Akten des XIII. Internationalen Germanistenkongresses Shanghai 2015 -Germanistik zwischen Tradition und Innovation
Band 7
Summary
Excerpt
Table Of Contents
- Cover
- Titel
- Copyright
- Über das Buch
- Zitierfähigkeit des eBooks
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort der Herausgeber
- Kulinaristik: Kultur – Kommunikation – Küche – betreut und bearbeitet von Alois Wierlacher, Jochen Hörisch, Wei Liu und Hannah Dingeldein
- Kulinaristik: Kultur – Kommunikation – Küche Einleitung und Sektionsbeschreibung (Alois Wierlacher / Jochen Hörisch / Wei Liu / Hannah Dingeldein)
- Liebe geht durch den Magen (Jutta Berninghausen)
- Literaturwissenschaft und Kulinaristik. Bemerkungen zur Konzeption eines Forschungssegments (Burckhard Dücker)
- Küche, Kunst und Kannibalen. Sino-helvetische Tischszenen als politische Allegorie (Sabine Haupt)
- Schaum – Ambivalenz und stilistischer Mehrwert (Beate Henn-Memmesheimer)
- „Von Essen und Trinken, wie alle Menschen!“ Kulinaristik in Mozarts Zauberflöte (Irmtraud Hnilica)
- Kulinaristik als Baustein im interkulturellen Training (Annika Hofmann)
- Ver/Speisen. Die bedeutsame Weisheit von Essen und Trinken (Jochen Hörisch)
- Einverleiben und Ausscheiden. Wilhelm Raabes Odfeld (Vanessa Höving)
- Kommunikation und Sprachvermittlung: Essen in Japan (Margit Krause-Ono)
- „Gaumenrassisten“ in Wilhelmsburg. Miszelle zu Essen und Gentrifizierung in Fatih Akins Soul Kitchen (2009) (Stephanie Kroesen)
- Gastmahle im Spätrealismus (Claudia Liebrand)
- Kollokationen von „Essen“ im Deutschen, „Eat“ im Englischen und „吃(Chi)“ im Chinesischen. Eine Analyse semantischer Differenzen und damit verbundener kultureller Praxen (Kuanyong Qiu / Beate Henn-Memmesheimer)
- Das ‚Gesetz des Bauches‘. Das Essen als kulturelle Praxis und mediales Dispositiv in Fontanes L’Adultera (Sergej Rickenbacher)
- Eipott, Oliven-Apps und Candy Crush: Der kulinarische Interdiskurs rezenter Medientechniken (Peter Scheinpflug)
- Wiener, Kameruner, Amerikaner – Kulinarik in DaF-Lehrwerken (Kathrin Schweiger)
- Die Kultur des Essens und Trinkens in deutschen Redewendungen (Pi-Er Shieh)
- Kulinaristik. Über das Konzept und einige seiner Eckpunkte (Alois Wierlacher)
- Diätetik der Freiheit? Miszelle zur Funktion der Mahlzeit in Lenz’ „Hofmeister“ (Thomas Wortmann)
- Kulinaristik am Beispiel von Doris Dörries Film „How to cook your life: wie man sein Leben kocht; die Zen-Kochkunst des Edward Espe Brown“ (Mihaela Zaharia)
- Im Wein liegt die Inspiration – Li Bai und Johann Wolfgang von Goethe als Beispiele (Yang Zhang)
- Begegnungen zwischen den deutschsprachigen Ländern und Asien – betreut und bearbeitet von Qinna Shen und Martin Rosenstock
- Kein Raum für Japan? – Deutsch-japanischer Imperialismus in Die Tochter des Samurai (Christin Bohnke)
- Funktionale Sprache in chinesischen literarischen Texten und ihre Konsequenzen für die deutsche übersetzungspraxis (Taotao Cui)
- Zwischen Om und Dao. Hermann Hesses Offenheit für das Wissen und Denken in den Kulturen Indiens und Chinas (Annakutty V.K. Findeis)
- Zur Rolle des verfremdenden übersetzens beim Aufbau von Kulturbrücken. Am Fallbeispiel von Hammer-Purgstalls übersetzung des persischen tārīḫ-i Waṣṣāf (Nader Haghani)
- Hanneken, Seeckt und die militärische Modernisierung Chinas in der Neuzeit (Kai Hu)
- Die Wahrnehmung ausländischer Marken durch chinesische Studierende (Marius Meinhof)
