Linguistik 2.0: Sprachnormdiskurse in digitalen Medien
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Table Of Contents
- Abdeckung
- Titelblatt
- Copyright-Seite
- Inhalt
- Zur Einleitung: Warum eine Linguistik 2.0? (Lieselotte Anderwald & Elmar Eggert)
- Literatur
- Zur kommunikativen Konstitution von Sprache in digitalen Netzwerkmedien (Christian Huck)
- 1. Einleitung
- 2. Analoge Interaktion
- 3. Digitale Massenmedien
- 4. Masseninteraktion
- 5. Schluss
- Literatur
- Sprachnormen als Resultate diskursiver Praxis: Aushandlungsprozesse in einer Kultur der Digitalität (Toke Hoffmeister)
- 1. Zur Notwendigkeit eines neuen Sprachnormbegriffs
- 2. Vom Web 2.0 zu einer Linguistik 2.0 oder: Eine Kultur der Digitalität
- 3. Theoretische Grundlagen I: Diskursivität von Aushandlungsprozessen
- 3.1. Der symbolische Interaktionismus
- 3.2. Diskurstheorie nach Foucault
- 4. Theoretische Grundlagen II: (Diskursive) Praxis
- 5. Sprachnormen als Resultate diskursiver Praxis in einer Kultur der Digitalität
- 5.1. Der variationslinguistische Konstruktivismus bei Ulrich Ammon
- 5.2. Der psychologistisch-aktivistische Konstruktivismus bei Markus Hundt
- 5.3. Eine Neuorientierung auf Basis der Modelle von Ammon und Hundt
- 6. Sprachnormen als Resultate diskursiver Praxis als Gegenstand empirischer Forschung (nicht nur) im Projekt Ent-/Fesselung der Sprache: ein Ausblick
- Literatur
- Cockney poets and roadman babysitters: London dialects in metalinguistic online discourses (Johanna Gerwin)
- 1. Introduction
- 2. Enregisterment and metalinguistic discourse: How speakers conceptualise and talk about varieties
- 3. London dialects and their enregisterment
- 3.1. Cockney
- 3.2. Multicultural London English (MLE)
- 3.3. Estuary English
- 4. Cockney online metadiscourses
- 5. Multicultural London English online metadiscourses
- 6. Conclusion
- Bibliography
- Nigerian Pidgin on the Web: Digital use and language discourse as factors in language spread (Christian Mair)
- 1. Introduction
- 2. The rise of Naijá: The digital factor
- 3. Online Pidgin: Discourse and metadiscourse on www.nairaland.com
- 3.1. The forum as a language classroom
- 3.2. CMC as a prestige booster for Pidgin
- 4. Conclusion
- Bibliography
- Metadiskurse über jamaikanisches Kreol in der Webversion der jamaikanischen Zeitung The Gleaner (Michael Westphal)
- 1. Einleitung: Sprachplanung in Jamaika
- 2. Neue Medien und Spracheinstellungsforschung
- 3. Daten und Methoden der Keywordanalyse
- 4. Ergebnisse: Metadiskurse im The Gleaner Onlinekommentarkorpus
- 4.1. Terminologie
- 4.2. Kontra-Positionierung
- 4.3. Kontra-Argumentationslinien
- 4.4. Pro-Diskurse
- 5. Implikationen für die Spracheinstellungsforschung
- Literatur
- Plattdeutschdiskurs 2.0: Perspektiven auf Sprach- und Schreibkonzepte online (Birte Arendt)
- 1. Einleitung
- 2. Theoretische Fundierung: Spracheinstellungen, Niederdeutschbewertungen & Mediatisierung
- 2.1. Spracheinstellungen
- 2.2. Spracheinstellungen zum Niederdeutschen
- 2.3. Mediatisierung
- 3. Daten und Methode
- 3.1. Sprach- und Dialektkonzepte auf YouTube
- 3.2. Orthographiediskurse aus Wikipedia
- 3.3. Analyse: Toposanalysen von „Sticky Spots“
- 4. Ergebnisse: Plattdeutschdiskurs 2.0 auf YouTube und Wikipedia
