Patientenverfügung
Offene Fragen im Strafrecht
Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Umschlag
- Titelseite
- Copyright-Seite
- Hingabe
- Inhaltsverzeichnis
- Tabellenverzeichnis
- Vorwort
- Danksagung
- Abkürzungsverzeichnis
- A. Einleitung
- I. Einführung in die Themenstellung
- II. Gang der Untersuchung
- B. Begriff und Rechtsnatur der Patientenverfügung
- I. Legaldefinition und Verpflichteter
- II. Anwendungsbereich
- III. Abgrenzung zu Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung und Behandlungsvereinbarung
- IV. Verfassungsrechtliche Grundlagen
- V. Zivil- und strafrechtliche Grundlagen
- 1. Kernaussagen des Medizinrechts
- 2. Behandlungsvertrag
- 3. Strafrechtliche Grundlagen
- VI. Grundsatz „in dubio pro vita“
- C. Die gesetzliche Regelung der Patientenverfügung
- I. Gesetzesgeschichte
- 1. Exkurs in die USA – die Anfänge
- 2. Das Patientenverfügungsgesetz – Gesetzgebungshintergrund
- a) Rechtslage bis September 2009
- aa) Bedeutende Rechtsprechung vor September 2009
- (1) „Kemptener Entscheidung“, BGH Urteil vom 13. September 1994 – 1 StR 357/94
- (2) „Lübecker Entscheidung“, BGH Beschluss vom 17. März 2003 – XII ZB 2/03
- (3) Keine gesetzliche Regelung
- b) Rechtslage ab September 2009
- aa) Gesetzgebungsgeschichte
- bb) Bedeutsame Rechtsprechung
- (1) BGH Urteil 25. Juni 2010 – 2 StR 454/09
- (2) BGH Beschluss vom 17. September 2014 – XII ZB 202/13
- (3) BGH Beschluss vom 6. Juli 2016 – XII ZB 61/16
- (4) BGH Beschluss vom 8. Februar 2017 – XII ZB 604/15
- (5) BGH Beschluss vom 14. November 2018 – XII ZB 107/18
- (6) BGH Urteil vom 2. April 2019 – VI ZR 13/18
- D. Voraussetzungen für eine wirksame Patientenverfügung
- I. Anforderungen an die wirksame Errichtung
- 1. Einwilligungsfähigkeit
- 2. Volljährigkeit und persönliche Errichtung
- 3. Schriftformerfordernis
- 4. Keine Beratungs-, Aktualisierungs- oder Datierungspflicht
- II. Inhalt der Patientenverfügung
- 1. Hinreichende Bestimmtheit
- a) Maßstab
- b) Auslegung
- c) Zusammenfassung einiger unzureichender Formulierungen
- 2. Keine Reichweitenbeschränkung
- 3. Noch nicht unmittelbar bevorstehende Maßnahmen
- 4. Besonderheiten bei Festlegungen der Einwilligung und Untersagung
- 5. Festlegungen von ärztlichen Zwangsmaßnahmen
- a) Ärztliche Zwangsmaßnahme
- aa) Legaldefinition und Voraussetzung
- bb) Normzweck
- b) Normgeschichte
- c) Gesetzliche Regelungen und Entwicklungen zur stationären und ambulanten Zwangsbehandlung
- d) Zulässigkeit ärztlicher Zwangsbehandlung
- aa) Vorteile und Herausforderungen stationärer Zwangsbehandlungen
- bb) Potenzial ambulanter Zwangsbehandlungen
- cc) Kritik und Regulierung bei der Einführung ambulanter Zwangsbehandlungen
- dd) Individuelle Prüfung der Behandlungsform im Kontext von Ultima Ratio- und Verhältnismäßigkeitsprinzip
- e) Patientenverfügung – Festlegungen zu ärztlichen Zwangsmaßnahmen
- f) Odysseus-Verfügung
- aa) Begriff und Hintergrund
- bb) Rechtslage in Deutschland – Vorrang von § 1832 BGB
- cc) Abwägung der Vor- und Nachteile
- dd) Fazit
- 6. Sonstige Festlegungen
- III. Freiwilligkeitsgebot und Kopplungsverbot
- E. Widerruf der Patientenverfügung
- F. Verfahren zur Umsetzung einer Patientenverfügung
- I. Rechtslage beim Bestehen einer Betreuung
- 1. Nachforschung und Beschaffung der Verfügung
