungsangebot unterbreitete, nämlich den Sieg der russischen über die französischen Truppen als eine gerechtfertigte Befreiung zu verstehen, setzt auf Seiten des heutigen Rezipienten die Kompetenz voraus, das musikalische Zeichensystem zu verstehen, wozu ←49 | 50→unter anderem die „Zeichenbeziehungen“ entschlüsselt werden müssen, die im vorliegenden Fall durch die Sonatenhauptsatzform geordnet sind (siehe Abb. 7).24

Die Ouvertüre, die an dieser Stelle als Medium der Geschichtskultur des 19. Jahrhunderts vorgeführt wurde und die zugleich ein solches der gegenwärtigen Geschichtskultur ist, hat mithin eine Eigenlogik, die nur von demjenigen zu dechiffrieren ist, der das zugrunde liegende (musikalische) Zeichensystem und seine kompositorische Syntax zu entschlüsseln, mit anderen Worten: die Signifikanten in eine sinnhafte Ordnung zu bringen vermag. Zwar muss der dabei erzeugte Sinn keineswegs mit dem des Urhebers übereinstimmen, im Bemühen darum aber, dem vom Autor oder von der Autorin eines – im vorliegenden Fall musikalischen – Textes intendierten Sinn nahezukommen, bedarf es der Berücksichtigung der Diskursordnung, der ein Text folgt und auf die er sich stützt, um die Polysemie der einzelnen Zeichen zu einer sinnhaften Aussage zu formen, die im Rahmen eines Diskurses, in dem den Beteiligten die Diskursordnung bekannt ist, erst die Möglichkeit zur Verständigung erzeugt.

Sein materieller Niederschlag macht einen Diskurs zum einen zu einem zeitlichen Phänomen und lässt ihn zum anderen – ob in Vergangenheit oder Gegenwart – überhaupt erst empirisch greifbar werden.25 Das hat zur Folge, dass es spezieller Zugangsweisen bedarf, um die Diskurse zu erkunden, in die ein Medium wie die Ouvertüre 1812 eingebettet war und ist. Insofern es darum geht, einen der Diskurse des 19. Jahrhunderts zu untersuchen, in dem sie eine Rolle gespielt hat, ist ein historischer Zugriff notwendig. Um die Geschichte, die in der Ouvertüre solennelle transportiert wird, als solche zu erkennen, bedarf es zudem einer zumindest rudimentären Kenntnis der Sonatenhauptsatzform, ohne die etwa der Widerstreit des ersten Themas mit dem zweiten Thema unverständlich bleibt. Nur wenn die musikalische Eigenlogik des Mediums aufgedeckt und ernst genommen ←50 | 51→ ←51 | 52→wird, erklärt sich etwa, dass die Marseillaise von P. Tschaikowski als musikalisches Symbol für die Truppen Napoleons in Gebrauch genommen wurde, obwohl diese zwischen 1804–1814/15 keineswegs den Rang einer Nationalhymne hatte.26

Nähert man sich der Ouvertüre 1812 in geschichtskultureller Absicht, dann kommt man um eine adäquate Analyse des Mediums nicht umhin,27 die im vorliegenden Fall musikalische, im Fall anderer Formen der Geschichtsvermittlung andere spezielle Kenntnisse und Analysemethoden, zur Voraussetzung hat. Die schier unendliche Vielzahl und Mannigfaltigkeit der Medien und Formen, Agenturen und Institutionen, die dem Transport historischen Wissens und historischer Deutungen in Vergangenheit und Gegenwart dienten und dienen, stellt für die Public History respektive die geschichtskulturelle Forschung eine Herausforderung eigener Art dar. Doch diese besteht nicht allein darin, die Medien und Formen, Agenturen und Institutionen intentionaler und funktionaler Vermittlung von Geschichte um ihrer selbst willen zu analysieren, sondern sie als Elemente eines umfassenderen Kommunikationszusammenhangs oder Diskurses zu verorten. Dabei geht es indes nicht nur um die Rekonstruktion solcher Kommunikationszusammenhänge oder Diskurse in Vergangenheit und Gegenwart, sondern – wie bereits ausgeführt – darum, Regelmäßigkeiten der Vermittlung von Geschichte zu ergründen. Unabhängig davon, aus welcher Forschungsrichtung man sich nähert (Systemtheorie oder Diskursanalyse), resultiert daraus eine – bislang wenig beachtete – Methodenproblematik, die nicht zu unterschätzen ist, zumal sie nicht ohne Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Public History bleiben kann, wenn diese sich als eine Dimension der Geschichtswissenschaft verstehen will. Denn diese Problematik erweist sich als dreischichtig: Zum einen setzt die erforderliche Analyse von kulturellen Trägern historischen Bewusstseins Spezialkenntnisse (bspw. musikwissenschaftliche) voraus, wie sie von Historiker*innen in der erforderlichen Breite schwerlich eingefordert werden können. Zum anderen ist eine soziologische Analyse von gesellschaftlichen Kommunikationszusammenhängen ←52 | 53→respektive Diskursen erforderlich, die gegebenenfalls auf vergangene Diskurse zu beziehen ist, denn der Einbezug von (öffentlicher) Geschichtsvermittlung in der Vergangenheit ist notwendig, um die unverzichtbare Folie zu gewinnen, auf der Vorgänge in der Gegenwart überhaupt vergleich- und bewertbar werden,28 was erforderlich ist, wenn in konzeptioneller Absicht Vorschläge für die Praxis der Geschichtsvermittlung unterbreitet werden sollen.

Zum einen also zeigt der Verweis auf die Ouvertüre 1812 die Methodenproblematik, die im Zusammenhang mit der Public History bislang noch kaum ins Gespräch gebracht wurde. Ein zweiter Grund, warum dieses nur scheinbar extravagante Beispiel geschichtskultureller Vermittlung ausgewählt wurde, ist deren Uraufführung, deren genauere Beleuchtung zum Aspekt der Öffentlichkeit führt, der im Zusammenhang mit der grundsätzlichen Öffentlichkeit von Geschichte zu erörtern ist, um eine theoretische Basis zu legen, auf der sich genauer konturieren lässt, was Public History oder öffentliche Geschichte als Gegenstand wissenschaftlicher Betätigung ausmachen. Der Begriff erfuhr – wie so viele – im 18. Jahrhundert einen nachhaltigen Bedeutungswandel, der mit einer sich verändernden Praxis – nicht zuletzt der Geschichtskultur – einherging: Seit dem 18. Jahrhundert gab und gibt es öffentliche Konzerte.29

2 Ohne Öffentlichkeit keine Geschichte

Gemeinhin werden, wenn von Public History die Rede ist, zwei Ursprünge beschworen: Die Grabe-wo-du-stehst-Bewegung, die in den 1970er Jahren ←53 | 54→von dem Schweden Sven Lindqvist ins Leben gerufen wurde,30 und das britische History-Workshop-Movement, das auf den kommunistisch orientierten Historiker Raphael Samuel (1934–1996) zurückgeht, der mit ihr eine „history from below“ verband. Mittelbar bewirkten diese Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland die Gründung zahlreicher Geschichtswerkstätten, die neben der Konzentration auf lokale Geschichte eine Wende zur Alltagsgeschichte vollzogen und damit zugleich den Anspruch politischer Aufklärung und Emanzipation verbanden.31 Anders als diese deutlich politisch motivierten Bewegungen sind die US-amerikanischen Wurzeln der Public History pragmatischen Ursprungs gewesen, insofern sie sich von Beginn an auf die Beförderung von Non-Teaching Careers bezog. In einer Situation, in der sich in den 1970er Jahren nicht nur die Sozialstruktur in den USA erheblich veränderte, sondern, dadurch initiiert, auch der geschichtswissenschaftliche Impetus eine Wende hin zur New History vollzog,32 setzte sich zugleich die Einsicht durch, dass die universitäre Ausbildung von Historiker*innen allzu einseitig von der historischen Methode bestimmt sei, wodurch Handlungsfelder außerhalb der schulischen oder universitären Lehre vernachlässigt würden. Angesichts des Umstandes, dass die öffentliche Vermittlung von Geschichte vornehmlich in diesen gesellschaftlichen Handlungsfeldern – nicht in Schule und Universität – sich vollzieht und das Gros der ausgebildeten Historiker*innen in ihnen tätig ist,33 brach sich die Auffassung Bahn, die akademische Ausbildung dürfe diese Handlungsfelder nicht vernachlässigen.34 ←54 | 55→Ausgangspunkt für die Einrichtung entsprechender Studiengänge – wie sie sich seit den späten 1990er Jahren auch an deutschen Universitäten zu etablieren begannen35 – war mithin nicht die Einsicht in die heuristische Notwendigkeit, Handlungsfelder der öffentlichen Vermittlung von Geschichte zu erkunden, sondern die Notwendigkeit, Handlungskompetenzen für die Praxis der öffentlichen Vermittlung von Geschichte zu lehren. Konsequenterweise definiert einer ihrer Namensgeber, Robert Kelley, Public History in bewusstem Gegensatz zur akademischen Variante der Geschichtsvermittlung in Schule und Universität.36

