Loading...

Die Konfessionalisierung der Ostkirche in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts

Kyrillos Loukaris, Metrophanes Kritopoulos und die Instrumentalisierung antijesuitischer Topoi

by Vasileios Tsakiris (Author)
©2026 Monographs VIII, 342 Pages

Summary

Die Herausbildung von Konfessionalisierungsprozessen innerhalb der Ostkirche während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts stellte ein hochkomplexes Geschehen dar, das in unmittelbarem Zusammenhang mit kirchenpolitischen Gärungen innerhalb der westeuropäischen diplomatischen Netzwerke im Vorfeld und Verlauf des Dreißigjährigen Krieges stand. Namhafte – oder vorgebliche – Vertreter der Ostkirche wie der Konstantinopler Patriarch Kyrillos Loukaris oder auch der Priestermönch Metrophanes Kritopoulos waren bedeutende Akteure innerhalb dieser transnational agierenden Netzwerke, deren kirchenpolitische Zielstellungen zwangsläufig auch nachhaltigen Einfluss auf die orthodoxe Theologie jener Zeit nahmen.

Table Of Contents

  • Umschlag
  • Schmutztitel
  • Titelseite
  • Copyright-Seite
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1. Metrophanes Kritopoulos’ Unionsverhandlungen in Deutschland (1624–1627)
  • 1.1 Kritopoulos’ ‚orthodoxe‘ Konfessionsschrift(en): Das Projekt ihrer Drucklegung in Tübingen
  • 1.2 Die Aufschubtaktik der Tübinger Theologen und die Reaktion des Württemberger Herzogs
  • 1.3 Der Nürnberger ‚Kyrillos-Brief‘ an Kritopoulos: Eine Lösung für das Problem fehlender Beauftragung?
  • 1.4 Kyrillos’ Situation im Januar 1626: Briefszenario und Realität
  • 1.5 Vorbereitungen für ein Komplott gegen Kyrillos (Januar 1626)
  • 1.6 Das Narrativ jesuitischer Nachstellungen als Vorwand für die Aufschiebung der Drucklegung von Kritopoulos’ Schriften
  • 2. Antijesuitische Rhetorik und umstrittene Synodalbeschlüsse gegen Kyrillos
  • 2.1 Die Jesuiten außen vor: Die Konstantinopler Patriarchatssynode von 1644 und Kyrillos’ Ermordung
  • 2.2 Ein umstrittener Eheschließungsplan
  • 2.3 Giannoules’ Bittkanon an Kyrillos und der Jesuitentopos
  • 2.4 Movilăs Legitimationsbestrebungen
  • 2.5 Das ‚Synodaldokument‘ von 1642: Osteuropäische Matrimonialpolitik und die Gültigkeit der protestantischen Taufe
  • 2.6 Der ‚calvinistische‘ Patriarch Parthenios II. von Konstantinopel und die Nichtanerkennung der protestantischen Taufe
  • 2.7 Antijesuitische Rhetorik zur Kaschierung (krypto-)uniatischer Vorgehen
  • 3. Konfessionalisierungsprozesse und gegenläufige kirchenpolitische Interessen
  • 3.1 Ein kaiserlicher Sondergesandter, Patriarch Kyrillos und die Jesuiten
  • 3.2 Diffamierungen gegen Kyrillos und die Rolle „gelehrter Personen“ aus Ruthenien
  • 3.3 Eine calvinische Konfessionsschrift des Kyrillos?
  • 3.4 Die Genfer Edition der ‚Confessio‘ (1633) und das Autokephalieproblem in Osteuropa
  • 3.5 Das Konstantinopler Patriarchat im Spannungsfeld europäischer Ostkirchenpolitik
  • 3.6 Konkurrierende Konzepte und widersprüchliche Konfessionalisierungsnarrative
  • Quellen- und Literaturverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort

  2. 1. Metrophanes Kritopoulos’ Unionsverhandlungen in Deutschland (1624–1627)

    1. 1.1 Kritopoulos’ ‚orthodoxe‘ Konfessionsschrift(en): Das Projekt ihrer Drucklegung in Tübingen

    2. 1.2 Die Aufschubtaktik der Tübinger Theologen und die Reaktion des Württemberger Herzogs

    3. 1.3 Der Nürnberger ‚Kyrillos-Brief‘ an Kritopoulos: Eine Lösung für das Problem fehlender Beauftragung?