- 2. Prüfungspflicht
- 3. Durchsetzung der Patientenverfügung
- a) Verbindlichkeit der wirksamen Patientenverfügung
- b) Grenzen der Verbindlichkeit einer Patientenverfügung
- c) Ausnahme: Keine Geltung der Festlegungen
- 4. Weitere Pflichten des Betreuers
- II. Rechtslage ohne bestehende Betreuung
- 1. Keine weitere Bevollmächtigung
- 2. Geltung für Ehegattenvertreter
- 3. Geltung für Bevollmächtigte
- G. Fehlen einer Patientenverfügung i. S. v. § 1827 Abs. 1 BGB
- I. Entscheidung und Informations-/Aufklärungspflichten
- II. Entscheidungskriterien des Betreuers
- 1. Behandlungswünsche
- 2. Mutmaßlicher Wille
- H. Negativattest und gerichtliche Genehmigung
- I. Weitere aktuelle Rechtsprobleme
- I. Demenz
- 1. Vorbemerkung
- 2. Medizinische Grundlagen
- 3. Der „natürliche“ Wille
- 4. Mögliche Fallkonstellationen
- a) Fall 1 „positiv wahrgenommener Wille“ mit entgegengesetzter Patientenverfügung
- b) Fall 2 „negativ wahrgenommener Wille“ mit entgegengesetzter Patientenverfügung
- 5. Lösungsansätze
- a) Bindungskraft der Patientenverfügung
- b) Widerruf der Patientenverfügung durch den natürlichen Willen
- c) Theorie der Personenverschiedenheit
- d) Meta-Direktive als Lösung – Klausel für den Konfliktfall
- e) Der Veto-Ansatz
- aa) Theorie und Auswirkung
- bb) Strafrechtliche Rechtfertigung
- f) Lösungsansatz aus medizinischer Praxis
- g) Eigene Lösung
- aa) Die ethischen und rechtlichen Herausforderungen
- bb) Beachtlichkeit des natürlichen Willens
- cc) Grundproblem unzureichender Wissensstand des Betroffenen
- dd) Der natürliche Wille als Problem des „Zutreffens“ der Lebens- und Behandlungssituation
- ee) Maßgeblichkeit des aktuellen natürlichen Willens bei medizinischen Entscheidungen
- ff) Ausnahme der Regel – Bindungskraft der Patientenverfügung
- gg) Fallanwendung (ohne umfassende (ärztliche) Beratung)
- (1) Fall 1 „positiv wahrgenommener Wille“ mit entgegengesetzter Patientenverfügung
- (2) Fall 2 „negativ wahrgenommener Wille“ mit entgegengesetzter Patientenverfügung
- (3) Zweifelsfall
- 6. Untersuchtes Meinungsbild in der Praxis
- 7. Fazit
- II. Minderjährige
- 1. „Volljährigkeit“ als Wirksamkeitserfordernis der Patientenverfügung
- 2. Historische Entwicklung
- 3. Verfassungsrechtliche Rechtmäßigkeit
- a) Selbstbestimmungsrecht von Minderjährigen
- b) Staatliche Schutzpflicht für Lebens- und Gesundheitsschutz
- 4. Altersgrenzen und Einsichtsfähigkeit
- 5. Auswirkung der Altersgrenze von 18 Jahren
- 6. Lösungsansätze
- a) Bevollmächtigung durch Minderjährige
- b) Rückgriff auf den Patientenwillen
- III. Fehldeutungs- und Strafbarkeitsrisiko
- IV. Auswirkungen der vielen Muster von Patientenverfügungen auf die Bestimmtheit
- V. Bindungswirkung der Patientenverfügung auch in Notfallsituationen
- 1. Alleinige Handlungspflicht des Arztes
- 2. Bindungswirkung der Patientenverfügung
- 3. Notfallpraxis und Notfallbogen
- VI. Wachkoma
- VII. Organspende
- 1. Zulässigkeit und Verfahren der Organentnahme
- 2. Verhältnis der Patientenverfügung zur Organspende
- 3. Konkrete Formulierungen in der Patientenverfügung
- 4. Notwendigkeit umfassender Aufklärung
- VIII. Ergänzungsbedarf bei Patienten mit Herzschrittmacher/Defibrillator
- IX. Anpassungserfordernis bei neuen Krankheiten (Corona)
- X. Konflikt zwischen behandelnden Ärzten
