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Europas Grenzen heute / Les frontières de l’Europe aujourd’hui

Darstellungen in der Literatur nach 1989 / Représentations en littérature depuis 1989

von Arianna Di Bella (Band-Herausgeber:in) Rotraud von Kulessa (Band-Herausgeber:in) Emmanuelle Séjourné (Band-Herausgeber:in)
©2026 Monographie X, 194 Seiten

Zusammenfassung

In einem Europa, das sich seit 1989 immer wieder neu definiert, rücken Grenzen erneut ins Debattenzentrum. Diese Studie untersucht deutsch-, französisch- und italienischsprachige Literaturen im Hinblick auf ihre Darstellungen von Grenzen. In einem interdisziplinären Ansatz – von Geokritik bis Postmigrationsforschung – wird gezeigt, wie Literatur Grenzen als ästhetische und ethische Räume reflektiert. Der Band lädt dazu ein, Europa aus seinen Grenzräumen heraus neu zu denken.
Dans une Europe qui ne cesse de se redéfinir depuis 1989, les frontières reviennent au centre des débats. Cette étude examine les littératures allemande, française et italienne sous l'angle de leur représentation des frontières. Dans une approche interdisciplinaire – allant de la géocritique à la recherche post-migratoire –, elle montre comment la littérature reflète les frontières en tant qu'espaces esthétiques et éthiques. Cet ouvrage invite à repenser l'Europe à partir de ses espaces frontaliers.

Inhaltsverzeichnis

  • Abdeckung
  • Halbtitel
  • Titelblatt
  • Copyright-Seite
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1. Frontières passées, frontières présentes / Vergangene Grenzen, gegenwärtige Grenzen
  • Grenzen, Grenzüberschreitungen und Verhandelbarkeit der Grenzen in Katja Petrowskajas Vielleicht Esther. Geschichten (Chiara Conterno)
  • Grenznahe Ferne in Romanen von Iris Wolff und Nadine Schneider (Matthias Bauer)
  • Europa neu kartieren. Postmigrantisch-postkoloniale Literatur von afrodeutschen Gegenwartsautorinnen (Raluca Rădulescu)
  • 2. Ville/îles frontières d’hier et d’aujourd’hui / Grenzstädte und -inseln gestern und heute
  • La mer à l’envers et la narration anthropologique des frontières (Stefano Montes)
  • Trieste in der zeitgenössischen italienischen Literatur: Grenzstadt grenzenlos (Rotraud von Kulessa)
  • 3. (Dé)passer les frontières / Grenzüberschreitungen
  • À cheval sur les frontières Micro-mobilités et trajectoire migratoire d’une famille piémontaise dans le film « Interdit aux chiens et aux Italiens » d’Alain Ughetto (Philippe Hanus)
  • Grenzen überschreiten als Identitätserweiterung in Emine Sevgi Özdamars „Opus magnum“ Ein von Schatten begrenzter Raum (Arianna Di Bella)
  • „la frontière ne signifie pas grand-chose, c’est un trait entre deux formes de malheur, un saut de ligne“: Komplexe Grenzüberschreitungen im Roman Déserter von Mathias Énard (2023) (Karen Struve)
  • Olga Grjasnowas Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012) – ein Plädoyer für friedliche Grenzüberschreitungen und gegen militärische Grenzkonflikte (Iulia-Karin Patrut)
  • 4. Lignes de fuite / Fluchtlinien
  • Grenzen, Gerechtigkeit und Fluchtnarrativ. Zur Repräsentation der Frauenstimme(n) in Maxi Obexers Wenn gefährliche Hunde lachen (Cécile Chamayou-Kuhn)
  • Einen Grenzweg gehen: Die Arbeit der Vögel von Marica Bodrožić (Emmanuelle Séjourné)
  • Die Herausgeberinnen
  • Die Beiträger:innen

Vorwort

Ausgehend von der Beobachtung einer Rückkehr der Grenzen in einem (angenommenen) Zeitalter der Entgrenzungen, der europäischen Uneinigkeiten über Grenzpolitiken im aktuellen Kontext der Migrationswellen sowie der Schließung zahlreicher Landesgrenzen innerhalb des Schengen-Raums wegen der COVID-19-Pandemie, ist eine wissenschaftliche Reflexion über Europas Grenzen heute nicht nur relevant, sondern auch äußerst dringlich. Anliegen des vorliegenden Sammelbandes ist es also, sich in einem interdisziplinären Austausch den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen, und dabei die Zeitspanne von 1989, dem Jahr des Mauerfalls und nach Einschätzung einiger Theorien1 des Beginns der weltweiten Globalisierung, bis heute zu fokussieren. Somit wird ein vertiefter Einblick in eine Epoche geboten, in der zwar viele Grenzen innerhalb der Europäischen Union aufgehoben, aber auch neue Grenzen – etwa auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens – gezogen wurden. Diese neuen Grenzräume bedeuten nicht notwendigerweise Abschottung, sondern stellen zugleich neue Orte des Transits und des Austausches im Spannungsfeld von Abgrenzung und Permeabilität dar.

