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Deutschsprachige Zionismen

Verfechter, Kritiker und Gegner, Organisationen und Medien (1890–1938)

von Lisa Sophie Gebhard (Band-Herausgeber:in) David Hamann (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 278 Seiten

Zusammenfassung

Der moderne Zionismus bildete nie eine politische Einheit, sondern vielmehr eine heterogene Bewegung. Wie ihre ZeitgenossInnen waren auch die ZionistInnen in ihrer ideologisch-politischen Entwicklung von gängigen Wissens- und Ideenbeständen beeinflusst und verhandelten in dieser Zeitgebundenheit ihre Vision(en) von einer künftigen jüdischen Heimstätte. Die Beiträge dieses Bandes analysieren AkteurInnen, Agitationsmittel und Diskurse innerhalb der vielseitigen zionistischen Bewegung, die als ‚Zionismen‘ apostrophiert werden. Die AutorInnen hinterfragen herkömmliche Narrative im Hinblick auf individuelle und kollektive Strategien der Identitätsbildung. Sie beleuchten zudem das spannungsreiche Verhältnis der ZionistInnen untereinander sowie ihre ambivalenten Beziehungen zu nichtzionistischen Gruppen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Title Page
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Abstract
  • Inhaltsverzeichnis
  • Die Autorinnen und Autoren
  • Einleitung
  • I. Deutschsprachige Zionismen – Strömungen und Spannungen
  • Lisa Sophie Gebhard: ‚Judenstaatler‘ und ,Kleinkolonisatoren‘. Zionistische Selbstverortungen in der publizistischen Debatte von 1903 bis 1914
  • II. ZionistInnen in Auseinandersetzung mit der deutsch-jüdischen Gesellschaft
  • David Hamann: „Hand in Hand“ in gegenseitiger Abneigung. Zum ambivalenten Verhältnis des Hilfsvereins der deutschen Juden zur zionistischen Bewegung vor dem Ersten Weltkrieg
  • Tilmann Gempp-Friedrich: Gemeinsame Brüche. Centralverein und Zionistische Vereinigung vor dem Ersten Weltkrieg
  • Anna Ullrich: Alte Konflikte und neue Allianzen im Kampf gegen den Antisemitismus – Zur Rolle der Aufklärungsarbeit in Centralverein, Zionistischer Vereinigung und Jüdischen Frauenbund 1928–1933
  • III. Die Organisation und Rolle von Frauen
  • Rebekka Denz: „Treue Freundin[nen] des Palästina-Aufbaus“? Positionen von CVerinnen gegenüber der zionistischen Idee in den 1930er Jahren
  • Ines Sonder: „Solange man in Deutschland ist, ist Palästina ein Traumland…“ Die Zionistinnen Lotte Cohn und ihre Schwestern
  • IV. Der Zionismus im politischen Diskurs
  • Fabian Weber: Zwischen Orient und Okzident. Deutsche Zionisten – Pioniere des Deutschtums?
  • Christian Dietrich: „Pioniere der Weltrevolution im Vorderen Orient“. Die Radikalisierung des österreichischen Arbeiterzionismus am Beispiel der Parteizeitung Freie Tribüne
  • V. Religiöse Impulse in den deutschsprachigen Zionismen
  • Daniel Mahla: Ostjüdischer Verein oder deutscher Zionismus? Die religiös-zionistische Bewegung im Deutschen Kaiserreich
  • Felix Schölch: Religiöse Erneuerung in Palästina/Israel: Schalom Ben-Chorins Beitrag zum progressiven Judentum 1935–1958
  • Marco Kißling: Pionier des religiösen Kibbuz: Ernst Akiba Simon (1899–1988) auf dem Weg nach Palästina
  • VI. Kultur- und Wissenstransfer zwischen Deutschland und Palästina
  • Albrecht Spranger: Theodor Zlocisti (1874–1943): Ein deutscher Zionist in Palästina
  • Dana von Suffrin: Die Wissenschaft des Judenstaates: Der ‚Botanische Zionismus‘, 1900–1930
  • Björn Siegel: Zwei Visionäre der zionistischen Eroberung der Meere. Arnold Bernsteins und Lucy Borchardts Auseinandersetzungen mit dem Zionismus
  • Olivier Baisez: Der Phönizier-Mythos im deutschsprachigen Zionismus

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Die Autorinnen und Autoren

Olivier Baisez, Dr. phil., Maître de conférences am Institut für Fremdsprachen und Kulturwissenschaften der Université Paris 8 Vincennes Saint-Denis.