Darin unterscheidet Public History sich in entscheidender Weise von der geschichtsdidaktischen Diskussion um die „Geschichte in der Öffentlichkeit“, wie sie seit den 1970er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland geführt wurde.37 Denn Ausgangspunkt dieses Diskurses war nicht die Vorbereitung von Geschichtsstudierenden auf die praktische Bewältigung beruflicher Handlungsfelder der öffentlichen Geschichtsvermittlung, sondern die grundlegende Einsicht in die gesellschaftlichen Implikationen jedweder Befassung mit Vergangenheit/Geschichte.38 Dieser Diskussionsstrang, von dem ein Teil gegen Ende der 1980er Jahre in das heuristische Konzept der Geschichtskultur einmündete,39 unterscheidet sich in seiner Motivationslage mithin grundlegend von der Public History.40 Der ←55 | 56→öffentliche oder gesellschaftliche Umgang mit Vergangenheit/Geschichte wird in ihm als sozialisatorischer Bedingungsrahmen des historischen Bewusstseins betrachtet und machte von daher seine Erforschung unabdingbar erforderlich, wenn durch intentionale Lehr-Lernprozesse Einfluss auf dessen Beförderung genommen werden soll.41 Aus diesem Grund verdient der Aspekt der Öffentlichkeit größere Aufmerksamkeit, als er bislang in der Diskussion um das epistemologische Grundgefüge der Public History besaß.

2.1 Geschichte als res publica – oder: Gesellschaftliche Öffentlichkeit und öffentliche Erinnerung

Die Uraufführung der Ouvertüre 1812 am 20. August 1882 hat wie der Bau der Erlöser-Kathedrale in Moskau, für deren Einweihung sie eigentlich vorgesehen war, eine eigene Geschichte. Sie wäre schwerlich in einem früheren als dem 19. Jahrhundert denkbar gewesen, weil das öffentliche Konzertwesen sich erst in dieser Zeit herausbildete. Noch im 18. Jahrhundert waren Konzerte, sofern sie nicht ohnehin in geschlossenen Gesellschaften (bspw. am Hofe) stattfanden, nur adeligen Kreisen zugänglich, wenngleich öffentliche Spielstätten wie Opernhäuser bereits im 17. Jahrhundert entstanden waren. Erst die Etablierung des Bildungsbürgertums ließ sie tatsächlich zu öffentlichen Veranstaltungsorten in dem Sinne werden, dass sie fortan weiteren gesellschaftlichen – nominell auch den untersten – Schichten zugänglich waren. So wurde die Geschichtsvermittlung, wie sie in Theater, Oper und Programmmusik nicht selten anzutreffen ist, aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen im Gefolge der Französischen Revolution erst im 19. Jahrhundert ein (gesamt-)gesellschaftliches Phänomen.42

←56 | 57→

Das bedeutet indes nicht, dass der öffentliche Gebrauch von Geschichte und ihrer Vermittlung ein Ausfluss dieser praktischen Veränderungen war, die Ausdruck auch in einem Wandel der Wortbedeutung fanden. Vielmehr war es – wie gezeigt – zu allen Zeiten üblich, Geschichte zur Legitimation von Herrschaft und zur Herstellung loyaler Identitäten einzusetzen. Was durch die Aufklärung hinzutrat, war eine dritte Funktion: Geschichte wurde fortan in kritischer Weise zur kollektiven wie individuellen Orientierung verwendet.43

Das korrespondiert der Verselbstständigung und Verwissenschaftlichung der Geschichte, die sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts als universitäres Fach etablieren konnte. Im unmittelbaren Zusammenhang mit seiner Entstehung bildete dieses einen didaktischen Zweig aus, den es seiner Methodenlehre zuschlug und der gelegentlich unter der Bezeichnung „Historiomathie“ firmierte. Denn den spät-aufgeklärten Historikern, die eine Wende hin zur narrativen Darstellungsweise vollzogen hatten, war schnell klar geworden, dass die Verfertigung von historiographischen Werken Rücksicht auf ihre Adressaten zu nehmen hat, insofern sie nach deren Verstandesmöglichkeiten einzurichten seien. Die Erkundung der Voraussetzungen des historischen Verstehens war mithin von Beginn an eine Komponente dessen, was man einen geschichtsdidaktischen Diskurs nennen kann. Ursache für die Entstehung eines solchen Diskurses um die „Distribution historiographisch erzeugten Wissens“ (H.-J. Pandel) war die eminente Vermehrung des historischen Wissens respektive seine öffentliche Verfügbarkeit.44

←57 | 58→

Dass Geschichten über die Vergangenheit geradezu nach Öffentlichkeit suchen, war bereits dem Erlangener Kirchenhistoriker Johann Martin Chladenius (1710–1759) bewusst, der in seiner Geschichtstheorie von 1752 die Lehre vom Kanal entwickelte.45 Darin befasst er sich mit der Ausbreitung der Erzählung von Geschichte, die nicht nur das Erzählen von Begebenheiten durch einen Autor und die Rezeption durch einen Zuhörer oder Leser, sondern ihre „Fortpflanzung“ über Generationen hinweg umfasst. Der Lauf einer Geschichte wird dann gestört, wenn der Rezipient sie nicht versteht oder sie für belanglos erachtet, das heißt keinen Zusammenhang zu seiner Alltagswelt herzustellen vermag.46 Diese Problematik verstärkt sich – das sieht der Erlangener Theologe in derselben Klarheit, wie es in der Erinnerungstheorie wiederholt wurde – mit dem Ableben der Zeitzeugen und verschärft sich mit dem Sterben der mitlebenden Generation. Um also die Geschichte oder besser: die Erzählung vergangener Begebenheiten nicht abbrechen zu lassen, empfiehlt er der nachwachsenden Generation, oder allgemeiner: den potenziellen „Nachsagern“, „Denkmahle“ vorzuführen,47 seien es Urkunden oder materielle Überreste, Lieder, Zeremonien oder Feste, die Fragen an die Vergangenheit und damit ein Gespür für die Bedeutung einer Geschichte zu evozieren vermögen.

Außerhalb der Wissenschaft sind es mithin Objekte der öffentlich verfügbaren Geschichte, an die es anzuknüpfen gilt, um eine Geschichte am Laufen zu erhalten.48 Es sind diese Denkmale, über die nicht nur der ←58 | 59→Zugang zu den Begebenheiten einer vergangenen Zeit ermöglicht wird, sondern die zugleich den Lauf der Erzählung, den Kanal, auf dem die Nachrichten den Rezipienten erreichen, erkennbar machen.49 Für beides, sowohl für den gemeinsamen Erinnerungsbestand als auch für dessen gesellschaftliche Präsenz standen dem protestantischen Kirchenhistoriker Adjektive wie „öffentlich“ oder „public“ noch kaum zur Verfügung.50 Er spricht – was durchaus als synonymer Sprachgebrauch betrachtet werden kann – von einer „gemeinen Sage“,51 einer geschichtlichen Erzählung, die einem breiten Kreis von Personen (Öffentlichkeit) zugänglich ist.

Grundständiger als J. M. Chladenius kann man es schwerlich beschreiben: Begebenheiten werden in eine Reihe von Begebenheiten gestellt, wodurch sich eine Geschichte ergibt, die in eine Erzählung gegossen wird, die von ihrem Urheber „Anhörern“ erzählt wird, die sie nachsagen und so an weitere „Anhörer“ und „Nachsager“ vermitteln, wodurch ein Kanal entsteht, der die Erzählung und die in ihr erhaltene Geschichte schließlich an solche Personen vermittelt, die selbst keine (Zeit-)Zeugen des Geschehens mehr sind (Abb. 8). Im Verlaufe dieses Prozesses können Erzählungen ins Stocken geraten oder ganz abbrechen, sodass die Geschichte in Vergessenheit gerät. Jede Erzählung aber, die bis in die Gegenwart gelangt, verändert aufgrund diverser Umstände ihre Gestalt und gegebenenfalls ihre Aussageabsicht und ihren Aussagegehalt. Deshalb ist sie einerseits der Kritik zu unterziehen und andererseits zu erforschen. Meint das „Erforschen einer Geschichte“ den Erweis ihrer empirischen Triftigkeit,52 bezieht ←59 | 60→sich das „Nachdenken über eine Geschichte“ auf die (durchaus normativ geprägte) Vorstellung, die sich bei einem der Rezipienten möglicherweise von der „Urkunde“ unterscheidet und folglich eine neue Erzählung entstehen lässt.53 Dazu ist – auch wenn J. M. Chladenius es nicht eigens thematisiert – die Kenntnis unerlässlich, wie die jeweilige Erzählung an den Kritiker gelangt ist. Der Kanal, in dem die Erzählung sich ausgebreitet und fortentwickelt hat, muss mithin in die Betrachtung einbezogen werden, wenn es darum geht, den Gehalt einer Erzählung zu gewichten. In moderner Terminologie ließe sich vom Diskurs sprechen, in den eine Geschichte eingebettet ist und den es zu durchdringen gilt, wenn die (gesellschaftliche) Bedeutung einer Erzählung für die Orientierung eines Individuums in Gebrauch genommen werden soll.