- Darstellungen von Shanghai in Memoiren von jüdischen Flüchtlingen und in Ursula Krechels Roman Shanghai fern von wo (Jennifer E. Michaels)
- Übersetzung als Begegnung: Pham Thi Hoàis “Fünf Tage” (Caroline Rupprecht)
- Dekonstruktion des Orientalismus: DEFA-Filme über Ostasien (Qinna Shen)
- Die Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (OAG) als Bindeglied zwischen Asien und Deutschland (Christian W. Spang)
- Das Heilige Ziel: Film-, Kultur- und Sportfreundschaft zwischen Deutschland und Japan in den späten 1930er und den frühen 40er Jahren (Valerie Weinstein)
- Auf den Spuren von Marco Polo. Die Reisen von Abgeordneten des Deutschen Bundestages in die Volksrepublik China, 1972–1977 (Joachim Wintzer)
- Kulturelle Begegnungen in Robert Müllers Werk (Mihaela Zaharia)
- Der machtlose Monopolist. Deutsch-Chinesischer Waffenhandel nach dem Ersten Weltkrieg (Lili Zhu)
- Kulturdifferente Lehr- und Lernstile, nationalspezifische Wissenstraditionen und interdisziplinäre Methoden – wohin führt der Weg einer Germanistik als Fremdkulturwissenschaft? – betreut und bearbeitet von Stephan Wolting und Uwe Koreik
- Deutsch lehren im Ausland: Wenn pädagogische Kompetenz allein nicht reicht (Franziska Kroh)
- „Wir unterrichten Studierende des 21. Jahrhunderts mit Lehrern des 20. Jahrhunderts, die Methoden des 19. Jahrhunderts verwenden“. Zur Umsetzung des Bologna-Prozesses in der Ukraine (Florian Küchler / Anja Lange / Oksana Schwajka)
- Kommunikationsoptimierung im interkulturellen (konstruktivistischen) Lernprozess (Maria A. Marchwacka)
- Instrumente zur Erfassung interkultureller Kompetenz chinesischer Germanistikstudierender (Yaling Pan)
- Deutschlandbilder portugiesischer Studierender im Kontext der wirtschaftlichen Krise (Ingrid Scholz)
- Interkulturalität (in) der Wissenschaft – betreut und bearbeitet von Andrea Bogner, Barbara Dengel, Deming Kong und Ewald Reuter
- Ethos, Ehre, Gabentausch – die symbolische ökonomie der Gelehrtenrepublik (Markus Arnold)
- Mehrsprachige als mehrsprachliche Praxis (in) der Wissenschaft (Andrea Bogner / Barbara Dengel)
- Translation und translatorische Begegnungsräume (Turgut Gümüşoğlu)
- Sprache, Literatur und Medizin (Ernest W.B. Hess-Lüttich)
- Konstruktion von Wissenschaftskulturen durch das Vergleichshandeln im Gespräch (Yuhuan Huang)
- Peter Schlemihls Weltreise. Aussicht auf eine Erweiterung des literarischen Wandermotivs (Naoji Kimura)
- Ökonomische Imperative der Globalisierung im Diskurs der interkulturellen Germanistik. Grundfragen einer disziplinären Positionsbestimmung (Ewald Reuter)
- Zur Konstruktion interkultureller Dilemmata aus Sicht interkultureller Epistemik (Zhiqiang Wang)
Akten des
XIII. Internationalen Germanistenkongresses
Shanghai 2015
Germanistik zwischen Tradition und Innovation
Herausgegeben von Jianhua Zhu, Jin Zhao
und Michael Szurawitzki
BAND 7
Unter Mitarbeit von:
Alois Wierlacher, Qinna Shen, Stephan Wolting, Andrea Bogner
Kulinaristik: Kultur – Kommunikation – Küche
Betreut und bearbeitet von Alois Wierlacher, Jochen Hörisch, Wei Liu und Hannah Dingeldein
Begegnungen zwischen den deutschsprachigen Ländern und Asien
Betreut und bearbeitet von Qinna Shen und Martin Rosenstock
Kulturdifferente Lehr- und Lernstile,
nationalspezifische Wissenstraditionen und interdisziplinäre Methoden – wohin führt der Weg einer Germanistik als Fremdkulturwissenschaft?
