Lehen, Pfand und Amt
Neue Blickwinkel auf das Lehnswesen in Nord- und Mitteleuropa (12.–15. Jahrhundert)
Summary
Excerpt
Table Of Contents
- Abdeckung
- Titelblatt
- Copyright-Seite
- Inhaltsverzeichnis
- Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen
- Zur Einführung (Oliver Auge und Frederic Zangel)
- Lehen, Geld und Pfand im Mittelalter. Forschungsergebnisse und offene Fragen (Karl-Heinz Spieß)
- Sektion I Skandinavien
- „… wie der Baum, an dem keine Frucht ist“? Quellenkritische Überlegungen zum Lehnswesen im mittelalterlichen Dänemark (Frederic Zangel)
- Lehnsfrauen in Dänemark im Spätmittelalter und in der Reformationszeit (Grethe Jacobsen)
- Wahllose Günstlingswirtschaft oder Belohnung mit System? Grundlegende Betrachtungen zum „län“ in Schweden und Finnland im 15. Jahrhundert (Laura Potzuweit)
- Moderation und Mediatisierung von Herrschaft im mittelalterlichen Königreich Norwegen (Stefan Magnussen)
- Sektion II Der norddeutsche Raum
- Lehnswesen zwischen Königsau und Elbe – eine Spurensuche (Oliver Auge)
- Die Machtprobe aufs Exempel. Lehnswesen und adelige Gefolgschaft in Ostsachsen während des deutschen Thronstreits (1198–1208/1218) (Jan Habermann)
- Lehen, Pfand und Amt in der Mark Brandenburg im Hoch- und Spätmittelalter. Entwicklung, strukturelle Ähnlichkeiten und Unterschiede (Grischa Vercamer)
- Die Stadt Stralsund und ihre Bürger als Pfandinhaber und Besitzer von Lehngütern vom 14. bis zum frühen 16. Jahrhundert (Dirk Schleinert)
- Lehen und Verwaltung im Ordensland Preußen (Jürgen Sarnowsky)
- Sektion III Das Reich und der Süden
- Der neue Lohn des Dienstes: Die Pfandpolitik der römisch-deutschen Könige bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts (Andreas Büttner)
- „Milites“ und Geld. Vom Lehns- zum Soldrittertum? Wandlungsprozesse in der Organisation ritterlicher Kriegsdienste im Reich des 12. und 13. Jahrhunderts (Marco Krätschmer)
- Leihe, Pfand und Geld im Südwesten des Reiches. Die Urkunden der Bischöfe von Basel (12./13. Jahrhundert) (Jürgen Dendorfer)
- Lehen, Pfand und Lehnswesen? Leiheformen und Kriegsdienste im Hochstift Bamberg im 12. und 13. Jahrhundert (Sebastian Kalla)
- Zusammenfassung. Lehen, Pfand und Amt. Neue Blickwinkel auf das Lehnswesen in Nord- und Mitteleuropa (12.–15. Jahrhundert) (Thomas Ertl)
- Verzeichnis der Abkürzungen
- Orts- und Personenregister
Zur Einführung
This volume collects the contributions to the conference “Fiefdom, pledge and office. New Perspectives on the ‘Lehnswesen’, Monetary System and Administration in Northern Europe (12th–15th Centuries)”, which took place in Kiel in 2023. The event was part of the DFG project “Lehnswesen revisited: The example of Denmark as a regional exception or European norm in the Middle Ages?”, which was located at Kiel University from 2021 to 2025. The editors would like to thank all (financial) supporters, the speakers, contributors and the student assistants as well as the staff at the conference venue for their part in making the event and the volume possible.
Am 2. und 3. März 2023 richtete die Abteilung für Regionalgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel in der Fördestadt die Fachtagung „Lehen, Pfand und Amt. Neue Blickwinkel auf das Lehnswesen im Norden“ aus.1 Die Veranstaltung war eingebettet in das an der Abteilung verankerte und von 2021 bis 2025 laufende DFG-Projekt „Lehnswesen revisited: Das Beispiel Dänemarks als regionaler Sonder- oder europäischer Normalfall im Mittelalter?“2 Über das Untersuchungsgebiet dieses Projektes hinaus wurden in den Tagungsreferaten und werden nun in den Beiträgen dieses Tagungsbands weitere Räume nicht nur im Norden Europas in den Blick genommen. Der Titel wurde für den Tagungsband angepasst, denn mit dem ursprünglich aufgrund der geografischen Ausrichtung des Projektes gewählten Begriff „Norden“ waren viele der hier in den einzelnen Beiträgen behandelten Räume nur unzureichend erfasst und beschrieben.