Die Lehre vom Kanal, wie sie J. M. Chladenius entwickelt hat (Abb. 8),54 macht mithin deutlich, dass Erzählungen über vergangene Begebenheiten an die Öffentlichkeit drängen, und zwar selbst jene Erzählungen, die von Begebenheiten handeln, die nicht öffentlich, sondern privatissime geschehen sind und die ursprünglich eventuell einem begrenzten Kreis von Adressaten (Anhörern) vorbehalten bleiben sollten.55

←60 | 61→

In einem ganz allgemeinen, dem Begriff von Öffentlichkeit seit dem 18. Jahrhundert entsprechenden Verständnis verlangen Erzählungen über die Vergangenheit, selbst wenn es sich bei den darin berichteten Begebenheiten nicht um res publicae handelt, einerseits nach einem Publikum, das von ganz unterschiedlichem Zuschnitt sein kann, also Kollektive von unterschiedlichem Umfang und unterschiedlicher Beschaffenheit. Dazu bedarf es andererseits der Publizität, womit seit Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur die öffentliche Verfügbarkeit einer Geschichte, sondern – positiv konnotiert – die aus der Öffentlichkeit resultierende Freiheit der Meinungsäußerung gemeint ist.56

Beides, Publikum und Publizität von Geschichte, veränderte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts grundlegend. Gleichwohl gilt es – jenseits der begriffsgeschichtlichen Implikationen der Aufklärungszeit – zu konstatieren, dass Erzählungen über die Vergangenheit in unterschiedlichsten Formen (Texte, Denkmale, Lieder, Rituale etc.) seit jeher auf ein – mehr oder minder breites – Publikum abzielen und daher auf eine gewisse Öffentlichkeit (Publizität) angewiesen waren. Abgesehen von der politischen Attitüde, mit der Öffentlichkeit seit dem späten 18. Jahrhundert, und der aufklärerisch-emanzipatorischen Absicht, mit der Geschichte seitdem verbunden werden konnte, änderten die Aufklärung und die Verwissenschaftlichung der Geschichte wenig an jenem Charakteristikum der Geschichte, für allgemein bedeutsam erachtete Geschichten für ein Publikum zu erzählen, mithin der öffentlichen Erinnerung zugänglich zu machen.

Zwar unterschied J. M. Chladenius zwischen geheimen und bekannten Erzählungen. Allerdings bedürfen selbst die geheimen Geschichten eines – wenn auch deutlich begrenzten – Publikums, „ohne deren Vorwissen die Sache nicht fortgehen oder bestehen kann“. Und nur „so lange die Geschichte lauter Personen bekannt ist, die den Canal wissen, durch welchen es zu ihnen gekommen […], so lange ist auch noch Ursache vorhanden es verschweigen zu können.“ Sobald aber das Wissen um den Kanal nicht mehr mit der Geschichte verbunden ist, gibt es keinerlei Grund, die Geschichte nicht weiterzuerzählen.57 Das wirft erneut die Frage ←61 | 62→auf, ob es einen nicht-öffentlichen, einen privaten Umgang mit Geschichte geben kann.

2.2 Private Öffentlichkeit und kollektives Gedächtnis

Etymologisch scheint das nahezuliegen. Schließlich wurde im antiken Latein mit „publicus“ der Bereich außerhalb des Hauses beschrieben, während der innerhalb desselben als „privatus“ bezeichnet wurde.58 Ob die sich auf Räumlichkeiten beziehende sprachliche Distinktion allerdings auch für historische Narrationen gilt, muss zweifelhaft erscheinen, hält man am diskurstheoretischen Paradigma fest, das sich weitgehend mit der Lehre vom Kanal in Einklang bringen lässt. Schließlich handelt es sich bei Diskursen um Kommunikationszusammenhänge, die – folgt man der Theorie Michel Foucaults (1926–1984) – durch Mechanismen unterschiedlicher Art gesellschaftlich eingegrenzt und kontrolliert werden. Diese Eingrenzungen sind auch evident, wenn Geschichtskultur als Diskurs oder besser: als eine Vielzahl unterschiedlicher Diskurse mit historischen Bezügen verstanden wird. Denn auch geschichtskulturelle Diskurse finden in Diskursgemeinschaften statt, die gegebenenfalls doktrinär organisiert und (mehr oder minder) festen Ritualen (oder Regeln) unterworfen sind, um (a) bestimmte Aussagen zu unterbinden, (b) dem Rationalitätsprinzip zu entsprechen und (c) auf das Postulat der Wahrheit zu verpflichten.59 Durch solche Mechanismen „kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert“ eine Gesellschaft auch die geschichtskulturellen Diskurse,60 die – wie die anderen – (a) eine Wiederholungsstruktur aufweisen,61 weil sie auf dem ←62 | 63→Kommentieren etablierter Texte basieren, (b) ständig die konventionalisierten Regeln reaktualisieren, um die Diskurse in disziplinären Rahmen zu halten, und gleichzeitig den (c) Autor als Urheber in den Vordergrund stellen. Die Bindekraft dieser Mechanismen dürfte allerdings erheblich variieren, je nachdem von welcher Art Kollektiv ein Diskurs getragen wird und wie weit er in der Gesellschaft streut. Allerdings folgt das berüchtigte Stammtischgespräch, in dem etwa die Auschwitz-Lüge wieder und wieder kolportiert wird, durchaus diskursspezifischen Regeln, die es einem Außenstehenden, der diese nicht kennt, deutlich erschweren, argumentativ einzugreifen. Umgekehrt hat der wissenschaftliche Diskurs womöglich eine derart elaborierte Form, verbunden mit akademischen Ritualen, angenommen, dass er nur mit Mühen einen breiteren Adressatenkreis zu erreichen vermag, wie die vermittelnde Rolle der Sachbuchliteratur auf dem deutschsprachigen Buchmarkt indiziert.62 Sowohl die Diskursregeln als auch die grundlegenden Texte eines Diskurses binden die Beteiligten derart in den kommunikativen Zusammenhang ein, dass die Rolle des Individuums minimiert wird. Konkret gewendet: Derjenige, der eine Dissertation zum so genannten ottonisch-salischen Reichskirchensystem schreibt, kommt nicht umhin, ihr einen Forschungsbericht voranzustellen, aus dem heraus er seine konkrete Fragestellung entwickelt. Und wer einem historischen Blog zur Geschichte seines Heimatortes beitritt, wird die bereits geposteten Einträge zur Kenntnis nehmen müssen, bevor er einen eigenen beisteuert, in dem er sich auf die anderen bezieht.

←63 | 64→

Diskurse sind ein „Ensemble diskursiver Ereignisse“,63 wie das zuletzt aufgeführte Beispiel dokumentiert, das zugleich veranschaulicht, wie wenig privat die Befassung mit Vergangenheit/Geschichte selbst dann ist, wenn man sie in heimischer Abgeschiedenheit betreibt. Ob die Verbindung mit der Öffentlichkeit in Echtzeit über das Internet hergestellt wird oder durch die Lektüre althergebrachter Medien wie Bücher, ist dabei einerlei.64 Sowohl in Bezug auf die Inhalte eines Diskurses als auch in Hinsicht auf die formalen (disziplinären, den Regeln entsprechenden) Zugänge ist festzuhalten, dass der geschichtskulturelle Diskurs selbst den Rahmen vorgibt, in dem sich der einzelne, der an ihm partizipiert, bewegt. Es ist das Dispositiv, das den einzelnen in seinem diskursiven Verhalten leitet und bedingt, auch wenn er sich in völliger Abgeschiedenheit, bar aller unmittelbaren Kommunikationsmöglichkeiten mit Vergangenheit oder Geschichte befasst und sich dabei als souverän empfindet.65 Als Dispositiv bezeichnet M. Foucault (in prägnanter Mehrdeutigkeit) „das Netz, das zwischen … (den) Elementen“ eines Diskurses „geknüpft werden kann.“66 In dieses Netz gerät ein jeder, der sich auf den Diskurs einlässt. Mit anderen Worten: Er ist gefangen in dem Netz der Variablen, die den Diskurs in varianter Weise bestimmen. Wer sich auf einen geschichtskulturellen Diskurs einlässt, unterliegt mithin immer den Regeln desselben. Insofern diese selbst diskursiv entstandene Konventionen darstellen, denen man folgen oder sich widersetzen kann, deren Zustandekommen Öffentlichkeit voraussetzt, ist das Dispositiv durch eine Spur von Öffentlichkeit geprägt, die selbst denjenigen in seinem Denken und Tun disponiert, der abgeschieden von jeder Öffentlichkeit der Beschäftigung mit Vergangenheit oder ←64 | 65→Geschichte nachgeht und dabei sein kommunikatives Tun stets – ob affirmativ oder oppositionell – am Dispositiv des geschichtskulturellen Diskurses ausrichtet. Folglich ist selbst die private Beschäftigung mit der Vergangenheit/Geschichte durch die Standards geprägt, die der geschichtskulturelle Diskurs vorgibt und historisches Denken somit in die diskursive Kommunikation eingebunden. Dafür, dass in der unübersichtlichen Gemengelage verschiedener geschichtskultureller Diskurse der Wille zur Wahrheit und die Rationalität als Erkenntnisprinzip nicht außer Acht geraten, sorgt vermutlich nicht zuletzt ein Geschichtsunterricht, der sich der Geschichtswissenschaft verpflichtet weiß und womöglich eine (kritische) Haltung erzeugt, die sich auch in außerschulischen Kontexten nicht gänzlich verflüchtigt.

