Der Erlanger Psychiater Friedrich Meggendorfer (1880–1953)
Summary
Er stand der NS-Ideologie nahe und war auch persönlich maßgeblich an Zwangssterilisationen und eugenisch motivierten Schwangerschaftsabbrüchen beteiligt. Auch seine Verstrickung in die Krankenmorde im Rahmen der "Aktion T4" sowie der "dezentralen Euthanasie" ist zumindest in einigen Fällen belegt.
Seine Beteiligung an den Krankenmorden wurde zumindest öffentlich nie thematisiert, geschweige denn strafrechtlich verfolgt. Meggendorfers vollständiger wissenschaftlicher Rehabilitation im Jahr 1953 durch seine Emeritierung kam lediglich sein Tod zuvor.
Excerpt
Table Of Contents
- Abdeckung
- Titelblatt
- Copyright-Seite
- Inhaltsverzeichnis
- Tabellenverzeichnis
- Abbildungsverzeichnis
- Abstract
- Zusammenfassung
- Hintergrund und Ziele
- Methoden
- Schlussfolgerungen und Diskussion
- Ergebnisse und Ausblick
- A. Forschungsziel und Fragestellung
- I. Vorwort
- II. Forschungsstand und Arbeitsweise
- III. Verwendete Quellen
- B. Das Leben Friedrich Meggendorfers
- I. Historische Rahmenbedingungen
- 1. Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Kieler Matrosenaufstand, Novemberrevolution und Weimarer Republik
- 2. Die Psychiatrie am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
- 3. Erblichkeitslehre und Rassenhygiene
- 4. Das Konzept der Psychopathie
- II. Meggendorfers frühe Laufbahn
- 1. Schulzeit und Ausbildung
- 2. Studium in München und Berlin
- 3. Assistenzarzt in München
- 4. Am Krankenhaus Eppendorf in Hamburg
- 5. Im Ersten Weltkrieg
- III. An der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg in Hamburg
- 1. Die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg
- 2. Forschungsaufenthalt an der „Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie“ und Habilitation
- 3. Veröffentlichungen zur Zeit der Weimarer Republik
- 4. Lehre an der Hamburger Universität
- 5. Karriere an der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg
- 6. Die Hamburger Universität unmittelbar nach der Machtübernahme
- 7. Meggendorfers Veröffentlichungen in den ersten Jahren des Nationalsozialismus
- 8. Meggendorfers Forderungen zur Verfolgung homosexueller Männer
- 9. Der Streit um die öffentliche Vorlesungsreihe 1933
- 10. Der Lehrstuhl für Psychiatrie nach Weygandts Weggang sowie der Lehrstuhl für Rassenhygiene
- IV. Ordinariat für Psychiatrie an der Universität Erlangen
- 1. Der Ruf nach Erlangen
- 2. Die Psychiatrische Universitätsklinik Erlangen im Spannungsfeld zwischen Universität und Anstalt
- 3. Der Aufbau der psychiatrischen Klinik zu Meggendorfers Amtszeit
- 4. Die Erlanger Ortsgruppe der „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“
- 5. Der Ruf auf den Lehrstuhl für Psychiatrie in Hamburg 1936
- 6. Zunehmende Engpässe an der Psychiatrischen und Nervenklinik
- 7. Alltag an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Erlangen
- 8. Das ärztliche Personal der Psychiatrischen Klinik
- 9. Aufnahme und Diagnostik
- 10. Therapiemethoden
- 11. Schock- und Krampftherapien
- 12. Die Elektrokrampftherapie – ein neues Verfahren
- 13. Äußerungen Meggendorfers über „Rasse“
- 14. Zwangsarbeiterinnen als Patientinnen
- 15. Jüdische Patient*innen
- V. Forschung an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Erlangen
- 1. Meggendorfers eigene erbbiologische Forschung in Erlangen
- 2. Veröffentlichungen von Meggendorfers Mitarbeiter*innen
- 3. Die Dissertationen unter Meggendorfer
- 4. Forschung von Meggendorfers Doktorand*innen an anderen Einrichtungen
- 5. Zeitlicher Verlauf der psychiatrischen Dissertationen
- 6. Geschlechterverteilung
- 7. Theorie-/literaturbasierte Dissertationen