Grundlegend für den im Vorfeld den Referierenden zugesandten Fragenkatalog war die im Zuge der Projekttätigkeit herausgearbeitete These von der Existenz wesentlicher Überschneidungen zwischen Lehnswesen, Geldverkehr und xiiVerwaltung.3 Inwieweit können solche für weitere Regionen anhand der Quellen nachvollzogen werden, inwieweit sind zumindest Indizien vorhanden? Gefragt wurde ebenso nach der Quellenlage und dem Forschungsstand insbesondere zum Lehnswesen, vor allem nach bis heute wirkmächtigen Traditionslinien der Forschung. Stets ist eine kritische Auseinandersetzung mit der älteren Forschung angeraten, war das überkommene Modell der Lehnspyramide für die Vorstellung von mittelalterlicher Gesellschaftsordnung doch lange äußerst wirkmächtig bzw. es ist dies bis heute. Bezüglich der Quellenlage wurde zuvorderst die Frage nach der Terminologie gestellt sowie untersucht, inwieweit eine Abgrenzung der drei Phänomene anhand der Quellenbegriffe möglich ist oder eben nicht. Ein weiteres im Fragenkatalog angeregtes Untersuchungsfeld stellen die Dynamiken der drei Phänomene und ihrer Verflechtungen untereinander dar. Dabei wurde Konjunkturen nachgespürt, also Phasen, in denen eines der Phänomene anhand der Quellen besonders deutlich nachvollzogen werden konnte.
Im vorliegenden Band ist also das Lehnswesen in den Mittelpunkt gestellt; Jedoch wird der Blick ebenso auf Geldwesen und Verwaltung als weitere grundlegende Phänomene sowie auf denkbare Schnittstellen gerichtet. Dabei werden regionale und zeittypische Ausprägungen sowie die daraus womöglich resultierenden unterschiedlichen Forschungsperspektiven und -schwerpunkte aufgezeigt und zusammengeführt – also gleichsam miteinander kombiniert, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Für die Veranstaltung sowie für die vorliegende Publikation konnten ausgewiesene Fachleute zu den einzelnen Aspekten des Themas gewonnen werden.
So gibt Karl-Heinz Spieß einen prägnanten Forschungsüberblick, in dem er zudem Einblicke in seine Wahrnehmung der für die letzten Jahrzehnte zu konstatierenden rasanten Fortentwicklung des Forschungsstandes gewährt. Wesentliche Schwerpunkte seiner Ausführungen sind die Bezugspunkte zum Geldwesen, die „sogenannten Pfandlehen“, sowie nicht zuletzt mögliche Anknüpfungspunkte zur Verwaltung. Am Ende formuliert Spieß vier eigene Forschungsfragen und weist auf die diesbezüglichen Forschungslücken bezüglich Nordeuropas sowie zum Norden und Osten des Heiligen Römischen Reiches hin.