- XI. Ärztliche Formverstöße nach §§ 1827 ff. BGB
- XII. Strikte Bindung eines Vorsorgebevollmächtigten an die Patientenverfügung
- 1. Vorsorgevollmacht
- a) Rechtsnatur und Begriff
- b) Anforderungen an den Inhalt der Vorsorgevollmacht
- c) Mögliche Geschäftsunfähigkeit bei Erteilung der Vorsorgevollmacht
- 2. Weitere Vollmachtsformen
- 3. Patientenverfügung i. V. m. General- bzw. Vorsorgevollmacht
- 4. Einbindung des Bevollmächtigten
- 5. Kontrollbetreuung
- 6. Verbindlichkeit der Patientenverfügung im Innen- und Außenverhältnis
- 7. Reichweite des Vorrangs der Privatvorsorge
- J. Empfehlung
- I. Schaffung von eindeutigen Standards im Umgang mit Patientenverfügungen
- 1. Einheitliche Formulare für die Patientenverfügung
- 2. Konsequente Anwendung des zweigliedrigen Bestimmtheitsgrundsatzes des BGH
- 3. Vereinheitlichung der Terminologie
- 4. Klarheit über medizinische Sachverhalte
- 5. Regelung zur Beachtlichkeit des natürlichen Willens
- 6. Beachtung und Umgang von individuell körperlichen Voraussetzungen
- 7. Regelung von Organspende und Wachkoma
- 8. Kontinuierliches Review
- 9. Rechtliche Absicherung und vorweggenommene Prüfung der Wirksamkeit
- 10. Erweiterte Aufklärung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit
- II. Unterstützung der Patientenverfügung durch Notfallbögen
- III. Medizinische und rechtliche Schulung und Beratung von Ärzten
- IV. Erweiterung der Erstattungsfähigkeit der Kosten für eine gesundheitliche Versorgungsplanung und Erhöhung der Gebühren
- V. Erforderlicher Schnellzugriff von Patientenverfügung/Notfallbogen/Vollmacht
- 1. Hinterlegung beim Zentralen Vorsorgeregister
- 2. Zugriff über QR-Code
- 3. Hinterlegung auf der Gesundheitskarte
- a) Bisherige Möglichkeiten
- b) Potenzielle Erweiterungsmöglichkeit
- c) Idee: „Video“ zur Lebensbeschreibung und Vorstellung, hinterlegt auf der Gesundheitskarte
- VI. Maßnahmen zur Verhinderung des Missbrauchs von Patientenverfügungen
- 1. Aktuelle Missstände – Beatmungs-WGs als Beispiel
- 2. Rechtliche Maßnahmen
- a) Strenge Sanktionen bei Fälschung oder Zerstörung
- b) Notarielle Beglaubigung
- 3. Technologische Sicherungsmaßnahmen
- 4. Organisatorische Maßnahmen
- a) Regelmäßige Schulungen für Pflegepersonal
- b) Anreizsysteme zur Förderung der Einhaltung von Patientenverfügungen
- c) Unabhängige Kontrollgremien
- d) System zur Überwachung von Abrechnungspraktiken und wirtschaftlichen Interessen
- e) Einführung von „Compliance Officer“
- f) Meldesysteme für Verdachtsfälle
- K. Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse
- L. Ausblick
- Literaturverzeichnis
- Sachregister
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Übersicht der prozentualen Verteilung der Zustimmung der „Behandler“ zu den Fallbeispielen
Tabelle 2: Zustimmungsrate der „Behandler“/„Nicht-DV-Befolger“ und der „Behandler“/„Nicht-Patientenverfügungsbefolger“ zu den jeweiligen Standardargumenten anhand Meyer-1
Vorwort
Die Auseinandersetzung mit dem Thema dieser Arbeit geht auf ein persönliches Erlebnis zurück. Im Zusammenhang mit der Erkrankung und dem Tod meiner Oma setzte ich mich gemeinsam mit meiner Schwester erstmals mit medizinischen Fragen am Lebensende auseinander und begann, mich als Jurastudentin mit den rechtlichen Aspekten der Patientenverfügung zu befassen.