Der (geschichtskulturelle) Diskurs bezeichnet keinen Diskursraum, in dem Außen und Innen zu unterscheiden wären, sondern eine Abfolge von diskursiven Momenten, in denen sich Wissen konstituiert, das einen sachlichen Zusammenhang repräsentiert, der beide Sphären (Privatheit und Öffentlichkeit) überspannt und zur Folge hat, dass selbst die privateste Befassung mit Vergangenheit/Geschichte – in inhaltlicher wie formaler Hinsicht – ein Reflex des öffentlichen Umgangs mit Geschichte ist.67 – Das kollektive Gedächtnis schlägt unvermeidlich auf das historische Bewusstsein des Einzelnen durch. Deshalb ist historisches Bewusstsein stets und unabweislich Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft, von der es umfangen ist.68

←65 | 66→

3 Arbeiten am Kanal – oder: Diskursanalyse öffentlichen Erinnerns

Wenn Diskurse gesellschaftlichen Mechanismen der Kontrolle, Selektion, Organisation und Kanalisierung von Wissen unterliegen, wodurch Deutungsmacht beansprucht und reale Macht in den verschiedensten Sektoren der Gesellschaft hergestellt oder befestigt wird, dann kann deren Analyse die Episteme einer Epoche zutage fördern, also die Dispositive, die das Sein und Handeln der Menschen während einer bestimmten Zeitspanne bestimmt haben.69 Eine solche Diskursanalyse, die sich sowohl auf gegenwärtige als auch vergangene Verhältnisse respektive Kommunikationszusammenhänge beziehen kann, hat nicht nur das Aufdecken des Sagbaren und Nicht-Sagbaren zur Aufgabe.70 Denn „ein Diskurs ist all das, was gesagt werden kann, und es ist das Regelwerk, das darüber bestimmt, was und wie etwas gesagt werden kann.“71 Aufzudecken hat die Diskursanalyse folglich nicht nur die Inhalte, sondern auch „die Regeln und Regelmäßigkeiten des Diskurses, seine Möglichkeiten zur Wirklichkeitskonstruktion, seine gesellschaftliche Verankerung und seine historischen Veränderungen.“72 Deshalb erscheint sie als das angemessene Instrument, um die Inhalte und Formen des öffentlichen Umgangs mit Vergangenheit/Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart zu erkunden. Denn der geschichtskulturelle Diskurs umfasst beides: Inhalte und Formen des öffentlichen Erinnerns.

←66 | 67→

Die geschichtsdidaktische Diskussion um die Geschichtskultur ist deutlich durch die Konzentration auf die Rolle des Subjekts charakterisiert, das als Träger historischen Bewusstseins zum Akteur der Geschichtskultur wird.73 Nimmt man die Foucault’sche Diskurstheorie ernst, dann stellt sie zum einen die Historizität der Rationalität heraus und relativiert zum anderen die Rolle des Subjekts nachhaltig, das sich als solches im sozialen Diskurs beziehungsweise in kulturellen Praktiken allererst konstituiert.74 Das gilt in gleicher Weise für Diskurse, die sich auf Vergangenheit/Geschichte beziehen. Das historisch denkende Subjekt konstituiert sich im Netz der die historischen Diskurse bestimmenden Dispositive, denen es nicht zu entkommen vermag, selbst wenn es sich vermeintlich abseits jeglicher Öffentlichkeit mit Vergangenheit/Geschichte befasst.75

Die Unterscheidung verschiedener Diskurstypen, wie sie Jean-François Lyotard (1924–1998) vorgenommen hat, scheint für die Analyse des öffentlichen Umgangs mit Vergangenheit/Geschichte zunächst wenig zielführend, weil sich der geschichtskulturelle Diskurs gerade nicht als kognitiv, ökonomisch oder philosophisch, sondern als eine typische Form narrativen Wissens entpuppt, in das sowohl kognitive als auch philosophische und ökonomische Elemente eingehen und das zunehmend von einer technologischen Transformation durchdrungen wird.76 Von dieser

←67 | 68→

„Transformation bleibt die Natur des Wissens nicht unbehelligt. Es kann die neuen Kanäle nur dann passieren und einsatzfähig gemacht werden, wenn die Erkenntnis in Informationsquantitäten übersetzt werden kann.“77

Die Veränderungen des Wissenstransfers sowie die Überlagerung von Diskursen unterschiedlicher Prägung (in inhaltlicher wie formaler Hinsicht) können schwerlich ohne Niederschlag auf die Diskurse der Geschichtskultur geblieben sein, weshalb es angeraten erscheint, sie in Diskursanalysen zu gegenwärtigen und in vergangenen Geschichtskulturen nicht unberücksichtigt zu lassen. Dazu muss man nicht von M. Foucault ausgehen.78 Insofern allerdings sein Bemühen darauf gerichtet ist, die Mechanismen von Diskursen offenzulegen, kann seine Theorie aus Sicht der Geschichtsdidaktik, die sich der Geschichtskultur widmet, um Regelmäßigkeiten der Vermittlung und Rezeption von Vergangenheit/Geschichte in den unterschiedlichsten Feldern der Gesellschaft zu erkunden, oder aus der Perspektive der Public History durchaus in Betracht gezogen werden.

Denn zum einen handelt es sich bei der Geschichtskultur ohne Zweifel um einen Diskurs, weil sie einen Kommunikationszusammenhang bildet, der diskontinuierliche Züge trägt, das heißt eine unablässige Abfolge von Sprachspielen (L. Wittgenstein) darstellt, in denen historischer Sinn erzeugt und historisches Wissen transformiert und transferiert wird. Zum anderen ist es in der Tat erforderlich, die den geschichtsdidaktischen Diskurs beschränkenden und kontrollierenden Mechanismen aufzudecken, weil nicht zuletzt – wie an den Beispielen der bayerischen Geschichtspolitik gezeigt wurde – mit Geschichtswissen Macht legitimiert, befestigt und reproduziert wird. Geschichte fand zu allen Zeiten und findet in der Gegenwart als politisches und wirtschaftliches, soziales und kulturelles Argument Verwendung. Solche Diskurse bestimmen zugleich die Formen des Umgangs mit und den Einsatz von historischem Wissen. Historische Deutungsmacht wird dabei von unterschiedlichen Diskursgemeinschaften mit unterschiedlichen Reichweiten beansprucht. In jeder von ihnen wird ←68 | 69→darum gerungen; und dabei ist keineswegs durchgängig der Konsens das Ziel (nach J. Habermas) und die Vernunft das Maß. Gelegentlich mag der „Wahnsinn“ vor ihnen rangieren und der „Wille zur Wahrheit“ hintangestellt werden. Es gehört zu den erwartbaren und von einschlägigen Untersuchungen mehrfach replizierten Befunden einer diskursanalytischen Durchdringung vergangener oder gegenwärtiger Geschichtsdiskurse, dass sich darin selten der wissenschaftliche Gebrauch von Geschichte durchzusetzen vermag, weil pragmatische Machtinteressen dominieren. Verbotene Worte dagegen mag es ebenso wie Rituale und Dogmatismen in allen Diskursgemeinschaften geben, die sich mit Vergangenheit/Geschichte befassen. Doch das bleibt solange hypothetisch, bis tatsächlich Diskursanalysen geschichtskultureller Art vorliegen, die zugleich zu eruieren haben, inwieweit die disziplinären Regeln den gesellschaftlichen Umgang mit Geschichte durchfärben, welche Bedeutung der Intertextualität in den unterschiedlichen Diskursen zukommt und inwieweit das Individuum durch sie geprägt wird oder der Einzelne den Diskurs prägt.79 Den Willen zur Wahrheit infrage zu stellen, die Souveränität der Signifikanten respektive der (dominanten) historischen Narrative aufzuheben und dem Diskurs seinen Ereignischarakter zurückzugeben, sind die Aufgaben der Diskursanalyse.80 Sie stellen sich in gleicher Weise als Leitfragen für die Erforschung der Geschichtskultur, des öffentlichen Erinnerns in Vergangenheit und Gegenwart.

