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Die herausgeforderte Meistererzählung der Freiheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Historische Sinnsuche und narrative Sinnbildung in gesellschaftlichen Debatten über Freiheit und Demokratie in Deutschland und den USA

by Moritz Pöllath (Author)
©2026 Monographs 436 Pages

Summary

Bewegt sich der Lauf der Geschichte weiter in Richtung von Freiheit und Demokratie oder werden autoritäre Systeme im 21. Jahrhundert Gegenwart und Zukunft bestimmen? Die Meistererzählung der Freiheit ist zwischen 2001 und 2017 in eine Krise geraten: Publizisten in Amerika und Deutschland stellen diese Meistererzählung in Frage, bieten Gegenerzählungen an oder verteidigen vehement die traditionelle Freiheitserzählung.
In diesem Band werden anhand populärwissenschaftlicher Werke amerikanischer sowie deutscher Autoren die historische Sinnsuche und narrative Sinnbildung im öffentlichen Raum analysiert. Der Autor gibt Einblicke in den culture war auf beiden Seiten des Atlantiks, die gegenseitigen Austauschprozesse sowie Differenzen und beantwortet, inwieweit die Meistererzählung von Freiheit und Demokratie noch Relevanz in Gegenwart und Zukunft hat.

Table Of Contents

  • Abdeckung
  • Titelblatt
  • Widmung
  • Copyright-Seite
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abbildungsverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 1.1. Erkenntnisinteressen
  • 1.2. Theoretischer Ansatz
  • 1.3. Methodischer Ansatz
  • 1.4. Gliederung
  • 1.5. Quellen
  • 1.6. Forschungsstand
  • 2. Freiheitskonzeptionen in der amerikanischen und deutschen Geschichte
  • 2.1. Freedom und Liberty
  • 2.2. Freiheit und Aufklärung
  • 2.3. Freiheit und Emanzipation
  • 2.4. Freiheit und Demokratie
  • 2.5. ‚Triumph‘ der Freiheit in Amerika und Deutschland
  • 3. Historische Sinnsuche und narrative Sinnbildung seit dem 11. September 2001
  • 3.1. Erzähler und Erzählstil
  • 3.2. Erzählelemente
  • 4. Gegenerzählungen
  • 4.1. Deutsche Gegenerzählungen
  • 4.2. Amerikanische Gegenerzählungen
  • 5. Historische Sinnbildung in populärwissenschaftlichen Sachbüchern
  • 5.1. Typologie des historischen Erzählens in populärwissenschaftlichen Sachbüchern
  • 5.2. Historische Sinnbildung in den USA und Deutschland im Vergleich
  • 6. Schlussfolgerungen: Die herausgeforderte liberale Erzählung zu Beginn des 21. Jahrhunderts
  • 6.1. Erzähler
  • 6.2. Inkonsistenzen der Freiheitskonzeptionen der Erzähler
  • 6.3. Gegen- und Meistererzählungen
  • 6.4. Bedeutung publizistischer Erzählungen im öffentlichen Raum
  • Quellen- und Literaturverzeichnis
  • Index

Kapitel 1 Einleitung

„Gebt mir die Freiheit oder gebt mir den Tod!“ Patrick Henrys leidenschaftlicher Schlussappell vom 23. März 1775, gehalten in der St. John’s Episcopal Church vor der Lokalversammlung von Virginia in Richmond bietet einen Anfangspunkt der Meistererzählung von Freiheit und Demokratie. Henry greift ein seit der Antike bestehendes Leitmotiv auf und illustriert damit die Tragik des amerikanischen Freiheitskampfes gegen den britischen Monarchen König Georg III. Der Kampf um mehr Freiheitsrechte wurde auf beiden Seiten des Atlantiks geführt und in transatlantischen Austauschprozessen wehte der Geist der Freiheit über den Atlantik hin und her. Als Sturm entluden sich diese Gedanken in Form der Amerikanischen Revolution, die zur Gründung der ersten Republik in der neueren Geschichte führte. In den zeitlich nachfolgenden Revolutionen in Europa und Lateinamerika fand sich Henrys eindringliches Zitat auf Fahnen, Schärpen, Bannern und Plakaten wieder. Seine Erzählung war somit untrennbar mit der Geschichte von Freiheit und Demokratie im 19. und 20. Jahrhundert verbunden.1