Rebekka Denz, M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Judaistik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und des Israel Jacobson Netzwerks.

Christian Dietrich, Dr. phil., Akademischer Mitarbeiter an der Axel Springer-Stiftungsprofessur für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration an der Europa-Universität Viadrina.

Lisa Sophie Gebhard, M.A., Doktorandin am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin.

Tilmann Gempp-Friedrich, M.A., Doktorand und Lehrbeauftragter an der Martin-Buber-Professur der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

David Hamann, M.A., Doktorand am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin.

Marco Kißling, M.A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Braunschweig und Doktorand am Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft der Universität Potsdam.

Daniel Mahla, Dr. phil., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Koordinator des dort angesiedelten Zentrums für Israel-Studien.

Felix Schölch, M.A., Doktorand am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Björn Siegel, Dr. phil., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg.

Ines Sonder, Dr. phil., Kunsthistorikerin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam.

Albrecht Spranger, M.A., Lehrbeauftragter am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Dana von Suffrin, Dr. phil., Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München und Postdoc an der DFG-Forschungsgruppe Kooperation und Konkurrenz in den Wissenschaften.

Anna Ullrich, Dr. phil., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Holocaust-Studien des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin und Koordinatorin im Projekt European Holocaust Research Infrastructure (EHRI).

Fabian Weber, M.A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut studium plus an der Universität der Bundeswehr München.

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Einleitung

„Es gibt verschiedene Zionismen und verschiedene Wege zum Zionismus.“1

Martin Buber

Der moderne Zionismus, der sich nach dem ersten Zionistenkongress im Jahr 1897 politisch formierte, stellte zu keiner Zeit eine einheitliche Bewegung dar. Seine internationale Ausrichtung und die verschiedenen ideologischen Zielsetzungen, die seine AkteurInnen auf Palästina projizierten, verliehen ihm von Beginn an eine spannungsreiche Vielschichtigkeit. Der Sammelbegriff ‚Zionismus‘ umschreibt somit eine heterogene Bewegung, in der viele Gruppen strategische Aushandlungsprozesse um die Vision und Umsetzung einer ‚jüdischen Heimstätte‘ miteinander führten.

Die teilweise nur schwer voneinander abzugrenzenden Strömungen innerhalb des Zionismus sowie die unterschiedlichen Motivationen zionistischer AkteurInnen wurden bereits von den ZeitgenossInnen erkannt. So hob etwa der junge Martin Buber (1878–1965) anlässlich der Eröffnung des fünften Zionistenkongresses in Basel 1901 hervor, die Bewegung bestünde aus mehreren „Zionismen“. Die gängige Einteilung etwa in ‚politische‘ und ‚praktische‘ ZionistInnen entspringt somit einer zeitgenössischen Wahrnehmung, welche die Heterogenität des zionistischen Projekts frühzeitig registrierte und begrifflich fixierte. Von der älteren Forschung wurden diese Zuordnungen zumeist unhinterfragt übernommen.2

Vor dem Hintergrund interner Rivalitäten und Machtkämpfe sowie dem weithin angespannten Verhältnis zu anderen jüdischen AkteurInnen, die dem ←11 | 12→Zionismus skeptisch bis feindlich gegenüberstanden, unterstrichen die ZionistInnen aber auch ihre programmatischen Gemeinsamkeiten. Für eine einheitliche Bewegung unter Vermeidung „verschiedener Zionismen“ argumentierte unter anderem der in Weißrussland geborene Schemarjahu Levin (1867–1935) im Vorfeld des achten Zionistenkongresses 1907. Die Betonung der Differenzen bewertete er kritisch als Zersplitterung, durch die sich die „Organisation sprengen“ ließe, sollte „nicht ein einheitliches Programm auch für die innere Tätigkeit“3 vorgelegt werden.