- 8. Dissertationen auf Basis von Gerichts-, Fürsorge- und ähnlichen Akten
- 9. Fallberichte und fallbasierte Arbeiten
- 10. Reihenuntersuchungen
- 11. Experimentelle Arbeiten
- 12. Dissertationen zur Anwendung und Auslegung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“
- 13. Degenerationszeichen
- 14. Politische Agenda in den Dissertationen unter Meggendorfer
- 15. Die „geheimen“ Dissertationen im Zweiten Weltkrieg
- 16. Hildegard Schmidt und die EKG-Veränderungen
- VI. Zwangssterilisationen
- 1. Vortrag zur Vorbereitung der Zwangssterilisationen
- 2. Meggendorfer über die Auslegung des GzVeN
- 3. Antragstellung bzw. initiales Gutachten
- 4. Gutachten in strittigen Fällen
- 5. Begutachtung bei „angeborenem Schwachsinn“
- 6. Das Erbgesundheitsgericht Erlangen
- 7. Weitere Erbgesundheitsgerichte
- 8. Erbgesundheitsobergerichte Nürnberg und Bamberg
- 9. Zustand nach Schizophrenie
- 10. Begutachtungen bei „Psychopathie“
- 11. Eugenisch begründete Schwangerschaftsabbrüche
- 12. Reaktionen der Betroffenen
- 13. Meggendorfer als Gutachter
- VII. Beteiligung an den Krankenmorden („Euthanasie“) des Nationalsozialismus
- 1. Die NS-„Euthanasie“
- 2. Die „Aktion T4“ – zentrale „Euthanasie“
- 3. Die Umsetzung der „Aktion T4“ in Erlangen
- 4. Die dezentrale „Euthanasie“ in Erlangen
- 5. Josef
- 6. Betty
- 7. Otto
- 8. Erna
- 9. Johann
- 10. Hinweise auf weitere suspekte Todesfälle
- 11. Angst der Patient*innen vor der Ermordung
- 12. Meggendorfers Verwicklung in die Krankenmorde zusammenfassend
- 13. Meggendorfers Forderung nach einer Kinder(fach?)abteilung
- VIII. Der Beratende Psychiater im Heer
- 1. Die Rolle der Beratenden Psychiater
- 2. Das Nervenlazarett Erlangen
- 3. Der Umgang mit „Psychopathen“ im Heer
- IX. Meggendorfer nach dem Ende des Nationalsozialismus
- 1. Unmittelbar nach Kriegsende
- 2. Das Entnazifizierungsverfahren
- 3. Berentung
- 4. Umzüge und weitere berufliche Tätigkeit
- 5. Meggendorfers Umgang mit seiner Vergangenheit
- C. Zusammenfassung und Fazit
- Anhänge
- Veröffentlichungen von Meggendorfer
- Liste der Dissertationen an der Psychiatrischen und Nervenklinik Erlangen aus Meggendorfers Amtszeit
- Von Meggendorfer selbst betreut
- Bei folgenden stammt das Thema noch von Meggendorfer, Referenten sind dann andere:
- Von Kihn betreut
- Von Bingel betreut
- Von der Inneren Medizin in der Psychiatrischen Klinik durchgeführt
- Quellen und Bibliografie
- Ungedruckte Quellen
- Archive
- Gedruckte Quellen
- Sekundärliteratur
- Quellen aus dem Internet
- Abkürzungsverzeichnis
- Anmerkungen zur Zitierweise
- Danksagung
- Register
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Dissertationen der Psychiatrischen Klinik zu Meggendorfers Amtszeit
Tabelle 2: Methodik der Dissertationen zu Meggendorfers Amtszeit
Tabelle 3: Akten des EGG Erlangen
Tabelle 4: Involvierung der Erlanger Klinik im Verfahren des EGG Erlangen (in Stichprobe)
Tabelle 5: EGG Erlangen, Diagnosen nach Gesetz
Tabelle 6: Erlangen EGG: Berufe / Sozialer Stand der Betroffenen
Tabelle 7: Verfahrensausgang EGG Erlangen
Tabelle 8: Akten des EGG Bayreuth
Tabelle 9: Involvierung der Erlanger Klinik im Verfahren des EGG Bayreuth
Tabelle 10: EGG Bayreuth, Diagnosen nach Gesetz
Tabelle 11: EGG Bayreuth: Berufe / Sozialer Stand der Betroffenen
Tabelle 12: EGG Bayreuth, Ausgang des Verfahrens
Tabelle 13: Akten des EGG Bamberg
Tabelle 14: Involvierung der Erlanger Klinik im Verfahren des EGG Bamberg (Stichprobe)
Tabelle 15: EGG Bamberg, Diagnosen nach Gesetz
Tabelle 16: EGG Bamberg: Berufe / Sozialer Stand der Betroffenen
Tabelle 17: EGG Bayreuth, Ausgang des Verfahrens
Tabelle 18: Akten des EGOG Bamberg
Tabelle 19: ursprüngliches Verfahren vor welchem EGG?