    4. 1.4 Kyrillos’ Situation im Januar 1626: Briefszenario und Realität

    5. 1.5 Vorbereitungen für ein Komplott gegen Kyrillos (Januar 1626)

    6. 1.6 Das Narrativ jesuitischer Nachstellungen als Vorwand für die Aufschiebung der Drucklegung von Kritopoulos’ Schriften

  3. 2. Antijesuitische Rhetorik und umstrittene Synodalbeschlüsse gegen Kyrillos

    1. 2.1 Die Jesuiten außen vor: Die Konstantinopler Patriarchatssynode von 1644 und Kyrillos’ Ermordung

    2. 2.2 Ein umstrittener Eheschließungsplan

    3. 2.3 Giannoules’ Bittkanon an Kyrillos und der Jesuitentopos

    4. 2.4 Movilăs Legitimationsbestrebungen

    5. 2.5 Das ‚Synodaldokument‘ von 1642: Osteuropäische Matrimonialpolitik und die Gültigkeit der protestantischen Taufe

    6. 2.6 Der ‚calvinistische‘ Patriarch Parthenios II. von Konstantinopel und die Nichtanerkennung der protestantischen Taufe

    7. 2.7 Antijesuitische Rhetorik zur Kaschierung (krypto-)uniatischer Vorgehen

  4. 3. Konfessionalisierungsprozesse und gegenläufige kirchenpolitische Interessen

    1. 3.1 Ein kaiserlicher Sondergesandter, Patriarch Kyrillos und die Jesuiten

    2. 3.2 Diffamierungen gegen Kyrillos und die Rolle „gelehrter Personen“ aus Ruthenien

    3. 3.3 Eine calvinische Konfessionsschrift des Kyrillos?

    4. 3.4 Die Genfer Edition der ‚Confessio‘ (1633) und das Autokephalieproblem in Osteuropa

    5. 3.5 Das Konstantinopler Patriarchat im Spannungsfeld europäischer Ostkirchenpolitik

    6. 3.6 Konkurrierende Konzepte und widersprüchliche Konfessionalisierungsnarrative

  5. Quellen- und Literaturverzeichnis

Vorwort

Die vorliegende Studie präsentiert ein Teilergebnis mehrjähriger Forschungen zu Konfessionalisierungsprozessen innerhalb der orthodoxen Kirche während des ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts. Im Fokus stehen die vielschichtigen Verflechtungen und Zielstellungen verschiedener kirchenpolitisch wirksamer Akteure, die nicht nur unterschiedlichen Konfessionen, sondern auch konkurrierenden transnational operierenden diplomatischen Netzwerken angehörten, deren politische Interessen sie vertraten. Das schwer durchschaubare Zusammenspiel dieser Netzwerke, auf deren Basis die theologischen Gärungsprozesse innerhalb der Ostkirche überhaupt erst herausgestellt und bewertet werden konnten, machte die Untersuchung zu einem höchst komplexen Unterfangen. Die besonderen Schwierigkeiten und Herausforderungen, die sich hierbei auf allen Ebenen auftaten, hätten ohne vielseitige Unterstützung kaum überwunden werden können.

Professor Vasilios N. Makrides war über all die Jahre nicht nur ein beständiger Förderer und wertvoller Gesprächspartner, sondern auch die Person, die mich immer wieder ermutigt hat, zumindest einige in der Schublade liegende Forschungsarbeiten zu veröffentlichen. Ohne sein anhaltendes Interesse und seinen Zuspruch wäre dieses Buch nie zustande gekommen.

Welchen unschätzbaren Beitrag zudem Nestor Kavvadas, Tatjana von Schoenaich-Carolath und Maria Stötzler zur Abfassung dieses Buches geleistet haben, kann kaum in Worte gefasst werden. Daher soll hier nur angemerkt sein, dass sie alle durch zahlreiche Stunden der Zusammenarbeit – ob bei der Sichtung und Übersetzung von Quellen oder beim Gegenlesen und Redigieren des Textes – maßgeblich an dieser Studie beteiligt waren.

