Vom 24. – 27. Juni 2025 findet der 9. Bibliothekskongress / die 113. BiblioCon in Bremen statt. Unter dem Motto #BibliothekenEntschlossenDemokratisch kommen auch dieses Jahr wieder Fachvertreter:innen aus Bibliotheken, Wissenschaft und Politik zusammen, um aktuelle Entwicklungen in der Informations- und Wissensvermittlung zu diskutieren. Peter Lang ist als Aussteller vor Ort und präsentiert zentrale Angebote für den wissenschaftlichen Bibliotheksbestand im digitalen Bereich.
Speziell für die BiblioCon haben wir dazu wieder E-Book-Paket entwickelt und Titel für Sie ausgewählt. Schauen Sie jetzt unter dem folgenden Link erhalten Sie mehr Informationen:
Unsere Angebote zum 9. Bibliothekskongress 2025 / zur 113. BiblioCon
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📍Stand A19, Halle H5, Bremen
Lassen Sie sich in einem Gespräch zu unserem Modell beraten. Vereinbaren Sie einen persönlichen Termin auf dem 9. Bibliothekskongress 2025 / der 113. BiblioCon mit unserem Digital Sales Manager Samuel Syddall per E-Mail sales@peterlang.com.
Die Darstellung von Behinderung in der Literatur ist ein Spiegelbild gesellschaftlicher Haltungen, kultureller Diskurse und normativer Ordnungen. Literarische Werke von der Frühmoderne bis zur Gegenwart thematisieren Behinderung auf unterschiedliche Weise und reflektieren sowohl hegemoniale als auch marginalisierte Perspektiven. Die vorliegende Untersuchung mit dem Sammelband über Behinderung in der deutschsprachigen Literatur geht über die rein textliche Darstellung hinaus und beleuchtet, wie sich kulturelle Narrative rund um Behinderung über die Jahrhunderte hinweg gewandelt haben. Dabei stehen ästhetische und ideologische Aspekte im Mittelpunkt sowie auch Fragen der sozialen Verantwortung, der Partizipation und der Inklusion.
Die literarische Inszenierung von Behinderung
Literarische Figuren mit Behinderungen sind oft Projektionsflächen für gesellschaftliche Ängste, Hoffnungen und ethische Fragestellungen. In klassischen Werken wie den Erzählungen der Romantik oder den Dramen des Expressionismus dient Behinderung häufig als Symbol für eine innere oder gesellschaftliche Krise. So werden körperliche und geistige Einschränkungen in der Literatur vielfach metaphorisiert: Der blinde Seher in der Antike oder die deformierte Gestalt in der Romantik stehen beispielhaft für das Spannungsverhältnis zwischen Ästhetik, Wissen und Anderssein.
Im 20. und 21. Jahrhundert zeigt sich eine zunehmende Diversifizierung der Darstellungsweisen. Während im Nationalsozialismus Behinderung mit negativen Zuschreibungen verbunden wurde, kam es in der Nachkriegszeit zu einer schrittweisen Neubewertung. Die Literatur begann, sich mit den Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen auseinanderzusetzen und legte den Fokus verstärkt auf deren Lebensrealitäten sowie gesellschaftliche Herausforderungen. Zugleich werden in der zeitgenössischen Literatur verstärkt diverse Behinderungsnarrative sichtbar, die sich nicht nur auf Defizit- oder Mitleidskonstruktionen stützen, sondern Agency, Selbstermächtigung und soziale Gerechtigkeit betonen.
Zwischen Stigmatisierung, Selbstermächtigung und sozialer Verantwortung
Ein zentrales Anliegen dieser Untersuchung ist es, die Ambivalenz in der literarischen Darstellung von Behinderung herauszuarbeiten. Während viele Werke tradierte Klischees und Stigmata reproduzieren, gibt es ebenso zahlreiche Texte, die sich der Thematik differenziert und kritisch nähern.
Ein besonders interessanter Wandel zeigt sich in der modernen Literatur und den Disability Studies: Behinderung wird nicht länger als individuelles Schicksal oder medizinisches Problem betrachtet, sondern als sozial konstruiertes Konzept hinterfragt. Romane und Autobiografien von Betroffenen gewinnen zunehmend an Bedeutung, da sie den Fokus auf Selbstermächtigung, Agency und intersektionale Diskriminierung legen. Die Repräsentation von Behinderung rückt in diesem Kontext nicht nur die persönlichen Herausforderungen in den Mittelpunkt, sondern ebenso strukturelle Exklusionsmechanismen, die in Gesellschaft und Kultur wirksam sind.
