Erkundungen eines europäischen Kulturraums: Deutschland, Polen und die Ukraine im zeitgenössischen literarischen Migrationsdiskurs
Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Abdeckung
- Titelblatt
- Copyright-Seite
- Inhaltsverzeichnis
- Einleitung (Ievgeniia Voloshchuk, Kirsten Möller, Ryszard Kupidura)
- Topografien Mittel- und Osteuropas aus der Migrationsperspektive
- „Aber genau daraus, aus nichts anderem als diesem Kuddelmuddel“. Navid Kermanis Blick auf Mittel- und Osteuropa (Marek Jakubów (Lublin))
- Heimisch werden in einem fremden Raum. Regionalgeschichte und Identitätsbildung aus der Sicht der Zugewanderten bei Monika Sznajderman und Piotr Oleksy (Anna Pastuszka (Lublin))
- Deutsche, polnische und ukrainische Stationen migrantischer Familiengeschichten
- Dinge im Dialog. Deutsche, polnische und ukrainische Kulturräume in Letzte Geschichten von Olga Tokarczuk und Katzenberge von Sabrina Janesch (Jolanta Pacyniak (Lublin))
- Galizisch-schlesisches Familienarchiv oder wie man familiäre Migrationserfahrungen erzählen kann (Magdalena Baran-Szołtys (Wien))
- Die Vermessung des europäischen Kulturraums in Natascha Wodins Sie kam aus Mariupol (Florian Gassner (Vancouver))
- Sehnsuchtsräume der Migration
- Lwiw als „persönliche Stadt“ im Roman Das Licht der Frauen von Żanna Słoniowska (Ryszard Kupidura (Poznań))
- Literarische Aufarbeitung der Migrationserfahrungen von Ukrainerinnen im Roman Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen von Natalka Sniadanko (Marta Kaczmarczyk (Lublin))
- Die Macht der Rückkehr: Familie, Trauma und Identität zwischen Ost und West bei Dmitrij Kapitelman und Lana Lux (Annabelle Jänchen (Ústí nad Labem / Bayreuth))
- Migrationserfahrungen zwischen utopischer Vergangenheit und dystopischer Zukunft
- „Das Land, wo die Seen sprechen und die Toten auferstehen …“ – Ermland in Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken (2008) von Artur Becker (Natalia Chodorowska-Jackiewicz (Toruń))
- Zwischen Feindseligkeit und Solidarität: „Fremde“ Migrant:innen im ukrainischen dystopischen Raum der 2010er Jahre (am Beispiel des Theaterstücks Hohe Auflösung von Dmytro Ternovyi und des Romans Die Rote Zone von Artem Chapeye) (Anna Ursulenko (Wrocław))
- Beiträgerinnen und Beiträger
- Namensindex
Einleitung
Der vorliegende Tagungsband entstand im Rahmen des Forschungsprojekts Erkundungen eines europäischen Kulturraums: Deutschland, Polen und die Ukraine im zeitgenössischen literarischen Migrationsdiskurs1, das in den Jahren 2021–2022 in einer Kooperation von Wissenschaftler:innen der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań mit Unterstützung der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung umgesetzt wurde. Kurz nach der Konferenz brach der Russisch-Ukrainische Krieg aus, der eine neue Zäsur in der europäischen Geschichte markiert hat. Der 24. Februar 2022 veränderte nicht nur die von Russland angegriffene Ukraine selbst, sondern auch Polen und Deutschland, die zu den wichtigsten Zufluchtsorten der ukrainischen Kriegsflüchtlinge wurden. Der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit verlagerte sich in allen drei Ländern von eher wirtschaftlich bedingten Migrationsbewegungen auf die Flucht vor Krieg. Angesichts dieser grundlegend veränderten politischen, kulturellen und öffentlichen Agenda standen wir als Herausgeber:innen vor der Frage nach möglichen Modifikationen des ursprünglichen Konzepts des Sammelbandes als einer auf wirtschaftlich bedingte Migrationserfahrungen fokussierten Publikation. Dennoch haben wir uns entschieden, die Beiträge so zu veröffentlichen, wie sie auf der Konferenz 2021 diskutiert wurden. Diese Entscheidung ist mit der Zielsetzung des genannten Forschungsprojektes begründet. Wir waren und sind bestrebt, genau jenes Forschungsspektrum zu Erkundungen des deutsch-polnisch-ukrainischen Raumes im zeitgenössischen literarischen Migrationsdiskurs zu vermitteln, das unsere Tagung am Vorabend des Ukraine-Krieges eingefangen hat. Darüber hinaus ist das Thema Migration – auch im Kontext der aktuellen Massenflucht von Ukrainer:innen nach Europa – nach wie vor von großer Relevanz im literarischen 8und öffentlichen Diskurs. Die literarische Darstellung der aktuellen ukrainischen Fluchtbewegung könnte Gegenstand eines eigenen Projekts sein, das ein eigenes Forschungsparadigma erfordert.