Es sollen aber auch all diejenigen nicht vergessen werden, die in den vergangenen Jahren mein Studium und meine Forschungen auf vielfältige Weise begünstigt und geprägt haben und die somit ebenfalls – auch wenn hier nicht namentlich aufgeführt – indirekt zur Entstehung dieses Buches beigetragen haben.

Berlin, im September 2025

1. Metrophanes Kritopoulos’ Unionsverhandlungen in Deutschland (1624–1627)

1.1 Kritopoulos’ ‚orthodoxe‘ Konfessionsschrift(en): Das Projekt ihrer Drucklegung in Tübingen

Im April 1626 schrieb der Pfalzgraf August von Sulzbach an den Herzog Johann Friedrich von Württemberg über ein konfessionspolitisches Projekt, in dessen Zentrum die griechisch-orthodoxe Kirche stand. Auf Bitten des Pfalzgrafen sollte Johann Friedrich einen angeblichen „Secretarius“ des Konstantinopler Patriarchen freundlich empfangen und ihn in Kontakt mit den Theologen der Universität Tübingen bringen.1 Es handelte sich hierbei um einen gewissen Metrophanes Kritopoulos, der bereits acht Jahre zuvor im Dienst diplomatischer Kreise des englischen Königs James I. aktiv geworden und nach England gereist war.2 Seinen Aufenthalt und seine Tätigkeiten in England rechtfertigte Kritopoulos – wie es unter kirchlichen Agenten durchaus Usus war – mit einem Theologiestudium in London und Oxford.3 Auch Kritopoulos’ Tätigkeit in Württemberg sollte, wie es der Pfalzgraf dem Herzog empfahl, im Rahmen eines kürzeren Studienaufenthaltes an der theologischen Fakultät der Universität zu Tübingen eingebettet werden.4

Tatsächlich aber ging es dabei um die Neuausrichtung eines konfessionspolitischen Projekts, das bereits einige Jahre vor Ausbruch des böhmischen Aufstands angestoßen, Anfang 1622 in England wiederaufgegriffen – zunächst durch politische Kräfte um die Remonstranten in den Niederlanden unterstützt – und später, etwa ab 1624, von gewissen diplomatischen wie theologischen Kreisen deutschen Hintergrundes übernommen und weitergeführt worden war. Genauer genommen ging es um die mediale Inszenierung eines angeblichen Unionsprojektes gewisser protestantischer Kreise mit der orthodoxen Kirche, welches nun der politischen Ägide des Württemberger Herzogs unterstellt werden sollte. In seinem Brief erklärte der Pfalzgraf, Metrophanes habe „seines thuns und lebens, auch seiner confession halber unss verständig bericht geben“ und daher bestünden gute Aussichten darauf, dass „durch seine person unsere wahre Christliche Evangelische religion auch in den orientalischen Kirchen noch weitter fortzupflanzen sein werde“. Metrophanes’ Vorhaben, zu den „Theologiae und anderen Professoribus nachen Tübingen“ zu reisen, begrüße er, der Pfalzgraf, daher ausdrücklich5 und ersuchte den Herzog zu Württemberg, genanntem Metrophanes in seinem, oder „vielmehr seines Patriarchen Christlich und löblichen proposite […] fürschub und hilff zu erweisen“.6

Es ging also – zumindest dem Anschein nach – um einen auf Initiative des Konstantinopler Patriarchen Kyrillos Loukaris unternommenen Versuch einer protestantisch-orthodoxen Annäherung oder gar um ein Unionsvorhaben, das der Pfalzgraf sehr wohlwollend aufgenommen hatte und nun dem Württemberger Herzog zur weiteren Beförderung antrug. Die theologischen Grundlagen solch einer Annäherung sollte Kritopoulos nunmehr mit den Tübinger Theologen näher ausloten.