Tabelle 20: Involvierung der Erlanger Klinik im Verfahren des EGOG Bamberg und Verfahrensausgang
Tabelle 21: EGOG Bayreuth, Diagnosen nach Gesetz
Tabelle 22: EGOG Bayreuth: Berufe / Sozialer Stand der Betroffenen
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Postkarte von Meggendorfer mit Unterschrift, SAE, XIII.3.L.10, Postkarte Meggendorfer ca. 1936
Abbildung 2: Erdgeschoss der Psychiatrischen Klinik, Frauenseite. HStA M, MK 72099
Abbildung 3: Erdgeschoss der Psychiatrischen Klinik, Männerseite. HStA M, MK 72099
Abbildung 4: Obergeschoss der Psychiatrischen Klinik, Frauenseite. HStA M, MK 72099
Abbildung 5: Obergeschoss der Psychiatrischen Klinik, Männerseite. HStA M, MK 72099
Abbildung 6: Der Gebäudeteil an der Schwabach, gelb eingefärbt: die Psychiatrische und Nervenklinik der Universität Erlangen, blau: Schwesternwohnräume im 2. Stock sowie eine Dienstwohnung der Anstalt im Hochparterre, rot: Stationen für Schwachsinnige, später – nach Aussagen im Einsleprozess – wohl Hungerstationen (Grafik durch F. Schäfer/V. Wüstner, orientierend, nicht maßstabs- und detailgetreu)
Abbildung 7: Plan der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen 1959, UAE F9, Ordner Gelände Heil- und Pflegeanstalt
Abbildung 8: Plan der Heil- und Pflegeanstalt 1923, Hauptstaatarchiv München MK 72099
Abbildung 9: Krankengeschichte aus Josef E.s Krankenakte. StAN, Bezirkskrankenhaus Erlangen, Patientenakten, Abgabe 2000 – Männer in der Anstalt verstorben 23001, Krankengeschichte
Abbildung 10_1
& Abbildung 10_2: Todesanzeige von Josef E. StAN, Bezirkskrankenhaus Erlangen, Patientenakten, Abgabe 2000 – Männer in der Anstalt verstorben 23001, Todesanzeige
Abbildung 11: Gewichtstabelle aus Betty O.s Krankenakte. StAN, Bezirkskrankenhaus Erlangen, Patientenakten, Abgabe 2000 – Frauen in der Anstalt verstorben, 9870
Abbildung 12: Besuchsliste aus Betty O.s Krankenakte. StAN, Bezirkskrankenhaus Erlangen, Patientenakten, Abgabe 2000 – Frauen in der Anstalt verstorben, 9870, Besuchsliste
Abbildung 13: Besuchsliste aus Erna E.s Krankenakte. StAN, Bezirkskrankenhaus Erlangen, Patientenakten, Abgabe 2000 – Frauen in der Anstalt verstorben, 8339
Abbildung 14: Gewichtstabelle aus Johann R.s Krankenakte. StAN, Bezirkskrankenhaus Erlangen, Patientenakten, Abgabe 2000 – Männer in der Anstalt verstorben, 24720
Abbildung 15: Meggendorfers Schreiben mit dem Wunsch nach einer Kinderabteilung. UAE A6/3i Nr. 1, Meggendorfer an Rektor, 14.09.1942
Abstract
Background and research objectives: Friedrich Meggendorfer was already a relevant eugenic psychiatrist before the National Socialists came to power. He initially worked as a private lecturer at the Friedrichsberg State Hospital in Hamburg and held the Chair of Psychiatry and Neurology at the University of Erlangen from the end of 1934. A medical-philosophic monograph already exists on Meggendorfer; a work with a medical-historical approach has so far been lacking. This dissertation fills this gap. Meggendorfer was a member of the NSDAP from 1933, which raises the question of his participation in National Socialism. A particular focus is on the extent to which Meggendorfer’s patients became victims of National Socialist crimes. The question of Meggendorfer’s motivation is relevant for the research into perpetrators of National Socialism.
Design and methods: This study pursues a medical-historical approach. Meggendorfer’s professional activities are analyzed on the basis of his scientific publications, the dissertations of his doctoral students, and files, mainly medical, legal, and administrative files. His work for the Hereditary Health Courts and Higher Hereditary Health Courts, in particular his work as an expert witness, is presented in detail. The research carried out at the psychiatric clinic by Meggendorfer himself and by his doctoral students is extensively documented in this work. The publications of his staff are not systematically examined. Finally, Meggendorferʼs publications are used to examine the extent to which he changed his scientific theories during and after National Socialism.
Observations and results: Meggendorfer joining the NSDAP in 1933 resulted from a continuity of his politically right-wing anti-democratic views and not, as previously described, from a change in his political opinions. The fact that he lost the chair of psychiatry in Hamburg to Hans Bürger-Prinz in 1936 was essentially due to Meggendorfer’s strategic considerations about remaining in Bavaria. The previous account that Bürger-Prinz, as the NSDAP’s preferred candidate, cost Meggendorfer the chair cannot be upheld in this form. In his ideological work for National Socialism, Meggendorfer showed an increasing radicalization regarding the persecution of homosexual men. His demands preceded National Socialist legislation. Meggendorfer was significantly involved in forced sterilizations under the “Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses” and in eugenically motivated abortions. At least one of these abortions took place against the will of his pregnant patient. Furthermore, Meggendorfer’s involvement in the killing of patients as part of “Aktion T4” and “decentralized euthanasia” could be proven in a few cases. In all of the cases of suspicious deaths, the patients were transferred from the clinic to the asylum. The files of the patients who died were found in the course of this work through references to individual cases in other sources and not as part of a systematic analysis which means that the deaths described here represent a minimum quantity.
Conclusions and outlook: Like many of his colleagues, Meggendorfer was inclined towards Nazi ideology and was thus involved in fields of activity that, in retrospect, are considered medical crimes. His commitment to racial hygiene and his anti-democratic views already existed before the National Socialist era. Meggendorfer and like-minded contemporaries nevertheless saw themselves as scientists and, even after 1945, were unable to recognize their political involvement in retrospect. His way of dealing with his past is characterized by successful narratives of exculpation: His involvement in the killings of psychiatric patients was never discussed, at least publicly, let alone attempted to be punished. Meggendorfer’s complete scientific rehabilitation in 1953 with emeritus status was only prevented by his death; his refutable protective claims in the context of denazification were in part still accepted as truth until recently. Meggendorfer’s life and work are comprehensively presented here. There is a need for further research on the remaining medical staff of the psychiatric clinic. The therapies of the psychiatric clinic could only be described superficially in this dissertation. There is a particular need for further research into the implementation of shock and seizure therapies in the psychiatric clinic and other aspects as e. g. the experiences of female patients at the psychiatric clinic.
Zusammenfassung
Hintergrund und Ziele
Friedrich Meggendorfer war bereits vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ein relevanter Erbpsychiater, der zunächst als Privatdozent an der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg in Hamburg tätig war und ab Ende des Jahres 1934 den Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie an der Universität Erlangen inne hatte. Zu Meggendorfer existiert bereits eine medizinphilosophische Monografie; eine Arbeit mit medizinhistorischem Ansatz fehlte bislang. Die vorliegende Dissertation schließt diese Lücke. Meggendorfer war Mitglied in der NSDAP seit 1933. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage seiner Hinwendung zum Nationalsozialismus. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Frage, inwiefern Patient*innen von Meggendorfer Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen wurden. Die Frage nach Meggendorfers Motivation ist im Hinblick auf die NS-Täterforschung relevant.
Methoden
Die vorliegende Arbeit verfolgt einen medizinhistorischen Ansatz. Anhand von Meggendorfers wissenschaftlichen Veröffentlichungen, den Dissertationen seiner Promovierenden, sowie von Akten, im Wesentlichen Kranken-, Gerichts- und Verwaltungsakten, wird Meggendorfers berufliches Wirken nachvollzogen. Seine Arbeit für die Erbgesundheitsgerichte und -obergerichte, insbesondere seine Arbeitsweise als Gutachter, wird hierbei detailliert dargestellt. Auch die Forschung an der Psychiatrischen Klinik durch Meggendorfer selbst sowie durch seine Promovierenden wird im Rahmen dieser Arbeit umfangreich analysiert. Nicht systematisch untersucht werden die Veröffentlichungen seiner Mitarbeiter*innen. Außerdem wird anhand von Meggendorfers Veröffentlichungen geprüft, inwiefern er seine wissenschaftlichen Thesen während des Nationalsozialismus sowie nach dessen Ende veränderte.
