Lade Inhalt...

Perspektiven der Mehrsprachigkeit heute in Forschung und Praxis

Lehramtsstudierende, Lehrpraxis, Lehrmaterialien

von Christiane Fäcke (Band-Herausgeber:in) Sara Vali (Band-Herausgeber:in)
©2022 Sammelband 248 Seiten

Zusammenfassung

Schwerpunkte dieses Sammelbands sind Mehrsprachigkeit sowie Mehrsprachigkeitsdidaktik in Forschung und schulischer Praxis. Die Beiträge verfolgen fremd- und zweitsprachendidaktische sowie erziehungswissenschaftliche Perspektiven. Im Einzelnen geht es um spracherwerbstheoretische und sprachenpolitische Perspektiven sowie um Mehrsprachigkeit in der schulischen Praxis, d.h. Einstellungen und Kompetenzen von Lehrkräften und Lernenden oder die konkrete Umsetzung der Mehrsprachigkeitsdidaktik im Unterricht. Weitere Schwerpunkte sind Analysen von Lehrmaterialien sowie von curricularen Rahmenbedingungen und bildungspolitischen Entscheidungen. Die Beiträge sind empirisch und hermeneutisch angelegt und reichen von der Erforschung der Mehrsprachigkeit bis zu unterrichtspraktischen Vorschlägen zur Umsetzung.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung (Christiane Fäcke & Sara Vali)
  • Multilingualism and language acquisition with a focus on EFL: The theory and practice of cognitive linguistic perspectives (Matthias Klumm, Matthias Jilka & Anita Fetzer)
  • Bildungspolitische Entscheidungen zu Mehrsprachigkeit und Fremdsprachenunterricht. Eine Analyse zum Wechselverhältnis zwischen europäischer Sprachenpolitik und sprachenpolitischen Entscheidungen in Deutschland (Christiane Fäcke)
  • Mehrsprachigkeit in Lehrplänen – Eine komparative Analyse (Thomas Heiland, Sümeyra Yağmur & Eva Matthes)
  • Individuelle Voraussetzungen und fachliche Kompetenzen Lehramtsstudierender für den Umgang mit Mehrsprachigkeit im Unterricht (Ana da Silva, Sabine K. Lehmann-Grube, Markus Dresel & Kristina Peuschel)
  • Erzählungen migrationsbedingt mehrsprachiger Lehramtsstudierender über ihre Schulerfahrungen und ihr berufliches Selbstverständnis als angehende Fremdsprachenlehrkräfte (Sylvie Méron-Minuth)
  • Mehrsprachige Kommunikation im Spannungsfeld von Individuum, Lerngruppe und Lernsetting – Das internationale Projekt Virtual Multilingual Learning Encounters (Dagmar Abendroth-Timmer & Eva-Maria Hennig-Klein)
  • Mehrsprachigkeitsdidaktische Konzepte aus der Lehrer*innenperspektive. Evidenzbasierte Erkenntnisse zum Unterricht von Italienisch und Spanisch als 3. Fremdsprachen an der österreichischen Sekundarstufe II (Michaela Rückl)
  • Teachers’ perspectives on multilingualism and language pedagogy: A qualitative study in the language classroom (Parnaz Kianiparsa & Sara Vali)
  • Authentische Mehrsprachigkeit statt Sprachdefizit – Sprachliche Variation als Komponente eines kompetenzorientierten Deutschunterrichts der Sekundarstufe (Nicole Eller-Wildfeuer & Alfred Wildfeuer)
  • A multilingual turn? An analysis of English language teaching coursebooks in German school context (Senem Şahin)
  • Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität (be)greifbar machen. Analyse mehrsprachiger Materialien aus einer universitären Lehrveranstaltung (Sara Vali, Marie Horstmeier & Thomas Heiland)
  • Reihenübersicht

←6 | 7→

Christiane Fäcke & Sara Vali

(Universität Augsburg)

