Show Less
Restricted access

Kriegstaumel und Pazifismus

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

Series:

Hans Richard Brittnacher and Irmela von der Lühe

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von der überwiegenden Zahl der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller emphatisch begrüßt – auch von den deutschen Juden, die im Kampf fürs Vaterland eine Möglichkeit sahen, ihren Patriotismus und ihre gelungene Assimilation unter Beweis zu stellen. Diese Ansicht hat lange die Forschung dominiert. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge überprüfen aus interdisziplinärer Sicht diese These und gelangen bei der Lektüre und Analyse von Schriften, Briefen, Dichtungen und Dokumenten tonangebender jüdischer Intellektueller zu einem komplexeren Befund, der zwischen Kriegsbegeisterung und -skepsis, Duldung und Protest oszilliert.
Show Summary Details
Restricted access

Moshe Zimmermann (Jerusalem) - Die Kriegsbegeisterung der deutschen Zionisten

Extract

| 333 →

Moshe Zimmermann (Jerusalem)

Die Kriegsbegeisterung der deutschen Zionisten

Die historische Forschung wartete nicht bis Anno 2014, um den Mythos von der großen Kriegsbegeisterung im August 1914 zu hinterfragen. Historiker wie Jeffrey Verhey oder Niall Ferguson1 haben es längst geschafft, diesen Mythos und „den Geist von 1914“ anzuzweifeln. Fergusons Kommentar zu der von Hitlers in Mein Kampf geäußerten „stürmische(n) Begeisterung“, die ihn ergriffen hat, als der Krieg ausbrach, ist unmissverständlich: „Es ist jedoch unwahrscheinlich, daß irgendein Gefühl, das Adolf Hitler verspürte, so allgemein verbreitet war, wie er selbst behauptete“. Das Quellenmaterial, so Ferguson, schränkt die These von der Kriegsbegeisterung mindestens ein.2 Pazifisten, Sozialisten oder auch Bankiers gehörten nicht zu den Kriegsbegeisterten, und vermutlich gab es auch viele andere, die – bereits im August 1914 – nicht zu den Begeisterten gehörten.

Auch bei den deutschen Juden schien die Kriegsbegeisterung, oder besser, die patriotische Stimmung allgegenwärtig zu sein – Kaiser Wilhelms Proklamation vom 4. August 1914 – „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“ – wurde auch von den Juden als Bestätigung ihrer vollständigen Aufnahme in die Volksgemeinschaft aufgegriffen. Der Fall des Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank – Sozialdemokrat und Jude, also eigentlich der Prototyp des „vaterlandslosen Gesellen“ – der sich freiwillig zum Wehrdienst gemeldet hatte und bereits einen Monat nach Kriegsbeginn fiel, kann als exemplarisch für die Begeisterung und Opferbereitschaft der Juden im Kaiserreich gelten. Ernst Lissauers „Haßgesang“ auf England gilt als...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.