Damit ist keine Festlegung auf bestimmte Methoden verbunden, obwohl die gegenwärtige Geschichtskultur wohl vornehmlich unter Bezugnahme auf soziologische Kategorien und mit Mitteln der empirischen Sozialforschung zu erkunden sein wird, während die vergangene den Einsatz der historischen Methode erforderlich macht, ohne dass soziologische Zugänge und empirische Verfahren sich dadurch grundsätzlich erübrigten.

Das heuristische Konzept der Geschichtskultur, wie es Wolfgang Hardtwig in den 1980er Jahren insinuiert81 und J. Rüsen ausformuliert hat,82 zielt ←69 | 70→keineswegs – wie gelegentlich behauptet wird – darauf ab, eine geschichtswissenschaftlich geprägte, gesellschaftlich dominante oder gar nationale Geschichts(leit)kultur zu etablieren,83 sondern erforscht die konkrete Ausgestaltung der Geschichtskultur unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen in analytischer Absicht. Gepaart mit der Diskursanalyse, die Ausgrenzungs- und Kontrollmechanismen ausfindig zu machen sucht, kartographiert sie nicht nur das Feld der öffentlichen Vermittlung und Rezeption von Vergangenheit/Geschichte, sondern eruiert Regelmäßigkeiten dieser kulturellen Kommunikationsprozesse, einschließlich der vorherrschenden Ausgrenzungs- und Regulierungsmechanismen, und produziert so Kenntnisse, die sowohl zur Befestigung einer dominanten Geschichtskultur als auch zu deren Überwindung oder Modifizierung evident sind. – So bleibt zuletzt die Aufgabe zu erklären, wem die Geschichtskultur gehört.

4 Wem gehört die Geschichtskultur? Oder: Wer kontrolliert den Kanal?

Wem gehört die Geschichte? lautet eine – zumeist wohl rhetorisch zu verstehende – Formel, wenn man sich der Public History anzunähern versucht, um die Differenz zwischen der wissenschaftlich generierten und historiographisch verdichteten Geschichte und dem öffentlichen Erinnern in anderen Modi und Medien aufzudecken und zu erklären. Während eine solche Problemstellung offenkundig von einem Selbstverständnis der Public History ausgeht, die sich in dezidierter Abgrenzung von einem akademischen ←70 | 71→Umgang mit Geschichte und damit zugleich von der Geschichtswissenschaft wie von der Geschichtswerkstattbewegung definiert, erscheint die Antwort auf die aufgeworfene Frage diskurstheoretisch wenig kompliziert: Geschichten gehören denjenigen, die sie kreieren und weitererzählen, den Diskursgemeinschaften also, die sie in Umlauf gebracht haben und die in Konkurrenz mit anderen Diskursgemeinschaften darum streiten, ihnen Deutungsdominanz zu verschaffen. Zu einem Problem wird die Frage erst dann, wenn man von einem Kollektivsingular Geschichte ausgeht, mit anderen Worten: von einer substanziellen Vorstellung von Geschichte, die man besitzen kann. Davon aber hat sich die Geschichtswissenschaft seit Langem gelöst.84 Und deshalb geht es bei der Frage, wer sich im Besitz der wahren Geschichte befindet, weniger um Geschichte als um Wahrheit, weniger um die Vergangenheit als vergangene Wirklichkeit denn um ihre Deutung, weniger um das Vergangene als um seine Orientierungspotenziale in der Gegenwart.85 Im Widerstreit der Diskursgemeinschaften herrschen keineswegs allenthalben der „Wille zur (historischen) Wahrheit“ und die Maxime der (historischen) Vernunft; vielmehr werden gelegentlich Tabus und Dogmen ohne Begründung mit Wahrheitsanspruch errichtet und vermittelt.86

←71 | 72→

Diesem disparaten Markt der Geschichtskultur ist das Individuum ausgesetzt, weshalb sich die Geschichtsdidaktik zu Beginn der 1970er Jahre dezidiert dem historischen Bewusstsein zuwandte, um „populäre Formen geschichtlichen Denkens und geschichtlichen Bewusstseins“ zu erheben.87 Denn Rolf Schörken (1928–2014) hatte erkannt, dass das historische Bewusstsein des Subjekts sich im Spannungsfeld von diffusen Angeboten an Geschichtlichem in der Lebenswelt und der subjektiven Rezeption bildet. Um dieses Spannungsfeld von populären Geschichtsofferten und subjektiver Aneignung auszuleuchten, führte er den Begriff „Geschichtsbewusstsein“ ein, der mithin von Beginn an die gesellschaftliche Bedingtheit der individuellen Geschichtsaneignung respektive des historischen Denkens beinhaltete.88 Neben dem subjektiven Aneignungsprozess, der von Emotionen und Einstellungen begleitet und gesteuert wird,89 war damit zugleich der Blick auf die Geschichte in der Öffentlichkeit gerichtet, in der die populären Umgangs- und Bewusstseinsformen ihren Niederschlag finden und die deshalb zum Gegenstand der Forschung werden mussten, um „das tatsächliche Ergebnis geschichtlichen Lehrens und Lernens“ zu erkunden,90 welches zu kennen, Ausgangspunkt für die Gestaltung neuerlicher Vermittlungsprozesse ist. Auf diese Weise – so hob er hervor – werde die Geschichtsdidaktik „nicht nur Anwendungs-, sondern Auswirkungswissenschaft“,91 eigentlich, so ließe sich ergänzen: Grundlagenwissenschaft des historischen Lernens.92 Dem trug die ←72 | 73→Disziplin Rechnung, indem sie sich bereits 1975 – angestoßen auch durch lerntheoretische Impulse – der empirischen Forschung zuwandte und dabei notwendig die außerschulische Öffentlichkeit als Bedingungsfaktor schulischen Geschichtslernens (Stichwort: Sozialisationsforschung) ins Kalkül zog, die es mit den Mitteln der empirischen Sozialforschung zu ergründen gelte.93 „Eine Disziplin entdeckt ihr Gebiet“ bilanzierte Karl-Ernst Jeismann und konstatierte:

„Daß die Geschichtsdidaktik diesen Forschungsaspekt der Vermittlung von Geschichtsbewußtsein außerhalb der Schule entdeckt und reklamiert hat, ist bereits nach diesen Ansätzen unwiderruflich.“94

Es war mithin eine konsequente Entwicklung, dass diese Disziplin sich auf der Folgetagung mit der „Geschichte in der Öffentlichkeit“ befasste und dabei Institutionen wie (1) Museen und Ausstellungen, Medien wie (2) Belletristik, (3) Zeitungen und Zeitschriften sowie (4) Film, Funk und Fernsehen untersuchte, aber auch (5) die kommunale Imagepflege durch Geschichte zum Thema machte.95 Ziel dieser Bemühungen war es ←73 | 74→keineswegs, den Praktiker*innen der öffentlichen Geschichtsvermittlung Handreichungen zu bieten,96 sondern viel grundständiger: die öffentliche Rolle der Geschichte zu erkunden, um deren Einfluss auf das historische Bewusstsein ermessen zu können. Weil es vor allem Produkt-, keine Wirkungsanalysen waren, die vorgestellt wurden, näherte die Konferenz sich diesem Ziel allenfalls mit kleinen Schritten. Als aber R. Schörken sich wenig später mit der „Geschichte in der Alltagswelt“ befasste, vermochte er sehr wohl darüber hinaus zu gelangen und lebensweltliche Bedürfnisse und Funktionen der Beschäftigung mit Geschichte auszumachen (Abb. 9).97

Verfolgt man die empirischen Spuren weiter, die den Weg der Geschichtsdidaktik markieren, dann stößt man einerseits auf die in den 1990er Jahren ←74 | 75→bis zur repräsentativen Reife getriebenen Untersuchungen von Bodo von Borries, der über statistische Verrechnungen Strukturen des historischen Bewusstseins aufdecken und dabei durchaus Implikationen des öffentlichen Umgangs mit Geschichte ausmachen konnte, wenn er beispielsweise die mit zunehmendem Lernalter steigende Korrelation von individuellen und gesellschaftlichen Epochenstereotypen oder die Übernahme von Konventionen des historischen Denkens ganz allgemein feststellte.98 Andererseits lässt sich aktuell eine durchaus bemerkenswerte Anzahl an geschichtsdidaktischen Studien zu unterschiedlichsten Aspekten der Geschichtskultur ausmachen, die vereinzelt diskursanalytisch vorgehen. Nicht selten stehen dabei Medien (Denkmale, Filme etc.) und Institutionen im Mittelpunkt des Interesses, seltener dagegen soziale Praktiken oder Diskurse.99

Wem gehört die Geschichtskultur? Die Antwort auf diese Frage ist ähnlich unkompliziert wie jene auf die vorhergegangene: den Diskursgemeinschaften, welche die Kanäle bauen und bewässern, auf denen Geschichten zur Vergangenheit treiben, bewegt und vorangetrieben durch die in sie einmündenden Zuflüsse. Wer aber ist für die Kontrolle und Instandhaltung dieser Kanalanlagen zuständig? Nach den voranstehenden Ausführungen läge es nahe, dieses als ein Aufgabenfeld der Geschichtsdidaktik zu reklamieren. Doch die knappe Skizze zur Geschichte der Disziplin, über die nicht selten despektierlich räsoniert wird,100 sollte nicht als Erfolgsgeschichte ←75 | 76→gelesen werden, sondern als eine, aus der Erfahrungen gewonnen werden können, wenn es darum geht, der Public History ein epistemologisches Fundament zu verleihen.

Disziplinhistorisch wird gelegentlich der Anschein erweckt, als habe die Geschichtsdidaktik sich in den 1970er Jahren von einer anwendungsorientierten Handlungswissenschaft zu einer die Grundlage historischen Denkens/Lernens reflektierenden Disziplin gewandelt. Ein Blick auf die Anfänge des geschichtsdidaktischen Diskurses oder des Denkstils der Geschichtsdidaktik reicht indes in die Formierungsphase der Geschichtswissenschaft zurück und wurde durch die zunehmende Publizität von Geschichte im 18. Jahrhundert evoziert.101 Nach ihrer Degeneration zu einer anwendungsbezogenen Methodenlehre im Laufe des 19. Jahrhunderts102 vermochte die nunmehr universitär etablierte Geschichtsdidaktik erst in den 1970er Jahren diesen Status zurückzugewinnen, als ihr – wie skizziert – neuerlich bewusst wurde, dass die Konzeptionierung von Handlungstheorien und Handlungsanweisungen Kenntnisse über die Wirkungsweise und Wirkung derselben zur Voraussetzung hat. Anwendungstheorien oder Handlungsanleitungen setzen mit andern Worten Grundlagenforschung unabdingbar voraus. Nur aufgrund dieser Einsicht vermochte die Geschichtsdidaktik sich aus den normativen Banden zu befreien, in denen sie als Schulfachdidaktik gefangen war, und das Geschichtsbewusstsein zum zentralen Forschungsgegenstand zu erheben. Die Hinwendung zur Geschichte in der Öffentlichkeit war eine daraus resultierende Konsequenz, welche die Etablierung der Geschichtskultur als (heuristische) Kategorie zur Folge hatte. Wenn die Geschichtsdidaktik sich der Analyse der Geschichtskultur ←76 | 77→zuwendet, dann um über deren Erscheinungsformen auf das historische Bewusstsein von Individuen oder Kollektiven zurückschließen zu können. Denn in keiner anderen Weise ist das Geschichtsbewusstsein analytisch fassbar als in seinen „praktisch wirksamen Artikulationen“.103 Deshalb ist es der geschichtsdidaktischen Forschung aufgetragen, geschichtskulturelle Äußerungen jedweder Art zu eruieren, um darüber die Strukturen und Veränderungen von historischem Bewusstsein sowie dessen (gesellschaftliche) Funktionen herauszuarbeiten, um die Beeinflussbarkeit in pragmatischer Absicht zum Vorschein zu bringen.104 Eine solche Pragmatik des ←77 | 78→historischen Lernens105 – das gilt es hervorzuheben – benötigen alle Agenturen der Geschichtsvermittlung, nicht zuletzt solche, die ihre Offerten in manipulativer Absicht verbreiten. Neben denjenigen, die ihre Angebote mit dem Impetus historischer Aufklärung verbinden, müssen auch sie sich an einer (wissenschaftlichen) Evaluation der Vermittlung historischer Inhalte interessiert zeigen, weil allein auf diesem Wege Erkenntnisse zu erzielen sind, die regelhaftes Wissen für eine mögliche Effizienzsteigerung der Vermittlung zu produzieren erlauben.

Damit hat das Aufgabenkonzept, das die Geschichtsdidaktik als eine Grundlagenwissenschaft des (im weitesten Sinne) historischen Lernens ausweist, ein festes Gefüge angenommen, das die Geschichtskultur aus zweifachem Grunde notwendig umschließt: Zum einen lässt sich ihr Gegenstand, das historische Bewusstsein, ausschließlich über geschichtskulturelle Artikulationen erkunden, die keineswegs materiale Formen annehmen müssen, sondern höchst flüchtig sein können. Zum anderen benötigt jede Anwendungswissenschaft gesicherte Kenntnisse zu den Wirkweisen der von ihr zur Anwendung anzuempfehlenden Methoden und Medien.

Letzteres gilt in gleicher Weise für die Public History, will man sie als eine (Teil-) Disziplin der Geschichtswissenschaft begründen. Allerdings ist bislang nicht überzeugend geklärt, welches der von ihr zu erforschende Gegenstand ist. Sie als eine Teildisziplin der historischen Forschung auszugeben, welche „Repräsentationen von Vergangenheit“ – also: Geschichte(n) – daraufhin erforscht, „was, für wen, wie, mit welcher Bedeutung und zu welchem Zweck als ,Geschichte‘ konstatiert und verhandelt wird“,106 begründet kein Proprium, weder in Abgrenzung zur empirisch-historisch verfahrenden Geschichtsforschung, noch in Bezug auf die geschichtsdidaktische Forschung. Vielmehr wird dabei kein Erkenntnisinteresse sichtbar, das eine Abgrenzung plausibel machen würde. Offensichtlich bringt die Public History in einem solchen Verständnis auch keine anderen Methoden zum Einsatz als die empirische Geschichtsforschung und kann folglich kein eigenständiges Aussagesystem etablieren, das über die Beschreibung und Interpretation vergangener Wirklichkeiten im Umgang mit Geschichte hinauswiese. Vor allem ein solches aber wäre erforderlich, wollte die Public ←78 | 79→History eine wissenschaftlich fundierte Anwendungswissenschaft werden, die auf systematische Einsichten begründete Handlungsempfehlungen aussprechen könnte.

Um ein solches (disziplinspezifisches) Aussagesystem zu begründen, bedarf es – das liegt auf der Hand – vor allem der sozial-empirischen Erforschung der gegenwärtigen Geschichtskultur, weil allein mit ihren Mitteln Aufschluss darüber zu erzielen ist, welche Wirkungen Medien und Vermittlungsverfahren in Bezug auf unterscheidbare Publika besitzen (können). Solche Einsichten sind zugleich über die Analyse gegenwärtiger wie vergangener Erscheinungsformen der Geschichtskultur zu erlangen, weil nur die diachrone Sichtweise Entwicklungen und Brüche sowie zeitüberdauernde Regelmäßigkeiten sichtbar werden lässt, die deshalb erforderlich sind, weil die Handlungsempfehlungen, welche die Public History ihren Akteuren zuteil werden lassen möchte, sich auf zukünftiges Handeln beziehen. Folgt man dieser Argumentation, geht Dreierlei aus ihr hervor:

(1) Zum einen kann eine Public History, die Anwendungswissenschaft sein will, keinesfalls auf einen analytischen Zweig verzichten, selbst wenn sie sich bescheiden als „Anwendungsfeld“ definiert.107 Mittel zur Erkundung gesellschaftlicher Vermittlungsprozesse in der Vergangenheit (soweit die Überlieferung einen ausreichenden Quellenfundus zur Verfügung stellt) und Gegenwart sind in erster Linie sozial-empirische, die mithilfe soziologischer Theorien zum Einsatz zu bringen sind.

(2) Das Feld, auf dem die Public History analytisch tätig werden muss, um entsprechende Einsichten zu erzielen, ist notwendig das der Geschichtskultur, verstanden als der umfassende Gegenstandsbereich, in dem sich Historisches in kulturellen Ausdrucksformen artikuliert.108 Ein weites ←79 | 80→Feld also, auf dem sie sich – wie beschrieben – mit der Geschichtsdidaktik trifft, deren Anliegen, was nicht selten verkannt wird, sich keineswegs auf die Anleitung schulischer Lehr-Lernprozesse beschränkt, sondern das historische Lernen als Ganzes umfasst, das an unterschiedlichen Lernorten (intentional oder funktional) vonstattengeht. Daraus ergeben sich nicht nur Schnittmengen oder Überlagerungen mit der Museums-, Gedenkstätten-, Freizeitpädagogik, sondern eben auch mit der Public History, die sich alleine durch ihre Abgrenzung von schulischen und – mit Einschränkungen – akademischen Vermittlungsprozessen definiert, während sie einen umfassenden Vertretungsanspruch gegenüber den namhaft gemachten Sparten erhebt.