In dieser Zeit besuchte ich einen Vortrag des Rechtsanwalts, der an dem Verfahren beteiligt war, das zum Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs vom 25. Juni 2010 (2 StR 454/09) führte. In diesem Urteil befasste sich der BGH mit der Frage, unter welchen Voraussetzungen die Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen straflos ist, wenn sie dem erklärten Willen des Patienten entspricht. Die Auseinandersetzung mit diesem Fall und den darin verhandelten Grundfragen der Patientenautonomie hat mein Interesse am Zusammenspiel von Recht, Medizin und Ethik entscheidend geprägt.
Später, in meiner anwaltlichen Tätigkeit, habe ich das Thema wieder aufgegriffen, weil es mich nie losgelassen hat. Aus diesem anhaltenden Interesse entstand schließlich der Wunsch, die komplexen strafrechtlichen Fragestellungen der Patientenverfügung wissenschaftlich zu vertiefen.
In der Folge suchte ich nach einer akademischen Betreuung im Bereich des Medizin- und Strafrechts und fand mit Prof. Dr. Detlev Sternberg-Lieben einen hervorragenden Betreuer, der mir die Möglichkeit gab, dieses Thema im Rahmen einer Dissertation zu bearbeiten.
Die vorliegende Arbeit widmet sich der Patientenverfügung als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts am Lebensende. Sie untersucht die offenen strafrechtlichen Fragestellungen, die sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen Patientenautonomie, Lebensschutz und ärztlicher Verantwortung ergeben. Ziel ist es, durch die systematische Aufarbeitung der rechtlichen Grundlagen und der aktuellen Rechtsprechung einen Beitrag zur Klarheit und Weiterentwicklung der Patientenverfügung im Strafrecht zu leisten. Die Arbeit versteht sich zugleich als Plädoyer für eine rechtlich klare und zugleich menschlich verantwortete Anwendung der Patientenverfügung.
Danksagung
Mein besonderer Dank gilt Prof. Dr. Detlev Sternberg-Lieben für die Betreuung dieser Arbeit. Seine wissenschaftliche Präzision, seine wertvollen Anregungen und seine stets offene und vertrauensvolle Begleitung haben die Entstehung dieser Dissertation in entscheidender Weise gefördert.
Prof. Dr. Martin Schulte danke ich für die Übernahme des Zweitgutachtens, für die wertschätzenden Worte seiner Beurteilung sowie für die anregenden Fragen und Hinweise im Rahmen der Disputation, die zur weiteren Schärfung einzelner Argumentationslinien beigetragen haben.
Den Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunden danke ich für den fachlichen Austausch, hilfreiche Anregungen und die Ermutigung, die mich während der Arbeit begleitet haben. Meiner Familie gilt mein besonderer Dank für ihren beständigen Rückhalt und ihre Unterstützung – insbesondere meiner Schwester, die mich mit medizinischem Rat und kritischem Blick in besonderer Weise unterstützt hat.
In dankbarer Erinnerung gilt diese Arbeit auch meiner Oma, die den ersten Anstoß zu meiner Auseinandersetzung mit dem Thema gegeben hat.
Abkürzungsverzeichnis
a. A. = anderer Ansicht
Abs. = Absatz
Art. = Artikel
BGB = Bürgerliches Gesetzbuch
BGH = Bundesgerichtshof
BVerfG = Bundesverfassungsgericht
BtMG = Betäubungsmittelgesetz
EGMR = Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte
ff. = folgende (Seiten/Randnummern)
Fn. = Fußnote
GG = Grundgesetz
h. M. = herrschende Meinung
i. S. d. = im Sinne des
m.w.N. = mit weiteren Nachweisen
Rn. = Randnummer
s. = siehe
StGB = Strafgesetzbuch
str. = streitig
u. a. = unter anderem
vgl. = vergleiche
WHO = World Health Organization
A. Einleitung
I. Einführung in die Themenstellung
Die kontinuierliche Zunahme der Lebenserwartung1 kann als Triumph verbesserter Lebensumstände sowie der modernen, voranschreitenden medizinischen Forschung betrachtet werden. Allerdings gehen mit steigenden Lebensjahren auch neue Herausforderungen einher, insbesondere im medizinischen Bereich. Durch innovative Behandlungsmethoden kann selbst bei schwersten Krankheiten eine signifikante Verlängerung der Lebensspanne erreicht werden. Dies resultiert im Alter vielfach in ungewollten Krankenhausaufenthalten, einer Verlängerung des Krankheitsverlaufs sowie der Abhängigkeit von Pflegepersonal und medizinisch-technischen Apparaten.2
In diesem Kontext erfährt die Patientenverfügung als Instrument der Patientenautonomie eine Aufwertung. Sie ermöglicht es dem Einzelnen, im Voraus festzulegen, welche medizinischen Maßnahmen in Situationen der Einwilligungsunfähigkeit ergriffen oder unterlassen werden sollen. Eine Patientenverfügung, idealerweise kombiniert mit einer General- oder Vorsorgevollmacht, zielt darauf ab, belastende Situationen am Lebensende zu vermeiden. Der Patient3 verspricht sich damit den „Schutz vor Intensivmedizin bis zum bitteren Ende“.4
Laut einer Telefonbefragung des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes e. V. (DHPV) haben bereits 43% der Befragten in Deutschland eine Patientenverfügung.5 Dies veranschaulicht das gestiegene Bewusstsein in der Bevölkerung hinsichtlich der Relevanz derartiger Verfügungen.