Die Anziehungskraft der Freiheit begegnet dem Historiker bereits in den Erzählungen antiker Texte. Bereits vor über 2.000 Jahren verdeutlichte Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung, durch eine Gegenüberstellung die soziale und politische Sprengkraft der Freiheitsidee, als er in seinen Historien auf den Gegensatz von Freiheit und Knechtschaft einging. Herodot verband in seinem Werk die Freiheit mit dem Volk der Griechen, das die Herrschaft durch demokratische Kontrolle in Magistraten und Vollversammlungen der Bürger ausübte, während im Mittleren Osten und Asien Knechtschaft herrschte, gekennzeichnet durch mächtige Alleinherrscher, die sich auch als Gott verehren ließen.2 Beispielhaft ließ Herodot in diesem Sinne drei Griechen gegenüber dem Hydarnes, einem persischen Feldherrn, in Susa im heutigen Iran auf die Frage antworten, warum sie sich denn nicht ergeben und seinem König unterwerfen würden, um dafür sogar mit der Herrschaft über Teile Griechenlands belohnt zu werden: „Hydarnes, dein Rat an uns geht nicht von der gleichen Erfahrung aus; das eine nur hast du erprobt und rätst es uns, das andere aber kennst du nicht. Du verstehst das eine: Sklave zu sein; von der Freiheit aber hast du noch nicht erfahren, ob sie süß ist oder nicht. Hättest du sie gekostet, du würdest uns raten, nicht nur mit der Lanze, sondern auch mit Beilen um sie zu kämpfen.“3

Die Amerikanische Revolution ist daher chronologisch wie auch inhaltlich als ein erzählerischer Fluchtpunkt zu betrachten, von dem aus eine Geschichte der Freiheit im atlantischen Raum nachgezeichnet werden kann – im Bewusstsein, dass diese Verwirklichung von Freiheit in der Antike und insbesondere im Vorfeld der atlantischen Revolutionen bei den Denkern der Aufklärung ihre Wurzeln hat. Denn die revolutionären Ereignisse in den USA wurden in Frankreich und Deutschland rezipiert und erweckten oder bestärkten nach und nach in Europa weitere Freiheitsbewegungen, obwohl bei den Griechen, wie auch später in den Demokratieentwürfen in den USA und den deutschen Staaten, zahlreichen Gesellschaftsgruppen, wie etwa Sklaven, Frauen, Indianern, Leibeigenen, Armen und weiteren Teilen der Bevölkerung, grundlegende Freiheitsrechte zunächst vorenthalten wurden.4

Henrys Rede an die Delegierten aus Virginia wie auch die Antwort der Griechen an den persischen Feldherren sind durchdrungen von dem Narrativ des heroischen Freiheitskampfes. Dieses Narrativ leitet die Gesamterzählung und vereinfacht sie in freiheitsliebende Amerikaner oder Griechen und despotische Briten oder Perser. Solche Simplifizierungen und leitende Meistererzählungen gehören zur Normalität historischer Überlieferungen, gleich ob sie außerwissenschaftlicher oder wissenschaftlicher Natur sind, wobei fachwissenschaftliche Überlieferungen den Anspruch haben, durch wissenschaftliche Quellenarbeit eine differenzierte und gesicherte Erzählung der Geschichte zu rekonstruieren. Dennoch können selbst quellenkritisch erstellte Werke von einem erzählerischen Motiv geprägt oder die Autoren und Autorinnen von einer Meistererzählung beseelt sein, wie es Georg Friedrich Wilhelm Hegel für den Gang der Weltgeschichte formuliert hat: „Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit, – ein Fortschritt den wir in seiner Nothwendigkeit [sic] zu erlernen haben.“5

Hegel formulierte damit eine idealistische Aussage, die aus einer wissenschaftlichen These besteht und der sich ein moralisches Postulat anschließt. Für Hegel entwickelte sich die Geschichte in einem linearen Prozess von einer unvollkommenen und unfreiheitlichen Stufe hin zu einem fortschrittlicheren Stadium mit einem mehr an Vernunft und Freiheit. Dabei dachten Hegel und seine Zeitgenossen lokal: Denn sie gingen davon aus, der Gipfel des Fortschritts würde im modernen Europa erreicht werden.6 Auch könnten kritische Geister Hegel entgegensetzen, nach einer Verbreitung freiheitlich-demokratischer Gesellschaftsformen seit der Amerikanischen Revolution 1776 sei auf der Welt wiederholt in Form von Kolonial-, Kaiser- und Zarenreichen sowie Diktaturen ein Pausieren, eine Kontraktion oder sogar ein Verlust oder Rückzug von Freiheit und Demokratie festzustellen. Die Meistererzählung der Freiheit, die eine sukzessive Ausbreitung der liberalen Demokratie und die Expansion individueller Freiheitsrechte seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert erzählt, erscheint zu Beginn des 21. Jahrhunderts herausgefordert und durch autokratische Gegenmodelle in Asien, dem Nahen und Mittleren Osten sowie Russland grundsätzlich infrage gestellt.