Die Ambivalenzen, Dissonanzen und Paradoxien im frühen Zionismus spiegeln sich eindrücklich in den publizistischen Debatten und der darin zutage tretenden Vielstimmigkeit der AkteurInnen, die als Selbstverortungspraktiken einer mehr exklusiven oder inklusiven Zuschreibung zuneigten. Eine solche Gemengelage unterschiedlicher Positionierungen, die sich um das spannungsreiche Verhältnis der ZionistInnen zur nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft erweiterte und damit etwa die vieldiskutierte Frage aufwarf, inwiefern deutsche ZionistInnen auch ‚gute deutsche Patrioten‘ sein konnten, bietet künftiger Forschung ein großes Potenzial für kritische Analysen und Reflexionen. Die Vielgestaltigkeit der Bewegung eröffnet so ein weites Spektrum interpretativer Möglichkeiten, aus dem sich neue Erkenntnisse in Bezug auf individuelle und kollektive Identitäten ziehen lassen.

Stand der gegenwärtigen Forschung

Vor dieser Folie hat sich in den letzten Jahren ein lebendiges Forschungsfeld um die Geschichte des modernen Zionismus gebildet. Insbesondere jüngere Historikerinnen und Historiker aus Deutschland und Österreich widmen sich in kritischer Neugier den facettenreichen, nicht selten widersprüchlichen Aspekten der zionistischen Bewegung, wobei ihr Interesse in erster Linie dem deutschsprachigen Raum gilt. Dieser Fokus resultiert zum einen aus einer leichten Zugänglichkeit der Quellen und den nicht vorhandenen Sprachbarrieren, zum anderen kommt darin wohl auch eine gewisse Faszination für eine vergangene Ära zum Ausdruck.

Die einstige Strahlkraft, die von Wien, Köln und Berlin ausging, wo sich die Zentrale der ‚Zionistischen Organisation‘ (ZO) jeweils für mehrere Jahre von 1897 bis zum Ersten Weltkrieg befunden hatte, ist längst erloschen. Die reichhaltige zionistische Kultur mit ihren weitverzweigten Netzwerken, an deren ←12 | 13→Spitze führende Vertreter aus Deutschland und Österreich-Ungarn standen, die die junge Bewegung in den ersten zwei Jahrzehnten maßgeblich prägten, ging ab 1938 ihrem Ende entgegen. Zionistische Institutionen und Vereine wurden von den Nationalsozialisten aufgelöst, mehrere ihrer Mitglieder, darunter der erste Historiograf des Zionismus, der aus Wien stammende Adolf Böhm (1873–1941), wurden von ihnen ermordet.4 Während im Berlin der 1920er Jahre viele deutsche und internationale ZionistInnen im öffentlichen Raum anzutreffen waren, wo sie ihre Pläne lebhaft diskutierten – so im berühmten Romanischen Café, das oft bis in die frühen Morgenstunden frequentiert wurde –, zeugen heute nur noch vereinzelt Gedenktafeln von der ehemals vielfältigen zionistischen Topografie der Großstadt.5 Jüngere Studien haben begonnen, diese „Welt von Gestern“ (Stefan Zweig) im Rahmen interdisziplinärer Raumanalysen und einer Verflechtungs- und Vereinsgeschichte zu rekonstruieren.6

Bei der Spurensuche nach der Lebenswelt der deutschsprachigen ZionistInnen wurde auch ihr Einfluss auf den jungen Staat Israel verstärkt in den Blick genommen. In den letzten Jahren sind mehrere Studien entstanden, die das Erbe der sogenannten Jeckes nachzeichnen, darunter das namhafter zionistischer AkteurInnen wie Pinchas Rosen (1887–1978), des ersten Justizministers Israels.7 Neben Aspekten des Kultur- und Wissenstransfers, die in einzelnen Studien ←13 | 14→schon zu Beginn der 1990er Jahre etwas ausführlicher erörtert wurden, tritt in neueren Untersuchungen auch das Beziehungsgefüge zwischen deutschsprachigen ZionistInnen und ihrer nichtjüdischen Umgebungsgesellschaft in den Vordergrund.8 Die Analyse zeitgenössischer Ideen- und Wissensbestände und die damit verbundene Frage nach spezifischen Aneignungs- und Umdeutungsprozessen durch die ZionistInnen, die von dem sie umgebenden politischen Zeitgeist stark geprägt waren, haben an Relevanz gewonnen.9 In mehreren Fällen sind es biografische Annäherungen an einzelne Akteurinnen und Akteure, die den Ausgangspunkt für aktuelle Studien bilden.10 Die individuellen Lebensläufe, die von den WissenschaftlerInnen jeweils systematisch in einen größeren Kontext eingebettet werden, gewähren neue Einblicke in die personalen Strukturen und Hierarchien der zionistischen Bewegung sowie in die persönlichen Denk- und Handlungsweisen ihrer AkteurInnen. Mit Blick auf die gegenwärtige ←14 | 15→Forschungslandschaft zur Geschichte des deutschsprachigen Zionismus zeichnet sich „ein Ende dieses kleinen Booms der Forschung“11, wie der Historiker Stefan Vogt im Jahr 2014 prognostiziert hat, auch fünf Jahre später nicht ab.