Einleitung

Mehrsprachigkeit stellt seit Jahren ein zentrales bildungs- und sprachenpolitisches Thema dar, das infolge von Globalisierung, Migration und Digitalisierung die Gesellschaft und das öffentliche Leben in Deutschland und anderen Ländern prägt. Diese Bedeutung spiegelt sich auch in Diskursen wissenschaftlicher Disziplinen, u.a. in der Erziehungswissenschaft, den Bildungswissenschaften, den Fremd- und Zweitsprachendidaktiken oder auch in der Sprachwissenschaft. Diese Disziplinen beschäftigen sich seit Jahren u.a. mit Fragen zu interkulturellem Lernen, zu Zweitspracherwerbstheorien, zu Interkomprehension oder zu lebensweltlicher Mehrsprachigkeit, um nur einige Aspekte zu benennen (vgl. z.B. Ahrenholz et al. 2020, Bonnet / Siemund 2018, Fäcke / Meißner 2019, Gogolin et al. 2020). Trotz jahrelanger Forschungsdebatten über mögliche Umgangsweisen und Zielsetzungen, empirische Studien oder hermeneutische Modelle besteht weiterhin Forschungsbedarf zur Mehrsprachigkeit. Dem trägt dieser Sammelband Rechnung. Ausgangspunkt dieser Publikation sind somit Forschungen an der Universität Augsburg, die sich in verschiedenen Disziplinen mit Fragen der Mehrsprachigkeit beschäftigen.

Im Rahmen der ‚Qualitätsoffensive Lehrerbildung‘ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) werden an der Universität Augsburg mehrere Lehr- und Forschungsprojekte durchgeführt, die die Heterogenität im Bildungssystem zum Gegenstand haben. Im Zentrum des Augsburger Projekts ‚Lehrerprofessionalität im Umgang mit Heterogenität‘ (LeHet) steht die Vorbereitung künftiger Lehrer*innen auf damit verbundene Herausforderungen in ihrer zukünftigen schulischen und unterrichtlichen Praxis (vgl. Leitungsgremium LeHet 2018). Ausgehend von einem komplexen Heterogenitätsverständnis und einem daran anschließenden Modell über Kompetenzen Lehrender zum Umgang mit Heterogenität werden vier Kompetenzbereiche anvisiert:

(A)Adaptives Unterrichten auf Grundlage der Lernvoraussetzungen der Schüler*innen,

(B)individuelle Beratung und Förderung,

(C)Einsatz und Analyse von Bildungsmedien sowie

(D)Sprachbildung und Sprachförderung. ←7 | 8→

In diesen Kontext gehören auch die in der Didaktik der romanischen Sprachen und Literaturen angesiedelten Teilprojekte zum ‚Sprachenlernen im Kontext der Mehrsprachigkeit‘ mit den Schwerpunkten ‚Analyse mehrsprachigkeitsfördernder Bildungsmedien‘ und ‚Einstellungen und Meinungen von Lehrwerkautor*innen und Lehrkräften‘, die in enger Lehr- und Forschungskooperation mit der Pädagogik und Deutsch als Zweit- und Fremdsprache stehen sowie den Ausgangspunkt dieser Publikation bilden (vgl. dazu Vali et al. 2021). Der Förderungszeitraum des BMBF umfasst die Jahre 2019 bis 2023, das Gesamtprojekt hat eine Laufzeit von 2015 bis 2023 (vgl. auch die in diesem Projekt entstehenden Manuale, z.B. Stahl / Krummenauer-Grasser 2021).

Insgesamt verbindet dieser Sammelband unterschiedliche Perspektiven auf Mehrsprachigkeit von Seiten der (Angewandten) Sprachwissenschaft und Spracherwerbsforschung, der Fremdsprachendidaktik und Deutsch als Zweit- und Fremdsprache, der Erziehungswissenschaft, der Psychologie und der Variationslinguistik.

Die Besonderheit der vorliegenden Publikation liegt nun darin, gerade diese verschiedenen Perspektiven und Diskurse der Mehrsprachigkeit in einem Band zu vereinen. Damit wird ein interdisziplinärer Blick verfolgt und eine Verbindung zwischen den Reflexions- und Analyseebenen anvisiert.