Schlussfolgerungen und Diskussion
Meggendorfers Eintritt in die NSDAP 1933 entsprang einer Kontinuität seiner politisch rechten antidemokratischen Gesinnung und nicht, wie bislang beschrieben, einer Änderung seiner politischen Ansichten. Sein Unterliegen gegen Hans Bürger-Prinz bezüglich des Lehrstuhls für Psychiatrie in Hamburg 1936 war im Wesentlichen seinen strategischen Überlegungen zum Verbleib in Bayern geschuldet. Die bisherige Darstellung, Bürger-Prinz als Wunschkandidat der NSDAP habe Meggendorfer den Lehrstuhl gekostet, lässt sich in dieser Form nicht aufrecht erhalten.
Was die ideologische Mitarbeit am Nationalsozialismus betrifft, so lässt sich bei Meggendorfer am Beispiel der Verfolgung homosexueller Männer eine zunehmende Entgrenzung entsprechend der Umsetzbarkeit immer radikalerer Forderungen zeigen, die der nationalsozialistischen Gesetzgebung vorausging.
Meggendorfer war an den Zwangssterilisationen nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ sowie an eugenisch motivierten Schwangerschaftsabbrüchen maßgeblich beteiligt. Mindestens einer dieser Schwangerschaftsabbrüche fand gegen den Willen seiner schwangeren Patientin statt.
Des Weiteren konnte Meggendorfers Verstrickung in die Krankenmorde im Rahmen der „Aktion T4“ sowie der „dezentralen Euthanasie“ für wenige Fälle belegt werden. Für alle gefundenen verdächtigen Todesfälle gilt, dass die Patient*innen aus der Klinik in die Heil- und Pflegeanstalt verlegt wurden. Die Akten der zu Tode gekommenen Patient*innen wurden im Rahmen dieser Arbeit durch Hinweise auf einzelne Fälle in anderen Quellen und nicht im Rahmen einer systematischen Analyse gefunden, so dass die hier beschriebenen Fälle eine Mindestmenge darstellen.
Ergebnisse und Ausblick
Meggendorfer neigte wie zahlreiche seiner Kollegen der NS-Ideologie zu und war hierdurch in Handlungsfelder verstrickt, die rückschauend als Medizinverbrechen zu werten sind. Sein rassenhygienisches Engagement und seine antidemokratische Prägung bestanden bereits vor der Zeit des Nationalsozialismus. Meggendorfer und gleichgesinnte Zeitgenossen sahen sich gleichwohl als Wissenschaftler und waren auch nach 1945 nicht fähig, rückschauend ihre politische Verstrickung zu erkennen. Sein Umgang mit seiner Vergangenheit zeichnet sich durch erfolgreiche Exkulpationsnarrative aus: Seine Beteiligung an den Krankenmorden wurde zumindest öffentlich nie thematisiert, geschweige denn versucht zu ahnden. Meggendorfers vollständiger wissenschaftlicher Rehabilitation 1953 durch Emeritierung kam lediglich sein Tod zuvor; seine widerlegbaren Schutzbehauptungen, unter anderem im Rahmen der Entnazifizierung, wurden teils noch bis vor kurzem als Wahrheit angenommen.
Meggendorfers Leben und Wirken wird in dieser Arbeit umfassend dargestellt. Zum restlichen ärztlichen Personal der Psychiatrischen Klinik ist weiterer Forschungsbedarf vorhanden. Die Therapien der Psychiatrischen Klinik konnten im Rahmen dieser Dissertation nur oberflächlich behandelt werden. So besteht Forschungsbedarf zur Durchführung der Schock- und Krampftherapien in der Psychiatrischen Klinik, ebenso zu geschlechterspezifischen Aspekten des Erlebens der Patientinnen der Psychiatrischen Klinik.
A. Forschungsziel und Fragestellung
I. Vorwort
Knapp 80 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus sollte man eigentlich davon ausgehen, dass der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen keine Interessen mehr entgegen stünden. Dennoch verfolgen manche Familien, Institutionen und Berufsgruppen bis heute den Wunsch, die Beteiligung der „eigenen“ Angehörigen nach Möglichkeit zu widerlegen. Wenn dies nicht möglich ist, weil die Beweislast zu erdrückend ist, werden Ergebnisse verharmlost, relativiert oder gar komplett geleugnet.