Mitte August 1626 traf Kritopoulos – der zunächst von Sulzbach nach Altdorf zurückgekehrt, dann über Nürnberg, Augsburg und Ulm weitergereist war7 – in Stuttgart ein, wo ihm seitens des Fürsten sowie hoher kirchlicher Amtsträger ein freundlicher Empfang bereitet wurde.8 Anfang September brach er nach Tübingen auf, wobei er ausgewählte Schriften mitführte, die als Grundlage für die beabsichtigten theologischen Verhandlungen dienen sollten.

Unter den Tübingern aber konnte die theologische Ausrichtung der irenischen Positionen des Kritopoulos kaum auf vorbehaltlose Zustimmung treffen. Denn diese Ausrichtung war stark vom Einfluss der Helmstedter Theologen um Georg Calixt sowie von den Ansichten der niederländischen Remonstranten um Johannes Uytenbogaert und Hugo Grotius geprägt, mit deren irenischen Konzeptionen sich Kritopoulos bereits zu Beginn seines vorherigen Englandaufenthaltes (ca. 1618-1624) vertraut gezeigt hatte;9 dies sollte den englischen Diplomaten Dudley Carleton zur Annahme veranlassen, dass auch der Patriarch Kyrillos „sich den Contra-Remonstranten das Unrecht und den Remonstranten das Recht geben zu können wähnt“.10 Anders als Calixt und sein Kreis – deren Ansatz zur Überwindung konfessioneller Spaltungen durch Rückbesinnung auf die frühchristliche Kirche seitens innerprotestantischer Gegner hart angegriffen, später (1645) auch als „Cryptopapismus“ bezeichnet worden war – vertraten die Tübinger Theologen eine eher konservative, nach außen mitunter sogar polemische, lutherische Theologie.11

Nun aber sollten sie sich dazu aufgefordert sehen, nicht nur die ‚Helmstedter‘ Konfessionsschrift des Kritopoulos, die Letzterer auf Gesuch von Calixt und Konrad Hornejus (Horne)12 verfasst und nach Tübingen mitgeführt hatte, als echte „Confessio der Ostkirche“13 anzuerkennen, sondern – durch die Drucklegung einer oder mehrerer konfessionstheologischer „Schrifften“ des Kritopoulos über den „Konsens beider Kirchen“14 (d.h. ein Vergleich zwischen seiner, als ‚orthodox‘ bezeichneten „Confessio“ und dem Augsburgischen Bekenntnis) – derselben, samt dem dahinterstehenden ‚irenischen Projekt‘, auch den Autoritätsstempel der theologischen Fakultät Tübingens zu verleihen.

In diesem Sinne richtete Herzog Johann Friedrich am 22. August 1626 von Böblingen aus ein Schreiben an die Tübinger Professoren Theodor Thumm, Jacob Reihing und Vitus Müller15 – die er in ihrer Funktion als „Superattendenten“ bzw. „Magister domus“16 des Tübinger Stifts ansprach – mit der Anweisung, Metrophanes als Ehrengast bei sich aufzunehmen und denselben in seinem religiösen Ansinnen nach Kräften zu unterstützen:

Hochgelehrte und ehrsame liebe getreue. Demnach bey unnß Metrophanes Critopulus, Macedo Hieronomachus und Patriarchae Constantinopolitani Magnus Sigilli Custos, sich mit unterschiedlichen recommendationen underthänig angemeldet, und mit unnsern Theologis bekhandt zumachen auch in Religions Sachen mit selbigen zu conferieren und mehrer information zu nehmen begehrt, als haben wir von unnserem Consistorio Ecclesiastico zu Stuttgartten seiner Persohn halben unterthäniges bedenkhen erfordert. Dann aber selbiges nach der zeit nicht einkommen, haben wir ihme, damit er alhie sich nicht vergeblich auffhaltte, sich nacher Tübingen zu euch zu verfuegen andeuttung gethan. Ist derwegen unnser gnediger befelch, ir wollen benandten Metrophanem Critopulum in das Stipendium und zu Euch an den Herrentisch nehmen, mit selbigem in Religiones Sachen nit allein conferiren und auff begehren mehrer Information geben, sondern auch ihme ad lectiones et disputationes Theologicas zulassen, und seine person biß ir von unnß fernere befelch empfangen werdet, in guter obacht haltten. Daran beschiht unnsere zuverlässige gnedige mainung.17