(3) Andererseits beansprucht die Public History, sich „nicht einfach mit ‚öffentlicher Geschichte‘ “ zu befassen, sondern „auch die fachwissenschaftliche Antwort auf die mit dem [Geschichts-] Boom verbundenen Herausforderungen“ zu umfassen.109 Abgesehen davon, dass schwer erkennbar ist, wie sie Einfluss auf die Geschichtswissenschaft nehmen könnte, die (als ein Teil der Geschichtskultur) ihre Impulse seit jeher gesellschaftlichen Anfragen entnommen hat,110 erscheint eine solche Verortung eher opportunistischen Abgrenzungsinteressen als einer sachangemessenen Herleitung zu entsprechen.111 Denn es ist längst klar ←80 | 81→geworden, dass die Affinitäten der Public History zur geschichtsdidaktischen deutlich größer sind als zur historisch-empirischen Forschung. Vielmehr scheint es eine dringliche Aufgabe, bei der ausstehenden epistemologischen Grundlegung der Public History das Erkenntnisinteresse und die Formen der Systembildung in einer Form zu präzisieren, die erkennbar werden lässt, welches das Proprium der Public History ist, das sie von der Geschichtsdidaktik abgrenzt. Dabei kann der Bezug auf die Öffentlichkeit, wie die vorstehenden Ausführungen zeigen sollten, schwerlich als Distinktionsmerkmal herhalten.

Wenig hilfreich erscheint es dabei allerdings, Zuflucht zu kaum operationalisierbaren Container-Begriffen wie „Interdisziplin“ zu nehmen112 oder schlicht von einem umbrella-Konzept zu sprechen.113 Ein solches Unterfangen führt zum einen, um in der Bildsprache zu verweilen, vom Regen in die Traufe: Public History eignet sich deshalb nicht als Regenschirm, weil sie, die damit zu einem bloßen Terminus ohne begriffliche Qualität erstarren würde, sich ausdrücklich nicht für die Vermittlung von Geschichte in Schule und Universität als zuständig erachtet und damit einen beträchtlichen Teil der Geschichtskultur per definitionem aus ihrem Spektrum ausgrenzt. Den deutlich umfassenderen Gegenstandsbereich stellt vielmehr die Geschichtskultur dar, die neben den institutionalisierten Formen der intentionalen Geschichtsvermittlung zugleich die öffentlichen (zumeist: funktionalen) ←81 | 82→als auch die privaten Bereiche der Geschichtsbefassung integriert.114 Dass dabei kulturwissenschaftlich zu Werke gegangen wird, erklärt sich ebenso selbst115 wie die Interdisziplinarität, die inzwischen als ein Prädikat jedweder Wissenschaftsdisziplin ausgewiesen wird und folglich nicht als ein fundierendes Merkmal von Public History als ausgewiesener Teildisziplin der Geschichtswissenschaft dienen kann.

Während diese Versuche entweder inhaltsleer sind oder von der wünschenswerten disziplinären Verfasstheit ausgehen, rücken andere den inhaltlichen Aspekt, das heißt den Gegenstand in den Fokus: so das Konzept der Erinnerungskultur, wenn Christoph Cornelißen die „öffentliche Erinnerung“ auf die Forschungsagenda setzt,116 oder Norbert Frei die politische Bewältigung der Vergangenheit nach 1945 diskursanalytisch untersucht und das als „Vergangenheitspolitik“ bezeichnet,117 während Edgar ←82 | 83→Wolfrum von Geschichtspolitik spricht, wenn er den politischen Einsatz, mit anderen Worten: Geschichte als politisches Argument, im 19./20. Jahrhundert untersucht.118 Alle drei Zugänge auf die öffentliche Verwendung von Geschichte nehmen gravierende Beschränkungen des zu erforschenden Gegenstandes vor, indem sie sich zum einen allein auf die Neue und Zeitgeschichte beziehen, wenngleich gelegentlich ein Hinausgreifen über diese zeitlichen Grenzen als möglich oder gar wünschenswert erachtet wird. Über die zeitlichen Eingrenzungen hinaus sind inhaltliche zu erkennen, wenn die Geschichtspolitik sich auf den politischen Gebrauch von Geschichte beschränkt, während die Forschung zur Erinnerungskultur sich häufig am nationalen Paradigma ausrichtet119 und N. Frei gar eine Eingrenzung auf „Amnesie, Integration und Abgrenzung“ vornimmt.120 Das macht neben den im ersten Abschnitt dargebotenen Beispielen unmittelbar einsichtig, dass die Geschichtskultur das umfassendere Feld ist, wenn die Geschichtswissenschaft sich der Geschichte in der Öffentlichkeit zuwendet. Im Gegensatz zu den anderen Ansätzen kann sie nicht nur als Konzept, sondern als Theorie betrachtet werden, insofern sie ein heuristisches Netz entfaltet (Abb. 1), das unabhängig davon ist, welche konkrete Ausprägung von Geschichtskultur in Vergangenheit oder Gegenwart erforscht werden soll.

Dieses heuristische Netz eignet sich in besonderer Weise, um den diskontinuierlichen Kanal, den Geschichten durchfließen oder, mit anderen Worten, die Geschichtskulturen, die sie dabei passieren und prägen, diskursanalytisch zu erforschen. Denn mit seiner Hilfe lassen sich „die Grenzen des Sagbaren ermessen und die Bedingungen des Sagbaren aufdecken, ←83 | 84→wenn dabei das Regelwerk, das darüber bestimmt, was und wie etwas gesagt werden kann“,121 zum Vorschein gebracht wird. Geschichtskulturelle Diskurse, von denen der öffentliche Umgang mit Geschichte nicht nur geprägt, sondern konstituiert wird, sind längst zum Gegenstand einschlägiger Untersuchungen geworden, während die Kompendien noch immer die Medien, Institutionen oder sozialen Praktiken auflisten, die doch nur Elemente der Diskurse sind, die sie zu schwer durchdringbare Episteme zusammenbinden, die es analytisch zu entflechten gilt. Damit wäre sowohl dem Anliegen der historisch empirischen Forschung nach Deskription und Explikation vergangener Geschichtskulturen als auch in besonderer Weise dem geschichtsdidaktischen Anliegen gedient, das nach Regelmäßigkeiten der Vermittlung und Rezeption von Geschichte sucht.122 Diese Aufgabenbeschreibung macht sichtbar, wie eng historisch empirische und geschichtsdidaktische Forschung aufeinander angewiesen sind, um ihrem je eigenen Erkenntnisinteresse gerecht zu werden, um einerseits die Polysemie der in den Diskursen gebräuchlichen, medial und zeitlich bedingten Zeichensysteme (bspw. Ouvertüre 1812) zu dechiffrieren und um andererseits über die immanente Entwicklung von Epistemen und den Vergleich von zeitlich distinkten Diskursen über den jeweiligen Zeitausschnitt hinausgehende Regelhaftigkeiten auszumachen. Eine Über- oder Unterordnung ergibt sich aus einer solchen Aufgabenbeschreibung nicht. Vielmehr handelt es sich um Dimensionen der Geschichtswissenschaft mit konvergierenden Perspektiven auf die Geschichtskultur, weder um Teil- noch um Subdisziplinen.123 Ob in diesem Ensemble, zu dem neben der Geschichtsforschung und der Geschichtsdidaktik die Geschichtstheorie ←84 | 85→zu zählen ist,124 die Public History ihren Platz wird finden können, hängt davon ab, ob sie als Anwendungswissenschaft auf der Basis der von den anderen Dimensionen bereitgestellten Befunde handlungsleitend agieren oder forschend tätig werden will. Voraussetzung dafür wäre, mit Blick auf den mit der Geschichtswissenschaft gemeinsamen Forschungsgegenstand Geschichtskultur ihre spezifischen Erkenntnisinteressen zu benennen und die Umrisse des avisierten Aussagesystems zu skizzieren. Dabei würde sich dann erweisen, ob die Public History ein bloßes Anwendungsfeld, eine Anwendungswissenschaft zur Produktion von Handlungswissen oder eine forschende Disziplin ist und in welcher Weise sie sich darin von den anderen Dimensionen historischer Forschung unterscheidet.