Soziale Verantwortung spielt dabei eine essenzielle Rolle: Literarische Darstellungen können entweder Inklusionsprozesse fördern oder bestehende Ausschlüsse weiter verfestigen. Die kritische Reflexion über diese Mechanismen ist ein zentraler Bestandteil zeitgenössischer literaturwissenschaftlicher Analysen und gesellschaftspolitischer Debatten.
Gesellschaftliche Relevanz und gegenwärtige Diskurse
Die literaturwissenschaftliche Reflexion über Behinderung trägt ferner dazu bei, gesellschaftliche Vorurteile aufzubrechen, Inklusion zu fördern und soziale Verantwortung in unterschiedlichen Bereichen zu stärken. Literatur kann ein wichtiges Instrument sein, um Normen zu hinterfragen und neue Perspektiven auf Diversität, Teilhabe und Gerechtigkeit zu eröffnen. Gleichzeitig zeigt sich, dass trotz der Fortschritte in der Repräsentation von Behinderung in der Literatur noch viel Aufklärungsarbeit notwendig ist. Insbesondere in Literatur und Film bestehen weiterhin stereotype Darstellungen, die Menschen mit Behinderungen auf ihre Defizite reduzieren. Der Band über die Behinderung in der deutschsprachigen Literatur möchte daher nicht nur eine wissenschaftliche Analyse bieten, sondern auch Impulse für eine breitere gesellschaftliche Diskussion setzen.
Ein weiteres zentrales Thema ist die Verbindung zwischen Literatur und politischen Bewegungen für Inklusion und Barrierefreiheit. Während einige literarische Werke aktiv zur Bewusstseinsbildung beitragen, perpetuieren andere diskriminierende Narrative. Die Verantwortung von Autor:innen, Kritiker:innen und Leser:innen wird in diesem Kontext zunehmend betont, da Literatur nicht isoliert von gesellschaftlichen Machtstrukturen existiert.
Fazit
Die Auseinandersetzung mit Behinderung in der Literatur ist also mehr als eine rein akademische Übung – sie ist ein Beitrag zur kritischen Reflexion gesellschaftlicher Normen, Werte und Machtstrukturen. Die literarische Repräsentation von Behinderung beeinflusst maßgeblich gesellschaftliche Diskurse über Inklusion, soziale Verantwortung und Gerechtigkeit.
Die Relevanz dieses Themas reicht weit über den literaturwissenschaftlichen Bereich hinaus und berührt interdisziplinäre Felder wie die Disability Studies, die Kulturwissenschaften und die Sozialwissenschaften. Der fortlaufende Dialog zwischen Literatur und Gesellschaft kann dazu beitragen, tradierte Vorstellungen von Normalität und Abweichung zu hinterfragen und inklusive Narrative zu stärken.
Behinderung ist kein Randthema, sondern ein zentraler Bestandteil menschlicher Erfahrung – und die Literatur kann helfen, diese Erfahrung in ihrer Vielschichtigkeit sichtbar zu machen und kritisch zu reflektieren. Es liegt in der Verantwortung aller Beteiligten, die bestehenden Narrative kontinuierlich zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
Das Buch „Behinderung in der deutschsprachigen Literatur”, herausgegeben von Habib Tekin und Leyla Coşan können Sie hier bestellen.
Land der Frauen? Die „Übersetzung“ von Gewalt, Geschlecht und Sprache in Literatur
Dacia Maraini und Dagmar Reichardt im Autorinnengespräch auf der Frankfurter Buchmesse. Wir laden Sie ein am 18.10.2024, 14:30 bis 15:30 Uhr, am Peter Lang Group-Stand G48 in Halle 4.0.
Dacia Maraini ist die öffentlich nachhaltig engagierteste sowie bekannteste Schriftstellerin der zeitgenössischen italienischen Literatur. Zur Frankfurter Buchmesse findet am 18.10.2024 ein Gespräch zwischen ihr und der Wissenschaftlerin Dagmar Reichardt statt. Dabei dreht sich alles um zentrale Fragen der Übersetzung und Geschlechterthematik. Der Titel „Land der Frauen“ greift dabei den Namen der feministischen NGO Terre des Femmes auf und setzt ihn mit einem offenen Begriff von „Übersetzung“ in Beziehung. Die Diskussion basiert auf dem bald erscheinenden Werk Le tante traduzioni dell’opera di Dacia Maraini (dt.: „Die vielen Übersetzungen des Werks von Dacia Maraini“, 2024).