Auffallend ist hier die merkwürdige Bezeichnung des Kritopoulos als „Sigilli Custos“ des Konstantinopler Patriarchen (d.h. Kyrillos). Es handelt sich hierbei um eine lateinische Wiedergabe des orthographisch problematischen Titels „πατριαρχικός τε πρωτοσύγγελος“, den Kritopoulos bereits in seiner Helmstedter „Confessio der Ostkirche“ und gelegentlich auch – stets in falscher Schreibweise (πρωτοσίγγιλος oder πρωτοσίγγελος) – in seiner Korrespondenz mit deutschen Gelehrten verwendet hatte. Ungeachtet dessen, was er mit dieser – wohl absichtlichen – Fehlschreibung von „πρωτοσύγκελ(λ)ος“ bezweckte, gab Kritopoulos durch Verwendung des unbestimmten Titels „πατριαρχικός τε πρωτοσύγγελος/πρωτοσίγγελος“ zunächst nicht preis, welchem Patriarchen oder welchem Patriarchat er genau angehörte.18 Erst später – im Sommer 1628, als Kritopoulos bereits in Venedig residierte – sollte er sich in einem Brief an den Württemberger Herzog als „Protosynkelos“ (πρωτοσίγγελος) des Alexandrinischen Patriarchats (bzw. des Alexandrinischen Patriarchen Gerasimos) ausgeben.19 Somit war die Behauptung Johann Friedrichs, Kritopoulos sei der „Magnus Sigilli Custos“ des Konstantinopler Patriarchen, also des Kyrillos, eine höchst strittige Angabe.

Dieselbe Angabe war allerdings zuvor bereits von Nürnberger Gelehrten und Universitätsprofessoren verwendet worden – basierend auf einer falschen Etymologisierung sowie einer lateinischen Wiedergabe des falsch geschriebenen griechischen Wortes „πρωτοσίγγελος/πρωτοσίγγιλος“ als „Sigilli Custos“ oder „Sigilliferus“ –,20 um zu suggerieren, Kritopoulos sei der Protosynkelos des Konstantinopler Patriarchen Kyrillos gewesen. Dies jedoch war praktisch unmöglich, da sich Metrophanes im Νοvember 1620, als Kyrillos das Konstantinopler Patriarchat bestieg, bereits im Ausland befand. Dort sollte er sich auch weiterhin aufhalten, sodass er zu genanntem Zeitpunkt gar kein Amt im Konstantinopler Patriarchat hätte bekleiden können, geschweige denn jenes eines Protosynkelos, das in direkter Verbindung zum Patriarchen und zur Verwaltung des Patriarchats stand.21

Am 26. August 1626 richtete Johann Friedrich ein zweites Schreiben an die genannten Tübinger Theologen, in dem er ihnen die baldige Ankunft des Metrophanes ankündigte. Er erinnerte sie an seinen vorausgegangen „befelch“, den er noch weiter ausführte:

daß ir ihme (sc. Kritopoulos) ein zeitlang den tisch bei euch, den superintendenten, widerfahren lassen, ihme neben der privat conversation in die disputationes und lectiones Theologicas führen, in articulis religionis syncerioris, darinnen ir noch zweyfelig mit ihme conferiren und informiren, auch allen guten willen erzeigen sollet.22

Zudem deutete Johann Friedrich an, dass Kritopoulos’ Aufenthalt in Tübingen nicht von langer Dauer sein werde, da der Letztere möglichst zeitnah – offenbar mitsamt den Druckexemplaren seiner Werke – nach Konstantinopel aufzubrechen gedenke:

Nachdem er aber sich nicht lang auffzuhallten, sonder wider in Graeciam zuverrayßen gemeindt, und wir ihne uff sein abscheiden mit einem Zehrpfennig versehen zulassen gedenkhen, alß wollen ihr, wann er sich wider von dannen zubegeben willens, und wessen er sich hierzwischen erzeiget und verhaltten, in unser geistlich Consistorium zeitlich berichten. Hieran beschicht unnßer gnedige zuverlässige mainung.23

