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Das vergessene 19. Jahrhundert

Adlige Lebenswelten in der Pfalz

von Jonas Burkei (Autor:in)
©2026 Dissertation 582 Seiten

Zusammenfassung

Die Arbeit untersucht in Form einer qualitativen Kollektivbiografie die Lebenswelt von Adligen in der bayerischen Pfalz zwischen 1816 und 1914. Sie geht der Frage nach, ob nach der französischen Zeit eine Adelslandschaft in der Pfalz entstand, und beleuchtet, wie sich Adlige in einer Region gesellschaftlich positionierten, in der sie früher als anderswo keine rechtliche Sonderstellung mehr besaßen. Gerade diese Besonderheit machte die Pfalz im 19. Jahrhundert zu einem Laboratorium für die Herausforderungen, mit denen sich der Adel in der Moderne konfrontiert sah. Anhand der Sozialtheorie von Pierre Bourdieu analysiert die Studie das kulturelle, soziale, ökonomische und symbolische Kapital der Adligen. Vor dem Hintergrund der starken liberalen Bewegung in der Pfalz im 19. Jahrhundert fragt die Arbeit zudem nach der politischen Positionierung des Adels in der Region.

Inhaltsverzeichnis

  • Abdeckung
  • Titelblatt
  • Copyright-Seite
  • Inhaltsverzeichnis
  • Danksagung
  • Kapitel 1 Einleitung
  • 1.1 Erkenntnisinteresse
  • 1.2 Theorie und Methode
  • 1.3 Quellen
  • Kapitel 2 Nobilitiertes Bürgertum
  • 2.1 Herkunft und Bildung
  • 2.2 Hintergrund der Nobilitierungen
  • 2.3 Politische Haltung und Verhaltensweisen
  • 2.4 Finanzielle Ressourcen
  • 2.5 Soziale Kontakte und Netzwerke
  • 2.6 Praktische Auswirkungen der Nobilitierung
  • 2.7 Selbstdarstellung und Wahrnehmung in der pfälzischen Bevölkerung
  • Kapitel 3 Ur- und briefadlige Familien
  • 3.1 Familiäre Tradition und Bildungswege
  • 3.2 Berufsfelder
  • 3.3 Politische Prägungen
  • 3.4 Ökonomische Verhältnisse
  • 3.5 Adlige Netzwerke und Heiratsstrategien
  • 3.6 Adligkeit im Alltag
  • 3.7 Adligkeit im gesellschaftlichen Kontext
  • Kapitel 4 Fazit
  • Quellen- und Literaturverzeichnis
  • Quellen
  • Bistumsarchiv Speyer (BASP)
  • Hauptstaatsarchiv München (BayHStAM)
  • Landesarchiv Saarbrücken (LAS)
  • Landesarchiv Speyer (LASP)
  • Staatsarchiv Darmstadt (HStAD)
  • Staatsbibliothek München (SM)
  • Stadtarchiv Kaiserslautern (StAKL)
  • Zeitungen
  • Gedruckte Quellen
  • Literatur
  • Personen- und Ortsregister
  • Personenregister
  • Ortsregister

Danksagung

Die vorliegende Publikation stellt eine leicht überarbeitete und gekürzte Fassung meiner Dissertationsschrift dar, die im Jahr 2024 vom Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz angenommen wurde.

Mein erster Dank gilt apl. Prof. Dr. Markus Raasch. Auf ihn geht nicht nur das Thema der Arbeit zurück, sondern er war es auch, der mich nach meiner Masterarbeit dazu ermutigt hat, das Projekt einer Dissertation anzugehen. Er hat meine Arbeit nicht nur stets sorgfältig und weit über das gewöhnliche Niveau hinaus betreut, sondern sie durch seine kritischen, aber immer konstruktiven Anmerkungen auch regelmäßig bereichert. Einen besseren Doktorvater hätte ich mir nicht wünschen können. Mein Dank gilt ebenso meinen anderen drei Gutachtern, PD Dr. Bernhard Dietz, Prof. Dr. Matthias Schnettger und Prof. Dr. Michael Kißener, sowie allen weiteren Personen, die mir auf Kolloquien oder anderswo Anregungen für meine Arbeit gegeben haben. Den Herausgebern der Reihe „Transformationen – Differenzierungen – Perspektiven“ danke ich für die Aufnahme.

Zu Dank verpflichtet bin ich außerdem allen Archiven und Einrichtungen, die mir bei meinen Recherchen geholfen haben. Hervorheben möchte ich insbesondere das Landesarchiv Speyer und das Bistumsarchiv Speyer, deren Unterstützung weit über das Erwartbare hinausging. Mein herzlicher Dank gilt auch dem Leiter des Stadtarchivs Mainz, Prof. Dr. Wolfgang Dobras, sowie dem Leiter des Stadtarchivs Wiesbaden, Dr. Peter Quadflieg. Ohne formell in mein Dissertationsprojekt eingebunden gewesen zu sein, haben sie mir dennoch während meiner Tätigkeiten in den beiden Archiven durch regelmäßige interessierte Nachfragen geholfen, mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Ihnen verdanke ich es maßgeblich, dass ich nun meinem lange gehegten Wunsch des Archivreferendariats nachgehen kann.

Mein ganz besonderer Dank gilt den „Mainzer Doks“. Ohne die tatkräftige fachliche und moralische Unterstützung von Kathrin Kiefer, Miriam Breß, Jeremias und Sarah Fuchs, Julia Kreuzburg und Verena Lemke-Schmehl wäre diese Arbeit möglicherweise niemals entstanden. Sie haben nicht nur regelmäßig Teile der Arbeit gelesen und mit mir diskutiert, sondern dabei auch immer wertvolle Impulse gegeben.

Mein letzter Dank gilt meiner Mutter Regina Stock, die mich auf meinem Weg durch das Studium bis zur Promotion stets unterstützt hat.

Marburg, im September 2025

KAPITEL 1 Einleitung

1.1 Erkenntnisinteresse

In Bayern habe es „wohl noch zu dem ehemaligen Adel gehörige Familien, aber keinen Adel mehr“ gegeben.1 Diese Aussage von Franz Wilhelm Freiherrn von Asbeck während einer Sitzung des Geheimen Rats 1810 oder 1811 bezog sich nicht auf eine Abschaffung des Adelsstands. Vielmehr drückte sie die Sicht eines adligen bayerischen Beamten auf den Zustand des Adels und dessen Zersplitterung in eine heterogene Gruppe im Übergang zur Moderne aus. Die Pfalz schloss er in seine Aussage freilich noch nicht einmal mit ein, wurde sie doch erst wenige Jahre später überhaupt Teil des bayerischen Königreichs. Wenn Franz Wilhelm Freiherr von Asbeck jedoch schon für die Lage von Adligen in Bayern dieses Niedergangsbild zeichnete, hätte ihn die Situation links des Rheins nur umso mehr am Fortbestand des Adelsstands zweifeln lassen. Durch die französische Herrschaft waren Adlige enteignet worden und größtenteils über den Rhein geflohen sowie rechtlich mit dem Bürgertum gleichgestellt. Aus der Sicht eines Adligen, der zur Zeit des Alten Reichs sozialisiert worden war, konnte dies nur einem Ende gleichkommen. Der Beginn des 19. Jahrhunderts bedeutete jedoch weder in Bayern noch in der Pfalz das Ende des Adels, seiner Lebensweise und seinem Einfluss.