Im Zentrum des Gesprächs stehen zentrale Menschlichkeits- und Frauenthemen
Im Zentrum des Gesprächs stehen Themen wie Sexualität, die historische und aktuelle Gewalt gegen Frauen sowie der gegenwärtige Status der Geschlechterbeziehungen. Marainis umfassendes Werk befasst sich mit zentralen Menschlichkeits- und Frauenthemen. Diese werden in globalen Kontexten betrachtet. Dabei spielen ihre transkulturellen Erfahrungen und die Einflüsse ihrer Familie eine entscheidende Rolle. Ebenso beschäftigt sie sich mit sozialen Problemen wie Krieg, Gewalt, Kinderrechte und Femizid.
Ein besonderes Augenmerk wird auf die Frage gelegt, wie sich die Übersetzungskunst im digitalen Zeitalter weiterentwickelt. Hierbei werden moderne Technologien wie Künstliche Intelligenz und CAT (Computer-Assisted Translation) sowie Learning-Programme wie ChatGPT thematisiert. Ebenso wird die digitale Welt hinsichtlich ihrer patriarchalen Strukturen hinterfragt und die Auswirkung der digitalen Geschlechterkluft (digital gender gap) analysiert.
Weitere Themen sind die fortschreitende Hybridisierung der Geschlechtsdefinitionen, etwa in Patchworkfamilien oder bei homosexuellen Elternschaften. Auch die Frage, wie weibliche Interessen sprachlich und narrativ hervorgehoben werden können, wird diskutiert. Macht- und Unterordnungsfragen im gesellschaftlichen Kontext spielen dabei eine wesentliche Rolle. Es wird untersucht, wie Körperbilder (von Body Shaming zu Body Positivity) und Selbstfindungsprozesse hin zu homoerotischen und transsexuellen oder queeren Identitäten mit Marainis Werk sowie mit der europäischen und italienischen Literatur und Kultur in Wechselwirkung stehen.
Erhalten Sie hier mehr Informationen zum Event: https://connect.buchmesse.de/newfront/sessions/4526
Dacia Maraini – Ein Leben im Zeichen von Kunst und Engagement
Dacia Maraini wurde 1936 in Fiesole, Florenz, geboren. Ihre Mutter, Topazia Alliata,war Künstlerin und stammte aus einer sizilianischen Adelsfamilie. Ihr Vater, Fosco Maraini, war als Ethnologe und Anthropologe bekannt. Maraini verbrachte ihre Kindheit in Japan und Sizilien, bevor sie in Rom ihre erfolgreiche Karriere als Autorin begann. Mit über 120 veröffentlichten Werken – darunter 22 Romane und ebenso viele Theaterstücke – zählt sie zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der italienischen Literatur. Insbesondere ihr Engagement für Frauenrechte und ihre Gründung des ersten italienischen Frauentheaters, das Teatro della Maddalena in Rom, machen sie zu einer wichtigen Stimme in der zeitgenössischen italienischen Kultur.
Dagmar Reichardt – Übersetzerin und Wissenschaftlerin
Dagmar Reichardt, Professorin für Transkulturelle Studien an der Lettischen Kulturakademie in Riga, hat zahlreiche italienische Autor*innen ins Deutsche übersetzt, darunter Werke von Cesare Cases, Pier Paolo Pasolini und Dacia Maraini. Sie ist zudem Mitglied des Exil PEN und wurde für ihre wissenschaftlichen Arbeiten mehrfach ausgezeichnet. Reichardt gründete 2016 die Buchreihe Transcultural Studies – Interdisciplinary Literature and Humanities for Sustainable Societies (TSIL) und erhielt für ihre Übersetzungen und wissenschaftlichen Arbeiten mehrere Preise, darunter den Übersetzerpreis des italienischen Außenministeriums.