In den vier Beiträgen der ersten Sektion werden sogleich die drei mittelalterlichen skandinavischen Reiche in den Mittelpunkt gestellt. Den Anfang macht das von Frederic Zangel untersuchte Dänemark, für das ein Vorhandensein eines Lehnswesens von der Forschung traditionell verneint wird. Der Autor betont die Bedeutung terminologischer Schärfe bei einer Untersuchung des Lehnswesens, xiiiwobei im von ihm betrachteten Raum in den eher wenigen Schriftquellen durchaus lehnrechtliche Begriffe begegnen. Anschließend schlägt Grethe Jacobsen für den gleichen Untersuchungsraum den Bogen sowohl zur Verwaltungs- als auch zur Geschlechtergeschichte des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Jacobsen rückt das „dansk lensvæsen“, also die dänische Lokalverwaltung, in den Mittelpunkt der Untersuchung, wobei ihr besonderes Augenmerk den „Lehnsfrauen“ als Verwalterinnen der „len“ als lokalen Administrationsbezirken gilt. Laura Potzuweit legt sodann den Fokus auf Schweden mit Finnland sowie vor allem auf das Fallbeispiel des Adligen Ivar Axelsson (Tott) und verweist auf die Mehrdeutigkeit des dort häufig verwendeten Begriffs „län“. Angesichts der politischen und gesellschaftlichen Dynamik sei in ihrem Untersuchungsraum eine gewisse „Fluidität des Lehnswesens“ erwartbar. In seinem Beitrag zu Norwegen betont Stefan Magnussen zunächst dessen Besonderheiten im Vergleich mit Dänemark und Schweden. Ebenso wenig wie dort könne für Norwegen in Bezug auf das Lehnswesen von einem von der älteren Forschung angenommenen Sonderweg gesprochen werden – die Wirkmächtigkeit von Reynolds’ Thesen sei in der Forschungsliteratur zu diesem nordischen Reich ebenfalls klar nachvollziehbar.
Die Beiträge der zweiten Sektion widmen sich einzelnen Regionen im Norden des Heiligen Römischen Reiches bzw. – im Falle des Herzogtums Schleswig und des Ordenslandes Preußen – im weiteren Ostseeraum. Bei dem von Oliver Auge untersuchten Raum zwischen Elbe und Königsau sind für die Gebiete nördlich und südlich der Eider anhand der schriftlichen Überlieferung zunächst ganz unterschiedliche Entwicklungen auszumachen. Auge zeichnet diese unter Heranziehung zahlreicher chronikalischer und urkundlich belegter Quellen nach. Anschließend nimmt Jan Habermann die zu Beginn des 13. Jahrhunderts äußerst komplexe politische Gemengelage in Ostfalen in den Blick, wobei er die untersuchte Region als „engmaschige Konfliktzone dauernden königlichen Interesses“ anspricht. Als Zugang zu einem tieferen Verständnis der dortigen Verhältnisse während des deutschen Thronstreits dienen ihm drei frühe Lehnsverzeichnisse, anhand derer nachvollzogen werden kann, dass mit der Vergabe bzw. Neuvergabe von Lehen und Ämtern eine adlige Gefolgschaft gleichsam zusammengestellt werden konnte. Grischa Vercamer spricht in Bezug auf die Mark Brandenburg auf Grundlage einer ausführlichen Untersuchung verschiedener Zeitabschnitte von einem pragmatischen Einsatz diverser Formen der Leihe, der Ämterbesetzung und der Verpfändungen durch die Landesherrschaft. Vercamer leitet aus seinen Ausführungen insgesamt 20 Ergebnisse ab und unterstreicht unter anderem die Nachweisbarkeit bürgerlicher Lehnsnehmer. In Dirk Schleinerts Ausführungen sind die Bürger – nämliche jene Stralsunds – dann sogar in den Mittelpunkt gerückt. Schleinert stellt die Stralsunder Stadtgeschichte im 14. und 15. Jahrhundert dar und xivführt weiter aus, inwieweit die Stadt und ihre Bürger überhaupt landesherrliche Besitzungen als Pfand oder als Lehngut innehaben konnten. Eine historische Gesamtschau der Entwicklung im Ordensland Preußen bietet Jürgen Sarnowsky, der – mit dem Fokus auf Amt und Lehen – den Bogen von den Anfängen mit der Kulmer Handfeste von 1232 bis zur Umgestaltung des Lehnswesens nach 1454 schlägt. Neben zahlreichen Urkunden erlauben die Amtsbücher des Ordens Aussagen zu den Lehnsnehmern sowie zu den Begrifflichkeiten, mit denen diese angesprochen wurden. Die der Sektion zugedachten Ausführungen von Christopher Folkens zu Ostfriesland, für das traditionell ebenfalls von einer Nichtexistenz des Lehnswesens ausgegangen wurde, sind aus organisatorischen Gründen nicht im vorliegenden Sammelband aufgenommen, sondern bereits 2024 im Jahrbuch für Regionalgeschichte erschienen.4