Trotz teilweise bis heute noch wegweisender Studien der 1960er und 1970er Jahre wurde adliges Leben im 19. und 20. Jahrhundert bis in die 1980er Jahre hinein von der Geschichtsforschung nur selten thematisiert.2 Zudem unterschätzten ältere Untersuchungen die Anpassungs- und Beharrungskraft von Adligen, die trotz ihres Verlusts an rechtlichem und sozialem Vorrang weiterhin ein bedeutender Teil der Gesellschaft blieben. Die Forschung richtete ihren Blick vielfach auf das Bürgertum, dem sie zumindest teilweise die Fähigkeit eines fundamentalen inneren Wandels und damit die Möglichkeit zu einer führenden Rolle auf dem Weg in eine moderne Gesellschaft zuschrieb.3 Die wenigen Studien der Adelsforschung thematisierten häufig den zahlenmäßig dominierenden preußischen Adel und wurden ohne Fundierung auf den Adel im deutschen Süden und Südwesten übertragen. Die Forschung beachtete nicht, dass dieser über andere Voraussetzungen und Lebensumstände verfügte.4 Dadurch verfestigten sich die Bilder des adligen Junkers und des (preußischen) Offiziers als Leitbilder für den Adel in den deutschen Staaten. Die ältere Adelsforschung zeichnete mit Blick auf den adligen preußischen Offizier das Bild eines deutschen „Sonderwegs“, der durch die Beharrungskraft des Adels und den Kampf um das „Obenbleiben“ (R. Braun) zu einem „Hineinrutschen in das Dritte Reich“5 geführt hätte.6

Erst seit den späten 1980er Jahren hat die Adelsforschung ihre Perspektive zunehmend kulturwissenschaftlich erweitert und damit die Grundlage für einen adelshistorischen Boom gelegt. Das Interesse erstreckte sich nun auch auf soziale Praktiken und kollektive Erfahrungen, wodurch die älteren Arbeiten von Gollwitzer und Reif neue Beachtung fanden und zahlreiche Studien über Adel in der Moderne erschienen. Dazu gehören Überblickswerke,7 Monografien8 und eine Vielzahl von Sammelbänden und Aufsätzen9. Sie stellten durch ihre inhaltlich-methodische Vorgehensweise sowie regionale Tiefenschärfung den Anschluss an die Fragen und Probleme der Geschichtsforschung her.10 Den transnationalen Charakter des Adels berücksichtigte die Forschung in vergleichenden Studien, die sich nicht nur innerhalb des deutschen Raums bewegten, ebenfalls.11 Dabei nahm die Historiografie unterschiedlichste Aspekte in den Blick und zeigte das breite Spektrum auf, welches adliges Leben in der Moderne ausmachte. Bedient wurden Themen wie die angepasste Herrschaftsausübung über Land und Leute,12 die Rolle in der Politik13 sowie die Ausübung adliger Kulturtraditionen, die sich zugleich in der Berufswahl niederschlug,14 oder neue Themengebiete wie adliges Unternehmertum.15 Der Übergang von einer Stände- zu einer Klassengesellschaft sowie das Verhältnis zum gehobenen Bürgertum wurden ebenfalls ausgiebig von der Forschung berücksichtigt.16 Ein besonderes Interesse lag auf dem Verhältnis von Adel und Nationalsozialismus.17 Die Studien relativierten ältere Thesen der Adelsforschung und haben gezeigt, dass der „Defensivkampf“ des Adels18 nicht nach alten Mustern, sondern in einer „kreativen Anpassung an die Verhältnisse der nachständischen Gesellschaft“ stattfand und es keinen deutschen „Sonderweg“ gab.19 Die Forschungen zu Adel in der Moderne haben zudem deutlich gemacht, dass es „den Adel“ überhaupt nicht gibt bzw. es ihn auch nie gegeben hat. Demnach sind „soziale, territoriale, konfessionelle, standes- und erbrechtliche interne Differenzierungen innerhalb des ‚Adels‘“ notwendig, um das „differenzierte Bild vielfältigster Adelswirklichkeiten in Deutschland“20 wiedergeben zu können. Dieser Differenzierung nimmt sich die vorliegende Studie an, indem sie die Lebensweise von Adligen in der deutschen Region untersucht, die als erste dauerhaft von der Abschaffung ständischer Sonderrechte betroffen war und zum Laboratorium für all jene Anpassungen wurde, die Adlige spätestens nach 1918 überall in der dann gegründeten Weimarer Republik leisten mussten. Der Blick auf den Adel in der Pfalz im 19. Jahrhundert bietet eine Vorschau auf Handlungsspielräume und -optionen von Adel in einer bürgerlich geprägten Moderne, wie sie sonst keine deutsche Region zu leisten vermag. Die Untersuchung der Positionierung von Adligen in der durch ein starkes liberales Bürgertum geprägten Pfalz sowie während des Hambacher Fests 1832, der Revolution von 1848 und des Pfälzer Aufstands 1849 erweitert zudem das Verständnis der Rolle von Adligen für die primär bürgerliche Demokratiebewegung des 19. Jahrhunderts. Dadurch eröffnet sich eine neue Perspektive auf die deutsche Demokratiegeschichte des 19. Jahrhunderts. Ebenso liefert die Studie neue Erkenntnisse für die pfälzische Gesellschaftsgeschichte. So gelten die Pfalz und ihr liberales Bürgertum im 19. Jahrhundert in Abgrenzung zu feudal strukturierten Regionen gemeinhin als Vorreiter einer modernen Gesellschaft. Dem liegt vielfach die Annahme zugrunde, dass es eine klare Trennung zwischen Bürgertum und Liberalismus auf der einen Seite und Adel und Konservativismus auf der anderen gab, welche die Forschung jedoch längst in dieser pauschalen Form widerlegt hat.21

Der zeitliche Rahmen der Arbeit vom Beginn der Zugehörigkeit der Pfalz zum Königreich Bayern 1816 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 ergibt sich aus dem historischen Kontext. Die Revolutionskriege am Ende des 18. Jahrhunderts stellen eine Zäsur für die Adelsgeschichte und insbesondere die der Pfalz dar. Im Zuge der Kriege wurde das gesamte linksrheinische deutsche Gebiet von französischen Revolutionstruppen besetzt. Die meisten Adligen flohen vor den Franzosen über den Rhein. Ihr Besitz wurde beschlagnahmt und anschließend versteigert. Im Zuge der französischen Besatzung wurden Adelsprivilegien und Feudalabgaben im linksrheinischen Gebiet und somit auch in der Pfalz abgeschafft. Die Einführung des Code civil und die damit einhergehende Rechtsgleichheit aller Bürgerinnen und Bürger ungeachtet ihrer Klassenzugehörigkeit bedeutete für den Adel das Ende als privilegierter Stand, für den gesonderte Rechte gegolten hatten und der sich darüber als übergeordnete gesellschaftliche Gruppe definiert hatte.22

Die Verhältnisse im rechtsrheinischen Teil der ehemaligen Kurpfalz hatten sich ebenso deutlich verändert. An die Stelle des Mannheimer Hofs rückte auch dort ein erstarktes Bürgertum, das das gesellschaftliche Leben in der Stadt fortan maßgeblich bestimmte. Eine „unbestrittene Vorrangstellung des Adels“, wie sie Lothar Gall für die Zeit von Kurfürst Karl Theodor zusammen mit einer „Dominanz von hoher Beamtenschaft und Militär und ihres adligen und bildungsbürgerlichen Umfelds“ konstatierte, löste sich mehr und mehr auf.23 Im Gegensatz zur linksrheinischen Pfalz handelte es sich hier jedoch um eine Folge des Verlusts des Hofs und keine gesetzliche Gleichstellung, die die Stadtgesellschaft wandelte. Zugleich verweist der kurpfälzische Hof auf einen weiteren wichtigen Umstand: Wenngleich Adel dort eine größere gesellschaftliche Bedeutung besaß, handelte es sich nicht um eine Dominanz von grundbesitzendem, landständigem Adel. Hohe Beamtenschaft und Militär beinhalteten eine große Gruppe sozialer Aufsteiger, die führende Rollen einnahmen, während es auf dem Gebiet der späteren bayerischen Pfalz schon Ende des 18. Jahrhunderts lediglich noch zwei niederadlige Geschlechter gab, die bis in das Spätmittelalter zurückreichten, und sich das Gebiet schon vor dem 19. Jahrhundert durch eine „außergewöhnliche Dynamik“ auszeichnete.24 Eine Tradition bedeutender städtischer Patrizierfamilien gab es im Vergleich zu anderen Regionen ebenfalls nicht, wenngleich Residenzstädte wie Zweibrücken über eine gewisse Kontinuität unter den ansässigen Adelsfamilien verfügten. Das Gebiet der bayerischen Pfalz bestand überdies aus einer ganzen Reihe von ehemaligen Herrschaften und wies eine zutiefst heterogene geschichtliche Struktur auf. Wenngleich die ehemaligen Gebiete der Kurpfalz und Pfalz-Zweibrückens den größten Teil des neuen bayerischen Kreises ausmachten, waren es insgesamt nicht weniger als 44 ehemals reichsunmittelbare Gebiete, die nun zu einer Einheit zusammengefasst wurden. Nicht umsonst erhielt die Pfalz erst 1838 diesen Namen, nachdem sie zuvor nur entsprechend ihrer Eingliederung in das System der bayerischen Kreise als „Rheinkreis“ bezeichnet worden war. Die Pfalz musste zu Beginn des Jahrhunderts zunächst einmal selbst zu einem Gebiet verschmelzen und nicht nur in das Königreich Bayern integriert werden. Ähnlich erging es auch den anderen Gebieten, die im 19. Jahrhundert dem bayerischen Königreich zugeordnet wurden und die ebenfalls, wie Andreas Kraus für die Anfangszeit der Regierung von König Ludwig I. konstatierte, zu diesem Zeitpunkt „mit dem alten Bayern nicht wirklich zusammengewachsen“ waren.25