Der Sammelband greift Herausforderungen für Europa auf, die im Zusammenhang von massiven Migrationsbewegungen in Europa nach 1989 entstanden sind. Das neue Migration-Metanarrativ2 wird nicht zuletzt durch die Gegenwartsliteratur mitgestaltet, in der die exemplarischen (Auto-)Biografien von Migrant:innen, die Migrationserfahrungen verschiedener sozialer und ethnischer Gruppen sowie die (Verflechtungs-)Geschichten von Regionen und Ländern zum Ausdruck kommen. Der Band befasst sich mit einem Textkorpus, in dem die Migrationserfahrungen jener Bevölkerungsgruppen reflektiert werden, die zwischen Polen, Deutschland und der Ukraine wander(te)n. Den Gegenstand der Untersuchung bilden dabei die literarischen Repräsentationen der kulturellen Topografien dieser europäischen Region.
Zeitlicher Ausgangspunkt ist hier die sog. Wende 1989/1991, die u. a. einen neuen Bezugsrahmen für Migrationsbewegungen in Europa, auch in Deutschland, Polen und der Ukraine, setzte. Damit begann eine neue Phase der literarischen und literaturwissenschaftlichen Reflexion über Migration. Die sogenannte Migrationsliteratur3 (bzw. inter- und transkulturelle Literatur) wurde zunehmend als wichtiges Phänomen der Literaturszene betrachtet und etablierte sich zugleich als Forschungsfeld der Literaturwissenschaft.4
9Die untersuchte kulturelle Topografie umfasst Deutschland, Polen und die Ukraine. Dies liegt an der aktuellen Zunahme der Migrationsbewegungen zwischen diesen Ländern: So bildeten polnischstämmige Menschen vor dem russisch-ukrainischen Krieg – nach den türkischstämmigen – die zweitgrößte Gruppe mit Migrationserfahrung in Deutschland. Die ukrainische Diaspora in Polen umfasste bereits vor dem Krieg in der Ukraine mehr als eine Million Menschen, auch in Deutschland war die Zahl der ukrainischen Migrant:innen bereits vor 2022 deutlich angestiegen. Jede dieser Gruppen beeinflusst das politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben in den Aus- und Einwanderungsländern. Außerdem haben Migrationsbewegungen in diesem Teil Europas eine lange Geschichte, die stark durch die Nachbarschaft und (Verflechtungs-)Geschichte der genannten Länder geprägt ist. Eine nicht unwesentliche Rolle spielten dabei die mehrfachen Verschiebungen der Staatsgrenzen wie z. B. bei den Teilungen Polens zwischen dem Habsburger Reich, dem Russischen Zarenreich und dem Königreich Preußen oder im Zuge der Veränderungen der politischen Landkarten Deutschlands, Polens und der UdSSR nach dem Zweiten Weltkrieg. Jede dieser Neukartierungen ging mit einer Veränderung der Diaspora und einer massiven Zunahme der Migrationsbewegungen einher. Eine solche Migrationsgeschichte, die durch Literatur vermittelt und reflektiert wird, ist ein wichtiger Bestandteil der vielfältigen kulturellen Landschaft dieser europäischen Region. Überdies lassen Migrations-, Remigrations- und Transmigrationsprozesse die Beziehungen zwischen Nachbarländern in einem neuen Licht erscheinen. Exemplarisch sei hier die Aussage des deutsch-polnischen Schriftstellers Artur Becker zitiert: „Ich gehe gegen Stereotype und Vorurteile vor und möchte zeigen, dass weder Polen noch Deutschland ohne seinen direkten Nachbarn im Westen und im Osten seine eigene Kultur, Sprache, Literatur begreifen kann.“5
Trotz der beeindruckenden Entwicklung, die die inter-/transkulturelle Literaturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten genommen hat, weist die Erforschung des literarischen Migrationsdiskurses noch viele Lücken und 10kontrovers diskutierte Fragen auf.6 Dazu gehört auch die regionale Spezifik einer solchen Literatur: Es besteht ein Bedarf an darauf ausgerichteten methodischen Zugängen, theoretischen Ansätzen, literaturgeschichtlichen Modellen, aber auch an systematisierenden Untersuchungen der Werke, die in unterschiedlichen kulturellen Kontexten entstanden und durch eine gemeinsame regionale Geschichte geprägt sind. In diesem Forschungsfeld bewegt sich der vorliegende Band. Er erprobt einen neuen Zugang zur Erforschung literarischer Migrationserfahrungen durch eine trikulturelle Perspektive, die sich zudem auf drei Aspekte bezieht: erstens, auf literarische Raumbilder Deutschlands, Polens und der Ukraine, zweitens, auf die mit diesen Ländern verbundenen literarischen Figuren der (Post-)Migrant:innen und schließlich drittens auf drei Sprachen (Deutsch, Polnisch und Ukrainisch), in denen die analysierten Texte verfasst wurden.