Zu Hegels Lebzeiten, der 1770 geboren wurde, waren Demokratien noch ein Sonderfall der Geschichte: Die Amerikaner erklärten am 4. Juli 1776 ihre Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht, indem sich der Kontinentalkongress auf das naturrechtliche Gleichheitspostulat berief – „all men are created equal“ – und daher allen Menschen natürliche, unveräußerliche Rechte zukommen. Für die Amerikaner waren und sind seitdem die Rechte auf Leben und Freiheit sowie das Streben nach Glück zentral für ihre Erinnerungskultur und nationale Identität, wie es der Hauptverfasser Thomas Jefferson, inspiriert von der Aufklärung sowie der schottischen Moralphilosophie, formuliert hatte.7

Als Hegel 1831 in Berlin starb, hatte das Freiheitsstreben in Europa und den USA die Geschichte und tagespolitischen Debatten maßgeblich geprägt. Das vorläufige Scheitern der Revolutionen von 1848 in Europa erfuhr Hegel zwar nicht mehr, aber es bedeutete keinen Abbruch des Kampfes um mehr politische Partizipation. Als Vermächtnis der Frankfurter Nationalversammlung verblieb eine erste deutsche Verfassung,8 welche die Freiheit der Person und die Gleichheit vor dem Gesetz beinhaltete. Zudem machte die Revolution Preußen zu einem Verfassungsstaat. Die politische Machtlosigkeit und Friedrich Wilhelms IV. „Selbstverständnis als Monarch, sein Festhalten am Gottesgnadentum, seine Loyalität gegenüber dem österreichischen Kaiserhaus und sein nie überwundenes Revolutionstrauma“9 führten jedoch dazu, dass der preußische König die angebotene und demokratisch legitimierte Krone der Nationalversammlung im April 1849 ablehnte.10 Dennoch kann nach Andreas Fahrmeir von einem ‚partiellen Erfolg‘ angesichts der verfassungsrechtlichen Errungenschaften der Revolution gesprochen werden, auch wenn viele der demokratischen und liberalen Revolutionäre die Ereignisse als ein völliges Scheitern wahrnahmen und nach der Niederschlagung der Revolutionen in die Schweiz, nach Belgien, Großbritannien oder die USA flohen bzw. auswanderten.11

Das Prinzip des Parlamentarismus hatte sich somit nach Hegels Tod in Europa weitgehend festgesetzt, obgleich von Lissabon bis Warschau noch immer Monarchen über den Parlamenten regierten. Aber unterhalb dieser Monarchen wurde, wie im Deutschen Kaiserreich, ein intensiver Streit zwischen Konservativen, Liberalen und Sozialdemokraten um parlamentarische Mitbestimmung geführt und dadurch auch eine politische Partizipation der Bevölkerung erreicht. Erst mit dem Untergang des Habsburgerreiches sowie des Deutschen Kaiserreichs nach dem Ersten Weltkrieg in Europa und des Russischen Zarenreiches und des Osmanischen Reiches an den Rändern sowie außerhalb Europas setzten sich Demokratien auf dem Kontinent weitgehend durch. Wenn auch Wilsons Formulierung der Kriegsziele vom 2. April 1917 – „the world must be made safe for democracy“12 – sehr idealistisch angehaucht war, so transportierte sie doch die Überzeugung, eine demokratisch verfasste Staatenwelt sei friedlicher als die einstige monarchische Ordnung, die wiederholt zu militärischen Gebietsgewinnen und Geheimverträgen auf Kosten von Nachbarstaaten geführt hatte. Wilsons 14 Punkte, darunter die Forderungen nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, freiem Handel, Freiheit der Meere und der Beilegung kolonialer Angelegenheiten unter Berücksichtigung der betroffenen Bevölkerungen, waren von seiner Vorstellung geprägt, die Demokratie besäße eine moralische Anziehungskraft, da sie stabiler und weniger aggressiv gegenüber Nachbarn agiere als autokratische Regierungen. Wilson sah in der Demokratie eine Regierungsform, die miteinander ringende soziale Kräfte ausbalancieren, geregelten Machtwechsel im rechtsstaatlichen Rahmen sichern und öffentliche Entscheidungen überwachen konnte. Der US-Präsident wollte nicht weniger als seine konstitutionelle Weltsicht auf die Weltgemeinschaft übertragen, da er hoffte, die internen regulativen Mechanismen einer Demokratie sowie die Herrschaft der Öffentlichkeit würde konfliktregulierend und kompromissfördernd in den internationalen Beziehungen wirken.13