Der Integrationsprozess verlief auf sämtlichen Ebenen schleppend. Das betraf die gesellschaftliche Integration ebenso wie die wirtschaftliche. Diese Ausgangslage bedeutete, dass selbst in Rückbesinnung auf die Zeit des Alten Reichs keine homogene Adelsgruppe in dem Gebiet existierte, auf der adliges Leben hätte aufbauen können. Die Akzeptanz der Zugehörigkeit zum bayerischen Königreich wuchs erst aus einem Gefühl der Rolle als „Wächter am Rhein“ gegenüber Frankreich nach der Reichsgründung 1871,26 was insbesondere den Blick der Bevölkerung auf die (adligen) Beamten aus dem rechtsrheinischen Bayern beeinflusste. Gemeinsam hatten die ehemals französischen linksrheinischen Gebiete, die nun zum Königreich Bayern gehörten, zunächst lediglich ihre Rechtslage, die auf der französischen Herrschaft beruhte und eine fortschrittliche Bürgergesellschaft im Gegensatz zu der feudalistischen Struktur im rechtsrheinischen Bayern repräsentieren sollte.27 Diese Einschätzung von Heiner Haan ist noch immer aktuell und spiegelt sich in der Forschung zur pfälzischen Gesellschaftsgeschichte wider. Arbeiten zum pfälzischen Bürgertum, die mannigfaltig erschienen sind, haben nur selten überhaupt versucht, den Adel mit einzubinden28 und bilden den Forschungsstand zur pfälzischen Gesellschaftsgeschichte.29 Demgegenüber behauptete die Geschichtsschreibung dort immer wieder, dass das pfälzische Gebiet „[…] zu einem Land ohne Adel“30 geworden sei, und erklärte so die Stärke des Bürgertums und der damit verbundenen liberalen Bewegung in der Pfalz, ohne die Anwesenheit und vor allem den Einfluss der nobilitierten Aufsteigerfamilien und hohen Beamten sowie altadliger Beamten aus dem rechtsrheinischen Teil des Königreichs je substantiell vermessen zu haben.31 Dabei sind (heimatgeschichtliche) Studien, insbesondere biografische Arbeiten, zu nobilitierten Bürgerlichen und Adligen in der Pfalz schon seit dem 19. Jahrhundert und bis in die heutige Zeit mannigfaltig verfasst worden. Sie richteten ihren Blick jedoch stets rein auf das Wirken einer Person oder Familie, ohne deren Zugehörigkeit zum Adel und die damit verbundene Bedeutung für die pfälzische Gesellschaftsgeschichte angemessen zu thematisieren oder zu reflektieren.32 Lediglich die neusten Forschungen haben sich dem Thema angenähert, eine Anwesenheit von Adel und dessen gesellschaftliche Relevanz nicht mehr kategorisch ausgeschlossen und eine kritische Betrachtung vor dem Hintergrund einer sich verändernden adligen Lebenswelt in der Moderne gefordert.33

Der Begriff der „Lebenswelt“ soll in dieser Arbeit im soziologischen Sinne verstanden werden. Er geht auf Edmund Husserl zurück, der damit die unhinterfragte Grundlage sowohl im alltäglichen Denken und Handeln wie auch in der wissenschaftlichen Arbeit bezeichnet.34 Auf dieser Basis wurde der Begriff von seinem Schüler Alfred Schütz soziologisch weiterentwickelt. Sein posthum von Thomas Luckmann vervollständigtes Werk „Strukturen der Lebenswelt“35 baut auf dem Begriff Husserls auf. Schütz versucht, „Wirklichkeit so zu beschreiben, wie sie in subjektiven Bewußtseinsleistungen konstituiert wird“, wobei eine so verstandene Phänomenologie nur das Fundament für das Erklären der Sozialwelt, nicht jedoch das Erklären selbst ist.36 Daher kann sie zugleich einen methodischen Rahmen für eine wissenschaftliche Untersuchung bieten. Auch wenn prinzipiell jeder Mensch seine eigene Lebenswelt konstruiert, ist sie faktisch nur bedingt einzigartig, da ähnliche Voraussetzungen zu einer ähnlichen Lebenswelt führen.37 Darin liegt der Wert des Begriffs für die vorliegende Studie, indem die Lebenswelt zwar subjektiv erfahren wird, die zu untersuchenden Dimensionen durch vergleichbare Voraussetzungen aber definierbar sind. Die Arbeit konzentriert sich auf die „alltägliche Lebenswelt“, also das, worin jeder Mensch vorwissenschaftlich und unausweichlich in regelmäßiger Wiederkehr wirkt und was er nicht nur erlebt, sondern auch durch den Einsatz seiner Person verändern und formen kann. Es wird darunter gemäß Schütz und Luckmann „jener Wirklichkeitsbereich verstanden […], den der wache und normale Erwachsene in der Einstellung des gesunden Menschenverstandes als schlicht gegeben vorfindet“, wobei schlicht gegeben alles ist, was der Mensch fraglos erlebt.38 Daran schließt auch die Weiterentwicklung des Begriffs von Jürgen Habermas an. Nach Habermas weist die Lebenswelt drei entscheidende Eigenschaften auf: Sie ist fraglos gegeben und kann deshalb nicht problematisch werden, sondern höchstens zusammenbrechen, sie verdankt ihre Gewissheit „einem in die Intersubjektivität sprachlicher Verständigung eingebauten sozialen Apriori“ und sie ist nicht transzendierbar, weshalb die Lebenswelt „Handlungssituationen in der Art eines vorverstandenen, aber nicht angesprochenen Kontextes“ begrenzt.39

Der geografische Rahmen der vorliegenden Arbeit ist das Gebiet der bayerischen Pfalz in seinen festgelegten Grenzen. Als „Pfalz“ ist damit in der vorliegenden Arbeit das Gebiet gemeint, das seit 1816 als „Rheinkreis“ und später als „Pfalz“ einen Kreis des Königreichs Bayern bildete. Aufgrund der veränderten territorialen Zugehörigkeiten nach dem Wiener Kongress spielen ältere geografische Zugehörigkeiten aus kurpfälzischer Zeit keine Rolle. Die Pfalz bildete innerhalb des Königreichs Bayern in Bezug auf die Adelsrechte ein eigenes Rechtsgebiet und unterschied sich damit zu Beginn ihrer Zugehörigkeit grundlegend vom übrigen Königreich. Diese Sonderstellung glich sich in der Folge über den Untersuchungszeitraum hinweg langsam an, ohne dass es vor dem Ende des Deutschen Kaiserreichs eine völlige Angleichung gab. Die Pfalz war somit ein Laboratorium für die Situation, mit der sich Adel spätestens mit der Abschaffung seines Stands in der Weimarer Republik, aber auch schon mit der Eingrenzung seiner Standesrechte im Zuge der Revolution von 1848/49 konfrontiert sah. In der bayerischen Pfalz fand er diese Situation gut einhundert Jahre früher vor und stand sämtlichen Entwicklungen auf einmal gegenüber, die seine Standesgenossinnen und -genossen in anderen Gebieten Stück für Stück hinnehmen mussten. Der Adel begegnete auf einen Schlag der Herausforderung, sich in einer Gesellschaft ohne Adelsrechte positionieren zu müssen und dort seine gesellschaftliche Stellung zu behaupten und als soziale Gruppe weiter zu existieren.