Ausgehend von diesem großen Interesse fand im Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg (ZJS) im Oktober 2017 die internationale Konferenz „Deutschsprachige Zionismen – Verfechter, Kritiker und Gegner, Organisationen und Medien (1890–1933)“12 statt. Im Rahmen der zweieinhalbtägigen Veranstaltung wurde das spannungsreiche Verhältnis der ZionistInnen untereinander sowie das zu anderen jüdischen, nichtzionistischen Gruppen beleuchtet. Die Dimensionen der Annäherung und Kooperation zwischen ihnen und Nicht-ZionistInnen wurden ebenso wie die Distanzierung und Austragung von Konflikten ausführlich diskutiert. Dabei traten interessante Verbindungen zwischen Personen, Gruppierungen und Diskursen zutage, die synthetisierende Perspektiven zukünftiger Forschung ermöglichen. Ein zentraler Schwerpunkt, den bereits der Titel der Veranstaltung thematisiert, bildete die Infragestellung herkömmlicher Narrative. Dem eingangs zitierten Urteil von Buber folgend, wurden die verschiedenen Strömungen im deutschsprachigen Zionismus als ‚Zionismen‘ apostrophiert, um der Heterogenität der Bewegung begrifflich Ausdruck zu verleihen. Zugleich hatte die Veranstaltung zum Ziel, zeitgenössische Termini und vor allem die von der älteren Forschung übernommenen Kategorien zur Einteilung der ZionistInnen in einzelne Lager einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Zu diesem Zweck boten sich die medialen Selbstdarstellungen und Identitätsbildungsstrategien der verschiedenen zionistischen Aktivisten in besonderer Weise an.

In wunderbarer Form ergänzt wurde die Konferenz durch die freundliche Leihgabe der Wanderausstellung German Roots of Zionism durch das Leo Baeck Institute in New York, die parallel zu den Vorträgen in den Räumen des ZJS gezeigt werden konnte.13 Des Weiteren bot die Veranstaltung die Möglichkeit, ←15 | 16→dass sich jüngere und bereits ‚etablierte‘ WissenschaftlerInnen gezielt untereinander austauschen konnten. Dieser fruchtbare Dialog eröffnete neue Ansätze und Perspektiven, die sich angesichts des breitgefächerten Themenfelds der Konferenz als außerordentlich nutzbar erwiesen.

Die Konferenz und der vorliegende, auf ihren Ergebnissen aufbauende Sammelband bieten keine allgemeine Darstellung der Geschichte des Zionismus. Vielmehr illustrieren sie den Facettenreichtum der unterschiedlichen Forschungsperspektiven auf das breite Themenfeld ‚Zionismen‘. Die Beiträge widmen sich somit einzelnen Aspekten und AkteurInnen, wodurch ein reich gewirktes Band erkennbar wird, das ein heterogenes Feld absteckt. Der vorliegende Band will keine Antwort auf die Frage geben, mit welchem Schema die deutschsprachigen ‚Zionismen‘ in ihrer Gänze und Vielzahl erfasst werden können, sondern er bietet vielmehr ein Echo auf die multiperspektivischen Diskussionen der Tagung und ein Angebot zur Vertiefung der Erforschung einer nach wie vor lebendigen politischen Bewegung.

Gliederung des Sammelbands

Der Band folgt der Chronologie der Konferenz, die neben einer allgemeinen Einleitung und einem Abendvortrag insgesamt sechs Sektionen umfasste.