Die Unterschiede der Analyseebenen beziehen sich in der Regel auf die jeweils ausgewählten Mehrsprachigkeitskontexte und involvierten Sprachen. Während die Erziehungswissenschaft primär die Lebenssituation von Minderheitenangehörigen in den Blick nimmt und die DaF/DaZ-Didaktik Spracherwerbsprozesse im Kontext einer lebensweltlichen Mehrsprachigkeit anvisiert, geht es in den Fremdsprachendidaktiken in der Regel vor allem um schulische Mehrsprachigkeit. Werden nun Herkunftssprachen, autochthone und allochthone Minderheitensprachen oder die in Deutschland dominierenden schulischen Fremdsprachen in den Blick genommen, ändern sich damit auch die Zielsetzungen der jeweiligen Argumentationen. In der Sprachwissenschaft geführte Diskussionen zum Spracherwerb im Kontext der Mehrsprachigkeit können z.T. unabhängig von den jeweils involvierten Sprachen erfolgen, in der Variationslinguistik geht es darüber hinaus um verschiedene Varietäten z.B. innerhalb des Deutschen.

Diese häufig nebeneinander und unabhängig voneinander bestehenden Diskurse sollen in diesem Band einander angenähert werden und ein breites Spektrum der Zugänge zu Mehrsprachigkeit zusammenfassen. Die interdisziplinäre Perspektive zeigt sich beispielsweise an der Untersuchung von Sylvie Méron-Minuth, die aus fremdsprachendidaktischer Perspektive Fragen der ←8 | 9→lebensweltlichen Mehrsprachigkeit in den Blick nimmt, oder auch in dem Beitrag von Nicole Eller-Wildfeuer und Alfred Wildfeuer, die Zugangsweisen der Variationslinguistik mit didaktischen Überlegungen zur Umsetzung im Unterricht kombinieren.

Einige der Beiträge gehen z.T. von dem bereits erwähnten LeHet-Projekt aus, andere fügen sich inhaltlich an die Debatten an und spiegeln Forschungsdiskurse an anderen Universitäten.

Im Folgenden werden Perspektiven aus verschiedenen Disziplinen in der Breite sichtbar gemacht sowie hermeneutische und empirische Zugänge im Kontext der Mehrsprachigkeit verfolgt. Im Fokus stehen die Lehramtsausbildung sowie die Praxis des Sprachunterrichts.

Der vorliegende Band widmet sich daher folgenden Aspekten:

Analyse spracherwerbstheoretischer Perspektiven, curricularer Rahmenbedingungen und bildungspolitischer Entscheidungen

Mehrsprachigkeit in der Lehramtsausbildung und bei Lehramtsstudierenden

Mehrsprachigkeit in der schulischen Praxis (Einstellungen von Lehrkräften, Umsetzung der Mehrsprachigkeitsdidaktik im Unterricht)

Analyse von Lehrmaterialien

Die einzelnen Beiträge

Matthias Klumm, Matthias Jilka und Anita Fetzer (Augsburg) analysieren spracherwerbstheoretische Ansätze der Kognitiven Linguistik mit Blick auf ihre Relevanz für einen von mono-, bi- und multilingualen Sprecher*innen geprägten Fremdsprachenunterricht. Im Anschluss an eine Übersicht über sprachwissenschaftliche Ansätze zum Zweitspracherwerb werden Fragen der Konkretisierung für den Fremdsprachenunterricht diskutiert. Die Autor*innen plädieren für Einsprachigkeit und Verwendung der Zielsprache, da dieses Vorgehen der Diversität der Lerngruppe am besten entgegenkomme.

Christiane Fäcke (Augsburg) analysiert bildungspolitische Entscheidungen zu Mehrsprachigkeit und Fremdsprachenunterricht sowie das Wechselverhältnis zwischen europäischer Sprachenpolitik und sprachenpolitischen Entscheidungen in Deutschland. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die nationale Sprachenpolitik des Bundes und ausgewählter Bundesländer sowie ihre bildungs- und sprachenpolitischen Positionen zu Mehrsprachigkeit am Beispiel ausgewählter Lehrpläne. Darüber hinaus wird die Umsetzung schulischer Mehrsprachigkeit anhand von Lernerzahlen in den Bundesländern diskutiert.←9 | 10→

Thomas Heiland, Sümeyra Yağmur und Eva Matthes (Augsburg) untersuchen die Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Diskurs zur Mehrsprachigkeit in deutschen Lehrplänen aus den 1980er Jahren sowie aktuell gültige Regelungen für die Grundschule und den Hauptschulbildungsgang in Bayern und Nordrhein-Westfalen mithilfe eines qualitativ-inhaltsanalytischen Verfahrens. Im Mittelpunkt steht eine erziehungswissenschaftliche Perspektive, die insbesondere für die Darstellung der Entwicklungen in der Migrationspädagogik und der Empfehlungen für die Unterrichtspraxis nützlich ist.