Die Abschaffung der Standesrechte hatte auf die Gruppen innerhalb des Adels verschiedene Effekte. Auch im restlichen bayerischen Königreich hatten die rechtlichen Veränderungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts und in dessen Verlauf unterschiedliche Auswirkungen auf die Adligen. So traf die Säkularisation insbesondere die Reichsritterschaft, während sie vom materiellen Standpunkt aus für einen Teil des altbayerischen Adels sogar von Vorteil gewesen sein kann. Durch die Abschaffung der Adelsprivilegien besaßen Adlige in der Pfalz keine standesherrlichen Rechte mehr. Im Gegensatz zum rechtsrheinischen Bayern, wo sich diese Entwicklung erst langsam im Laufe des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Adelsstands 1918 vollzog und der Adel zunächst noch über die gutsherrlichen Rechte, die Sonderrechte in Haus- und Erbschaftsangelegenheiten, also beispielsweise die Möglichkeit von Fideikommissen, seinen privilegierten Gerichtsstand sowie die Siegelmäßigkeit und das Kadettenprivileg verfügte, mussten Adlige in der Pfalz darauf verzichten.40 Eine Ausübung traditioneller standesherrlicher Gewohnheiten war nicht möglich. Die verbliebenen Rechte im rechtsrheinischen Bayern unterlagen ebenfalls Veränderungen. Die Ausübung war den Landesgesetzen unterworfen und zudem galten auch für die Patrimonialgerichte, aber auch für Schulen und Kirchen Normen, die für die Anstellung erfüllt sein mussten. Außerdem erfolgte eine Trennung privater und öffentlicher Finanzen, die sowohl bei den ehemaligen Reichsrittern wie auch den Standesherren zu einem Verlust an Einkommen führten. Im rechtsrheinischen Bayern gab es im 19. Jahrhundert ebenfalls keine Rechte mehr, die dem alten Adel allein zugestanden hätten. Den privilegierten Gerichtsstand, die Siegelmäßigkeit und das Kadettenprivileg teilten sie sich mit den nobilitierten Beamten, die damit wichtige Merkmale des Adelsstands erhielten. Politischen Einfluss hatte der Adel in Bayern im 19. Jahrhundert noch in großem Maße. Die bayerischen Standesherren konnten durch ihren Sitz in der Kammer der Reichsräte erheblichen politischen Einfluss ausüben. Die Pfalz war dort aufgrund ihrer Sozialstruktur lediglich unter den vom König ernannten lebenslänglichen Reichsräten vertreten. Diese durften wiederum höchstens ein Drittel der Stärke der erblichen Reichsräte erreichen. In der zweiten Kammer war ein Achtel der Sitze für adlige Gutsherren vorgesehen, sodass auch diese Gruppe über ein hohes Maß an Repräsentation in der bayerischen Ständeversammlung bzw. dem Landtag verfügte, ohne dass ein Vertreter der Pfalz dieser Gruppe angehörte.

Ein „bayerischer“ Adel ist auch im rechtsrheinischen Bayern im Verlauf des 19. Jahrhunderts nicht entstanden. Vielmehr gab es dort ebenso eine heterogene Gruppe von altbayerischem grundherrlichem Adel, adligen Patrizierfamilien der ehemaligen Reichsstädte und Reichsrittergeschlechtern in Schwaben und Franken sowie die mediatisierten Standesherren, die wiederum nur einte, dass sie alle dem Beamtenadel kritisch gegenüberstanden.41 Die Nobilitierung verdienter Beamter verlief in verschiedenen Abstufungen und verlor zunehmend an formaler Bedeutung. Während die Beamtenschaft in Kurbayern noch mit einem erblichen Adelstitel ausgestattet wurde, der die Familie des Nobilitierten mit einschloss und an die Nachkommen weitergegeben wurde, erhielten diese seit 1812 nur noch einen „Transmissionsadel“ verliehen, der sich mit königlicher Bewilligung auf einen Sohn vererbte. Neben dem 1806 gestifteten Militär-Max-Joseph-Orden wurden auch die Träger des seit 1808 existierenden Zivilverdienstordens der bayerischen Krone seit Ende 1812 in diesen Adelsstand erhoben. Da die nobilitierte Beamtenschaft nur in den wenigstens Fällen über erhebliche Ländereien verfügte, sollte damit die Verbindung von Adel und Grundbesitz gestärkt werden. In der Folge wurde seit 1818 in diesen Fällen sogar nur noch ein nicht vererbbarer persönlicher Adelstitel verliehen. War schon der Beamtenadel in Kurbayern in der Hierarchie des Adels als minderwertig angesehen worden, galt dies für den persönlichen Adelstitel umso mehr. So äußerte sich Gustav Freiherr von Lerchenfeld zeitgenössisch zum Adelsstand als demjenigen, den es zu erreichen galt, „wollte man überhaupt etwas gelten“, und kritisierte die damit einhergehenden „zahllosen[n] Adelscompetenten und Pseudoadlige[n]“.42 Wenngleich das nobilitierte Bürgertum des 19. Jahrhunderts so insbesondere in der Welt des Adels weit von einer Gleichrangigkeit entfernt war, hatte es dennoch einen erheblichen Anteil am Adel in dieser Zeit. Ein Spannungsverhältnis zwischen dem Adel und anderen Schichten war nicht neu, wobei das bäuerliche Patriziat im Vergleich zum aufstrebenden Bürgertum im 18. Jahrhundert nicht als direkte Konkurrenz angesehen wurde.43

Voraussetzung für die formale Zugehörigkeit zum bayerischen Adelsstand war die Aufnahme in die bayerische Adelsmatrikel.44 In diese mussten sich Adlige im bayerischen Königreich gemäß Edikt vom 28. Juli 1808 eintragen lassen, um von staatlicher Seite aus als adlig zu gelten. Die Anerkennung des Adelstitels oblag damit dem bayerischen König, der die von den alten Adelsgeschlechtern als „Geburtsrecht“ angesehene Zugehörigkeit nun offiziell bestätigen musste. Die Adelsmatrikel dient als erste Grundlage, welche Familien für die vorliegende Arbeit als Adelsfamilien zu behandeln sind. Darüber hinaus werden auch Adelsfamilien Teil der Arbeit sein, die sich nicht in die bayerische Adelsmatrikel eintragen ließen. Ohne adlige Sonderrechte war die offizielle Anerkennung des Adelstitels in der Pfalz weitaus weniger bedeutsam als im rechtsrheinischen Bayern. Insbesondere handelt es sich dabei um Adelsfamilien aus anderen deutschen Staaten oder dem Ausland und hier zumeist aus Frankreich. Eine weitere Ausnahme bildeten die Personaladligen, die sich erst seit 1880 immatrikulieren mussten und ebenfalls ohne Eintragung in der Adelsmatrikel Teil der Untersuchung sein können. Als Adlige gelten in dieser Arbeit somit Personen, die einen in irgendeiner Form anerkannten Adelsnamen trugen. Der Blick auf die Bestimmungen zur Adelsmatrikel verdeutlicht zudem die zeitgenössische (staatliche) Sicht auf adlige Familien innerhalb der Pfalz: Die Immatrikulation war für Adlige in der Pfalz erst durch die Verordnung König Ludwigs I. vom 12. Juli 1830 verpflichtend45 und während im rechtsrheinischen Bayern die Kreise jährlich ihre Berichte zur „Evidenthaltung der bayerischen Adelsmatrikel“ an das Heroldenamt schicken mussten, galt diese Pflicht für die Pfalz erst ab 1876.46

Die in dieser Arbeit untersuchten Familien stammten nicht aus dem regierenden hohen Adel. Es handelt sich bis auf wenige Ausnahmen um niederen Adel. Selbst gräfliche Familien kommen nur selten vor und sind als solche dann lediglich in Seitenlinien vertreten. Damit erstreckt sich die vorliegende Untersuchung auf die Mehrheit des Adels im 19. Jahrhundert.47 Der niedere Adel war jene Adelsgruppe, die zuerst mit der wachsenden Dominanz bürgerlicher Lebenswelt konfrontiert wurde und sich mit dieser Herausforderung auseinandersetzen musste. Der Fokus auf niederen, teilweise verarmt in der Provinz lebenden Adel eröffnet den Blick auf jene soziale Formation des Adels, die zwar nicht omnipräsent im Vordergrund stand, aber gegenüber hohem Adel deutlich in der Überzahl war. So wies schon Ewald Frie auf die Notwendigkeit hin, für die Frage nach Chancen und Beschränkungen von Adel in der nachständischen Gesellschaft den Blick auf verarmten Adel zu lenken, der den „Normalfall“ bildete, und plädierte dafür, „den Adel ‚von unten und von innen‘ [zu] untersuchen.“48 Indem der niedere Adel in der Pfalz nicht unmittelbar mit hochadligen Familien konkurrierte, eröffnet die vorliegende Studie eine weitere Perspektive auf die Entwicklungen nach 1918, als keine rechtlichen Unterschiede mehr zwischen den verschiedenen Adelsgruppen bestanden.