Die Beiträge der nächsten Sektion nehmen auf das Reich und den Süden Bezug. In seiner Untersuchung zur Pfandpolitik der römisch-deutschen Kaiser gibt Andreas Büttner neben vielen anderem den wichtigen Hinweis, dass sich die Überlieferungschance in Bezug auf unterschiedliche Aspekte wie Schenkung, Leihe oder auch Verpfändungen stark unterscheiden können. Verpfändungen dienten dabei ebenfalls dazu, den Pfandnehmer an sich zu binden, zumal die Verteidigung des Pfandes dann sogar noch in höherem Maße in dessen eigenem Interesse lag. In seinem ebenfalls auf das Geldwesen fokussierenden Beitrag konstatiert Marco Krätschmer die forschungsgeschichtlich bis hin zu Reynolds enge Verbindung der Vorstellung vom Rittertum mit dem Lehnswesen. Jedoch wurden ritterliche Dienste in hohem Maße gegen Geldzahlungen geleistet und mit Leiheverhältnissen kombiniert, um personale Verbindungen zu stabilisieren und Loyalität zu sichern. Jürgen Dendorfer untersucht anhand des Bistums Basel exemplarisch den Südwesten des Reiches und nutzt dabei die Bischofsurkunden des 11. bis 13. Jahrhunderts als Zugang. Anschließend bringt Sebastian Kalla, der seinerzeit keinen Vortrag in Kiel gehalten hat, aber als Verfasser des betreffenden Tagungsberichts bereits bei der Veranstaltung zugegen war, seine Untersuchung über die Verhältnisse im Bistum Bamberg in den Tagungsband mit ein. Die aufgrund der Vielfältigkeit verschiedener Untersuchungsräume, aber auch durch die unterschiedlichen Perspektiven auf das Lehnswesen überaus anspruchsvolle Aufgabe der Zusammenfassung hat wie bereits auf der Tagung dankenswerterweise Thomas Ertl übernommen.
Für alle am Lehnswesen und an sonstiger Lektüre zu diesem Thema Interessierten sei an dieser Stelle auf weitere aus dem DFG-Projekt hervorgegangene xvPublikationen, so in der Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte und in der Historisk Tidsskrift hingewiesen.5 Beim Historikertag in Leipzig, der unter dem Motto „Fragile Fakten“ stand, wurde zudem 2023 die von Oliver Auge und Frederic Zangel geleitete Sektion „Fragiles Lehnswesen – außer Lehen nichts gewesen? Das Lehnswesen zwischen historischer Realität, wissenschaftlichem Modell und Geschichtsunterricht“ ausgerichtet.6 Als weitere Referenten konnten Thomas Martin Buck und Simon Groth gewonnen werden. Die vier Vorträge wurden – wertvoll ergänzt durch Jürgen Dendorfer kritische Zusammenfassung – in einem Themenheft von „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“ publiziert.7
Den zahlreichen Menschen, die in ganz unterschiedlicher Weise zum Gelingen sowohl der Tagung als auch des daraus erwachsenen Sammelbandes beigetragen haben, sei ganz herzlich gedankt. Dies sind zuallererst die Vortragenden, die ihre Tagungsreferate für die Publikation umarbeiteten. Der Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Kiel, Dirk Westerkamp, sprach dankenswerterweise ein Grußwort, Sven Rabeler und Andreas Bihrer sei vielmals für Übernahme der Moderation gedankt. Großer Dank gilt ebenso den in die Organisation und Durchführung der Veranstaltung eingebundenen und den mit der Redaktion des Sammelbandes befassten Hilfskräften der Kieler Abteilung für Regionalgeschichte, namentlich Ricarda Junge, Klaas Krüger, Franziska Lehnart, Hannah Fischer, Alexander Lauterbach und Markus Kretschmer. Bedanken möchten wir uns auch bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Hermann Ehlers Akademie in Kiel, wo die Tagung stattfand. Für den Satz und die kompetente Betreuung der Drucklegung danken wir den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Verlags Peter Lang.