- 4.1. Sprach- und Dialektkonzepte auf YouTube
- 4.2. Orthographiediskurse auf Wikipedia
- 5. Diskussion und Fazit
- Literatur
- Anhang
- Ist das Gendersternchen & Co. schwer verständlich? Digitale Debatten über Verbote gendergerechter Sprache in Frankreich, Argentinien und Deutschland (Lidia Becker)
- 1. Einleitung: Technodiskursive Aspekte der digitalen Debatten um die gendergerechte Sprache
- 2. Sprachtheoretische Anmerkungen zu psycholinguistischen Studien über die vermeintliche Komplexität der gendergerechten Sprache
- 3. Analyse laienlinguistischer digitaler Debatten um Verbote gendergerechter Sprachformen aufgrund ihrer Komplexität
- 3.1. Verbote gendergerechter Sprache
- 3.2. Methodologische Überlegungen zum Techno-Genre des Online-Kommentars und zu Nachrichtenportalen
- 3.3. Vorstellung des Korpus
- 3.4. Debatten auf FRANCETVINFO.FR
- 3.4.1. Argumentation ad personam
- 3.4.2. Argumentation ad rem
- 3.5. Debatten auf PAGINA12.COM.AR
- 3.5.1. Argumentation ad personam
- 3.5.2. Argumentation ad rem
- 3.6. Debatten auf ZEIT.DE
- 3.6.1. Argumentation ad personam
- 3.6.2. Argumentation ad rem
- 4. Vergleich der drei Teilkorpora
- 5. Fazit
- Literatur
- Korpus
- Weitere Quellen
- „We’re speaking English not Latin!“ Laienlinguistische Diskurse zur Pluralbildung griechischer und lateinischer Fremdwörter im Deutschen, Englischen, Spanischen und Schwedischen (Thorsten Burkard & Katharina Wesselmann)
- 1. Einleitung
- 2. Argumentationsstrategien
- 2.1. Der Blickwinkel der Nehmersprache
- 2.2. Gebersprachliche vs. nehmersprachliche Argumentation: Subjektivität und Aggression
- 2.3. Vermeidungsstrategien
- 3. Ein (vorläufiges) Fazit
- Literaturhinweise
- Quellen
- Threads
- Tweets
- The use of emphasis strategies in two public speaking styles: Charismatic speech on YouTube and on the business stage (Stephanie Berger)
- 1. Introduction
- 2. Charisma
- 2.1. What is charisma?
- 2.2. Why is charisma investigated phonetically?
- 2.3. Known features of charismatic speech in business and politics
- 3. YouTube
- 3.1. Vlogging
- 3.2. Charismatic speech on YouTube
- 4. Discourse about speech on YouTube: “YouTube voice” and its polarisation
- 5. Phonetic emphasis strategies
- 6. Research question and hypotheses
- 7. Methods
- 7.1. Speakers
- 7.2. Data treatment
- 7.3. Measurements
- 7.4. Statistical analyses
- 8. Results
- 9. Discussion
- 10. Conclusions
- Acknowledgements
- Bibliography
- Anmerkungen zu den Beitragenden
Zur Einleitung: Warum eine Linguistik 2.0?
Der vorliegende Sammelband ist aus einer interdisziplinären Ringvorlesung im Sommer 2023 erwachsen, die ihrerseits ein Pilotprojekt von Linguist:innen1 der CAU zu Kiel über den Zeitraum von 2018 bis 2023 zur Grundlage hatte. In diesem Projekt haben Sprachwissenschaftler:innen der Germanistik, Anglistik, Romanistik, Skandinavistik und der Klassischen Philologien zusammengearbeitet, um metasprachliche Diskurse zu untersuchen, wie sie sich in neuen, dialogischen, computer-basierten Medien darbieten. Diese Untersuchung hat sich als so fruchtbar herausgestellt, dass wir einige Beiträge nun nach der Ringvorlesung in diesem Sammelband darbieten, ergänzt durch weitere Beiträge aus dem Feld.