Das Ende des Untersuchungszeitraums bildet der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. Das Militär als einen der Bereiche, in dem Adlige weiterhin überproportional stark in Führungspositionen verwurzelt waren, tangierte der Krieg naturgemäß in hohem Maße. Die besondere Kriegssituation, die historische Rolle von Adligen im Kriegswesen und sein Kriegsbild sind ein eigenes Forschungsfeld, dessen Hintergründe hier nicht mehr in ausreichendem Maße beleuchtet werden können. Zugleich lag der Fokus im militärischen Kontext nicht mehr auf dem Spezifikum der Pfalz, sondern wurde durch den Krieg überlagert, sodass der Zeitraum eine eigene Untersuchung nötig macht.

Die Arbeit untergliedert zwischen Ur- und Briefadligen, die bis zum Ende des Alten Reichs ihren Adelstitel erhalten hatten, und den Nobilitierten des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Diese Unterscheidung ergibt sich aus der gesellschaftlichen Position dieser beiden Gruppen: Während die ältere Forschung noch die Annäherungsbemühungen der führenden bürgerlichen Schichten an den Adel betonte,49 hat Heinz Reif in seiner Untersuchung zum Adel im 19. und 20. Jahrhundert festgestellt, dass Adel und Bürgertum nicht zu einer neuen Führungsschicht zusammengewachsen waren und es im ganzen deutschen Gebiet „nicht zu einer einheitlichen, auf neue Elitenbildung ausgerichteten Nobilitierungsstrategie“ gekommen war.50 Die Notwendigkeit der Untersuchung beider Gruppen ergibt sich aus der Sozialstruktur des Adels in Deutschland zwischen 1816 und 1914 sowie dem Vergleich mit Frankreich, wo Adel ebenso wie in der Pfalz über keine Sonderrechte mehr verfügte. Nobilitierungen von Bürgerlichen fanden in der Moderne in einer Menge statt, die eine Untersuchung von Adel im Gesamten ohne sie unvollständig sein lässt. Zudem wirkten sie in Frankreich nach der Abschaffung der adligen Privilegien dauerhaft stärkend auf die Stellung des dortigen Adels51 und konnten für adliges Leben ohne Standesrechte ein wichtiger Faktor sein. Die Aufteilung entlang der Adelszugehörigkeit zu Zeiten des Alten Reichs oder in der Moderne erfolgt aufgrund der großen strukturellen Unterschiede, indem durch Mediatisierung und Säkularisation ein Umbruch der Lebensbedingungen vonstattenging. Die Arbeit ist trotzdem sensibel für die Unterschiede innerhalb der durch die Gliederung entstehenden Einteilung, indem sie stets reflektiert, ob die behandelte Person aus dem Uradel oder dem Beamtenadel des späten 18. Jahrhunderts stammte, und die unterschiedlichen Voraussetzungen zwischen Personaladligen und nobilitierten Familien des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts beachtet. Die hier vollzogene Aufteilung berücksichtigt in besonderem Maße, dass unter den Bedingungen des Alten Reichs die Nobilitierung einer Familie eine andere Ausgangslage bedingte, als dies im 19. Jahrhundert mit dem langsamen Verlust adliger Sonderrechte der Fall war. Da der Fokus der Untersuchung auf Auswirkungen durch regionale Umbrüche wegen der Französischen Revolution und der Auflösung des Alten Reichs liegt, findet eine weitere Untergliederung nicht statt. Außerdem handelte es sich auch bei den Angehörigen von Uradelsfamilien in der Pfalz im 19. Jahrhundert nicht um einflussreiche Geschlechter und Linien, sodass sich ihre Lebensweise und gesellschaftliche Stellung nicht maßgeblich von der briefadliger Familien unterschieden. Ihre Zahl ist ferner so gering, dass sie nur bedingt verallgemeinernde Aussagen zulassen würde. Dies gilt ebenso für die in den erblichen Adel erhobenen Familien des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

Die vorliegende Arbeit untersucht am Beispiel von Adel in der Pfalz während der Zugehörigkeit zum bayerischen Königreich, ob er unter diesen Bedingungen nach den Traditionen und Gewohnheiten seines Stands leben konnte und wollte. Sie richtet ihren Blick außerdem darauf, inwiefern Adlige neue Strategien in Anpassung an die moderne Gesellschaft entwickelten. Unter dem Strategiebegriff versteht die vorliegende Arbeit langfristig angelegte Handlungsweisen der Akteurinnen und Akteure, um sich innerhalb einer sich verändernden Gesellschaft zu positionieren. Dies kann durch den bewussten Einsatz von Ressourcen geschehen, den es zu analysieren gilt. Diese Entwicklung geschieht vor dem Hintergrund der rechtlichen Gleichstellung von Adel und Bürgertum und einer fehlenden Kontinuität uradliger Adelsfamilien im pfälzischen Raum. Dafür wird der Frage nachgegangen, inwieweit sich in der bayerischen Pfalz nach 1816 möglicherweise eine Adelslandschaft bildete. Unter einer Adelslandschaft versteht die Adelsforschung „ein Gebiet, eine Region, deren Adel eine zumindest relative Homogenität und Geschlossenheit […] aufweist“ und die auch „[u]nabhängig von den sich immer wieder verändernden staatlich-politischen Territorien in Deutschland“ sein kann.52 Die Bezeichnung wird in den meisten Fällen relativ oder gänzlich unreflektiert benutzt.53 Damit einhergehende Bedeutungsproblematiken werden selten benannt. Im Vordergrund steht einzig und allein der Begriff als Ordnungskriterium für Adlige in ihrer Region. Er dient dazu, „die Omnipräsenz adliger Kultur- und Lebensformen als Teil eines gesamteuropäischen Phänomens“ zu beschreiben, suggeriert zugleich aber „eine primär regionale Orientierung des Adels“.54 Gerade die Betonung des Regionalen macht ihn für die Untersuchung von Adel in der Pfalz jedoch nutzbar. Transeuropäische Verbindungen finden sich deutlich mehr im hohen und regierenden Adel, den es in der Pfalz im Untersuchungszeitraum nicht gab. Sie spielten lediglich im Zuge der Einwanderung französischer Adliger eine untergeordnete Rolle. Der Blick der Untersuchung richtet sich auf die Fortexistenz von Adel in einem „neu definierten sozialen Raum“ der Gruppe55, seine lebensweltlichen Ausprägungen und seine Präsenz in der Region. Dennoch soll die Verwendung des Begriffs für die Frage, inwieweit Adel in der Pfalz im Untersuchungszeitraum zu einer homogenen Gruppe mit ähnlichen Voraussetzungen, Gewohnheiten und Lebensformen wurde, nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Pfalz historisch selbst ohne den Bruch durch die französische Herrschaft bei Weitem keine Adelslandschaft bildete. Die Frage richtet sich deshalb mehr darauf aus, ob Adel, der in der bayerischen Pfalz im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert lebte, Strukturen, Merkmale und Bestrebungen aufwies, die auf den Versuch eines Zusammenschlusses auf Basis kultureller Gemeinsamkeiten hindeuten könnten. Dafür sind neben strukturellen Merkmalen vordergründig die Versuche von Belang, Verbindungen zu anderen Adligen in der Pfalz zu knüpfen und damit den Willen zu zeigen, eine Einheit als eigene soziale Gruppe zu bilden und Gemeinsamkeiten zu betonen. Außerdem wird die Frage anhand dessen zu beantworten sein, inwieweit es gelang, als Adlige dominierend innerhalb des regionalen Wirkungsraums aufzutreten. Dass die Herausforderungen neuer gesellschaftlicher Strukturen einer inneren Einheit von Adligen durchaus zuträglich sein konnten, zeigen die Entwicklungen in der preußischen Rheinprovinz. Dort sorgte die Eingliederung in den protestantisch dominierten preußischen Staat dafür, dass sich die alten katholischen Adelsgeschlechter zu einer gesellschaftlich einflussreichen Adelslandschaft formierten.56