Die trikulturelle Perspektive verbindet sich im Tagungsband mit einem „osteuropäischen“ Schwerpunkt, der sich nicht nur in der Auswahl der zu analysierenden Texte, sondern auch in der Fokussierung der Untersuchung auf die osteuropäische Geschichte und die (mentale) Topografie Osteuropas manifestiert. Damit reiht sich die vorliegende Veröffentlichung in die Forschungen zum Eastern Turn7 ein, die sich mit den Werken von Autor:innen „osteuropäischer Herkunft“ in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur auseinandersetzen. Auch in diesem Forschungsgebiet besteht – trotz des zunehmenden Interesses von Geisteswissenschaftler:innen aus verschiedenen Disziplinen – weiterhin ein deutlicher Mangel an einschlägigen Untersuchungen.8
11Besonders auffällig ist das Forschungsdesiderat in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den deutschsprachigen Gegenwartsautor:innen, deren Biografien oder Familiengeschichten mit dem ukrainischen Raum (einschließlich der Gebiete, die im 20. Jahrhundert zu Polen, Österreich-Ungarn, dem Russischen Reich/der UdSSR gehörten) verbunden sind.9 Bemerkenswerterweise wurden diese Autor:innen in Überblicksdarstellungen vornehmlich generalisierend als postsowjetische Schriftsteller:innen betrachtet.10 Erst seit kurzem werden sie gesondert als Vertreter:innen einer ukrainisch-deutschen Literatur11 eingeordnet, zu der aber bislang immer noch wenig Untersuchungen geliefert wurden. Noch weniger entwickelt ist die Forschung zu 12literarischen Darstellungen von Migrationserfahrungen mit Bezug zur Ukraine in der polnischen und ukrainischen Literatur. Einzelne Beiträge dazu zeugen explizit davon, dass dieses Thema Literaturwissenschaftler:innen noch eher selten interessiert.12
Das Werk polnischstämmiger Autor:innen in Deutschland gehört hingegen zu den vorrangigen Forschungsfeldern der inter- und transkulturellen Literaturwissenschaft. In den letzten Jahrzehnten ist eine Reihe von Monografien, Sammelbänden und Aufsätzen zu diesem Schwerpunkt erschienen.13 Gleichwohl besteht auch hier noch erhebliches Entwicklungspotenzial. So konstatiert Renata Makarska, dass eine gemeinsame Betrachtung der 13deutsch- und polnischsprachigen Migrationsliteratur im deutsch-polnischen Kontext „schon lange fällig“14 sei.
Der vorliegende Band ist eine Antwort auf diese Lücken. Er setzt sich zum Ziel, anhand von repräsentativen Texten, die zwischen 1989 und 2022 in unterschiedlichen sprachlich-kulturellen Kontexten entstanden sind und Migrationsbewegungen zwischen Deutschland, Polen und der Ukraine thematisieren, die kulturellen Modelle und ästhetischen Strategien zu untersuchen, die zur literarischen (Neu-)Kartierung dieser europäischen Region herangezogen werden. Dabei geht der Sammelband folgenden zentralen Fragen nach: 1) Wie wird der deutsche, polnische und ukrainische Raum aus der Perspektive der Migration (neu)kartiert? 2) Wie manifestieren sich inter- und transkulturelle Wechselwirkungen, einschließlich der gegenseitigen Beeinflussung und Konfrontation kultureller Traditionen, in literarischen Darstellungen von Migrationserfahrungen? 3) Welchen Einfluss nehmen intergenerationelle Beziehungen auf die (post)migrantischen Erkundungen des Kulturraums (z. B. die zwischen verschiedenen Generationen ukrainischer Migrant:innen in Polen oder polnischer Migrant:innen in Deutschland)?
Details
- Seiten
- 264
- Erscheinungsjahr
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631893883
- ISBN (ePUB)
- 9783631893890
- ISBN (Hardcover)
- 9783631893876
- DOI
- 10.3726/b23565
- Open Access
- CC-BY
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2026 (Oktober)
- Schlagworte
- Border Studies Europe Studies Verflechtungsgeschichte Identitätsentwürfe Inter- und Transkulturalität kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft Reiseliteratur Familiengeschichte Grenzüberschreitungen literarischer Migrationsdiskurs
- Erschienen
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 264 S.
- Produktsicherheit
- Peter Lang Group AG