Betreut und bearbeitet von Stephan Wolting und Uwe Koreik
Interkulturalität (in) der Wissenschaft
Betreut und bearbeitet von Andrea Bogner,
Barbara Dengel, Deming Kong und Ewald Reuter
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Formale Redaktion:
Agnieszka Bitner-Szurawitzki.
Umschlaggestaltung:
© Olaf Gloeckler, Atelier Platen, Friedberg
Umschlagabbildung:
Tongji-Universität Shanghai, mit freundlicher Genehmigung von Vanessa Müller.
ISSN 2193-3952
ISBN 978-3-631-66869-6 (Print)
E-ISBN 978-3-653-06221-2 (E-PDF)
E-ISBN 978-3-631-70766-1 (EPUB)
E-ISBN 978-3-631-70767-8 (MOBI)
DOI 10.3726/b11169
© Peter Lang GmbH
Internationaler Verlag der Wissenschaften
Frankfurt am Main 2017
Alle Rechte vorbehalten.
Peter Lang Edition ist ein Imprint der Peter Lang GmbH.
Peter Lang – Frankfurt am Main · Bern · Bruxelles · New York · Oxford · Warszawa · Wien
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Diese Publikation wurde begutachtet.
Über das Buch
Der Band dokumentiert die Sektionen aus dem Bereich Kulturwissenschaften auf dem IVG-Kongress 2015. Er beginnt mit der Sektion Kulinaristik: Kultur – Kommunikation – Küche. Darauf folgt die Sektion Begegnungen zwischen den deutschsprachigen Ländern und Asien, bevor die Sektion Kulturdifferente Lehr- und Lernstile, nationalspezifische Wissenstraditionen und interdisziplinäre Methoden – wohin führt der Weg einer Germanistik als Fremdkulturwissenschaft? dokumentiert wird. Die Sektion Interkulturalität (in) der Wissenschaft beschließt den Band.
Zitierfähigkeit des eBooks
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Kulinaristik: Kultur – Kommunikation – Küche – betreut und bearbeitet von Alois Wierlacher, Jochen Hörisch, Wei Liu und Hannah Dingeldein
Jutta Berninghausen (Bremen, Deutschland)
Das Kennenlernen kulturspezifischer Speisen und Essgewohnheiten ist eine interkulturelle Erfahrung, bei der man viel über andere Kulturen lernt, aber auch kulturübergreifende Gemeinsamkeiten erleben kann. Wir alle haben durch die Umwelt, in der wir leben, und durch unsere spezifische Sozialisation bestimmte Muster des Denkens, Fühlens, Wertens und potentiellen Handelns ausgebildet, nach denen wir unser Leben organisieren. Kultur manifestiert sich in den verschiedensten Artefakten, Ausdrucksformen und Ritualen eines Landes. Dazu gehören auch die jeweiligen Speisen und Essgewohnheiten.