Die Arbeit möchte keine rein kulturgeschichtliche Studie sein. Vielmehr werden die Adligen in der Pfalz im Zuge einer kulturgeschichtlich sensiblen Sozialgeschichte auf die Ausprägung ihrer Kapitalsorten nach Pierre Bourdieu hin analysiert. Dadurch untersucht die vorliegende Arbeit, welche Handlungsspielräume sich dem Adel in einer bürgerlich dominierten Gesellschaft mit gleicher Rechtslage boten, inwiefern er Strategien zur Aufrechterhaltung seines Führungsanspruchs entwickelte und wie er sich gesellschaftlich inszenierte und wahrgenommen wurde. Dabei sollen keine „adelstypischen“ Verhaltensmuster des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts herausgearbeitet werden. Es geht um die Handlungsmöglichkeiten von Adligen vor dem Hintergrund einer modernen Gesellschaft, die keine standesrechtlichen Unterschiede besaß. Der Blick auf die familiäre und geografische Herkunft sowie den Lebensweg der untersuchten Personen bildet die Basis für die weitere Einordnung. Die politische Positionierung von Adligen in der Pfalz ist insbesondere vor dem Hintergrund der starken liberalen Bewegung, deren Bedeutung für die pfälzische Gesellschaftsgeschichte sich beispielsweise im Hambacher Fest und dem Pfälzer Aufstand von 1849 manifestiert, von Bedeutung. Sie zeigt, inwiefern Adlige sich in diesem Bereich an die Strukturen ihrer Umgebung anpassten oder eigene Wege beschritten. Trotz aller Zuschreibungen, die den Adel geradezu allgemeingültig als konservativ charakterisieren, nahmen einzelne Adlige auch außerhalb liberaler Hochburgen eine entscheidende Rolle in der liberal-nationalen Bewegung des 19. Jahrhunderts ein.57 Die Handlungsspielräume von Adligen in der Pfalz zeigen anschließend sowohl die Vernetzung zwischen Adelsfamilien und damit die Nutzung ihrer traditionellen Strukturen als auch, inwieweit ihre ökonomischen Verhältnisse einen adelsgemäßen Lebensstil überhaupt zuließen. Abschließend richtet die vorliegende Studie ihren Fokus auf die Übernahme adliger Lebensweise im Alltag der Personen und die Selbstinszenierung der Adligen innerhalb der pfälzischen Gesellschaft sowie die daraus resultierende Wahrnehmung durch die Bevölkerung.

1.2 Theorie und Methode

Für die Untersuchung der Lebensweise von Adligen spielt die „Adligkeit“, verstanden als eigenes Kulturmodell, eine zentrale Rolle. Der Begriff wurde in Anlehnung an die Bielefelder Bürgertumsforschung in den 1990er Jahren in die Adelsforschung eingebracht. Durch das von Heinz Reif geleitete Forschungsprojekt „Elitenwandel in der Moderne“ sowie durch Eckart Conze wurde der Begriff erstmals im größeren Rahmen verwendet und präsentierte sich als vielversprechender Ansatz, um eine spezifisch adlige Kultur darzustellen.58 Seitdem entwickelte sich der Begriff in zwei gegenläufige Richtungen.59 Auf der einen Seite steht die Bedeutung als „mentaler und habitueller, innere Einheit und Identität stiftender, relativ harter Kern einer tausendjährigen Tradition“, der trotz geringer Anpassungen „in Mentalität und Habitus“ den Weg des Adels in das 19. Jahrhundert prägen konnte. Auf der anderen Seite wurde Adligkeit als „jahrhundertelang praktizierte und eingeübte, flexible Anpassungskunst“ verstanden, die dem „Obenbleiben“ diente.60 Silke Marburg hat für den Wandel des Adels vom Stand zur „Erinnerungsgruppe“ plädiert, die althergebrachte Symbole nutzt, die die „(neuen) konkurrierenden Eliten nicht durch Leistung erbringen konnten“.61 Die meisten Adelsforschungen haben sich dem erstgenannten Konzept zugewandt. Durch den Verlust äußerer Kriterien wie der rechtlichen Sonderstellung und vielfach auch seiner materiellen Grundlage war der Adel hauptsächlich durch kulturelle Aspekte, seine innere Organisation, sein Auftreten und seine Lebensführung als solcher zu erkennen. Im Gegensatz zum Bürgertum betonte die Forschung die Tradition des Adels und seines Verhaltens und arbeitete unter anderem auf Basis der Begrifflichkeiten von Pierre Bourdieu die Bedeutung von Mentalität und Habitus für eine spezifische Form der „Adligkeit“ heraus. Wenn im Folgenden von Adligkeit die Rede ist, meint der Begriff ebenfalls diese über die Jahrhunderte entwickelten „feinen Unterschiede“, die den Adel von anderen gesellschaftlichen Gruppen abgrenzen und auch nach dem Ende der Ständegesellschaft weiter bestehen blieben. Dass der Begriff des Habitus mehr geeignet ist, „soziale Reproduktion“ als „sozialen Wandel“ zu beschreiben,62 erweist sich für die hier vorzunehmende Analyse von „Adligkeit“ von Vorteil. Adlige in der Pfalz waren deutlich abrupter und früher mit der Situation konfrontiert, dass „Adligkeit“ ihre einzige Möglichkeit war, um sich als gesellschaftliche Gruppe von der übrigen Bevölkerung abzuheben. Während in den restlichen deutschen Gebieten das 19. Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreichs und der Monarchie einen „Übergang“ bildete, setzte die Entwicklung hier auf einen Schlag ein. Dabei soll nicht übersehen werden, dass die Grenzen zwischen Adel und Bürgertum mit zunehmender Dauer des Jahrhunderts mehr und mehr verwischten. So wies Charlotte Tacke immer wieder darauf hin, dass der Begriff „Adel“ Unterschiede zum Bürgertum andeute, die es in dieser Form im Übergang zum 20. Jahrhundert nicht mehr gegeben habe.63 Die Adaption adliger Gewohnheiten durch das Bürgertum im Laufe des Jahrhunderts steht außer Frage. Dennoch bildete und bildet der Adel noch weit über die Jahrhundertwende hinaus und bis heute eine soziale Gruppe, deren Ziel gerade die Abgrenzung vom Bürgertum ist. Alexandra Gerstner betonte in diesem Zusammenhang, dass es für den überwiegenden Teil des Adels und des Bürgertums „weder eine soziale noch eine habituelle Annährung“ gegeben habe,64 sodass die Untersuchung des Kulturmodells „Adligkeit“ weiterhin eine lohnende Methode darstellt, um trotz aller Nivellierungstendenzen das zu untersuchen, was Adlige in ihrem Selbstverständnis auch ohne rechtliche Privilegien von anderen Individuen unterschied und sie aus eigener Intention heraus unterscheiden sollte.