In das Geldwesen sind die Tagung und der vorliegende Band zu Lehen, Pfand und Amt auch insofern eingebunden, als dass mit der Durchführung bzw. mit der Drucklegung Kosten verbunden waren und sind. Ganz herzlicher Dank gebührt der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie der Burgenstiftung xviSchleswig-Holstein, namentlich Klaus Dygutsch, die beides großzügig finanziert und damit überhaupt erst ermöglicht haben. Gedankt sei nicht zuletzt allen Besucherinnen und Besuchern der Tagung sowie Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, für Ihr Interesse an einem für das Mittelalter – aber ebenso und vor allem für das heutige Verständnis von dieser bis in die Gegenwart hinein äußerst wirkmächtigen Epoche – so zentralen und wichtigen Themenfeld!
Lehen, Geld und Pfand im Mittelalter. Forschungsergebnisse und offene Fragen
Since the publication of Susan Reynolds’ work on feuds and vassals in 1994, the view that feudalism had been completely investigated and only minor corrections were necessary has changed in several stages. For German historical research, the two conference volumes edited by Spieß himself and by Jürgen Dendorfer and Roman Deutinger as well as the entry written by Oliver Auge in the second edition of the “Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte” should be mentioned here. Spieß first analyses the significance of money in the context of the “Lehnswesen” and then focuses more closely on the so-called mortgage loans and on the connection to the administrative system. He ends by formulating four open research questions.
Vor fünfzig Jahren erhielt ich am Rande meiner ersten wissenschaftlichen Tagung das für mich völlig überraschende Angebot von Adelbert Erler, einem der beiden Herausgeber des Handwörterbuchs zur deutschen Rechtsgeschichte, den Hauptartikel zum Lehnswesen1 und sämtliche einschlägigen Lemmata2 zu verfassen. Das war eine gewaltige Herausforderung für einen jungen Doktoranden, aber auch eine große Chance, den damaligen Forschungsstand für eine breitere Fachöffentlichkeit darzustellen.
Alles sah danach aus, als könnte ich mich nach dem Erscheinen des HRG-Bandes im Jahr 1978 zurücklehnen und allenfalls bei einer eventuellen Neuauflage des HRG etwas Literatur nachtragen. Diese Hoffnung war aber weit gefehlt: Mit der Publikation des Buches „Fiefs and Vassals. The Medieval Evidence Reinterpreted“ im Jahr 1994 sorgte Susan Reynolds3 für eine „nachhaltige Erschütterung der internationalen und damit auch der deutschen Mediävistik“, wie Oliver Auge es jüngst formuliert hat.4 Ich will und kann mich an dieser Stelle nicht mit den Schockwellen beschäftigen, die von Reynolds ausgelöst wurden. Es gab 2viele zustimmende, aber auch viele ablehnende oder zumindest differenzierende Reaktionen.5 Die deutsche Mediävistik sah sich herausgefordert und reagierte unter anderem mit zwei großen Tagungen auf die neue Situation. Jürgen Dendorfer und Roman Deutinger veranstalteten 2008 in München eine einschlägige Konferenz und gaben die Vorträge 2010 in dem Band „Das Lehnswesen im Hochmittelalter. Forschungskonstrukte – Quellenbefunde – Deutungsrelevanz“ heraus.6 Auch der Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte, der bereits 1956 eine Reichenau-Tagung zum mittelalterlichen Lehnswesen abgehalten hatte,7 sah sich zu einer Neubetrachtung des Phänomens veranlasst und beauftragte mich, eine entsprechende Tagung im Jahr 2011 zu organisieren. Der daraus hervorgegangene Band „Ausbildung und Verbreitung des Lehnswesens im Reich und in Italien im 12. und 13. Jahrhundert“ erschien 2013.8 Zuletzt sei auf den jüngsten Sammelband zu der Thematik aus dem Jahr 2020 verwiesen, der von Simon Groth unter dem Titel „Der geschichtliche Ort der historischen Forschung. Das 20. Jahrhundert, das Lehnswesen und der Feudalismus“ herausgegeben wurde.9 Besonders erwähnenswert ist in unserem Kontext der darin enthaltene Beitrag von Jörg Schwarz, der sich nicht zuletzt mit den zwei Reichenau-Tagungen zum Lehnswesen befasst.10