„Man ist was man isst!“ Diesen Spruch prägte der Philosoph Feuerbach.2 Wenn wir eine Mahlzeit zu uns nehmen, wird viel mehr „mitgegessen“ als Reis oder Kartoffeln, roher Fisch oder Steak. Unsere Ernährung hat immer auch einen psychischen und soziokulturellen Aspekt. Mit dem, was man isst, wie und wo man es isst, vermittelt man gleichzeitig Einstellungen, Moralvorstellungen, Wünsche und Ängste. Über das Essen drückt man aus, ob man arm oder reich ist (oder sein will), ob man alt oder jung ist. In unserer Wohlstandsgesellschaft will man schlank bleiben und nicht zunehmen. Kalorienbewusstes, fettarmes Essen ist hier in Mode gekommen. Genau das, was in Entwicklungsländern des Südens vielerorts noch als Armeleuteessen gilt. Dort ist dick noch gleichbedeutend mit gesund und reich und man versucht, möglichst wohlgenährt auszusehen. Bestimmte „In“-Gerichte oder -Getränke wie z. B. Mate Tee werden überwiegend von Jugendlichen geschätzt. Selbst zwischen Männern und Frauen gibt es statistisch gesehen Unterschiede in den Essgewohnheiten. Der Kellner, basierend auf seiner Erfahrung, bringt automatisch der Dame den Salat und den Wein und dem Herrn das Bier und das Steak. Mit vegetarischem Essen, Biolebensmitteln oder fair gehandelten Produkten wird eine politische Überzeugung kundgetan.←21 | 22→ In einer ethnologischen Studie haben indonesische Studierende im Jahr 2011 die Religiosität der Deutschen erforscht und stießen dabei „wider Erwarten auf durchaus glaubensfeste Leute“.3 Sie stellten beispielsweise fest, dass der Umweltschutz in Deutschland oft einen quasi religiösen Charakter hat und viele Veganer missionarische Züge haben.4
Oft werden Eigenschaften wie Toleranz und Risikobereitschaft bei fremdkulturellen Speisen auf eine harte Probe gestellt. So ekelhaft für die einen 100jährige Eier (China), vergammelter Fisch (Schweden) oder Hund (Indonesien) sein mag, so abscheulich ist für andere der Verzehr von Milch (das trinken doch nur Babys), Käse (vergammelte Mich) oder Schweinefleisch (unrein). Wie stark Essgewohnheiten als integraler Bestandteil einer Kultur angesehen werden, zeigt sich auch an der negativen Ausbildung nationaler Vorurteile, wie sich an Schimpfwörtern wie „Kümmeltürken“, „Spagettifresser“ oder den deutschen „Krauts“ erkennen lässt, genauso wie an positiv gemeinten Stereotypisierungen wie „wir gehen zum Italiener“ oder „zum Spanier“.5
Zeitlebens werden gemeinsame Mahlzeiten assoziiert mit familiärer Zugehörigkeit und kultureller Identität. In der Fremde erinnert man sich beim Essen heimischer Speisen wehmütig an zu Hause. So ist z. B. der Begriff „Kaffee und Kuchen“ zumindest bei der älteren deutschen Bevölkerung immer noch ein gesellschaftliches Ritual. Nachmittags setzt man sich an den gedeckten Tisch, an dem Kaffee und Kuchen verzehrt werden. Ein Ereignis, das mit Gemütlichkeit, Häuslichkeit und Nachmittag verbunden wird. Es ist anzunehmen, dass Chinesen diese Speisen ganz anders einordnen, eventuell als typische Snacks auf einem Empfang oder als Vorspeise bei einer Essenseinladung im Restaurant.
Der Bremer Künstler Michael Weisser hat im Jahr 2010 mit der Hochschule Bremen eine künstlerisch-kulinarische Performance entwickelt, um exemplarisch die kulturellen Spezialitäten eines Landes zu zeigen. Während die Studierenden ihre Rezepte nachkochten und sich dabei über die Esskulturen in ihren Herkunftsländern austauschten, konnten sie sich in der jeweiligen Unterschiedlichkeit erfahren und dadurch Fremdes vertraut und Vertrautes←22 | 23→ neu erlebbar machen.6 So wurde erfahrbar, dass beispielsweise in der Türkei traditionelle und religiöse Rituale bei den Speisen eine große Rolle spielen und die Essgewohnheiten in einigen lateinamerikanischen Ländern im Vergleich ungezwungener und fröhlicher sind. Bei Essenseinladungen in den USA und Schweden erkennt man, dass hier großer Wert auf individuelle Bedürfnisse und Effizienz (jeder bringt etwas mit) gelegt wird.
Tischmanieren symbolisieren den Sieg der Kultur über die Natur. Zwischen Hunger und seiner Befriedigung setzt der Mensch das kulturelle System der Esskultur.7 Die triebhafte Befriedigung wird durch verschiedene Rituale gelenkt, die eine gewisse Selbstbeherrschung erfordern. In vielen religiösen Familien isst man erst nach dem Tischgebet; in manchen Ländern erst, nachdem der Älteste oder höher Gestellte zu essen angefangen hat. Gaststudierende bleiben in ihrer ersten Zeit in Deutschland oft hungrig, weil sie auf die Frage, ob sie hungrig seien, höflich verneinen, wie es ihre Etikette gebietet, die Deutschen Gasteltern dies aber in der Tradition der direkten Kommunikation (ein ja ist ein ja, ein nein ist ein nein) für bare Münze nehmen. Inder fühlen sich oft unsicher, wenn sie mit Messer und Gabel essen sollen, wir haben Schwierigkeiten, Stäbchen zu bedienen. In manchen Ländern ist es höflich, alles aufzuessen, in anderen, eine Kleinigkeit auf dem Tisch liegen zu lassen, um nicht zu hungrig zu erscheinen. Ein Unterschied, der zu Missverständnissen auf beiden Seiten führen kann, wie im Fall einer meiner deutschen Studentinnen in China, die immer wieder eine neue Portion auf den Teller gepackt bekam, wenn sie höflich ihren Teller leer gegessen hatte, was sowohl sie als auch die chinesischen Gastgeber zur Verzweiflung brachte.
Es ist nicht einfach, fremde Esskulturen richtig zu interpretieren. Warum ist MC Donalds in China bei jungen Liebespaaren so beliebt? Man kann dort in unanstößiger Weise bei hellem Licht an kleinen Tischen zu zweit Privatsphäre genießen, ist das Ergebnis einer Befragung.8 Die traditionellen chinesischen Restaurants mit ihren großen runden Familientischen erlauben das nicht. Als ich in Indonesien lebte, drehten wir einen Film über das Leben der Frauen in einem ja←23 | 24→vanischen Dorf. In diesem Zusammenhang wollten wir auch eine Mahlzeit filmen und baten die Familien, sich gemeinsam an den Tisch oder auf den Fußboden zu setzen, um zu essen. Wenn ich mir diesen Film heute anschaue, merke ich, dass wir damals lediglich „unser“ Bild von indonesischem Essen dargestellt haben. In bäuerlichen Familien in Indonesien isst die Familie nie beisammen, sondern jeder nimmt sich aus dem Topf, wenn er hungrig ist. Gemeinsam gegessen wird bei Festen oder beim Brechen der Fastenzeit, aber auch da ist es eher üblich, sich an einem Buffet zu bedienen, als an einem gemeinsamen Tisch zu sitzen. Interessant ist auch das Beispiel der indischen Küche in England.
Die Autorin Merle Tönnies beschreibt, wie die typischen indischen Restaurants in England mit den farblich in pupur oder ocker gehaltenen Farben und ihren Currys keinesfalls der typischen indischen Küche entsprechen, sondern die Reproduktion der englischen Kolonialzeit von vor 100 Jahren sind. Selbst das Curry, für uns der Inbegriff der indischen Küche, existiert in Indien so nicht als Gewürz. Beim „Inder“ konnte sich auch der „kleine Mann“ für einen Moment in die reichen Kolonialherren in Indien hineinversetzen und sich durch den exotischen Geschmack dieses Leben eine Mahlzeit lang einverleiben.9
Es ist eine gute Möglichkeit, eine fremde Kultur über das Essen kennen zu lernen. Im Erleben fremder Geschmacksrichtungen, Riten und Tischsitten bietet sich die Chance, die Unterschiede zum Eigenen zu erleben und neue Erfahrungen zu sammeln. Durch die gemeinsam genossene Mahlzeit wird ein Raum geschaffen, in dem Verständigung gedeiht, weil man sich über das Medium Essen über kulturelle Unterschiede austauschen kann und gleichzeitig über den gemeinsamen Genuss eine Verbindung schafft. Voraussetzung dafür ist die wechselseitige Anerkennung der Geschmacksdifferenzen und Essgewohnheiten. So führt im Grunde ein direkter Weg vom gemeinsamen Essen zur interkulturellen Toleranz. In dieser Logik könnte man die Kreolisierung der Küche im modisch gewordenen „Fusion Food“ aus interkultureller Perspektive als eine transkulturelle kulinarische Erfahrung deuten.
Details
- Pages
- 323
- Publication Year
- 2017
- ISBN (Hardcover)
- 9783631668696
- ISBN (ePUB)
- 9783631707661
- ISBN (MOBI)
- 9783631707678
- ISBN (PDF)
- 9783653062212
- DOI
- 10.3726/b11169
- Language
- German
- Publication date
- 2017 (May)
- Keywords
- Germanistik Kulturwissenschaft Weltkongress Internationale Vereinigung für Gemranistik
- Published
- Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 323 S., 6 s/w Abb., 13 s/w Tab.
- Product Safety
- Peter Lang Group AG