In der Praxis zeigen sich jedoch bereits bei der Erstellung und zu einem späteren Zeitpunkt bei der Durchsetzung einer Patientenverfügung verschiedene Probleme.6 Täglich sehen sich Ärzte und Patientenvertreter mit der Herausforderung konfrontiert, die Wirksamkeit einer Verfügung zu beurteilen und zu bestimmen, ob sie auf die konkrete Lebens- und Behandlungssituation zutrifft. Diese zeitintensive Prüfung stößt insbesondere in Notsituationen an ihre Grenzen. Des Weiteren hat die Corona-Pandemie bei zahlreichen älteren Menschen die Besorgnis hervorgerufen, dass ihre Patientenverfügung im Falle einer Triage dazu führen könnte, dass sie kein Beatmungsgerät erhalten oder dass dieses zu früh abgeschaltet wird.7 Ebenso stellen sich ethische und rechtliche Fragen, wenn der in der Patientenverfügung geäußerte Wille mit dem natürlichen Willen des Betroffenen kollidiert, insbesondere im Zusammenhang mit Demenzerkrankungen.
Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, die verschiedenen strafrechtlichen und anderen Probleme zu untersuchen und gestützt darauf alternative Lösungsansätze zu entwickeln, um die Umsetzung von Patientenverfügungen im Sinne der Patientenautonomie zu fördern.
II. Gang der Untersuchung
Die vorliegende Dissertation widmet sich der umfassenden Untersuchung der strafrechtlichen, ethischen und praktischen Herausforderungen, die mit Patientenverfügungen verbunden sind. Ziel ist es, ein vertieftes Verständnis dieser vielschichtigen Thematik zu vermitteln und praxisnahe Lösungsansätze zu entwickeln.
Der erste Abschnitt B dient der Begriffsbestimmung sowie der Klärung der Rechtsnatur der Patientenverfügung. Es werden die verfassungsrechtlichen Grundlagen, insbesondere das Selbstbestimmungsrecht des Patienten, sowie die medizinischen und strafrechtlichen Implikationen und der Grundsatz „in dubio pro vita“ einer kurzen Untersuchung unterzogen.
In Abschnitt C erfolgt eine Analyse der gesetzlichen Regelung der Patientenverfügung. Die Darstellung der Entwicklung des Patientenverfügungsgesetzes beginnt mit den Anfängen in den USA und endet mit der Implementierung in Deutschland im Jahr 2009. Die Rechtslage vor und nach 2009 wird detailliert erörtert, wobei auch wegweisende BGH-Urteile Berücksichtigung finden. Im Rahmen dessen erfolgen eine Herausarbeitung der wesentlichen Änderungen sowie deren Auswirkungen auf das Selbstbestimmungsrecht der Patienten.
Abschnitt D widmet sich der systematischen Untersuchung der Voraussetzungen für eine wirksame Patientenverfügung. Der Schwerpunkt liegt auf den rechtlichen Anforderungen an die Errichtung und den Inhalt, insbesondere auf der hinreichenden Bestimmtheit der Festlegungen. Des Weiteren werden spezifische Besonderheiten, wie die Festlegung von ärztlichen Maßnahmen gegen den natürlichen Willen, erörtert.
Die Möglichkeit des Widerrufs einer Patientenverfügung ist Gegenstand von Abschnitt E.