Land der Frauen? Die „Übersetzung“ von Gewalt, Geschlecht und Sprache in Literatur
Dacia Maraini und Dagmar Reichardt im Autorinnengespräch auf der Frankfurter Buchmesse. Wir laden Sie ein am 18.10.2024, 14:30 bis 15:30 Uhr, am Peter Lang Group-Stand G48 in Halle 4.0.
Dacia Maraini ist die öffentlich nachhaltig engagierteste sowie bekannteste Schriftstellerin der zeitgenössischen italienischen Literatur. Zur Frankfurter Buchmesse findet am 18.10.2024 ein Gespräch zwischen ihr und der Wissenschaftlerin Dagmar Reichardt statt. Dabei dreht sich alles um zentrale Fragen der Übersetzung und Geschlechterthematik. Der Titel „Land der Frauen“ greift dabei den Namen der feministischen NGO Terre des Femmes auf und setzt ihn mit einem offenen Begriff von „Übersetzung“ in Beziehung. Die Diskussion basiert auf dem bald erscheinenden Werk Le tante traduzioni dell’opera di Dacia Maraini (dt.: „Die vielen Übersetzungen des Werks von Dacia Maraini“, 2024).
Im Zentrum des Gesprächs stehen zentrale Menschlichkeits- und Frauenthemen
Im Zentrum des Gesprächs stehen Themen wie Sexualität, die historische und aktuelle Gewalt gegen Frauen sowie der gegenwärtige Status der Geschlechterbeziehungen. Marainis umfassendes Werk befasst sich mit zentralen Menschlichkeits- und Frauenthemen. Diese werden in globalen Kontexten betrachtet. Dabei spielen ihre transkulturellen Erfahrungen und die Einflüsse ihrer Familie eine entscheidende Rolle. Ebenso beschäftigt sie sich mit sozialen Problemen wie Krieg, Gewalt, Kinderrechte und Femizid.
Ein besonderes Augenmerk wird auf die Frage gelegt, wie sich die Übersetzungskunst im digitalen Zeitalter weiterentwickelt. Hierbei werden moderne Technologien wie Künstliche Intelligenz und CAT (Computer-Assisted Translation) sowie Learning-Programme wie ChatGPT thematisiert. Ebenso wird die digitale Welt hinsichtlich ihrer patriarchalen Strukturen hinterfragt und die Auswirkung der digitalen Geschlechterkluft (digital gender gap) analysiert.
Weitere Themen sind die fortschreitende Hybridisierung der Geschlechtsdefinitionen, etwa in Patchworkfamilien oder bei homosexuellen Elternschaften. Auch die Frage, wie weibliche Interessen sprachlich und narrativ hervorgehoben werden können, wird diskutiert. Macht- und Unterordnungsfragen im gesellschaftlichen Kontext spielen dabei eine wesentliche Rolle. Es wird untersucht, wie Körperbilder (von Body Shaming zu Body Positivity) und Selbstfindungsprozesse hin zu homoerotischen und transsexuellen oder queeren Identitäten mit Marainis Werk sowie mit der europäischen und italienischen Literatur und Kultur in Wechselwirkung stehen.
Erhalten Sie hier mehr Informationen zum Event: https://connect.buchmesse.de/newfront/sessions/4526
Dacia Maraini – Ein Leben im Zeichen von Kunst und Engagement
Dacia Maraini wurde 1936 in Fiesole, Florenz, geboren. Ihre Mutter, Topazia Alliata,war Künstlerin und stammte aus einer sizilianischen Adelsfamilie. Ihr Vater, Fosco Maraini, war als Ethnologe und Anthropologe bekannt. Maraini verbrachte ihre Kindheit in Japan und Sizilien, bevor sie in Rom ihre erfolgreiche Karriere als Autorin begann. Mit über 120 veröffentlichten Werken – darunter 22 Romane und ebenso viele Theaterstücke – zählt sie zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der italienischen Literatur. Insbesondere ihr Engagement für Frauenrechte und ihre Gründung des ersten italienischen Frauentheaters, das Teatro della Maddalena in Rom, machen sie zu einer wichtigen Stimme in der zeitgenössischen italienischen Kultur.