Metasprachliche Diskurse („Talk about Talk“) sind schon seit längerer Zeit Untersuchungsgegenstand der Sprachwissenschaften. Bereits William Labov, der Gründervater der Soziolinguistik, erhob Daten von seinen Informant:innen, um zu erfahren, wie sie über ihren Dialekt urteilten, und entwickelte auf dieser Basis Konzepte der linguistic security oder insecurity (sprachliche Selbstsicherheit, sprachliche Unsicherheit, vgl. Labov 1966; vgl. auch Blas Arroyo 2005; Boudreau 2023). Die Erforschung von Sprecher:innenhaltungen zur Sprache (ihrer eigenen oder der anderer) wurde dann im Bereich der Sozialpsychologie der Sprache zum Hauptforschungsgegenstand (Garrett 2010) und wird nach wie vor mit Begriffen wie „Status“ gegenüber „Solidarität“ erfasst. Fragen der Spracheinstellungen oder Sprachideologien bildeten weitere Untersuchungsgegenstände (vgl. Zimmermann 2014; Marimón Llorca & Santamaría Pérez 2019). Einerseits in der Wahrnehmungsdialektologie (eng. Perceptual Dialectology), andererseits auch in der Laienlinguistik (eng. Folk Linguistics) geht es ebenfalls von Beginn an mehr um Reaktionen auf und Kommentare über Sprache (vgl. Evans, Benson & Stanford 2018 oder Harjus 2018; Becker, Herling & Wochele 2024). Alle genannten Bereiche der Sprachwissenschaft gehen dabei methodisch aber experimentell bzw. elizitatorisch vor: Informant:innen werden explizit befragt, oder Daten werden über verschiedenste Experimente erhoben (z. B. das Einzeichnen von Dialekträumen auf geographische Karten, die Bewertung von akustischen Stimuli nach verschiedenen Kriterien, oder eine Rangbildung unterschiedlicher Materialien). Wenn auch offene Kommentare mit erhoben und ausgewertet werden, sind diese doch in einem kontrollierten Umfeld entstanden, das auch den Informant:innen klar vermittelt, worauf das Erkenntnisinteresse liegt. In allen drei Gebieten handelt es sich in der Regel also nicht um „natürlich“ vorkommendes Material, das die Forschenden a posteriori untersuchen, sondern das Material würde ohne Zutun der Forschenden nicht existieren.
Etwas anders sieht dies im Bereich der Sprachanthropologie oder Metapragmatik aus (Agha 2007). Besonders in historischen Studien zum Enregisterment kann die forschende Person zwangsläufig nur mit bereits existierendem Datenmaterial arbeiten. Auf der anderen Seite gibt es eher soziolinguistisch ausgerichtete Studien (z. B. Johnstone, Andrus & Danielson 2006), die auch mit soziolinguistischen Instrumenten (soziolinguistischen Interviews, direkte Fragen zu Sprachhaltungen, ethnographische Beobachtungen) arbeiten, im weiten Sinne auch in der Glottopolitik (vgl. Becker, Knauer & Del Valle 2022). Auch in der Diskurslinguistik und Metadiskursstudien wird vorzugsweise bereits vorhandenes Material untersucht (z. B. Spitzmüller & Warnke 2011; Sanmartín 2012; Weiland 2020), welches den Vorteil hat, dass es nicht direkt oder indirekt erhoben worden ist, sondern unabhängig von der Forschungssituation entstanden ist, aber im Nachhinein sehr zielgerichtet für bestimmte Forschungsfragen ausgewertet werden kann.