Eine differenzierte, kritische Forschung ist als Grundlage für einen bewussten, reflektierten Umgang mit der Vergangenheit jedoch unbedingt erforderlich. Glücklicherweise wünschen sich zunehmend auch Nachfahren von Tätern oder Institutionen, in deren Tradition die Täter eine große Rolle gespielt haben, eine echte Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.
Für einen differenzierten Blick ist allerdings auch notwendig, bei den Fakten zu bleiben und keine sensationsorientierten Ergebnisse zu schaffen. Öffentliches Interesse an der Thematik ist wünschenswert; es darf die differenzierte Betrachtung jedoch nicht zugunsten einer dramatischen Darstellung weichen. Zweifellos sind die Verbrechen des Nationalsozialismus schockierend. Einer der unangenehmeren Aspekte ist jedoch, dass die Mehrzahl der Täter keine „Monster“ waren. Eine unnötig dramatische Darstellung verdeckt, dass es auch „ganz normale gute Kollegen“ waren, die den Nationalsozialismus unterstützt und vorangetrieben haben, und denen aufgrund ideologischer Verblendung die offensichtliche politische Einfärbung ihrer eben nicht mehr objektiven wissenschaftlichen Ansichten nicht auffiel. Einer von ihnen ist der Erlanger Psychiater Friedrich Meggendorfer.
II. Forschungsstand und Arbeitsweise
Es wird versucht, das Leben Friedrich Meggendorfers zu rekonstruieren, der – 1880 geboren – ein bedeutender, auf Vererbung spezialisierter Psychiater seiner Zeit war und den Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen während der Zeit des „Dritten Reiches“ innehatte. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf seiner Tätigkeit als Ordinarius und auf seinen möglichen Verstrickungen und Beteiligungen an den damaligen Medizinverbrechen. Im Anhang dieser Arbeit findet sich eine Liste aller bekannten Publikationen Meggendorfers.
Seit diese Arbeit 2014 begonnen wurde, ist zahlreiche Forschung zur Erlanger Universität und zur Heil- und Pflegeanstalt Erlangen hinzugekommen.1
Die Krankenmorde in der Erlanger Heil- und Pflegeanstalt wurden initial von Hans-Ludwig Siemen beschrieben.2 Derzeit läuft ein am Lehrstuhl für Geschichte der Medizin angesiedeltes, in Kooperation mit dem Stadtarchiv Erlangen durchgeführtes Projekt, in dem die NS-„Euthanasie“ in Erlangen ausführlicher erforscht wird.3
Meggendorfers Verwicklung in Medizinverbrechen ist von Philipp Rauh bereits dargestellt worden.4 Die Therapiemethoden der psychiatrischen Universitätsklinik werden derzeit ebenfalls erforscht.5
Annähernd zeitgleich zu dieser schwerpunktmäßig medizinhistorischen Biografie wurde von Birgit Braun aus der Psychiatrischen Universitätsklinik Erlangen ebenfalls eine Meggendorfer-Biografie begonnen und 2017 veröffentlicht, die einen medizinethischen Schwerpunkt besitzt und wertvolle Quellen insbesondere aus der Familienüberlieferung der Meggendorfers erschließt.6
Es existieren ferner mehrere kurze weitere Beiträge zu Meggendorfer, drei von Braun, diese ebenfalls mit medizinethischem Schwerpunkt, sowie einer durch die Verfasserin.7 In Hendrik van den Bussches Werk über die Hamburger Universitätsmedizin im Nationalsozialismus finden sich ebenfalls biografische Angaben zu Meggendorfer. Meggendorfers Tätigkeit als „Beratender Psychiater“ des Heeres ist von Georg Berger bereits beschrieben.8
Details
- Pages
- 368
- Publication Year
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631946541
- ISBN (ePUB)
- 9783631946558
- ISBN (Hardcover)
- 9783631946565
- DOI
- 10.3726/b23405
- Language
- German
- Publication date
- 2026 (July)
- Keywords
- Nationalsozialismus Psychiatrie Elektrokrampftherapie Reformpsychiatrie Krankenmord
- Published
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 368 S., 5 farb. Abb., 11 s/w Abb., 22 Tab.
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