Dagmar Reichardt – Übersetzerin und Wissenschaftlerin
Dagmar Reichardt, Professorin für Transkulturelle Studien an der Lettischen Kulturakademie in Riga, hat zahlreiche italienische Autor*innen ins Deutsche übersetzt, darunter Werke von Cesare Cases, Pier Paolo Pasolini und Dacia Maraini. Sie ist zudem Mitglied des Exil PEN und wurde für ihre wissenschaftlichen Arbeiten mehrfach ausgezeichnet. Reichardt gründete 2016 die Buchreihe Transcultural Studies – Interdisciplinary Literature and Humanities for Sustainable Societies (TSIL) und erhielt für ihre Übersetzungen und wissenschaftlichen Arbeiten mehrere Preise, darunter den Übersetzerpreis des italienischen Außenministeriums.
In seiner Rezension auf KlimabildungSalzburg.org bespricht der Artikelautor Hans Holzinger Werner Mittelstaedts neuesten Titel „Transformation und Ambivalenz. Steht die Welt vor dem Kollaps? Kurskorrektur oder Klimakatastrophe Mit einem Vorwort von Ernst Ulrich von Weizsäcker“:
„Werner Mittelstaedt zählt zu den Vertretern einer kritischen Zukunftsforschung in der Tradition von Robert Jungk. In seinem aktuellen Buch „Transformation und Ambivalenz“ steht die Klimakrise im Fokus. Diese sieht er aktuell als größte Gefahr für die Menschheit, wie der Untertitel des Bandes „Kurskorrektur oder Klimakatastrophe“ anzeigt. Mittelstaedt widmet sich zunächst den beiden Begriffen des Buchtitels. Unter Transformationen seien die „vielen winzigen bis sehr großen Veränderungsschritte auf praktisch allen Ebenen menschlichen Handelns zu verstehen“ (S. 15). Ihre Realisierung impliziere einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel, der die Lebenswirklichkeiten der Menschen fast überall auf der Erde umgestalten werde. Der Autor spricht von einem „Epochenumbruch“ (S. 16), den nicht nur Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie, sondern „möglichst viele Menschen aus allen gesellschaftlichen Umfeldern“ (ebd.) zu gestalten hätten.
Was hat dies mit Ambivalenz zu tun? „Wir wollen etwas verändern, aber scheuen uns, dafür etwas zu tun oder zu unterlassen.“ (S. 18) Dies gelte, so Mittelstaedt, nicht nur für einzelne Menschen, sondern das Handeln ganzer Länder oder Staatengemeinschaften, die die Ambivalenz der Bürger und Bürgerinnen widerspiegeln, wie etwa die bislang 27 Klimakonferenzen der Vereinten Nationen seit 1995 zeigen würden: „Seitdem hat sich die Erwärmung beschleunigt und die Schäden in der Biosphäre und für die Menschen durch die Klimakrise werden Jahr für Jahr größer, weil praktisch nichts erreicht wurde.“ (S. 19) Wir seien gefangen im Fortschrittsversprechen und der Wachstumsgläubigkeit: „Durch das enorme Wirtschaftswachstum im noch jungen 21. Jahrhundert wurde das gesamte Erdsystem stärker als jemals zuvor im Anthropozän belastet.“ (S. 50) Mittelstaedt spricht hier von einem „drohenden Wachstumsdilemma“ (S. 73), denn das bestehende Wachstumsparadigma sei alles andere als nachhaltig, wenn das Wachstum aufgrund von zunehmenden Klimakatastrophen jedoch einbreche, drohten „soziale Unruhen und politische Krisen nie gekannten Ausmaßes“ (ebd.). Der Rechtsruck und die Proteste in Europa durch die Gas- und Energiekrise hätten einen kleinen Vorgeschmack darauf geliefert. Eine Megakrise wäre auch unter dem Einsatz klugen Handelns und allergrößter Disziplin der meisten Menschen nicht mehr zu lindern.
Im Zentrum der globalen Transformation steht die Umstellung der Energieversorgung. Auch hier habe der Krieg Putins gegen die Ukraine die Krisenhaftigkeit unseres Energiesystems deutlich gemacht, so Mittelstaedt. Flüssiggas (LNG) sei davor nur als Ergänzung, etwa für LKW-Treibstoff, verwendet worden. Im Zuge der Gas-Krise sei dieses aber zum Ersatz für russisches Gas geworden – mit problematischen ökologischen Folgen: „LNG aus den USA mit hohem Fracking-Anteil ist mehr als 6-mal und das aus Australien rund 7,5-mal klimaschädlicher als Pipeline-Gas aus Norwegen.“ (S. 93)
Mittelstaedt fordert ein neues „Aufstiegs-Narrativ“ (S. 134), das Klimaschutz in allen Bereichen und Berufen ins Zentrum stellt. Und er plädiert für ein neues „Fortschritts-Narrativ“ (S. 135). Dieses müsse vermitteln, dass gesellschaftlicher Fortschritt sich nur noch erzielen lasse, „wenn Menschen ein neues Verständnis im Umgang mit der Biosphäre und der Begrenztheit der Erde entwickeln und danach handeln“ (ebd.) Da kommt die „neue Aufklärung“ von Ernst U. v. Weizsäcker ins Spiel, der ein Vorwort zum Buch verfasst hat.