Mit dem Aufkommen „neuer“ Formen der direkt interagierenden Beteiligung im Internet (dem „Internet 2.0“) hat sich die potenzielle Datenlage für interessierte Linguist:innen jetzt gewandelt. War das Internet zu Beginn eher ein Informationsdepot mit begrenzten Interaktionsmöglichkeiten für User (es gab asynchrone Diskussionsforen oder auf persönliche Interaktion beschränkte E-Mails), haben sich die Möglichkeiten der Partizipation inzwischen grundsätzlich geändert. Jeder mit Zugang zum Internet kann heute mit Hilfe nur eines Smartphones Material produzieren und mit der (virtuellen) Welt teilen, Diskussionen beginnen oder an ihnen teilnehmen, Kommentare zu Beiträgen anderer hinterlassen, auf Kommentare anderer reagieren etc. (vgl. Androutsopoulos 2013; Burgess & Green 2018).2 Damit eröffnet sich für interessierte Sprachwissenschaftler:innen ein riesiges Forschungsfeld, das Daten enthält, die sich der reinen Beobachtung sprachlicher Äußerungen ohne Intervention der Forschenden öffnen. Die Themen sind hier vergleichsweise endlos3; dabei geht es immer um das Auswerten der graphisch vorliegenden Beiträge von Nutzer:innen der jeweiligen Plattformen, mit denen diese ein Kommunikationsziel verfolgen, meistens mit einer starken emotiven Funktion verknüpft. In den Beiträgen werden alle möglichen Gegenstandsbereiche thematisiert, kritisiert, bewertet oder in Bezug zu anderen Ereignissen gestellt. Viele der reagierenden Eingaben betreffen nicht nur den Inhalt der eine Reaktion hervorrufenden Texte oder Beiträge, sondern beziehen sich explizit auf die sprachlichen Formungen vorhergehender Äußerungen, indem sie diese und zugleich auch die dahinterstehenden Personen bewerten und ihnen bestimmte Eigenschaften zuschreiben. Das eröffnet ein weites Feld für linguistische Studien, die sich diesem Sprechen über den Sprachgebrauch von anderen widmen.
In dem vorliegenden Band steht insbesondere diese Art von metasprachlichen Äußerungen von Nicht-Expert:innen im Mittelpunkt des Interesses. Diese metasprachlichen Äußerungen mussten bisher, wie erwähnt, zeitaufwändig manuell erhoben werden und beinhalteten jedenfalls immer eine explizite Wahrnehmungslenkung der Informant:innen auf den Prozess der Datenerhebung. Mit der massenhaften Nutzung dialogischer Medien im Internet entfällt dieser Teil des Observer’s Paradox für die Sprachwissenschaften: für Forschende ist es zum ersten Mal möglich, Daten darüber zu erheben und zu beobachten, wie Nicht-Expert:innen über Sprache und konkrete Sprachverwendungen denken und sprechen, wenn sie nicht beobachtet werden. Gleichzeitig ist es jetzt möglich, Daten in ganz anderen Größenordnungen zu erheben als in früheren Projekten mit traditionelleren Methoden. Da diese Sprachäußerungen jedoch stets in individuellen Sprechkontexten geäußert sind, bieten sich auch qualitative Methoden zur Auswertung an, mit denen die Kontextualisierung berücksichtigt werden kann.