Der einleitende Beitrag von Lisa Sophie Gebhard gibt einen grundlegenden Ein- und Überblick in die oben bereits angerissene Vielfältigkeit der deutschsprachigen ‚Zionismen‘. Basierend auf publizistischen Debatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden differierende Selbstverortungen deutschsprachiger ZionistInnen und die (zum Teil strategisch bedingten) Oppositionen herausgearbeitet. Der Adaption zeitgenössischer zionistischer Termini durch die historische Forschung wird dabei besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Die drei folgenden Beiträge widmen sich dem spannungsreichen Verhältnis der ‚Zionismen‘ zu deutsch-jüdischen AkteurInnen nichtzionistischer Organisationen und Vereine im Deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik, wobei Dimensionen der Zusammenarbeit und Kooperationen genauso aufgezeigt werden wie Trennlinien, Brüche und Konflikte. David Hamann schildert das ambivalente Verhältnis der ‚Zionistischen Vereinigung für Deutschland‘ (ZVfD) zum ‚Hilfsverein der deutschen Juden‘, dessen ‚liberales‘, philanthropisches Selbstverständnis dem zionistischen Projekt deutlich widersprach. Dieser scheinbare Antagonismus überdeckt jedoch eine langjährige fruchtbare Zusammenarbeit in Bildungsprojekten in Palästina, die bis 1913 andauerte und eine jüdische Identität im Sinne der ZionistInnen langfristig förderte.

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Im Folgenden erläutert Tilmann Gempp-Friedrich die nicht minder komplexe Beziehung zwischen der ZVfD und einer weiteren zentralen jüdischen Institution, dem ‚Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens‘ (C.V.). Die zunächst relativ friedliche Koexistenz beider wurde zunehmend von scharfen Gegensätzen hinsichtlich der Frage nach dem Charakter des Judentums überlagert, die mit der vom C.V. beschlossenen ‚Zionistenresolution‘ von 1913 zum Bruch führte.

Trotz dieses harten Streits fand Ende der 1920er Jahre eine pragmatische Kooperation zwischen C.V. und ZVfD statt, als sich beide im Kampf gegen den Antisemitismus der aufsteigenden NSDAP verbündeten. Diese Phase der Zusammenarbeit legt Anna Ullrich anhand der nach wie vor von gegenseitigen Vorbehalten geprägten Debatten innerhalb des ‚Jüdischen Frauenbundes‘ (JFB) offen, dessen Mitgliederinnen sowohl aus dem C.V. als auch der ZVfD stammten.

Die zwei folgenden Beiträge nehmen die Organisation und Rolle von Frauen in den Blick. Rebekka Denz beleuchtet ebenfalls die ambivalente Beziehung zwischen ‚liberalen‘ und zionistischen Selbstverortungen in den 1920er und 1930er Jahren, fokussiert aber zusätzlich die Bedeutung weiblicher Akteure. Exemplarisch werden die Biographien der beiden C.V.-Funktionärinnen Eva Reichmann-Jungmann (1897–1998) und Margarete Edelheim (1891–1975) vorgestellt, deren Sympathie für den ‚Palästina-Aufbau‘ anhand ihrer in C.V.-Publikationen veröffentlichten Palästina-Reiseberichte erläutert wird. Der Beitrag legt offen, dass diese Affinität gegenüber zionistischen Ideen keinen automatischen Widerspruch zum Engagement im C.V. darstellte.

Der Beitrag von Ines Sonder stellt die Lebenswege der drei Schwestern Lotte (1893–1983), Helene (1882–1966) und Rosa Cohn (1890–1951) aus Berlin vor, die nach dem Ersten Weltkrieg zu den ersten Einwanderern nach Palästina gehörten. Lange Jahre engagierten sie sich in verschiedenen Organisationen und Funktionen als Pionierinnen am Aufbau Palästinas – als Architektin, Laborantin oder Betreiberin einer Pension. Als Akteurinnen zwischen Deutschland und Palästina prägten sie den modernen jüdischen Staat aktiv mit.

Biographische Angaben

Lisa Sophie Gebhard (Band-Herausgeber:in) David Hamann (Band-Herausgeber:in)

Lisa Sophie Gebhard studierte Geschichts- und Kulturwissenschaften in Berlin, Kiel und Mailand. Sie promoviert am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin über das vielseitige Lebenswerk des deutschen Zionisten Davis Trietsch (1870–1935). Seit 2015 arbeitet sie als Freie Lektorin im Hentrich & Hentrich Verlag für Jüdische Kultur und Zeitgeschichte. David Hamann studierte Neuere/Neueste Geschichte und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum und der Humboldt-Universität zu Berlin. Derzeit promoviert er am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin über jüdische Migration und den Hilfsverein der deutschen Juden. Seit 2010 arbeitet er als freiberuflicher Historiker in Berlin.

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Titel: Deutschsprachige Zionismen