In Abschnitt F wird der Ablauf sowie das Verfahren bei der Anwendung einer Patientenverfügung dargestellt. In diesem Zusammenhang werden die Unterschiede zwischen den verschiedenen Szenarien erörtert, d. h. ob ein Betreuer bestellt wurde, ob kein Betreuer vorhanden ist oder ob ein vom Patienten Bevollmächtigter handelt.
Der Fall des Fehlens einer Patientenverfügung ist Gegenstand des nachfolgenden Abschnitts G. In diesem Kontext wird eine besondere Aufmerksamkeit auf die Rolle des Arztes und des Betreuers bei der Entscheidungsfindung sowie auf die Kriterien zur Ermittlung des mutmaßlichen Willens des Patienten gelegt.
Die Thematik des sogenannten Negativattests sowie die Erläuterung der gerichtlichen Genehmigung gemäß § 1829 BGB werden in Abschnitt H behandelt.
Der Abschnitt I beinhaltet eine detaillierte Untersuchung der rechtlichen und praktischen Schwierigkeiten, die im Kontext der Umsetzung von Patientenverfügungen potenziell auftreten können. Ein besonderes Augenmerk gilt den Herausforderungen, die sich bei Demenzpatienten stellen, insbesondere der Bewertung des natürlichen Willens im Verhältnis zu früheren Verfügungen. Des Weiteren wird die rechtliche Behandlung von Patientenverfügungen bei minderjährigen Personen untersucht. Darüber hinaus wird das Risiko von Fehlinterpretationen und strafrechtlichen Konsequenzen bei der Missachtung des Patientenwillens erörtert, einschließlich ärztlicher Formverstöße und der strikten Bindung von Vorsorgebevollmächtigten. Außerdem werden Notsituationen sowie die spezifischen Problematiken im Kontext des Wachkomas dargestellt. Ebenso werden die rechtlichen Implikationen der Organspende sowie der Umgang mit implantierten Devices thematisiert. In diesem Kontext wird zudem untersucht, inwiefern neue Krankheiten, wie beispielsweise die durch das Corona-Virus verursachte Pandemie, Einfluss auf die Anwendung und Auslegung von Patientenverfügungen nehmen.
In Abschnitt J werden Empfehlungen zur Optimierung und Erweiterung der rechtlichen Handhabung von Patientenverfügungen erarbeitet. In diesem Kontext wird die Notwendigkeit einheitlicher Formulare, klarer Terminologie sowie präziser medizinischer Beschreibungen betont, um Unsicherheiten und Interpretationsspielräume möglichst zu minimieren. Es werden spezifische Regelungen zu Themen wie der Berücksichtigung des natürlichen Willens, der individuellen körperlichen Voraussetzungen sowie der Behandlung von Organ- und Wachkoma-Zuständen vorgeschlagen. Schließlich wird betont, dass eine umfassende Schulung des medizinischen Personals sowie eine Verbesserung der Maßnahmen zur schnellen Zugänglichkeit von Patientenverfügungen, wie beispielsweise durch das Zentrale Vorsorgeregister, erforderlich sind. Darüber hinaus wird diskutiert, wie sich verhindern lässt, dass Patientenverfügungen missbraucht werden.
In Abschnitt K werden die wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst und im Hinblick auf die in der Einleitung formulierte Zielsetzung der Arbeit reflektiert.
Der abschließende Abschnitt L widmet sich einem Ausblick auf zukünftig zu erwartende Entwicklungen im Umgang mit Patientenverfügungen. Insbesondere wird darauf verwiesen, dass gesellschaftliche Veränderungen, technologische Fortschritte sowie neue medizinische Erkenntnisse die rechtliche Handhabung von Patientenverfügungen beeinflussen könnten. Die kontinuierliche Anpassung der rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die Relevanz der Digitalisierung werden als zentrale Herausforderungen identifiziert.
Details
- Seiten
- XXII, 224
- Erscheinungsjahr
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631946923
- ISBN (ePUB)
- 9783631946930
- ISBN (Paperback)
- 9783631946848
- DOI
- 10.3726/b23432
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2026 (Juli)
- Schlagworte
- Willensbildung Entscheidungsprozesse am Lebensende Rechtsprechung Lebensschutz Sterbehilfe Behandlungsabbruch ärztliche Verantwortung Selbstbestimmung Patientenautonomie Medizinrecht Strafrecht Patientenverfügung
- Erschienen
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. xxii, 224 S., 2 Tab.
- Produktsicherheit
- Peter Lang Group AG