Andererseits sind mit dieser neuen Möglichkeit, Diskurse mitzu„hören“, auch Unwägbarkeiten verbunden: Die Themen sind nicht steuerbar – wenn es keine Diskurse zur Kieler Stadtsprache gibt, können wir sie nicht analysieren; das Interesse an einem Thema mag zu einem Zeitpunkt aufkommen und dann wieder versiegen. Außerdem bleiben die Sprecher:innen letztendlich anonym, da wir ihre Identitäten nicht erheben oder überprüfen können; überhaupt ist es nicht klar, wie repräsentativ aktive Teilnehmer:innen in der dialogischen Internetwelt für die Gesamtbevölkerung sind – schlimmer noch, ob sie überhaupt Teil der zu untersuchenden Bevölkerung sind! Diese Fragen sind für kleinere Sprachen vielleicht nicht so relevant, in denen es weniger Nicht-Muttersprachler:innen gibt, werden aber bedeutsam in Studien über User, die z. B. die Globalsprache Englisch verwenden, da es sich bei dem Großteil der Sprecher:innen des Englischen nicht um Muttersprachler:innen handelt (Kachru 1985). Insgesamt wissen wir jedenfalls, dass Internetnutzer:innen signifikant jünger und männlicher als der Bevölkerungsdurchschnitt sind.4 Andererseits ergeben sich teilweise aus Form und Inhalt der Diskurse Anhaltspunkte auf die Identität der Sprecher:innen, wie z. B. der Beitrag von Burkard & Wesselmann und der von Becker zeigen. Hier wird z. B. als Untermauerung der eigenen Autorität auf Bildungshintergrund, Beruf oder Geschlecht verwiesen, oder der Username verrät interessante Details. Auch unabhängig von den Urhebern metasprachlicher Äußerungen können aber sehr aufschlussreiche Aspekte untersucht werden: welche sind denn die sprachlichen Merkmale, die überhaupt wahrgenommen und dann kommentiert werden? Wenn nur eine Auswahl überhaupt angesprochen wird, sind die Gründe für deren Thematisierung zu erforschen, genauso wie die Ursachen, warum anderen Phänomene überhaupt nicht oder viel weniger bemerkt und dann auch nicht angesprochen werden. Zentral sind die Fragen, welche Bewertungen mit einzelnen sprachlichen Merkmalen verknüpft werden und wie diese sich dann auch auf die Sprecher:innen übertragen. Auch die Kontexte, in den sprachliche Züge bewertet werden, müssen dabei berücksichtigt werden, denn sicherlich werden die Erwartungen an sprachliche Aussagen sich je nach Diskursbereich unterscheiden. Nicht unerheblich kann die Ausrichtung auf präskriptive Normen von Institutionen der Sprachpflege wie Schulen oder Sprachakademien beeinflusst sein, so dass die Frage der individuellen Normerwartung mit der jeweiligen Sprachkultur bzw. mit konkreten sprachpolitischen Vorgaben in Beziehung gesetzt werden könnte. Auch eine Rückwirkung der metapragmatischen Äußerungen zu normativem Sprachgebrauch aus dem Internet auf weitere Sprecher:innen und/oder auf die Normvorstellungen in sprachbezogenen Institutionen und Publikationen wäre zu hinterfragen, was aber sicherlich große übergreifenden Datenmengen voraussetzen würde. Es lassen sich somit eine Vielzahl an Untersuchungen in diesem Feld metasprachlicher Äußerungen in dialogischen Internetplattformen denken, die verdeutlichen, dass wir noch am Anfang der linguistischen Erforschung dieses Bereichs stehen. Doch zeigen die Studien, die in unserem Band vereint sind, dass klare Erkenntnisse gewonnen werden können, z. B. über die Entwicklung der Haltungen zur Sprache und zu sprachlichen Normen, zur Bewertung von Sprache in mehrsprachigen und plurikulturellen Kontexten, zu soziolinguistischen Bezügen neuer Formen des Sprechens oder zu unbewussten Einflüssen von Sprache auf unser Verhalten. Insofern möchte dieser Band wertvolle Anregungen liefern, sich systematisch mit dem metapragmatischen Sprachgebrauch im Internet 2.0 zu befassen.
In dem vorliegenden Band macht Christian Huck den Anfang und definiert digitale Kommunikation aus medienwissenschaftlicher Perspektive. Er weist insbesondere auf den wichtigen Unterschied zwischen digitaler (die hier Sprache bereits mit einschließt) und analoger Kommunikation (Gesten, Tonfall, körperlicher Ausdruck) hin, bei der sich die Mitteilungsabsicht stets leugnen lässt – diese parasprachlichen Möglichkeiten entfallen zunächst in einem rein schriftbasierten Medium wie dem Internet (und erhöhen vielleicht die Möglichkeit für Missverständnisse); das Internet 2.0 lässt zudem die Unterschiede zwischen traditionellen Massenmedien und individueller (insb. mündlicher) Kommunikation verwischen. Huck weist aber auf einen weiteren Punkt hin, der bisher noch nicht viel Beachtung gefunden hat: Beiträge im Internet richten sich gleichzeitig an Einzelne (z. B. eine Reaktion auf einen Twitter-Beitrag, ein Like auf Instagram) und an viele, oder sind zumindest von vielen rezipierbar, auch auf negative Art, wie das Phänomen der verbreiteten Hasskommentare deutlich macht. Andererseits wird die Möglichkeit zur Partizipation auch schnell zum Zwang. Letztlich beruht die neue digitale Kommunikation aber doch auf dem Analogen und auf der Materialität, den physischen Bedürfnissen seiner User, ohne die das System nicht existieren könnte.
Toke Hoffmeister eröffnet den sprachwissenschaftlichen Blick auf metasprachliche Äußerungen im Internet durch seinen theoretischen Beitrag, mit dem er versucht, das Sprachnormverständnis zu erweitern und zu aktualisieren, um moderne Formen der Normdiskussionen, wie sie im Internet in sozialen Foren zu beobachten sind, einbeziehen zu können. Anstelle von statischen Vorgaben durch bestimmte Autoritäten sieht er Normen auch und immer stärker als Ergebnis von Aushandlungen innerhalb der Gesellschaft, an denen heutzutage die Sprecher:innen einen großen Anteil haben. Die Diskussion verschiedener Sprachnormmodelle führt ihn zu einer Neuorientierung und hin zu einem diskurspragmatischen Ansatz, der auch für sprachvergleichende Untersuchungen genutzt werden kann.
Mehrere der vorliegenden Beiträge beschäftigen sich mit der englischen Sprache, allerdings nicht mit der globalen Internetsprache Englisch oder den dominanten Standardvarietäten, sondern mit eher marginalisierten Varietäten des Englischen, die ihrerseits von der Übermacht des Standards bedroht sind. Johanna Gerwin stellt Diskurse über regionale Varietäten des Englischen im Großraum London vor, wie sie sich auch im Internet finden, insbesondere zu der traditionellen Stadtvarietät „Cockney“ und dem neueren Multiethnolekt „Multicultural London English“ (MLE). Statt um ein globales Englisch geht es hier also um Dialekte von Minderheiten, die – im Falle von Cockney – von Künstler:innen und Aktivist:innen am Leben erhalten werden und, auch mit Hilfe des Internets, jetzt Dokumentation und vielleicht sogar weitere Verbreitung erfahren. Andererseits zeigt sich in (oft stereotypisierten) Darstellungen besonders des MLEs auch die Gefahr, dass seine Sprecher:innen durch Verwendung ihrer Varietät vorverurteilt werden und die weite Verbreitung (und permanente Abrufbarkeit) von metasprachlichen Äußerungen im Internet so zu einem bereits existierenden Stigma beiträgt.
Christian Mair untersucht eine positivere Nischenfunktion des Internets, nämlich dass es Sprecher:innen marginalisierter Sprachen oder Sprachvarietäten erlaubt, sich zu vernetzen und ihre Minderheitensprache zu benutzen, zu pflegen oder sich, im Sinne dieses Sammelbandes, über diese Sprache auszutauschen. Diese Tendenz ist gegenläufig zur oft beschworenen Gefahr, dass die globale Weltsprache Englisch durch die Präsenz im Internet nun noch dominanter werde und alle anderen Sprachen verdränge. Wie Mair in seinem Beitrag zeigt, ist das Internet für Sprecher:innen des nigerianischen Pidginenglisch (Naijá), insbesondere in der Diaspora in Ländern mit einer anderen Mehrheitssprache, dagegen auch eine einzigartige Gelegenheit zur Vernetzung, zur Verschriftlichung der eigentlich eher im mündlichen Gebrauch verankerten Sprache, und führt vielleicht sogar zu einer Verbreitung dieser Varietät – denn durch die Dokumentation in Internetforen wird das Naijá jetzt auch Nichtsprecher:innnen zugänglich und dadurch erlernbar.