Zunächst bewegte sich der Verlauf der Geschichte nicht weiter in Richtung Freiheit und Demokratie, sondern Diktaturen prägten das 20. Jahrhundert. Die totalitären Systeme des Nationalsozialismus und des Kommunismus versuchten, durch Konzentrations- und Vernichtungslager, Gulags sowie Ausgrenzung und Kontrolle einen ‚neuen Menschen‘14 zu schaffen: Individualität, unterschiedliche Freiheitsentwürfe und Lebensvorstellungen, die nicht in die ideologische Form der Nationalsozialisten oder Bolschewisten passten, mussten sich unterwerfen, anpassen oder wurden vernichtet. Erst nach dem Untergang des Nationalsozialismus schien 1945 tatsächlich ein Punkt in der Geschichte erreicht zu sein, in der die freiheitlich-demokratische Lebensform, mit dem nach Franklin Delano Roosevelt (FDR) bezeichneten amerikanischen ‚Arsenal of Democracy‘15 im Rücken, die Weltgeschichte bestimmen würde.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts reifte diese Meistererzählung der Freiheit angesichts des bestandenen Überlebenskampfes der demokratisch verfassten Systeme aus und bot einen roten Faden für das individuelle sowie kollektive Geschichtsbewusstsein westlicher Gesellschaften. Dabei wirkte der Kalte Krieg wie ein retardierendes Moment, da der Westen nicht nur den Ostblock geopolitisch eindämmte, sondern auch die Verbreitung liberaler Demokratien weltweit sich nicht weiter auszudehnen schien. Der Zeitraum von 1947 bis 1990 war wie eine eingefrorene Zeit im Wettstreit zwischen dem totalitären Kommunismus stalinistischer Prägung mit seiner sozialistischen Einparteienherrschaft in den Staaten des Ostblocks und den liberal-demokratischen Gesellschaften des Westens. Im Bewusstsein einer globalen Geschichtsschreibung darf jedoch nicht der ‚wind of change“16 übersehen werden, wie der britische Premierminister Harold Macmillan 1960 die gravierenden Veränderungen auf dem afrikanischen Kontinent beschrieb. Im ‚Afrikanischen Jahr‘ 1960 wurden allein 18 ehemalige Kolonien unabhängig. Viele dieser jungen Staaten, behaftet von den soziokulturellen und ökonomischen Folgen der Kolonialherrschaft, entsprachen aber nur unvollkommen entwickelten Demokratien mit mangelhafter Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung. Gleichwohl verdeutlichen diese Vorgänge, dass das Freiheitsstreben sich in den afro-asiatischen Raum verlagert hatte, da durch die Supermachtkonfrontation in Europa politische Veränderungsprozesse im Ostblock militärisch unterdrückt wurden. Zeuge davon sind die mit Panzern niedergeschlagenen Freiheitsbewegungen in Berlin 1953, Ungarn 1956, der Tschechoslowakei 1968 und Polen 1980/1981.17

Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, bewirkt durch die friedliche Revolution der DDR-Bürger und die Wiedervereinigung Deutschlands im Rahmen geschickter Diplomatie sowie eines günstigen historischen Zeitpunktes, rief plötzlich die hegelianischen Sichtweise auf die Geschichte in Erinnerung: Die Verbreitung der Freiheit sei ein notwendiger Fortschritt und eine Antriebskraft der Weltgeschichte. Nach einer historisch kurzen Phase, in der sich diese These zu bestätigen schien, und Francis Fukuyama mit großer Überzeugung vom ‚Ende der Geschichte‘ schrieb, da nun das Zeitalter liberaler Demokratien angebrochen und der Konflikt der beiden Supermächte durch den Sieg der einen Seite entschieden sei,18 stellt sich die Frage nach einer fortdauernden Relevanz der Meistererzählung der Freiheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts für die historisch-politische Orientierung jedoch neu: Angesichts und infolge eines Zuwachses autoritärer Systeme weltweit – 2018 lebten 3,3 Milliarden Menschen in autoritären Staaten19 –, des chinesischen und russischen Gegenentwurfs zu einer freiheitlichen Gesellschaft und dem Erstarken antidemokratischer und autoritärer Bewegungen im Westen kann aus gegenwärtiger Sicht ein Ende oder Rückgang der freiheitlich-demokratischen Gesellschaften befürchtet werden; zumindest ist die Zukunft offen und Hegels Narrativ eines Fortschreitens der Weltgeschichte im Bewusstsein der Freiheit fraglich.