Grenzen und Grenzregionen lagen noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein eher an der Peripherie, weit vom Zentrum entfernt, und so wurden Grenzen von der Forschung lange Zeit auch nur als periphere Räume wahrgenommen. Dass sich die Zentrum/Peripherie-Unterscheidung inzwischen beinahe umgekehrt hat, hat auch mit der topographischen Wende, dem „spatial turn“ in den Kulturwissenschaften zu tun. In diesem Rahmen untersuchen die kulturwissenschaftlich beeinflussten Literaturwissenschaften die Beziehungen von Mensch und Umwelt in räumlicher Perspektive, so erforscht die Geokritik, die vor allem in Frankreich zahlreiche Vertreter:innen findet,2 die Konstruktion, Dekonstruktion und Figuration von geographischen Räumen. In der Dialektik von geographischer und politischer Grenze entwirft Literatur nämlich Spielräume der Grenzziehung oder der Grenzüberschreitung, die sich im zeitlichen Spannungsverhältnis von Bruch und Kontinuität bewegen.

Die „literarische Produktivität der Grenze“3 ist kaum zu übersehen, weshalb in diesem Band insbesondere Fragen nach der Art und Weise, wie europäische Grenzräume in literarischen Texten dargestellt und problematisiert werden, im Fokus stehen. Zwischen Topographie und Topologie konstruiert, beschreibt und instrumentalisiert Literatur Grenzen und Grenzräume, bzw. Grenzerfahrungen. Dabei spielen nicht zuletzt die innereuropäischen Grenzen eine bedeutende Rolle. Gerade im Hinblick auf die Aufhebung der innerdeutschen Grenzen sowie auf die Entstehung neuer Grenzen auf dem Balkan ist beispielsweise bei der deutschen Schriftstellerin kroatischer Herkunft Marica Bodrožić zu lesen: „und so vermehren die Grenzen dieser Welt das Unglück, das sie vorgeben zu heilen, die Narben werden sich früher oder später aber neu entzünden“4. Die slowenisch-österreichische Schriftstellerin Maja Haderlap erzählt in ihrem Roman Engel des Vergessens (2011) Geschichten „über Slowenen diesseits und jenseits der Grenze“, und Schriftsteller:innen wie Melinda Nadj Abonji, Saša Stanišić oder Mina Hava zeugen von den Konsequenzen der Grenzziehungen im ehemaligen Jugoslawien. Außerdem reflektiert Asal Dardan in Betrachtungen einer Barbarin (2021) die Wiedereinführung der Grenzkontrollen zwischen Dänemark und Schweden während der sogenannten Flüchtlingskrise. Nicolò Zancan seinerseits zeichnet in Dove finisce l’Italia. Viaggio sulla linea sottile dei nostri confini (2020) die italienischen Grenzen und Grenzräume nach.

Liegt der Fokus auf Europas Außengrenzen, so werfen in den zeitgenössischen Literaturen insbesondere Migrationen die Frage nach dem Umgang mit Grenzerfahrungen auf. So werden u.a. in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger (2014) Grenzgänger aller Arten thematisiert oder in Abbas Khiders Der falsche Inder (2008) wiederholte Versuche, illegal über die Grenze zu kommen, beschrieben. Autor:innen wie Erminia Dell’Oro, Giuseppe Catolezza oder Fatou Diome (Le ventre de l’Atlantique, 2003) setzen sich mit der Flucht über das Mittelmeer aus postkolonialer Perspektive auseinander. Migrant:innen und Flüchtende, die aus den ehemaligen Gebieten der jeweiligen europäischen Kolonialstaaten stammen, stellen für diese eine Herausforderung dar, sich mit der Kolonialgeschichte aus einem neuen Blickwinkel heraus zu beschäftigen. Oft kommt es dabei zu Gegennarrativen zu den hegemonialen Erzählungen, die sich aktiv und kreativ gegen herkömmliche Bilder besonders von afrikanischen Ländern und deren Einwohnern wehren und die hegemoniale Semantik infrage stellen und dichotomische Vorstellungen von „hier“ versus „dort“ unterlaufen. Diese Prozesse von Ausgrenzung und Integration erfordern außerdem eine neue ethische Betrachtung. Das Phänomen der Migration zwingt geradezu dazu, die Grenze auch als moralische Grenze aufzufassen. Sie ist der Ort, wo unsere Werte, Normen, Weltanschauungen unter den unmittelbaren Druck der Alterität geraten. In den zeitgenössischen Literaturen, die sich mit Migrationserfahrungen befassen, werden die ethischen Grundlagen unserer Gesellschaft auf den Prüfstand gestellt, so dass die Problematik des Verhältnisses von Politik und Literatur bzw. die Frage nach der „engagierten Literatur“ wieder an Relevanz gewinnt und einer neuen Betrachtung bedarf.