←85 | 86→

1 Die Bezeichnung „Angewandte Geschichte“, welche die Arbeitsgemeinschaft zur Public History im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands sich gegeben hat, ist keineswegs so neuartig, wie die zunehmend reicher werdende Literatur hierzu den Anschein erweckt, vgl. bspw. Bernd Roeck: „Angewandte Geschichte“ an der Universität Zürich. Ein Weiterbildungsstudiengang der Universität Zürich. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 60 (2009), S. 76–82, der sich dem Begriff einer „Applied History“ anschließt, sowie Jacqueline Nießer/Juliane Tomann (Hrsg.): Angewandte Geschichte. Neue Perspektiven auf Geschichte in der Öffentlichkeit. Paderborn 2014 oder die Diskussion von Juliane Toman/Jaqueline Nießer/Anna Littke/Jakob Ackermann/Felix Ackermann: Diskussion Angewandte Geschichte. Ein neuer Ansatz? In: Docupedia-Zeitgeschichte, 15.02.2011 (http://docupedia.de/zg/Diskussion_Angewandte_Geschichte, aufgerufen am 08.01.2018), die nicht übersehen, dass der Begriff im geschichtsdidaktischen Diskurs eine lange Geschichte hat, die eng mit staatsbürgerlicher Bildung verbunden ist, s. Heinrich Wolf: Angewandte Geschichte. Eine Geschichte zum politischen Denken und Wollen. Leipzig 1910. Vgl. in der Sache aber auch Edgar Weyrich: Anschaulicher Geschichtsunterricht. Straße und Museum, Sprache und Alltag als Geschichtsquelle. Wien 1920, der unterschiedliche Medien und Formen der Geschichtskultur zum Gegenstand des Geschichtsunterrichts zu machen empfiehlt.

2 Die tabellarische Auflistung folgt im groben Aufriss der Struktur des Sammelbandes von Sabine Horn/Michael Sauer (Hrsg.): Geschichte und Öffentlichkeit. Orte – Medien – Institutionen. Göttingen 2009, wenngleich die Einträge umformuliert und um die aus anderen Bänden erweitert wurden, vgl. Martin Lücke/Irmgard Zündorf: Einführung in die Public History. Göttingen 2018; Wolfgang Hardtwig/Alexander Schug (Hrsg.): History Sells! Angewandte Geschichte als Wissenschaft und Markt. Stuttgart 2009; Barbara Korte/Sylvia Paletschek (Hrsg.): History Goes Pop. Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres. Bielefeld 2009; Vadim Oswalt/Hans-Jürgen Pandel (Hrsg.): Geschichtskultur. Die Anwesenheit von Vergangenheit in der Gegenwart. Schwalbach/Ts. 2009 oder schon Klaus Füßmann/Heinrich Theodor Grütter/Jörn Rüsen (Hrsg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute. Köln u. a. 1994 u. Klaus Bergmann u. a. (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik. 5. Aufl. Seelze-Velber 1997, S. 599–771 sowie ältere Anthologien wie Wilhelm van Kampen/Hans Georg Kirchhoff (Hrsg.): Geschichte in der Öffentlichkeit. Stuttgart 1979 (AuA 23) u. Walter Fürnrohr/Hans Georg Kirchhoff (Hrsg.): Ansätze empirischer Forschung im Bereich der Geschichtsdidaktik. Stuttgart 1976 (AuA 15), S. 246–324. Nicht außer Betracht bleiben dürfen die einschlägigen Untersuchungen von Rolf Schörken: Geschichte in der Alltagswelt. Wie uns Geschichte begegnet und was wir mit ihr machen. Stuttgart 1981 u. ders.: Begegnungen mit Geschichte. Vom außerwissenschaftlichen Umgang mit der Historie in Literatur und Medien. Stuttgart 1995 sowie nicht-deutschsprachige Untersuchungen wie Marc Ferro: Geschichtsbilder. Wie die Vergangenheit vermittelt wird. Beispiele aus aller Welt. Frankfurt a.M. 1991; Raphael Samuel: Theatres of Memory. Past and Present in Contemporary Culture. Neuaufl. London/New York 2012 [Orig. London 1994] oder Jerome de Groot: Consuming History. Historians and Heritage in Contemporary Popular Culture. 2. Aufl. Abingdon 2016. Nicht mehr berücksicht werden konnten die Handbücher von James B. Gardner/Paula Hamilton (Hrsg.): The Oxford Handbook of Public History. New York 2017 und Mario Carretero/Stefan Berger/Maria Grever (Hrsg.): Palgrave Handbook of Research in Historical Culture and Education. London 2017. Zu Letzterem vgl. die Rezension von Béatrice Ziegler. In: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 17 (2018), S. 149-154.

3 S. in diesem Band den Beitrag Wolfgang Schmale/Wolfgang Hasberg/Robert Dittrich: Digitalität und Public History. Digitale Kommunikation über Geschichte. S. 151–179 mit weiteren Literaturhinweisen zu diesem Feld.

4 Zu J. Rüsens Theorie von Geschichtskultur s. die einschlägigen Beiträge in Jörn Rüsen: Historische Orientierung. Über die Arbeit des Geschichtsbewusstseins, sich in der Zeit zurechtzufinden. 2. Aufl. Schwalbach/Ts. 2008, S. 233–284, hier S. 265 sowie ders.: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft. Köln u. a. 2013, S. 221–246.

5 Zur Düsseldorfer Malerschule s. zuletzt Annika Offergeld/Marcell Perse: Die preußische Rheinprovinz im Blick der Düsseldorfer Malerschule. In: Guido von Büren/Michael D. Gutbier (Hrsg.): Das Preußische Jahrhundert. Jülich, Opladen und das Rheinland zwischen 1815 und 1914. Goch 2016, S. 501–522.

6 S. ebd., S. 506.

7 Ebd., S. 515 u. 521f.

8 S. zu ihm Otto Bauer/Edgar Bierende: Carl Friedrich Lessing (1808–1880). Wanderungen in die Vulkaneifel. Bremen 2003.

9 Im Sinne einer Bildwissenschaft, wie sie Gottfried Boehm: Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. 2. Aufl. Darmstadt 2010, insb. S. 19–33. vertritt, geht die Deixis, das Zeigen, dem Sagen voraus. Zumindest gehen Sagen und Zeigen nicht ineinander auf; vielmehr besitzt das Zeigen eine eigene Logik, die seine beiden Seiten betrifft: das Zeigen von etwas und das Sich-Zeigen. Beide Qualitäten eines Bildes eröffnen der historisch-politischen (Selbst-)Darstellung einen eigenen Raum jenseits der mündlichen oder textlichen Sphäre.

10 Gert-Dieter Ulferts: Zwischen Alpen und Ostsee: Szenen aus dem Leben Heinrichs des Löwen in der Malerei des 19. Jahrhunderts. Ein Überblick. In: Jochen Luckhardt/Franz Niehoff (Hrsg.): Heinrich der Löwe und seine Zeit. Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125–1235. Katalog der Ausstellung, Bd. 3: Abteilung Nachleben. München 1995, S. 58–73, hier S. 64. Zum Sachverhalt sowie zur Forschungsgeschichte s. Wolfgang Hasberg: Von Chiavenna nach Gelnhausen. Zur Fikitionalität historischen Denkens und Lernens. In: ders.: Geschichtszeichen. Analekten zur Theorie und Didaktik der Geschichte. Frankfurt a.M. 2019 (Geschichtsdidaktik diskursiv – Public History und historisches Denken, Bd. 9) [im Druck].

Details

Seiten
262
ISBN (PDF)
9783653069532
ISBN (ePUB)
9783631712023
ISBN (MOBI)
9783631712030
ISBN (Buch)
9783631672518
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (März)
Schlagworte
Public History Geschichtskultur Erinnerungskultur Historisches Lernen Vermittlung Medien
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 262 S., 26 s/w Abb.

Biographische Angaben

Christine Gundermann (Band-Herausgeber) Wolfgang Hasberg (Band-Herausgeber) Holger Thünemann (Band-Herausgeber)

Christine Gundermann ist Junior-Professorin für Public History an der Universität zu Köln. Sie verfasste zahlreiche Veröffentlichungen zu Themen der Public History, zu Comics als Teil der Geschichtskultur und der deutschen und niederländischen Erinnerungskultur im 20. Jahrhundert. Wolfgang Hasberg ist Professor für Mittlere und Neuere Geschichte und Didaktik der Geschichte an der Universität zu Köln. Er publiziert zu Themen der Theorie der Geschichte, des historischen Lernens und der mittelalterlichen Geschichte. Holger Thünemann ist Professor für Didaktik der Geschichte an der Universität zu Köln. Er verfasste zahlreiche Veröffentlichungen zu Themen der Geschichtskultur, der geschichtsdidaktischen Schulbuchforschung und der historischen Lehr- und Lernforschung.

Zurück

Titel: Geschichte in der Öffentlichkeit