Die Selbstbehauptung liberaler und demokratischer Gesellschaften, nachdem sie im 20. Jahrhundert durch Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus bedroht worden war, steht im 21. Jahrhundert „alten“ Totalitarismen wie dem politischen Islam und ‚neuen‘ Bedrohungen der Freiheit durch ökonomische oder technologische Eingriffe und politische Entmündigungen gegenüber.20 Diese Unsicherheit über Gegenwart und Zukunft reflektiert die Unsicherheit in den öffentlichen Debatten innerhalb der amerikanischen und deutschen Gesellschaft. Einflussreiche Publizisten haben sich auf beiden Seiten des Atlantiks zu neuen Erzählern der Zeitgeschichte aufgeschwungen, die in dieser ungewissen Zeit neue Gegenerzählungen zur Meistererzählung der Freiheit und Demokratie – der liberalen Erzählung der Weltgeschichte – anbieten. Die Erforschung der herausgeforderten liberalen Erzählung sowie der dargebotenen Gegenerzählungen bieten daher Auskünfte und Einsichten in die Deutungskämpfe über historisch-politische Orientierungen sowie eine damit zusammenhängende umkämpfte Identitätsbildung. Wer den Angriff und die Zurückweisung der liberalen Erzählung im Westen selbst verstehen will, muss das Ökosystem untersuchen, aus dem Kritik und Gegennarrative entstehen und sich mit dem Inhalt dieser Erzählungen auseinandersetzen, um die Frage der fortdauernden Relevanz der Meistererzählung von Freiheit und Demokratie oder ihr Schwinden zu beantworten.21

1.1. Erkenntnisinteressen

„Ist es – am Ende des 20. Jahrhunderts wieder – sinnvoll, von einem kohärenten und zielgerichteten Verlauf der Menschheitsgeschichte zu sprechen, der letztlich den größten Teil der Menschheit zur liberalen Demokratie führen wird?“22 Francis Fukuyama bejahte diese Leitfrage der liberalen Erzählung aus der Perspektive der 1990er Jahre und bestätigte dies 2022 nach dem Angriffs- und Vernichtungskrieg Russlands.23 In der Arbeit wird jedoch nicht im Sinne Fukuyamas eine Untersuchung verfolgt, ob es einen weiteren Fortschritt der Freiheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt, sondern wie im 21. Jahrhundert diese Meistererzählung verhandelt wird. Die deutsche Geschichtsdidaktik und der Zweig der Public History teilen mit Fukuyama das Erkenntnisinteresse über die Verfasstheit und das Werden von Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur, was der US-amerikanische Politikwissenschaftler durch seine konsequente Erörterung der Bedeutung der Vergangenheit und ihres Einflusses auf die gegenwärtige Geschichtsdeutung herausgearbeitet hat.

Details

Pages
436
Publication Year
2026
ISBN (PDF)
9783631944684
ISBN (ePUB)
9783631944691
ISBN (Hardcover)
9783631944707
DOI
10.3726/b23280
Language
German
Publication date
2026 (July)
Keywords
Freiheit Demokratiegeschichte Meistererzählung USA culture war
Published
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 436 S., 2 farb. Abb., 2 Tab.
Product Safety
Peter Lang Group AG

Biographical notes

Moritz Pöllath (Author)

Moritz Pöllath studierte Amerikanische Geschichte an der Universität zu Köln sowie an der Hawai’i Pacific University. Seit seinem Referendariat für Gymnasien in Bayern lehrt er an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo ihm die venia legendi für Geschichtsdidaktik und Public History verliehen wurde. Seine Forschungsinteressen gelten der außereuropäischen Geschichte, sowie der Bedeutung von Meistererzählungen.

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