Michael Westphal zeichnet mit korpuslinguistischen Methoden die sprachpolitische Debatte in online-Zeitungskommentaren in Jamaika nach, die sich um die Frage dreht, ob die lokale Kreolvarietät des jamaikanischen Kreols in der Schule als Unterrichtssprache verwendet werden sollte oder nicht. Hier geht es klar um die Dominanz des Standardenglischen im Bildungsbereich, das trotz seiner brutalen Vergangenheit als Kolonialsprache heute für Jamaikaner:innen internationale Strahlkraft hat und so zum Symbol für sozialen Aufstieg, wirtschaftlichen Erfolg und internationale Anbindung geworden ist. Das Kreol ist dagegen die Muttersprache und steht also für eine demokratische Varietät, die von allen gesprochen wird und dessen Vertreter:innen daher in einem post- und antikolonialen Kontext für Anerkennung und Aufwertung plädieren.
Im Beitrag von Birte Arendt werden metasprachliche Diskurse über die Regionalsprache Niederdeutsch untersucht, um hierarchische Zuordnungen verschiedener Formen des Plattdeutschen zu Sprache oder Dialekt aufzudecken. Dadurch kann Arendt verschiedene Argumentationsmuster aufzeigen, die den Wert des Niederdeutschen unterschiedlich einschätzen. Die Online-Diskurse über die Orthographie lassen sich dabei als deutlich normorientiert und sogar puristisch charakterisieren, so wie auch viele Diskurse den Annahmen einer an sprachlicher Vielfalt orientierten Sprachbildung nicht zu entsprechen scheinen.
Lidia Becker widmet sich den Diskursen über gendergerechte Sprache und konkret den Diskussionen über Verbote der gendergerechten Sprache in Argentinien, Frankreich und Deutschland. Vor der konkreten Analyse diskutiert Lidia Becker aus theoretischer Perspektive anhand von ausgewählten psycholinguistischen Studien die Frage, ob die Verwendung besonderer Schriftformen die Verständlichkeit bzw. Komplexität von Texten beeinträchtigt. Zur Auswertung der Diskurse über Ansätze von Sprachverboten nutzt sie die Methode der Netnographie und verbindet diese mit einer diskurslinguistischen Analyse von Leserkommentaren zu Berichten über erfolgte Sprachvorgaben in Online-Zeitungsplattformen, um das gesellschaftliche Phänomen des Sprachfeminismus und entsprechender Antibewegungen zu untersuchen. Dadurch kann Lidia Becker schließlich mehrere rekurrente Topoi für und gegen den Gebrauch dieser Sprachformen auflisten und die Argumentation zurück zu der jeweiligen Pro- oder Kontra-Haltung der Sprachdiskutant:innen führen.
Thorsten Burkard und Katharina Wesselmann nehmen als klassische Philologen Diskurse über die Pluralformen von sog. Gräkolatinismen in den Blick, also Lehnwörter der klassischen Sprachen Latein und Griechisch, die noch als solche zu erkennen sind, wie z. B. Curriculum. Dazu stellen sie Untersuchungsmaterial aus den vier Sprachen Deutsch, Englisch, Spanisch und Schwedisch zusammen, die aus über 40 Threads oder Diskussionsbeiträgen auf verschiedensten Plattformen oder Foren stammen. Neben den bekräftigenden Hinweisen auf Sprachnorminstitutionen können sie die Häufigkeit im Gebrauch, die angenommene Natürlichkeit von Formen, ihre Verständlichkeit, die Ästhetik oder auch Analogien als Argumentationsstrategien für die Präferenz bestimmter Formen an mehreren Beispielen nachweisen. Hinzu besprechen sie den auffällig erhitzten Tonfall in den Beiträgen in Bezug zu den Sprachkulturen und den Themen.
Details
- Pages
- 318
- Publication Year
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631945001
- ISBN (ePUB)
- 9783631945018
- ISBN (Hardcover)
- 9783631944998
- DOI
- 10.3726/b23327
- Language
- German
- Publication date
- 2026 (July)
- Keywords
- Sprachbewertung Sprachnormen Diskriminierung Diskurslinguistik Soziolinguistik Metasprache
- Published
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 318 S., 10 farb. Abb., 8 s/w Abb., 18 Tab.
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