Darüber hinaus hat sich die Adelsforschung nicht nur am Teilbereich des „Habitus“ der Theorie von Pierre Bourdieu bedient, sondern auch die von ihm beschriebenen vier Kapitalien genutzt, um die gesellschaftliche Einordnung des Adels in der Moderne zu untersuchen. Häufig verkürzte die Forschung die Theorie Bourdieus und betrachtete nur Teilbereiche, ohne dies entsprechend zu problematisieren.65 Bourdieu hat in seinem 1979 auf Französisch und 1982 in deutscher Übersetzung erschienenen Werk „Die feinen Unterschiede“66 vier Kapitalsorten herausgearbeitet, die die Position ihrer Inhaberin oder ihres Inhabers, bei Bourdieu des „Akteurs“, innerhalb der Gesellschaft bestimmen: soziales, ökonomisches, kulturelles und symbolisches Kapital. Für Bourdieu gründet sich der soziale Raum auf verschiedene, umkämpfte Felder, auf denen „[j]eder Akteur […] nach der bestmöglichen Position“ strebt und dafür alle ihm zur Verfügung und auf dem Feld nutzbringenden Möglichkeiten einsetzt.67 Die Absicht des Individuums besteht demnach darin, die Bedingungen des Felds so zu verändern, dass der Einsatz der eigenen Stärken in besonderem Maße zur Geltung kommt. Das soziale Feld besitzt drei kaum voneinander zu trennende Dimensionen aus Struktur, Praxis und Habitus. Auf struktureller Ebene nutzt die Akteurin oder der Akteur Bourdieu zufolge drei objektiv-materiale Kapitalsorten: Das ökonomische Kapital, das auf dem unmittelbaren Besitz von Geld basiert, das soziale Kapital, das „die Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen, […] die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen“,68 darstellt, sowie das kulturelle Kapital, das sich selbst wiederum in drei Formen manifestiert. Die Äußerung des kulturellen Kapitals erfolgt im inkorporierten Zustand, also in „dauerhaften Dispositionen des Organismus“ (Sprechweise, Geschmack, Kleidung etc.), in objektiviertem Zustand als kulturelle Güter und in institutionalisiertem Zustand wie Bildungstitel.69 Die drei Kapitalsorten sind voneinander abhängig und wirken dadurch immer im Zusammenspiel. Eine Betrachtung ist stets als Gesamtes nötig, um sie „hinsichtlich ihrer Quantität, ihrer qualitativen Zusammensetzung und ihrer Erwerbsgeschichte […] zu beurteilen und dann zu addieren“70 und so die Positionierung der einzelnen Akteurin oder des einzelnen Akteurs innerhalb der Gesellschaft zu bestimmen. Die Untersuchung von Adelsnetzwerken vor dem Hintergrund des damit verbundenen sozialen Kapitals der einzelnen Akteurin oder des einzelnen Akteurs eröffnet zudem die Möglichkeit einer Erweiterung klassischer Netzwerkanalyse. Dadurch treten Strategien zu Tage, die durch das soziale Umfeld der Netzwerke bedingt sind und dieses wiederum beeinflussen: „Netzwerke entstehen, erhalten und verändern sich in Abhängigkeit von den Strategien dieser Akteure, die in Kämpfe um die Vorherrschaft in sozialen Feldern verstrickt sind.“71 Für die Frage nach der gesellschaftlichen Positionierung und dem klassischen Führungsanspruch von Adligen in diesem Bereich sind das soziale Kapital sowie die Strategien zur Nutzung desselben vor dem Hintergrund des aufstrebenden Bürgertums von besonderem Interesse. Netzwerk und Sozialkapital sind zunächst analytisch voneinander entkoppelt und erst über die Strategien, die sich schließlich auf der Ebene der Praxis zeigen, verbunden.72 Demnach zeigt erst die gemeinsame Untersuchung von Netzwerken und sozialem Kapital Strategien von Adligen zur Wahrung ihres gesellschaftlichen Führungsanspruchs auf.

Die zweite Ebene ist die praxeologische Dimension, die durch die Ausübung kultureller Praxis erst soziale Struktur schafft. Im Gegensatz zur objektiv-materialen Ebene, die nur die möglichen Grenzen festlegt, entsteht hier die reale Praxisform. Somit beantwortet sich auch die Frage nach Macht und Einfluss erst auf dieser Ebene. „Die Produktion, Reproduktion und Neukonturierung von Herrschaft vollzieht sich in Abhängigkeit von der Kapitalausstattung in den kulturellen Praxisformen beziehungsweise symbolischen Repräsentationen der Akteure.“73 Zu den drei zuvor genannten Kapitalsorten kommt nun zusätzlich das symbolische Kapital als gesellschaftliches Ansehen hinzu, um welches die Akteurinnen und Akteure ringen. Das Maß an symbolischem Kapital ergibt sich aus dem gemeinsamen Einsatz der anderen drei Kapitalien. Damit bedingt „die praktische Verfügung über die entsprechende Sorte an Kapital […] die Handlungs- und Profitchancen, die ein Akteur innerhalb eines spezifischen sozialen Feldes de facto hat“.74 Symbolisches Kapital ist für eine soziale Gruppe wie die des Adels von besonderer Bedeutung. Die „Vergeudung von Zeit“ und die damit verbundene „Akkumulation von symbolischem Kapital […] auf Kosten der Akkumulation ökonomischen Kapitals“75 war ein entscheidender Aspekt adliger Lebensweise. In diesem Kapital vollzieht sich die „Verschleierung“76 eigener ökonomischer Verhältnisse. Symbolisches Kapital ist auf eine indirekte und vor allem gesellschaftlich akzeptierte Art und Weise Ausdrucksform des eigenen Reichtums und mehrt wiederum soziales und kulturelles Kapital einer Person. Zugleich ist die Umwandlung von ökonomischem in symbolisches Kapital ein Weg, womit die Person eine Form von Herrschaft ohne die Ausübung von Gewalt für sich beansprucht, indem die Aufwendung von Gütern, wie Geld, aber vor allem auch der persönlichen Zeit eine „gleichermaßen frei gewählt[e] wie aufgezwungen[e] Gewalt des Glaubens, des Vertrauens, der Verpflichtung, der persönlichen Treue […] [und] der Anerkennung […]“ auslöst.77

Die dritte Ebene ist die des Habitus. Durch „in erster Linie unbewusst[e] Wahrnehmungs-, Denk-, Gefühl- und Handlungsschemata erzeugt und beeinflusst [er] die soziale Praxis“.78 Die Handlungsweise und das Auftreten einer Akteurin oder eines Akteurs sind demnach durch die Sozialisation vorgeprägt. Diese Prägung sorgt im Umkehrschluss dafür, dass die Person nicht unvoreingenommen das Feld betritt, sondern durch ihren Habitus bestimmte Handlungen ausführt und im Sinne des symbolischen Kapitals auch entsprechend ihres Habitus von anderen wahrgenommen werden kann. In diesem Kontext sind die Möglichkeiten der Adligen zur Darstellung eines adligen Habitus von ebenso großer Bedeutung, wie ob sie dabei innerhalb der pfälzischen Gesellschaft explizit als „adlig“ wahrgenommen wurden. Soziale Akteurinnen und Akteure sind der Theorie Bourdieus zufolge „mit systematisch strukturierten Anlagen ausgestattet […], die für ihre Praxis – und ihr Denken über die Praxis – konstitutiv sind.“79 Daran knüpft die vorliegende Arbeit an, wenn sie nach der Ausprägung eines spezifisch adligen Habitus von Adligen in der Pfalz zwischen 1816 und 1914 fragt. Dabei macht sie es sich zunutze, dass der Bourdieusche Klassenbegriff die kulturellen Aspekte in den Vordergrund stellt und somit die Flexibilität besitzt, die für den äußerst heterogenen Untersuchungsgegenstand zwingend geboten ist. Zudem müssen die vorliegenden Quellen im Sinne der hermeneutisch-kritischen Methode ausgewertet werden. Darunter ist freilich ein erweiterter Begriff der Hermeneutik zu verstehen, der sich nicht nur auf schriftliche Texte bezieht, sondern auch die „Sprache“ kultureller Aspekte wie Architektur, Gewohnheiten und repräsentativer Inszenierungen berücksichtigt. Diese Ausdrucksweisen sind zentral für die Darstellung im öffentlichen Raum und damit für die Positionierung einer sozialen Gruppe im gesamtgesellschaftlichen Kontext.

Die vorliegende Arbeit ist als qualitative Kollektivbiografie angelegt. Das bedeutet, dass sie zum einen ein „Kollekti[v] von historischen Personen [zum] Gegenstand der Untersuchung“ macht,80 zum anderen aber dennoch nicht auf rein quantitativer Ebene Massendaten auswertet, sondern durch die Begrenzung auf eine überschaubare Anzahl von Individuen biografische Tiefenbohrung zulässt. Konstitutives Merkmal des Kollektivs ist die Zugehörigkeit zum Adel als sozialer Gruppe. Die Kollektivbiografie als Methode ist dabei in mehrerlei Hinsicht gewinnbringend für eine Studie, die sich mit den Strategien von Adligen in einer modernen Bürgergesellschaft auseinandersetzt. Indem sie „Rückschlüsse auf das Typische, das Allgemeine“ zulässt, zugleich aber auch „das Untypische, das Abweichende, das Individuelle“ darstellt,81 sind allgemeingültige Aussagen über Gewohnheiten von Adligen als sozialer Gruppe in der Pfalz möglich. Durch die Bandbreite von unterschiedlichen Lebensläufen werden die Handlungsspielräume und -möglichkeiten des Kollektivs deutlich. Zugleich hilft die Methode, die von Person zu Person stark unterschiedliche Quellenlage auszugleichen. Sie liefert Ergebnisse bezüglich der Lebenswelt von Adligen in der Pfalz, indem zwar zu kaum einem einzelnen Individuum Aussagen zu allen Bereichen adligen Lebens möglich sind, die Verschmelzung zu einem Kollektiv jedoch „sozialstrukturelle Erkenntnisse im Makrobereich“82 ermöglicht. Die Übertragung vom Einzelnen auf alle ist in diesem Fall problemlos möglich, da es nicht um konkrete Einzelhandlungen, sondern mögliche Bereiche des Agierens geht. Die Analyse der Korrelation von gesellschaftlichem und individuellem Wandel als Leitmotive kollektivbiografischer Forschungen83 decken sich durch die rechtliche Ausgangslage für den Adel in der Pfalz in diesem Raum noch einmal deutlich mehr mit den Herausforderungen, vor denen Adlige auf dem Weg in die Moderne standen. Durch ihren methodischen Ansatz setzt sich die Arbeit von vielen Forschungen ab, die aus Einzel- oder Familienbiografien ohne die dafür nötige Fundierung auf den Adel als Gruppe schließen.

1.3 Quellen

Der Quellenkorpus der vorliegenden Arbeit basiert auf staatlicher und kirchlicher Überlieferung auf der einen Seite sowie privater Überlieferung auf der anderen Seite. Die bedeutendsten Quellen für die Frage nach Lebensgewohnheiten und Alltag stellen Selbstzeugnisse dar.84 Sie lassen Antworten auf Fragen darüber zu, „wie elementare historische Veränderungen in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft vom einzelnen Menschen verstanden und verarbeitet wurden, […] [und zielen] auf die individuelle Wahrnehmung gesellschaftlichen Lebens ab […].“85 Sie ermöglichen einen Blick auf die tatsächlichen Handlungsspielräumen einzelner Individuen über den rechtlichen Rahmen hinaus und die lebensweltliche Nutzbarkeit ihrer Kapitalsorten. Die Überlieferung von privaten Dokumenten für den Adel in der Pfalz im Untersuchungszeitraum ist allerdings schlecht. Größere Familienarchive fehlen fast vollständig.86 Wenn private Dokumente überliefert sind, handelt es sich größtenteils um Briefe, die nebenbei einen Einblick in das Privatleben sowie die gesellschaftlichen Kontakte zulassen. Die gesellschaftlichen Konventionen gehobener Schichten des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts verlangten nicht nur regelmäßige Korrespondenzen, sondern auch eine „wohlwollende Grundhaltung […], abgewogene Urteile [und] thematische Einschränkung auf das auch öffentlich Sagbare“, weshalb „offene Worte, rückhaltlose Bekenntnisse und Stellungnahmen“ nicht die Regel waren, sondern an eine enge Verbindung der Briefpartnerinnen und -partner oder besondere politische Situationen gebunden waren.87 Für die Nutzung als historische Quelle bedeutet das wiederum, dass der Inhalt neben der reinen Sachebene auch Aufschluss darüber gibt, welche soziale Nähe oder Distanz zwischen den Korrespondierenden lag. Die inhaltliche Ebene ist dagegen stets kritisch im Hinblick auf die gesellschaftliche Etikette zu hinterfragen. Beide Aspekte verleihen dem Brief als Quellengattung für die vorliegende Studie eine Schlüsselrolle. Darüber hinaus sind einzelne autobiografische Schriften überliefert. Diese stammen insbesondere von Oskar Freiherrn von Redwitz und weisen eine stark verklärende Perspektive auf. Gleichwohl liegt in der Inszenierung Oskar Freiherrn von Redwitz’ als fernab jeglichen adligen Habitus aufgewachsener Junge der Wert der Quelle, indem sich in dieser Darstellung sein eigener Anspruch aus der Zeit, als er seine Jugend-Erinnerungen verfasste, widerspiegelt.88

Die Überlieferung von staatlicher Seite gliedert sich ebenfalls in zwei verschiedene Gruppen. Zunächst sind dies diejenigen Quellen, die das staatliche Handeln in Bezug auf den Adel in der Pfalz darstellen. Dazu gehörten die Berechtigung zum Tragen von Adelstiteln sowie Aspekte, die adlige Lebensgewohnheiten tangierten, das Bürgertum aber genauso betrafen, wie die Verleihung von Orden und Auszeichnungen.89 Sie geben einen Einblick in die Rahmenbedingungen, mit denen Adlige in der Pfalz im Untersuchungszeitraum konfrontiert waren. Zugleich zeigen sie den Umgang der bayerischen Verwaltung mit Adligen in der Pfalz und inwieweit die rechtliche Sonderstellung der Pfalz innerhalb des bayerischen Königreichs Einfluss darauf nahm. Wenngleich sie nur partielle Hinweise auf die tatsächlichen Lebensgewohnheiten der untersuchten Adligen bieten, sind sie zur Einordnung unerlässlich. Dies gilt ebenso für die Personalakten der vielen Staatsbediensteten, die Teil dieser Untersuchung sind.90 Sie zeigen durch detaillierte Lebensläufe nicht nur die Werdegänge der betreffenden Personen und ihre Qualifikationen, sondern ermöglichen auch Einblicke in ihre finanzielle Ausstattung. Zudem weist die Berufswahl zumindest indirekt darauf hin, inwieweit die jeweiligen Personen eine adelstypische Lebensweise überhaupt anzustreben versuchten. Anfragen in den Kommunen brachten nur in den wenigsten Fällen brauchbare Ergebnisse, wodurch die Überlieferung dieser Ebene für die vorliegende Arbeit kaum eine Rolle spielt.91

Die beiden genannten Bereiche bilden die quellentechnischen Hauptpfeiler dieser Studie. Sie werden jedoch durch eine Vielzahl weiterer kleiner Bestände ergänzt. Einzelne überlieferte Pläne geben Auskunft über die Wohnsituation von Adligen in der Pfalz und damit trotz der Überlieferung von staatlicher Seite aus in die privaten Lebensverhältnisse der Familien. Gleiches gilt für Bilder und Fotos. Diese zeigen die jeweiligen Personen in einer von ihnen beabsichtigten Inszenierung. Der Charakter dieser Quellen war für die vorliegende Arbeit ein Vorteil, zeigte er doch die Haltung der abgebildeten Adligen gegenüber dem eigenen Stand und den Willen zur entsprechenden Repräsentation. Eine wichtige Ergänzung bildeten schließlich noch die Bestände der bayerischen Kataster in den Landesarchiven Speyer und Saarbrücken.92 Sie ermöglichen einen genauen Blick auf die Besitzverhältnisse von Adligen in der Pfalz. Durch die darin enthaltenen Angaben sind nicht nur die Größe und der Wert ersichtlich, sondern es lässt sich darüber hinaus auch die bauliche Entwicklung verfolgen. Die Veränderungen der Besitzverhältnisse können zudem Hinweise darauf geben, wie Adlige auf die Abschaffung von Fideikommissen reagierten und welche Strategien sie für die Weitergabe entwickelten. Die Informationen aus den Katastern berühren damit gleich mehrere Bereiche adliger Lebensgewohnheiten und bieten detaillierte Einblicke in Vermögen, Repräsentation und kulturelle Praxis. Für die Frage nach dem symbolischen Kapital von Adligen in der Pfalz im Untersuchungszeitraum sind vor allem zeitgenössische Biografien und graue Literatur von Bedeutung. Biografien zeigen die gesellschaftliche Wahrnehmung verdienter Personen und gehen dabei ihrer Intention folgend insbesondere auf deren Engagement und die daraus resultierende Rezeption ein. Trotz naturgemäß stark verklärender Elemente in den Beschreibungen offenbart gerade die Überhöhung der dargestellten Person das gesellschaftliche Prestige, über das sie verfügte. Durch Vereinschroniken ist häufig ersichtlich, welche Stellungen Adlige dort eingenommen hatten und damit verbunden, welchen gesellschaftlichen Anspruch sie an sich selbst richteten. Aus den daraus erwachsenden Führungspositionen leitet sich wiederum Renommee ab, das das gesellschaftliche Ansehen der einzelnen Personen stärken konnte.

Details

Seiten
582
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783631940464
ISBN (ePUB)
9783631940471
ISBN (Hardcover)
9783631940457
DOI
10.3726/b23038
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (September)
Schlagworte
Geschichte Landesgeschichte Adel Adelsgeschichte Pfalz Bayern 19. Jahrhundert 20. Jahrhundert Kollektivbiografie Sozialgeschichte Kulturwissenschaft Hambacher Fest Pfälzer Aufstand
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 582 S.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Jonas Burkei (Autor:in)

Jonas Burkei studierte von 2012 bis 2017 Geschichte und Germanistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Anschließend promovierte er dort im Fach Geschichte (2017–2024). Seit Mai 2024 befindet er sich im Archivreferendariat beim Landesarchiv Schleswig-Holstein.

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Titel: Das vergessene 19. Jahrhundert