Bei den Tübinger Theologen stieß Kritopoulos mit seinem – oder vielmehr des Pfalzgrafen – Anliegen, die mitgeführten „Schrifften“ überprüfen und schnellstmöglich durch die Universitätsdruckerei herausgeben zu lassen,24 jedoch auf einige Zurückhaltung. Letztlich sollte Kritopoulos, dem Rat der Tübinger folgend, weit länger als geplant in der Universitätsstadt verweilen – solange, bis eine Lösung, d.h. eine modifizierte theologische Linie gefunden wäre, durch welche sich die Positionen der Tübinger Lutheraner mit den irenischen Tendenzen eines Calixt vereinbaren ließen. Wie Kritopoulos dem Stuttgarter Hofprediger und Konsistorialrat Erhard Weinmann, mit dem er ein vertrautes Verhältnis pflegte, am 7. September 1626 aus Tübingen schrieb, hatte er ursprünglich vorgehabt,

Venedig noch in diesem Jahr zu erreichen [...]. Doch da Gott – der unsere [Angelegenheiten] besser regelt, als wir es wollen – für mich etwas Anderes (was allerdings besser ist, wie ich mich selbst überzeuge) vorgesehen hat und mich vermittels der Ratschläge zahlreicher gelehrter Männer überzeugt hat, den Winter hier [in Tübingen] zu verbringen, so freue ich mich darauf, mit den hiesigen Lehrern zusammenzuleben und […] für einige Monate in der Nähe Deiner Hochwürden zu sein.25

Diese Planänderung – allerdings ohne dabei Kritopoulos’ Druckvorhaben auch nur mit einem Wort zu erwähnen – sollte drei Tage später auch Theodor Thumm gegenüber dem Geheimrat des Herzogs, Johann Konrad Brotbeck, rechtfertigen. In seinem Schreiben vom 10. September 1627 erklärte er,

[…] Serenissimus noster (sc. Herzog Johann Friedrich von Württemberg) hatt von Böblingen auß Inspectoribus Stipendii ein gn[ädige]s decretum ertheilt, das wier mit dem Greco (sc. Metrophanes) freundlich de articulis fidei conferieren, auch ad disputationes invitieren sollen, darmit er stud[i]eren, taliter underricht, deromahlen mit besonderen nutzen in Graeciam widerumb verreisen möge: Welchen gnedigen befehl ich bis dato deßto vleißiger in undertheniger gehorsame nachgesetzt, weiln D. Reihing mit seiner Retractationsschrift26 occupiert, und mit ihm wenig conferieren könden. Nun finde ich, das er ein frommer aufrichtiger man, in studiis vleißig, auch in Patribus Graecis gar wohl versiert, in articulis nonnullis aber will es ihme noch umb etwas manglen, dannenhero er noch woll instituierens von nöten, welches in so kurzer zeit adversariorum strophas nicht geschehen mögen. Ist derowegen entschlossen, per libellum supplicem underthenig anzusuechen, ob ihme underhalltung bis auf künfftigen frieling möchte vergolten werden, welches Serenissmus zweifels frei gnedig gestatten würt, weiln dieser ehrliche man in Graecia mit der zeit großen nutzen würd schaffen können.27

Details

Pages
VIII, 342
Publication Year
2026
ISBN (PDF)
9783631945964
ISBN (ePUB)
9783631945971
ISBN (Hardcover)
9783631945988
DOI
10.3726/b23377
Language
German
Publication date
2026 (August)
Keywords
Orthodoxe Ostkirche Griechisch-Orthodoxe Kirche Dreißigjähriger Krieg 17. Jahrhundert Diplomatiegeschichte Kirchenpolitik Frühe Neuzeit Gegenreformation Osteuropa
Published
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. viii, 342 S.
Product Safety
Peter Lang Group AG

Biographical notes

Vasileios Tsakiris (Author)

Vasileios Tsakiris studierte Theologie, Archäologie und Geschichte in Thessaloniki und Ioannina. Er promovierte an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und publizierte verschiedene historische Studien über die Orthodoxe Kirche und ihre Interaktionen mit der westlichen Christenheit der Frühen Neuzeit.

Previous

Title: Die Konfessionalisierung der Ostkirche in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts