Show Less

Übersetzen und Interpretation

Die Herausbildung der Übersetzungswissenschaft als eigenständige wissenschaftliche Disziplin im deutschen Sprachraum von 1960 bis 2000

Series:

Holger Siever

Diese Arbeit verfolgt drei miteinander eng verbundene Ziele: Zum einen soll die Entwicklung und Ausdifferenzierung der Übersetzungs wissenschaft als eigenständige Wissenschaftsdisziplin im Zeitraum von 1960 bis 2000 im deutschen Sprachraum nachgezeichnet werden. Zum anderen soll die Abfolge der verschiedenen Übersetzungstheorien in diesem Zeitraum mit der Theorieentwicklung in den übrigen Wissenschaften korreliert werden. Zu diesem Zweck werden die Übersetzungs theorien anhand ihrer grundsätzlichen Gemeinsamkeiten zu Paradigmen zusammengefasst. Diese beiden Teilziele dienen einem übergeordneten Zweck: Das Ergebnis der Untersuchung mündet in der Darlegung einer integrativen, semiotisch und interpretationstheoretisch fundierten Theorie des Übersetzens.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

4. Das verstehenstheoretische Paradigma -88

Extract

88 4. Das verstehenstheoretische Paradigma 4.1 Einführung Unter dem Begriff des verstehenstheoretischen Paradigmas fasse ich die her- meneutischen Theorien des Übersetzens einerseits und die dekonstruktivistischen Theorien andererseits zusammen. Etwas vereinfacht gesagt, fokussieren hermeneu- tische Theorien den Originaltext, der zum Maßstab guten Übersetzens wird, und bestehen auf dem „Sinn-Imperativ“ (Heidbrink 1997, 349), also auf der Forderung, den Text nicht nur so wie vom Autor intendiert, sondern sogar besser zu ver- stehen, als der Autor es vermochte. Demgegenüber betonen dekonstruktivistische Ansätze die Freiheit des Übersetzers gegenüber dem Originaltext und lehnen den Sinn-Imperativ ab, weil der Textsinn letztlich nicht einholbar sei. Gemeinsam ist den hermeneutischen und den dekonstruktivistischen Theorien, dass sie das Übersetzen als Text-Rezipient-Interaktion auffassen, die auf einem (von Hermeneutikern und Dekonstruktivisten unterschiedlich definierten) Ver- stehen des Textes seitens des Übersetzers beruht. Und noch eine zweite Gemein- samkeit weisen Hermeneutik und Dekonstruktivismus auf: Sie sind beide letztlich Abkömmlinge der Romantik, speziell der Frühromantik, deren Anregungen sie in unterschiedlich akzentuierter Form aufgreifen. So knüpfen sie zum Beispiel an die Auffassung an, dass das Übersetzen eine durch keine Wissenschaft zu systema- tisierende Kunst sei. Die Rede von der Kunst des Übersetzens ist typisch für Ansätze, die sich vor allem literarischen Übersetzungen widmen. Die Hermeneutik verdankt ihre moderne Ausprägung vor allem dem Roman- tiker und Schlegel-Freund Friedrich Schleiermacher (1768 - 1834), dessen grund- legende Gedanken von Wilhelm Dilthey, Martin Heidegger und Hans-Georg Gada- mer weiterentwickelt wurden. Die Verbindung zwischen Romantik und Hermeneu- tik ist...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.