Ana da Silva, Sabine K. Lehmann-Grube, Marcus Dresel und Kristina Peuschel (Augsburg) stellen Ergebnisse ihrer empirischen Studie zu den Kompetenzen Lehramtsstudierender für den Umgang mit Mehrsprachigkeit in der Zweitsprachenausbildung unter Einbeziehung von Fragen zu den individuellen Voraussetzungen der Lehramtsstudierenden vor. Im Fokus stehen die Kompetenzen angehender Lehrkräfte, Herkunftssprachen in den Unterricht einzubeziehen und so die mehrsprachige Entwicklung Zweitsprachenlernender als allgemeine Ressource zu fördern.

Gegenstand des Beitrags von Sylvie Méron-Minuth (Karlsruhe) ist die Analyse der schulischen Erfahrungen von Lehramtsstudierenden mit Migrationshintergrund in Bezug auf ihre zukünftige Unterrichtspraxis mithilfe von Fragebogen und Leitfadeninterview. Dabei geht es zentral um die Einstellungen der angehenden Fremdsprachenlehrer*innen zur lebensweltlichen und schulischen Mehrsprachigkeit sowie die Einbeziehung der Herkunftssprachen in den Fremdsprachenunterricht, die von den Befragten als bedeutsame Herausforderung angesehen wird.

Dagmar Abendroth-Timmer (Siegen) und Eva-Maria Hennig-Klein (Bonn) präsentieren Ergebnisse ihrer Pilotstudie zur mehrsprachigen Kommunikation im Spannungsfeld von Individuum, Lerngruppe und Lernsetting, die im Rahmen des Projektes Virtual Multilingual Learning Encounters (ViMuLEnc) durchgeführt wurde. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Individuen und die Gruppe als Kollektiv die unterschiedlichen Formen der mehrsprachigen Kommunikation für die Bedeutungskonstruktion nutzen und wie die Lernumgebung diese Prozesse beeinflussen kann.

Michaela Rückl (Salzburg) untersucht mehrsprachigkeitsdidaktische Konzepte aus der Lehrer*innenperspektive im Rahmen einer österreichweiten, longitudinal angelegten Studie zum Unterricht von Italienisch und Spanisch als 3. Fremdsprachen an der Sekundarstufe II. Sie untersucht, wie vertraut Lehrer*innen mit mehrsprachigkeitsdidaktischen Konzepten sind, welche mehrsprachigkeitsfördernde Merkmale ihr Unterricht aufweist und inwieweit sich ←10 | 11→die Konzepte der verwendeten einzel- und mehrsprachig angelegten Lehrwerke in der Unterrichtspraxis widerspiegeln.

Details

Seiten
248
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783631874233
ISBN (ePUB)
9783631874240
ISBN (Hardcover)
9783631865262
DOI
10.3726/b19481
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (März)
Schlagworte
Spracherwerb Sprachenpolitik Lehrwerkanalyse Lehrpläne Mehrsprachige Kommunikation
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 248 S., 5 farb. Abb., 10 s/w Abb., 9 Tab.

Biographische Angaben

Christiane Fäcke (Band-Herausgeber:in) Sara Vali (Band-Herausgeber:in)

Christiane Fäcke ist Professorin für Didaktik der romanischen Sprachen und Literaturen an der Universität Augsburg. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Lehrwerke, Mehrsprachigkeit, interkulturelle Kompetenz und Literaturdidaktik. Sara Vali ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Didaktik der romanischen Sprachen und Literaturen der Universität Augsburg und forscht zur Mehrsprachigkeit, zu Lehrwerken sowie zum interkulturellen Lernen.

Zurück

Titel: Perspektiven der Mehrsprachigkeit heute in Forschung und Praxis