Oliver Auge, der auf der Reichenau-Tagung von 2011 die Zusammenfassung übernommen hatte,11 war dankenswerterweise auch bereit, für die anstehende Neuauflage des HRG an meiner Stelle den 2014 erschienenen Dachartikel „Lehnrecht und Lehnswesen“ zu verfassen und darin die Neuinterpretation des Lehnswesens seit meinem Versuch aus dem Jahr 1978 darzustellen.12 Auch ihm ergeht es wie mir, denn das Lehnswesen lässt ihn nicht los. Unter dem Titel „Lehnswesen revisited: Dänemark als regionaler Sonder- oder europäischer Normalfall“ hat er weitere Aufgaben und Perspektiven der Forschung formuliert, die letztendlich auch die 2023 abgehaltene Tagung sowie den nun vorliegenden Tagungsband bestimmen.13
3In seinem Anschreiben bat mich Oliver Auge um eine Keynote-Lecture zum Thema „Lehnswesen und Geldwesen“. In seiner gesamten Breite hätte das Thema auch die Kommerzialisierung der Lehnsbeziehungen durch die Einforderung von Geldzahlungen bei der Lehnserneuerung14 und für Vergünstigungen bei der Erbfolge15 oder die Ablösung von militärischen Lehnsdiensten durch Geldzahlungen beinhalten können.16 Frederic Zangel hatte mir jedoch im März 2022 vier Leitfragen übermittelt, die mich zu einer Konzentration auf Geld und Pfand als Lehnsobjekte und die Verbindung von Amt und Lehen bewogen.
Im ersten Teil meines Beitrages werde ich davon ausgehend ausführlich die Verquickung des Lehnswesens mit dem Geld behandeln. Im zweiten Teil geht es um das Phänomen der sogenannten Pfandlehen und schließlich soll die Vergabe von Verwaltungsämtern an Vasallen thematisiert werden.
Kommen wir zum ersten Teil und damit zur Frage, wieso das Geld bei einer Lehnsbeziehung überhaupt eine Rolle spielen sollte. Im Rahmen eines traditionellen Lehnsverhältnisses nahm ein Lehnsherr einen Adeligen nach Ableistung eines Treueides als Vasallen auf und übergab ihm als dingliche Grundlage für den zu leistenden Lehnsdienst ein Lehen, das in der Regel aus Grundbesitz nebst den daran haftenden Rechten und Einkünften bestand.17 Verliehen wurden aber auch Grafschaften, Vogteien, Burgen, Zehnten usw., sodass schon Georg Waitz zweifelte, ob man alles aufzählen könne, was als Lehnsobjekt vergeben wurde.18 Auf jeden Fall sollte das Lehen dauerhaft zur Sicherung des Lebensunterhalts des Vasallen beitragen, damit er abkömmlich für den Lehnsdienst war. Als Motive für das Eingehen einer solchen Bindung werden auf der Seite des Lehnsherrn die Integration des Adeligen und die Sicherung von Lehnsdiensten geltend gemacht, während der Vasall den Schutz des Lehnsherren und eine dingliche Gegenleistung in Form eines Lehens erwartete.19 Bei solchen traditionellen Lehnsverhältnissen, wie ich sie jetzt nennen möchte, spielte Geld überhaupt keine Rolle. Sie gab es tausendfach im gesamten Mittelalter.
Details
- Pages
- XVI, 452
- Publication Year
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631941652
- ISBN (ePUB)
- 9783631941669
- ISBN (Hardcover)
- 9783631941676
- DOI
- 10.3726/b23111
- Language
- German
- Publication date
- 2026 (June)
- Keywords
- Forschungsdebatte Eid Herrschaft Lehnswesen Vasallität Vasallen Lehen Lehnrecht Belehnung Dienst Gefolgschaft Lehnsmänner Lehnsfrauen Leihen Geldwesen Geld Pfand Verwaltungswesen Verwaltung Administration Vogtei Vogt Amt Amtmann
- Published
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. xvi, 452 S., 1 farb. Abb., 8 s/w Abb., 4 Tab.
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