Im Rahmen einer „kulturellen Mobilitätsforschung“5 wollen wir außerdem durch die Erforschung der Grenzthematik in der Literatur zu aktuellen Reflexionen transnationaler Literaturen beitragen. So plädieren Schriftstellerinnen wie Igiaba Scego, Tzveta Sofonieva, Yoko Tawada oder Asal Dardan für grenzüberschreitende Erzählungen, denn „Zivilisationen, Kulturen, Nationen entstehen nicht getrennt, sie werden nur getrennt voneinander erzählt.“6 Besondere Bedeutung kommt darüber hinaus dem Sprachwechsel, den Sprachspielen zu. Die Werke mehrsprachiger Autor:innen haben somit das Potenzial, Grenzüberschreitung auch auf der Ebene der Sprache bewusst herauszustellen.

Im Zentrum dieses trilateralen, komparatistischen Forschungsprojekts, dessen erste Stufe eine trilaterale Tagung im Mai 2024 an der Universität Tours bildete, stehen die deutsch-, italienisch- und französischsprachigen Literaturlandschaften. Da Deutschland, Italien und Frankreich nicht nur drei der Gründerstaaten der Europäischen Union, sondern zugleich auch drei Länder sind, die als bevorzugte Gastländer für viele Migrant:innen erscheinen, ist der Vergleich ihrer jeweiligen Literaturen im Hinblick auf unser Thema „Europas Grenzen heute“ von besonderer Relevanz. Deswegen schien uns von Anfang an wichtig, herauszuarbeiten, wie sich diese drei europäischen Literaturen in der Gegenwart mit dem Thema der (Innen- und Außen-)Grenzen Europas auseinandersetzen. Worauf wird der Fokus gerichtet und welche Bezüge können im Hinblick auf die Wahrnehmung von Grenzen und von Europa dabei hergestellt werden? Welche Verbindungen entstehen zwischen Werken, die allein wegen der Grenzen-Thematik auf vielfache Verknüpfungspunkte, Verflechtungen und gemeinsame Infragestellungen hindeuten? Und wie gestalten sich die Rezeptionskontexte in den jeweiligen Ländern? Uns interessiert dabei der Mehrwert, den literaturwissenschaftliche Perspektiven im Rahmen der Grenztheorien, der European Studies und Regional Studies, der Geokritik, der postkolonialistischen und postmigrantischen Theoriebildung bringen. All diese Fragestellungen bezüglich der zeitgenössischen Wahrnehmung, Darstellung und Problematisierung von Europas Grenzen ziehen sich durch den vorliegenden Band durch, und demzufolge ebenfalls die Frage, wie sich seit 1989 die Wahrnehmung von Europa verändert hat.

Arianna Di Bella (Palermo), Rotraud von Kulessa (Augsburg), Emmanuelle Séjourné (Tours)

Details

Seiten
X, 194
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783631928691
ISBN (ePUB)
9783631928707
ISBN (Hardcover)
9783631928684
DOI
10.3726/b23581
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (September)
Schlagworte
Grenzüberschreitungen Grenzräume Grenzgänge Überquerungen Geokritik Postmigrationsforschung Erinnerung Identität Literatur Trennung Austausch Europa Grenzen
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. x, 194 S.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Arianna Di Bella (Band-Herausgeber:in) Rotraud von Kulessa (Band-Herausgeber:in) Emmanuelle Séjourné (Band-Herausgeber:in)

Arianna Di Bella, Associate Professorin für deutsche Literaturwissenschaft (Palermo) Professeure associée en littérature allemande Rotraud von Kulessa, Professorin für romanische Literaturwissenschaft (Augsburg) Professeure de littératures romanes Emmanuelle Séjourné, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft (Tours) Professeure de littérature allemande

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Titel: Europas Grenzen heute / Les frontières de l’Europe aujourd’hui