Einschätzung: Werner Mittelstaedt vermittelt die Dringlichkeit der Umsteuerung und zitiert zahlreiche Fakten, die diese untermauern. Seine Vorschläge zur Transformation sind pragmatisch und reformorientiert. Sie reichen vom Stopp der Flächenversiegelung über den Ersatz von Kunststoffen durch biobasierte Ersatzstoffe bis hin zu Tempolimits auf Straßen und auf den Weltmeeren sowie einer deutlichen Verteuerung des Flugverkehrs. Auch eine faire Verteilung des Wohlstands und die Begrenzung der Reichen mit ihrem gigantischen CO2-Fußabdruck wird angesprochen. Heftig kritisiert werden die neuen Militarisierungsschritte, die ökologisch desaströs seien und für die Transformation nötige Ressourcen verschlingen. Der Autor setzt auf strukturelle Veränderungen und damit auf eine Zähmung des Kapitalismus – die Systemfrage stellt das Buch so nicht. Deutlich wird, dass der Wandel auch unserer Denkmuster und kulturellen Bilder von Fortschritt notwendig ist, wie die 95 neuen Wertorientierungen und Handlungsmuster am Ende des Buches nochmals vor Augen führen. Ein Buch, das einmal mehr die Dringlichkeit der Umsteuerung aufzeigt.“
Der Artikel wurde am 01. März 2024 von Hans Holzinger auf klimabildungsalzburg.org unter dem folgenden Link veröffentlicht https://klimabildungsalzburg.org/2024/03/01/werner-mittelstaedt-transformation-und-ambivalenz/
Mehr Informationen zu „Transformation und Ambivalenz. Steht die Welt vor dem Kollaps? Kurskorrektur oder Klimakatastrophe Mit einem Vorwort von Ernst Ulrich von Weizsäcker“ von Werner Mittelstaedt erhalten Sie unter dem folgenden Link https://www.peterlang.com/document/1358981
Peter Lang and the Bavarian State Library as negotiators of all consortia in Germany have signed a contract for the use of digital content. Under the agreement, participating libraries have the opportunity to acquire licenses for more than 10,000 e-books as thematic packages, Pick & Choose packages or Evidence-based Acquisition (EBA) without having to conclude their own license agreements. The agreement is effective immediately until and including 30.4.2019. A new addition is the Slavistik Online collection, which Peter Lang acquired in 2017 from Biblion Media.
For more information, visit www.peterlang.com/librarysupport
Nachdem die Neuausgabe erst im Frühjahr dieses Jahres herausgekommen ist, entwickelte sich der Titel in kurzer Zeit zur TOP 4 der Publikationen der Bundeszentrale für Politische Bildung. Jetzt wurde bereits die zweite Auflage nachbestellt. Die Bundeszentrale für Politische Bildung (BPB) ist für Förderung der politischen Bildung in Deutschland zuständig. Ihrem Bildungsauftrag kommt sie unter anderem mit Tagungen, Ausstellungen und Publikationen zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen nach.
Das Staatenlexikon Afrika ist ein Grundlagenwerk für alle, die sich mit Afrika beschäftigen. Es bietet Hintergrundinformationen zur Geschichte und Gegenwart der unabhängigen afrikanischen Staatenwelt und zeigt in detaillierten Länderdarstellungen, welche Institutionen, Personen und Vorstellungen im Wechselspiel der Kräfte die Realität Afrikas prägen. Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft und Ethnologie an der Universität Jena. Wolfgang Gieler blickt auf zahlreiche Studien- und Forschungsaufenthalte in afrikanischen Staaten zurück und war mehrere Jahre im Bereich deutscher und internationaler Entwicklungszusammenarbeit tätig.
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